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Full text of "Neue Jahrbücher für Philologie und Paedogogik"

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Neue 



JÄHRBOCHER 



für 



Philologie und Paedagogik. 



Bekundet 



von 



M. Johann Christian Jahn. 



Gegenwärtig herausgegeben 



von 



Alfred Flecl^eisen »nd Hermann Masins 

Professor in Dresden Professor in Leipzig. 




DRli21U]¥DDRi:iSZl«i§(TC2R JAHRGAJV». 

Achlundachtzigslcr Daud. 



Leipzig 1863 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 



Neue 



JAHRBÜCHER 



für 



Philologie und Paedagogil(. 



Zweite Abteilung. 



Herausgegeben 



von 



Hermann Masius. 




Sk'E3IJ]VTC2R JJlHRGJlIV« 1963 

oder 

der Jahnschen Jahrbücher für Philologie und Paedagogik 

Achtundachtzigster Band. 



Leipzig 

Druck und Verlag von B. G. Teubner. 



Zweite Abteilung: 

ffir Gymnasialpädagogik nnd die Qbrigen Lehrfächer, 

mit Ausschlusz der classischen Philologie, 
kenisgegeliei tm Prafesstr Dr. HerMtii Masias. 



Die Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen 

Gelehrlenschulen. 



Akademische Antrittsrede, gehalten in Leipzig am 23. October 18(52 von 
Dr. H. Masiiis, Professor der Pädagogik und Didaktik. 



Ho chans eh nli che Versammlung! 

Eines der eigenthamlichstcii Schauspiele des ausgehenden Mittel- 
alters bietet jene Bewegung, welclie wir mit l)Cdeulungsvollem Namen 
die humanistische nennen. Geräusclilos und auf verhiiltnissmllssig engere 
Grenzen beschrHnkt, liat sie eine Erhebung der Geister vermittelt, 
welche an Ichenskrüfliger Nachwirkung sell)st die glanzende Epoche der 
Ki-euzzüge übertraf. Ihre Ursprünge mochten von der Geschichte wenig 
licachtet werden; aber sie erliielten Bedeutung, als die grossen florenti- 
nischen Dichter an dem Feuer der Alten das eigene entzündeten, bis 
emUich die Mitte des 15. Jahrhunderts sie zu ungeahnter Höhe erhob. 
Em allgemeine Hingebung kam den Griechen entgegen, welche die letz- 
ten Reste antiker Bildung nach Italien llüchleten, um dort auf altver- 
wandtem Boden zum zweiten Male ein neues Leben zu ])llanzen. Abge- 
wfilzt schien nun für immer der Druck scholastischer Satzung; man hörte 
und lernte wieder (he Sprache Homers; man entzückte sich wieder au 
griechischer Kunst und sah freudig erstaunt eine Well voll Herrlichkeit 
aus der Verschüttung emporsteigen. 

Wahrend so Italien im Reiz der neuenthüllten Schatze schwelgte, 
verharrte Deutschland antheillos. Der erste Mann, der eine Kunde des 
Alterthums über die Alpen brachte, Aeneas Sylvius, ist unerschöpflich 
in Klagen über die Rohheil der Nation. ^Nescit toga barbara versus' ruft 
er bitter tröstend dem Francesco d*Arco zu, als dessen poetische Ergüsse 
ungclescn in Kaiser Friedrich^s Bücherschrank verstaubten % und ein an- 



1) Vgl. G. Voigt, die Wiederbelebung des klassischen Alterthums. 
S. 378. 

N. Jahrb. f. PhU. a. Päd. 11. Abt. 1863. Hft. 1. 1 



4 Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 

lateinische Epigramme, hielt lateinische Reden, schrieb zierliche Episteln, 
und ein solcher Verkehr reichte aus , um unter den Fremdesten schwär- 
merische Freundschaft zu begründen. In der That streifen die Ausdrücke 
gegenseitiger Bewunderung und Huldigung oft genug an das Maasslose, 
ja sie lassen Alles hinter sich zurück, was in späterer Zeit ein über- 
schwenglicher Cultus des Genius sich gestattete : Heinr. Bebcl will den 
Beuchlin verehrt wissen ^ quasi aliquod numen a superis in hanc terram 
calamitcitum elapsum' und ähnlich schreibt Mutian von Erasmus : ^divinus 
est et venerandus religiöse, pie, tanquam numen'.^) Wo das den Lebenden 
geschah , was blieb da noch für die grossen Todten in Elysium ! Klingt 
es nun noch wunderbar, wenn Erasmus, der die paganitas der italieni- 
schen Ciceronianer offen bekämpfte, wenn eben dieser klare bedächtige 
Mann in seiner Entzückung sagt: ^multi sunt in consortio sanctorum, qui 

non sunt apud nos in catalogo vix mihi tempero quin dicam : Sancte 

Socrales ora pro nobis at ipse mihi saepenumero non tempero !' oder 

wenn der Reformator der Schweiz in seiner expositio chrislianae fidei'*) 
dem König Franz I. verheisst, er werde im Jenseits mit all den heiligen 
Männern des Glaubens zusammentreffen, und wenn er da neben Christus 
und den Propheten und Aposteln auch Herculem , Theseum , Socralem, 
Arislidem, Numam, Gamillum, Scipiones nennt? Zwar es ist ein Unter- 
schied zwischen Phrase und Gesinnung : doch fehlt es nicht an unläugbar 
naturalistischen Anklängen, welche zur Genüge beweisen, dass wirklich 
Einzelne jener Männer in Gefahr geriethen sich vom Christenthume ab- 
zulösen, und dass das Lateranconcil , welches 1512 den Unsterblichkeits- 
glauben in einer besonderen Sitzung proclamirte, nicht die italienischen 
Humanisten allein im Sinne haben durfte. Aber da trat in eben diesem 
Augenblicke die grosse Entscheidung ein, welche mit Einem Male alle 
edelsten Kräfte des Volkes auf das höchste Ziel hinausspannte: die Re- 
formation war auch eine tiefere Einigung und immerhin zugleich eine 
Reinigung der gährenden humanistischen Elemente. 

Wenn man sich bisher begnügt hatte, gleichsam im tumultuarischen 
Einzelgefecht diese oder jene Seite des hierarchischen Gebäudes anzu- 
greifen, wenn die kecken Poeten vor Allem ihren Witz an den traurigen 
Gestalten der Dunkelmänner übten und auch die Ernsteren unter den Hu- 
manisten doch nur von der Erneuerung der Wissenschaften eine Erneue- 
rnug der Kirche erwarten mochten : so erhub in Luther plötzlich das ein- 
geborene protestantische Gewissen des deutschen Volkes seine Stimme. 
Nicht auf der gelehrten Arena der Disputation — er hatte das befreiende 
Wort vom Glauben in einsamer Zelle und unter allen Qualen des Zweifels 



3) Vgl. Strauss, Ulrich von Hütten I. S. 189. Anm. 2. 

4) Vgl Ranmer, Gesch. d. Pädag. I. S. 97. Anm. 1. und Zuinglii 
opp. ed. Schaler et Schalthess IV, 65. Man erinnere sich ferner gewisser 
anderer Aassprüche des bereits erwähnten Matian, in dem religiöser 
Tiefsinn, Freigeisterei and kirchlich fromme Gewöhnung in schwanken- 
dem Gemisch bei einander lagen. Vgl. Straass, Ulr. v^ Hatten, I. 45 f. 
K. Hagen, Deutschlands litterärisehe und religiöse Vernältnisse, I. 323 f. 
Kampschalte, die Universität Erfurt , I. 84 f. 



Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 5 

gefunden; aber, da er es gefunden, ruft er es hinaus mit der Gewalt 
eines Propheten und giebt dem Kampfe Loosung und Weihe. Wie hätten 
nun die Humanisten nicht zuerst sich ihm anschliessen sollen? Es er- 
kennend, dass der Wittenberger Augustiner nicht ein blosser Bundes- 
genosse , dass er Haupt und Herz der grossen Zeitenwende sei , wechsel- 
ten sie die gewohnten Waffen und * stiegen statt des Cicero die Bibel in 
der Hand auf den Wahlplatz.'*) 

So war denn der deutsche Humanismus in die weitere grössere 
Bahn gelenkt ; er ist fortan Eins mit der Reformation. 

Auch unsere Betrachtung wird dies festzuhalten haben, doch wird 
sie zugleich daran erinnern dürfen, dass die beiden grossen Männer, 
welche nun an der Spitze der neuen Schule sowohl als der neuen Kirche 
erscheinen, auch auf dem Grebiete der ersteren einander aufs Bedeut- 
samste ergänzen. Es ist bekannt, dass der humanistische Melanchthon 
den Protestantismus gleichsam wissenschaftlich orientirte, während Lu- 
ther in der Mitte der persönlichen Ueberzeugung kraft des Glaubens Stel- 
lung nahm; diesem Verhältniss entsprach es, wenn nun der Eine vor- 
wiegend auf Gelehrtenschulen hinwies und für sie wirkte, der Andere 
dagegen mit gleicher Entschiedenheit auf Begründung und Verbesserung 
der Volksschulen drang. Denn durchaus volksthümlich , deutsch in Sinn 
und Rede, wie kein Zweiter, und ebendeshalb auch in innerster Seele 
religiös, griff Luther in*s volle Leben der Nation, dort Grund und Boden 
zu schaffen für den Bestand seines Werks. Darum sind deutsche Schulen 
seine erste Sorge gewesen. Aber seine Natur und sein Werk, beide wa- 
ren zu gross angelegt, um der Pflege eines gelehrten Wissens entrathen 
zu wollen, und die Behauptung, die noch unlängst von Rom her gehört 
ward, dass Luther durch sein rohes Anstürmen gegen die lateinische 
Sprache die Unwissenschaftlichkeit der nachfolgenden Zeiten verschuldet 
habe, kann im günstigsten Falle nur für eine oratorische Licenz gelten. 
^Niemand hat gewusst', schreibt der Reformator an die Bürgermeister 
und Ralhsherren, ^ warum Gott die Sprachen liess hervorkommen, bis 
dass man nun allererst siebet , dass es um des Evangclii willen geschehen 
ist ... . Die Sprachen sind die Scheide, darinnen dies Messer des Geistes 
stecket, sie sind der Schrein, darinnen man dies Kleinod traget .... 
Darum, liebe Deutsche, kaufet denn, dieweil der Markt vor der Thüre ist; 
sammlet ein, weil es scheinet und gut Wetter ist. Denn das sollt ihr 
wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht 
wieder kommt, wo er einmal gewesen ist.' Mit dieser Beredsamkeit der 
Ueberzeugung und der Liebe wirbt er dann unermüdlich für Anlegung von 
Libereien und Bücherhäusern , preist er des Lehramts Würde und Heilig- 
keit , empfiehlt er den Geistlichen , dass sie sich vor Allem in der Arbeit 
der Schule ertüchtigen sollen, in demselben Sinne endlich machte er 
den unter dem Namen der Visitationsartikel bekannten Schulplan Melanch- 
thons zu dem seinigen. Und wie hätte er auch nicht? Denn darin zuerst 
und von vorn herein stimmt der treue Genosse mit Luther, dass er in 



5) C. A. Cornelias, Gesch. des Münsterschen Aufruhrs I. 45. 



6 Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 

den Studien das Mittel sieht, um den in der Schrift verborgenen Schatz 
zu heben, und die Wiedererweckung der Sprachen erscheint auch ihm 
als ein Wunder des heiligen Geistes. Aber nicht minder gleicht ihm Me- 
lanchthon in seinem Eifer für Erziehung und Gesittung der Jugend. Da 
ist keine Tugend des Fleisses und der Wahrhaftigkeit, der Ehrfurcht und 
der Bescheidenheit, des Gehorsams und der Eintracht, die er nicht immer 
und immer wieder einschärfte. Und mag man hierin schon den grossen 
Lehrer Deutschlands erkennen , so vollendeten ihn doch erst jene unver- 
gleichlichen Gaben, die Keiner bereitwilliger als Luther gerühmt hat: 
die Universalität seines Wissens, die Schärfe und Feinheit seines Urtheils, 
der klare FIuss seines Vortrags in Rede und Schrift, dabei in Allem die 
Milde und Wärme — mit Einem Worte die durch den christlichen Geist 
verklärte Humanität seines ganzen Wesens. 

Ich will weder erMhlen, wie der 21jährige Jüngling sogleich bei 
seinem Auftreten in Wittenberg®) die Grundsätze eines wahrhaft wissen- 
schaftlichen Studiums feststellte, noch das bereits erwähnte Visitations- 
büchlcin — ohnehin ein blosser Entwurf — in seinen einzelnen Sätzen 
besprechen. Nur der hauptsächlichsten Lehrbücher Melanchthons möge 
gedacht werden, da dieselben in ihrer Weise kaum weniger epoche- 
machend waren als Luthers Katechismen. Freilich die halbbarbarische 
Vorbildung, welche in Kloster- und Stiftsschulen aus dem ^Doctrinale' 
und der * glossa notabilis ' ^) geschöpft wurde, war schon in Missachtung 
gerathen, und Männer wie Simler und Brassicanus hatten neue Wege 
versucht. Aber gefunden hat das Richtige erst Melanchthon. Er brachte 
Gründlichkeit in die Halb wisserei , vor Allem Einfachheit und Ordnung 
in die wüsten Massen; weise nur das Wesentliche festhaltend und alle 
Spitzfindigkeiten ausscheidend gab er wirkliche Schulbücher, und wenn 
dennoch auch in ihnen Einzelnes begegnet, was uns überflüssig erscheint, 
so werden wir zu erwägen haben , dass in jener Zeit die Schüler nicht 
immer nur Knaben und angehende Jünglinge waren. Solche Vorzüge 
konnten nicht anders als dem Einflüsse Melanchthons die weiteste Ver- 
breitung, selbst über Deutschlands Grenzen hinaus, verschaffen. Was that 
es, dass man in Freiburg seine Rhetorik verpönte, in Padua die lateini- 
sche Grammatik als Ketzerwerk verbrannte? Die Bücher wurden dennoch 
gebraucht, und die letztere vollends erhielt ein fast kanonisches Ansehen, 
so dass sie bis in*s vorige Jahrhundert die Schulen beherrschte. Und nun 
nehme man des seltenen Mannes Liebe zu Hörern und Schülern, unter 
denen er sich glücklich fühlte wie ein Vater. Man gedenke des herzer- 
quickenden Verkehrs mit seiner schola privata ; man erinnere sich , dass 
fast aus allen Ländern Europas eine begeisterte Jugend sich zu seinen 
Füssen versammelte, in einzelnen seiner Vorlesungen zuweilen gegen 
Zweitausend bei einander sassen und standen. Aber auch Fürsten und 



6) In der berühmten Rede de corrigendis adolescentiae studiis , die 
er vier Tage nach seiner Anknnft , am 29. Aug. 1518 hielt. 

7) Oder wie Herrn, v. d. Busche in seiner zwanglosen Weise sagt: 
quam rectius malte cacabilem quis dizerit. 



EinwirkuDgen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 7 

Städte ' haben seinen Rath wie ein Orakel begehrt , und auch da ist er 
bereit: er gründet ihnen Schulen, entwirft Pläne, empfiehlt Lehrer, 
selbst das mühselige Geschäft der Revisionen verweigert er nicht In der 
That überall leuchtet sein Name, und trunken von grossen Idealen 
mochte Hütten sich selig preisen, in einem solchen Jahrhundert zu leben. 

Wir stehen auf dem Höhepunkt der humanistischen Periode. Eine 
glänzende Rlüte hat sich entwickelt; aber sie ist allzuschnell hervorge- 
trieben , um dauernde Frucht zu bringen , und noch fehlt der Pflanzung 
im ^schlüpfrigen' Boden die Wurzel. Schon die Schwärmer von Zwickau 
mit Karlstadt an der Spitze hatten Verachtung der Wissenschaft und 
Rückkehr zur nackten Natürlichkeit gepredigt.^) Was dann der Sturm des 
Bauernkrieges nicht brach, verkümmerte unter den Zerwürfnissen im 
Innern der Kirche, bis ein rasch wiedererstandener Scholastizismus 
auch die letzte freie Regung in Fesseln schlug. Das war die Zeit, welche 
Erasnaus geahnt hatte, da er 1525 schrieb: 'quantum augurari licet, 
videntur omnia ad Scythicam barbariem tendere.' ') Oder wer den zweifel- 
haften Zeugen nicht mag, der höre die Reformatoren selbst. * Einst, ruft 
der alternde Melanchthon mit schmerzlichem Erinnern, einst erfüllten die 
aus der Verbannung zurückgekehrten Wissenschaften alle Geister, aber 
jetzt ist die Flamme verlöscht, die Gelehrsamkeit wird verachtet, die 
Jugend verkommt in Trägheit und Eitelkeit; man gefallt sich nur in 
müssigem endlosem Streiten.'^") Und Luther gar wusste im Angesicht des 
Todes für seine Familie nichts Besseres zu wünschen, als dass sie ihm 
bald nachfolge: denn in Deutschland sei für wackere Menschen und 
ordentliche Studien fernerhin kein Raum. ") 

Auf die Schulen konnte der Rückschlag weder sofort , noch in so 
greifbarer Weise erfolgen. Aber erfolgt ist er, und wir müssen seine 
Einwirkung vor Allem in der immer sichtlicher hervortretenden Allein- 
herrschaft des Lateinischen und in der geistlosen Behandlung desselben 
erkennen. — Es mag nicht unbemerkt bleiben, dass man wohl die Refor- 
matoren selbst hat hierfür verantwortlich machen wollen. Luther vor- 



8) In Wittenberg hatte Rector Mohr (More) aus der Schale eine 
Bäckerei gemacht, denn — sollte Karlstadt gesagt haben — ein Hand- 
werk sei besser als stndiren, und ein wahrer Christenmensch müsse wie 
Adam die Erde graben. Wie dieser merkwürdige Agitator selbst aber 
'anno 1524 sich eine meil von Wittenberg zu Kemberg häusslich nieder- 
gelassen, ein klipkrämer worden, gebrannten wein , pfefferkuehen , Spie- 
gel, nessel u. dgl. zn kauff gehabt, zu Zeiten holtz aus dem walde ge- 
bolet und gen Wittenberg zu marckt geführet, in einem groben bauren- 
rock einbergegangen , umgürtet mit einer alten rostigen Wehr, in einer 
zerrissenen löcherichten scheiden , und einem groben bauren-filtz auff dem 
baupt . . . ' dieses und anderes berichtet G. Arnold , unpart. Kirchen- 
Kirchen- und Ketzerhistorie II. 239. 

9) Vgl. Strauss , Ulr. v. Hütten II. 258. Anm. 1 und dazu das bittre 
'ubicunque Lutheranismus regnat, ibi litterarum est interitus.' Eras- 
muB freilich hielt für höchste Weisheit und Aufgabe des Lebens to nagov 
{V tid'ivaiy dXXa tö dK^vrjtov firj %ivBtv. 

10) Corp. Reform., XII. 240. 

11) Corp. Reform., IV. 881. 



8 Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 

nehmlich hahe überall und nur den Dienst der Kirche vor Augen gehabt, 
und Melanchthon, obwohl des Deutschen in nicht geringem Grade mäch- 
tig, habe nie ein deutsches Buch geschrieben, selbst die Leichenrede auf 
Luther sei lateinisch verfasst. Aber jene Ankläger scheinen zu ver- 
gessen, dass Luther die Bibel übersetzt und die deutsche Predigt und 
das deutsche Kirchenlied geschaffen, Melanchthon aber — wer hat wie 
er immer von Neuem das Horazische ^Graeca amplexamini' wiederholt? 
wer wie er bei jeder Gelegenheit Arithmetik und Geometrie, Geschichte 
und Astronomie gepriesen und dringend so Universitäten als Schulen em- 
pfohlen? Nein, Luther wollle keinen Rückgang, und Melanchthon konnte 
ihn nicht wollen; was ihn verschuldete, haben wir schon angedeutet. 
Vor vielem Anderen aber war es die ^ rabies theologorum % über die Me- 
lanchthon so bitter klagte und die in der That kein anderes Gebet zu 
kennen schien als das ^ Domine imple me odio haereticorum '. 

Inzwischen fordert die Wahrheit einzuräumen , dass allerdings be- 
reits unter den Augen und an einem Schüler des Reformators die oben 
bezeichnete Einseitigkeit des Unterrichts hervortritt. Ich meine den Schle- 
sier Trotzendorf. Die wahrhaft christliche Frömmigkeit seines Sinnes ist 
zu allen Zeiten anerkannt worden; auch wollte er ausdrücklich nicht 
bloss der Wissenschaft Gelehrte, sondern dem Staate Bürger und dem 
Leben Männer bilden. Dennoch ist er es, mit dem der Götzendienst des 
Lateinischen beginnt, der dann in dem Strassburger J. Sturm die Spitze 
erreicht. Von Goldberg, der Schule Trotzendorfs , hiess es in einem 
gleichzeitigen Epitaphium, man habe glauben sollen, sie liege im 
Lateinerland, selbst Knechte und Mägde redeten dort Latein*^); Sturm 
aber in Strassburg sprach wohl ganz unverhohlen aus, dass er den gros- 
sen Alten nicht mehr bloss nachstrebe , sondern sie erreicht habe. Auf 
die Frage, wie ein solcher Ruhm gewonnen worden, geben die Lections- 
pläne Antwort. Nach Trotzendorf sollte der Knabe mit dem 9., nach 
Sturm mit dem 7. Jahre zur Schule kommen, um durch sechs, bezie- 
hungsweise neun Grade zu den Mysterien der ^elegantiae romanae' ge- 
führt zu werden. Er lernt am Donatus das Lesen und Schreiben, er lernt 
die ihn zunächst umgebenden Dinge mit lateinischen Namen nennen , er 
prägt sich, wenn auch vorläufig ohne Regel, die Declination und Gonju- 
gation ein , zugleich aber einen Vorrath von Redensarten für den Tages- 
gebrauch: denn überall, in der Lection und beim Spiel, in Gegenwart 
der Lehrer oder unter Seinesgleichen tönt dem jungen Zögling die 
Sprache Latiums entgegen : Sie ist die einzig erlaubte. Galt es schon 
bei Trotzendorf für eine Schande , deutsch zu reden , und konnte un- 



12) Löschke, Valent. Trotzendorf nach seinem Leben und Wirken, 
S. 45: 

Atque ita Romanam linguam transfudit in omnes, 

Turpe nt haberetnr Teutonico ore loqui. 
Audisses famulos famulasque Latina sonare; 
Goldbergam in Latio crederes esse sitam. 
Andere Ehrennamen der Stadt und Schule: ndarig ^^^^^(^9 nctidsv- 
OLSy Schlesiens Schlesien u. s. f. Ebenda, S. 63. 



£inwiriLungen des Humanismus auf die deutscheu Gelehrtenschulen. 9 

ter Umständen eine gut stilisirte Vertheidigung die Strafe des beschul- 
digten Schülers mildern , eine ungeschickte dagegen sie wohl noch erhö- 
hen ^^): so war bei Sturm das Lateinsprechen geradezu Grundgesetz. Das 
Deutsche ist ihm nur ein wilder Stamm , der früh und mit der Wurzel 
ausgerottet werden müsse. ^Sermones juventutis', heisst es in den Strass- 
burger Schulgesetzen, Hatinos esse volumus , omnium , etiam eorum, qui 
in extremis latent classibus .... haec consuetudo custodienda severitate 
et castigatione'.**) Und was war die Frucht dieser Mühen und Künste? 
Allerdings eine unläugbare Fertigkeit, insbesondere im rednerischen 
Ausdruck. Denn von der achten Klasse hinauf bis zur ersten w^ar Cicero 
der typische Autor, und in den schriftlichen Aufsätzen wenigstens ward 
keine Wendung, kein Wort geduldet, sobald nicht ein Beispiel desselben 
dafür aufgezeigt werdenr konnte. Dass auch die lateinischen Komödien 
gelesen, gelernt und selbst aufgeführt wurden, kam mehr der gewöhn- 
lichen Umgangssprache zu Gute, während eine spärliche Leetüre des 
Demosthenes und Lucian auch ihrerseits den einen und den anderen 
Zweck fördern sollte. Wie gesagt : es waren redefertige Latinisten , die 
auf solche Weise gebildet wurden. Sie nannten sich Giceronianer ; Eras- 
mus aber hatte sie ^ sturni ac psittaci ' geheissen. Und wer möchte auch 
glauben, dass ein solches lediglich der Phraseologie gewidmetes Studium 
in Sinn und Geist der Alten eingeführt oder zu einem wissenschaftlichen 
Verständniss der Sprache gedient habe ? Und fragt man nun w^eiter nach 
Geschichte und Geographie, nach Mathematik und Naturkunde, nach 
neueren Sprachen — man erschrickt sie nirgends auch nur erwähnt zu 
finden. 

Wir haben in kurzen Zügen den Charakter der Sturm'schen Schule 
gezeichnet. Ihr Ruf überflügelte noch den von Goldberg, und ihr Stifter 
ward gepriesen und befragt wie ein zweiter Melanchthon. Daher erwuch- 
sen denn auf seinen Grundsätzen nicht bloss die alsbald erschienenen 
Schulordnungen der evangelischen Länder, sondern selbst die Jesuiten 
eigneten sich seine Methode an , ohne dass freilich irgendwo das persön- 
liche Gewicht, welches Sturm und Trotzendorf üb t€n , ausgleichend hin- 
zugekommen wäre. Denn in diesen Männern lag doch bei allen Ver- 
irrungen eine gehiale Macht, sie waren doch grosse Erzieher, und das 
Alterthum hatte in ihnen selbst zu leibhaftes Leben gewonnen , als dass 
nicht noch immer Etwas von der Idealität desselben auch in ihre Lehr- 
weise und auf ihre nächsten Schüler übergegangen wäre. Sturm hatte 
ausdrücklich eine ^sapiens et eloquens pietas' als Endzweck der Bildung 
hingestellt.^^) Aber in den Gymnasien des 17. Jahrhunderts beginnt auch 



13) Löschke, S. 36. 46. Köhler, Progr. des königl. und städt. 
Gymnasiums zu Liegnitz S. 14. 

14) In Trotzendorf s Schulgesetzen hiess es: vernacula lingua uti 
ne audiuntor, sed sermonem latinum cum praeoeptoribus , vel aequali- 
bus vel aliis doctis loquentes, habento. Vgl. Raumer, Gesch. d. Päd. 
L 218. 

15) Und Trotzendorf meinte, wer den Religionsunterricht (catechesis) 
aus der Schule verbannen oder ihm eine untergeordnete Stellung geben 



1 . Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 

das zu verschwinden. Von jener, der Wissenschaft, ist nichts geblieben, 
als eine ausgehöhlte Phrase. Dank dem Verdienst einzelner Schulmänner, 
wenn nicht auch diese , die * pietas ', tiberall ein leerer Schall gewor- 
den war. 

Sprechen wir es denn aus: die Reformation, die alles Edle und 
Hohe in der Nation geweckt, ist gewaltsam abgebrochen, und der Huma- 
nismus, aufgegangen in ihrem Wesen, theilt auch ihr Schicksal, um nach 
Anfängen voll Freiheit und Grösse unterzugehen in Beschränkung und 
Barbarei. 

Allein es hiesse gering denken von der Gewalt der einmal ins Leben 
gesenkten Ideen und von dem Geiste unseres Volkes, wollte man meinen, 
dass der Druck, welcher nun fast anderthalb Jahrhunderte hindurch auf 
deutscher Bildung und selbst auf deutscher Sprache lastete , stumpf und 
gleichgültig wäre getragen worden. Grosse Bewegungen mögen die 
Kraft überspannen, aber nicht brechen, und die . Abspannung , welche 
ihnen folgt, ist zuletzt doch nur eine Sammlung und Vertiefung zu 
neuem, kräftigerem Streben. So werden denn schon unter dem WalTen- 
lärm des 30jährigen Krieges (und bedeutsam genug an eben der Stelle, 
welche die erste deutsche Sprachgesellschaft vereinigte) Stimmen laut 
wider den lateinischen Formalismus der Schulen. Noch beachten swerther 
aber ist die Gegenbewegung, welche am Ausgange des 17. Jahrhunderts 
der Pietismus bewirkte; sie hat wenigstens einige Hülfe gegen die 
drückende Oberherrschaft des Lateins gebracht, während sie im Allgemei- 
nen freilich auf dem Gebiete des Unterrichts mehr eine realistische, als 
eine rein humanistische war. 

Eine solche erfolgte erst da, als die vielberufene Aufklärungs- 
periode die Gedanken der Reformation mit vollem Bewusstsein wieder 
ergriff. Erst von dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts haben wir 
ein zweites Wiederaufleben des klassischen Alterthums zu datiren; aber 
diese zweite Epoche, des Humanismus ist nun zugleich eine' selbständi- 
gere, glänzendere, fruchtbarere. Eine selbständigere, sofern das Stu- 
dium der Alten nun nicht mehr im alleinigen Dienste der Kirche steht, 
sondern zu freier autonomer Wissenschaft sich entwickelt; eine glänzen- 
dere, indem neben der Litteratur und Sprache auch die Kunst des Alter- 
thums erschlossen wird und somit dessen volle Schönheit und Grösse 
gleichsam in sinnliche Nähe tritt. Diese Epoche ist endlich eine frucht- 
barere, da statt der lateinischen Poesieen, an welche im 16. Jahrhunderte 
der Lorbeer verliehen ward, nun eine deutsch-klassische Dichtung, eine 
neue deutsche Litteratur ersteht, die Alles sich zu eigen macht, was hel- 
lenische Grazie und römische Kraft, was die Weisheit des Orients und 
der heitere Sinn Wälschlands geschaffen. 



wolle, der reisse die Sonne vom Himmel, den Frühling aus dem Jahre. 
Der Religionsunterricht gehöre zum Charakter der Schule. Nehmt mir 
den Religionsunterricht — und ich habe meine fürstliche Entlassung. 
(Si catechesis mihi adimitnr, habeo missionem anlicam). Vgl. Löschke 
S. 51. 



EiawirkuDgen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 1 1 

Und fast spricht es wie ein Zug der Wahlverwandtschaft an , dass 
auch dieses Zeitalter der Humanität ebenda anhebt, wo einst die edelste Blüte 
derselben gestanden. Denn aus Sachsen gingen die Ahnherren der neuen 
Wissenschaft hervor, und nach Sachsen weisen uns vor allen die beiden 
Choragen unserer Litteratur und Kunst : Lessing und Winckelmann. 

Aber je lebendiger nun die Wechselbeziehungen beider — der 
Schule und des Lebens, der Wissenschaft und der Kunst — sich in ein- 
ander verflechten , um so weniger wird es möglich , Antheil und Bedeu- 
tnng jeder einzelnen zu sondern. Ueberhaupt scheint die grosse moderne 
Entwick^lung nicht mehr in demselben Maasse an einzelne Punkte und 
Namen geknüpft, sondern sie ergreift in tiefen breiten Schwingungen den 
Strom 'des gesamten Geisteslebens, so dass eben deshalb auch die Frage 
nach der Einwirkung des Humanismus auf die Schule sich nicht mehr 
mit derjenigen Bestimmtheit beantworten lassen wird, welche in der 
ersten Periode sich wie von selbst ergab. 

Vergegenwärtigen wir uns denn noch einmal in Kürze die bisherige 
Verfassung der Gymnasien. Rabener lässt in einer seiner Satiren den 
Jrenaeus Mastigophorus davon erzählen. * Lateinisch, Griechisch, He- 
bräisch, dieses — bekennt der Held — sind die Wissenschaften , worauf 
ich mich mit einem unersättlichen Fleisse und mit Ausschliessung aller 
übrigen gelegt habe. Die lateinische Sprache kam mir so einnehmend 
vor, dass ich mich schäme ein geborener Deutscher zu sein. In der grie- 
chischen Sprache fand ich etwas, von dem ich viel zu wenig sage, wenn 
ich spreche, dass es reizend und entzückend war. Ich bin gewiss ver- 
sichert , ein Frauenzimmer würde bei einer griechischen Liebeserklärung 
nimmermehr unempfindlich bleiben können. Dass ich Hebräisch ohne 
Punkte verstehe, ist das Wenigste, dessen ich mich rühmen kann. Mei- 
ner Abschiedsrede dagegen vermag ich mich nicht ohne einige Selbstliebe 
zu erinnern. Ich handelte von den Rauchfängen der alten Griechen und 
insonderheit der Lacedämonier. In welcher Sprache ich dieselbe eigentr 
lieh gehalten habe , solches kann ich Ihnen nicht sagen. Wenn ich Ihre 
Ohren nicht beleidigte, so würde ich sie Ebraico-Graeco-Latinam nennen; 
sie war ein Meislerstück, dem ich ohne Zweifel mein vortreffliches Schul- 
zeugniss verdanke. * Man wird der Zeichnung des rücksichtsvollen Sati- 
rikers schwerlich einen Vorwurf machen können , wenn nicht etwa den, 
dass sie die Schulen noch immer in einem zu vortheilhaften Lichte er- 
scheinen lässt. Wenigstens lauten die Mittheilungen des Mannes ent- 
schieden ungünstiger, der eben jetzt als Reformator gegen den unerhör- 
ten Pedantismus auftrat. Es war Job. Mtth. Gesner, der gefeierte Rector 
der Thomasschule. Geboren zum Lehrer und Erzieher, schrieb er schon 
als 24jähriger Jüngling seine ^instituliones rei scholasticae', und sprach in 
ihnen »uerst den Gedanken aus, dass die Alten studiren noch etwas weit 
Anderes besage als die Kunst mit leeren Schalen zu klappern. Nicht das 
Wort, sondern die Sache, nicht das Chaos der Einzelnheiten, sondern die 
lebendige Aneignung des Ganzen sei Ziel und Wesen des Studiums ; nur 
wer durch die Form hindurchdringe zu dem Gedanken, werde endlich die 
vollendete Harmonie klassischer Darstellung begreifen. So anziehend es 



12 Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 

wäre den verwandten Entwickelungen der Gesnerschen ^isagoge' nacli- 
zugehen, müssen wir darauf verzichten, um sofort als die erste Folge 
dieser völlig veränderten Anschauung hervorzuheben, dass Gesner den 
Klassikern ihre alte Ehre in den Schulen wiedergab. Denn aus ihnen 
hatte sie längst ein kurzsichtiger Eifer verbannt , dem es genug schien, 
wenn der Schüler das griechische Testament und ein paar christliche La- 
tinisten lese. Buchners schwülstige Reden, Murets Briefe und Aehnliches 
bildeten die sparsam zugemessene Leetüre, höchstens dass als unschäd- 
liche Zugabe in Prima Corn. Nepos geduldet ward. (Und doch, setzt Ges- 
ner hinzu, habe er umsonst ganze Massen gefragt, was in der vita des 
Miltiades die Worte bedeuten: Delphos deliberatum missi sunt.) In die 
so entleerten Stätten den Strom des alten Lebens , wenn auch zuvörderst 
nur im schmalen Kanäle derChrestomathieen zurückgeleitet zu haben, ist 
Gesners grosse That. Ja, er durfte von sich sagen, dass das Studium 
des Griechischen in Deutschland durch ihn zuerst überhaupt wieder an- 
gebahnt worden. Mit dieser Erneuerung musste aber selbstverständlich 
auch eine Erneuerung der gesamten Unterrichtsweise kommen. Und hier 
begegnet abermals die charakteristische Anknüpfung an die Humanisten 
des 16. Jahrhunderts. Denn an nichts so sehr als an Erasmus* didaktische 
Rathschläge erinnern die betreffenden Abschnitte der Gesnerschen Schrif- 
ten, wenn daneben auch wohl in einzelnen Sätzen Ratich und Gomenius 
hindurchklingen und darauf gestützt die Philanthropisten ihn als den 
Ihrigen anzusprechen versucht haben. Wie Erasmus beschränkt Gesner 
die Grammatik zunächst auf die einfachsten Regeln ; auch er will die 
Leetüre früh, späst erst das Schreiben begonnen wissen; jene müsse 
zum grösseren Theile eine cursorische sein, so dass der Schüler sich ge- 
wöhne ein Ganzes zu überblicken und durch die Fülle des Stoffes den 
Geist nähre; dieses, das Schreiben, möge in Auszügen, Extemporalien, 
Uebersetzungen und Aufsätzen bestehen, aber stets darauf gerichtet sein, 
dass der Gedanke sogleich in der ersten Conception lateinisches Gepräge 
erhalte. Die Ei'klärung der Schriftsteller endlich ist nicht zvfln Tummel- 
platz gelehrter Schaustellungen zu machen; sie darf nicht atomistisch 
den Autor auflösen, vielmehr gilt es denselben in seiner ganzen Eigenart 
zu verstehen, den Geschmack am grossen Vorbild zu läutern, zu erkennen, 
was schön und würdig, was dichterisch und was nicht. Herder '®) hat diese 
Regeln golden genannt und eines griechischen Weisen werth : ob es wirk- 
lich nur enthusiastische Uebertreibung war? 

Es gehört der Einzelgeschichte, wie Gesner zunächst in unserer Tho- 
masschule, und dann in seinem philologischen Seminar zu Göttiugen — 
dem ersten Deutschlands — die ausgesprochenen Grundsätze zur Wahr- 
heit machte , und wie er weiterhin durch seine Schulordnung der Hanno- 
verschen Lande und 3ein Gutachten über die Organisation eines, fürst- 
lichen Gvmnasiums dafür wirkte. Auch stand er bereits nicht mehr 
allein. Zwar was Adolph Klotz in Halle nicht ohne Talent versucht, hat 



16) In der Recension von Gesneri primae lineae isagoges sq. vgl. 
Sophron, S. 259 ff. 



EiDwirkongen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschulen. 13 

er selbst uns gewöhnt zu vergessen; dagegen ist ungetrübtere Aner^ 
kennung dem Verdienste eines Zeitgenossen geblieben, von dem Klotz und 
sein grosser Gegner gleiche Anregung empfingen. Johann Friedrich 
Christ bildet, wie mit Recht behauptet worden *^), in sofern eine wesent- 
hche Ergänzung von Gesners Bestrebungen , als er auch die griechische 
PlasUk zu einem Hauptgegenstande der Forschung und des Unterrichts 
madite. Denn mehr noch als von der Wissenschaft schien von der Kunst 
des Alterthums jede Erinnerung abhanden gekommen, und seit Dürer 
mochte vielleicht kaum ein deutscher Künstler die Antike gekannt haben. 
Da war es dieser feinsinnige Mann, der von Neuem ihrer grossen Schöpfun- 
gen gedachte. Ich übergehe seinen Einfluss , der sich mit dem Gesners 
verband und in Christian Gottlob Heyne der Schule und der ästhetischen 
Behandlung der Alten unmittelbar zu Gute kam. Denn schon waren die 
beiden Unsterblichen erschienen , die mit Einem Schlage die Dämmerung 
in Tag verwandelten. Schon auch treten zwischen Lessing und Winckel- 
mann , von Eroberung zu Eroberung schreitend, Klopstock, Wieland und 
Herder, und der Name Rafael Mengs verkündigt den Aufgang auch einer 
neuen deutschen Kunst. Begnügen wir uns denn , den Blick vom grossen 
Schauspiel auf die stille Werkstatt der Schule ablenkend, daran zu erinnern, 
dass Lessing undWinckelmann die Spitze der griechischen Bildung im Den- 
ken sahen und Uebung der Denkkraft geradezu als Seele alles Unterrichts 
betrachteten; dass Herder die alte Herrschaft Virgils gestürzt und im Homer 
das Urbild epischer Dichtung und neben ihm die erhabenen Gestalten der 
griechischen Tragödie in die Schulen zurückgeführt hat. Ja, Keiner mehr 
als dieser begeisterte Herold der Humanität hat den alten Studien jenen 
'character indelebilis' gegeben, kraft dessen sie samt den grossen nationa- 
len und christlichen Elementen die unveräusserlichen Grundlagen unserer 
Bildung und somit unserer Gymnasien geworden sind. Auf seinen Anschau- 
ungen fussend hat endlich das Genie F. A.Wolfs in denProlegomenen und in 
der Goethe gewidmeten Darstellung der Altersthumswissenschaft die Mark- 
steine einer neuen Wissenschaft errichtet und diese weit über alle Versuche 
Gesners hinaus zum grossartigsten und durchgeistigtsten Organismus er- 
Aoben. Und wie er nun zuerst und nach ihm Hermann, Niebuhr, Hum- 
boldt, Böckh und alle die anderen Würdenträger der Wissenschaft das 
stolze Wort bewährten , ^dass der Deutsche überall der tiefere Forscher 
und Ausleger des aus dem Alterlhum fliessenden Grossen und Schönen 
sein müsse' : so haben mit dem Zauber der Dichtung Schiller und Goethe 
die Geister Griechenlands heraufbeschworen und, die heidnische Grazie 
mit der christlichen Charis vermählend , ihre tiefsinnigen Sagen zu einem 
zweiten und höheren Leben erweckt. 

Damit treten wir dem eigentlich volksthümlichen Gebiete der Schule 
nahe: dem Unterrichte in deutscher Sprache und Litteratur. — Als 1618 
M. Opitz mit jugendlicher Wärme die Ehre der Muttersprache verfocht, 
musste er es in lateinischer Rede thun , und selbst nachdem zwei Men- 



17) Hettner, Geschichte d. deutschen Litteratur im 18. Jahrb. Er- 
stes Buch. S. 305. 



14 Einwirkungen des Humanismus auf die deutscheu Gelehrtenschulen. 

schenalter später Thomasius mit glücklicherem Erfolge als einst Paracel- 
sus die deutsche Sprache in die Hörsäle der Universitäten verpflanzt 
hatte, blieb die Schule noch zurück. Vieles hat hier das Beispiel des 
Zittauer Rectors Christ. Weise gethan. Aber vrenn er in seinen ^noth- 
wendigen Gedanken der grünenden Jugend' diese ermahnt, ^etliche Ne- 
benstunden mit Versschreiben zuzubringen , um sich mit /Ehren in der 
Welt sehen lassen zu können', so v^ird klar genug, wie sehr auch er 
noch das Deutsche für ein naQsgyov ansah. Als einen ebenbürtigen Lehr- 
gegenstand stellte dasselbe erst Gesner in die Reihe der anderen. 

^Patria lingua non negligenda, quod Vitium olim scholarum fuit', sagt 
er im 86. Paragr. seiner Isagoge, und sogleich verlangt er, dass man sie 
nicht bloss grammatisch treibe , sondern auch ihrer Geschichte nachgehe 
und ihre Musterschriften lese und studire. Seine Klassiker sind freilich nur 
Mascov, Bünau, Geliert, Rabener und etwa Gottsched '^) ; auch tadelt er den 
Dichter des Messias um seiner ^fabulae moustrosae' und seiner Sprachver- 
gewaltigung ;vyillen , indess er gelegentlich wohl einmal Haller über Ho- 
mer setzt; aber hiesse mehr fordern nicht zu viel fordern? Und war 
nicht schon mit jenen methodischen Hinweisungen etwas sehr Erhebliches 
gewonnen? Ueberdies sind einzelne seiner Wünsche fast noch heute 
unerfüllt geblieben , wie wenn er ein vergleichendes Studium der germa- 
nischen Sprachen empfiehlt und dabei bis auf das Isländische zurückgeht. 
Man höre, wie eifrig er den Prunk der Fremdwörter bekämpft, wie er 
auf geschmackvolle Uebersetzungen dringt ; man beachte, dass er seinen 
lateinischen Chrestomathieen deutsche 'Anmerkungen giebt, dass er in 
Göttiugen neben dem Seminar auch eine deutsche Gesellschaft begrün- 
det. Wir nennen von seinen in gleichem Geiste wirkenden Schülern 
ausser Heyne, dem Gönner des Göttinger Dicbterbundes, besonders Jo- 
hann August Ernesti in Leipzig und Michael Heinze in Weimar. Beide 
gehörten zu den trefflichsten Schulmännern ihrer Zeit. Die Schulordnung 
des Ersteren , die bis ins Jahr 1835 unangetastet bestanden , empfahl die 
Uebungen in der Muttersprache und Leetüre ihrer SchriftsteUer aufs 
Nachdrücklichste; der Andere hat selbst über deutsche Prosodie und 
Grammatik geschrieben und an Herder und Lessing ebenso gewichtige 
als beredte Lobredner gefunden. Allein bei all dem Antheil, welchen 
diese Männer an der Pflege des deutschen Unterrichts gehabt haben, ging 
hier die treibende und umgestaltende Kraft doch von dem neueu Geiste 
der Litteratur aus. Wer möchte es bestreiten, weil die Folgen nicht so- 
fort sichtbar werden? Die Litteratur eines Volkes ist wie das Licht und die 
Luft; sie durchdringt Höhen und Tiefen, und der Sturm, der die Wipfel 
beugt, zieht die brausende Bahn auch durch die Sprossen am Boden. 
Aber selbst eine nähere und unmittelbare Einwirkung der grossen Dichter 
und Schriftsteller auf das Leben der Schule wird sich nicht abläugneu 
lassen. Ich will weder Wielaud nennen, der sogleich in der ersten Gähiiing 
der neuen Elemente den Plan einer Akademie zur Bildung junger Leute 
entwarf, noch Lessing, der diesen Plan genauer Prüfung unterzog, und 



18) 'prosa satis pulchra utitur' heisst es an der betreff. Stelle. 



Einwirkongen des Humanismus auf die deutschen Gelehrtenschuleo. 1 5 

der für die Schule Herz genug halle, um elwa auch zu entwickeln, wie 
eine äsopische Fabel für sie nutzbar gemacht werden könne. Nur bei 
dem Einen Herder müssen wir verweilen J') Sein erstes und sein letztes 
Amt ist ein Lehramt gewesen. Er, der als Jüngling schon sein ^Ideal 
der Schule' gezeichnet hatte, hielt es als gefeierter Heros nicht zu gering, 
ein ABCBuch und einen Katechismus zu schreiben. Das Grösste wie 
das Kleinste umfassend, sehen wir ihn hier ein Seminar für Volksschulen 
gründen , dort die geistvollsten Winke über die Lectüre des Horaz geben, 
iidren wir ihn jetzt das Verdienst eines heimgegangenen Lehrers preisen 
und jetzt das bescheidene Talent eines Schülers liebevoll anerkennen. 
Am beredtsten aber ist er, wo er der Muttersprache erhabene Schönheit 
ahnen lässt und für sie um das Herz der Jugend wirbt. ^Das Hephata ist 
gesprochen, ruft er den Jünglingen zu; lernt deutsch, denn ihr seid 
Deutsche. Lernt es reden , schreiben , in jeder Art schreiben. Lernt, 
was ihr denkt und wollt, sagen. Die Zeit gebietet*s, wir dürfen nicht 
länger alakoi und (loytXdkot sein.' Und nun bespricht er alle Uebungen 
vom ersten Lesen bis zum Vortrag und zur freien Gomposition. Kein 
Dichter, kein klassischer Prosaist solle sein, an dem sich nicht Olir und 
Zunge, Gedächtniss und Einbildungskraft, Verstand und Witz lehrbegieri- 
ger Schüler geübt. Kein edles Bild, keine grosse Gesinnung und War- 
nung solle bloss in den deutschen Büchern stehen, sondern in den Schu- 
len soUe, wie auf der Tenne, das Korn von der Spreu gesichtet, jedes 
Beste laut gelesen, auswendig gelernt, zur Regel gemacht und in Herz 
und Seele befestigt werden. Wie die Italiener ihren Ariost und Tasso, 
die Dritten ihren Millon und Shakspeare: so müsse jeder Deutsche die 
grossen Dichter und Schriftsteller seines Volkes kennen. *Mit welchem 
Entzücken, setzt er fast wehmüthig hinzu, erinnere ich mich meiner 
Jugend, da ich zuerst diese und die alten Schriftsteller las. Kaum reicht 
in meinen spätem Jahren etwas an diese Freude.' Einem solchen be- 
geisternden Beispiel gegenüber mussten wohl selbst die vereinzelten theo- 
retischen Bemühungen zurücktreten , welche von andern Meistern ausgin- 
gen. Klopstocks ^grammatische Gespräche' blieben siciierlich eben so un- 
beachtet als Bürgers Theorie des deutschen Stils, und auch Lessings Drängen 
auf Reinhaltung und Kräftigung des Ausdrucks ward in den Schulen kaum 
vernommen. Einen merklichen Einfluss aber mussten noch die Ueher- 
setzungen ausüben, mit denen in immer v\^achsender Zahl und Vollendung 
die Litteratur bereichert wurde. Nicht bloss, weil es sich meist um 
Schriftsteller handelte, welche den Kanon der Schule bilden, sondern 
weil hier gleichsam alle verborgenen Tugenden der Sprache am würdig- 
sten Gegenbilde bemessen und im Feuer des edelsten Weltkampfes ge- 
stählt w^urdeu, Epochemachend war vor Allem das Jahr, in dem die drei 
bedeutendsten Dichter des Göttinger Bundes eiferten, uns einen deutschen 
Homer zu geben ^), wenngleich schwerlich heute Jemand Klopstock zu- 

19) Vgl. die Würdigung Herder's: 'als Ephorus des Gymnasiums zu 
Weimar' bei Heiland, Aufgabe des evangel. Gymnasiums, S. 238 f. 

20) Vgl. Cholevius, Gesch. d. deutschen Poesie nach ihren antiken 
Elementen, 11. 



1.6 Einwirkungen des Humanismus auf die deutsclien Gelehrtenschulen. 

stimmen möchte, der sich getröstete, dass Homer, falls er einmal ver- 
loren ginge , ^ aus dem Verdeutschier Voss wieder vergriecht ' werden 
könne. Was an ihm , an Bürger und Stolberg noch gesucht oder hand- 
werksmässig erschien, das überwanden endlich mit künstlerischem Geiste 
Herder und Wieland, in deren Uebertragungefa der Genius des Alten 
und Neuen wie in freier Liebe zusammenschmolz. Eben hieran knüpfte 
sich nun aber auch die Beachtung der altern deutschen Litteratur im Un- 
terricht. Die Wiedererweckung des Volksliedes, das erneute Andenken 
H. Sachsens, selbst Gottscheds fleissige Sammlungen hatten der Vergan- 
genheit eine grössere Theilnahme zugewandt, so dass auch die Schule 
nicht mehr gleichgültig bleiben konnte. Es war ein bedeutungsvolles 
Symptom , als ein Berliner Programm von Meierotto 1779 meldete : ^ in 
classe teutonica prima extra ordinem rem Germanorum litterariam inde 
a primis poetarum nominibus ad saeculi septimi decimi vergentis orato- 
res, historicos et poetas levi quidem, sed iis, qui domestica prorsus 
ignorarent, non ingrata opera deduxi.' Dem immerhin gewagten Vor- 
gang schloss sich am ersten — scheint es — Pforta") an; doch bedurfte 
es der grossen Impulse, welche die französischen Kriege und die Ro- 
mantik dem deutschen Volke gaben, um diesen Unterrichtszweig zu einem 
wirklich lebensvollen zu machen. Dasselbe gilt aber auch von fast allen 
übrigen Disciplinen der Gymnasien. Zwar erfaliren wir, dass schon 1727 
in den sächsischen Fürstenschulen Geschichte und Geographie eingeführt 
und um dieselbe Zeit besondere Lehrer für die Mathematik berufen wer- 
den; die neueren Sprachen wurden, noch ehe ihnen Francke im Halle- 
scheu Waisenhause einen Platz gegeben, auf einzelnen Gymnasien, wie 
Görlitz , Baireuth und andern in einer Ausdehnung gelehrt , dass z. B. 
am letztgenannten Orte bei Gelegenheit einer fürstlichen Vermählung 
mit französischen, spanischen, italienischen, sogar mit türkischen und 
persischen Reden aufgewartet werden konnte*^). Aber wer sieht nicht, 
dass dies alles vereinzelte Erscheinungen , zum Theil blosse Guriositäten 
waren ? Konnte doch noch 1740 ein geistvoller Theolog (Bengel) den Aus- 
spruch thun : weil die Welt anfange alt zu werden , mache sie ihre Per- 
sonalien und bringe darum das Studium der Geschichte empor. — Wir 
wiederholen: erst die neuen wissenschaftlichen und nationalen Bestre- 
bungen, welche unter dem Drucke der Fremdherrschaft die Romantik 
hervorrief, haben durchgreifend und dauernd gewirkt. Dagegen schien 
es nicht sowohl in dem eigentlichen Wesen als in den Traditionen 
des Humanismus zu liegen, dass er in dieser Sphäre des Unterrichts we- 
niger schöpferisch war, und nur einem Manne von dem Universalismus 
und der Wandlungsgabe Herders war es gegeben auch dafür die Wege 
zu bereiten. Man müsste ganze Reden seines Sophron ausschreiben, 
wollte man beweisen, wie er überall mit dem Auge der Ahnung das 
Richtige und Wahre entdeckt. Er erst entwickelt , was geschichtliche 



21) Vgl. Schmid, Encyclopädie des gesamten Erziehungs- und Un- 
terrichtswesens, II. 570. 

22) Vgl. J. Gh. Held, Schalreden S. 271. 



Einwirkungen des Humanismus auf die deutschen 6elelu*tenschulen. 1 7 

Art und Kunst; er verlangt, an den Spruch des Pythagoras erinnernd, 
dass Keiner ohne Geometrie aus dem Gymnasium gehe; er zieht die 
Gnmdlinien einer neuen geographischen Wissenschaft, er erkennt mit 
Lessing*') in der Naturgeschichte den Samen aller übrigen Disciplinen. ünd^ 
dennoch musste fast ein halbes Jahrhundert vergehen, ehe die Mahnungen 
des grossen Mentors erfüllt wurden und die Schule in der Vereinbarung 
aller und neuer Bildungselemente dem Ziele nahe kam, welches ihm 
rofsehwebte. « 

Aber wir dürfen zurückschauend sagen, dass derselbe Gedanke auch 
schon dem frei umfassenden Geiste Melanchthons und seiner congenialen 
Schüler^) nicht fern gestanden hat. Denn das scheint der immer klarer 
hervortretende Charakter des deutschen Humanismus, dass er ausgehend 
?on den Alten, sie in sein innerstes Denken und Dichten aufnimmt, um 
grossherzig fortan Alles in seine Kreise zu ziehen, was zur Menschheit 
and für die Menschheit bildet. Er macht eben das ^Immani nihil a me alie- 
num puto' in der schönsten Bedeutung des Wortes zu seinem Wahlspruch. 
Zugleich aber verwebt sich ihm damit fast vom ersten Beginn jene freie 
lebendige Religiosität, die auch im Alterthume die zerstreuten Strahlen 
des Göttlichen erkennt und seine Sprachen als Gefässe einer höheren 
Offenbarung ehrt. In solchem Sinne hat Melauchthon die Wissenschaften 
* Flügel' genannt, * welche die Seele zum Himmel erheben' und unter 
allen menschlichen Thätigkeiten das Lehramt als die erhabenste bezeich- 
net, ähnlich wie Herder die Schulen als Werkstätten eines heiligen Geistes 
pries. 

Meine Herren! Es war von je der Rulim deutscher Universitäten, 
zumal dieser altehrwürdigen, den Geist nationaler Tugend und Tüchtig- 
keit gepflegt und die Leuchte menschenbildender Wissenschaft den stre- 
benden Geschlechtem vorangetragen zu haben. Eingedenk seiner und der 
grossen Namen, welche hier erklingen, fühle ich heut, da mir zum ersten 
Male vergönnt worden , an dieser Stelle zu sprechen , die ganze Schwere 
der Pflicht, aber ich fühle zugleich den freudigen Muth, der aus sol- 
chen Erinnerungen strömt. Indem ich mir daher Glück wünsche Sie, 
geehrte Herren Gommilitonen , auch meinestheils auf dem Wege wissen- 
schaftlicher Studien begleiten zu dürfen, gelobe ich vor den Augen des 
Ewigen, den hocherleuchteten Vertretern dieser Universität hinfort mit 
aller Kraft und aller Liebe der Seele des Feldes zu warten, das mir in 
ihrem *orbis literarius' anvertraut worden, wie ich mir selber den alten 
Schwur wiederhole : 'Quisquis hanc aram laeserit, habeat genium iratum 
gener is humani et numina Divum.' 



23) Lessing in der oben erwähnten Kritik von Wieland's Plan einer 
Akademie zur Bildung des Verstandes u. s. w. 

24) Vor Allen des trefflichen Mich. Neander. 



N. Jahrb. f. PbU. u. Päd. II. Abt. 186'J Hft. l. 



1 8 Abschiedsrede. 

Um den Bogen zu füllen und zugleich einem mir ausgesprochenen 
Wunsche zu genügen, füge ich die Worte bei , mit denen ich am 19. Sept. 
V. J. von meiner lieben Schule in Dresden Abschied genommen. Kurz und 
anspruchslos , wie sie sind , werden sie wohl einmal als Anmerkung in 
einer pädagogischen Zeitschrift zugelassen werden können. M. 

Ihr habt Euch, geliebte Schüler , versammelt, um nach Ablauf eines 
Halbjahrs die gewohnte Arbeit für eine Woche der Buhe zu schliessen; 
aber wenn dies bisher wohl auch für mich ein Tag der Freude war, so 
verwandelt er sich mir heute in tiefe Wehmutb,*da ich von £uch schei- 
den soll. Oft schon hat die Hand , die mit ewiger Weisheit das Men- 
schenscbicksal lenkt, es gefügt, dass ich aus der Stätte meiner Thätig- 
keit abgerufen wurde, und immer, so oft ich ging, gab ich einen Theil 
nicht bloss meines Lebens , sondern auch meines Herzens dahin. Allein 
schmerzlicher als sonst fühle ich heute den Stachel der Trennung, und 
darum wird mir heute auch schwerer als sonsi dies letzte Wort. Habe 
ich doch in der kurzen , mir hier gegönnten Frist mich tief eingelebt in 
den Bund treuer Werkgenossen, die in aller Zeit neben und zu mir ge- 
standen, in den Kreis der Jugend, der sich mir hingebend vertraute, in 
diese Stadt mit ihrem Strome und ihren Rebenhügeln , mit ihren ragen- 
den Thürmen, ihren glänzenden Hallen, ihren lieben Menschen. Ver- 
lassen zu müssen das Alles: wie sollte es nicht weh thun! Aber was 
mir heute den Schmerz verschärft, ist die Gewissheit, jetzt für immer 
aus einem Berufe zu scheiden, dem ich seit meinen Jünglingsjahren 
alle Kraft und alle Liebe gewidmet. Ja, ich bekenne in der Schule 
die Aufgabe und das Qiück meines Lebens gesucht und gefunden zu 
haben. Und Ihr selbst, gel. Seh. — lasset es mich hoffen — Ihr selbst 
habt mir nachgefühlt, dass es so war. Wie durchdrang es mich mit 
inniger Lust , wenn ich zu Euch sprechen konnte und wenn Eure Blicke 
sich in den meinen senkten und ahnend mir das Wort aus der Seele la- 
sen, noch ehe es gesprochen wurde! Wie hat es mich gerührt, wenn 
ich Eurem Fleisse auf seinen stillen Spuren folgte und er mit wach- 
sendem Muthe vorwärts drang! Wie beglückte es mich, hier in be- 
harrlicher Uebung einen Fehler überwunden , dort ein verborgenes Talent 
sich entwickeln zu sehen ! Wie hat mich der Ernst und die Beschei- 
denheit und jeder schöne Zug der reifenden Jugend, wie hat mich die 
Wahrhaftigkeit und all der kindlich lautere Sinn an Euch Jüngeren im 
innersten Gemüth ergriffen! Und auch Sie, herzlich verehrte Collegen, 
werden die Ueberzeugung gewonnen haben, dass ich, den Miethling ver- 
achtend , der verdrossen die Last der Arbeit beklagt , mit um so freu- 
digerer Hingebung Ihrem edlen, uneigennützigen Eifer mich gesellte, 
auf Ihre Hülfe baute und Ihres Werkes und Ihres Wohles mich freute, 
wie des eigenen. Ich wiederhole : es waren glückliche Tage , die ich hier 
gelebt. Nun aber wartet meiner in einer andern Heimat ein anderer 
Beruf. Konnte dieser wohl Manchem als ein Ziel erscheinen , dem ge- 
genüber jedes Bedenken schwinde, so war ich mir vom ersten Augen- 
blicke der grossen Verantwortlichkeit bewusst, welche auf ihm ruht, und 
zögernd nur entschloss ich mich zu folgen. Aber indem ich es jetzt 
thue, gedenke ich in gläubiger Zuversicht dessen, der uns alle mit gna- 
denreichen Händen führt. Ich gedenke, wie mir noch nirgend, wohin 
Sein Wille mich gewiesen. Seine und der Menschen Güte gefehlt hat. 
— Auch von dieser Stelle , die ich vor wenigen Jahren mit Worten des 
Dankes betrat, muss ich scheiden mit Dank. 

Denn Dank bin ich vor Allem den Hohen Behörden und Vorgesetzten 
schuldig, die nicht aufgehört haben mich und diese Schule mit immer 
gleichem Wohlwollen zu unterstützen. Dank Ihnen, verehrte Collegen, 
die Sie mir vom ersten Tage meines Eintritts bis zu dem heutigen die 



Badische Schallitteratur. 19 

Schwere des Amtes erleichtert, mit mir gewacht und gesorgt, gestrebt 
and gewirkt haben , Dank Euch , geliebte Schüler , die Ihr — ich darf 
es sagen — mit Trene und Willigkeit dem Gesetze der Anstalt gehorcht, 
mit Eifer nnd Ausdauer ihre Wege verfolgt und gewiss nie, wissentlich 
mich betrübt habt. In der'That, wohin ich blicke: meine Augen sehen 
nichts als Segen. Und selbst der grüne Hügel dranssen-, unter dem 
mein Knabe schlummert, ist mir ein Zeuge auch solcher Erinnerungen. 
Ja, unter Allem, dessen mich dieser Augenblick gemahnt, preise ich 
als das Höchste , dass auch der tiefe Schmerz , der mich zerriss und der 
Boeh jetzt durch meine stillen Stunden schleicht, tou Ihnen allen in 
oitempfindender Seele getheilt ward , dass so Viele mit Rath und Trost 
ond Beistand mir helfen wollten das schwere Schicksal tragen. 

So scheide ich denn von hier, unfähig zu vergelten, was mir in 
überreichem Masse gewährt worden. Aber das Eine , was ich Ihnen ent- 
gegenbrachte, als ich zum ersten Male in Ihrer Mitte erschien, mein 
Herz mit seiner ganzen Liebe bleibt Ihnen allen für alle Zeit. Und 
nun, Du grosser Vater über den Sternen, der Du mich hierher gerufen 
and wieder heissest gehen, sei Du mein Stecken und Stab und führe 
mich auf rechter Strasse. Du hast verheissen, Herr, wo Zwei oder 
Drei sich versammeln in Deinem Namen, da wollest Du mitten unter 
ihnen sein. Bleibe denn auch bei dieser Deiner iGemeinde , bei Leh- 
rern und Schülern allzumal, stärke sie mit Deiner Kraft, durchwirke 
sie mit Deinem" Geist und lohne ihrer treuen Arbeit, dass die theure 
Stätte immer mehr erblühe und erwachse zu Deiner und des Vater- 
landes Ehre. Segne diese geliebte Stadt. Wie Du die Berge um sie 
her gestellt hast, so stehe Du selber um sie her mit Deinem Schutze, 
und gleich dem Strome, der sie durchrauscht, lasse Du Deiner Gnaden 
Fülle ihr nie versiegen. Segne mit ihr das ganze Land, segne das Volk 
und den König I 



2. 

Badische Schullitteratur. 



1) Die Gelehrtenschule gegenüber den Forderungen der Zeit. 

Beilage zu dem Programm des Karlsruher Lyceums, Vom 
DirectorDr. Chr. Friedrich Gockel 92 S. 8. 

2) Bemerkungen über Schulerziehung und Unterricht, Beilage 

zum Programm des Offenburger Gymnasiums. Vom Direc- 
tor M.Intlekofer. 36 S. 8. 

3) Thesen zur Reform der Badischen Gelehrtenschule. Beilage 

zum Programm des Mannheimer Lyceums. Von Dr. C. 
Schmitt-Blank. S. 39—47. 8. 

4) Zur Organisation der höheren Bürgerschulen. Beilage zum 

Programm der höheren Bürgerschule zu Baden. Von Pro- 
fessor Grub er. 12 S. 8. 

5) Programm^ wodurch die Lehrer der Badischen Gelehrten- 

2* 



20 Badische Schullitteratur. 

und höheren Bürgerschulen zu der am 26. und 27. Sep- 
tember 1862 in Lahr stattfindenden zweiten Versammlung 
Badischer Schulmänner freundlichst eingeladen werden. 
Aufgestellt von der zu Offenburg gewählten vorbereitenden 
Commission. Freiburg i.B. 1862. Universitäts-Buchdruckerei 
von Poppen. 8 S. 8. 

Die bereits geschehenen und noch bevorstehenden Neuerungen im 
Schulwesen des Groszherzogtums Baden , denen die auch besonders aus- ' 
gegebene ausführlichere Schrift des Unterzeichneten im siebenten Hefte 
dieser Zeitschrift von 1862 gewidmet ist, sind von der Art, dasz die 
Wichtigkeit der Sache für den bereits eingetretenen Entwicklungsprocess 
einen erhöhten Grad der allgemeineren Aufmerksamkeit ansprechen darf. 
Dies allein ist der Grund, warum ich entschlossen, diesen Process unver- 
ruckt im Auge zu behalten, den Lesern der Jahrbücher über die oben 
verzeichneten Drucksachen Bericht erstatten will , da dieselben durch die 
besagten Umstände teils geradezu hervorgerufen, teils von einer eigen- 
tümlichen Bedeutung sind. 

Die Schrift des Hrn. Dir. Gockel, obgleich ganz allgemeinen Ti- 
tels, gibt ihren Zusammenhang mit der Badischen Schulreform an mehre- 
ren Stellen ganz offen zu erkennen und erhält hierdurch einen gewissen 
Anspruch auf eine Nachsicht in der Beurteilung, welche sie zu verlangen 
nicht berechtigt wäre, wenn sie ihr Thema, ohne eine solche Sonder- 
tendenz, durchaus allgemein und rein nur vom wissenschaftlichen Stand- 
punkte behandeln und erschöpfen wollte. Denn ^die Gelehrten- 
schule gegenüber den Forderungen der Zeit' ist ein Thema 
recht schwieriger Discussion, die, abgesehen von einer hohen Summe 
tiefer Sachkenntnis, vor allem eine streng wissenschaftliche und scharfe 
Methode voraussetzt, wie man sie leider hier nur zu sehr vermiszt. 
Bleibt es ja doch eine Forderung selbst der ordinärsten Schullogik, dasz 
man bei Erörterung wissenschaftlicher Fragen von Begriffen ausgehe und 
von dem Gegenstand der Frage entweder eine Definition vorausschicke 
oder aber im Verlauf der Erörterung zu gewinnen suche. Wie schlimm 
steht es also, wenn in dieser Abhandlung, die das Verhältnis der Ge- 
lehrtenschule zur Gegenwart darlegen will, auch nicht eine Spur von 
Aufstellung eines Begriffs der Gelehrtenschule, auch nicht ein leiser 
Versuch einer Definition derselben vorkommt! Um jedoch gerecht zu 
sein, wiU ich nicht verschweigen, dasz S. 65, wo von Augriffen auf die 
Universitäten die Bede ist, gelegentlich eine Aeuszerung geschieht, 
die allerdings hierher gezählt werden kann, aber nicht am rechten Orte 
steht und nirgends als allgemeiner Leitstern hervortritt. Es heiszt nem- 
lich dort: *so viel bleibt gewis, dasz jede wesentliche Reform der Hoch- 
schulen notwendig Veränderungen der Gelehrtenschulen nach sich ziehen 
müste (das fragt sich noch !), denn diese sind und bleiben die allein be- 
rechtigten Vorbereitungs- und Zurüstungsstätten für unsere wissenschaft- 
liche Bildung anstrebende Jugend.' Der Verf. hatte aber, wenn er sich 



Badische Schullitteratur. 21 

an diesen Gedanken hätte halten wollen , die Aufstellung einer Definition 
Bm so leichter, als die Badische officielle Definition die Gelehrten- 
schulen als höhere Unterrichtsanstalten bezeichnet, welche den allge- 
meinen Zweck der religiösen, sittlichen und intellectuellen Bildung der 
Jagend in dem Umfange und in d^r Weise verfolgen, dasz sie ihre Zög- 
linge zum wissenschaftlichen Berufe und zunächst zu akademi- 
scben Studien grundlich vorbereiten. 

Diese officielle Definition ist in der That weit genug , ohne zu weit 
zu sein , und hoch genug , ohne in die Begion der Wolken zu führen. 
Dorch sie wird der Boden der Wirklichkeit nicht verlassen und zugleich 
das Ideale im Auge behalten: nur durch die gleichmäszige Vereinigung 
dieser beiden Momente wird aber Einseitigkeit vermieden und der Ver- 
iming ins Nebelhafte vorgebeugt, von welcher die Discussionen über das 
gelehrte Schulwesen so selten frei sind, die des Hrn. Gockel nicht aus- 
genommen. 

Weil man nemlich das Gymnasium gegenüber der Bealschule eine 
Ideal schule zu nennen pflegt, so geschieht ganz gewöhnlich der arge 
Fehler , (lasz man den nur relativen Sinn dieser Benennung zu einem ab- 
soluten stempelt und dann, ohne Berücksichtigung des Bodens der Wirk- 
lichkeit, ganz ins Blaue hineinphantasiert, wobei der Phantast Hans 
ebenso viel Becht hat als der Phantast Peter, beide aber es zu nichts 
bringen, als zu begriffloser Gonfusion oder höchstens zu den sieben Be- 
genbogenfarben zugleich aber auch zur Bealität und Haltbarkeit des Be- 
genbo^ens. Das Gymnasium ist nur insofern eine Ideal schule, als es 
]j keine Bealschule ist, 2) sich vorzugsweise (nicht ausschlieszlich !) mit 
solchen Lehrobjecten beschäftigt, welche in das Gebiet des Geistes 
gehören, nicht in das Gebiet des Stoffes, und 3) für die Wissen- 
schaft an sich vorbereitet, welche eines der vorzüglichsten Kinder 
des Geistes ist. Das Gymnasium zeigt sich dagegea anderseits nicht 
als Idealschule, insofern es zum gelehrten und wissenschaftlichen 
Berufe vorzubereiten hat, jeder Beruf aber und jede Gelehrsam- 
keit mit der Wirklichkeit und Geschichte zusammenhängt; es ist 
femer auch in der Beziehung keine Idealschule, als die akademischen 
Studien, zu denen es vorbereiten soll, mehr oder weniger alle einen 
gewissen positiven Charakter und positiven Inhalt haben, wel- 
cher verlangt, dasz der Zögling der Gelehrtenschule ein ganz bestimmtes 
positives Wissen auf die Hochschule der Gelehrsamkeit als unerläsz- 
liche Vorbereitung mitbringe. 

Hält man unsere Definition der Gelehrtenschule fest und das eben- 
gesagte über ihren wahren Gharakter, so stellt sich ihr Ziel als ein drei- 
faches heraus, nemlich 1) eine gesteigerte allgemeine Bildung, 2) eine 
für den gelehrten Beruf spepielle formale Bildung, und 3) eine 
für den gelehrten Beruf specielle materiale Vorbildung. Ist aber 
dies erwiesenermaszen unleugbar das Ziel der Gelehrtenschule, dann kann 
auch kein Zweifel mehr sein, dasz die klassischen Studien ihr un- 
erläszlichstes , erstes und vorzüglichstes Lehrobject sind, und zwar a) 
wegen der gelehrten Studien des Theologen, Juristen usw., b) wegen 



22 Badische SchuUitteratur. 

der zu gewährenden speciellen höheren formalen Bildung, die zugleich 
besonders durch Mathematik zu fördern ist, .und c) wegen der Bedeutung 
derselben fär die höchste, freiste Geistescultur der Generation, deren 
eigentliche Träger vorzugsweise die Männer der Wissenschaft sind. Ist 
man endlich bei diesem Resultate aus Principien und BegrifTeu angelangt, 
dann wird man unter Verwerfung nicht blosz der Richtung des Schlen- 
drians oder des Jesuitismus, sondern auch des Hyperphilologismus ein- 
sehen, dasz der rechte Weg för diese Schulen der ist, auf welchem sich 
bei philologischem Moderatismus das im gehörigen Masze gehaltene Stu- 
dium des klassischen Altertums und seiner Sprachen mit der Betreibung 
der Geschichte sowie der rein rationellen Mathematik, und mit Anregung 
und Entwicklung der productiven Kraft des Zöglings in Rede und Schrift 
zu einem harmonischen Ganzen vereinigt. 

Nach Gewinnung dieser streng methodisch eruierten Resultate fallen 
sofort mindestens folgende Fragen als durchaus unberechtigt in ihr 
Nichts zusammen: 

1. Soll in diesen Schulen der Humanismus herschen oder der Rea- 
lismus? 

2. Solleu in denselben die zwei klassischen Sprachen dominieren, 
oder der Unterricht in den neueren Sprachen? 

3. Sollen die fremden neueren Sprachen dominieren, oder die 
Muttersprache? 

4. Soll die Mathematik der Hauptlehrgegenstand sein oder gar die 
Naturwissenschaft ? 

Wie gesagt, alle diese«Fragen erscheinen als ganz unberechtigt und 
rein verstandlos, sobald man von Principien und Begriffen aus- 
gehend, das Wesen und das Ziel der Gelehrtenschule wissenschaftlich 
fixiert; und Hr. Gockel hätte über all diese Sachen, die ihn lange und 
eigentlich doch erfolglos beschäftigen, auch nicht eine Silbe zu verlieren 
brauchen, wenn er streng methodisch verfahren wäre. Dies ist aber bei 
ihm so sehr nicht der F9II, dasz seine Schrift, welche 92 Seiten hindurch, 
ohne auch nur eine einzige Kapitelabteilung, bis zur Ermüdung ununter- 
brochen und nicht ohne viele höchst lästige Wiederholungen fortläuft, 
mit folgender Annahme des Ziels der Gelehrtenschule schlieszt: ^ fragt 
man uns, was wir aus unsern Schülern zu machen gedenken, so ant- 
worten wir: rechte Menschen, tüchtige Burger, gute Chris- 
ten.' Brauch ich noch etwas zu sagen? quid referam? 

Indem wir deshalb von weiterer Besprechung der Schrift als eines 
Ganzen abstehen, da die aufgeworfene Frage in derselben für wissen- 
schaftliche Erkenntnis um keinen Ruck weiter gebracht ist, so sehen 
wir uns doch genötigt, einige Behauptungen derselben in ihrer Einzel- 
heit zu besprechen. 

1. Realismus und Humanismus sind dem Verf. S. 7 nicht so- 
wol wirkliche Gegensätze als vielmehr Losungsworte und bloszes Feld- 
geschrei, und er lebt der Hoffnung auf ein friedliches Abkommen in uns- 
rer ^fortgeschrittenen und aufgeklärten' Zeit. Obgleich sich der Verfasser 
dabei hinter Thaulows Auctorität verschanzt, wiederhole ich, was ich 



Badische Schullitteralur. 23 

im 4. Kapitel meiner Schrift gesagt hal)e: ^ diese beiden Richtungen be- 
ruhen auf zwei groszen Gedanken und Urverhältnissen, die sich entgegen 
stehen wie Aeuszeres und Inneres, wi» Stoff und Geist, sie werden sich 
also gerade so wie diese zwei Gedanken und Urverhältnisse stets ent- 
gegengesetzt sein, sich nie versöhnen, sich nie vergleichen, sich aber 
auch nie ganz besiegen.' 

2. *Die höhere Bürgerschule, sagt der Verf. S.67, sucht noch 
heute nach ihrem Princip.' Diese Behauptung grenzt ans Unglaubliche« 
Ich verweise auf meine Darlegungen im Kap. 4 u. 10 meiner Schrift, und 
liemerke nur noch , dasz , wenn diese Behauptung wirklich wahr wäre, 
gewis auch die Gelehrtenschule noch heute nach ihrem Princip suchen 
mäste , was freilich bei manchen Leuten nur zu sehr der Fall ist. 

3. ^Die Gelehrtenschulen erreichen nicht einmal das Ziel, das sie 
sich selbst vorgesteckt haben' soll nach dem Verf. S. 14 ein Vorwurf der 
Gegner dieser Anstalten sein. Ich kann ihm versichern, dasz auch die 
wahren Freunde dieser Schulen, zu denen ja auch ich zähle, nur zu 
sehr veranlaszt sind, denselben den nemlichen Vorwurf zu machen. Und 
dieser schlimme Mfsstand ist einer von den Beweggründen, welche mich 
zur Herausgabe meiner wiederholt erwähnten Schrift veranlaszten , in 
deren fünftem Kapitel ich die unverzeihlichsten Todsunden der philologi- 
gischen 3pintifaxe aufgezählt habe. Herr G. verschanzt sich hier mit 
Döderlein, dessen Auetori tat ihm stets über alles geht, hinter blosze 
Scheingründe, obschon auch er offen gesteht, dasz man allerdings grö- 
szere Leistungen der Gymnasien zu erwarten berechtigt wäre, und nicht 
leugnet, dasz unsere abstracten und abstrusen Schulgramroatiken guten 
Teils schuld sind, dasz unsere Gymnasiasten nach 9jährigem Lateinlernen 
dennoch keine erfreuliche Fertigkeit in dieser Sprache besitzen. Doch 
sagt er im nemlichen Athemzuge : * wir beklagen es , aber ändern kön- 
nen wir*s nicht.' Welches testimonium paupertatis! Wenn dies wahr 
wäre, so verdienten in der That die klassischen Studien in diesen Schu- 
len vollkommen jenen Untergang, den ihnen Gervinus wehmütig 
längst prophezeit hat: es ist aber nicht wahr, und wenn die von mir 
aufgezählten fünf Todsünden vieler philologischen Schulmänner aus aller 
Kraft und mit redlichem Willen vermieden würden, so würde nach 9 Jah- 
ren des Lateinlernens sicher das Ziel erreicht werden , welches bei die- 
sem Unterrichte nie aus den Augen gelassen werden sollte , nemlich dasz 
man die Sprachen vor allem lernt, um ihrer Herr und Meister zu w^erden. 
Grundbedingung der Erreichung eines glücklicheren Zieles ist aber über- 
haupt die Befolgung einer frischen, dem Leben selbst angepassten Me- 
thode , welche freilich durch unfähige Pedanten nicht gehandhabt wird 
und nur beim Gebrauch von natürlich abgefaszten und für das Wesen der 
Jugend berechneten Lehrbüchern möglich ist. Deswegen habe ich mich 
auch rücksichllos über das Schädliche und Verkehrte der in den Badischen 
Schulen eingeführten lateinischen und griechischen Grammatiken öffent- 
lich ausgesprochen und erkläre hier wiederholt, dasz nur dann ein besse- 
rer Erfolg dieses Sprachunterrichts eintreten wird, wenn an ihre Slcllen 
etwas Besseres und Rechtes tritt. Ich verweise auf mein Kap. 15 Heft 7- 



24 Badische Schullitteratur. 

Die Ausflüchte, ^der Zeitgeist ist diesen Studien nicht hold und deshalb 
lernen die Schüler nicht eifrig', oder * in früheren Zeiten wurden in den 
Gymnasien nur die klassischen S{u*achen getrieben' können nicht als ge- 
nügende Entschuldigungen für den geringen Erfolg des heutigen Gvmua- 
sialunterrichts angenommen werden. Wenn diese Schulen an einer un- 
gesunden realistisch-humanistischen Mengselei leiden, so musz man nicht 
die Händb in den Schosz legen und jammern, sondern man musz dagegen 
zu wirken suchen und dagegen auftreten , wie ich dagegen aufgetreten 
bin und nötigenfalls auch in Zukunft auftreten werde; man musz alles 
vermeiden, was diese Anstalten auf der falschen Bahn erhalten oder, 
woran gerade jetzt im Groszherzogtum Baden rührig gearbeitet wird, so- 
gar noch weiter treiben könnte; kurz man musz handeln, und durch 
Ausscheidung, Concentrierung und weise Ordnung den 
rechten Weg zu treffen suchen. Je mehr es aber allerdings auszer Zwei- 
fel ist, dasz die ehemalige Einfachheit der Lehrobjecte der Gymnasien 
heute nicht mehr ganz hergestellt werden kann, desto mehr musz man 
durch gute Methode zu Hülfe kommen , um mit weniger Mühe und grö- 
szerer Sicherheit zu einem gedeihlicheren Resultate der Gymnasialbildung 
überhaupt und insbesondere in dem philologischen Teile derselben zu 
gelangen. Nun geschieht aber nur zu häufig gerade das Gegenteil : unsere 
Methode ist schlechter und namentlich viel unpraktischer als die Methode 
der Zeiten war, in denen die Gymnasien fast nur Latein lehrten. Wenn 
deshalb der Zeitgeißt gegen diese Uebelstände und ihre Folgen auftritt, 
wenn er Anstalten verdammt, deren Schüler in neun Plagejahren dennoch 
nichts Rechtes lernen, so hat dieser Zeitgeist ganz Recht; und man musz 
sich mit ihm nach Möglichkeit zurecht setzen, will man nicht untergehen. 
Dieser Zeitgeist ist auch in der Regel gar nicht so ungelehrig, am wenig- 
sten aber ist er dumm; und es erscheint teils als Uebertreibung, teils als 
Vorurteil, wenn H. Gockel S. 60 ihn beschuldigt, er verlange 1) statt 
der harmonischeu Durchdringung des ganzen geistigen Lebens nur eine 
möglichst grosze Summe von Kenntnissen; 2) er setze die idealen Güter 
herab gegen den Erwerb von materiellen Gütern zum Zweck des Besitzes 
und Genusses ; 3) er wolle nur immer Neues , und strebe deshalb das 
Alte zu vernichten ; 4) er richte alle seine Sorge nur auf die Bedürfnisse der 
Zeit; für das Leben aber werde nur der gebildet, der für die Ewigkeit 
erzogen werde. Dieser letzte Satz gehört in eine Predigt, nicht in eine 
Abhandlung über den GymnasialunCerricht. 

4. Ueber Methode und über Bildung der Gymnasiallehrer spricht der 
Verf. S. 44—52 ziemlich ausführlich, besonders nach Lattmann und 
Roth. Das Hauptresultat ist, obgleich einzelne gute Bemerkungen her- 
vortreten, ohne positiven Kern, und ich würde gar nicht davon sprechen, 
träten dabei nicht Behauptungen und Wünsche hervor, denen ich wenig- 
stens zu opponieren gezwungen bin. ^Wir brauchen für unsere Schulen 
philologisch gebildete Lehrer, aber wenige gelehrte Philologen. Es ist 
in unserer Zeit Sprachgebrauch geworden, Lehrer an höheren Schulen 
und Philologen als gleichbedeutend zu betrachten. Die Zeit liegt aber 
gar nicht fern, in der das Lehramt keinen für sich bestehenden Stand 



Badische SchuUitteratur. 25 

bildete, keine Staatspröfung für dasselbe verlangt wurde. Roth sieht 
sich 1847 veranlaszt, die Frage zu besprechen, aus welcher Facultät 
sollen die Gymnasiallehrer genommen werden? Die Verbindung der Theo- 
logie oder eines andern wissenschaftlichen Lehrzweigs mit der Philologie 
iilr a 11 e Lehrer wäre gewis sehr wunschenswerth. Es würde von ihnen 
eine allgemeine philologisch -wissenschaftliche Grundlage verlangt, auf 
welche alsdann das besondere Studium erbaut werden könnte. In der 
g^enwärtigen Gestalt der Philologie liegt in ihrem Wesen nicht mehr 
fieföhiguDg zum Lehramt, als in jeder andern Facultätswissenschaft. 
Darum sollte es zunächst Sorge der Universitäten sein, wirkliche Lehr- 
amtscandidateu zu bilden ; und es wäre ein Act groszer Regierungsweis- 
heit, wenn durch Aufstellung eines Regulativs für künftige Lehrer an 
Gelehrtenschulen das Masz des so geeinigten Studiums bestimmt und so 
reduciert würde, dasz die Vorbereitung für den Lehrberuf nicht mehr 
Zeit, Kraft und Opfer kostete als das Studium jeder andern Facultätswis- 
senschaft.' Hier hei szt es recht eigentlich: ex ungue leonem; und eine 
solche Expectoration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdient 
überhaupt gar keine Widerlegung, die ja ohnehin bei so entgegengesetz- 
ten Standpunkten fruchtlos sein musz. Weil aber bei der dermaligen 
Schulgährungsconfusion im Groszherzogtum Baden auch das Absurdeste 
, auf eine Zukunft rechnen darf, so will ich wenigstens ein paar Worte 
anknüpfen. Und so bemerke ich denn vor allem, das£ solche Forderun- 
gen ein gänzliches Negieren und Ignorieren alles dessen einschlieszen, 
was seit Fr. A. Wolf im Gebiete des Gymnasialwesens zu dessen From- 
men und zur Ehre Deutschlands geschehen und errungen worden ist. 
Dann aber behaupte ich fürs zweite, dasz die Leute des Schlendrians und 
ebenso die Herren des Jesuitismus im Gymnasialwesen mit dieser Her- 
zensergieszung des protestantischen Lyceumsdirectors zu Karlsruhe sehr 
wol zufrieden sein werden und bereit dieselbe zu untezeichnen ; die Je- 
suiten ganz besonders auch deshalb, weil H. Gockel namentlich zu ver- 
stehen gibt, dasz ein besonderes Examen für das Lehramt eine überflüs- 
sige Neuerung sei ; wollen doch die Jesuiten in Oesterreich lieber ganz 
auf ihre Gvmnasien verzichten , als sich einem solchen Examen unterzie- 
hen! Die österreichische Regierung aber ist überzeugt, dasz man auf 
der Ablegung solcher Prüfung durchaus bestehen müsse , sie läszt ihre 
zukünftigen Gymnasiallehrer in philologisch -historischen Seminarien un- 
terrichten , und hat, sobald es ihr mit der Hebung ihrer Gymnasien Ernst 
wurde, nichts passenderes thun zu müssen geglaubt, als aus dem übri- 
gen Deutschland, auch aus Baden, wirkliche Philologen als Lehrer an 
diese Anstalten zu berufen; und der Erfolg hat ihre Maszregei gutgeliei- 
szen. Es freut und beruhigt mich auch, annehmen zu können, dasz unter 
den Schuldirectoren des Badischen Landes wenige sein werden, welche 
sich zu gleichen Grundsätzen bekennen möchten, wie ich denn insbeson- 
dere sicher bin, dasz unter den katholischen Directoren des Grosz- 
herzogtums auch nicht einer von Ansichten der Art zu finden sein dürfte. 
Ueberhaupt haben sich die Katholiken Badens in diesen Dingen immer 
vor den Protestanten ausgezeichnet, und es hat an unsern katholischen 



26 Badische Schullilleratur. 

Gymnasien wenigstens 20 Jahre frflher glücklicher wirkende Gymnasial- 
hauptlehrer weltlichen Standes gegeben als bei den Protestanten. Dasz 
es aber bei diesen , deren Schulen jedenfalls nicht besser sind als die ka- 
tholischen , immer noch spukt und Seufzer der Repristination vorkom- 
men , beweist nicht blosz die mitgeteilte Doctrin des H. Gockel , sondern 
auch eine gleich sehnsüchtigliche Verherlichung des guten Ehemals, wel- 
ches der Vorstand des Lahrer Gymnasiums im Programm der Anstalt von 
1862 zum Besten gibt. Jene alte und althergebrachte Ordnung, rühmt 
er, sei der Kirche wie der Schule segenvoll gewesen, gibt aber zu ver- 
stehen, dasz sich diese geistlichen Lehrer erst im Dienst der Mittel- 
schule klassisch durchgebildet hätten. Heute verlangt man aber, dasz 
der Gymnasiallehrer nicht erst wenn er schon im Amte ist sich seine 
Bildung des Fachmannes erwerbe, sondern dasz er sie in der wesentlichen 
Hauptsafehe schon beisitze. Heute gibt es einen bestimmten Kreis der 
sogenannten höheren Schülwissenschaften , deren Complex buchstäblich 
das Fachstudium des zukünftigen Gymnasiallehrers bildet, welches als 
solches auf allen deutschen Universitäten überall mit dem nemlichen 
Selbstbe wustsein der Zusammengehörigkeit gelehrt wird, wie die andern 
Fachstudien , z. B. das cameralis tische. Ich verweise auf das, was ich in 
meiner Schrift im 11. Kapitel über Vorbereitung, Bildung und 
Prüfung der Gymnasiallehrer nach den Verhältnissen des 19. 
Jahrhunderts gesagt habe. Verbum non amplius addo. 

In vollem Zuge, noch eine schöne Reihe von bedenklichen, halb- 
wahren oder ganz falschen Sätzen und Behauptungen des Verfassers, 
wenn auch nicht zu widerlegen, doch wenigstens aufzuführen, werde ich 
durch die Enge des mir vergönnten Raumes zurückgehalten, und schliesze 
diese Besprechung, welche ganz bestimmt unterblieben wäre, wenn die 
Schrift nicht mit der gegenwärtigen Badischen Schulreform zusammen- 
hienge. So sehr ich übrigens derselben den Werlh einer eigentlich wis- 
senschaftlichen Discussion absprechen muste, und so sehr es für Kenner 
ausgemacht ist, dasz sie in wissenschaftlicher Beziehung, wie ich schon 
früher sagte, die Frage um keinen Ruck vorwärts bringt, so enthält sie 
doch, obgleich übermäszig abhängig von Roth, Raumer, Do derlein, 
Nägelsbach, Thaulowu. a., einzelne gute und nützliche Bemerkun- 
gen des im höheren Schulamte ergrauten Verfassers , mit welchem nicht 
übereinstimmen zu können für mich in eben dem Masze peinlich ist, in 
welchem ich ihm meine volle persönliche Hochachtung widme. 

Die Schrift des H. Intlekofer (Nr. 2), in welcher gute Gedanken 
und feine Bemerkungen in einer wahren Flut des beweglichsten Wort- 
stromes einher drängen , behandelt aus der allgemeinen Pädagogik 
und Didaktik a) das Lernen in seinem Beginne durch das Hinwenden der 
Aufmerksamkeit auf die Gegenstände des Unterrichts, b) das Lernen als 
Auflassen, Behalten, Verarbeiten des im Unterrichte Gebotenen zum 
Zwecke geistigen Wachstums , der Erstarkung und Entwicklung im Wis- 
sen, Können, Empfinden und Wollen ; und c) das Lernen in seiner Ver- 
vollständigung durch fortwährende Uebung. 

Der ganze Aufsatz hat den Charakter einer psychologischen 



Barsche SchuUitterator« 27 

und anthropologischen Grundlegung der Didaktik überhaupt, und 
bezieht sich nicht eigentlich und besonders auf dieGyronasialdidaktik, mit 
Ausnahme einiger Bemerkungen im dritten Abschnitte, welche allein mich 
veranlassen, hier von dem Schriftchen zu sprechen. 

I. Der Jdngling ^rnusz neben der Aneignung festen Willens vorziig- 
lich auch die Fähigkeit eines möglichst sichern und gewandten Erkennens 
und Erfsssens des augenblicklich neu Dargebotenen in sich auszubilden 
soeben , d. h. die Erkenntniskräfle überhaupt möglichst allseitig üben. 
Und in diesem Sinne hauptsftchlich sind unsere Schulen 
Gymnaisien, Uebungschulen, geistige Turnanstalten.' S.35. 

n. 'Die vielen UnterrichtsgegenstSnde, Aufgaben und Uebungen ver- 
halten sich so, dasz keines mit dem vollen Gewichte seines Einflusses den 
Geist des Schülers beherscht und einnimmt. Selbst unsern Hauptgegen- 
stand, Latein, können wir nicht mehr treiben wie ehemals, da noch oft 
und viel Latein gesprochen , lateinisch prftpariert , examiniert und medi- 
tiert wurde, das Latein noch das Hauptbildungsmitlel war, das Erste und 
Letzte, "die Hauptlectüre und oft die Unterhaltung, die Ehrensache für 
Talent und Fortkommen , der Sporn und die Belohnung des jugendlichen 
Eifers und Fleiszes , da noch die Glassiker des alten Latiums neben den 
Griechen, die schon etwas femer lagen, als die unübertrefHichen Muster 
der Natürlichkeit, Kraft und Eleganz in sprachlicher Darstellung bewun- 
dert wurden , Lernlust und Gedächtnis darauf losgiengen und es sich an- 
eigneten und die Gedanken nachfolgen und sich gewöhnen musten; — 
wenn man jetzt dieses Ziel wieder erreichen wollte, müste man nicht 
für einige Zeit wenigstens diese Sprache und ihre Litteratur samt dem 
Leben des Volkes vor allem wieder zum Mittelpunkte des gesamten Ge- 
dankenkreises der Schuler machen? Wenn aber die Zeil und die Umstände 
dies nicht erlauben oder erfordern, so bleibt nichts übrig als dafür 
zu sorgen , dasz bei der Vielheit oder Vielerleiheit der Uebungen an der 
Gesamt- und Hauptsumme gewonnen werde, was einzelne Posten einge- 
büszt haben. Dasz überhaupt so viele Gegenstände gelernt und geübt 
werden können, ohne dasz sie gegenseitig einander hindern, stören, 
Verwirrung erzeugen, ist der glücklichen Einrichtung des menschlichen 
Kopfes zu danken.' S. 30. 31. 

HL ^ Mit geistigen Uebungen verhält es sich wie mit körperlichen, 
es walten dieselben Gesetze, dieselben Erfordernisse. Jeder Gegenstand 
verlangt gewissermaszen einen eigenen Blick, einen eigenen Geist und 
Takt, einen eigenen Schritt und Tritt. Gewöhnen sich die Organe ans 
Eine, werden sie entwöhnt fürs Andere, und ein ständiger Beiter ist kein 
guter Fuszgänger mehr, weil die Beschaffenheit seiner Füsze und Beine 
oder die Haltung derselben sich geändert hat, hat ändern müssen. Darum 
müssen wir oft auf glänzende Erfolge im Einzelnen verzichten, wenn 
unsere Hauptabsicht auf einen Erfolg im Ganzen: Ausbildung durch 
möglichst mannigfaltige Objecte, gerichtet bleibt. Dies ist 
aber die Signatur unserer heutigen Schulen. Und die Schule 
kann wol nicht alles leisten was geleistet werden soll, der Schüler musz, 
je nach seinem Talent und seiner Neigung, in einem und dem andern 



28 Badische SchuUitteratur. 

längere Zeit sich selbst fortüben , versteht sich nur der vorgeschrittene, 
schon einigermaszen selbständig gewordene.' S. 32. 

IV. ^Allerdings müssen besonders jugendliche Köpfe vieles mecha- 
nisch lernen, ohne viele Reflexion auffassen. Aber das kann nicht so blei- 
ben, und in unsern Oberklassen wäre es sicherlich übel bestellt, wenn 
auch da noch so mechanisch zugelernt würde. Da musz durch vielfache 
Reflexion, durch Umschauen, Vorschauen und Rückschauen das Verständ- 
nis der Sache gesichert und zugleich dieses geistige Reflexionsvermögen, 
als der heutigen Bildung unentbehrlich, geübt werden. Gut 
ist es freilich , wenn dieses Verständnis und diese Gewandtheit des geis- 
tigen Blickes von selbst als schöne Blüte oder Frucht aus dem Unter- 
richte und dem Lernen hervorgeht, während dasselbe aus den verschie- 
denen Wissensgebieten Stoff und Reichtum sammelt.' S. 26. 

Ich begleite diese vier Sätze mit folgenden Bemerkungen : 

1. Man sieht auch hier, wie bedenklich es ist, von Dingen wissen- 
schaftlich sprechen zu wollen, ohne sich entweder vorher einen ganz be- 
stimmten Begriff derselben fixiert zu haben oder einen solchen Tm Ver- 
lauf der Besprechung zu erringen. 

2. Der Verfasser will in den hervorgehobenen Stellen offenbar nur 
von d«n Gelehrtenschulen sprechen, was er sagt passt aber fast alles auf 
jede andere Art von höheren Schulen , namentlich ganz besonders auch 
auf die höheren Bürgerschulen. 

3. Er ist, weil er sich den Begriff und das Ziel der Gelehrtenschule 
nicht klar gemacht hat, in hohem Grade in der einseitigen Auffassung 
befangen, dasz die Gelehrtenschulen zuerst und zuletzt Anstalten rein 
hur für die hochgepriesene geistige Gymnastik seien. 

4. Durch diese Ansicht befriedigt und beruhigt, huldigt er dem 
Princip der Zersplitterung des Unterrichts und dem Trugbilde der harmo- 
nischen Allseitigkeit auf eine V^eise, die diesen Anstalten alles Mögliche 
aufbürdet, ihnen aber dadurch auch die Möglichkeit raubt, in irgend Et- 
was ein Rechtes zu leisten. 

5. Zugleich kommt er dadurch so weit, dasz er sich offen zu dem 
Satze bekennt , der Schüler müsse mehr leisten und lernen als ihn die 
Schule lehrt; d. h. er gesteht selber die Unzulänglichkeit der Schule ein, 
statt zu verlangen, dasz man die Schule durch Concentration und Ein- 
schränkung in die Lage bringe, dem schönen Satze zu entsprechen: non 
multa, sed multum. 

6. Was die klassischen Studien rechtmäszig und eigentlichst in den 
Gelehrtenschulen zu bedeuten und anzusprechen haben , davon ist auch ' 
nicht ein Wort die Rede; und der Verfasser kann der vollen Zufriedenheit 
der Realisten und aller, die den wahren Kern de^ Gymnasiaiwesens zu 
vernichten suchen , sicher sein. 

Dieses Nichtwissen oder Nichtwissenwollen des eigentlichsten und 
specifisch- positiven Kerns und Charakters der Gelehrtenschule, dieses 
Hinundherreden ohne klare Begriffe und feste Principien ist vor allem 
der Grund, warum die Discussion über die Gymnasien, ihrer häufigen 
Wiederholung ungeachtet, keine glücklichen Fortschritte macht, und 



Badische Schullitteratur. 29 

dasz die Gegner derselben nicht aus dem Felde geschlagen worden , son- 
dern selber schlagen. Wer nemlich die vielgerühmte ^geistige Gym- 
nastik' als das erste und letzte Ziel dieser Anstalten hinstellt, der ist 
mindestens schon selber besiegt, denn diese ^geistige Gymnastik' kann 
auch aus andern Erkenntnissen ganz entgegengesetzter Art gewonnnen 
werden, nicht aus den specifischen Lehrmitteln der Gymnasien. Dasz 
aber der Lehrstoff dieser Schulen, wenn auch nicht ausschlieszlich, so 
doch mehr als der Lehrstoff anderer Schulen zu solcher geistigen Gym- 
nastik führe, das kann man zwingend niemanden beweisen, wenn er 
nicht subjectiv zu einer solchen Ueberzeugung berufen und geneigt ist. 

Dies hätte sich Herr Dr. Schmitt vor allem klar machen sollen, 
als er daran gieng, seine ^Thesen zur Reform der Badischen Ge- 
lehrtenschule' aufzustellen (Nr. 3)^ welche auch im 9. Hefte dieser 
Jahrbücher von 1862 abgedruckt sind. Die Zeiten sind vielleicht nie da 
gewesen, jedenfalls vorüber, in welchen es gelingen mochte, die Gymna- 
sien als die besten Schulen des Denkenlernens und als die eigent- 
lichst berufenen Sitze des Sprachenlernens, das sich selbst Zweck 
wäre und aus diesem Grunde sich vorzüglich auf die klassischen 
Sprachen zu werfen habe, zu zwingender Geltung zu bringen. Lateinisch 
und Griechisch zu lernen, wird der Zeitgeist unserer Jugend fflrder nur 
dann zumuten, wenn man ihn zu der Ueberzeugung überwindet, dasz 
beides vor allem unerläszlich notwendig, und überdies auch noch sehr 
nützlich isL Und das, glaub' ich, kann man, wenn man (freilich in ande- 
rer Art als Hr. Gockel) aus den Grund gebenden Verhältnissen das Zwin- 
gende herauszuheben, das Ueberschwängliche aber und Uebertriebene 
zu beseitigen weisz, durch das so recht eigentlich der Widerstand her- 
ausgefordert wird, weil es dem Verstände zuwider ist. Ferner, wenn 
die Gymnasien dem Zeitgeiste durch die handgreiflichste Wirklichkeit der 
Erfahrung beweisen, dasz sie in diesen ihnen eigentümlichen Lehrgegen- 
standen ihre Zöglinge zu was Rechtem bringen, dann wird dieser Zeit- 
geist Respect bekommen und sich die Sache gefallen lassen. Leistet man 
aber nichts, das etwas Ganzes ist und sich eine ganze Anerkennung zu 
erzwingen vermag , und bekennen die Gymnasien und ihre Repräsentan- 
ten selbst, dasz ihre Leistungen armselige Halbheiten sind und bleiben 
müssen, dann hat derselbe Zeitgeist vollkommen Recht, wenn er sagt: 
fort mit euch ! 

Nur wer sich nicht von dieser entschieden positiven Auffassung lei- 
ten läszt, kann noch im Zweifel sein, ob das Griechische oder das Latei- 
nische die erste Stelle einzunehmen habe. Nicht aus pädagogisch- 
formalen Rücksichten musz, wie Hr. Schmitt § 8 sagt, dem Lateini- 
schen, als dem einfacheren und logisch geregelteren Organismus, der 
Vortritt vor dem Griechischen eingeräumt werden , auch deshalb nicht, 
weil die lateinische Litteratur weit mehr als die griechische auf den 
Entwicklungsgang der germanischen und insbesondere der deutschen 
Bildung einwirkte, wie § 9 meint, sondern lediglich darum, weil die 
Gelehrten aus allbekannten Gründen das Latein mehr und allgemeiner 
nötig haben , manche sogar es allein nötig haben ganz ohne das Griechi- 



30 Badische SchuUitteratur. 

sehe (z. B. die Juristen), weil also das Latein dem Gelehrten absolut , das 
Griechische hingegen nur relativ notwendig und unerläszlich ist. Ich 
spreche mich aber hier^über diesen Punkt notgedrungen um so energi- 
scher aus, als diese Frage im Groszherzogtum Baden von Zeit zu Zeit 
immer wieder auftaucht.*) Im Jahr 1840 hat Doli als Lyceallehrer zu 
Mannheim in seiner Schrift: *zur Beurteilung der Zeitbedürfnisse der 
deutschen Gelehrtenschulen' den Vorschlag gemacht, den griechischen 
Unterricht dem lateinischen vorangehen zu lassen und dies 1862 von 
neuem aufs Tapet gebracht, Föhlisch in seinem Programm: ^die Ge- 
lehrtenschulen nach dem Bedürfnisse der Gegenwart' hat 1843 diesem 
Vorschlage beigestimmt, und Gockel, welcher diese Frage S. 42 auch 
berührt, weisz für den Vorrang des Lateinischen nichts vorzubringen 
als ^Herkommen und Einrichtung auf unsern Schulen.' 

Die Forderung des § 9 , dasz der Unterricht im Deutschen , Lateini- 
schen und Griechischen auf dem System der Parallelgrammatik fuszen 
müsse, kann sich nur. von jenem bereits oben für unhaltbar erklärten 
Standpunkt gelten machen, auf welchem die Gymnasien Anstalten des 
wissenschaftlichen Sprachstudiums an und für sich sein sollen, und wür- 
de, wenn man sie befriedigte, so recht eigentlich die abstracte Gramma- 
tik auf den Schulthron setzen, welche ein so groszer Hemmschuh des 
Gedeihens des philologischen Gymnasial Unterrichts ist. 

Ebenso musz es als verkehrt erscheinen, wenn nach § 10 das Fran- 
zösische aus sprachspeculativer Rücksicht gelehrt werden soll, und 
nicht , wie ich am Schlüsse meiner Schrift zeigte , deshalb , damit die 
Schüler der Gymnasien der Französischen Sprache Meister werden, was 
insbesondere in Ländern wie das Groszherzogtum Baden schon wegen der 
Nachbarschaft von Frankreich so äuszerst dringend nötig ist. Es ist dies 
ein Punkt, dem in Thesen über das Bad i sehe Schulwesen so recht ei- 
gentlich eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen wäre, aber keine 
Aufmerksamkeit von der Art, wie sie in der These 7 der Lahrer Versamm- 
lung Badischer Schulmänner von 1862 hervortritt, welche also lautet: 
^Kann das Französische als obligatorischer Gegenstand schon in den un- 
teren und mittleren Klassen abgeschlossen, in den oberen dagegen als 
facultativ betrachtet werden?' Nur solche Badische Gymnasiallehrer, 
welche glauben , mau besiegt den Zeitgeist , wenn man ihm die Hand ins 
Gesicht schlägt, nur die, welche mit völliger Bhndheit geschlagen sind, 
können auf solche V^idersinnigkeiten verfallen. 

Uebrigens ist zu merken, dasz die Thesen des H. Schmitt sich blut- 
wenig mit dem specifisch Badischen beschäftigen , sondern sich viel mehr 
und in ihrem ganzen Hauptinhalt auf die Gelehrtenschulen überhaupt be- 
ziehen, deren Organismus er von fast speculativem Standpunkte zu con- 



*) Ich kenne auch die Phantasien anderer, namentlich auch die 
des Hrn. Arnoldt, der in seinem Buche über Fr. Aug. Wolf II 360 
sich so weit verirrt, dasz er eg billigt, wenn Ludw. Hahn die lateini- 
sche Sprache als die Sprache des Katholicismus, die griechische 
als die des Protestantismus bezeichnet! 



Badische Schullitteratur. 31 

stniieren sucht, wobei der Wirklichkeit leider nicht die gehörige Rück- 
sicht wird. Meinen ganzen Beirall hat aber jedenfalls der Vorschlag der 
letzten These, wornach man die Abhandlungen in den Badischen Pro- 
grammen eingehen lassen solle, um mit dem dadurch ersparten schönen 
Stück Geldes eine Zeitschrift für Badisches Gymnasialwesen zu gründen, 
welche freilich nicht in die Hände von Schwärmern und Phantasten gege- 
ben werden dürfte. Ob , wie S 19 vorschlägt , die Zahl der Jahrescurse 
einer vollständigen Badischen Gelehrten schule von 9 auf 8 reduciert wer- 
den solle, was, beiläuGg gesagt, dem Director des Mannheimer Lyceums 
sehr bedenklich erscheint, wird sich nach meiner Ansicht also entschei- 
den lassen : wenn die Gymnasiasten 8 Jahre lang recht , aber auch durch- 
aus recht unterrichtet werden, so müssen und werden sie reif für die 
Universität sein; werden sie nicht recht unterrichtet, dann ist es besser, 
man behält sie in der verkümmernden Mangelhaftigkeit nur 8 Jahre, als 9. 

^Unsere Gelehrtenschulen geben nicht blos die Vorbildung für die 
Facultätsstudien, sondern rüsten aus für jeden leitenden Beruf im 
Staats- und bürgerlichen Leben. So lange der künftige Militär, Forst- 
mann, Architect, Ingenieur, selbst die Kanzleigehülfen angewiesen sind, 
ihre Vorbildung auf diesen Anstalten zu erwerben, so lange wird« er auch 
den Zeitbedürfnissen entsprechen (welche Logik !). Wir sind so glücklich, 
selbst das Zengnisz zur Zeit mächtiger Gegner für unsere Behauptung 
beibringen zu können , es sind die technischen Fachschulen , die zugeste- 
hen, dasz sie ihre intelligentesten und brauchbarsten Zöglinge aus diesen 
verrotteten Anstalten erhalten.' Also spricht H. Gockel S. 14 seiner oben 
besprochenen Schrift. 

Herr Grub er (N. 4) ist ganz anderer Meinung und wendet seinen 
Blick aus Baden nach Preuszen. In Preuszen nehmlich gelten die höhe- 
ren Bürgerschulen, und nicht die Gymnasien , als Anstalten , die den 
Zweck haben , eine allgemeine wissenschaftliche Vorbildung zu denjeni- 
gen Berufsarten zu gewähren, für welctie Universitäls-Studien nicht er- 
forderlich sind. In Preuszen hat also der künftige Baumeister, Ingenieur, 
Forstmann und ähnliche kein Gymnasium durchzumachen, wie in Baden, 
sondern die höhere Bürgerschule gibt ihm seine allgemeine Vorbereitung. 
So, meint Hr. Gruber, soll es nun auch bei uns werden, und deshalb 
müsse man in den gröszeren Städten wenigstens höhere Bürgerschulen 
errichten , die ihrer abschiieszenden Vollständigkeit wegen ^Realgymna- 
sien' genannt zu werden verdienen. Wir geben ihm ganz Recht und 
zweifeln auch nicht, dasz es so kommen werde; ja, wir wünschen herz- 
lich, es möge nicht blos zu Herrn Grubers Freude, sondern auch zu un- 
serer recht bald ein gesunder Zustand der vollständigsten Trennung der 
höheren Bürgerschulen und der Gymnasien eintreten, durch welchen den 
Gelehrtenschulep möglich wird , sich alles fremden Ballastes zu entledi- 
gen und sich und ihrem wahren , reinen Zwecke so recht ganz zu leben. 
Interessant ist übrigens , wenn im nemlichen Athemzuge von Herrn Gru- 
ber verlangt wird, dasz für alle Schüler solcher Realgymnasien, welche 
ein Maturitätszeugnis erlangen wollen , der lateinische Sprachunter- 
richt einen obligatorischen Lehrzweig bilden soll, ein offenes Bekenntnis 



32 Badische Schullitteratur. 

über die grosze Bedeutung des ersten Hauptiehrgegenstandes der Gymna- 
sien, erinnernd an das Wort Rousseau's: il faut apprendre le Latin, pour 
savoir le Fran^ais. Bei der Gelegenheit wird in dem ziemlich unbeholfen 
geschriebenen und manchmal ganz unklaren Aufsatze auch die ungesunde 
Idee eines sogenannten gemeinschaftlichen Unterbaus des Gymnasiums 
und der höhern Burgerschule besprochen und verneinend erledigt, was 
jeder Nichtconfusionarius nur billigen wird, mit dem Wunsche, es möge 
von dieser Fratze in den nächsten 50 Jahren im Groszherzogtum Baden 
gar nie mehr die Rede sein. 

Zu diesem Wunsche veranlaszt uns aber besonders der Umstand, 
dasz diese Marotte in beiden Versammlungen Badischer Schulmänner zu 
Offenburg und zu Lahr eine Rolle spielte, in welcher sich besonders 
Furtwängler bemerkbar machte, der als Redacteur und Hauptanfer- 
tiger der Thesen zur Lahrer Versammlung, gleich die erste These diesem 
Hirngespinnste widmete, aber durch den ganzen Convent einstimmig heim- 
geschickt wurde. Uebrigens waren unter den 23 Thesen nicht blos diese 
und die im Obigen bereits erwälinte über den Unterricht im Französi- 
schen mindestens wunderlich, sondern noch manche andere, z. B. folgende 
zwei: * Welcher Unterrichtsgegenstaud soll an den Gelehrtenschulen, 
welcher an den höheren Bürgerschulen fortan als Gentrum des Unterrichts 
betrachtet werden ?% und ^mit welchem Jahrescurse soll der Unterricht 
im Lateinischen beginnen V Wenn darüber die Gymnasiallehrer noch 
nicht im Reinen sind, so kann es am Ende auch noch unter den Physi- 
kern zur Frage kommen , ob die Sonne bei Nacht scheint oder bei Tage. 
So sehr ich übrigens den klassischen Studien mit ganzer Entschie- 
denheit den Uauptplatz unter den Lehrgegenständen des Gymnasiums vin- 
diciere , ebenso sehr bin ich gegen jede Uebertreibung in diesem Punkte, 
also namentlich gegen die verfehlte Ansicht, welche diese Anstalten un- 
ter anderem auch zu Sitzen der Altertumsstudien machen möchte. 
Ich erwähne dies nur deshalb , weil diese Tendenz offenbar unter folgen- 
der Lahrer These versteckt liegt: ^Ist eine fragmentarische Behandlung 
des mythologischen, antiquarischen, archäologischen Unterrichtsstoffes 
dem organischen Bildungsgang , wie er gefordert wird, entsprechend?' 
Meine Antwort lautet : ja , diese fragmentarische Behandlung ist für das 
Gymnasium schon deshalb genügend, weil das Andere durch Ziel und 
Natur dieser ohnehin so arg überladenen Anstalten rein unmöglich ist ; 
und ich spreche mich im nemlichen abweisenden Sinne auch gegen die 
weitere These aus, welche beabsichtigt, dem künstlerischen Bil- 
dungselement in den Gymnasien ein gröszeres Gewicht zu verschaffen, 
sie also auch zu Kunstanstalten zu machen. Alles hat seine Grenzen, 
und wer zu viel will, erreicht gar nichts. 

Die Lehrerversammlung hat sich übrigens durch solche Thesen zu 
keinen überschossenen und verfänglichen Beschlüssen verleiten lassen, 
sondern Masz zu halten gewuszt und Verstand bewiesen , wie ein kurzer 
Bericht über ihre Verhandlungen in Nr. 230. 31. 33 der Karlsruher Zeitung 
ganz klar zeigt, während ein gröszerer Aufsatz von Furtwängler in 
Nr. 241. 42.44. 45 der Badischen Landeszeitung durch excentrisches Schwär- 



Badische Schullitleratur. 33 

men jene klare VersUndigkeit der Beschlüsse zu trfiben und an die Stelle 
einer gesund scheidenden Ordnung von neuem die liebe Gonfosion zu brin- 
gen sucht. 

Auch über meine Schrift wurde in Lahr verhandelt , indem der Prä- 
sident des Gonvents *der herben Kritik gedachte , welche die Offenburger 
Tersammlung darin erfahren habe , und die Verkennung des Geistes jener 
Versammlung und die Misdeutung einzelner Anträge uud Beschlüsse ge- 
bührend zurückwies, ohne deshalb den sonstigen Gehalt des Schriftchens 
an trefTenden Ansichten in Abrede zu stellen/ Dies veranlaszt mich zu 
folgender Erklärung : 

Ich habe die'Verhandlungen und Beschlüsse jener Versammlung nicht 
etwa blosz zur Folie meiner eigenen Darlegungen gemacht, sondern durch 
die eingehende f^sprechung derselben bewiesen, dasz ich sie und die 
Tersammlung selbst für recht wichtig halte und für berufen , in diesen 
Dingen ein gewisses Vorurteil zu bilden, welches gar leicht auf die Be- 
hörde und auf die Umgestaltung des Schulwesens einwirken möchte. Ich 
muste also um so ernstlicher und gründlicher prüfen und urteilen , wo- 
bei es nur wahrlich unangenehm genug war , mich in. sehr wichtigen 
Punkten ganz entschieden widersetzen zu müssen. Ob ich dies auf eine 
*herbe' Weise gethan habe, mag ich andern zur Entscheidung anheim 
geben; dasz ich dabei redlich und voll des wärmsten und uneigennützig- 
sten Interesses für die mir theure Sache der Gymnasien und der Gymna- 
siallehrer handelte , das weisz Niemand besser als ich. Wollen diejeni- 
gen, welche dies zunächst angeht, solches nicht anerkennen, so sei es 
ihnen gestattet; nicht gestattet aber ist es, einer Schrift, in der jeder 
Satz streng wissenschaftlich begründet ist, statt mit streng wissenschaft- 
licher Widerlegung, mit einem selbstgefälligen Ausspruche entgegen- 
zutreten. 

Freibnrg im November 1862. A. Baumstark. 



8. 

Üeber Erziehung der Jugend zu Vaterlandsliebe und Gemeingeist. 
Eine Schulrede von Dr. Karl Hermann Funkhänel. 
Eisenach 186t. Joh. Friedr. Bärecke. Hofbuchhandlung. 14 S. 

In einer Zeit, wo das Nationalbewustsein unseres Volkes und das 
Gefühl seiner Würde und seiner hohen weltgeschichtlichen Bestimmung 
klarer und -kräftiger als je wieder erwacht ist und alles auf die endliche 
Lösung seiner groszen unabweisbaren Aufgabe hindrängt , ist es erfreu- 
lich, wenn auch die Schule jede Gelegenheit benutzt auf das hinzuweisen 
und hinzuwirken, was am meisten Not thut zur glücklichen Wiederge- 
burt unsres groszen deutschen Vaterlandes , auf Vaterlandsliebe und 
Gemeingeist, doppelt erfreulich , wenn es zur Geburtstagsfeier eines 

N. ^abrh. f. I»fai]. u. P&d. II. Abt. 1863. Hft. 1. 3 



34 Funkhänel : über Erziehung der Jugend. 

Fürsten geschieht, der selbst durchdrungen von Vaterlandsliebe und kla- 
rem Verständnisse seiner Zeit den vviedererri'^chten Nationalgeist und 
Patriotismus nicht zu fürchten braucht. Mit inniger Freude begrfiszten 
wir daher gleich bei ihrem Erscheinen diese Schulrede , durch welche 
der Director des groszherzogHchen Gymnasiums zu Eisenach , Herr Hof- 
rath Dr. Funkhänel, den Geburtstag des all verehrten Landesherm in 
der Aula seines Gymnasiums gefeiert und von seiner eigenen in allen 
freisinnig regierten Staaten Deutschlands unzertrennlichen Liebe und Be- 
geisterung für Fürst nnd Vaterland sowie von dem richtigen Verständ- 
nisse der Gegenwart den schönsten Beweis geliefert hat, in welcher letz- 
teren Beziehung wir uns nicht versagen können folgende Stelle des Ein- 
gangs herauszuheben : ^Eine tiefe Sehnsucht nach dem alten Glänze, nach 
der alten Machtfülle regt sich in den Gauen Deutschlands. In der gewal- 
tigen Strömung, die durch die ganze europäische V^elt geht, soll es 
nicht willenlos, nicht widerstandlos verschlungen werden; in dem 
groszen, tief in alle staatlichen Verhältnisse eingreifenden Kampfe der 
Nationalitäten, diesem mächtig tönenden Weckerufe der Völker, dessen 
sich die politische Hinterlist eben so wie die glühende Vaterlandsliebe be- 
dienen kann, soll das herHiclie, geisteskräftige, wafifenstarke deutsche 
Vaterland nicht das Opfer fremder Gelüste werden. Ja , wer wollte es 
leugnen, auch der Deutschen Nationalsinn ist wach geworden und er- 
starkt , auch das deutsche Volk will auf der Warte stehn und seine Rechte 
vertreten und seine Stimme gelten sehn in dem Rathe der Volker, die die 
Geschicke Europas lenken.' Mit welch feinem pädagogischen Tacte aber 
der Verfasser, ungeachtet seiner warmen Begeisterung für die grosze 
nationale Frage unserer Zeit, zwischen dem in Schulen durchaus ver- 
werflichen Politisieren- und zwischen dem Erwecken und Erwärmen 
unserer Jugend zur Vaterlandsliebe zu unterscheiden weisz, zum 
Beweise dafür finde noch folgende Stelle Platz: ^in die Schule gehört 
nimmermehr Politik mit ihren nach der Zeit wechselnden , nach den Per- 
sönlichkeiten manigfachen Ansichten, mit ihrem Parteitreiben. Der Leh- 
rer versündigt sich au der Jugend, der das politische Treiben des Tages 
in ihr harmloses und zu politischer Teilnahme ganz unberechtigtes Leben 
hineinträgt. Darf aber der Lehrer nicht Patriot sein ? Oder soll die Jugend 
unserer Gymnasien nicht zu Vaterlandsliebe erweckt und erwärmt wer- 
den? Soll sie nicht fähig gemacht werden dann, wann ihre geistige Kraft 
erstarkt , wann das Gefühl für das Recht zum lebendigen Bewustsein ge- 
worden , kurz wann sie sich an Geist und Gemüt dazu tüchtig gemacht 
hat, auch für das Vaterland zu wirken? Gewis hat die Schule, hat na- 
mentlich das Gymnasium die Aufgabe das Seinige dazu beizutragen, dasz 
die Jugend dies Ziel erreiche. Es sind herrliche Worte eines der bedeu- 
tendsten Lehrer an unserer vaterländischen Universität, dasz es eine grosze 
Gnadengabe Gottes sei in einem edeln Volke und in einem groszen auf- 
strebenden Zeitalter geboren zu sein. Und die reifere Jugend sollte nicht 
durch die Schule das Bewustsein der Zugehörigkeit zu diesem edlen 
Volke empfangen , sollte nicht hingeleitet werden zu der Erkenntnis, dasz 
sie in einer groszen, aufstrebenden Zeit lebe, nicht in ihr und für sie 



IHdUi: geognpbiscb^ynchronisUsche Uebergicht der WeltgMch. 35 

mit thfttig seht solle? Wie kann aber dies die Schule, der die Pflicht ob- 
liegt von dem Parteitreiben der Zeit sich fem zu halten ? Wie kan« dies 
das Gymnasium, das nicht einmal einen deutschen Namen tr9gt, das auf 
einer nicht nationalen 'Grundlage seiner wissenschaftlichen Thfttigkeit 
raht, das, wie man so oft mit unfk^eundlicher Betonung gesagt hat, Grie- 
chisdi und Lateinisch treibt?' Wie der Vf. dieses Problem gelöst hat, 
das durch den beschränkten Raum verhindert nachzuweiseu , können wir 
mr empfehlen sdbst nachzulesen allen , welchen für das Wohl unseres 
Vaterlandes wie ffir unsere studierende Jugend ein warmes Herz im Bu- 
schl&gt. 
Weimar. Putsche. 



GeognEpUsch-synchromHische üebersichi der Wettgeschichie fxm 
Theodor Dielitz^ Professor und Director der Königs, 
städüschen RecUschule zu Berlin. Vierte verbesserte und 
vermehrte Auflage. Berlin 1861, Duncker. IV u. 40 & 4« 

Auszerdem dasz der Hr. Verf. die neueste Geschichte bis zum Jahr 
1860 fortgeführt hat, finden wir in dieser neuen Auflage auch manche 
anderweite Berichtigungen und Abänderungen. Die tabellarische Uebersicht 
ist fibrigens auch zum Gebrauch hei öffentlichen Prfifungen den Exami- 
nanden hohem Orts empfohlen worden. Der Hauptvorzug besteht immer 
noch in den historisch-geographischen Uebersichten , da dergleichen Ent- 
würfe den Schülern zur selbständigen Kartenzeichnung sehr dienlich sind. 
Gleichwol wäre doch erwünscht noch auszerdem eine kurze Uebersicht 
über die drei dem Altertum bekannten Erdteile im allgemeinen vorange- 
schickt zu sehen ; so wie dieses auch bei den Schulatlanten noch immer 
räthlich ist, die meistens keine allgemeine Karte von Asien enthalten, 
was leicht durch Doppelblätter geschehen könnte. — In Hinsicht der 
Chronologie sind namentlich für die alte Geschichte manche neuere Data, 
wie sie sich z. B. bei Schäfer und Peter finden, nicht aufgenommen wor- 
den , andere, die für sicherer angenommen , nicht berücksichtigt worden ; 
vgl. S. B Moses 1500 v. Gh. ; die dem umsichtigen Bunsen folgen, setzen 
richtiger die Jahreszahl 1320. Bei 880 ist Sardanapalus und die Teilung 
des altassyrischen Reiches nicht erwähnt. Jedenfalls müste ein anderes 
Datum (etwa 624) dafür angesetzt sein. Die Aera Nabonassari (etwa 747) 
kann auch erwähnt werden. Beim Namen Nebucadnezar dürften auch die 
hei Profauscribenten vorkommenden Namen Nabopolassar und Labynetus 
ihren Platz finden. — 449 (oder 450) ist der Cimonische Friede namhaft 
zu machen , wenn derselbe auch nicht völlig ratificiert worden ist. 

Artaxerxes Dt. Ochus, wäre beizufügen : ^hob das Reich wieder', da 
er doch Phönicien, Aegypten usw. wieder unterwarf. S. 9 *Macedonien*, 
die Schlacht bei Kompedion am Hellespont (282) ist als Endpunkt für die 



36 Dielitz: geographisch-synchronistische Uehersicht der Weltgesch. 

gefallenen gröszeren Generale Alex. G. anzuführen , so wie auch hei 312 
die Aera Seleucidarum. — S. 13 ist nach ^250 Ghristenverfolgung' einzu« 
schalten : 285 Aera Diocietiani s. martyrum , da dieselbe eigentlich histo- 
risch ist, wahrend selbst die grausame Verfolgung unter Nero in Zweifel 
gezogen ward. — Vorzüglich gut sind die geographischen Uebersichten 
von Deutschland; die Einteilung in Kreise (S. 16 u. 21), so wie auch nö- 
tige Zusätze (S. 18 u. 19) bei ^Spanien, Slaven und Araber' beigefügt 
sind. Die Angaben der verschiedenen deutschen Kaiserhäuser sind genau. 
Die Kreuzzüge könnten näher bestimmt werden durch folgende Angaben : 
1) Kz. 1096—1099, 2) 1147—1187, 3) 1189—1192, 4) die Eroberung 
Konstantinopels usw. 1199—1204, 5) 1228—1245, 6) 1248—1250. Die 
Angabe in unserer Uehersicht: 1291 (S. 23) Ende der Kreuzzüge ist nicht 
passend, da fern von neuen Kreuzzügen, die eroberten Besitzungen nach 
einander in die Hände der Sarazenen zurüclLÜelen. — S. 19. Byzanz. 843 
heiszt es zwar: * Trennung der griechischen von der römischen Kirche'; 
doch ist dieselbe erst 1054 durch gegenseitigen Bann förmlich ausge- 
sprochen worden. — ^1200 Italien' ist beizufügen: Höchster Gipfel der 
päpstlichen Macht (1198 — 1216). S. 25 ^Byzanz' beizusetzen: ^Gonstan- 
tin XI, letzter Palaeologe'. — lU. Periode 1789 — 1860. Die geographische 
Einteilung Frankreichs von 1790 und 1792 könnte genau angegeben wer- 
den, da luerauf die beiden Pariser Friedensschlüsse vou 1814 und 1815 
beruhen. Vielleicht wird eine spätere Auflage auch einigen Koryphäen, 
die der Litteratur oder der Gulturgeschichte angehören , einen Platz an- 
weisen. Dieses braucht keineswegs in einem Umfang zu geschehen, wie 
unter andern bei Kohlrausch; es würde aber jedenfalls ein solcher Zu- 
satz dem so zweckmäszigen und mit Recht empfohlenen Abrisz eine noch 
gröszere Vollkommenheit geben. ' 

Mühlhausen in Thüringen. Dr. Mühlberg. 



9. 

LeUfaden der vaterländischen Geschichte für Schule und Haus. 
Von Dr. Ludwig Hahn, Mit Tabellen und einer Zeittafel. 
Elfte Auflage. Berlin, Hertz (Besser) 1862. VI u. 192 S. 
kl. 8. %Thlr. 

Der Auszug des Werkchens ist dem gröszern V^erke des Verfassers 
^Geschichte des preuszischen Vaterlandes' entnommen. Er hält die Mitte 
zwischen einem zu detailliertem Abrisz und einer zu aphoristischen Dar- 
stellung, da er sich durch einen annehmlichen und bei der Kürze dennoch 
deutlichen Stil empfiehlt. Zu wünschen wäre jedoch neben der Reihenfolge 
der brandenburgiscben Regenten auch einer Angabe der gleichzeitigen 
deutschen Kaiserhäuser oder bedeutender Kaiser in einer Parenthese ei- 
nen Platz anzuweisen, etwa folgendermaszen : Markgrafen aus dem Hause 



Hahn: Leitfaden der vaterländischen Geschichte. 37 

Ballenstedt usw. 1134 — 1320 (Dtschl. Sachs. Lothar, Hohenstaufen, Inter- 
regnum , Hahsh. Luxemb. böhm. Haus , Kaiser usw. usw.). Auch dürfte 
das Geographische und zum Teil das Ethnographische etwas bestknmter 
sein. (S. 3 lies Rethra für Rhetra, S. 106 letzte Zeile lies für Hubertus- 
borg in Schlesien : Hubertusburg in Sachsen östl. von Leipzig am Kulm- 
berg). Einzelnes Historische betreffend ist S. 4 zu bemerken, dasz Al- 
brecht der Bär (zuzusetzen: nach seinem Wappen genannt) bereits 1125 
den Titel: Markgraf der Nordmark angenommen, sich aber 1143 Markgraf 
von Brandenburg geschrieben habe. S. 111 wird die Echtheit Waidemars 
ganz bezweifelt: indessen sind Klödens Gegengründe nicht ganz zu ver- 
werfen. — Interessant ist die Darstellung: ^Zweites Buch' Hohenzollem, 
besonders über Friedrich I usw., über die Quitzows , über die schöne 
Else : auch über Friedrichs Bemühen Huss zu retten und über die Ver- 
söhnung mit den Hussiten. Desgleichen auch die Biographie Friedrichs 
des Eisernen. ^. 23 ist der Kampf des Markgrafen Achilles mit Johann, 
Herzog von Sagan , eigentlich Herzog Hans der Grausame genannt; nicht 
deutlich specificiert. — Hervorzuheben ist noch S. 25 ^die Beformation, 
ihre Bedeutung, Joachims I. Nestor Widerstand und die Kurfürstin Elisa- 
beth.' S. 31 wird der Uebergang von den deutschen Bittem zum Her- 
zogtum Preuszen gemacht. In die Begierungszeit Johann Georgs konnten 
auch die Stiftung des Berlin. Gymnasiums und des Kanzlers Distelmeiers 
Verdienste eingereiht werden. S. 41 — 47 der 30jährige Krieg, im allge- 
meinen und dann für Preuszen usw. behandelt, bis zur Beendigung des 
Bedrftngnisses in Brandenburg nach dem Ableben Georg Wilhelms. — 
Drittes Buch : Geschichte Preuszens vom groszen Kurfürsten bis zum Be- 
gierungsantritt Friedrichs des Groszen. Die Biographien beider Monar- 
chen enthalten in der Darstellung , selbst bei Bekanntem, dennoch den 
Reiz der Neuheit, 

Die persönlichen Fehler des Kurfürsten, von denen er, wie jeder 
Sterbliche nicht frei war, z. B. seine zu grosze Abhängigkeit von seiner 
zweiten Gemahlin, der Dorothea, sind freilich nicht berührt: seine un- 
verkennbaren Vorzöge überwogen diese Schwäche. Dasselbe gilt auch 
von dem zweiten der gekrönten Koryphäen Preuszens, der im vierten 
Buche tS. 83 — 120) in einer seinem Charakter entsprechenden Darstellung 
geschildert wird. Die Fehltritte Friedrich Wilhelms H sind nicht ver- 
schwiegen, wogegen Friedrich Wilhelm HI in seiner ganzen Gemütlich- 
keit und nach seiner Gerechtigkeitsliebe gewürdigt wird. In (S. 135) 
'Preuszens Wiedergeburt' werden nach Gebühr die Staatsmänner hervor- 
gehoben, welche Preuszeniä Nationalität von neuem belebten. So wie 
überhaupt der Verf. die Schilderungen der weiblichen fürstlichen Cha- 
raktere annehmlich und treffend dargestellt hat, so gilt dieses besonders 
vom Leben der Königin Luise (vgl. vorzüglich über ihr Lebensende , S. 
139 — 142). — S 44 * Preuszens Erhebung'. S. 142 — 168 schlieszt mit 
dem Testamente des von seinem Volke geliebten Monarchen. Friedrich 
Wilhelms IV Bestrebungen den Frieden zu erhalten werden besonders 
belobt. Ein Verdienst, welches gewis keine politische Partei verkennen 
wird. Schlieszlich werden die Hoffnungen ausgesprochen , dasz auch von 



38 Kurze Anzeigen und Miscellen* 

Seiten des jeUt regierenden Landesvaters sich noch immer erwarten Uiszl 
einer freudigen Zukunft entgegengehen zu dürfen. — S. 177 Zeittafel der 
vaterländischen Geschichte von: vor 500 n. Chr. bis 1861 S. 186 — S. 
187 u. 188 die wichtigsten Tage des preuszischen Geschichtskaienders 
nach den Tagen jedes Monats geordnet, als 1. Januar 1814, 17. Januar 
1701 usw. usw. — S. 189 u. 190 Reihenfolge der brandenburgisch - preu- 
szischen Regenten. Hier wäre nach 1308 — 1319 ^Waldemar' noch anzu 
geben, 1320 Heinrich III, Interregnum 1321 — 1323. 

Zuletzt ist zu beachten die ^Uebersicht über die allmähliche Ver* 
gröszerung des brandenburg.-preuszischen Staats seit der Regierung der 
Hohenzoliern.' Erwerbungen, Zeit der Erwerbung. Flächeninhalt usw! 
Einwohnerzahl und Zahl des Heeres. Zum Einstudieren, besonders bei 
gesetzlich verlangtem , reicht der aus dem gröszem Werke unseres Ver- 
fassers entstandene Auszug vollkommein aus, da er die Hauptsachen 
erörtert. 

Mühlhaosen in Thüringen. Dr. Mühlberg, 



Kurze Anzeigen und Miscellen. 

I ! 

GuHuffgeschichtliche und lilterftrische Hitteilungen zuß Griechentaiid. 



Wenn auch schon vor den Jahien 1833 and 1834, wo anter der 
baleriachen Kegentschalt so Vieles in Griechenland fiir Belebang nnd 
Hebung der in allen Beziehnngen mehr oder weniger ungeordneteD 
Zii^tände des Landes und Volkes goscbab, wenn in manchen Sebnlen 
Qriechenlands auch die lateinische Sprache neben der al^iecbiscbenf 
80 wie neben der französischen, italienischen und englischen, gelehrt 
ward, so waren dies doch nur geringe und nnbedentende Anfinge, 
die damit auf diesem Gebiete gemacht wurden. Später gesoliah es 
unter günstigeren Verhältnissau mit grösserem Ernst und Eifer, und 
zwar zunächst auf der Insel Aegina, wo im Herbst 1833 anter Genna- 
dios das. erste Gymnasium von der Regentschaft errichtet worden war. 
Hier war es der deutsche* Ulrichs (gestorben in Athen als Professor 
der lateinisehen Sprache und Litteratnr an der Universität, Oetober 
1843), der unter den grösten Schwierigkeiten Latein (zagleieb aiieb 
Deutsch) zu lehren anfieng; denn er mnste nicht allein die Abneigung 
und die Vorurteile der jungen Griechen gegen das Lateinische besiegen 
(trotzdem dasz es selbst Korais ans verschiedenen Gründen und zu ver- 
schiedenen Zwecken seinen Landsleuten zum besonderen Stadium em- 
pfohlen hatte)*), indem sie es für überflüssig, ja für eine Brücke nnm 
Papismus. hielten, da man in der Levante die römischen Katholiken als 
Lateiner zu bezeichnen pflegt, sondern es fehlte auch an allen nötigen 
Hülfsmitteln. Ulrichs muste die Griechen erst die lateinischen Buch- 



*) So sagte Korais in den Prolegomenen zum Plntarch (Band I 
S. Ml') sehen ha «f. 1809: 'Avayiutilbv titvai^ vä awodtvnui i} naQudo^ 



Kurze Anzeigen und Mi^cellen. 39 

sUban schreiben lehren, dann die Declinationen und Conjogationen an 
die Tafel schreiben und sie abmalen lassen, bis er nach einem nnd meh- 
reren Jahren die ersten Handbücher drucken lassen konnte.*) ^Wer 
die damaligen Zustände nicht mit durchlebt hat', schrieb Ludwig Boss 
im Jahre 1854, 'ahnt nicht und kann es nicht ermessen, welche Rie- 
seoschritte Griechenland in diesen 20 Jahren gemacht hat. Ulrichs aber 
ist der Gründer lateiniseher Studien in Hellas.' (S. 'Erinnerungen und 
Mitteilungen aus Griechenland von Ludwig Ross. Mit einem Vorwort 
TOD Otto Jahn', Berlin 1863, S. 71). 

Das vorstehend erwähnte Gymnasium auf der Insel Aegina wurde 
später nach Verlauf einiger Jahre nach Athen verlegt , und so wie dann 
die Lehrkräfte teils durch die Heimkehr junger Griechen von den Uni- 
versitäten Europa's, teils durch Berufung eiuiger fähiger Lehrer von 
den jonischen Inseln sich mehrten, wurden nach und nach auch noch 
andere Gymnasien, in Nauplia, auf Syra (Hermupolis) usw. errichtet. 
Endlich kam auch im Jahre 1836 im Schosze der Regentschaft der Ge- 
danke der Gründung einer Universität (in Athen) sur Reife, nnd die 
Ausführung desselben ward damals vom Staatskanzler Grafen Armans- 
perg dem Gabinetsrath Frei aus Rheinbaiern übertragen. Der Entwurf 
einer Universität kam im Spätherbst 1836 durch denselben su Stande; 
allein er war in seiner ersten Gestalt unausführbar. Wie dies auch auf 
anderen Gebieten des öffentlichen Lebens in Griechenland geschehen 
war, so geschah es auch hier, dasz man unter Formen und Normen, 
die man aus Europa mitbrachte, ohne dasz sie für Griechenland sieh 
eigneten , das dortige Leben und die Verhältnisse des Landes und Vol- 
kes neu zu erschaffen und die Wiedergeburt beider zu begründen ge- 
dachte, statt dabei an vorhandene Elemente, an bestehende Einriohton- 
gen und Formen oder an den Geist, an Ansichten und Gewohnheiten 
des Volkes anzuknüpfen. War in dieser Beziehung, unter dem Einflüsse 
der Erinnerungen an das alte Griechenland, Friedrich Thiersch in sei- 
nem Buche: *De IMtat actuel de la Gr^ce et des moyens d*arriver k 
sa restaoration' (1833) in einzelnen Punkten vielleicht zu weit zurück- 
gegangen, während er in anderen die bei der Neugestaltung des grie- 
chischen Staats zu nehmenden Rücksichten teils auf die vorgeschrittene 
Cultur des Abendlands , teils auf den Geist des Orients und die Tradi- 
tionen der griechischen Nation auf das rechte Masz verständig zurück- 
geführt und festgehalten hatte, so geschah dagegen von Seiten der 
baierischen Regentschaft häufig das Gegenteil, zum offenbaren Nachteil 
für Griechenland und das griechische Volk. Der genannte Frei war, 
sagt Ross in seinen obgedachten ^Erinnerungen und Mitteilungen' S. 101, 
was man einen echten Bureaukraten nennt; über diesen Gesichtskreis 
giengen seine Blicke nicht hinaus. Formwesen, ziemlich gedankenlose 
Wiederholung der ihm aus Baiern vertrauten und geläufigen Formen und 
Normen , sie mochten für Griechenland passen oder nicht , das war seine 
Hauptthätigkeit ; auf Förmlichkeiten hielt er grosze Stücke. So war in 
seinem Entwurf einer Universität alles vorgesehen, auch Dinge, von 
denen man in Griechenland keinen Begriff hatte , landsmannschaftliche 
Verbindungen, Stndentenexcesse , Duelle, Relegationen, Oarcer; aber 
sehr bald bildete sich bei den Deutschen , wie bei den intelligenten und 
urteilsfähigen Griechen die Meinung, dasz die Sache so, wie sie auf 
dem Papier dastand, nicht ausgeführt werden könne. Der Frei^sche 
Entwurf ward daher revidiert und abgeändert, von seinen unnötigen 



^) Es gibt von Ulrichs zuerst eine ^rQa(t,fittti%'i tjig XcttiviiiTJs vX(D0. 
(Ti7fi% 2 Bde. (Athen 1835 u. 1837), dann *Ihoixeim9ri itccd^fkcertt rriq 
lativiK'^g yltDaatig^ (Athen 1836), endlich ein ^Ab^ihov XativoSlXtivt' 
xdv' (Athen 1843, zweite vermehrte Ausgabe von Kumanidis, 1854). 



40 Kurze Anzeigen und Miscellen. 

Answiiohsen gesäubert 9 nod die UniverBität ziemlich nach dem Muster 
der norddeutschen Anstalten dieser Art organisiert. In dieser Masze 
fand die Erö£Fnung der Universität in Athen im Anfange des Mai 1837 
statt. 

Der den Lesern vielfach bekannte Alexander Risos Bangawis , der 
auch bei der Bedaction der Nia Tlav^eiga beteiligt ist, gibt seit Au- 
gust 1862 eine politische nnd litterarische Zeitung unter dem Titel: 
*H Evvofiia (wöchentlich Eine Nummer) in Athen heraus. Wenn sich 
diese Zeitung nach den in ihr enthaltenen Leitartikeln im Allgemeinen 
durch die verständigen politischen Grundsätze empfiehlt, zu denen der 
Herausgeber sich bekennt , und wofür er in den Jahren 1855 f. sls Mi- 
nister der auswärtigen Angelegenheiten eine g^te Schule staatsmänni- 
Bcher Weisheit unter schwierigen politischen Umständen durchgemacht 
hat, so verdient es auf der anderen Seite eine besondere Anerkennung, 
dasz der Herausgeber in den, jedenfalls von ihm selbst herrührenden 
Artikeln es sich angelegen sein läszt , durch ein reineres Neugfriechisch, 
dessen er sich mit Geschick und Geschmack bedient, anderen Blättern 
ähnlicher Art als Muster zu dienen.*) War dies von ihm unter allen 
Umständen zu erwarten , so gewährt nun auch im Allgemeinen die Sorg- 
falt und verständige Art,. mit welcher er verfährt, ein hohes Interesse, 
da man dabei zugleich wiederholt die besondere Gelegenheit hat, die 
Bifdsamkeit der Sprache an und für sich, sowie ihre Anwendbarkeit 
auf moderne Begriffe und Gegenstände zu erkennen und wahrzunehmen. 
Vornehmlich in diesem Betrachte hat hier die gedachte Zeitung eine 
Erwähnung verdient, indem sich mit dem politischen und litterarischen 
Interesse , dem sie dienen soll , in der angegebenen Beziehung auch das 
sprachliche Interesse verknüpft, das ihr namentlich für das gelehrte 
Ausland eine Art Werth verleiht.**) 

Ohne übrigens in dieser Hinsicht auf Einzelnes hier weiter eingehen 
zu wollen, beschränke ich mich vielmehr nur auf vorstehende allge- 
meine Bemerkungen. Dagegen entlehne ich aus den mir vorliegenden 
Nummern der genannten Zeitung für näherliegende Zwecke noch einige 
litterarische Mittheilungen. Aus dem Nachlasse des dem gelehrten Eu- 
ropa bekannten, vor einigen Jahren in Athen verstorbenen Konstantin 
Oikonomos hat dessen Sohn, Sophokles Oikonomos, einen ersten Band 

*) Darf dies im Allgemeinen wol behauptet werden, so muse man 
doch im Einzelnen bemerken , dasz es dabei an der nötigen Consequenz 
noch gar zu sehr fehlt« Ebenso häufig, als man iv mit dem Dativ fin- 
det, wird statt dessen (in dem nemlichen Sinne und zur Vermeidung 
des Dativs) auch s ^9 mit dem Accusativ gebraucht usw., und doch sollte 
man solche Unsicherheit in Anwendung der Regeln der Grammatik ge- 
rade hier vermeiden. 

**) Um hier nur einige Beispiele dafür anzuführen , so entlehne ich 
aus der Evvofiüc folgende Ausdrücke und zum Teil neugebildete Worte: 
telog tmv 9io9{mv, Ohausseegeld , in^^ei^is, Demonstration, xgedyga- 
(po9^ Schuldschein, intelBati^Qiov y Exequatur (bei Handelseonsiün), 
nQoo^evtiTiog , Fortschrittsmann, inifißaaig, Eingriff, Intervention (fj 
fiij inifjbßaaigj die Nichtmtervention) , vnoiffijtptog slg tag hiXoydg, Wabl- 
candidat, inloytnbg vofiog, Wahlgesetz, ^txoyojii^cr , Proceszordnung, Pro- 
ceszrecht, TrjXsyQdq>7jfta (nicht TjjXsyQafAfia) , telegraphische Depesche. 
Auszerdem verzeichne ich noch folgende, die ich anderswo gefunden 
habe: nctf/xpoofi^ov, Omnibus, ^ inl zmv ol%o9ofnov initgonii, Bau- 
commission, iisTaatixrj inirgonfj, Prüfungscommission, avifjtim, bera- 
then (von Kammerverhandlungen), avititriütg^ Discussion, dovifiviiti, 
ohne Discussion. 



kurzie Anzeigen und Miscellen. 41 

'0mi6pL99a iK%lfi6tactnia avyygäfifMtta* (Athen 1802) herausgegeben. Die 
E^vopL^cc enthält darüber in ihrer 7. Nummer (vom 22. Sept. 1802} eine 
Anseige von 8. D. Byzantios*), die zugleich im Allgemeinen der rer- 
dienten Anerkennung der hohen wiBsenschaftlichen und patriotischen 
Verdienste des K. Oikonomos einen gebührenden, wenn schon von en- 
komiastischer üebersohwKnglichkeit nicht ganz freien Ausdruck verleiht. 
Aus der Anzeige ist zu ersehen, dasz der erschienene erste Band der 
'kmlfiüiatnitiä (Fvyy^d^/tMxra', ausser der als ^noXvxQotog'* bezeichneten 
'Kat^XV^^9*f nnter anderm einen von Oikonomos auf Veranlassung des 
Präsidenten Kapodistrias entworfenen Plan einer 'kirchlichen Akademie 
für die Griechen', eine erklärende Paraphrase des ersten Psalms, drei 
Abhandlungen: xsgl ßenxoloyiag, negl ZaxaqCov xov natQog tov n^o- 
iffOfifOVf und n8Ql fuiymv enthält. 

Seit 1802 erseheint in Athen eine neue wissenschaftliche Zeitschrift : 
eine juristische Bevue {NoyLi%i^ inid'smQfiing)^ die teils Originalaufsätze 
griecldscher Bechtsgelehrten (vofkOfucd'tSv) ^ teils Uebersetzungen werth- 
voller Artikel juristischen Inhalts liefert. Sie kann bei der in Griechen- 
land sieh kundgebenden ernsten Beschäftigung mit den Wissenschaften 
als ein Zeugnis für die intellectuelle und sittliche Entwicklung des Volks 
angesehen werden. Als Herausgeber der Zeitschrift wird ein im Justiz- 
ministerium angestellter Grieche, Daskalopulos , genannt. 

Mit der in Athen erscheinenden , ausser Griechenland viel gelesenen 
Nia ncevdngcc erseheint, von Nr. 302 (15. Oct. 1802) an, eine neugrie- 
chisehe Uebersetzung des Buches von Leop. Ranke: 'Die serbische Re- 
vohition' von Alezander N. Kostis, Doctor der Rechte. Jedenfalls sind 
solche uebersetzungen wissensehaftlicher Werke des gelehrten Auslan- 
des verdienstlicher, als die von Romanen, Novellen und Erzählungen, 
s. B. aus dem Französischen, wie man ihnen nicht selten in griechi- 
schen Zeitschriften und sonst auf dem Gebiete der neugriechischen Lit- 
teratur begegnet, und die man geradezu verwerfen musz, dafern ihnen 
nicht ernste Zwecke , wie historische und culturgeschichtliche , oder sitt- 
liche Momente zu Grunde liegen. 

Eine solche historische Novelle (wenn man sie mit diesem Namen 
bezeichnen will), übrigens ein reingriechisches Litteraturerzeugnis , er- 
schien in Athen 1802 unter dem Titel: *0 Koctaavttovrjt:^ von Ramphos. 
Der Verfasser selbst nennt es: KlBq>xi%ov Inucodiov ^'EHijfixov ^v- 
d'iexoQTjtMC , aber es ist nichts weniger als ein Roman, vielmehr ist es 
die Lebensgeschichte eines jener kriegerischen, freien und unabhängi- 
gen Nationalhelden des neuen Griechenland, die unter dem Namen 
Klephten bekannt sind , und zwar eines der ausgezeichnetsten derselben 
in Epirus aus der Zeit des Ali Pascha von Janina, des Katsantonis, 
dessen Heldenthaten , Muth und Unerschrockenheit noch vielfach in den 
Liedern des griechischen Volkes gefeiert werden.**) Der Verfasser gibt 
darin die zu einem Ganzen verschmolzene Zusammenstellung von Scenen 
in einfachster naiver Schilderung, ohne alle falsche Romantä und künst- 
liche Berechnung eines gemachten Interesses, voll wilder roher Natnr- 



*) Es ist jedenfalls der nemliche, der durch seine lexikalischen 
Arbeiten rühmlich bekannt und auch Verfasser des auf drei Bände be- 
rechneten Werkes über Konstantinopel ist, von welchem im Jahre 1862 
der zweite Band erschien. 

**) Solcher Volkslieder, deren Gegenstand der genannte Katsantonis 
ist, teilt Passow in seiner Sammlung: ^Popularia carmina Graeciae re- 
centioris' (Leipzig 1800), p. 70 acht mit. In dem oberwähnten Buche 
von Ramphos finden sich noch zwei andere nletptina tgayovdia auf 
Katsantonis. 



*42 Kurze Auzeigeu und Miscelien. 

kraft : wunderbare poetische Details aus dem Leben an das Leben spre- 
chend, nnd durch ihre Einfachheit und Wahrheit das Gefühl und die 
Phantasie ergreifend und fesselnd. Ein griechischer Kritiker hat vollkom- 
men Recht« wenn er meint, dasz man beim Lesen dieses Lebens des 
Katsantonis an Homer, namentlich an die Iliade erinnert werde; er 
selbst sei wie Ajax oder Odysseus, oder wie ein anderer jener Heroen, 
und die einseinen Details nnd Scenen vergegenwärtigten die Schlachten 
vor Ilium oder führten in den Palast des Antinons. Man versetze, be- 
merkt er, in Gedanken den Schauplatz einer Schlacht des Katsantonis 
aus Epirus nach Kleinasien, von den Höhen ded Pindus an die Ufer 
des Skamander, man verwandle die Flinte in einen Speer, den Mantel 
in die Chlamjs, und man könnte meinen, irgend eine längst aus dem 
Gedächtnisse entschwundene Episode aus der uralten Dichtung vor sich 
zu haben. Nur der dunkle Hintergrund, den in ^er Geschichte aus 
dem 19. Jahrhunderte der Tyrann von Epirus mit den widerlichen Aus* 
geburten raffinierter Bosheit und Grausamkeit darbietet, fehlt der Dar- 
stellung jener glücklichen Zeiten der natürlichen Einfachheit und inni- 
gen Naivetät, wo die Cultur noch nicht — das Schieszpulver erfunden 
hatte. Als eine interessante Zugabe zu dem ^KkBtpti'nov innaoSiov^ 
des jGriechen Ramphos darf man das ^Leben des Katsantonis' (B/og 
KataccvtcivT)) bezeichnen, das bald nachher ebenfalls in Athen erschien, 
und dessen Verfasser, der Advocat Ep. Phrangistas, einen groszen Teil 
der dabei von ihm benutzten biographischen Mitteilungen ans dem 
Munde seines Vaters, eines alten Mitkämpfers des Katsantonis, erfah- 
ren hat , der auch in einem bekannten V^lksliede auf den Tod des Kat- 
santonis Erwähnung findet. *) Die Lebensbeschreibung des letztem von 
Phrangistas ist ein werthvoller Beitrag zur G^chichte des griechischen 
Volks aus den Zeiten der Knechtschaft. 



In einem Beiblatt zu Nr. 8 der obgedachten Zeitschrift 'H* Edvo[iia 
wird ein , politisch und statistisch , auch culturhistorisch betrachtet, 
vielfach interessantes Actenstück, nemlich eine vertrauliche Denkschrift 
(ifintat8vti%dv vnofivrjfia) mitgeteilt , welche von Alexander Risos Raur 
gavis im Juli 1856, zur Zeit da er in Griechenland den Posten eines 
Ministers der auswärtigen Angelegenheiten bekleidete, dem griechischen 
Gesandten in London zugegangen war. Ihr Hauptzweck war, gewisse 
damals verbreitete falsche Vorstellungen und Nachrichten über die in- 
neren Zustände und Verhältnisse des griechischen Königreichs durch 
eine genaue Darstellung dieser Zustände auf den einzelnen Gebieten des 
öffentlichen Staatslebens (Verfassung, Justiz, Kirche und Schulwesen, 
Marine und Handel, Militär, öffentliche Sicherheit, innere Verwaltung, 
Finanzen, äuszere Beziehungen und öffentlicher Geist) zu widerlegen 
nnd sie auf ihr richtiges Masz nnd Verhältnisz zurückzuführen. Die 
Wichtigkeit des Actenstücks an und für sich und im Einzelnen ist un- 
zweifelhaft; indes kann ich mich hier nur veranlaszt finden, aus djem 
Abschnitte über Kirche und Schulwesen folgende zwei Stellen über die 
griechische Geistlichkeit und den Öffentlichen Unterricht mitzuteilen. 
Namentlich das über den öffentlichen Unterricht Gesagte ergänzt gewis- 



*) Jedenfalls derselbe, der in der Passow*schen Sammlong S. 83 in 
einem Volksliede auf den Klephten Lepeniotis, den Bruder des Katsan- 
tonis, erwähnt wird, wo aber irrig (Nr. CHI. V. 13) dQoty%Cotu stdbt 
statt ^Qayyicta, wenn schon der Name ebenso in der griechischen Ori- 
ginalsammlung des Zampelios steht, aus welcher Passe w jenes Volkslied 
entlehnt hat. 



Kurze Anzeigen und Miscellen. 43 

sermaszen meine in Obigem, sowie in Bd. 86« Hft. 10 S. 504 f. enthal- 
tenen Mitteilnngen und gewährt ein cuUnrhistorisches Interesse. 

'Die grieclÜBche Geistlichkeit^ heiszt es dort, 'hat zu allen Zeiten 
dem Vaterlande grosze Dienste geleistet. Während der Jahrhunderte 
der Knechtschaft war sie es, die gröstenteils das heilige Feuer der 
Nationalgefühle bewahrte, besonders die Wissenschaften pflegte, Aus- 
daner und Geduld predigte, und darin mit gutem Beispiel vorangieng. 
Allein der gröste Teil der Geistlichkeit entbehrt auch noch jetzt einer 
gründlichen Bildung, sowie er auch noch nicht auf die sittliche Verbes- 
semng des Volkes kräftig einzuwirken vermag. Da jedoch die Regie- 
rang erkannt hat, dasz die Geistlichkeit auf die moralische Vervoll- 
kommnung in jedem Lande den grösten Einflusz ausüben kann, so 
läszt sie es sich besonders angelegen sein, für die Bildung der Geist- 
lichen sn sorgen. Sie hat deshalb zu diesem Zwecke eine eigene Bil- 
dongaanstalt errichtet und auch dazu eine der vier Facultäten (exoldSv) 
der Universitäten bestimmt, und anszerdem geht sie auch damit um, 
teils zur Bildung des niederen Clerus in allen Eparchieen des Staats 
gastliche Anstalten auf Kosten der Klöster zu gründen , teils zur unab- 
hängigen Stellung dieses Standes für die nötigen Mittel und Einkünfte 
Sorge KU tragen , damit dadurch zugleich seine äuszere Würde vermehrt 
und ihm Gelegenheit geboten werde, seinen Rang und seine wahre Gel- 
tung in einer höheren Ausbildung zu suchen und zu begründen.' 

'Was dagegen den Öffentlichen Unterricht betrifft, der zugleich der 
sicherste Maszstab und die mächtigste Stütze der Civilisation in jedem 
Lande ist, so hat sich derselbe in Griechenland auszerordentlich ent- 
wickelt, und das griechische Volk ist in diesem Punkte unersättlich. 
Es gibt beinahe keine Gemeinde, die nicht ihre eigene Gemeindeschule 
hätte , und manche Gemeinden besitzen deren sogar mehrere. Die Schu- 
len für Mädchen sind ziemlich zahlreich, und sie werden auch fortwäh- 
rend vermehrt. Der höhere Unterricht (^ dsvxsgsvovace iymaid 8vaig\ 
welcher auf den klassischen Studien beruht , wird in den hellenischen 
Schulen und den Gymnasien erteilt, die sich in den Hauptstädten der 
Eparchieen imd Kreise (vofiof) finden. Die Universität endlich, welche 
die Facultäten der Theologie, Philosophie und Philologie, der Jurispru- 
denz und Medicin umfaszt, verbreitet das Licht der Wissenschaft über 
den ganzen Orient. Nach den statistischen Nachrichten, die sich die 
Segiemng hat zur Zeit verschaffen können , die jedoch keineswegs voll- 
ständig sind, beträgt die Anzahl der Schüler aller Klassen in Griechen- 
land 60,000 bei einer Einwohnerzahl von 1,100,000, folglich 5l^ Procent.' 

'Der Landbau wird^in einer eigenen Schule auf den Trümmern von 
Tirjnth gelehrt, und die Regierung beabsichtigt« in jedem Kreise eine 
lolche Schule zu errichten. Eine grosze Schulanstalt für Künste und 
Gewerbe (ßiofirjxccv^a) wird demnächst in Athen errichtet werden. Viele 
wissenschaftliche Gesellschaften haben sich von selbst in der Haupt- 
stadt gebildet und wirken für die Verbreitung der höheren Kenntnisse. 
Die Regierung geht damit um , sie sämmtlich in einer National-Akademie 
zu vereinigen.' K, 



44 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, slatislische 
Notizen, Anzeigen von Programmen. 

Hannover 1862. 

lieber die Gymnasien des Königreichs Hannover berichten wir 
nach den zu Ostern 1862 erschienenen Programmen wie folgt: 

1. Celle.] Der Schnlamtscandidat Aschenbach hat sein Probe- 
jahr abgehalten. Dem Snbconrector Dr. Langreuter and dem Colla- 
horator Heidelberg ist das Prädikat 'Oberlehrer' beigelegt worden. 
Schülerzahl 316, darunter 94 auswärtige Schüler. Abiturienten 7. Den 
Schulnachrichten vom Director Brock ist vorausgeschickt : GescMcfUe 
Attilas vom Collabor. Haage (42 S. 4). Kap. 1. Die Hunnen vor Attila. 
Attilas Regierungsantritt und Persönlichkeit. Kap. 2. Die Vereinigung 
der Hannen unter Attila und die Ausdehnung seines Reiches im Osten. 
Kap. 3. Die Verhältnisse und die Unterwerfung deutscher Völker unter 
Attila und die Ausdehnung seines Reiches im Westen. Kap. 4. Attilas 
Beziehungen zu den beiden römischen Reichen. Kap. 5. Attilas Resi- 
denz , Hof und Umgebung. Kap. 6. Attilas Einfall in Gallien. Kap. 7. 
Einfall der Hunnen in Italien, Attilas Tod, Auflösung seines Reichs. 
Unter den Quellenschriftstellern stellt der Verf. in erster Linie Pris- 
cus, in zweiter Reihe Prosper, Idatins und Marcellin, in letzter 
Jordanis auf. 

2. Emden.] Veränderungen im LehrercoIIeginm haben im Verlauf des 
Schuljahrs nicht stattgefunden. Dasselbe bilden Director Dr. Schwe- 
ckendieck, Oberl. Dr. Prestel (Mathem.), Rector Dr. Regel, 
Oberl. Bleske, Conrector Dr. Metger« Subrector Ditzen, Collabor.. 
Dr. Tepe, Gollab. Dr. Wiarda, Präceptor Warnke, Lehrer Maas, 
Musiklehrer Menke. Schülerzahl 162 (I 12, II 19, III 26, IV 45, V 32, 
VI 28). Abiturienten 10. Den Schulnachrichten geht voraus : Ein Wort 
zur Verständigung f vom Rector Dr. Regel (12 S. 4). 

3. GÖTTiNOEN.] Die Gründung einer vierten Realklasse machte die 
Gründung einer neuen Lehrerstelle notwendig. Es wurde dieselbe Ostern 
V. J. dem Candidaten Fick, welcher bis dahin Mitglied des philologi- 
schen Seminars gewesen , provisorisch verliehen. Schülerzahl 393 , und 
zwar 226 einheimische, 167 auswärtige Schüler (I 24, II 26, III 45, 
IV 55, V 37, VI 59, VII 37, Ir. 20, Ilr. 27, Illr. 39, IVr. 24). Abitu- 
rienten 2. Den Schalnachrichten vom Director Geffers geht voraus : 
Geometrische Abhandlung über Erklärungen, Forderungen und Grundsätze 
nebst einer elementaren Begründung der Lehre von den parallelen Idnien 
vom Oberlehrer Dr. Thierinann (56 S. 4). 

4. Hannoveb.] Das Lehrercollegium hat in den beiden letzten Jah- 
ren keine Veränderung erlitten, auszer dasz der Candidat des hohem 
Schulamts Sander in den untern Klassen als Hülfslehrer gewirkt hat. 
Schülerzahl 274 (I 20, II« 15, IP 19, IH« 36, III»> 42, IV 47, V 48, VI 47). 
Abiturienten zu Ostern 1861 13, zu Michaelis 2. Den Schulnachrichten 
ist vorausgeschickt: 1) üeher die Göttin Themis, Erster Theil. Von dem 
Director Dr. Ahrens. (66 S. 8). Um das Wesen dieser (Gottheit siche- 
rer zu erkennen, will der Verfasser 1) die alten Ueberlieferungen über 
die Themis zusammenstellen« 2) den älteren Gebrauch des appeüativen 
d'iiiig mit seiner Sippe besprechen, 3) die richtifs^e Etymoloi^ie des Na- 
mens darzulegen suchen, 4) die Symbole der Themis nachweisen und 
besprechen, endlich 5) zu der Betrachtung des Wesens und der Bedeu- 
tung der Göttin zurückkehren. Die vorliegende Abhandlung enthält: 
Abschn. I. Ueberlieferungen aus dem Alterthnm. A) Schriftliche Ueber- 
lieferungen. B) Bildliche Darstellungen. Anszerdem geht den Schul- 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 45 

naehricbten voraus: 2) Plan einer Mnrichiung von Parallelklassen zu dem 
Lyceum und der h, Bürgerschule. Vom Director Dr. Ahrens (17 S. 8). 

5. lursLD.j Im Lehrercollegiaro des Pädagogium sind VeränderuD- 
gen nicht eingetreten. Anzahl der Zöglinge 51 (I 19, II« 13, 11>> 7, 
m 12). Abiturienten zu Ostern 1861 5, zu Michaelis 1. Den SchuU 
oachrichten vom Director Aschenbach geht voraus: Ueber Thomas 
Moore's Leben und Schriften von dem Collaborator Seh or köpf (32 S. 4). 

6. LiHOBM.] Der Oberlehrer der Mathematik und Naturwissenschaf- 
ten Möllmann folgte einem Rufe als erster Lehrer der Mathem. und 
der Naturwissensch. an das Gymnasium in Rostock. An seine Stelle 
wurde der Schulamtscandidat Firnhaber seit Michaelis 1861 zum pro- 
▼isorischen Collaborator berufen. Abiturienten zu Michael. 1861 6, zu 
Ostern 1862 10. Schülerzahl 172. Den Schulnachrichten geht voraus: 
QuaesHonum Phüologarum Spicileg. VI. Scrips. Dr. Noeldeke, Director 
(22 S. S). Quae sententia verbis Evangel. Marci IX 49. subjecta sit, 
nova eorum explanandorum ratione instituta, quaeritur. Cap. II. Quae 
v|z Bnbjecta sit apud Hebraeos Graecosque voci nvgl , quaeritur. Cap. III. 
Qnae vis insit in voce ^äXV apud scriptores Hebraeos Graecosque de- 
monstratur. Cap. IV. Nova explicandorum Marci verbornm IX , 49 ra- 
tio. AuBzerdem werden noch zwei Stellen des Aeschylus kritisch be- 
handelt: Pers. V. 12. 13 und Pers. 333. ed. Herrn. 

7. lifiHBBUBO.] Mit dem Beginne des Schuljahrs wurde der Lehrer 
Hoffmeyer als Ordinariiis der Sexta in sein Amt eingeführt. Von 
Ostern bis Weihnachten 1861 unterrichteten an der Anstalt der Schul- 
amtscandidat Ramdohr, der dieselbe verliesz, um eine Lehrerstelle 
am Benderschen Institut zu Weinheim anzutreten. Zu Michaelis 1861 
trat der Collabor. Mummbrauer aus dem CoUegium aus, um eine 
Pfarrstelle zu übernehmen. An seine Stelle trat zu Neujahr 1862 der 

' bisherige Repetent Harries, der jedoch zu Ostern die Anstalt wieder 
▼erliesz, um eine ffarrstelle zu übernehmen. Schülerzahl 383 (I 16, 
n31, III 33, IV 34, V 34, VI 38, VII 58, Ir. 13, Ilr. 12, Illr. 29, 
IV r. 36, Vr. 49). Abiturienten 3. Den Schulnachrichten vom Director 
Hoff mann geht voraus: Curae Herodoteae, Scripsit Dr. C. Abicht 
(16 S. 4). ^Ac primum quidem dudum intellexi, persaepe etiam apud 
Herodotum scribas neglegenter omisisse nonnulla aut inepte ascripsisse 
oHena aut verborum ordinem turbasse aut formas vocabulorum corrupisse, 
quod pluribus nunc demonstrabo.' Loci emendati: I 75 pro ^lißr^oav 
8cr. 9Ußrianv av, III 102 pro ^aaovsg ig zccxvf^ta scr. saaovss tuxv- 
Tj^T«. I 165 pro avsatijaavTO sc. dvsKTrjaavzo, III 128 pro ߣßlu)c 
xigl noXläv i%ovxa nqyj'yC'CiToov scr. ßißXia nsgl noXlciv Xsyovta ngj]- 
ffuittov, I 9 pro fii^dl^ pba^atv scr. (irjSlv fia^siv. III 39 pro fiijd^ 
laßmv scr. firjolv Xaßcov. II 14 pro xal ravra (ihv ig "EXXrjvag yv- 
nzioiai OQ^'Ss ^%ovxa stq'^tcci scr. xal tavta (ihv ig ''EXXrivag ^xovza 
AlyvicxCoiai ogd'tog BCgTjzai, II 43 pro z(3v ^HgauXia sva voii^ovai, 
Kai i^iXonv di scr. ztSv %al 'HgccnXsa ^va bIvui vofi^ovai, *Ed'iX<ov di, 
U 94 pro zä iv "'EXXrjat. avzofiaza aygia qtvBzai scr. za iv^EXXrjoi av- 
zofULxa (pvszai. I 205 dele verba id'sXav yvvat%u 'qv iiHv. I 143 dele 
verba ovzs yag za avco — avxi''fodBog, II 136 dele primum ittstvo), 
n 152 dele alterum [isz* ioavzov, II 180 dele ^£ post JsXq>ovg. III 16 
dele alterum avzo. 1 145 dele zi post tkxXXlov, I 106 proxooglg filv 
yag tpogtov scr. fiiyav (thv yäg wogov, eodem cap. pro z6 succaToiai 
mißaXXov scr. zov indezoiai insßaXXov, III 50 nsgl d^vfidS ixofisvog 
»CT, nSQi^vfioog ixtov, IV 79 pro diingriGZBvoB scr. Sii9grj ivd'BvzBV, 

8. OsNABBÜCK.]. In dem Lehrerpersonal fand keine Veränderung 
statt. Der Director Dr. Abeken (über achtzig Jahre alt) gab zu Mi- 
chaelis unter Beibehaltung des Ordinariats der Prima und des bisheri- 
gen Unterrichts die eigentlichen Directionsgeschäfte an seinen nächsten 



\ 



46 fierichte über gelehrte Anstalten , Verordnungen , Statist. Notizen. 

Gollegen Rector StUve ab. Bestand der Schüler am Ende des Jahres 
1861 230 (I 2, II 11, III 23, Realkl. 26, IV« 28, IV»» 34, V 38, VI und 
VII 68). Abiturienten im Jahre 1861 5. Den Schnlnachrichten geht 
voraus: Bemerkungen zu den Münzen der Ptolemäer, Vom OoUaborator 
Stüve (31 S. 4). Vorliegende Bemerkungen beruhen auf der Beschäf- 
tigung mit Anordnung einer Sammlung antiker Mttnzen, welche sich 
seit etwas länger als zwei Jahren im Besitz der Stadt Osnabrück und 
des dortigen Baths-Gymnasü befindet. Es ist dieselbe das Vermächtnis 
eines Landsmannes, des im Beginn des Jahres 1858 in Alezandrien yer- 
storhenen Dr. med. Schiedehaus, der diesen Schatz bei seinem lan- 
gen Aufenthalt im Orient mit vieler Liebe und Umsicht gesammelt hatte. 
Die Zahl der Münzen beläuft sich im Oanzen auf nahe an 5000. Der 
bei weitem gröszte Teil ist in Aegypten geprägt, und es sind unter 
ihnen 650 Münzen der Ptolemäer in Gold, Silber und Erz, mehrere 
Tausend sogenannter Alexandriner, d. i. römische, in Alexandrien ge- 
prägte Kaisermünzen. Nirgends vielleicht wird eine so vollständige 
Reihe der ägyptischen Nomen- oder Gaumünzen angetroffen , deren diese 
Sammlung 02 Stück aus 41 verschiedenen Gauen zählt. Einzig in ihrer 
Artist ferner die Reihe der von Schiedehaus zuerst bekannt ge- 
machten ägyptisch-athenischen Typhonmünzen. Auszerdem findet sich 
eine ziemliche Anzahl griechischer und römischer Autonom- und Colo- 
nialmÜDzen, phönizische, syrische, parthische usw., und aus späterer 
Zeit eine nicht unbeträchtliche Reihe von kufischen Münzen. 

Sächsische Herzogtümer 1862. 

1. GoBüBG.] In dem abgelaufenen Schuljahr hat der Bestand des 
LehrercoUegiums dadurch eine wesentliche Aenderung erfahren, dasz 
Professor Kern zu Michaelis von der Anstalt schied, um einem Ruf 
nach Mülheim an der Ruhr als Director der dortig^ Realschule zu fol- 
gen. Zu seinem Nachfolger wurde provisorisch der Gymnasialprakti- 
kant L. Grebe aus Cassel ernannt, der schon seit Pfingsten als Prak- 
tikant mathematischen und geographischen Unterricht erteilt hatte. 
Schülerzahl 96 (I 14, II 19, III 23, IV 18, V 9, VI 13). Den Schul- 
nachrichten von dem Director Oberschulrath Forberg ist vorausge- 
schickt: Dritter Beitrag zur Würdigung der Horazischen Dichtweise. Von 
dem Professor Trompheller (17 S. 4). Der Verfasser hat den Ge- 
sichtspunkt angedeutet, aus welchem die erste Satire betrachtet wer- 
den musz, um sie als poetische Schöpfung zu rechtfertigen und den 
Dichter von dem schwerwiegenden Vorwurf zu befreien, dasz er an die 
Spitze der ganzen Sammlung seiner Satiren ein formell miszlnngenes 
Werk gestellt habe. 

2. EiSENACH.] Das Lehrercollegium , in welchem eine Veränderung 
nicht stattgefunden hat, bilden Director Dr. Funkhänel, die Profes- 
soren Dr. Weiszenborn, Dr. Rein, Dr. Witzschel, Dr. Schwa- 
nitz, Dr. Wittich, Lehrer der Mathematik und Naturwiss. Kunze, 
provis. Collabor. Moller; Hülfslehrer Archidiakonus Kohl (Religion), 
Realgymnasiallehrer Gascard (Schönschr. und Turnen) , Seminarlehrer 
Schmidt (Rechnen) , Musikdir. Helmbold (Gesang) , Bürgerschulleh- 
rer Burckhardt jun. (Schönschreiben). Schülerzahl ^108 (I 10, II 18, 
III 23, IV 25, V 17, VI 15). Abiturienten 6. Den Schulnachrichten 
geht voraus eine Abhandlung von Kunze: lieber den Wintencklaf der 
Thiere (8 8. 4). 

3. Weimar.] Am Schlusz des vorigen Schuljahrs verliesz die An- 
stalt der Schulamtscandidat Dr. Müller, um einer Berufung an das 
Gymnasium in Stendal zu folgen; die von ihm erteilten Standen giengen 
auf den Schulamtscandidaten Schwarz über, der zum Hülfslehrer er- 



Personalnolizen. 47 

Dftnnt wurde. Mit dem Beginn des neuen Ciirsns trat Dr. Ilberg, bis- 
her Oberlehrer an dem Kloster U. L. F. in Magdeburg, in das Lehrer- 
coUegiom ein, nachdem derselbe zum Professor and ersten Lehrer der 
Anstalt ernannt war. Kurz nach Beginn des neuen Schuljahrs verlor 
die Anstalt den Professor Dr. Lieberkühn durch den Tod. Am Scblusz 
des Sommerhalbjahrs folgte Prof. Dr. Lothholz einer Berufung an das 
Ljcenm in Wernigerode. Die Lücken des Lehrercollegiums wurden 
durch die Anstellung zweier neuer Lehrer schnell wieder ausgefüllt. Die 
7. ordentliche Lehrerstelle wurde Dr. Weber, bisher ordentl. Lehrer 
am Gymnasium in Mühlhausen, übertragen; als Htilfslehrer wurde Stier 
angestellt. Dem Dr. Schnbart wurde das Prädikat 'Professor' ver- 
liehen. Lehreroolleginm : Direotor Dr. Rassow, die Professoren Dr. 
Ilbergy Dr. Kunze, Dr. Patsche, Dr. Zeisz, Dr. Scharff, Dr. 
Sohabart; die ordentlichen Lehrer Dr. Weber, Dr. M eurer, CoUa- 
borator Labes; die Hülfslehrer Schwarz und Stier, Elementarleh- 
rer Jacobi; auszerordentliche Lehrer: Seminardirector Mohnhaupt 
(Religion), Musikdir. Montag (Gesang). Scbülerzahl 215 (I« 19, V» 
27, n« 27, II«» 24, III« 23, IIP 24, IV 27, V 18, VI 26). Abiturienten 19. 
Den Scbolnachrichten geht voraus: Beiträge zur Erklärung und Textes- 
kriOk der Nikotnachischen Ethik des Aristoteles. Vom Director Dr, Ras- 
sow (32 S. 4). 

Falda. Dr. Ostermann, 



Personalnolizen. 



Ernenniinipeii , BefSrderuiiffeD , Tersetzanipeii i 

Bellinger, Rector des Pädagogiums zu Dillenburg , zum Professor 
am Gymnasium zu Hadamar ernannt. — Eckardt, SchAC, als ordent- 
licher Lehrer am Friedrichs-Collegium zu Königsberg i. Pr. angestellt. — 
Pocke, Dr, Hülfslehrer am Gymnasium zu Münster, zum ordentlichen 
Lehrer an ders. Anstalt befördert. — Göbel, Dr Karl, als ord. Leh- 
rer am Pädagogium des Klosters U. L. Fr. in Magdeburg angestellt. — 
Hillebrand, früher k. k. österreichischer Gymnasiallehrer, zum Col- 
laborator am Gymnasium zn Weilbarg ernannt. — Jan seh, ordentlicher 
Lehrer^ am Gymnasium zu Rastenbarg, zum Oberlehrer ^n derselben An- 
stalt befördert. — Lücke, SchAC, als ordentlicher Lehrer am Gymna- 
siam zu Wetzlar angestellt. — Rathmann, wissenschaftlicher Hülfs- 
lehrer am Pädagogium des Klosters U. L. Fr. in Magdeburg, zum or- 
dentlichen Lehrer an derselben Anstalt befördert. — Rochel, Hülfs- 
lehrer am Gymnasium zu Culm, zum ordentlichen Lehrer an dieser An- 
Btalt befördert. — Schillings, SchAC, als ordentlicher Lehrer am 
Gymnasium zu Arnsberg angestellt. — Schwartz, Dr, Oberschulrath 
und Gymnasial director in Hadamar, zum Director des Gelehrten - Gym- 
nasiums zu Wiesbaden ernannt. — Spiesz, Professor am Realgymna- 
sium zu Wiesbaden, zum Rector des Pädagogiums in Dillenburg er- 
nannt. — Treplin, Lehrer, als ordentlicher Lehrer am Pädagogium 
des E^osters U. L. Fr. in Magdeburg angestellt. — Volkmann, Dr E., 
als ordentlicher Lehrer am 'Gymnasium zu Rastenburg angestellt. — 
Volkmann, Dr. Dietrich, als Adjunct an der Landesschule Pforta 
angestellt. — Walt her, SchAC, als ordentlicher Lehrer am Gymna- 
sium zu Anclam angestellt. — Wesener, Dr, Gymnasialdirector in 
Fulda, zum Director des Gymasiums zu Hadamar, unter Verleihung des 
Dienstcharakters als Oberschulrath angestellt. 



48 Personalnotizen. 

Praedlclerti 

Erukenberg, ordentlicher Lehrer am Pädagogium zu Züllichan, 
als Oberlehrer. 

In Rnhestand Ter setzt i 

Lex, Oberschülrath nnd Qjmnasialdirector in Wiesbaden. 

Aus Ihren Aemtern freiwillig getreten: 

Bahnsen, Dr, ordentlicher Lehrer am Gymnasium in Anclam, 
He ekel, kathol. Geistlicher und Lehrer am Gymnasium zu Kempen, 
Dr Kahl, ordentl. Lehrer am Gymnasium zu Düsseldorf, Dr Schäfer, 
ordentl. Lehrer am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Posen. 

Gestorben s 

Am i. Aug. der Professor Dr Gnndorf am Gymnasium zu Pader- 
born. — Am 14. Oct. zu Bonn der ordentliche Professor in der evan- 
gelisch-theologischen Facultät der dasigen Universität, Consistorialrath 
Dr Hasse, 54 J. alt. — Am 5. Oct. zu Guben der Conrector am da- 
sigen Gymnasium Richter. — Am 7. Nov. zu Brandenburg der ordent- 
liche Lehrer am dasigen Gymnasium , Musikdirector Täglichsbeck. — 
Am 26. Novbr. der ord. Professor der Geschichte an der Universität in 
Erlangen, Hofrath Dr Karl Wilhelm Böttiger. 



Zweite Abteilung; 

(Or Gymnasialp&dagogik nnd die flbrigen Lehrfächer, 

mit Ausschlusz der classischen Philologie^ 
hcraisgegelieB ?•■ PrtfeMer Dr. Heraann Mislis. 



6. 

Die Lebensiüier. Ein Beitrag %ur vergleichenden Sitten- und 
Recktsgeschichie von Wilhelm Wackernagel. Basel, 
Bahnmeiers Verlag. 1862. 74 S. Lex. 8. 

Wieder eine jener reichen und sinnigen Untersuchungen, wie wir 
sie zu unserer Förderung und Freude von W. Wackernagel schon 
mehrfach erhalten hahen. Auch der grösle Teil dieser Abhandlung ist 
ein Abschnitt der deutschen Altertfimer, welche uns der mit selte- 
nem Geschicke der Darstellung und mit einer auszerordentlichen Fülle 
des Wissens ausgerüstete Forscher, so hoffen wir, bald in ihrer Voll- 
ständigkeit schenken wird; aber die Abhandlung ist ebenso ein Beitrag 
zur vergleichenden Sitten- und Rechtsgeschichte, welcher Licht 
wirft auf manche Anschauung der den Germanen durch leibliche Ver- 
wandtschaft oder nur durch geistigen Einflusz nahestehenden Völker, 
und durch die Vergleichung das deutsche Wesen selbst in seiner Eigen- 
tümlichkeit klarer macht. Das ist ja der nur von der Borniertheit ver- 
kannte Segen aller recht angestellten vergleichenden Betrachtung, dasz 
sie uns nicht blosz lehrt was gemeinsam , dasz sie nicht minder das indi- 
viduelle Leben uns aufdeckt. 

Der Verf. geht von der allgemeinsten Unterscheidung aus, dem gro- 
szen Gegensatze des Lebens in jung und alt, welchem mancherlei in 
der äuszern Natur zu entsprechen schien, wie Morgen und Abend, Som- 
mer und Winter u. dgl. Das Griechische zeichnet den Gegensatz in den 
Worten v^oc u. TiaXaiöc; denn veoc ist ja nichts anderes als skr. nara, 
lat. noctis, deutsch neu, derje^«/, in dieser Zeit steht, und TiaXaiöc, 
wie Trp^cßuc weisen auf denjenigen hin, der schon vorher gewesen. 
Auch skr. heiszt ntwa oft jung, und mit pürväs sind die Vorfahren 
gemeint. Aber tiefer gehen die Ausdrücke skr. yuvan^ lat. iuvenis^ 
deutsch jung und ihm entgegen griechisch y^puüv , dem aufs genaueste 
skr. garant und erweitert garanta entspricht. Denn yuvan^ iueenis 

N. Jahrb. f. Pbil. a. Päd. II. Abt. 1S63. Hft. 2. 4 



^ 



50 Wackernagel : die Lebensalter. [ 

u. s. f. gehen doch aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Wurzel di% dyu 
^glänzen' zurück, und zeigen uns den Jüngling in heiterer Lust; garanl 
und Y^puJV sind unzweifelhafte Participialahleitungen von dem Worte 
gar ^gebrechlich , morsch werden'. AH und skr. trddha bezeichnen den 
^Ausgewachsenen', wie skr. sihavira ^Greis' eigentlich von bestande- 
nem Alter gilt. Die Vergleichung von jung und iuvenis mit griechi- 
schem ^uüc (für ausos^ vasos) müssen wir leider, so anmutig sie lautet, 
abweisen, weil ihr die Lautverhältnisse allseitig widersprechen. Die 
Sehnsucht nach der Jugend macht sich nicht nur in der Elegie — und wie 
reizend, wenn auch oft überweichhch zumal in der griechischen — gel- 
tend; sie hat sich auch volkstümlich im Jungbrunnen gestaltet, im 
Jungbrunnen, welcher, wie besonders Kuhn in seinem bedeutenden 
Buche * Herabholung des Feuers' usw. S. 11 (T. nachgewiesen, bis ins 
fernste indische Altertum zurückreicht. ^ Cyaväna's Gemahlin Sakami^A 
(d. h. die schöne Jungfrau), die Tochter des ^aryäia, Manu's Solm, 
welche die Agtinen zur Frau begehren , erlangt von ihnen durch List 
die Verjüngung ihres Gatten, indem sie ihn in einen See steigen lassen, 
aus dem man mit dem Alter wieder heraussteigt, welches man sich 
wünscht'. Es ist aber dieser See einWolkensee. Wie die Jugend aber 
meist gerühmt wird, so fehlt ihr dann doch auch die Schelte nicht. Bei 
dem Deutschen gilt sie mindestens als lump ^unerfahren'. Wie der grie- 
chische Mimnermus, so preisen sie auch des Inders Bhartrihari Sprüche 
als Zeit von Lust und Liebe ; aber gleich wird ein anderer Spruch ent- 
gegengesetzt: Nichts anderes ist unnützer in dieser Welt und was mehr 
das eigene Geschlecht in Brand brächte als die Jugend : sie ist die einzige 
Wohnung der Lust, ist die Ursache, um deren willen in der Unterwelt 
unendliche Qualen zustoszen; sie ist der Same, der Thorheit erzeugt, 
eine dichte Wolke , welche den Mond der Erkenntnis verbirgt u. s. f. 
Doch viel öfter und viel heftiger wird das Alter mit seinen Leiden, mit 
seinem mürrischen Wesen und wegen der Verachtung, die ihm von Jfln- 
gern widerfährt, beklagt. Diese Klagen hat der Verf. mit lebhaften Far- 
ben gezeichnet. Aus der griechischen Litteratur könnte natürlich noch 
manches aufgeführt werden; bei den Indern heiszt das Alter die Toch- 
ter des Todes, es friszt das Leben auf. Doch auf eines macht das Al- 
ter gegründeten Anspruch, auf Erfahrung und Weisheit, und das auch da, 
wo seine Rechte tief gesunken, wie bei den Germanen, wo ebenso die 
Frau als weise gilt und nicht minder rechtlos ist. Von der Zweiteilung 
der Lebensalter gelit W. zur Dreiteilung über, wie sie auch bei den In- 
dern, dann bei Griechen, Römern und Deutschen vorkommt. Für die 
Spartaner hat uns noch ein herrhches Beispiel Plutarch Lyk. c. 21 über- 
liefert, wonach beiden Festen drei Chöre nach den drei Lebensaltem 
aufgestellt wenlen und derjenige der Greise anhebend singt : 

ä|i)bi€C ttök' ^|Li€C äXKijLioi vettviai, 
derjenige der Männer erwiderte : 

fijLijiec bi t' €i|i^v ai bfe Xqc, ireTpav Xaß^, 
die Jünglinge aber schlössen : 

äjLifiec bi, T ' dccöfiecOa TToXXifi Kdppovec. 



Wackernagel: die Ld>eD8alter. 51 

Die geläufigste, Einteilung war die in vier Abschnitte, wie aus 
Sprachdenkmalen und aus Denkmalen der bildenden Kunst, die W. mit 
Liebe gesammelt hat und deutet, hervorgehl. ^Abcr auch da, wo man 
so der Lebensalter drei oder vier zShlt , wiederholt sich unbeantwortet 
die Frage nach deren Grenzen.' Allerdings fehlen in Gic. de Sen. c. XX 
die Worte omnium aeiatum certus est iermnus nur in ^inem der von 
Halm benutzten Godd. nicht, und er durfte sie darum im Texte unbedenk- 
lich weglassen. Auch die Benennungen schwanken im Lateinisclien und 
Deutschen. Im alten Indien war das erste Lebensalter gi^tva oder i^di- 
etna oder häiya^ d. h. der Zustand des ft(^, des wachsenden Kindes 
oder Mündels und des häla^ des ^Erstarkenden'. Bälya umfaszt das 
Alter bis zum ffinften oder bis zum sechzehnten Jahre. Dann be- 
ginnt tdrunya^ der Zustand des täruna *des Sprieszenden ' oder yäu^ 
9ama^ der Zustand des yuvan^ ttieents, und die letzte Stufe über 70, 
und bei der Frau über 50 Jahre heiszt tirddhaiva oder sthdvira , die- 
joiige des vrddha (von vrdk ^ wachsen ') oder des sthavira. Wilson 
a.d.W. sagt freilich, dasz eine täruni oder ywoati (fem. von ywoan) nur 
innerhalb der Grenzen von 16 und 30 Jahren stehe. Um genauer und 
gewisser zu sein, unterschied man wieder weiter in fünf, sechs, sieben 
und zehn Lebensalter, und gab jedem derselben eine bestimmte, allen 
aber eine durchgehend gleiche oder doch gleichmäszige Zahl. Natürlich 
nmsz dabei eine gewisse Länge des Lebens als durchschnittlich für alle 
geltend vorausgesetzt werden. Zunächst geht W. von dem Menschenalter 
von drei sz ig Jahren aus, wie es die Griechen aufgestellt, da sich der 
Ibnn am paszlichsten erst mit dreiszig Jahren oder in einem der zunächst 
darauf folgenden verheirate, und nun mit den Kindern ein zweites 
Menschenalter beginne. Am klarsten sind da die Ausdrücke Y€V€ä und 
generaiio^ farbloser aiuüv, aevutn^ aeias. Diese letztern Wörter be- 
zeichnen nachweislich nichts anderes als den Gang und entsprechen in 
ihrer Wurzel dem skr. äyus^ welchem ganz gleich kommt das griech. 
oi^C, im Sinne bemerisches gang. Schwer ist das lateinische saeclum^ 
taecuhtm. Sicher hat es weder mit secare noch mit T€K€Tv etwas zu 
schaffen, wahrscheinlich bedeutet es etwa Zaun, Reihe, wie auch 
Mommsen hinter seiner trefflichen römischen Chronologie andeutet. Da- 
Beben dürfen wir skr. yuga stellen, eine verbundene Reihe oder Kette, 
Zeitraum , und im Veda besonders mit dem Adjectivum mdnusha verbun- 
den * Menschenalter' (Roth ^Mytlie von den fünf Menschengeschlechtern' 
usw. S.24). Nach einem sinnigen Märchen setzen der Esel, Hund und Affe 
von ihren Jahren dem Menschen bis auf 70 Jahre zu. Auch 80 oder 81 
Jahre kommen als Lebenszeit vor, und — die Theorie mehr als irgend- 
welche durchschlagende Wirklichkeit bringt es ebenso schon im älte- 
sten Indien als auch anderswo selbst bis auf hundert. Denn was Indien 
betrifft, so hat Roth sicher 1. 1. Recht im Rigveda I 158, 6 yuga als 
eine Reihe von 10 Jahren zu fassen , und das zehnte yuga gilt wol da als 
das höchste Greisenalter. Wie innerhalb dieser groszen Zahlen nach be- 
stimmter Regel geteilt, welche Charaktere den Bruchteilen von der Lit- 
teratur oder der bildenden Kunst seien beigesclirieben worden, was hier 

4* 



52 Wackernagel: die Lebensalter. 

aus der Fremde nach Deutschland gekommen, und was Deutschland 
selber geschaffen , all das stellt der Verfasser mit beneidenswerthem Ge- 
schicke dar. 

^Aber (S. 39 ff.) das wirklich lebendige Leben des Altertums, seine 
Sitte, sein Recht, seine unbefangenere Weisheit zeigen uns andere und 
zeigen uns fester gezogene Abgrenzungen als die bisherigen alle, Ab- 
grenzungen, deren untersten Grund die naturlichen Entwicklungsstufen 
des leiblichen und des geistigen Menschen bilden, deslialb auch nicht die 
gleichen bei allen Völkern'. Ueberall jedoch zeigen sich je drei wesent- 
liche Punkte: das Jahr mit welchem die Kindheit schlieszt, das, mit 
welchem die Geschlechtsreife anhebt oder sich vollendet, endlich das, in 
welchem das Greisenalter seinen Anfang nimmt, und überall gelten die 
Altersunterschiede hauptsächlich nur für den freien Mann. Unter die- 
sem Gesichtspunkte werden uns die Anschauungen des Volkes Israel, 
der Griechen, der Römer und am ausfuhrlichsten diejenigen der Völker 
germanisches Stammes vorgeführt. Dasz der Verf. selbst der folgenden 
Untersuchung auch für die Forscher auf dem Gebiete des germanischen 
Rechtes eine Redeutung zuspricht, das sehen wir daraus, dasz er seine 
Schrift, auszer Herrn GhristophRiggenbach, dem Göttinger Professor 
Kraut, welcher in seinem Ruche ^über die deutsche Vormundschaft' 
dieses Feld bearbeiten muste, zugeeignet hat; und das durfte er mit 
bestem Rechte, hat er doch über manche bekannte Einzelheit neues Licht 
verbreitet und wiederum nicht sichere Annahmen mit umfassender Ge- 
lehrsamkeit und feinem Sinne aufs neue untersucht und festere Resultate 
erzielt. Wir legen hier den Gang der Untersuchung, welche auch für 
classische Philologen gar manches bietet, nicht vollständiger dar, son- 
dern begnügen uns damit nur Weniges hervorzuheben und gelegentliche 
Remerkungen hinzuwerfen. Die grause Sitte , welche vielleicht zunächst 
mit dem Namen depontanus senex bezeichnet wird , macht S. 45 W; 
durch manigfache Vergleiche von andern mehr und minder gebildeten 
Völkern für das älteste römische Altertum mehr als wahrscheinlich. Dasz 
unser deutsches unmündig nicht zunächst wie infans das noch nicht 
redende Kind meine , sollte man freilich nicht mehr sagen müssen , aber 
es mochte immerhin nicht unnötig sein zu bemerken, dasz es vielmehr 
auf den Menschen gehe, welcher noch unter fremder munt^ manus^ tu^ 
tela steht. Als Kindheit gilt in Deutschland die Zeit, so lange einer 
sich noch nicht versinnen kann, ehe die versunnenlichen oder 
b e s c h e i d e n e n , d. h. die unterscheidenden Jahre kommen. Sie dauerte 
nach alter Anschauung nicht nur bis ins siebente oder gar nur bis zum 
fünften Jahre; sondern erst der Zwölfjährige stand an deren Grenze. 
'Ris dahin war nach westgothischer Restimmung der Knabe immer noch 
in der Zucht der Mutter.' Doch ist nach den von Wackernagel selbst 
angeführten Stellen nicht zu leugnen, dasz das siebente Jahr einen Zwi- 
schenabschnitt bilde. Aber erst mit dem fünfzehnten Jahre gewinnt der 
Knabe , mit dem zwölften das Mädchen (dieses immer in beschränkterer 
Weise) grössere Selbständigkeit, d. h. mit der Zeit, wo die Reife der 
Geschlechter eintrat. Da tritt für den jungen Deutschen die Mündigkeit 



Wackernagel: die Lebensalter. 53 

ein. Fortan bedarf er nur, wenn er selbst es wünscht, eines Vormun- 
des, und setzt sich dazu, wen er wünscht. Abweichung von alter Sitte 
ist die Bestimmung früherer Zeit für die Mündigkeit, wie sie zumal bei 
sidisischem Schlage vorkommt» Das Jahr der Mündigkeit ist die Jahr- 
zahl, und wer dasselbe erreicht hat, ist zu seinen Jahren gekom- 
men oder hat sich gejährt, ist jährig. Aber zu vollem Mannesrecht 
war damit der Deutsche noch nicht gelangt. Einmal so lange er unab- 
gesondert im Hause seines noch lebenden Vaters war, stand er gleich 
den Weibern und den unfrei geborenen in väterlicher Dienstbarkeit. Drum 
wechseln die Ausdrücke der Jugend und des Dienstverhältnisses unter 
lieh. Unter den Beispielen führt W. das Wort Dirne auf, welches von 
derselben Wurzel als dienen herkommend, schon im Althöchdeutschen 
dfler die Jungfrau als die Dienstmagd bedeute. Dienen selbst geht 
von dtff, goth. Mus ^Knecht' aus, und Dirne heiszt all diorna^ d. h. 
ÜHwarna. Thius ^Knecht', wenn wir nicht irren, meint eigentlich den 
Wachsenden, also den Knaben, wie magus; denn seine Wurzel wird 
keine andere sein als skr. tu crescere, aus dem auch oscisches touio 
^Gemeinde' und gothisches thiiuda usw. ^Volk' aufsprieszen. Wie die 
lügend zur Bezeichnung der Unfreiheit, so kann das höhere Alter zur 
Bezeichnung der Herschaft dienen , in seigneur u. s. f. ; und aus solchen 
Anschauungen erklärt sichs , dasz heute noch landschaftlich das Gesinde 
doi Herrn mit Vetter, die Frau mit Base, dasz der Reisende den Po- 
stillion mit Schwager anredet. Mit dem zwanzigsten oder einund- 
iwanzigsten Jahre trat der Sohn , mit dem funfzelmten oder vierzehnten 
die Tochter auf eine zweite grosze Stufe , d. h. mit der Zeit der vollen- 
deten Geschlechtsreife, und diese, meint W., sei die von Tacitus in seiner 
Germania c. 20 gemeinte aetas. Das zwanzigste Jahr brachte dem deut- 
schen Jünglinge die feierliche Erteilung und Anerkennung des Waffen- 
rechtes und was damit zusammenhieng. Gcwis hatte die Volksversamm- 
loDg nicht, wie Tac. zu melden scheint, in jedem einzelnen Falle hier erst 
IQ entscheiden, ob der Jüngling reif geworden. Den princeps , der nach 
Genn. c. 13 an des Vaters Stelle die Wehrhaftmachung vornehmen konn- 
te, deutet der Verf. als einen Gefolge fürsten. Der Vater entliesz 
I mit diesem Acte den Sohn aus seiner munt; übte das Recht ein anderer 
\ aus, so war das eine Adoption. Nun erst war der Jüngling vollkommen 
i frei und in alle Rechte seines Standes eingesetzt, nun nach langobardi- 
I seber Rechtssprache widarboran oder widriboran. Mit Recht vergleicht 
der Verfasser^ mit dieser Benennung die des indischen dvija , welche 
i einen Mann der drei oberen Kasten, und meist schon einen geweih- 
! leo bezeichnet; aber nur ekajäti^ nicht ekaja^ kommt in dem 
. entgegengesetzten Sinne vor. Auch die spätere swertleite ist eigent- 
j lieh an die Zwanzigzahl der Jahre geknüpft; kommt sie einzeln und 
immer häufiger in früherm, namentlich im fünfzehnten Jahre vor, so hat 
diese Abweichung eine Analogie in Tacitus' Ueberlieferung, nach welcher 
iHch gewisse adulescentuU schon die Waffen erhielten. Bei den Indiem 
waren die Jahre, in denen die heilige Schnur gegeben wurde, sogar ge- 
Betzlich je nach den Kasten verschieden. Nach Manus II 36 ff. soll im 



54 Wackernagel: die Lebensalter. ^ 

achten Jahre nach der Empfängnis der Brahmane, im eilflen der 
Kschatriya, im zwölften derVai^ya mit der heiligen Schnur omgürtet 
werden. Aber es kann das bei dem Brahmanen auch im fünften, beim 
Kschatriya im sechsten, beim Vai^yas im achten Jahre geschehen, 
musz stattfinden bei der ersten Kaste bis zum sechszehnten, bei der zwei- 
ten bis zum zweiundzwanzigsten , bei der dritten bis zum vierundzwan« 
zigsten Jahre. Allmählich hat die Zwanzigzahl von ihrer rechtlichen Be- 
deutung verloren ; doch lebhaft bleibt noch lange hinaus die Volkssittc 
sich derselben bewuszt. Auf diese Zeit fällt für den Mann die gewöhn« 
lieh früheste Eingehung der Elie , woraus W. in sinniger Weise die Aus- 
drücke von Knabe und Junggeselle für Hagestolze und nebenbei 
von Hagestolz erklärt. Eine Spur von dem Lebensabschnitt , welcher 
ursprünglich so wesentlich ist, nur nicht eine zuverlässige, ist in der 
Rechtssprache geblieben, indem eigentlich nur der Zwölfjährige zu sei- 
nen Jahren, der einundzwanzigjährige Jüngling und das fünfzehnjäh- 
rige Mädchen zu ihren Tagen gekommen sind. Die Tage im rechte 
liehen Sinne erstrecken sich vom zwanzigsten Jahre bis zu den sechzig 
Jahren des Mannes. Aber zwischen diese Grenzen fallen als bedeutsame 
Einschnitte das fünfundzwanzigste, das dreiszigste, das vierzigste und 
fünfzigste Jahr: das dreiszigste als den Schlusz eines Menschenalters und 
Verjährung begründend, das vierzigste als das der Endschaft voller Kräf- 
tigkeit für die Frauen , der vollen Reife und Besonnenheit aber für die 
Männer. Bis zum vierzigsten, der allerletzten Frist, warten die Schwa- 
ben, ehe sie verständig werden ; immerhin aber ist es uns noch jetzt 
sehr zweifelhaft, ob der Name dieses Volkes die Schläfrigen bezeichne. 
Das fünfzigste Jahr hat manche Attribute, welche beweisen, dasz der 
Mann mit ihm auf der Grenze des kräftigen Alters stehe. Der Sechzig- 
jährige ist ein Greis und er befindet sich auf der letzten Stufe, nach wel- 
cher gewöhnlich nicht mehr gezählt wird. Wackernagel fragt: hnf etwa 
darin der Anlasz für die französische Sprache gelegen , dasz sie überall 
nur bis sechszig zählt? Da möchte ich unsem verehrten Verf. anf die 
Grammatik von Diez II S. 364 u. 619 verweisen und auch daran mahnen, 
wie nicht minder die alten Gennanen nach sechzig, dem halben groszen 
Hundert, ihre Zahlen etwas anders bildeten. Es mag sein, dasz diese 
Zählung bis auf 60 und danach die Multiplication gerade mit 30, das An- 
heben dieser Multiplication schon von 40 an im Zusammenhang mit Haupt- 
einschnitten im Leben steht. Der Sechzigjährige ist über seinen Ta- 
gen. Er wird leicht wieder zum Kinde, sein Wergeid und seine Unmün- 
digkeit werden die des Kindes. Wiederum beginnt die Dienstbarkeit des 
ersten Lebensalters , Tac. Germ. 15. Der Verf. erklärt enke als Verklei- 
nerungswort von ane , wie im Lat. ancilla zu anus gehöre und famuku 
^ines sei mit dem griechischen xotjiaXöc , x^^^ct^^^C und dem althochd. 
gamal ^alt'. Das lat. ancilla setzt ein ancula voraus, wie es denn wirk- 
lich Anculi und Anculae als dienende Gottheiten gibt und altlat. an- 
eUtre^ d. h. ministrare, anclabris u. s. f. auf solchen Stamm hinwei- 
sen. Änculus^ ^a selber aber sind Bildungen von anciia, Anewi^ in 
welchem wir nun freilich nicht den kleinen Ahnen sehen, sondern 



Bericht über die Sie Philologenversammlung za Augsburg. 55 

wii^ich nur den Diener. Famutus könnte allerdings gleich XttMOtXöc 
sein, d. h. es gibt Fälle, wo lat. ^dem griechischen x gleichsteht; aber 
es ist sehr unwahrscheinlich, dasz neben humus,, humiHs noch ein fa- 
nmlus von demselben Stamme existiere, und die vergleichende Sprach- 
forschung gibt uns ja M||jtel an die Hand das Wort wieder einfach als 
den unterthänigen Diener zu deuten. Psychologisch sehr interessant sind 
aber die Ausdrücke S t i n k ä h n i , Pfuchähni, Pfuipfuchähui. Um 
nicht mit düsterm zu schlieszen, fügt der Verf. noch eine nicht unbe- 
kannte heitere Geschichte hinzu. Im Nachtrage teilt W. den Text eines 
fiolzschnitlbogens des sechszehnten Jahrhunderts mit , welcher aus dem 
Nachlasse Bechsteins in die Baseler mittelalterliche Sammlung gelangt ist. 
Er teilt ihn mit wegen der Gharakterzeichnung der vier Alter, die er gibt, 
wegen der Hereinziehung der Temperamente und der damit verbundenen 
astrologischen und diätetischen Lehren , endlich auch wegen des Anklan- 
ges an die Zehnalterreime, der im letzten Absatz unverkennbar ist. 

Zürich im August 1862. H. Schweizer-Sidler. 



7. 

Bericht über die Verhandlungen der einundzwanzigsten 
Versammlung deutscher Philologen, Schulmänner und 
Orientalisten zu Augsburg am 24. — 27. September 1862. 

(Qröstenteils aus officiellea Quellen.) 



Nachdem in der vorjährigen Versammlung zu Frankfurt die altehr- 
würdige Augasta Vindelicorum zum nächsten VersammlangBort infolge 
öfters wiederholten Anerbietens erkoren war, kamen in den letzten 
Tagen des September Gäste ans nah und fem dahin , um durch einige 
Tage geistigen und persönlichen Verkehrs sich Erholung und Anregung 
lugleich zu verschaffen. Die Zahl der beim Schlusz des Albums ein- 
gezeichneten Mitglieder (264) steht hinter der mancher früheren Ver- 
sammlungen zurück; mancher mochte insbesondere aus Preuszen be- 
kannte Persönlichkeiten vermissen (1861 zählte man 47 Preuszen unter 
314 Mitglieder, 1862 nur 20 unter 264), aber auch von Bayern hätte 
die Beteiligung immerhin bedeutender sein können. *) Indes wenn auch 
in der gastfreundlichen Stadt manches angebotene Quartier leer stehen 
blieb, so war doch die Zahl der erschienenen Gäste grosz genug um 
die einer solchen Versammlung nötige Abwechslung und lebhafte Be- 
teiligang nicht vei'missen zti lassen. — Indem wir uns anschicken 
nähere Nachweise mit Zugrundelegung des Mitgliederverzeichnisses zu 
geben, erklären wir im voraus, dasz wir nur eine Auswahl der Namen 



*) Gar nicht vertreten waren, so viel wir bemerken^ die Gymnasien 
zu Amberg, Aschaffenburg, Freising, Landshut, Metten, Münnerstadt, 
Sohejem, Straubing; durch je einen Gast: Bamberg, Bayreuth, Hof, 
RegenabuTg, Würzburg. Aus dem nahen München finden wir von drei 
Gymnasien fünf Lehrer eingezeichnet. 



56 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

geben können. Von den 264 Mitgliedern sind . die Mehrzahl natfirlich 
Bayern; Augsburg selbst stellte 48 Mitglieder, worunter sieb ausser den 
Collegien der beiden dortigen Gymnasien zu St. Anna und St. Stephan, 
unter andern auch befinden: die Regierungsräthe von Ahomer und von 
Seckendorf, Domprobst y. AUioli, Dr. Altenhöfer, Antiquar Busch, Ar- 
chivar Herberger (der Regierungspräsident Y(m Schwaben und Neubarg 
Freiherr v. Lerchenfeld wohnte der Eröffnungssitzung bei). Aus Mün- 
chen 23 Mitglieder, darunter Ministerialrath Pracher, der als Vertreter 
des Cultusministeriums allgemeinen und pädagogischen Sitzungen bei- 
wohnte ; ferner Bauer, Christ, Giesebrecht, Glück, Halm, Holland, Kurtz, 
Lauth, Linsmayer, y. Lützow, Jos. Müller, Thomas; aus Erlangen (7): 
Delitzsch, Döderlein, Keil, R. y. Raumer; aus Neuburg (6): Thum; aus 
Nürnberg (6): Fromraann, Heerwagen, Herold, Lexer, Joachim Meyer. 
Auszerdem heben wir hervor: Professor Gebhardt in Hof, v. Jan (jetzt 
Studienrector in Erlangen), Pfaff in Schweinfart, Schiller in Auerbach, 
Schmitz in Regensburg, Urlichs in Würzburg. — Aus Württemberg (34): 
aus Ellwangen Högg, aus Göppingen Osiander, aus Maulbronn Bäumlein, 
aus Reutlingen Hang, aus Stuttgart Gaupp, Kratz, Rheinhacd, ans Tü- 
bingen Bursian, Roth, Teuffei, aus Ulm Hassler, Kapf, Kern, Veesen- 
meyer. — Oesterreich (23): Achleitner, Piringer in Cremsmünster , yon 
Karajan in Grätz, Halder in Innsbruck, Flor in Klagenfurt, Jülg in 
Krakau, Biehl und Vielhaber in Salzburg, aus Wien: Barb, La Roche, 
Hofbibliothekar Müller, Univ.-Bibl. -Beamter Müller, Mussafia, Baron 
Schlechta. — Unter den 20 Preuszen befanden sich aus Berlin: Wetz- 
stein und G. Wolff; aus Bonn: Heimsöth und Leop. Schmidt; aus Cöln: 
Düutzer und Pütz ; Corvey : Hoffmann von Fallersleben ; Elberfeld : Cre- 
celius ; Glogau : Klix ; Greifswald : Fischer ; Halle : Arnold, Daniel, Eck- 
stein, Thilos Hamm: Heraus. — Aus der Schweiz (12): Gerlach, Merian, 
Stähelin, Wackernagel in Basel; Köchly in Zürich. — Aus sächsischen 
Landen (9): Dresden: Fleckeisen und Gilbert; Eisenach: Rein; Leipzig: 
Brockhaus, Fleischer, Overbeck, Tischendorf; Planen: Dietsch* — Aus 
Hannover nur: Geffers, v. Leutsch, Wieseler in Göttingen, Alb. Maller 
in Hannover. — Ans Baden nur: Barack in Donaueschingen, Fickler in 
Mannheim, Holtzmann in Heidelberg. — Aus Mecklenburg: Bartsch ans 
Rostock, Lübker ans Parchim, Raspe aus Güstrow. — Ferner: Cla^sen 
in Frankfurt, Firnhaber in Wiesbaden, Prien in Lübeck, Umpfenbach in 
Gieszen, Vilmar in Marburg, Wiegand in Worms u. a. — Ausländer: 
Becker aus Odessa (jetzt in Dresden), Dünn aus London, y. Engelmann 
in Mitau, Georgiädes und Papaioannon aus Griechenland (in München), 
Oppert in Paris, v. Walberg in Upsala. 

Bei der Einzeichnung in das Album der Versammlung und vor der 
ersten allgemeinen Sitzung empfiengen die Mitglieder wie gewöhnlich 
einzelne Festgaben. ^Memoria Hieronymi Wolfii. Scr. Dr. G. C. Mes- 
ger. Aug. Yindel. ex libraria M. Riegeri. 1862' (86 S. 8) entwirft ein 
ebenso lehrreiches als interessantes Lebensbild des bekannten Humanis- 
ten, wobei besonders die vollständige deliberatio de instauratione An- 
gustanae scholae ad D. Annam (S. 20 — 37) hervorzuheben ist, so wie 
auch ein Catalog der von Wolf edierten oder commentierten Schriftstel- 
ler usw. (S. 59 — 80) für die Geschichte der Philologie von Interesae 
ist. — ^Die römischen Stemdenkmäler, Inschriften und Gefäszstempel im Ma- 
ximlianS'Musevan zu Augsburg^ beschrieben von M. Mezger, k. Stndien- 
lehrer und Conservator des römischen Antiquariums. Mit zwei lithogr. 
Beilagen. Augsburg, Druck der Ph. J. Pfeifferschen Buchdrnckerei' 
(83 S. 8) enthält einen sehr sorgfältig gearbeiteten Catalog jenes Mu- 
seums, welcher die einzelnen Monumente beschreibt, Inschriften mit- 
teilt, die Geschichte derselben wo möglich berichtet, die Litterator dar- 
über anmerkt, und zur leichteren Orientierung auch in einer Beilage dan 



Bericht tiier die 21e Phflologenversammlung zu Augsburg. 57 

Gnindriss ddr MnHenniBhalle nebst den Standorten und Nnrnmern der 
Monumente bietet. Eine andere Beilage gibt die Abbildung einer 1852 
in Weatheim bei Augsburg aufgefundenen tegula hamata, deren Inschrift 
der Verf. S. 66 entziffert: juniciliis (aus juniliciis) | vitiosis ciion(ibus) 
oder statt des ersten Worts junicibus, so dasz der Randziegel aussor- 
tiert wäre 'am Junifeste (oder: für den KälberstailJ , mit fehlerhaften 
Bändern'. Ein Anhang bebandelt noch einige nicht im Antiquarium 
Roms befindliche römische Bild- und Schrifttdenkmale Augsburgs. — 
'De formula Nemo unus et similium formularum significatione commen- 
tatio. Ad salntandos philologos Augustam Vindelicorum congressos 
scripsit J. C. Eduardus Oppenrieder, Gymn. Ann. Prof. A. V. Typis 
Werthianis 1862 ' (20 S. 4). Diese genaue grammatische Studie ist zu- 
nächst gegen den Irtum gerichtet, als ob unus die Negationen in solchen 
Fällen nur wie prorsus steigerte; schon Döderlein habe gelehrt, dasz es 
als Singular zu singuli diene: 'ein einzelner, einer für sich\ Oppenrie- 
der weist einen fünffachen Gebrauch jener Ausdrücke nach: 1) definitiv: 
unus = certus ac definitus , 2) comparativ : unus praeter ceteros , 3) 
distributiv: wo von mehreren sogar das ausgesagt wird« was man von 
Einern erwartete, 4) exaggerativ: lobend, 5) restrictiv, wo ^iner zwar 
nicht mit einer Mehrheit verglichen aber als alle einzelnen übertreffend 
gedacht ist. Beispiele: 1) Liv. 3, 14, 4. 2) Tusc. 5, 36, 105. 3) Caes. 
b. c. 3, 18. 4) Liv. 2, 9, 8. 5) Liv. 9, 16 fin. 3, 12, 4. Durch wei- 
tere Beispiele und Herbeiziehung des Griechischen wird das Verhältnis 
anschaulich gemacht. — ^Eine neue Handschrift der sechs Satiren des Au- 
bis Persius Flaccus, Programm des k. kath. Gymnasiums zu St. Stephan 
m Augsburg im Schuljahr 1861—62, verfaszt von P. Matthias Zillo- 
ber, Gymnasialprofessor' (34 S. 4), eine sehr fleiszige und sorgfältige 
Arbeit , beschreibt zunächst den ' Ottoburanus ' nach seinem Fundort 
getauften im J. 1846 in einem Jacunabelnband eingelegt gefundenen 
Codex, der aus 8 nicht paginierten Blättern bestehend, für den münd- 
lichen Unterricht bestimmt und daher mit Glossen versehen, die voll- 
ständigen Satiren enthält und am meisten Aehnlichkeit mit codex P. 1 
(Jahn) hat. Der Verfasser hält ihn für dem 12. Jahrhundert ange- 
hörig. Schade dasz der Codex, dessen Lesarten mit allen andern 
bei Jahn collationiert sind, keinen besondern Werth hat. — 'Exercita- 

tionnm critioarnm specimen. Philologis Germaniae Augustae Vind. 

conventum agentibus d. d. d. Dr. Ernestus de Leutsch, prof. Gott. 
Gottingae sumptus fec. libr. Dietrich. 1862' (9 S. 4) behandelt mit ge- 
wohnter Meisterschaft die Elegie Theogn. v. 1135 — 50. Emendationen : 
v. 1136 OvXv(h7iov y^v nQoXmovxBg, v. 1139 iv dvd'Qoonoig adixotatv *), 
?. 1143 Sqiga Si zig, v. 1147 Soliov Xoyov. Gelegentlich wird v. 714 
kyavr^v 'OqtpBog, v. 789 iisXsSrjfi' dyavmtsgov vermutet. Jedenfalls liest 
sich das Ganze so viel angenehmer, und die Gründe sind überzeugende. 
— Eine dankenswerthe ^Festgabe für die PkUologenversammlung in Augs- 
burg. Von Dr. C. Barth» (24 S. 8) behandelt 1) Grund und Boden bei 
den Römern und Urgeschichte seiner Rechte; 2) Zur Geschichte des 
Eides bei den Römern; 3) die Anfangscapitel I — XI von Cicero de na- 
tura deorum, nach handschriftlichen Randnoten von Fallmerayer. — 
Eine Festode hatte zur Bewillkommnung der Gäste Heinrich Stadel- 
mann gedichtet, dessen Fertigkeit in lateinischer Versification bereits 
bekannt und aufs neue documentiert ist durch die gewandte Uebertra- 
gong der römischen Elegieen von Goethe (Memmingen 1862. 12). — 
^Ihutsche Lehrerversammlungen,* Sonderabdruck eines für die ^Encyclopä- 

*) Beim Lesen fiel uns augenblicklich unwillkürlich ein: Iv dv~ 
^Qcinotoi nsXovtai, vielleicht eine Reminiscenz aus Stellen wie Hom. 
», 160. V, 60. X, 456. », 299. v, 223. 



58 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg.. *< 

die des gesamten Unterrichtswesens' bestimmten Artikels, dem za Augs- 
burg . . tagenden Philologencongresz ans Anlasz seines 25jährigeo Beste- 
hens verehrungsvoll dargebracht vom Verfasser [Regierungsrath Firn- 
haber in Wiesbaden], Redacteur und Verleger. Gotha. Verlag von 
Rudolf Besser. 1862 (13 6. Lex.-8). Da Schmids treffliche Encyclopädie 
hoffentlich auf keiner Gymnasialbibliothek fehlt, so verzichten wir auf 
die Inhaltsangabe dieser klaren von lebendigem Interesse für den Ge- 
genstand zeugenden Abhandlung. 

Vor der zweiten allgemeinen Sitzung giengen noch folgende Schrif- 
ten, meist nur in wenigen oder einzelnen Exemplaren ein: ^Theocrüi 

Pharmaeeutriae, Philologos consalntant Fritzschii Megalopolitani 

Helvetii Saxones interprete Hermanuo Fritzschio, prof. Lips. Lips. 
typ. Teubneri. MDCCOLXII (XXVII S. Lex.-8), enthält den neu emen- 
dierten Text, gegenüber eine elegante lateinische metrische Uebersetzung, 
von S. XVI an Rechtfertigung der letzteren gegen Vorgänger und durch 
Parallelen lateinischer Dichter. — ^Beiträge zur Geschichte der epischen 
Poesie der Griechen von G.W. Nitzsch. Leipzig. Teubner. 1862» (VIII 
n. 472 S. 8). Dieses opus postumum des um Homer so verdienten Ge- 
lehrten enthält hauptsächlich eine Prüfung der noch immer sich entge- 
genstehenden Ansichten über die Homerische Frage; aus der Aufforde» 
rung, diese populär darzustellen, erwuchs das Werk, dessen Vollendung 
dem Verfasser leider nicht mehr vergönnt war. — ^Verhandlungen der 
philologischen Gesellschaft in TVürzburg, herausgegeben von Ludwig Ur- 
lichs. Würzburg, Rahel 1862.' — ^Isokrates und Athen» Beitrag zur 
Geschichte der Einheits- und Freiheitsbewegung in Hellas. Mit einem 
Anhange über die Abfassungszeit der Rede vom Frieden und den Aus- 
bruch des athenischen Bundesgenossenkriegs im J. 357, von Dr. Oncken, 
Privatdocent der Philologie und Geschichte an der Universität Heidel- 
berg. Heidelberg 1862.' Emmering. — ^Die Volksbildung nach den Forde" 
rungen des Realismus von C. Dillmann. Stuttgart und Oehringen 1862. 
Schaber.' — ^Die römische Topferei in Westemdorf, von Professor Jos, v. 
Hefner. München 1862.' — ^Philologus, Zeitschr. f. d. klass. Altertum. 
Herausgegeben von E. v. Leutsc h. XIX. Jahrgang, 2. Heft. Göttin- 
gen 1862.' 

Dazu kommen: ^Text, Zeichen und Schollen des berühmten Codex 
Venetus zur Ilias. Von J. LaRoche, Prof. am k. k. akad. Gymnasium 
zu Wien. Wiesbaden 1862, Limbarth' (79 S. 8 mit zwei Facsimiles). 
In dieser für Homeriker unentbehrlichen Schrift werden nach einer Be- 
schreibung des Codex und der äuszem Einrichtung der von Villoison 
zuerst publicierten Schollen die Eigentümlichkeiten des Textes nach 
Accent, Spiritus, iota subscr., t^paragog. u. a. besprochen. S. 17. Auf 
die Scholien übergehend bemerkt der Verf., dasz eine neue Soholienaus- 
gabe dringend notwendig sei, was er durch eine kleine Auswahl der von 
J. Bekker ausgelassenen oder unrichtig behandelten Scholien (S. 19 — 29) 
erhärtet. Der Text des Venetus müsse vor allen andern zu Rathe ge- 
zogen werden, was durch eine specielle Collation der mit Dindorf dis- 
harmonierenden Lesarten des Venetus von S. 31 — 79 bewiesen wird. — 
Ferner : ^Programm der lateinischen Hauptschule in Halle für das Schul- 
jahr 1858—59. Inhalt: I. De Silvarum Statianarum condioione critica. 
Scr. Alb. Imhof. II. Schulnachrichten von Dr. Fr. A. Eckstein. 
Halle 1859'. — Dasselbe für 1860/61 von Dr. Fr. A. Eckstein. In- 
halt: I. Analekten zur Gesehiohte der Pädagogik. II. Schulnachrichten.' 
— ^Zu Wemhers Marienleben. Augsburger Bruchstücke. Herausgegeben 
von Bened. Greif f, Bibliothekar. Wien 1862.' — «Roma vetus (Stadt- 
plan). In usum scholarum ed. Herm. Rheinhard, Gymn. Stuttg. Prof. 
Lapidi inscr. Fr. Bahnert.' 

Nachdem die am 23. angekommenen Gäste sich im Saale der gold- 



Beridit 4ber die Sie PhUologen?ersammlung za Augsburg. 59 

oen Traube am Abend desselben Tags zur vorlftnfigen Begrüszung^ ein- 
gefunden hatten , wurde Tags daranf im goldnen Saale des Rathhauses 
die Yersammlnng vor einem sablreicben Publicum feierlich eröffnet. 



Allgemeine Sitzungen. 

Erste Sitzung. 24. September. Präsident: Sludienreclor Dr. G. G. Mezger. 

Anfang 9 Ulir. 

Der Präsident erklärt die 2ie Versammlung deutscher Pliilologeiii 
Schulmänner and Orientalisten für eröffnet und begrüszte dieselbe vor 
allem im Namen der Stadt und des Landes. Wie jene sich geehrt ge- 
fühlt durch die auf sie gefallene Wahl und diese Gesinnung thatsächliob 
an den Tag gelegt habe und noch asu beweisen gedenke, so stimmten, 
fuhr der Redner fort, die Zwecke und Aufgaben der Versammlung zu 
dem Geist und der Richtung der k. bayerischen Regierung. Der König, 
Bayerns Stols und Freude, sei auch anszerhalb der Landesgrenzen als 
hoehberziger Förderer von Wissenschaft und Kunst gepriesen und seine 
edlen Absichten spiegelten sich auch in dem Sinne der Verwaltung ab, 
die mit dem Vollzuge des erleuchteten Willens betraut sei. — Die Stadt 
freue sich auch darum besonders über die Anwesenheit ihrer verehrten 
Gäste, weil sie aus allen Gauen des groszen gemeinsamen Vaterlands 
zusammengekommen, ein Bild der Einigkeit darstellten, an welche sich 
die thenersten Hoffnungen nnsrer politischen Zukunft knüpften, und weil 
sie gerade jene Güter und Schätze pflegten^ auf welche der weltge- 
sehiehtliche Beruf des germanischen Stammes sich gründet. 

Da die weiterfolgenden Teile der Rede schon in der Beilage der 
Allg. Zettung zu Nr. 271 n. 272 vollständig enthalten sind, werden wir 
hier nnr einen sachlichen Auszug geben und ebenso bei allen folgenden 
Vorträgen, wie wir denn überhaupt ein rein objectives Referat zu geben 
beabsichtigen. 

Nach einem flüchtigen Blick auf die Bedeutung, welche die Stadt 
Augsburg seit alten Zeiten in Handel, Kunst und Wissenschaft gehabt, 
kündigt der Redner als Thema seiner Rede an : ^des Anteils zu gedenken, 
den unsere Stadt an der groszen geistigen Bewegung des ßtnfzehnten und 
sechzehnten Jahrhunderts durch einige ihrer bedeutendsten Gelehrten genom- 
men hat,^ Hiebei müsten die Verdienste von Männern dargethan werden, 
welche, wenn sie noch lebten, ganz besonders dieser Versammlung sich 
freuen und ihr sich anschlieszen würden. 

Zwei von ihnen in den höchsten Aemtern der Stadt thätig, aber 
weiter anerkannt und einfluszreich musten vor allen genannt werden. 
Dr. Konrad Pen tinger (1465 — 1547), bedeutende juristische Capacitat, 
als Stadtschreiber die Seele des Regiments, kaiserlicher Rath und 
Freund des Kaisers Maximilian und von Karl V hoch in Ehren gehallen, 
hatte in Italien studiert, in Padua als Jurist, in Rom unter Pomponius 
Laetns« als Humanist, und so wurde die Richtung in ihm befestigt, die 
er sodann zur Reformation einnahm, obgleich er der alten Kirche treu 
blieb. Jac. Wimpheling, Reuchlin» Hütten hatten an ihm einen warmen 
Freund und Verteidiger, Luther war mehrmals sein Tischgenosse. Sein 
echt deutsches Gemüt offenbart sich besonders in seinen Tischreden, 
zumal in der Entrüstung, die er empfand über den Verrath am Reich 
zu Gunsten Frankreichs. Ein eifriger Förderer des Humanismus in der 
Stadt, sammelte er auch privatim die werthvoUsten Manuscripte, er zu- 
erst gab unter anderem Paul Warnefried, Jornandes und die Ursberger 
Chronik heraus. Wol durch seine Vermittlung erkaufte die Stadt eine 
ziemliche Zahl trefflicher griechischer Pergamentcodices von dem aus 
Corcyra vertriebenen Bischof Eparchus in Venedig und bewahrte getreu 



60 Bericht Tiber die 21e Philologenversammlung zu Augsburg« 

den köstlichen Schatz, bis sie ihn 1806 an die Hof- und Staatsbibliothek 
abtreten mnste. Besonders achtsam war Peutinger auf die in Augsburg 
noch vorhandenen Reste römischen Altertums, die er sammelte und deren 
Inschriften er 1575 (das erste epigraphische Werk in Deutschland) 
publicierte; seinen handschriftlichen Nachlasz über spätere Forschungen 
hat sich Th. Mommsen zur Benützung erbeten. Auch seine Gattin 
Margarethe, dem Geschlechte der Welser angehörig, schrieb in gewand- 
tem Latein Erläuterungen zu den Inschriften; sein frühverstorbenes 
Töchterlein Juliana hatte im Alter von vier Jahren den Kaiser Maximi- 
lian mit lateinischer Anrede in Augsburg begrüszt. Die 11 vergilbten 
Pergamentstreifen, welche als tabula Peutingeriana jetzt in Wien be- 
wahrt werden und die ihm Geltes aus einem Kloster am Rhein gebracht 
hatte, hielt er in hohen Ehren. Marcus Welser liesz einige Streifen 
davon viel später in Kupfer stechen und commentierte sie zum ersten- 
mal [15Q1]. 

Die zweite von den oben genannten Zierden Augsburgs ist eben 
dieser Marcus We 1 s e r, langjähriger verdienter Stadtpfleger Augsburgs« 
Die Zeit hatte sich geändert, die humanistische Begeisterung hatte sich 
abgekühlt, es trat jetzt die confessionelle Scheidung unter den Huma- 
nisten selbst mehr hervor. Seine Studien in Italien konnten doch wo! 
nicht ganz unberührt bleiben von der bereits im Sinne einer Reaction 
gegen das frühere Streben nach Unabhängigkeit wehenden Zeitströmong, 
welcher Muret, sein Lehrer, folgte. Doch hat Welser eine fleiszige Cor- 
respondenz mit den verschiedensten Gelehrten unterhalten ; so stand er 
in näherem Verhältnis zu Gasaubonus, Scaliger, Lipsius und Hcinsius, 
das nur bei einem , ohne Welsers Schuld , sich später trübte. Er strebte 
die reale Seite des antiken Lebens zu erkennen und die Früchte davon 
der modernen Gultur zuzuwenden. Das beweisen auch seine ernstlichen 
Forschungen über die älteste Geschichte Bayerns und Augsburgs. Wie 
sehr ihm an Verbreitung der Bildung lag, beweist insbesondere das 
Proclama im gedruckten Gatalog der lat. u. griech. Handschriften der 
Augsburger Godices (1595), dasz unter Garantie der Unverletztheit die- 
selben jedem Gelehrten aller Orten zu Gebote stehen sollten; und so 
gelang es ihm auch anderwärts manchen festgebannten Godex loszueisen. 
So wurde durch seine Bemühungen eine eigene Druckerei errichtet, in 
welcher 1595 — 1614 eine Menge Autoren nach Welsers, Höschels u. a. 
Bearbeitung erschien, und die Exemplare zeichnen sich durch Papier 
und typographisch aus. Schlieszlich schenkte er seine ganze Bibliothek 
der Stadt testamentarisch. Es lebte eben noch die Empfänglichkeit 
für ideale Güter, in Augsburg treulich gefördert durch die Schule zu 
St. Anna. 

Diese wurde auf eine höhere Stufe erhoben durch ihren verdienten 
Rector, den unermüdlichen Hieronymus Wolf. Seine Vertrautheit 
mit den Autoren, sein Sprachtakt und Scharfsinn sind insbesondere be- 
merkenswerth; dazu sein Fleisz in Uebersetzung und Erklärung der 
Alten, in Abfassung von Schulbüchern, und in Verwaltung des Stadt- 
bibliothekariats und Rectorats. Sein dem Sturmschen ähnlicher, aber 
ihn übertreffender Lehrplan war darauf berechnet, unterstützt von tüch- 
tigen Lehrern (wie dem vielseitigen Dr. med. Gg. Hanisch), die Schüler 
einem idealeren Streben zuzuführen, als Wolf auf den Universitäten 
wahrzunehmen glaubte; zumal da er aus allen Zeichen der Zeit den 
Verfall der Wissenschaft und der Kirche prophezeien zu müssen glaubte. 
Zu solch trüben Ansichten trug einen Teil freilich auch sein körper- 
liches Siechtum, ein deprimierender astrologischer Wahn und bittere 
Lebenserfahrungen bei, da ihn ein wahrer Unstern mit einer Kette von 
Miszgeschicken verfolgte. 

Sein Schüler und Nachfolger, David Höschel dagegen war ron 



Beridit Über die 21e Philologenversammlung %n Augsburg. 6 t 

Jugend auf. yom Glück beg&nstigt. Nach Beendigoog seiner Reiten und 
Studien auf Wolfs Wunsch diesem als Adjunct in der obersten Klasse 
beigegeben, erschien er doch trotz des confessionellen Qegensatses, nach- 
dem pr sich von dem Verdacht des Eryptocalvinismus bei den Glaubens- 
genossen grereinigt, als der würdigste Nachfolger Wolfs in Rectorat und 
Stadtbibliothekariat. Schweizer, Italiener und Holländer Zöglinge lockte 
sein Ruf an; die Schule blühte unter ihm, die Stadtbibliothek mehrte 
sich durch seine weitreichenden Verbindungen, und ihre Benützung und 
Verwerthnng steigerte sich durch ihn und seinen gelehrten Freund, Stadt- 
pfleger Welser. Sein Name ziert die besten Erzeugnisse der obener- 
wähnten Druckerei ad insi^ne pinus; mit ihm verkehrten Scaliger und 
Casaubonus am liebsten und häufigsten in Deutschland, und seine 
Sprachkunde und seine Arbeitskraft zeigen sich in der That gleich 
grosz in der Menge seiner Werke. Und dabei war er von der edelsten 
Freiheit erfüllt, deren Wesen ist, das unantastbare Recht religiöser 
Ueberzeugung zu ehren und zugleich in der ungehemmten Entfaltung 
aller geistigen Kräfte und Gaben den Fortschritt zu erkennen, in wel- 
chem sich die erhabenen Zwecke des menschlichen Daseins realisieren. 
^Dieser Freiheit', so schlosz der Redner, 'huldigen auch Sie, hoch- 
verehrte Herren; Ihre Studien fördern ja recht eigentlich was mensch- 
lich schön und edel ist. Wo seit vierthalbhundert Jahren der Geist seine 
Schwingen durch das Ideal kräftigte, da war es die Erbschaft des klas- 
sischen Altertums, an welcher die Empfänglichkeit und Befähigung da- 
für gewonnen würde. So wird auch Ihre reinigende und veredelnde 
Macht im Dienste der idealen Güter fort und fort sich bewähren, und 
im Bunde mit dem Christentum ihr Gegengewicht zur Geltung bringen, 
wenn das Leben in das rein Stoffliche, in die Materie sich zu verlieren 
Gefahr läuft. Sie sehen heut in Ihrer Versammlung das erstemal einen 
längst geheg^n Wunsch — oder soll ich sagen ein längst gefühltes Be- 
dftrfnis? — durch die thätige Teilnahme der Germanisten befriedigt, 
die Ihre Verhandlungen erweitern und ergänzen. Die Bahnen der Spracli- 
wissenschaft durchkreuzen sich vielfach ; ihre Gesetze, ihre Methode und 
ihre Erfolge schlingen ein Band der Gemeinsamkeit um ihre Bearbeiter, 
in der sie sich gegenseitig sachdienliche Handreichnng zu leisten haben. 
Möge denn die erfreuliche Ausdehnung aus den Schätzen des Orientn, 
die in den schwierigsten Fragen philologischer Forschung oft allein den 
Ausschlag geben , aus dem Vermächtnisse des klassischen Altertums, 
dessen anmutige Kunst und maszvolle Weisheit keine Zeit entbehren 
kann, aus den Denkmälern unserer nationalen Vergangenheit, in wel- 
chen der germanische Geist seine Hoheit und Tiefe, den Adel seiner 
bevorzugten Begabung offenbarte , immer reichere Früchte für die grosze 
und wichtige Angelegenheit der Bildung bringen ! Was davon zum From- 
men der Jugend , die an Ihren Unterricht und Ihre erzieherische Leitung, 
hochverehrte Herren Collegen im Schulamte, gewiesen ist , sich verwer- 
then läszt, das werden Sie als ein willkommenes Geschenk hinnehmen, 
anderes nicht minder beachten, wenn es Ihren besonderen wissenschaft- 
lichen Bestrebungen eine Unterstützung bietet. Die unklare Strömung 
der Gegenwart gegen ideale Richtungen sucht unsere Ziele zu verrücken. 
Eine ernste Mahnung für uns, störende Elemente, so weit wir es ver- 
mögen , von uns fern zu halten , aber auch zugleich ein bedeutsamer 
Wink das Verfahren wol zu erwägen, durch welches die bildende Kraft 
der Unterrichtsmittel am wirksamsten sich äuszert, und die Liebe, das 
Interesse der jüngeren Generation in dem Bewustsein sich steigert, dasz 
ihr Wissen auch ein Können ist. Doch es ruft die Stunde zum Beginne 
des Werks. So g^hen Sie denn an dasselbe nnter dem Beistand und 
im Namen dessen, ohne den nichts gelingt. Der Herr lege auf Ihre 
sämtlichen Verhandlungen seinen Segen!' 



62 Bericht über die Sie Philologenversammlung su Augiburg. 

Nach dieser Eröffnungsrede wurde zunächst das Secretariat der Vor- 
sammlang ernannt (Prof. Dr. Thilo aus Halle, Prof. Zillober und 
Stadienlehrer Dr. M. Mezger aus Aagsburg und der unterfleiclinete 
Berichterstatter), ebenso die Commission zur Wahl des nächsten Ver- 
sammlungsortes, sowie zur Berathung über Abänderung der Statuten 
des Vereins. Zugleich wurde zu einer Vorbesprechung die Section der 
Orientalisten und die neue der Germanisten eingeladen. 

Zunächst bekam dann Prof. v. Leutsch aus Göttingen das Wort, 
um der Versammlung eine Bitte vorzutragen. Er habe der diesjährigen 
Versammlung eine Schrift gewidmet, weil es einem Göttinger Philologen, 
wie er glaube, wol gezieme, die fünfandzwanzigste Versammlung der 
Philologen die in Göttingen ihre Wiege hab%, zu begrüszen; dann auch 
weil gar viele aus diesen Versammlungen Nutzen und Anregung ge- 
schöpft hätten; zumal er selbst aber müsse als Redacteur einer philolo- 
gischen Zeitschrift mit Dank aussprechen, wie sehr er in seinem Amte 
durch diesen Verein unterstützt worden sei. Man möge ihm nur eine 
Bitte gestatten. Die in Zeitschriften vielfach zerstreuten Fachschriften sei 
man bisher bemüht gewesen in Auszügen bekannt zu geben. Bei der 
Schwierigkeit aber, aus den verschiedenen Zeitschriften auch anderer 
Fächer das Philologische auszuziehen, bitte er die Fachgenossen, wenn 
einer etwas Philologisches in eine Zeitschrift (auszer der Augsburger 
Allgemeinen Zeittung) schreibe, ihm einen Auszug, wo möglich einen 
Abdruck davon zukommen zu lassen. Dadurch würde die Einrichtung 
der Auszüge sich so erweitern, dasz man so zugleich die Behauptung, 
als vermöge unsere Wissenschaft nicht tiefe Wurzeln zu schlagen, evi- 
dent widerlegen könnte. 

Hierauf betrat Director Eckstein aus Halle die Reduerbühne. 
Von den 25 Begründern der Philologenversammlung seien jetzt nur 
noch 11 am Leben. Wenn er es in Braunschweig gewagt habe als der 
Lernende und Schüler den Manen des groszen Meisters, Friedrichs von 
Thiersch, Worte dankbarer Erinnerung und achtungsvollster Anerkennung 
zu weihen , so sei es ihm jetzt Bedürfnis einige Worte der Erinnerung 
dem Manne zu widmen, der neben Thiersch als eigentlicher Begründer 
des Vereins angesehen werden müsse; wie ja schon von Jacobs Thiersch 
und Rost als dessen Väter bezeichnet worden seien, was näher begrün- 
det sei in dem durch Hrn. Regierungsrath Firnhaber der Versammlung 
bestimmten Schriftchen. In der terra philologorum feracissima, im 
Thüringerlande, sei Rost geboren zu Friedrichsrode, am 11. Oct. 1<89, 
im Jahre 1802 sei er in das schon damals durch glänzende Namen ver- 
herlichte Gothaer Gymnasium eingetreten, um acht Jahre später in Jena 
Theologie und Philologie zu studieren. Nach einer kurzen Hauslehrer- 
präzis trat er am Gothaer Gymnasium als Collaborator ein, wo er an 
Döring einen Gönner fand^ der ihm den griechischen Unterricht in fast 
allen Klassen anvertraute und dessen Tochter ihm eine treue Lebens* 
gefährtin werden sollte. Sein lebendiger Eifer für die Schule und für 
die Wissenschaft konnte doch den im Freundeskreise so herzlichen und 
freundlichen Mann eben wegen seines Strebens nach dem Idealsten mit- 
unter augenblicklich zu weit führen, er war wie Horaz celer irasoi — 
tamen ut placabilis esset, denn dies müsse man ebenfalls hinzufügen. 
Er entzog sich Streitigkeiten , die ihm wegen seiner litterarischen oder 
amtlichen Thätigkeit erwuchsen, grundsätzlich nicht. — Doch gelte es 
hier zunächst seine Verdienste um unsern Verein zu würdigen. Abge- 
sehen von seineu Bemühungen um Gründung desselben , habe er seit der 
ersten Versammlung in Nürnbergs bei der er erster Secretär gewesen, 
dreizehnmal die Versammlungen, zuletzt noch die in Frankfurt besucht, 
in Gotha und Hamburg die Stelle des zweiten Präsidenten versehen. 
Nachdem er so bei jeder Gelegenheit mit unverbrüchlicher Liebe und 



Bericht fiber dii9 21e PhilologenversammluDg zu Augsburg. 63 

Trene das Interesse des Vereins gepflegt, sei es wahrhaft zu beklagen, 
dasz dieser fortan seines guten Rathes entbehren müsse. Und wenn er 
so bei mancher schweren Sorge sich kecken frischen Mnt gewahrt habe, 
weil seine moralische Kraft grosz war, so sei dies eine Aufforderung an 
alle, die an uns gekommene Erbsehaft, das Gedeihen der Philologenver* 
Sammlung eifrig zu fördern zum Segen des deutschen Vaterlands. —^ 
Aber auch ein praktischer Mann sei Best gewesen, was er durch seine 
Teilnahme an stHdtischen Interessen und insbesondere an der Lebens- 
yersicherungsbank bewiesen habe. Als Freund dieses Mannes bitte 
er die Versammlung das Andenken desselben in dieser Stunde durch 
Erhebung von ihren Sitzen zu ehren. — (Die ganze Versammlung er- 
hebt sich.) 

Der Präsident forderte nunmehr, da Eöcbly seinen Vortrag erst am 
folgenden Tag halten wolle, Hofrath Tischendorf aus Leipzig auf, 
seinen Vortrag zu halten. Schon voriges Jahr hatte Tischendorf über 
den Gegenstand Mitteilungen machen wollen, konnte aber wegen Krank- 
heit nicht in Frankfurt erscheinen. ^Ueber die paläographüche und kriH- 

ithe Bedeutung des Codex Sinaüicus* (Cod. M) vor dieser Versammlung 
sprechen und denselben im Original vorlegen zu können, gereiche ihm, 
bemerkte der Redner, zu ganz besonderem Vergnügen, zumal es unmit- 
telbar vor der Rückgabe an die kaiserl. russische Regierung geschehe; 
nachdem die im Auftrag Sr. Majestät des Kaisers Alexander unternom- 
mene grosze Prachtausgabe vollendet sei, werde er dieses Werk in sei- 
nem ganzen Umfang zugleich dem Kaiser überbringen. Soeben von der 
Abfassung der Prolegomena herkommend wolle er seinen Vortrag doch 
nicht weit ausdehnen, zumal wol Deutschland bei der Verteilung des 
groszen Werks in alle Länder der Christenheit von dem erlauchten Ge- 
ber nicht zuletzt werde bedacht werden. Ueberdies werde auch die di- 
plomatisch-kritische Handausgabe vom Neuen Testamente mit Barnabas 
und Ilermas schon zu Weihnachten von Leipzig aus veröffentlicht wer- 
den und durch billige Preisstellung zugänglich sein. Hauptsache sei dies- 
mal für kundige Augen die Autopsie, die Schau des Originals, er wolle 
nur einige einleitende Worte dazu geben. 

Vor allem müsse das auszerordentlich hohe Alter der Handschrift 
hervorgehoben werden. Der Hinweis darauf, wünsche er, möge zugleich 
ein Nachweis werden. ^Es gibt unter allen unsern ältesten Urkunden 
des Bibeltextes keine einzige, die so gültige Beweise ihres uralten Adels 
aufzuweisen hätte'. 

Dafür zeuge vor allem der Schrift charakter. Um die Unter- 
suchung zu erleichtern , habe er den vielen und genauen Facsimiles der 
Sinaihandschrift auch 36 Facsimiles von den meisten einigermaszen ver- 
gleichbaren Handschriften beigefügt. Sieben darunter seien von Papy- 
rushandschriften , von den übrigen nenne er nur den Cod. Vatic, den 
nach Sarravius benannten Origenischen Octateuch, den Cod. Alexandr., 
Cod. Ephraemi, Cod. Claromont., Cod. Cantabrig. Auszer den Papyrns- 
schriften^ unter denen ein Fragment aus Saquara (?) die überraschend- 
ste Schriftgleichheit mit der Sinait. Handschrift aufweist, seien neben 
cod. Vatic. u. Octat. besonders solche aus dem 5. und 6. Jahrhundert 
dargestellt. — Speciell nun sei vor allem die volle Reinheit des alten 
Unzialcharakters hervorzuheben, die sich teils in der völligen Rundung, 
teils in der Quadratform der Buchstaben kundgebe. Diese werde bis 
ins 5. Jahrhundert wie es scheine nicht einmal dann beeinträchtigt, 
wenn bei Zeilenausgängen kleinere Formen notwendig würden. — Die 
Einfachheit der Schrift, besonders die Abwesenheit der Endpunkte 
bei B a X y % (ju) d, wodurch der cod. Sin. alle anderen übertreffe, sei 
annähernd nur im Vatic. u. Octateuch zu finden. Besonders der erstere 
stimme sogar in gewissen Zufälligkeiten der Schrift, so dasz beide, Va- 



64 Bericht über die 21e Philolo^nversammlang zu Augsburg* 

tic. u. Sinait.) gleichem Vaterland, vielleicht derselben Schreibkünntler- 
schule angehörten, wenn auch ihr Alter um einige Jahrzehnte differieren 
könne. Diese Verwandtschaft erstrecke sich sogar auf gewisse Marotten 
der Schreiber; gewisse Formen des m n. XX und manche Kleinigkeiten 
der Art kämen nur hier vor. — Die Abwesenheit aller Initialen habe 
auszer dem Sinait. nur noch der Vaticanus , der Origenische Octatenoh 
und einige zweimal syrisch überschriebene Palimpsestfragmente des Jo- 
hannes zu London , in allen andern ältesten Handschriften gebe es be- 
reits Initialen. — £in ferneres Anzeichen höchsten Alters liege in dem 
Mangel der Interpunction; denn diese sei in den meisten Teilen des 
cod. von der grösten Seltenheit , ganze Oolumnen hinter einander seien 
ohne einen einzigen Punkt, den oft ein leerer Baum ersetze. Nur dass 
später die Interpunction vielfach nachgetragen wurde. 

AU diese Momente gewinnen an Gewicht dadurch, dasz die Hand- 
schrift von wenigstens vier Verfassern doch mit solcher Uebereinstim- 
mung im wesentlichen herrühre. 

Zum Charakter der Schrift trete noch ein andrer Beweis: die Co- 
lumneneinteilung. Leonh. Hug in seiner Schrift 'über das Alter 
der Vaticanischen Handschrift 1810' habe schon in der dreispaltigen 
Einteilung der Seiten den Eindruck einer alten Schriftrolle wiedergefun- 
den und daraus auf die Abfassung in einer Zeit geschlossen, wo man 
Vom Gebrauch der Schriftrollen zu dem der Bücher übergieng, aber nach 
alter Sitte doch die schmalen Oolumnen beibehielt. Im Codex Sinait. 
aber zeigt jede Seite vier schmale Columnen (auszer den stichometrisch 
geschriebenen poetischen Büchern des A. T.). In dieser Hinsicht ist 
er ein Unicum, während von dreispaltigen Handschriften doch noch ei- 
nige (z. B. Dio Cassius in Bom) sich erhalten habe. Der Uebergang 
zur Buchform liege höchst wahrscheinlich am Ende des 3n oder Anfang 
des 4n Jahrhunderts; denn damals seien, nach Pamphilus, in Cäsarea 
die Papyrusbibliotheken der Klöster wegen Schadhaftigkeit der Rollen 
umgeschrieben worden. 

Die Orthographie und der gesamte grammatische Charak- 
ter der Handschrift sei ein weiterer Beleg; besonders die sog. alexan- 
drinischen Eigentümlichkeiten. Beispiele : xiaasQSg, Javsld, BtSav u. ä. 
Diese grammatische Eigentümlichkeit komme nur in unsern ältesten 
Handschriften vor , wol in Folge treuer lieber tragung aus den frühesten 
Urkunden , während sie in den späteren Unzial- und Minuskelhandschrif- 
ten abgestreift worden. Cod. Vatic. sei auch hierin der ähnlichste. 

Die Reihenfolge der Bücher des N. T. sei besonders merk- 
würdig, indem die Acta und die katholischen Briefe erst hinter den 
Paulinischen erscheinen, genau wie in der Peschitho, während schon 
cod.. Vatic. Alexandr. und palimps. Paris, die aligemein übliche Anord- 
nung befolgen, die schon aus dem 4. Jahrhundert und früher bezeugt 
wäre. Daher die des cod. Sinait. vor Abschlusz dieser Anordnung zu 
setzen, die er, später entstanden, nicht mehr hätte aufgeben können. 

Ueber- und Unterschriften rührten zwar von Verschiedenen 
her, doch sei merkwürdig, dasz die letzteren über den actis immer nur 
nQct^Bia (ohne anoaroXcov) lauten, wie nur noch in patristischen Wer- 
ken, z. B. Epiphanius Gebrauch sei. Daraus dasz die Ammonischen 
Sectionen und Eusebischen Kanon es später nachgetragen seien, 
lasse sich fürs Alter der Handschrift bestimmt nichts scblieszen. Jene 
zu einer Art Evangelienharmonie dienende Einteilung sei schon ca. 350 
allgemein gebräuchlich gewesen; dies ergebe sich aus Caesarius n. Epi- 
phanius, auch melde ja Hieronymus in seinem Brief an Damasus bald 
darauf ihre Uebertragung auf den lateinischen Text. Eusebius hatte 
sie aber schon 331 in jenen 50 für Kaiser Constantin bestimmten Hand- 
schriften zur Anwendung gebracht, worauf man sie gewis vielfach in 



Bericht äbor die Sie Philologenversammluiig zu Auggbiirg. 65 

Gebraach genommen haben möge. Demnach könne der cod. Sin. vor 
350 nnd ins Zeitalter des Eufebios selbst gesetzt werden. Das« ans 
der Ammonisch-Eosebischen Einteilung des Vaticanus Hng mit Unrecht 
auf dessen anszerordentliches Alter geschlossen, zeige der Zantisehe 
Lneaa-Palimpsest aus dem 8. Jahrhundert. Es konnte also neben der 
{gangbaren auch eine andere Einteilung sich bilden und erhalten. Die 
Ammonisch - Ensebischen Zahlen im Sin. seien schwierig zu beurteilen; 
der Schrift nach vielleicht sehr alt , aber jünger als gewisse sehr alte 
Correcturen, brächen sie durch Nachlässigkeit des Verfassers mitten im 
Lucas ab. — Die capitula fänden sich in den berühmtesten griechi- 
schen Evangelienhandschriften, besonders in den sogen, codd. A C Z T 
Q R fast sämtlich , und jedenfalls seien sie vor Euthalius gemacht, aber 
diar Sin. und Vatic. hätten sie nicht. 

Ep. Barnabae und Pastor Hermae erscheinen als zum Kanon 
der Sinaibibel gehörig. Die Kirche des 2. und 3. Jahrhunderts neigte 
dazu, wie Clemens und Origines durch ihr Beispiel beweisen, und als 
Eosebins ca. 326 die allgemein für kanonisch geltenden Bücher und die 
Ton beschränkterem Ansehen {dvtiXsyötieva) in ein Verzeichnis brachte, 
erseheinen unter letzteren die beiden genannten Bücher*) neben Acta 
Pauli und Apocal. Petri. Dies stimmt ganz zu dem Kanon (aus dem 
3. Jahrhundert ?) des cod. Claramont. Diese Verwandtschaft zwischen 
cod. Sin. mit Eusebius und dem Kanon des c. Claramont. wird, wie 
der Redner bemerkt , noch dadurch erhöht , dasz im cod. Sin. zwischen 
Bsmabas nnd dem Hirten sechs Blätter, somit wol auch ein weiterer 
TeU der Ensebischen Antilegomena fehlen, wie dasz vom Hirten nur 
dss erste Dritteil vorhanden und daher mit dem Schlusz auch anderes 
fehlen kann. Um die Zeit zu bestimmen, in der eine solche weitere 
Fassung des Kanons bei einer so stattlichen Bibelhandschrift befolgt 
wer4en konnte, ist zu beantworten, welchen Umfang jene von Eusebius 
für den Kaiser besorgten Exemplare haben mochten. Wenn er dogma- 
tisch streng nach dem Kanon verfuhr, so war dies gehässig und an- 
maszend, insofern er damit nach seinem Urteil eine so wichtige und 
schwierige Controverse . gelöst hätte; nahm er aber auch den Bamabas, 
Hirten usw. auf, so blieb den einzelnen Gemeinden die Wahl bei der 
Benutzung. Der umsichtige Bischof wird wol das letztere gewählt ha- 
ben. Diesem Princip entspricht der cod. Sin., die einzige derartige 
Handschrift (der Vaticanus läszt wegen seiner Unvollständigkeit keinen 
Altersbeweis zu; die zwei Briefe des Clemens im cod. Alex, aber bewei- 
sen nur , dasz auch im 5. Jahrhundert doch manch Antilegomenon noch 
im Gebrauch sein konnte). Doch läszt die Ausdehnung des Kanons im 
cod. Sin. die Möglichkeit, wenn auch nicht Wahrscheinlichkeit, einer 
Entstehung der Handschrift nach 350 zu. 

Aber die Unterschriften zum 2. Buch Esra und zum Buch Esther 
melden ja , dasz diese beiden Bücher im Sinaitischen Codex (Friderico- 

Augnstanus; nicht i^) nach einem sehr alten von der Hand des Pam- 
philns in seinem Geföngnis verbesserten und mit einer ausdrücklichen 
Kote darüber ausgestatteten Exemplar berichtigt worden seien. Damit 
scheint alles umgestoszen. Aber es scheint nur so; diese Unterschrif- 
ten beziehen sich auf die zahlreichen Verbesserungen, welche jenen bei- 
den Büchern etwa am Anfang des 7. Jahrhunderts (von unsern Correc- 
toren C* und C**) beigeschrieben wurden. Damals also erschien unser 
noch heute nach 1200 Jahren so überraschend wol erhaltener Codex noch 
nicht als sehr alt , wol aber das Exemplar des Pamphilus. — Der Red- 
ner weist dann nach, dasz jene Note von einer andern Hand als der 

*) Die Concilien zu Laodicea 364 und Carthago 397 strichen den 
Bamabas and Hermas. 

N. Jahrb. f. Phil. a. Pid. II. Abt. 1863. Hft. 2. 5 



66 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

Text herrühre. Dazu kommt, dasz die vielen Correctoren auszer dem 
jüngsten, der dem 12. Jahrhundert angehört , der Unzialbandschrift sieh 
bedient haben; überdies war schon im 8. oder 9. Jahrhundert eine Auf« 
friscbnng des Textes vieler ^eichen Pergamentteile nötig, die in ver- 
schiedenen Zeiten vorgenommen wurde. Von dem Bestaurator rühren 
auch Züge in arabischer und griechischer Schrift her , die man wol ins 
8. Jahrhundert setzen dürfe. 

Der Text liefert den Hauptbeweis des Alters; denn er, und oft er 
allein, bestätigt die Angaben über Varianten, welche die ältesten Vftter 
in ihren Texten vorfanden. Das Marcus -Evangelium hat schon früh- 
zeitig 20 Verse im letzten Kapitel (cf. cod. Alex., palimps. Par. , Can- 
tabr. und die andern Unzial- und Minuskelhandschriften, die alten Ver- 
sionen wobei 7 Italahandschriften , alle syrischen und gothischen, also 
über 500 griech. seit dem 5. Jahrhundert verfaszten Handschriften). 
Aber aus Eusebius (f 340) und Hieronymus wissen wir, dasz fast alle 
alten guten Handschriften die letzten 12 Verse nicht hatten. Ebenso 
fehlen sie im cod. Sin. und Vatic. 

Ephes. 1, 1 steht seit lange in der Vulgata toig ovaiv iv 'Etpicto^ 
der Commentar des Origenes und eine Bemerkung Basilii M. und Mar- 
oions Oorrectur beweisen, dasz sie die letzten zwei Worte nicht vorfan- 
den ; nur unser cod. Sin. und Vatic. bestätigen dies. 

Zu Matth. 13, 35 berichtet Hieronymus , Porphyrius habe dem Evan- 
gelisten die Ignoranz imputiert, dasz er hier dem lesaias die Prophe- 
zeiung in den Mund lege , Hieronymus fand aber den Namen in seiner 
Handschrift nicht mehr, indem sie wol, wie er meint, kluge Männer 
entfernt hätten. Die Clementin. Homilien und Eusebius bezeugen sie. 
Der cod. Sin. hat sie, ganz allein neben fünf Minuskeln, aufbewahrt; 
nur dasz ein Gorrector diesen Namen anzweifelte. 

Zu Luc. 7, 35 bemerkt Ambrosius: plerique Graeci hätten ^qymv 
statt xiiivmv\ dies bestätigt nur cod. Sin. 

Job. 1, 14 alle Urkunden (auszer Cantabr.): r^v, Origenes fand in 
manchen icxiv. So Cantabr. u. Sin. 

Marc. 11, 1 wird Origenes Angabe ebenfalls von cod. Sinait, und 
Cantabr. bestätigt. 

Zu Job. 17, 7 bemerkt Chrysostomus die Variante iyvoaw. Nur cod. 
Sin. hat es. 

[Hebr. 9, 17 hat nur cod. Sin. und Claramont. die von Isidor er- 
wähnte Variante j*iy toxs. — Isidor f 434], 

Job. 12, 32 hat Augustin: omnia, mit Verwerfung von ledvzag; cod. 
Sin. Cantabr. und eine Minuskel: ndvta, 

Luc. 24, 13 wird Emmaus zuversichtlich von Eusebius und Hiero- 
nymus mit Nicopolis identificiert ; sie musten also lesen: 160, nicht 00 
Stadien. Schon Robinson hat dies vermutet und der Sin. hat cfijKoyra 

Wenn nun diese vereinsamten Sinaitischen Lesarten und noch 
manche andere ausdrücklich durch Nachweise aus dem dritten und vierten 
Jahrhundert bestätigt werden, so finden sich andere durch zuveiiässige 
Citate der Väter aus derselben Zeit oder durch die ältesten Uebersetzun- 
gen anerkannt. Matth. 18, 24 las Origenes, wie er an 6 Stellen zeigt, 
nolXav für {ioqiodv, wozu auszer der kopt. und sahidischen Version 
cod. Sin. stimmt; Job. 13, 10 bringt nur der cod. Sin. mit Zustimmung 
mehrerer lateinischer Handschriften die gleichfalls 6mal wiederholte Les- 
'■ art des Origenes und also wol des Johannes selbst zur Anerkennung; 
Matth. 7, 18 hat cod. Sin. mit Clemens und Origenes 17 nvXi^ weggelas- 
sen; 2. Petr. 1, 4 cod. Sin.: inLd'Vfi^av q>9'0Qägy cf. Hieronym.; Job. 
6, 51 cod. Sin. (wie Tertullian und Speculnm Augustin.): ov Bym dmaa 
vne(f xrig tov HOCfiov itorig; Job. 2, 3: ovx sixov oivov avvstsXeod'ii 



Bericht Aber die Sie Philologenversammlung zu Augtburg. 67 

ptff o 9ivog tov yofiov, wie nnr die ältesten lat. Handschriften, die 
•äthiopische Uebersetsnng nnd der Rand der zweiten syrischen noch 
haben. 

Doch genug. Es erhellt daraus, dasz der Sinaiticns aus einer Klte- 
len Zeit stammt als alle übrigen Handschriften, obwol der Vatioanns 
ihm am nächsten steht. Schlieszlich verweist der Bedner auf seine Pro- 
legomena mit der Andeutung: 'dasz keine einzige unserer Handschrif- 
ten in 80 überraschender, wahrhaft wunderbarer Weise die Feststellung 
ond Wiederherstellung des ursprünglichen Aposteltextes fördert, wenn 
tneb immer der rechte Gebrauch der Handschrift zu diesem Zwecke 
einer erfahrenen und yursichtigen Hand bedürftig ist. Mein Schluszurteil 
in den Prolegomenen lautet dahin , dasz die uns von der göttlichen Vor- 
sehung geschenkte Urkunde ohne allen Zweifel epochemachend in die 
text-kritiachen Forschungen hereintritt. Der codex Sinai ticus wird, un- 
terstntst von deU nächstältesten und nächstverwandten , die Reform der 
neuteatamentliohen Textkritik, so weit sie noch möglich geblieben, 
dauernd begründen.' 

Am Schlusz der bis 12^ Uhr dauernden Sitzung begab sich die 
Mehrsahl der Anwesenden in das Fürstenaimmer , in welchem der codex 
Sinaiticus nebst den oben erwiOtnten Facsimiles und Druckproben auf- 
lagen und von Hofr. Tischendorf an diesem und am folgenden Tag vor- 
gezeigt und mit Erläuterungen begleitet wurden. Für diese Gefälligkei- 
ten, für den in hohem Grade interessanten Vortrag und für die Gele- 
genheit eine so wichtige Urkunde mit eigenen Augen zu sehen, sind 
ihm gewis mit uns alle Anwesenden sehr dankbar. 

Zweite allgemeine Sitzung. 25. September. Präsident: Professor und 
Oberbibliothekar Dr. G. Halm. Anfang lO^^ Uhr. 

Die Sitzung wurde mit einigen Mitteilungen eröffnet. Zunächst ver- 
las der Präsident ein Telegramm aus Berchtesgaden , worin Ihre Maje« 
stäten der König und die Königin freundlichst dankten für den Toast, 
den beim Diner des vorhergebenden Tages Präsident Mezger auf Aller- 
höchstdieselben ausgebracht und in welchen die Versammlung freudig 
mit eingestimmt hatte. In mehreren Zuschriften waren die Mitglieder 
der Versammlung von den betreffenden Directionen zum Besuch der Ge- 
nUUdegallerie , des Augsburger Kunstvereines, des Maximilianeums und 
der Sammlungen des naturhistorischen Vereines eingeladen. Weiter kam 
nur Verlesung ein Schreiben der Teubnerschen Verlagshandlung , worin 
lie sich bereit erklärt, den Druck der Verbandlungen gegenwärtiger 
Versammlung zu übernehmen, aber nur unter der Bedingung, dasz die 
Vorträge baldigst eingesendet würden. Prof. Hermann Fritzsche aus 
Leipzig übersandte die oben erwähnte Festschrift mit einem Schreiben, 
worin er bedauert, durch Krankheit in seiner Familie von der ersehn- 
ten Reise nach Augsburg abgehalten zu sein. Die oben schon erwähn- 
ten Festschriften von Nitzscb, Urlichs, Oncken, Dillmann, v. Hefner, 
T. Leutsch wurden als inzwischen eingelaufen bezeichnet und statuten- 
gemäsz der Stadtbibliothek von Augsburg zur Aufbewahrung übergeben. 

Nach der Tagesordnung hatte den ersten Vortrag in dieser Sitzung 
Prof. D. Köchly zu halten, welcher über die Ztisammensetzimg und die 
Butandteile der Odyssee sprach. Da es unsere Aufgabe hier zunächst 
nar sein kann, den materiellen Inhalt der Vorträge wiederzugeben, die 
Form aber den Protokollen der Versammlung zu überlassen ist, so müs- 
] sen wir auch darauf verzichten, diesen mit groszer rednerischer Ge- 
wandtheit gehaltenen Vortrag dem Wortlaute nach hier aufzunehmen. *) 

*) Nach V. Karajan's Erwartung wird Köchly^s Rede in den Ver- 
handlungen in wesentlich anderer Form erscheinen; er hat sie daher 

5* 



! 



6S Bericht über die die Philologenversammlung za Augaburg. 

*In einer Versammlang, die eben nicht allein dazu zasammentriti, 
dasz wiBsensehaftliehe Diseussionen gepflogen werden , sondern dasz auch 
in weiteren Kreisen für unsere Philologie immer wieder von neaem Be- 
geisterung erweckt, Anhänger gewonnen werden, könnte man ihm sein 
Thema vielleicht zum Vorwurf machen , aber er wolle den Versuch eben 
doch damit machen und berufe sich auf das was Goethe in der Elegie 
'Hermann und Dorothea' (sämtl. W. in 40 Bdn I S. 263) sage: 
Erst die Gesundheit des Mannes, der, endlich vom Namen Homeros 

Kühn uns befreiend, uns auch ruft in die vollere Bahn. 
Denn wer wagte mit Göttern den Kampf? und wer mit dem Einen? 
Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön. 
'Und Goethe ward Homeride für ewige Zeiten.' Sein Hermann und 
Dorothea wird niemals vergessen werden. 

Freilich folge dann die Beaction, oftmals sei die Sache zwischen 
Goethe und Schiller besprochen worden und dieser , empört über die 
kritischen Kleinigkeiten , habe den Gedanken barbarisch gescholten. Und 
als Schubarth^s Homer als Aeneadenhofdichter auftrat, da habe Goethe 
(a. O. n, S. 270) mit jener ihm so wol anstehenden Ironie geschrieben: 

Scharfsinnig habt ihr, wie ihr seid. 
Von aller Verehrung uns befreit. 
Und wir bekannten überfrei , 
Dasz Ilias nur ein Flickwerk sei. 

Mög* unser Abfall niemand kränken; 
Denn Jugend weisz uns zu entzünden, 
Dasz wir ihn lieber als Ganzes denken, 
Als Ganzes freudig ihn empfinden. 

Der Dichter habe Recht. Wolfs Behandlung sei nur eine äuszer- 
liche, historische, negative gewesen. Es habe noch die Beweisführung 
von innen heraus gefehlt, bis Lachmann mit seiner Liederkritik 
hervortrat und die erste Hälfte der Ilias etwa in 13 kürzere , die zweite 
Hälfte in etwa 6 längere Gedichte zerlegte. Uebrigens übergehe er die 
kleineren Nachdichtungen u. dgl. , wolle auch nicht polemisieren ; denn 
wie Antigene sage er: Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. 

Aber zwei Fragen der Einheitskritiker seien vor allen Dingen zu 
erledigen. Erstens: 'Wenn in der That die Ilias aus Einzelliedem zu- 
sammengesetzt ist, wie kommt es, dasz diese nun zu einem 
Ganzen, — denn die einheitliche redactionelle Haltung des Ganzen 
wollen auch wir nicht leugnen — vereinigt wurden? Wie konnte 
den Peisistrateern einfallen , Lieder zu vereinigen , die an verschiedenen 
Orten zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Poeten gedichtet und 
bis dahin einzeln herumgeflattert sind, einzeln vorgetragen wurden 
durch die Rhapsoden?' — Antwort: die Peisistrateer haben nur vollen- 
det, was Jahrhunderte lang, zuerst halb instinctiv, dann mit Reflexion, 
durchaus aber mit Naturnotwendigkeit begonnen und fortgeführt wurde. 
Näheres Eingehen verbiete die Zeit; Redner verweist also, indem er 
gleichsam nur als Sphinx (über die Entwicklung des griechischen Epos) 
eine Antwort geben könne, auf Pindars Worte: 

"'Od'sv nsQ xal '0(irjQ£6ai, 
^amoSv iicscov xanoXX' aoiSol 
ttQxovxtti diog i% Tcqootfilov %xX, 

beinahe wörtlich wiedergegeben; (in seinem Bericht: Zeitschr. f. d. 
österr. Gymn. XI. Heft). Für die Verhandlungen hat Köchly bis jetzt 
nichts eingesandt , die Stenographen den gehaltenen Vortrag ebenso we- 
nig, und wir sind daher auf unsere Aufzeichnungen neben Karajan^s 
gründlicher Arbeit angewiesen. 



BeriGht üh» die 31e PhilologeDversammlung zu Augsburg. 69 

Darin liege implieüe die Antwort. — Aber die Beantwortung der zwei- 
ten Frage führe in ein neues, ho£fentlich letates entscheidendes Sta- 
dium der Homerkritik. ^Woher nehmen denn die Anhänger der 
Liedertheorie das Mass für ihre Homerlieder?' Ist es mo- 
derne Aesthetik, sind es die Gesetze, wie sie Hegel und seine Schüler 
aufgestellt haben, oder etwa die Wünsche, welche die verschiedene 
Neigung der Leser hegt? Da ist doch an dem was Aristoteles und die 
Alexandriner anerkannten viel eher festzuhalten.' 

Antwort (leicht wie beim Colnmbusei): 'Das Masz-zur Beurteilung, 
Ausscheidung und Wiederherstellung der homerischen Lieder nehmen 
wir aus ihnen selbst.' Es seien ja vollständige, gut erhaltene (ab- 
gesehen von leicht abfallenden Interpolationen) Lieder vorhanden, wie 
die Doloneia; man braucht dabei eigentlich nur zu schauen, zu lesen 
und SU genieszen, 'und es steigt in uns auf der Begriff des homeri- 
schen Liedes mit seiner dramatischen Einheit der Zeit und der Hand- 
lung , mit seiner Uebereinstimmung der C!haraktere, mit dem homeri- 
schen Verhältnisse , in welchem die Teile sich zum Ganzen fügen , und 
endlich, was freilich nur in der Ursprache bemerkbar ist, mit der ei- 
gentümlichen Uebereinstimmung des epischen Stiles. Die 'Presbeia' 
sei ein ebenso vollständiges Lied; ebenso der 'Wett kämpf an Pe- 
troklos* LeiohenhügeP, ein Bild das uns so modern erscheint, 
einem Wettrennen zu vergleichen auf Albions Insel; dazu Hektor's 
Lösung. 

Diese Lieder sind der Leitfaden bei Reinigung der Gesänge von 
Entstellungen, bei Entwirrung der verschlungenen; man weisz ja jetzt 
welches das Wesen des homerischen Epos ist. 'Das ist die dritte 
Entwicklung, welche zur historischen Beweisführung Wolfs, zur 
kritischen Sichtung Lachmann*8 die positive That fügt, die ästhe- 
tisehe Kritik, die Homers Lieder endlich als das genieszbar machen 
wird, was sie sind, als wahrhaft g7*osze Dichterwerke.' Eine antike 
Aesthetik müsse wieder hergestellt werden für Epen und Tragödien. 

Daaz die Odyssee auch nicht ein 'unantastbares Heiligtum' sei, bat 
Bekk'er, Hennings, Kirchhoff u. a. bewiesen, die an ihr rühm- 
lich 'gearbeitet' und so bei ihm, dem Redner, schon seit länger als 
den horazischen neun Jahren feststehende Ansichten bestätigt hätten. 
Sehlieszlich habe erst kürzlich Kern in Ulm die colossalen Widersprü- 
che über die Freier der Penelope gründlich bloszgelegt. — Ueber die 
Odyssee wolle er nun, da allgemeine Aufzählungen, eine Nomenclatur 
'nicht blosz die schönere Hälfte unserer Versammlung' herzlich lang- 
weilen dürfte, eine ganz kurze Skizze liefern, von der Art, wie er 
meine, dasz sie zusammengesetzt sei und werde sich begnügen, an 
einem einzelnen Beispiele zu zeigen , wie er den Beweis hierfür führe, 
was dann freilich auch auf eine Art 'kritischer Bestätig^g' hinauslaufe. 

In den ersten 12 — 13 Gesängen werde jedermann zwei grosze Hälf- 
ten als unterscheidbar erkennen: 'Telemachos Ausfahrt' und 
'Odysseus Heimkehr'. Die erstere a — 9, die zweite von Odysseus 
Abfahrt von Kalypso bis zu seiner Ankunft auf Ithaka. Hennings 
Arbeit (Suppl. Bd. dieser Jahrb. 1857^60. S. 123—234) über die erstere 
stimme mit seinen Ansichten ganz zusammen; nur haJte er, der Red- 
ner , das ganze erste Buch (auszer Prooemium und Götterversammlung) 
für das Machwerk desjenigen, welcher jene zwei Hälften zuerst ver- 
knüpfte. Das erstere konnte man bequem in kleinere Rhapsodien zer- 
legen, alle mit einheitlicher Idee: Erziehung des jungen Tele- 
machos zum Manne durch Pallas Athene. 

Odysseus Heimkehr. In e, { haben wir zwei solche in ihrer Art 
abgerundete Kunstwerke, die aber nicht von einander zu reiszen sind. 
Die 'Heimkehr' gliedert sich in fünf Rhapsodien, gleich Acten einer 



70 Bericht Aber die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

Tragödie. Jede ist für sich ein Ganzes*) und verbindet sich doch har- 
monisch mit den übrigen: das Buch Kalypso und das Buch Nsnsi- 
sikaa. — (Dasz Anfang: von cc und s ursprünglich zusammengehört, 
ist schon durch eine Reihe kritischer Forschungen kritisch beleuchtet 
und erörtert worden.) Der Redner entwickelt danff die kunstvolle An- 
lage jener beiden Bücher, wobei er auf einzelne poetische Feinheiten 
aufmerksam macht. 

Mit dem siebenten Buch (rj) 'kommen wir auf einmal in Domge- 
Strauch und Distelgebüsch'; ganze Stücke sind anderswoher zusammen- 
gestohlen und zusammengeflickt. In rj nnd ^ läszt sich zunächst un- 
terscheiden: ein späteres ziemlich schlechtes Lied: äd'Xa^ vielleicht nur 
Folie für die Götterkomödie von Ares* und Aphroditens Liebschaft; 
auszer edlen Teilen des alten edlen Liedes sind dann nur noch Bruch- 
stücke zu entdecken von einem andern altern Gedichte, in welchem 
Odyssens nicht durch Nausikaa, sondern von Athene selbst am frühen 
Morgen in Nebel gehüllt, ins Haus des Alkinoos geführt, die Fürsten 
schmausend antrifft, befragt wer er sei, sofort seine Abenteuer erzählt 
und Abends sogleich weiter befördert wird. Doch läszt sich das Lied 
nicht völlig mehr herstellen. 

Ueber den Apolog nur zwei Worte. Vor allem ist, wie sogar 
das Haupt der Einheitskritiker zuerst gethan, die jüngere Nekyia 
auszuscheiden, die nie selbständig existierte; innigst verwebt damit 
ist der Raub der Sonnenrinder und was damit in (i und x zusammen- 
hängt; denn im alten Lied ist nur Poseidons Zorn Schuld an Odysseus 
Leiden. Zweitens sind im Apolog ältere Bestandteile, die unser grosser 
Dichter selbst aufgenommen und hineingewebt hat: der ältere Apo- 
log (Kikonen, Lotophagen, Lästrygonen, Aeolos, Sturm, Kalypso^s 
Insel); aus Pietät oder einer gewissen Ironie hat dann der Dichter der 
Heimkehr nach der kurzen Erzählung von den Lästrygonen und Loto- 
phagen die Abenteuer bei den Kyklopen und der Kirke, mit gleichen 
Motiven , gedichtet und alles zusammengeschmolzen. 

Das gröszere Gedicht, nach Ausscheidung jener Einschiebsel usw., 
Odysseus Heimkehr, zerfällt nun in fünf Bücher: Kalypso, Nausikaa, 
Odysseus Aufenthalt bei den Phäaken, Odysseus Abenteuer, Odysseus 
Heimkehr. Beim dritten den Faden der Auseinandersetzung wieder 
aufnehmend schildert der Redner sodann den Inhalt der drei l6taten 
Bücher dieses Gedichts , bis Odysseus ohne sein Zuthun durch der Götter 
Huld in die Heimat gelangt. Hier bricht das Gedicht ab; die zweite 
Hälfte der Odyssee besteht aus lauter kürzeren aber jüngeren Einsel- 
liedern. — Solche Gebilde, wie Nausikaa oder die spätere Iphigenie, 
sind ewig und ^es kommt nur darauf an , sie mehr nnd mehr zur Er- 
scheinung zu bringen. Das ist die dritte und letzte Aufgabe der Klein- 
liederkritik , der viel gescholtenen.' 

'Alkibiades verglich den Sokrates mit einer Silenstatue, in welcher 
goldene und silberne Götterbilder versteckt sind. Die Ilias und Odys- 
see, wie wir sie haben, sind auch solche Silenstatuen , ^die vielfach 
durchsichtig, bald klarer bald trüber die göttliche Schönheit Homers 
hindnrchblitzen lassen, und gerade diese Götterbilder , diese wirklich 
homerischen Stellen , die sind es , die uns stets bei der Lesung Homers 
so angezogen, begeistert, erfreut haben. Es ist die Aufgabe dieser 
Kleinliederkritik , diese krystallenen Silenstatuen zu offnen, wo wir es 
können und sie zu zerschlagen , wo wir es müssen , und zu sagen : 
kommt hierher und schaut! Erst hier sind die wahren Homerischen 
Götter !' 



*) Wir verlassen die lästige indirecte Rede und setzen eigene Worte 
Köchly's fortan immer in Anföhrungszeichen. 



Bericht fiber die Sie Philologenversamnoilung zu Augsburg. 71 

Prof. D. Düntier aus Köln ergriff daranf das Wort, nm mit sei- 
ner schon seit 30 Jahren eingenommenen Ueberzeagang den eben ge- 
horten Ansichten entschieden entgegenzntreten. Die Homerischen Ge- 
dichte seien von einer Masse kleiner Einscbiebungen dnrcbsogen, wel- 
che sich die Rhapsoden erlaubten; diese Auswüchse müsten erst weg- 
geschafft werden, ehe man an eine gründliche Erörterung über die Zn- 
Mmmensetzung der Homerischen Qedicbte gehen könne. Die Kleinlie- 
deijSger hätten meist auf solche Stellen ihre Schlüsse gegründet und 
solche Einsohiebungen zum Beweise verschiedener Lieder misbraucht, 
idbst Mttnner wie L a c h m a|n n und Kirchhoff. Andererseits hätten 
sie ebenso viel Schlimmes übergangen , wenn es zu ihrem Zwecke paszte. 
üebrigens erkenne er mit Dank, dasz aus der wahrhaft dramatischen 
Ausänandersetzimg des 'beredten Redners' auch ihm manche Stelle in 
nötigerem Lichte entgegen getreten sei. 

Da Niemand weiter das Wort verlangte, gab der Präsident dem 
taf der Tagesordnung nächstfolgenden Redner das Wort. 

Demnach hielt Prof. Dr. Thomas aus München seinen ursprüng- 
Heh für die pädagogische Section bestimmten Vortrag : 'Fallmerayer 
ftls Schulmann.' Er motivirte denselben im Eingang damit, dasz 
gerade in Augsburg Fallmerayer , nachdem er den Degen eines Kämpfers 
^r die vergeblich erstittene Freiheit deutscher Nation mit dem Magi- 
sterinm vertauscht hatte, seine LehrthäUgkeit begonnen habe. Seiner 
Zelt- und Amtsgenossen (der älteste Gefährte Prof., Haggenmüller in 
Kempten sei ihm bald ins Reich der Schatten gefolgt) seien wenige mehr 
am lieben : Mich. Fuchs , Professor emeritus in Ansbach , mit welchem 
der Lieutenant des 11. bayr. Infanterieregiments in Lindau Tacitus 
und Homer gelösen , und ehemalige Augsburger Collegen : Prof. Schmidt 
BU 8. Anna in Augsburg und Decan Förg in Neuburg a/D. Dagegen 
mögen Schüler Zeugnis geben dasz er ein ausgezeichneter Lehrer gewe- 
sen, in erster Linie Marc. Jos. Müller, dessen Vater, einer der weni- 
gen wirklichen Schulräthe, die Bayern gehabt, Anlasz gab, dasz im 
J. 1818 Fallmerayer als Primärlehrer nach Augsburg gerufen wurde. 
Die Papiere meines sei. Freundes — so fuhr etwa der Redner fort — 
die er mir anvertraut, enthalten auch manch schönen Nachweis über 
jene Periode , wo er in Augsburg und Landshut gewirkt habe. Wenn 
an einem Lehrer und Erzieher neben ausgiebigem Kenntnisschatze vor 
aUem Lebendigkeit und Unmittelbarkeit im geistigen Verkehr, frohe 
Bdiarrlichkeit an schwerem Werke , ein unbestechlich lauterer Charakter 
und sich selbst prüfende Gerechtigkeit als Kennzeichen erscheinen, so 
war F. ein Meister der Schule. Nachdem er der vermeintlich glänzen- 
den militärischen Laufbahn einmal entsagt hatte , fand er in der neuen 
bald sich heimisch, ja glücklich: 'man hat Gewicht, man hat Ansehen, 
man ist Professor.' 

Begeistert für seinen Beruf, wie er war, versäumte er auch jetzt 
nicht die ihm anvertrauten Zöglinge bei Gelegenheit durch Ansprachen 
SU ermuntern, wie er früher seine Waffenkameraden mit Cäsars Reden 
hirangniiert hatte. Diese edle Begeisterung leuchtet auch aus der An- 
sprache hervor, mit welcher er in das Collegium der Anstalt eintrat; 
den Schülern machte er neben Fleisz und Aufmerksamkeit insbesondere 
Horalität und gute Sitten zum Gesetz. 'Wenn ihr einmal selbst geste- 
hen müst', ruft er ihnen ein andermal zu , 'man iia1E>ie euch frühzeitig 
mit der Wahrheit und dem Wesen des menschlichen Lebens vertraut 
gemacht, so soll dieses Bekenntnis das schönste und bleibendste Denk- 
mal sein, welches ihr meinen Mühseligkeiten und euren jugendlichen 
Bestrebungen setzen werdet.' Wie seine Werke seine Bewunderung clas- 
sischer J^ede und seine Meisterschaft darin bekunden , so t^at die leben- 
dige Begeisterung für Anmuth und Kraft der Sprache auch am Lehrer 



72 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsbtirg. 

und Professor hervor. Freilich bezeigte er seine Hochachtung vor der- 
selben auch durch die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er sich auf seine 
Vorträge und seine Lehrthätigkeit vorbereitete. So war es ihm aadi 
möglich , auf den Ideenkreis der Jugend einzugehen ; alle Aufgaben die 
er stellte tragen das Gepräge, dasz sie der Schule entwachsen sind und 
nur das Mögliche verlangen , an sich. Schule und Leben vermittelte er 
so in der Schule, aber nicht minder in seinen histor. Werken, die eben 
darum so unmittelbar auf die Gegenwart wirken ; F. wollte und mnste 
lehren, dort die Jugend, hier die deutsche Nation. — Ganz eminent 
musz die Wirkung gewesen sein., welche F.s Vorlesungen über die all- 
gemeine und bayerische Geschichte , in den Jahren 1827 — 31 in Lands- 
hut hervorbrachten, so gründlich, wahrheitsliebend und vorurteilsfrei 
zeigte sich hier dieses auserlesene Lehrtalent; so dasz die Leetüre die- 
ser Hefte lebhaft an die alle hinreiszenden Vorträge Christian Born- 
hard*s in Ansbach erinnern. — Von der Gewissenhaftigkeit des Mannes 
und zugleich seinem Edelsinn zeugen die täglichen Notizen seines Ta- 
gebuchs, in welchen er über seine Lehrthätigkeit mehr als streng zu 
Gericht sitzt. 

Im Juli 1831 schlosz er seine Vorlesungen , um seine erste grössere 
Reise nach dem Süden anzutreten; schon hatte sein Werk über Morea 
und Trapezunt seinen Ruf als Geschiohtschreiber begründet. Nach sei- 
ner Rückkehr, drei Jahre später, fand er seine Stelle nicht mehr wie- 
der. Die Richtung, welche damals der Schule und Wissenschaft mit 
Entschiedenheit gegeben wurde, hatte alles geändert; damals kämpfte 
Thierseh seinen Heldenkampf für Freiheit des Unterrichts, für Eraie- 
hung zur Menschlichkeit — auch F. gereichten seine hervorstechenden 
Eigenschaften hinterrücks zum Vorwurf: Geist und Herz, Wissen und 
Mut zu besitzen kann einmal nur privatim geduldet werden — F. wurde 
in den Ruhestand gesetzt. So war freilich der Verwendung seiner Ta- 
lente für Bayern ein Ziel gesetzt; aber nichts konnte ihn hindern, mit 
dem Schwerte des Geistes und der Schneide des Wortes dem deutschen 
Vaterlande zu dienen, dessen politische Unkraft keinem tiefer in die 
Seele schnitt , als ihm dem feurigen Mahner , dem ernsten Warner , dem 
freimütigen Sohne desselben; so hat er durch den Glanz seines Namens 
zugleich dem des deutschen Vaterlandes Anerkennung und Hochachtung 
weit über Deutschlands Gauen hinaus verschafft. 'Deutschland wird 
Fallmerayer nie vergessen, wenn es das Gedächtnis seiner groszen Hi- 
storiker und Politiker feiert, Bayern wird Fallmerayer nie vergessen, 
wenn es den Lehrern und Bildnern des Volkes eine Gabe des Dankes 
spendet, und deshalb hat es mich getrieben, Fallmerayer dem Schul- 
mann hierorts als vor einer würdigen Zeugenschaft im unverschlossenen 
Atrium dankbaren Nachruhmes einen Ehrenkranz zu weihen.' 

Prof. Dr. Bursian ans Tübingen hielt sodann einen Vortrag ^über 
archäologische Kritik und Hermeneutik,^ (Wir sind nicht im Stande, die- 
sen mit der dem Hm. Redner eigenen lebendigen Beredsamkeit vorge- 
tragenen Gegenstand genau wiederzugeben und beschränken uns daher 
auf skizzenhafte Andeutungen.) Früher wurde diese Seite der Archäo- 
logie mehr praktisch geübt als systematisch dargestellt, besonders von 
Winckelmann, Lessing und Zoega. Der Name für diesen Teil der Wis- 
senschaft findet sieh wol zuerst bei Fülleborn in der Encyclopaedia 
philologica, Berlin 1798, die im wesentlichen auf F. A. Wolfs Schema 
beruht und durch seine Vorlesungen angeregt ist: Abschnitt V bezieht 
sich auf die Gteftehichte der griech. und röm. Kunst: dabei befinden sich 
observationes quaedam ad hermenenticam et criticam archaeologicam. 
Gleichzeitig 0. D. Beck, commentationes academicae de interpretatione 
veterum scriptorum atque monumentorum ad sensum veri et pulcri 
facilem atqae subtilem ezcitandum aeuendumque recte institnenda. 



Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 73 

Lips. 1798. Abhandl. 3 Q. 4. Koch O. Müller sa^^e in der ersten Auf- 
lage seines Handbuches der Archäologie 1830: 'Hermeneutik und Kri- 
tik, formelle Diseiplinen, nicht besonders darstellbar', was Welcker 
ragte in der Anzeige des Buches, Rhein. Mus. II S. 463 f., wo er den 
Wunsch ausspricht , dasz in einer Hermeneutik der Kunst alle bei ihr 
im Ganzen und Einzelnen eigentümlich zu nehmenden Gesichtspunkte zu- 
ssmmen^^aszt würden; daher in den folgenden Ausgaben des Hand- 
buches jene Bemerkung weggelassen wurde, aber dadurch die Herme- 
neutik und Kritik der Kunstwerke ganz daraus verschwanden; nur 
später bei der Einleitung zur Geographie der Kunstdenkmäler blieb 
noch die Bemerkung stehen, dasz die Topographie der Kunst und die 
Lehre von den Fundorten der Kunstwerke dem Forscher als ein Haupt- 
mittel der Kritik und Hermeneutik von der g7*Ö8ten Wichtigkeit sei. — 
Zuerst handelte systematisch darüber Conr. Layezow über archäol. Kri- 
tik und Hermeneutik in den Abhandl. der Berl. Akad. 1833, hauptsäch- 
lich Deductionen der philos. Grundsätze der Erklärung überhaupt und 
ihrer Anwendung auf die Kunstwerke, sowie der Untersuchung über 
Aechtheit oder Unächtheit eines alten Kunstwerkes, über die Zeit sei- 
nes Ursprungs und seiner individuellen Urheber. — Dann folgte Prel- 
ler^s Abhandlung ^über die wissenschaftliche Behandlung der, Archäolo- 
ge' in den Supplementheften zum 3. Jahrg. d. Zeitschr. ' f. Altert. 
(1845); der erste Artikel bezieht sich auf die Stellung der Archäologie 
IE den übrigen philol. Diseiplinen und auf die Einteilung derselben; 
der zweite (Nr. 13—15) gibt ^Grundzüge zur archäol. Kritik und Her- 
meneutik'; er setzt neben die äuszere, der diplom. Kritik der Schrift- 
werke entsprechende, und neben die Conjecturalkritik der Monumente 
noch eine dritte Gattung, 'die constitutive Kritik der Archäologie', 
welehe den Ursprung des Bildwerks nach Zeit, Volk und Individualität 
feststellen soll. In Bezug auf die Hermeneutik handelt er zunächst von 
den Hülfsmitteln der archäol. Eiklärung (Stellen alter Schriftsteller, 
Inschriften, Yergleichung anderer Monumente); dann von den Aufga- 
ben der archäol. Hermeneutik: a) technische Kunsterlilärung , b) sach- 
liche Kunsterklärung , c) ästhetische Erklärung , wobei er auch die Sym- 
bolik und das Verhältnis der Kunst zur Religion in Betracht zieht. — 
G^egen die von Preller beliebte Gegenüberstellung der Philologie, als 
Kunst die schriftlichen Denkmäler zu behandeln und zu verstehen, und 
der Archäologie, als Kunst desgleichen für die Kunst denkmäler, hat 
sich besonders O. Jahn erklärt ^über das Wesen und die wichtigsten 
Aufgaben des archäologischen Studiums' (Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. 
1848. S. 209 ff.), der mit Recht hervorhebt, dasz nicht die Art der 
Quellen, sondern das Princip und die Aufgabe der Forschung eine be- 
sondere Wissenschaft oder Disciplin constituieren : dies ist für die Ar- 
chäologie die künstlerische Seite des antiken Lebens im engen Zusam- 
menhang mit den übrigen Seiten desselben. Diesen Gesichtspunkt hat 
auch Overbeck festgehalten 'über Systematik der Archäologie der Kunst' 
(Allg. Monatschr. f. d. Litt. 1853. S. 444 ff.), wobei auch eine kurze 
Skizze der Kunstkritik und Kunsthermeneutik gegeben wird; während 
Gerhard *Grundris der Archäologie', Berlin 1853 (zum Teil Umgestal- 
tung des Aufsatzes im ersten Bande der hyperboreisch-röra. Studien) 
die Archäologie als denjenigen Zweig der klass. Philologie bezeichnet, 
welcher im Gegensatz litterarischer Quellen und Gegenstände auf den 
monumentalen Werken und Spuren antiker Technik beruht, wozu er 
ausser den Werken der Baukunst und der bildenden Künste auch Orts- 
und Inschriftenkunde rechnet; diese Archäologie teilt er in drei Teile; 
einen propädeutischen, historischen und praktischen Teil, als Einlei- 
tung zum dritten Teil stellt er die Kunst zu sehen (Autopsie), zu prü- 
fen (Kritik) und auszulegen (Hermeneutik) hin. Bedenklich ist dabei 



74 Bericht über die Üle Philologenversammlung zu Augsburg. 

nur die Stellung vor dem dritten Teile, da ja doch der zweite, bisto- 
rische, wesentlich anf den Resultaten der Kritik und Hermeneutik der 
Kunstwerke beruht; die Autopsie ist blosz Sache der Uebung, nieht 
durch Regeln zu lehren, eine Vorbedingung für die Kritik, wie etwa 
das Lesen der Handschriften und Inschriften. 

Aufgabe der gesamten Altertumswissenschaft ist nun aber die Er- 
kenntnis und Reproduction des klass. Altertums nach allen Richtungen 
des Lebens und der geistigen Thätigkeit, des äuszem und innern Le- 
bens, der praktischen und theoretischen Seite desselben. Für die Lö- 
sung dieser Aufgabe gibt es eine doppelte Art von Quellen, litterarische, 
welche den ihnen zu Grunde liegenden Gedanken durch Worte, vermii- 
telst der Sprache, ausdrücken ^ozu auch die Inschriften gehören) — 
und bildliche (monumentale) , welche denselben durch Formen oder Sym- 
bole, die auf dem Wege handwerksmäsziger Technik geschaffen sind, 
ausdrücken ; beide Arten von Quellen gelten als solche für alle Discipli- 
nen der Altertumswissenschaft. Wie die Kunst des Altertums nieht 
blosz aus den bildlichen sondern auch aus den litterarischen Quellen in 
erkennen ist , so auch die übrigen Disciplinen nur aus beiden Arten Ton 
Quellen gemeinsam. Die Grundsätze für Prüfung und Verständnis bei- 
der Quellenarten gibt die Kritik und Hermeneutik, zwei in Theorie und 
Praxis untrennbare durchaus formale Künste, die zusammen die Kunst 
der philologisch - historischen Methode bilden ; diese Grundsätze sind 
durchaus identisch, nur in der Ausübung etwas modificiert durch die 
verschiedene Beschaffenheit der beiden Arten von Quellen; daher sind 
beide zusammen darzustellen. 

Die Aufgabe der Kritik ist eine doppelte: 1) die ursprüngliche 
durch die Ueberlieferung getrübte Gestalt eines antiken Werkes (in 
Schrift oder Kunst), sowie es aus der Hand seines Schöpfers (Verfas- 
sers oder Bildners) hervorgegangen, soweit als möglich wieder hersa- 
stellen; 2) die Stellung, welche es zur Gesamtmasse der übrigen Werke 
einnimmt zu bestimmen: jenes gewöhnlich als die niedere, dieses als 
höhere Kritik bezeichnet; bei beiden Teilen ist sowol beurkundende 
oder objective, als divinatorische oder snbjective Kritik anzuwenden. 
Der erste Teil erfordert eine doppelte Thätigkeit : die recensio , welche 
die relativ älteste Gestalt eines Werkes soweit sie durch Zeugnisse su 
ermitteln ist , und die emendatio , welche die ursprüngliche Gestalt des- 
selben zu ermitteln hat. Die Recension umfaszt also wesentlich eine 
Geschichte der Ueberlieferung, soweit sie durch Zeugnisse zu ermitteln 
ist, von der jetzigen Gestalt des Werkes rückwärts gehend; bei den 
Bildwerken ist sie beschränkter als bei den Schriftwerken, da die Ue- 
berlieferung in der Regel eine unmittelbare ist: während von den 
Schriftwerken nur Abschriften existieren, ist das Bildwerk selbst auf 
uns gekommen, meist in verstümmeltem oder durch Interpolation ent- 
stellten Zustande, also als Object der emendatio, nicht der bloszen re- 
censio. Aber auch eine solche ist, ganz analog der Sichtung der hand- 
schriftlichen Ueberlieferung, bei Bildwerken in zwei Fällen aufzustel- 
len: 1) wenn uns von einem Bildwerke nur noch Abbildungen oder Be- 
schreibungen, die von einander abweichen, vorliegen; 2) wenn eine 
Mehrzahl von Bildwerken sich als blosze Wiederholungen eines gemein- 
samen Originals erkennen lassen ; das Verfahren dabei ist ganz wie bei 
Recension eines schriftlichen Textes nach verschiedenen Handschriften: 
das was in allen einzelnen Exemplaren gleich mäszig erscheint gilt als 
sicher dem Original angehörig, was sich in den ältesten und sorgfäl- 
tigsten Exemplaren findet, wenigstens mit groszer Wahrscheinlichkeit, 
was nur in den jüngeren und nachlässigeren , als Zusatz oder willkttr- 
liehe Anordnung der Nachbilder, wie bei den Handschriften der Schrei- 
ber. Wie ferner die Recension bei Schriftwerken eine möglichst voll- 



Bericht Ober die 31e PhOologenversammlung zu Augsburg. 75 

ständige Gesehiclite der üeberliefemng zu geben hat, so sind aach bei 
einem Bildwerke snnScbst seine Schicksale von der jetzigen Zeit rück- 
wSrts bis zn seiner Auffindung , dann soweit dies möglich , wie nament« 
Ueh bei Bauwerken und einzelnen plastischen Werken , bis zur Zeit sei- 
ner ersten Aufstellung zu yerfolgen. Die emendatio dagegen hat das 
was sich durch sichere Prämissen als ungehörig und zu dem übrigen 
nicht passend herausstellt, also Interpolationen, zu entfernen und durch 
Combinationen von möglidister Sicherheit und Wahrscheinlichkeit, also 
durch Conjecturen,*zu ersetzen; wie bei den Schriftwerken hier die 
Anspielungen und Nachahmungen in andern Werken wichtig sind, so 
hei den Bildwerken die Auffindung ähnlicher, in der Hauptsache das« 
selbe Original nachbildender Werke (Apollo v. Belvedere). Im zweiten 
Hauptteil, der Totalkritik, ist wieder für Schrift- und für Bildwerke 
ein ganz analoges Verfahren zu beobachten, nur ist es für die letzte- 
ren schwieriger, weil nur in seltenen Fällen der Name des Künstlers 
nberiiefert ist, während dies bei den Schriftwerken in der Regel der 
Fan ist. Daher ist zunächst zu fragen, ob das Bildwerk überhaupt 
antik ist oder moderne Fälschung vorliegt, eine Frage, die bei Bild- 
werken viel häufiger sich aufdrängt als bei Schriftwerken, obwol sie 
auch hier nicht ganz ausgeschlossen ist (Sanchuniathon , Uranios , kleine 
lat. Gedichte wie das Spicedion Drusi, das von C. Barth fingierte Frag- 
ment des Yestritius Spurinna u. a.); auch die Entscheidungsgründe sind 
ganz analog; dann fragt sich, welchem Volke, welcher Periode der 
bildnerischen Thätigkeit das Object angehört, wobei insbesondere die 
archaisierenden Werke von den acht archaistischen zu scheiden sind; 
Admliches ist ja auch bei Schriftwerken der Fall (spätere Nachbildun- 
gen älterer Dialekte, wie einzelne unter den Schriften des Lukianos); 
endlich welcher Kunstschule und . wo möglich welchem Künstler das 
Werk znzureihen ist und welche Stellung das einzelne Werk zu den 
Sbrigen einnimmt (ästhetische Kritik). 

Die Hermeneutik dagegen hat die Aufgabe, ein Werk richtig, 
d. h. so wie es der Urheber desselben verstanden wissen wollte, auf- 
zufassen und zu verstehen; also so wenig z. B. die sog. allegorische 
Auslegung der Homerischen Gedichte , die darin die 'Keime aller Wis- 
senschaften findet^ ebenso wenig berechtigt ist diejenige Erklärung von 
Bildwerken , welche darin den ursprünglichen tiefen Sinn der Mythen 
ausgeprägt finden will. Wie in den Schriftwerken die Ideen des Ver- 
fassers durch die Sprache ausgedrückt erscheinen , so in den Bildwerken 
durch die Formen , die in der Materie und zum Theil der Plastik nüan- 
drt werden^ etwa wie durch die Partikeln die sprachlichen Formen; die 
▼ersciiiedenen Haltungen, Stellungen, Geberden, auch die Bekleidung der 
Hauptform in den Bildwerken entspricht ganz der Abwandlung der Wör- 
ter durch Declination und Conjugation, die Anordnung mehrerer Figu- 
ren zu einem Ganzen, die künstlerische Composition einer Gruppe > eines 
Reliefs oder Gemäldes, ja sogar eines Bauwerkes hinwieder der syntak- 
tischen Verbindung der Worte; also wie für das Verständnis eines 
Schriftwerkes erste Bedingung die Kenntnis der Sprache, worin es ge- 
schrieben ist, in lexikalischer, grammatischer und syntaktischer Hin- 
sicht, so ist auch für das eines Kunstwerkes Kenntnis der Formen, 
deren sich die Kunst bedient, der Bedeutung der Modificationen dieser 
Formen durch Haltung und Bekleidung, der Gesetze der künstlerischen 
Composition überhaupt vonnöten. In dieser Hinsicht ist noch sehr viel 
zu thun, bevor ein Lexikon, eine grammatische Formenlehre und eine 
Syntax der alten Kunst geschaffen werden kann. Wie bei einem Schrift- 
werk das sprachliche Verständnis notwendig vorausgehen musz, so ist 
bei einem Bildwerke zunächst die Situation oder Handlung , welche dar- 
gestellt ist, ohne Rücksicht auf die individuellen Namen zu erkennen, 



76 Bericht über die 2le Philologenversammlung zu Augsburg. 

damit man nicht mit yorgefaszter Meinung an die Erklärung gehe. Was 
in der Sprache die Eigennamen, das sind i|i den Bildwerken die durch 
fest bestimmte Gesichts- und Eörperbildung, durch bestimmte Attribute 
sicher charakterisierten, ohne weiteres erkennbaren Gestalten, wie die 
der Götter, gewisser Heroen und einiger historischer Personen. Wie 
die Schriftwerke zu erklären sind durch Vergleichung mit Werken des- 
selben Schriftstellers oder derselben Litteraturgattung ^ so auch die Bild- 
werke durch Heranziehen von Werken derselben Kunstgestaltung: Va- 
sen, griechische Grabreliefs, römische Sarkophage, Wandgemälde. Ffir 
das Verständnis des Inhalts der Bildwerke ist endlich* ebenso gut die 
Kenntnis aller Seiten des antiken Lebens notwendig, wie für das der 
Schriftwerke, ja vielleicht noch eine umfassendere; daher gerade bei 
den Bildwerken die Kunst des Nichtwissens noch öfter zu üben ist als 
bei den Schriftwerken. 

Ende der Sitzung 12% Uhr. 



i 



Dritte allgemeine Sitzung, Freitag 26. September. Präsident: Rect&r 

M e z g e r. Anfang 10^^ Uhr. 

Nach einer Mitteilung des Präsidenten über die durch die Güte des 
Hrn. Archivars Herberger aufgelegten Autographen von historisch 
oder litterarisch bedeutenden Persönlichkeiten bekam Dir. Eckstein 
als Referent der zur Wahl des nächstjährigen Versammlungsortes er- 
wählten Commission das Wort und schlug in deren Auftrag der Ver- 
sammlung Meiszen als nächsten Versammlungsort, DirectorD. Franke 
zu S. Afra als nächsten ersten Präsidenten vor, dem die Wahl eines 
zweiten Präsidenten überlassen bleiben solle. Der Vorschlag wurde 
angenommen , vorbehaltlich der weiter dazu nötigen Verhandlungen und 
der Zustimmung der königl. sächs. Kegierung. Der anwesende königl. 
Sachs. Geh. Kirchen- und Schulrath Dr. Gilb er t glaubt versichern zu klo- 
nen, dasz man diesen Beschlusz mit groszer Freude dort begrüszen werde. 

Die zum Behuf der Berathung über die Geschäftsordnung resp. 
deren Abänderung niedergesetzte Commission liesz sodann ebenfalls 
durch Dir. Eckstein das Resultat ihrer Berathnngen bekannt geben. 
Darnach solle auf der nächsten Versammlung der Versuch gemacht 
werden, den ersten und vierten Tag für die allgemeinen 
Sitzungen zu verwenden, während der zweite und dritte 
für die Arbeiten der Sectionen, die nun durch eine germanisti- 
sche und archäologische vermehrt seien^ frei bleibe. — Mit diesem 
Antrage erklärte sich die Versammlung einverstanden. 

Nach diesen Mitteilungen hielt von 10^ Uhr an Prof. Dr. Gust. 
Wolff aus Berlin einen Vortrag *üher die Stiftung des delphischen Ora^ 
keW, im wesentlichen folgenden Inhalts. Eine Geschichte des Orakel- 
wesens bei den Alten ist Bedürfnis. Man müste die Sprüche und Nach- 
richten über Befragung der Orakel sammeln , dabei die mythischen Ant- 
worten von den historischen trennen, die nicht in Tempeln erteilten, 
sowie die erfundenen aussondern, die in Tempeln gegebenen nach den 
Cultusstätten und möglichst nach der Zeit sondern; die Einrichtungen 
und Geschichte der letzteren für sich und dann die Gesamtentwicklung 
im Zusammenhang mit den religiösen und sittlichen Vorstellungen be- 
trachten. 

Die Stiftungszeit ist dabei besonders schwierig. Das delphische 
Orakel wird zuerst in Hom. Od. ^, 77 erwähnt , dann in II. B, 519 und 
J, 404. Das Alter und Ansehen des Orakels wird daraus klar; auch ist 
es schon in vorgeschichtlicher Zeit von den Phlegjern am Kephiseos 
und den Dryopem unter Phjlas und Laogoras geplündert worden« Frei- 



Bericht Ober die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 77 

lieh ist des Orakels be! Homer keine Erwähnnog gethan ; aber es kennt 
den wahrsagenden Apoll A^ll and die vnofp^tai in Dodona. Eine grossja 
Zahl frühester Ereignisse und Einrichtangen weist auf pjth. Sprüche 
nurfick; diese haben den vielen Auswaüderern vom 0. — Ö. Jahrb. mei- 
stens düeRichtang gegeben; ja selbst die dorische Wanderung soll durch 
sie Teranlaszt sein. Letzteres verhält sich aher offenbar umgekehrt. 
Wenn man nach Thukydides aus Sitten und Gebräuchen sicherer als aus 
Berichten schlieszt, so ist zu erinnern an die Daphnephorien (Apollos 
Entsündigong nach Pytho's Tödtung): der delphische Knabe gieng über 
Ljkoreia, durch das Gebiet der Lokrer, Aenianen und Melier , über 
Pagasä, Larise, den Peneios entlang, nach Tempe, weil so Apollo den 
Weg glommen haben sollte. Warum auf solchem dazu so beschwer- 
lichen Umwege ? Weil , wie O. Müller erkannt und Schömann bestätigt 
hat , diese Strasze die der Derer bei ihrer Einwanderung nach Phokis 
war. — Eine andere Dorerschaar scheint den Weg Apollos im zweiten 
Teil des Hymn. Hom. gegangen zu sein , dessen Abfassung man in das 
siebente Jahrhundert setzt , von Pierien durch die Aenianen und Perrhä- 
ber über Jolkos nach Euböa, von der Lelantischen Ebene durch den 
Euripos nach Böotien, Mykalessos, Teumessos, Thebens Stätte, Onche- 
stos, Haliartos, Okalea, über den Kephissos zur Quelle Tilphossa, end- 
lieh an der Südseite des Parnass nach Erisa, wo er sein Orakel grün- 
det — Gerade bei Tempe findet sich Apollodienst (cf. O. Müller Derer 
127. 202. Corp. inscr. 1767); ein Pythion auf dem Olymp, am Pe- 
neios; am Pelion Apollodienst. Der Amphiktyonenbund vereinigte noch 
spät das alte dorische Gebiet mit dem neuen (Thermopylae — Pytho: 
niehdem dieser Sammelpunkt sich gebildet, wurden erst die Thebaner 
bdgeiogen). — Den Weg der Volkswanderung bestätigen noch spätere 
Züge (thessalische Magneter nach Ejreta gewiesen : s. Müller Dor. I 258 ; 
Aenianen siedeln sich in Kirrha an , als dies von Delphi abhängig war, 
ib. 200); noch nach den Perserkriegen zeigt sich der Zusammenhang 
des Orakels mit den Dorern. Als die Phokier sich seiner Leitung be- 
mächtigen, machen die Spartaner es wieder unabhängig, weshalb die 
Athener für erstere Partei nahmen. 

Freilich haben die griechischen Stämme den Apollodienst schon aus 
der asiatischen Heimat mitgebracht, aber der delphische Apoll ge- 
bort dem dorischen Stamm; die Leitung des Orakels hatten fünf oaioi 
VLB fünf Geschlechtern, die sich von den Phokiern und Delphiern als 
'deukalionisch' ausschieden. Die Phokier stehen in feindlichem Ver- 
bUtnis zum Orakel, die Delphier wollen nicht als Phokier gelten; die 
Dryoper plünderten das Heiligtum und wurden durch (den dorischen) 
Herakles gezüchtigt. Die Feindschaft der lakonischen Derer gegen den 
Apollon Karneios (äolisch-minyisch) widerspricht dem bisherigen nicht; 
tie wollten ihren Apollon zur Geltung bringen. Auch der Hymnus v. 
388 ff. besagt nicht, dasz das Orakel von Kreta aus gestiftet sei: die 
Ansiedlung ist vor der Ankunft der knossischen Priester vollendet; über- 
haupt ist aber hier nur von dem Meergotte Apollo Delphinios die Rede, 
der mit dem pythischen nur die Blutsühne gemeinsam hat. Die Com- 
bination beider mag durch kretische Colonien gebildet sein; eher noch 
später durch Etymologie (Tzetz. ad Lyc. 208), ein sagenbildendes 
Element, das Pott in der Zeitschr. f. vergl. Sprachforsch, zu behandeln 
begonnen. Der Hymnus bringt den Namen mit Delphi und mit dem 
Delphin zusammen, aber in geschichtlicher Zeit wurde der Ap. Delph. 
weder in Delphi noch in Krisa verehrt : Lycophr. 207 ist natürlich kein 
Gegenbeweis (dies ganze Bacchusopfer ist Nachbildung eines Cyclikers 
nadi Od. 9 77. cf. Tzetz. ad 208, als Dionysoskult in Delphi schon 
anerkannt war). Der Name Delphi ist zum erstenmal erst Hymn. Hom. 
490 erwähnt; die Stadt selbst später gegründet; cf. Strab. IX, 418. Schol. 



78 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

Hom. B, 519. Von dem späteren Namen der Delphyne (Apollod. 1, 6, 
3, 9), die einem andern Sagenkreise angehört, leiten die alten Mytho- 
graphen den des Gottes selbst nicht ab, (dies that erst Simonides: Tze/Lz, 
ezeg. 11. p. 117 Herm.) so wenig als von Delphusa, was erst aus Til- 
phussa entstellt ist. Aber er ist alt, in Athen unvordenklich (Aegena 
Blutgerichtshof am Delphinion). — Ferner ist auch die Hyperboreer- 
sage kein Hindernis gegen obige Ansicht über den dorischen Apol- 
Ion; es liegt darin nur eine Erinnerung an die Herkunft des Cultes aus 
Norden (dor. Thessalien), wohin die Phantasie überhaupt gerne das Glück 
und die Weisheit verlegte , wie später in den Westen , wieder ein ander* 
mal zu den südlichen Indern, bis man sie auf Erden in allen bekann- 
ten Gegenden vergebens gesucht und sie in den Himmel verlegte. 

Was fanden aber die Derer bei ihrer Ankunft an der heiligen Stätta 
vor? Ein Orakel der Erdgöttin (Mus. ap. Paus. X 5, 3; Aesch. 
Eum. in.; Pind. Pyth. hyp. 1 Eurip. öfters u. a.), und zwar ein Traum- 
orakel (Eur. J. T. 1262). So fand Pausanias (V 14, 8) einen Altar 
der Ge an einem atofiiov in Olympia, wo früher ein Orakel war; 
ähnlich bei Aegeira (VII 25, 8 cf. Plin. n. h. 28, 9, 41), wo man recht 
wol ein Traumorakel (Incubation) annehmen kann ; auch in liakedftmon 
scheint Erddienst dem ApoUocult gewichen zu sein, Paus. III 12, 7. — 
Für ein pyth. Traumorakel spricht auch, dasz die Nacht als Orakelge- 
berin erwähnt wird (Pind. Pyth. hyp. 1) oder Phoibe nach Ge (Aesch. 
Eum. ö); denn die Mondgöttin hat Traumorakel. Auch Themis wird 
als Orakelgeberin eingeschoben (Pind. Pyth. XI 9 (15); Paus. X 5, ä 
coli. Eur. Or. 164): bei Euripides (J. T. 1245. 1259; of. tischbeinueba 
Vase) erscheint Themis als erste Inhaberin des Erdorakels, die Mutter 
tritt später für sie ein; dem widerspricht aber der fromme Aeschylus 
Eum. init. Auch auf der Nolaner Kylix (Gerhard Winkelm. Progr. 
1846) verräth sich die Kenntnis von Themis in Pytho , wiewol er es su- 
rückdatiert und sie durch Aegeus befragen läszt, während die schrift- 
lichen Zeugen hier vielmehr die Pythia nennen. Vgl. endlich auch Ovid. 
Met. 1, 321. Pind. Isthm. VII 32 Böckh. — Man könnte in diesen Ue- 
h erlief erungen bezüglich der Themis eine Allegorie finden wollen über 
die ordnende Thätigkeit des Orakels; mit Unrecht. Aeschylos nennt 
die Erdgöttin selbst Themis, Prom. 207 (211). 18. Euripides (J. T. 
1259 of. Hes. theog. 135) kennt sie als erste Besitzerin des Orakels; 
die Demeter Erinys heiszt auch Themis Paus. VIII 25, 4 und der von 
ihr geborne Areion auch Sohn der Erde (ib. VIII 25, 5); ein Themis- 
altar an jenem azoiiiov zu Olympia (ib. V 15, 8). Themis (vgl. ^i/üx, 
^ifis&lov) ist offenbar ursprünglich die Erdgöttin selber, 'das Feste, die 
Grundlage' im Gegensatz zu Wasser und Luft. Als das Verständnis 
dieser Identität schwand, schied man sie als Tochter von der Ge, ein 
auch sonst nicht seltner Procesz. Die Abweichungen des Aeschylos und 
Euripides bekunden nur das Streben nach Combination des Verschiede- 
nen; aus der Folge bei letzterem: Themis, Apoll, Ge, Apoll, und bei 
Aesch.: Ge, Themis, Phoebe, Apoll, liest man nur heraus: die Erd- 
göttin Themis mit Traum- , dann Apoll mit Wortorakel. 

Schon am ersten Mittelpunkte des Amphiktyonenbundes hatten die 
Dorer einen Dienst der Erde gefunden (das Bundesheiligtum der Deme- 
ter an den Thermopylen — Akrisios), in der neuen Heimat gründen 
sie die heilige Stätte aber wieder an der eines Erddienstes ; trotz ApoU- 
cult lieszen sie der Ge ihre Ehre (Plut. orr. Pyth. 402, VII 583 Bsk. 
erwähnt eines delphischen Hains der Ge , ehemals der Musen , eine Ver- 
bindung, welche auf das hohe Alter dieser Stiftung schlieszen läszt). 
— Die Schlange Python (cf. Hesyoh. s. v. Pind. Pyth. hyp. Hygin. 
140) wird öfters statt oder neben Ge genannt und ihre Ueberwindung 
durch Apoll ist ein beliebter Gegenstand in Poesie, Kunst and Cultua. 



Bericht fiber die 21e Philoiogenversammlung zu Augsburg. 79 

Wiridioh gab es in Epinu ein apollinisches Schlangenorakel. (Aehnli- 
ehas bei Aelian h. an. XI 2, wie ein Schlangenorakel anch ein Basre- 
lief des palaizo Qrimani in Venedig zeigt.) Durch die griechischen 
Sagen ai^t sich eine Verbindung der Schlange mit der Erde und mit 
Weissagung. Abgesehen von Heraclit. alleg. Hom. p. 75, ist bei Hygin 
Python ein Sohn der Erde; deren Kinder (Herod. i, 78) Schlangen, 
schlangenfUszig die erdgezeugten Qlganten, so auch alle Ortsdämouen 
Eriehthonios , Sosipolis; vgl. die Sage vom Schlangenmörder Ophiuchos 
b. Hyg^. poet. astr. 14; der Schlangenwagen der Demeter, des Tripto- 
lemoB, die schlangenumwickelte Demeter auf einer pont. Münze (Mil- 
lingen p. 5, 10) — Alles scheint darauf zu deuten , dasz die Schlange 
Symbol der Erdgöttin war, Python weissagt, weil Ge in Pytho 
als Schlange verehrt wurde. So kämpft Apoll mit einer Schlange bei 
Qrfindong des gryneischen und ptoischen Orakels, er belohnt den Tei- 
resias für Erlegung heiliger Schlangen , Hyg. 75. und den Phorbas aus 
demselben Grund (id. poet. astr. 14), dagegen Mopsos der Apollinische 
Seher stirbt durch Schlangenbis — lauter Andeutungen des Kampfs der 
SeUangenanbeter mit denen des weissagenden ApoUon. 

Endlich Poseidon. Die Stelle Musaeus ap. Paus. X 5, 3, die nvQ- 
«001, dann Paus. X 24, 4 bezeugen für die vordorische Zeit einen Po- 
leidon- neben dem Ge-Cultus, an ihn knüpfte sich eine Weissagung 
aus dem Opferbrande und Beste seines Dienstes blieben zu Pytho. 
Seinen heiligen Hain bei Onchestos fand Apollo schon vor (Hymn. Hom.), 
an den sich sogar eine Amphiktyonie knüpfte (Strab. IX 412). Pos. 
ist Vater des Parnasses Paus. X 6, 1; ganz Böotien war ihm heilig 
(Aristarch. ap. Schol. E 422 EM. 547, lÖ). Sein Dienst öfter von dem 
des Apoll zurückgedrängt, auf Dolos ist er als titTfr^ysTris , auf Thera 
als 'AcfpcüUos von den ersten Ansiedlern verehrt, während die lakon. 
Colonisten die Insel dem Apoll weihten. Dem Helios weicht er auf Rho- 
dos und theilt mit ihm den Isthmus und Korinth nach einem Kampf. 
Sein Bangstreit mit den andern Göttern weist seinen Cult meist als den 
älteren nach (Paus. II 15, 5; Apollod. 3, 14, 1; Paus. II 30, 6); über- 
haupt aber scheinen seine Verehrer mit den neuen Ankömmlingen sich 
oft gütlich verglichen zu haben , worauf wol auch das Orakel bei Paus. 
II 33 , 2 deutet und die Sage von Erbauung des Poseidontempels in 
Hantinea durch die Baumeister des delph. Tempels (id. VIII 10, 2); 
sehen in Tempe, der älteren Stätte des dor. Apollon, wurde ein Iloasi- 
imv TtstgaCogy titTCiOs verehrt. 

Wie nun Poseidon-Hippios als Gemahl der Themis-Demeter in Ar- 
kadien galt und mit Ge den Biesen Antaios zeugt, so mag er auch 
nit der Erdgöttin auf dem Parnasz gepaart gewesen sein. Das Besul- 
tat scheint dies: die Derer giündeten bei ihrer Einwanderung zu Pytho 
ein Wortorakel des Apoll an der Stätte, wo die Erdgöttin Themis ein 
Traumorakel hatte. Als deren Gemahl galt Poseidon und ward mit ihr 
▼erehrt , sie selbst unter dem Bilde einer Schlange (ob e r in Pferde- 
gestalt?). 

Dionysos dagegen (in der Hypoth. ad Pind. Pyth. iv co nqfOTOg 
jJiowaog id^siiiazevas) ist wol nicht als Orakelgott, sondern nur als 
Prophet der Nyz oder Themis zu denken, und dies ist wol nur eine ge- 
lehrte Zurückdatierung des vielleicht von Theben dahin gekommenen 
Dionysoscultes ; dieser aber ist allem Anschein nach längere Zeit nach 
Gründang des Orakels erst in Griechenland verbreitet worden, — Was 
endlich diesem Orakel sogleich allgemeinere Bedeutung verschaffte, war 
wol der Umstand, dasz es in Worten weissagte, das des Zeus Ammon 
und das dodonäische weissagten aus Zeichen (letzteres später nach del- 
phischer Art) ; an Delphi knüpfte sich die Erfindung des Hexameters ' 
Paus. X 5, 4; musische Spiele gehen den gymnischen lange voraus und 



80 Bericht über die 21e PhilologenversammluDg zu Aiigsburg. 

werden an die mythischen heiligen Sänger geknüpft , wm wol metrische 
Orakelsprüche in ältester Zeit voraussetzte. Diese Eründnng brach sich 
bald Bahn , an vielen Orten erblühten nun apollinische Wortorakel, doch 
so , dasz dem ersten der Art in der Meinung der Völker immer der Vor- 
rang blieb. 

Nach Beendigung dieses Vortrags erhob sich Bursian, um zunächst 
einen Zweifel gegen dessen ersten Teil vorzubringen, wo der Apollon- 
cult als dorisch dargestellt wird. Denn erstens sei der in Delphi ver- 
ehrte Apollon eben nur ApoUon Delphinios, was die Sagen über die 
Delphingestalt des Gk)tte8 und über Delphjne beweisen; dieser Apollon 
aber sei gerade ein nicht dorischer, sondern jonisch -lelegiseher Gott 
(das Delphinium in Athen auch nicht zu vergessen); zweitens führten 
auch Nachrichten über Geschlechter und Einwanderungen auf andere 
als dorische Heimath. Deukalion gehöre doch gewis nicht dem dori- 
schen Stamme an , die Lokrer seien Leleger , dazu kämen noch die Thra- 
kiden; früher sind die Thraker in Phokis mit Delphi in Verkehr ge- 
standen; jener Streit zwischen Phokern und Delphiern trat erst später 
ein. Dionjsoscult aber spielt ja auch auf dem Parnasz und in Delphi 
eine grosze Bolle : der Musencult ist jedenfalls aus thrakischen Elemen- 
ten hervorgegangen. Drittens: der Redner habe nur die ^ine Ueberlie- 
ferung erwähnt, nach welcher die Dryoper als dem Apoll feindlich er- 
scheinen, aber nach einer andern ist Drjops sogar ein Sohn Apolls, 
folglich die Dryoper die eigentlichen Träger eines ApoUocults; in ELrisa 
existierte ein Geschlecht der Kragalidai. Ueberall wo wir die Dryoper 
finden, wandert Apoll mit, so dasz deren Wanderung nicht als durch 
seinen Zorn veranlaszt erscheinen kann. — Resultat : Apollocult in Del- 
phi (der an die Stelle eines alten Erdcultus trat) ist von den früher 
vorhandenen lokr. , dryop. (leleg.) Stämmen begründet und dadurch im 
engsten Zusammenhang mit den kleinasiatischen Culten (Apollon Ly- 
kios , Grynaios u. a.); dazu gesellte sich durch thrakischen Einflnsz 
Dionysos- und Musencult und später , als Doris in den Händen der De- 
rer war, haben sie dieses Heiligtum nie völlig colonisiert , wol aber den 
Gott zu einer Art von Nationalgott gemacht. Daher die grosze Vereh- 
rung auch bei andern Stätten. Nachmals aber wurde das Orakel lako- 
nisiert und dadurch verschwand sein Einflnsz. 

Wolff erwiedert, die Dryoper seien für ihn nicht weiter zu be- 
rücksichtigen gewesen, weil er von der Gründung des Orakels anfangen 
wollte. Aber dasz sie dem Orakel feindlich gegenüberstanden, dafür 
zeuge, dasz sie unterworfen worden sind; dasz ein Teil davon da Be- 
stand hatte, das gehe diesen Cnit nicht an. Da müste erst eine Mit- 
telperiode angenommen werden, zwischen dem ältesten Zustand und dem 
nach den Quellen von auszen her gegründeten Orakel. 

Prof. Leopold Schmidt aus Bonn faste sodann die Seite des Cul- 
tus ins Auge: der Redner behaupte, ^das Erdorakel vor dem apollini- 
schen sei ein Traumorakel gewesen , was die Stellen des Euripides und 
die Analogie anderer Erdorakel bewiesen' — allein dann ergebe sich 
das Bedenken wie aus dem Traumorakel die spätere Form, diese Ma- 
schinerie der Pythia und der Erddämpfe habe hervorgehen können. Wenn 
man von den Notizen absehe , so erscheine als das Natürliche , als ur- 
sprüngliche Form des Erdorakels dasz aus dem Duft, den man an jenem 
Orte bemerkte, das Orakel, die Weissagung in der Form wie später 
hervorgieng, dasz es zuerst im Dienst der Erdgöttin gestanden und der 
zähe Sinn der Griechen es bewirkte, dasz dieselbe Form beibehalten 
wurde auch bei dem Uebergang an einen andern Gott, Apoll, dessen 
Wesen doch eigentlich ganz heterogen ist. Apoll ist der Gott der gei- 
stigen Erleuchtung; diesem ist entgegengesetzt die Art von Betäubung, 
auf welche das Orakel sich stützte und zur Erklärung für diese auf- 



Bericht fiber die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. St 

fällende Erscheionng kann nur das Festhalten der alten Sitte des Erd- 
orakels genommen werden. Der Umstand dasz andere Erdorakel Traam- 
orakel waren, hat zu dem Schlüsse verführt, dnsz auch das älteste del- 
phische ein Traumorakel gewesen sei, während dies nicht der Fall ist. 

Wolff hält dem die Analogie entgegen; es scheiden sich ganz be- 
stimmte Arten, Traumorakel, von den übrigen aus. Was^sie charakte- 
risiert sind die Incnbationen ; die Stätte hat zur ersten Incubation hier 
Anlasz gegeben; hier musten die Träume noch yiel erregter werden; 
dieselben Stätten wurden dann aber auch für Wortorakel benutzt und 
nun trat eine Begeisterung im wachen Zustande an die Stelle des 
Traumes. 

Nachdem Schmidt zugestanden, dasz ein festes Resultat in der 
Sache sich nicht erzielen lasse, schlosz der Präsident die Debatte 
(il^ Uhr) und forderte Herrn Dr. y. Lützow in München auf, seinen 
Vortrag ^über den barbarinischen Faun'' zu halten. Von der Wichtigkeit 
der Zeitbestimmung eines Kunstwerks für die geistige Bedeutung und 
den formellen Werth desselben überhaupt ausgehend, hebt der Redner 
hervor, wie ungleich wichtiger dieselbe sein müste bei Werken von arti- 
stischem Interesse. Denn als Erzeugnisse der vorzugsweise schöpfe- 
rischen Geister seien sie zugleich so zu sagen die Flügelmänner, nach 
denen ganze Schaaren unselbständiger Produkte sich richteten; ein Fall, 
der' in der Geschichte der antiken Kunst oft wiederkehre. So wolle er 
über den barbarinischen Faun, dessen Entstehungszeit so verschieden 
angesetzt werde, eine gedrängte Erörterung geben. Schorn habe die 
Statue in die beste griechische Zeit, vielleicht des Skopas oder Praxi- 
teles, gesetzt; Waagen mit Bestimmtheit in die Zeit des Skopas; etwas 
weiter herab der Herausgeber Winkelmann's, H. Meyer nach Stil und 
Arbeit in die Zeit kurz nach Alezander; ähnlich erkannten Welcker und 
Overbeck darin das lysippische Princip ; R. Payne Knight und Schnaase 
zählten sie zu , den Originalarbeiten der Periode zwischen Alezander und 
dem politischen Ende Griechenlands. Nach der Zeichnung verdiene, 
nach Hirt, das Denkmal einen so ruhmvollen Platz in der Kunstge- 
schichte nicht, er halte es also wol für noch jünger. A. Stahr endlich 
schreibe es ohne Bedenken der Marmorbildkunst des Augusteischen und 
Keronischen Rom zu. » 

Bei all diesen Urteilen . habe, man .hauptsächlich da^, artistische, also 
ein formell technisches jyfomejit betont, das freilich gerade in den 
Epochen -^er völlig , entwickelten Kunst bekanntlich sehr mislich sei ; 
aber so w«enig es auch seien, so gebe es doch noch einige andere Krite- 
rien zur Zeitbestimmung des barbarinischen Fauns. Zwar keine In-! 
Schrift ein^ Kjänstlers, keine Schriftstelle, die auf denselben. direct Be- 
zug nähme. Andere Darstellungen desselben Gegenstandes aufsuchend 
müsse man bemerken, dasz aus guter griechischer Zeit sich gar keine 
von schlafenden Satyrn vorfinde, selbst auf den hellenischen Vasen, 
«nicht, wo das technische Element so vorherrsche.: Ebenso wenig au^ 
Bronzen. Denn der in Köhler^s ges. Schriften (heran sg.. von L* Stephani,, 
ßd. VT, ITaf. I S. 36 ff.) pnblicierte naekte Satyr mit spitzen Ziegen-, 
obren und breitem zierlich gekräuselten Bart ^ eine etwa, 24 Centi^.. 
hohe Bronzestatuette von meisterhafter Zeichnung, und vortrefflicher 
Oarchbildung , zeige zwar ein verwandtes aber ganz anders aufgefärbtes 
Motiv. Deun dieser sei. ^in eben erwachender, sich reckender. Satyr, 
der auf den Zehen, stehe und über dem Kopfe die Ar^ne dehne. Ebenso 
wenig gehörten Denkmäler in Marmor oder Terracotta -hierher; denn 
jene (vgl., die Marm^rwerke- der Glyptothek: Schom (1861) N. 101 und 
des Vatioans: Mus. Pio-Clem. I tav. 48, sowie ein Terracottarelief der 
Temple Collection des British Museum) üppig hintenübergelehnten saty- 
resken Zecher, den Schlauch in der Linken, die Rechte bequem auf 

N. Jahrb. f. Phil. a. Päd. II. Abt. 1863. Hft. 2. 6 



82 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

das Haupt gestützt oder hoch emporgehoben , um der Welt ein Schnipp* 
eben zu schlagen — seien wol zu unterscheiden von den schlafen- 
den Satyrn, wenn auch die V aticanische Statue der Münchner sehr 
nahe komme. Ein einziges im wesentlichen identisches Werk sei die 
Bronzestatue des Museo Borbonico (jetzt Nazionale) zu Neapel (Mus. 
Borbon. X, tav. 61). Nach einer genauen Analyse seines Freundes A. 
Michaelis, die sein eigenes aus den italienischen Publicationen gefol* 
gertes Urteil bestätige , halte er diese Bronzestatue für die Arbeit einer 
späteren, wahrscheinlich der römischen Epoche. Doch gebe es Ver- 
schiedenheiten zwischen ihr und dem barbarin. Faun; dieser lehne sich 
mit dem Rücken an einen Felsblock, jener sitze völlig frei, in etwas 
hinten übergelegter Haltung; dieser sei geschwänzt, jener nicht, habe 
aber dafür die acht satjresken Halsknollen und über der Siiriia im 
struppigen Haar zwei kleine Hörner, den Kopf neige er zwar auch 
links zurück, aber bei weitem nicht so stark, wie der barbarinische. 
Dieser stehe also in der antiken Denkmälerwelt fast ganz isoliert da, 
wenigstens in der griechischen. 

Die litterarischen Quellen der Kunstgeschichte ferner gäben eben- 
falls nur geringe Hülfe. Auszer dem schlafenden Satyr der Amymone- 
sage (Apollod. U 1, 4, vgl. E. Gerhard, gr. Mythol. H. S. 135 §. 796, 
1) uud der in Trunkenheit schlummernden Satyrgestalt bei Philostrajtus 
(imagg. I 22), die schon Panofka (Archäol. Zeitg. 1844, 385 ff.) mit 
der barbarinischen und seiner neapolitanischen Replik verglichen, fän- 
den sich nur zwei schlafende Satyrn erwähnt; der eine im Epigramm 
Anthol. Pal. App. T. II. p. 701; Anall. 1 p. 172 n. 16: 

Tov SdtvQOv ^toSooQog inoiiitoBVy ovx hdqsvasv 
^Hv vv^rjg, iysQSig,.iiQY'^Q^S vnvop IJjjn. 
Der andere bei Plinins n. h. 33, 155 ed. Sill. V p. 122 scheine auch 
auf ein Epigramm zurückzugehen: Antipater quoque Satyrum in phiala 
gravatum somno coUocavisse verius quam caelasse dictus est. Aehnlich 
werde auch wol der erstere in getriebener Arbeit auf dem Grund einer 
silbernen Schale dargestellt gewesen sein. Wann Diodorus und Anti- 
pater gelebt, wisse man nicht; denn dem Philosophen Piaton jenes 
griech. Epigramm zuzuschreiben , wäre an sich nicht gerathen und schon 
durch die gesuchte Pointe verrathe es sich, wie H. Brunn schon be- 
merkt habe, eher als ein Produkt der alezandrinischen Epoche. In 
dieser, oder doch spätestens in dieser, habe wol Diodorus gelebt; und 
auch den Antipater dürfe man trotz seiner Zusammenstellung mit Kaia- 
mis (vgl. H. Brunn, Gesch. d. griech. Künstler II S. 400) in dieselbe 
setzen, da in derselben der Luxus mit solchen toreutischen Silberarbei- 
ten ebenso im Schwünge gewesen, als die epigrammatische Spielerei 
mit Eunsturteilen und Künstlerverherrlichungen. 

Den Fundort der Statue betreffend , so sei nach Hieron. Tetius* Be- 
richt über die barbarinischen Bildwerke (1642) derselbe ein Graben nahe 
der moles Hadriani, wo eine Bronzestatue des Septimius Severus und % 
dieser Faun ohne linken Arm und mit fast ganz zertrümmerten Beinen 
aufgefunden worden; schon Tetius habe gewis mit Kecht die Statue 
für einen ehemaligen Schmuck des Hadrianischen Grabmals angesehen; 
wenn er auch darin irre, dasz er den Antoninus Philosophus diesen 
Schmuck dort anbringen lasse; wahrscheinlich sei die schon von H. 
Meyer aufgestellte Vermutung, dasz dieselbe zu den zerbrochenen Sta- 
tuen gehörte , mit denen die Leute des Belisarius sich gegen die Gothen 
unter Vitiges vertheidigt hätten. Aber selbst wenn das Grabmal der 
vormalige Aufstellungsort der Statue gewesen wäre, so fragte sich immer 
noch, ob dies auch der ursprüngliche Bestimmungsort gewesen. 

Man müste also das Kunstwerk selbst, da die äuszeren Kriterien 
hier nicht entscheiden, nach seinem inneren Wesen und seiner künst- 



Behebt über die Sie PhilologenversammluDg za Augsburg. 63 

leriscben Besebaflenheit prftlen. *Die Statue ist kein Ideal, sondern ein 
Bild der sieh ^selbst gelassenen einfältigen Katur' (Winkelmann), ^eine 
reine Natorerscheinnng, in welcher Geistiges oder Gemfithliches in einem 
Verhältnis zur Sinnlichkeit so wenig hery ortritt als in einem Elemente' 
(Welcker). Der Satyr, eine Gestalt von derber, jugendfrischer Männ- 
lichkeit in colossalen Dimensionen, ist rückwärts niedergesunken nnd 
schläft jenen tiefen, urgesnnden Schlaf, den ein rechter Bauemlümmel, 
man verzeihe diesen Ausdruck , naeh einem tüchtigen Bausche zu schla- 
fen pflegt. Eine bleierne Schwere liegt auf den Augenlidern ; die zu- 
eamioengezogenen Protuberanzen der Stirn geben dem Ausdruck etwas 
bösartig Rohes; der Mund ist halb geöffnet, wir meinen den Schläfer 
schnarchen zu hören ; in dem Leibe arbeitet es gewaltig die Massen des 
genossenen Weines zu überwinden. — Dies an sich gemeine Motiv ist 
nun aber so fein , bei aller Unmittelbarkeit so frei und mit so fesseln- 
der Lebendigkeit in den weichglänzenden Marmor von Faros hineinge- 
zanbert, dasz wir das Bildwerk nicht nur das geistreichste, sondern 
auch das anziehendste Bild der Trunkenheit nennen dürfen.' — So er- 
kläre sich zunächst , was Welcher das 'ly sippische Princip' genannt hat, 
an den Meister selbst brauche deshalb nicht gedacht zu werden; aber 
so viel stehe fest, dasz eine derartige künstlerische Behandlung und 
Ausdrucksweise vor den Tagen eines Lysippus nicht möglich war. Eine 
solche Lebenswahrheit aber sei , nach dem Ausspruch des verstorbenen 
Dr. Emil Harlesz, des trefflichen Verfassers der 'plastischen Anatomie' 
unmöglich ohne die feinste wissenschaftliche Kenntnis der anatomischen 
Bescluiffenheit des menschlichen Körpers zu erreichen gewesen , die sich 
von der so zu sagen empirischen Wiedergabe der Körperformen in den 
Münchner Aegineten wesentlich unterscheide. — Diese Ansicht von Har- 
lesz liefere eine neue Stütze für den Satz, dasz die Statue nicht über 
die alexandrinische Zeit zurückgehen könne , denn erst von dieser könne 
man annehmen, dasz sie die neue Kunst der Zergliederung auch der 
Praxis der Bildhauer zugänglich gemacht habe. — Das noch wichtigere 
Moment der Conception der Statue weise noch mehr darauf hin; sie 
sei , recht 'verstanden , ein Genrebild und gerade diese Richtung mache 
sich in alezandrinischer Poesie nnd Kunst geltend, worüber O. Jahn in 
den Berichten der sächs. Ges. d. Wiss. II S. 43 gesprochen habe. Einer 
solchen Periode habe es auch freigestanden , das bakchische Wesen in 
dem geschilderten Zustande trunkenen Schlafes darzustellen, für wel- 
chen wir in den Monumenten der alten Zeit keinen Beleg zu finden ver- 
mochten. Diesen Unterschied zeigten die hellenischen Thongefäsze, 
acht volkstümliche Gestaltungen der alten Reli^ionsanschaunng. Auf 
diesen sei der bakchische Thiasos zwar immer frisch beim Trunk und 
Tanze, ausgelassen lustig, oft burlesk, später voll hohen Schwunges, 
niemals aber ermüdet oder gar im Katzenjammer. Diese Vasensatyrn 
könnten mit Mirza Schaffy dem barbarinischen Faun zurufen: 
Trinken wir, sind wir begeistert! 
Wenn ihr trinkt, seid ihr betrunken! 

Jener oft bei andern mythischen Gestalten der hellenischen Kunst 
nachgewiesene Umschwung aus der Aktivität in die Passivität würde 
Bomit auch in der plastischen Entwicklung der Satyrgestalt zu verfol- 
gen sein: Aphrodite erst göttliche Königin der Liebe sinke zum fühlen- 
den Weibe, dann zur verliebten Buhlerin herab; der Satyr werde vom 
gottbegeisterten Thiasoten zum ungeschlachten Bengel , der Musik^ und 
Chortanz in seinem dumpfen Rausch verschlafe. 

Der somit höchstens der alexandrinischen Zeit angehörige Faun 
werde noch etwas jüngerer Zeit zugewiesen durch ein letztes Argument. 
Neben der modernen Syrinz sei zu beachten, dasz derselbe auf einer 
Wolfshaut, nicht auf einer Nebris schlafe, wie schon Zoega bemerkte. 

6* 



84 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

Also im Beiwerk der Statne dieselbe Divergenz von der altbellenischen 
Darstellungsweise wie in der Gonception; es sei dies zugleich die Auf- 
nahme eines bestimmten kunstmythologischen Attributs der Römer. Dem 
römischen oft mit Lupercus identificierten Pannus komme dasselbe zu; 
freilich dürfe man in der Statue deshalb nicht eine Darstellung des 
bocksfüszigen Faun finden; aber es seien Elemente ans der Satjr- und 
Faunnatur, vielleicht auch eine Beminiscenz an den griechischen Pan 
hier sjnkretistisch ineinander geflossen. 

Richtiger werde daher die alezandrinisch- römische Epoche 
als Entstehungszeit des 'Faun' gelten, der denn auch seinen tra* 
ditionellen Namen weiter führen möge. 

Weiter lasse sich das quando , quis und ubi der Statue nicht beant- 
worten , und er hoffe daher , so schlosz der Redner seinen interessanteUi 
mit Spannung angehörten Vortrag, sich nicht als Stümper in der von 
Hrn. Prof. Bursian empfohlenen ars nesciendi bewiesen zu haben. 

Der Präsident ersuchte nun Gymnasiallehrer Biehl aus Salz- 
burg , welcher nach der Tagesordnung jetzt zu sprechen gehabt hätte, 
die heute noch übrige Zeit an Prof. Overbeck abzutreten, der morgen 
abreisen müste und dafür sein Thema morgen zu behandeln. Biehl 
erklärte sich bereit dazu. 

Nachdem nun die zwei vorhergehenden Redner ein religions- und 
ein kunstgeschichtliches Thema behandelt hatten, so traten diese beiden 
Seiten hervor in dem Vortrag von Prof. Dr. Overbeck in Leipzig: 
^die griechische Religion und die bildende Kunst.'* Den an die Spitze ge- 
stellten Satz : 'die griechische Religion ist von jallen Religionen alter und 
neuer Zeit der bildenden Kunst in vorzüglichstem Masze günstig gewe- 
sen', vertheldigt er gegen den Schein der Trivialität durch Hinweis auf 
die bis in die neueste Zeit immer noch vernehmbare verkehrte Ansicht, 
nach welcher die Griechen eine 'Kunstreligion' oder 'Religion der Schön- 
heit' gehabt hätten, eine Ansicht, die sich insbesondere widerlege durch 
Betrachtung der Religion in ihrem ersten Ausgangspunkte und . ihrer er- 
sten Erscheinungsform , sowie durch Berücksichtigung der verschiedenen 
Stufen ihres Wachsens. Aber auch abgesehen davon wäre ja 'eine Anr 
betung der Schönheit' eine krankhafte oder frivole Phrase -und eine Re- 
ligion, in der 'die Idee der Schönheit das herschende Princip und der 
beseelende Mittelpunkt' sein soll, wäre eben keinesfalls eine Religion, 
da ihr die erste Bedingung, das Bewustsein des Menschen von seiner 
Bedingtheit durch eine höhere göttliche Macht abgeht. . Wer daher den 
gesteigerten Genus des Schönen mit religiöser Erhebung^eaAammenfallen 
läszt und den alten Griechen der guten Zeit dergleichen 4int'erznschieben 
wagt, der musz eine sehr unklare oder geringe Vorstellmig von ihrer 
Frömmigkeit haben. .» 

Trotzdem bleibt der oben vorangestellte Satz richtig*| Kdenn das 
Schönheitsgefühl und die Kunstbegabung der Griechen allein evklärt ihre 
ausgezeichneten Leistungen in der religiösen Bildnerei keineswegs voll- 
ständig. Auch ihre Kunst hätte Gottheiten barbarischer Sellgionen 
nimmer zu rein plastischen Idealbildern gestalten können, ohn« idamit 
zugleich die specifische Auffassung des Göttlichen in diesen Rdli^öneB 
aufzuheben oder zu zerstören, woraus folgt, dasz die griech. ReUgioA 
als solche Elemente enthielt, welche sie für bildende Kunst und Poesie 
in besonderem Grade fruchtbar machen, ja die künstlerische und poe- 
tische Ausdrucksform ihres Inhalts entschiedener als andere Religionen 
forderte. Wahr und schön bezeichnet Welcker Griech. Götterlehre I 
S. 231 f. diese Elemente und Eigenschaften ; denn es ist das begeisterte 
Erfassen des Menschlichen in seiner Würde, Reinheit und Schönheit, 
was die griech. Religion besonders auszeichnet und sie für die bildende 
Kunst so disponierte. Und wenn dies der Grund der griech. Kunstbe- 



»Sericht über die Sie Philologenversammlung zu Augsburg. 85 

gabong ist, so stellt sich der einheitliche Urquell jener religiösen Ei- 
gentümlichkeiten wie der Ennstbegabung bei den Griechen als Erklft- 
rnngsgrand für den oben ausgesprochenen Satz heraus, ohne dass dtlb 
^Refigion der Schönheit' dadurch im mindesten könnte vertheldigt wer- 
den. Dagegen spricht klar die historische Betrachtung, aus der unter 
anderem- auch hervorgeht, dasz die Religion, obwol sie die vollkom- 
menste Voraussetzung der Kunst wurde, doch ebenso wenig mit Bück- 
siobt auf die Kunst ausgebildet, als um ihretwillen entstanden ist, so 
wenig Mythen und Sagen der Poesie wegen erfunden sind, deren höchste 
Blüte sie gleichwol hervorriefen. Ja, die griech. Religion hat von ihren 
Urraythen an bis auf das homerische nationale Göttertum eine so selbst- 
ständige Entwicklung durchlaufen, dasz selbst in Homerischer Zeit von 
bildender Kunst in höherem Sinn schwerlich zu reden ist und daher da- 
mals unmöglich zu ahnen war , dasz die bildende Kunst je ein der poe- 
tischen ebenbürtige Reproduction der religiösen und mythologischen Ge- 
bilde liefern könne und werde. Ebenso gieng die Kunst anfänglich ihre 
eigenen Wege, erst nach der höchsten Entwicklung der Religion steckte 
ne sich die Wiedergabe religiöser Auffassungen zum Ziele, zu einer 
Zeit also, wo die Religion für die aus demselben Volksgeist entsprun- 
gene Kunst die vollkommenste Voraussetzung geworden war. Wir ha- 
ben also hier eine doppelte getrennte Entwicklungsreihe, deren sorgfäl- 
tige Betrachtung erst die Grunde des günstigen gegenseitigen Verhält- 
nisses derselben erkennen läszt. 

Ob die griechische Religion eine Naturreligion oder von Anfang an 
ethisch gewesen, ist für deren Verhältnis zur bildenden Kunst keines- 
wegs gleichgiltig. Denn für diese ist der mit der Naturreligion gege- 
bene Polytheismus ein ebenso wichtiges Gestaltungselement der Reli- 
gion , als derselbe mit dem ethischen Ursprung der letzteren unvereinbar 
ist. Ferner hat die Entstehung aus der Natur die griech. Gottheiten 
zu gleichsam geoffenbarten, zu Erfahrnngsgöttern gemacht, die that- 
sächliche Existenz auch auszerhalb des Glaubens der Menschen hatten, 
da sie dieselbe ja in der Natur kundgaben. Dagegen primitiv ethisch 
gefaszte Götter , Schöpfangen allein des menschlichen Geistes existieren 
nur im Glauben und durch ihn, nur im Kreise des Menschlichen. Die 
Consequenz der Natur -Gottheiten ist die Gestaltung der Götter nicht 
gemäsz der nur subjectiven Existenz derselben im Gemüthe der Gläubi- 
gen, sondern gemäsz ihrer thatsächlichen Existenz — was durch die 
objectiv bezeichnenden Namen und Beinamen der ürmythen bewiesen 
wird. So entsteht jene reiche, nicht vom Menschengeist ausdenkbare 
Gestaltenmanigfaltigkeit des griech. Polytheismus, welche, der Natur 
ihrer Quelle nachgebildet, ein Hauptelement der bildenden Kunst ist 
und so wie sie in der poetischen Vollendung vorliegt trotz aller be- 
grifflichen und ethischen Ausbildung der Jahrhunderte doch von der ur- 
sprünglichen Genesis aus der Natur in allen wesentlichen Grundzügen 
beherscht und bestimmt wird. 

So gewis aber dieser Ursprung der griech. Religion, so gewis ist 
auch, dasz die Naturverehrung sich nur auf die Naturkräfte, nicht auf 
die Materie und Erscheinung bezog, auf die Kräfte, welche auch durch 
die Aenderungen des Kosmos das menschliche Leben in seinem Ver 
laufe bedingen und bestimmen, während die Materie nur das sinnliche 
Substrat für die sinnliche Wahrnehmung bildet, ohne dasz sie dersel- 
ben immanent wären. Dies ist wichtig, weil diejenigen Religionen, 
welche die Materie verehrten, Fetischismus, Astrolatrie, Geolatrie, Py- 
rolatrie , Zoolatrie , und die Gottheit als in der Natur immanent faszten, 
für die bildende Kunst sich unfruchtbar erweisen musten, indem ihnen 
das Element der freien menschlichen Personification abgeht. Diese ist 
aber erste Entwicklungsstufe der auf Verehrung der Naturkräfte beru- 



86 Bericht über die 2ie Philologßnversammlung zu Aogsbnrg. 

henden Beligion, da sie jene Kräfte nur als wiUeusbegabte ladividaali- 
täten sieb vorstellen kann; die Personification ist die einzig mögliebe 
primitive Gestaltungsform der Katurreligion , vor welcher nur potentia, 
nicht acta Religion vorhanden, lieber das Stadium der Personification 
zurück können wir daher die Geschichte der griech. Beligion nicht ver- 
folgen; daCikOMf ist für uns ein Urwort: der Wissende, Geist — damit 
ist das Wesen der Gottheiten wie ihre Erscheinungsformen durch jene 
Beinamen ausgedrückt. Wie übrigens in letzteren durchaus die Anido- 
gie des Menschlichen festgehalten ist, so treten die griech. Götter als 
Wesen menschlicher Analogie in die Geschichte; womit die Thiersym- 
bolik nicht in Widerspruch steht, denn diese wollte nicht die Totalität 
des Gottes repräsentieren (daher keine Incarnationen derselben), son- 
dern nur gewisse Haupteigenschaften in Ermangelung passender Aus- 
drücke der jungen Sprache vergleichsweise veranschaulichen. Allerdings 
hat diese Thiersymbolik au^ hier und da einen störenden Einflusz im 
einzelnen geübt , aber nicht im groszen , darum wir in Urmythen über- 
all wie in den Kamen menschenartig gedachten und handelnden Göttern 
begegnen. 

Freilich steht diese primitive Personification von der vollendeten 
Ausprägung einer wirklichen ganzen und lebensfähigen, in sich abge- 
schlossenen und plastischen Götterpersönlichkeit noch sehr weit ab; 
man vergleiche die schwankenden und unklaren Persönlichkeiten der 
vedischen Hymnen mit der Gestaltenklarheit besonders der Hauptperso- 
nen der bomer. Götterwelt; eine Mittelstufe zwischen beiden Entwick- 
lungsstufen bilden die untergeordneten und mit der Katur in ihrer ur- 
sprünglichen Bedeutung concreter gebliebenen Gottheiten. Diese stu« 
fenweise Entwicklung beweist überdies, dasz sie, wenn auch zugleich 
ein Werk der Poesie, doch bedingt ist durch die mit der fortschreiten- 
den Bildung zusammenhängenden Fortschritte und Steigerungen der Be- 
ligion und ihrer Auffassung des Göttlichen. Während die primitive 
Personification durch die Offenbarung der Götter bedingt ist, mit 
Ausschlusz von Willkür oder Zufall, ist die vollendete Personification 
ein Product der freien Phantasiethätigkeit, welche die von jener erste- 
ren gegebenen Merkmale und betonten Eigenschaften zum Charakter 
und der diesem entsprechenden Persönlichkeit completiert, gerade wie 
wir uns von Personen ein Bild nach überlieferten Zügen construieien. 

Durch diese Thätigkeit nun werden die Götter eine Schöpfung des 
Menschengeistes und als solche müssen sie mit der wachsenden Bildung 
des Menschengeistes, als Typen der jeweiligen Vorstellung von dem 
Göttlichen, ebenfalls wachsen und endlich zu den höchsten und reinsten 
Idealen der Poesie und Kunst sich erheben, während ihnen die gröste 
individuelle Verschiedenheit in Auffassung und Gestaltung durch Geist 
und Phantasie jedes einzelnen, jedes Dichters und Künstlers bleibt. 
Dieses Aufsteigen zum reinen Ideal neben der individuellen Freiheitv 
das Lebenselement poetischen und künstlerischen Schaffens ist denjeni- 
gen Beligionen versagt, die zum Ausdruck der ersten Merkmale ihrer 
Gottheit des Symbols sich bedienten anstatt dieselbe mit freier Phan- 
tasie zu erfassen. Denn das Symbol ist einer Fortbildung nicht fähig, 
da es als sinnliche Stellvertretung des Uebersinnlioben in conventionel- 
1er Weise genügt, und also nur aufgehoben oder ersetzt werden kann 
durch eine andere Ausdrueksweise an Stelle der conventioneilen. 

Hauptträger der menschlich-idealen Entwicklung des griech. Götter- 
turas ist nun nicht sowol der Glaube im engern Sinn, die religio, welche 
die Gottheit besonders von Seite ihrer weit- und schicksalordnenden 
Thätigkeit erfaszt, in ihrer Ueberschwenglichkeit über alles Natürliche 
und Menschliche, als das Göttliche schlechthin — r als vielmehr der My- 
thus und g^uB besonders die Sage. Jene universaliaierende Seite des 




Bericht über die Sie Philologenversammluag zu Augsburg. 87 

Glaobens ist selbst in den homerischen Gedichten nicht zn verkennen: 
auch hier erscheint eine gewisse Summe von Eigenschaften und Kräften 
als allgemeines Prädicat aller Götter und wie sie den gemeinsamen Na- 
men als 9sol oder da^fiovsg führen, greifen sie auszer ihrem besonderen 
Machtgebiet hinaus, nach dem Gemeinbegriff des Göttlichen überhaupt, 
ins Menschenleben ein. Wird dadurch auch die religiöse Auffassung 
der Gh>ttheit begrifflich gesteigert, so liegt darin doch ein antipolythei- 
fitisches Princip, das die mythologischen Besonderheiten aufhebt und 
somit das Lebenselement künstlerischer Darstellung des Göttertums in 
Gefahr bringt, die Vielheit und deren charaktervolle Manigfaltigkeit. — 
Dieser Gefahr nun wirkt der Mythus entgegen, der den Gott in sei- 
nem Verhältnis su andern Göttern darstellt, ihm ein Schicksal gibt und 
ihn von andern bedingt so gut wie andere bedingend zeigt, ihm somit 
seine Unendlichkeit und Ueberschwenglichkeit nimmt, um ihm seine In- 
dividualität und sein abgegrenztes Machtgebiet zu vindicieren. 

Wenn so die Gottheit nach der einen Seite in ihrer übermensch- 
lichen, übernatürlichen Wesenheit nur geglaubt und ahnungsvoll em- 
pfunden werden konnte, so war sie nach der andern den menschlichen 
Verhältnissen und Existenzen analog und denk- und vorstellbar. Der 
Mythus, wesentlich basiert auf die Personification , encheint so als 
hauptsächlicher Vermittler der menschenartigen Vorstellung von den 
Göttern, die aus im Glauben ewigen und uranfänglichen (dsiysvsrcci) 
sie SU geborenen, aus seligen und heiligen zu liebenden und hassenden, 
aus allmächtigen zu bedingten und bindenden macht. Aber abgeklärt 
wurde die anthropistisehe Veranschaulichung der Gottheit doch erst 
dnrdi die Sage, die sich auf hervorragende Einwirkungen der Gottheit 
auf das Leben ihrer Verehrer bezieht und so deren Wesen exemplifi- 
ciert. Der Mythus zeigt blosz das Verhältnis der Gottheit zu ihres 
Gleichen , oft in einer im Vergleich zur Menschen weit unbegreiflichen, 
wunderbaren (Kronos* Kinderverschlingung , Atheners und Dionysos* Ge- 
burt, Verwandlungen) oder aller Dimensionen spottenden Weise (Tita- 
nenkampf); die Sage dagegen schildert das Eingreifen der Götter in 
menschliches Thun und Leiden, rückt sie den Sterblichen näher, setzt 
sie in Verkehr mit ihnen, ja gibt ihnen menschliche Gestalt. 

Die guten Zeiten waren, wie bekannt, im besten Sinne des Wortes 
fromm und gottergeben, was sich von Homer an bei ihren groszen Dich- 
tern und Denkern so oft in wahrhaft ergreifender Welse ausspricht und 
neuerdings noch von Männern wie Nägelsbach und Welcher be- 
tont und geltend gemacht worden ist; die Griechen haben trotz des 
Mythus eine grosze Idee vom Göttlichen, eine erhabene und würdige 
Auffassung der Gottheit gehabt , was die Dichter und Philosophen durch 
Anerkennung oder Deutung nicht minder als die Späteren durch Negie- 
rung der Mythen beweisen. Der unendliche Reichtum und die schöne 
Entwicklung des Mythus in der *ElXäg fiv&otO'Kog und die nicht minder 
schöne der Sage und Sagenpoesie , sowie die auszer ordentliche Popula- 
rität der letzteren, besonders der homerischen, von der wir kaum eine 
hinlänglich lebendige Vorstellung uns machen können , sind allbekannt. 

Summa: das glückliche und energische Zusammen-, Miteinander- 
und Gegeneinanderwirken erstens des tiefen, frommen, lebendigen 
Glaubens, der die Idee der Gottheit hoch erfaszte und die Religion 
vor der durch den Mythus drohenden Verflachung bewahrte, zugleich 
aber der bildenden Kunst die Aufgabe stellte, das von ihm erfaszte 
Uebersinnliche und Uebermenschliche in den Formen des Menschlichen 
und Sinnlichen auszudrücken, — zweitens des reichen Mythus, der 
die Individualitäten der Götter festhielt und der bildenden Kunst und 
Poesie reichen Stoff bot, — endlich drittens einer lebensvollen Sage, 
welche die rein menschliche Gestaltung der Gottheit immer klarer her- 



88 Bericht über die 21e Phiiologenversammiung zu Augsburg. 

ausbildete und ia ihren Helden und Halbgöttern einen Gradmesser für 
die GrÖsze und Schönheit des Göttertums bot; das Zusammen-, Mit- 
und Gegeneinanderwirken dieser drei Factoren hat die griechische Reli- 
gion zur günstigsten Voraussetzung und zur festesten Grundlage der 
Poesie und der bildenden Kunst gemacht. 
Ende der Sitzung 12^ Uhr. 



Vierte allgemeine Sitzung. 27. September. Präsident : Prof. Dr. 

G. Halm. Anfang 10 Uhr. 

Prof. Julius Braun in München hielt einen halbstündigen Vor- 
trag ^über den Zusammenhang aller alten Ideenkreite,^ Ob die menschliche 
Cultur an zwei verschiedenen Orten, etwa in Aegypten und Inner-Asien, 
oder gar an noch mehreren von vorn angefangen, oder ob das gei- 
stige Grundkapital der Menschheit bereits am ältesten Cul- 
tursitz, in A«gjpten, im Wesentlichen vorhanden war — dies 
sei die grosze Kernfrage aller Altertumsstudien. Das letztere sei seine 
Ansicht, indem er die uranfängliche Selbständigkeit eines sog. indo- 
germanischen Ideenkreises leugne und daher bereit sein müsse, der- 
gleichen Ideen durch das Medium des Semitischen als ägyp- 
tisch nachzuweisen. Der Hauptplan für die ganze Untersuchung sei 
die Wahrnehmung, dasz die ägyptische Urgeschichte die Reihe der 
ägyptischen Götterregenten in der Urgeschichte eines jeden Cultur volks 
wiederkehre, oft freilich mit Vervielfältigung der Einen Person in meh- 
rere. Genesis 9 Avesta und Schahname, Veden und Puranen, Sanchu- 
niathon und Hesiod, Homer und Edda bezeugten dasselbe; ebenso die 
Geschichte der griechischen, römischen, celtischen, germanischen, so- 
wie der asiatischen Staaten. So lasse sich ein Ordnung sprincip gewin- 
nen, und man könne dann jedes abgefallene Blatt vom gemeinsamen 
Stammbaum aller menschlibhen Ideen wieder an den richtigen Zweig 
des richtigen Astes ansetzen. Etwa 1400 Götter und Heroen seien so 
zu sortieren und auf wenige Grundformen zurückzuführen gewesen, wo- 
bei im Ganzen etwa 10,000 Merkmale als bestimmend zu beachten, d. 
h. ebenso viele Fragen durch das System zu beantworten waren. — Die 
Grundzüge der ägypt. Ursage und die Wanderungsstationen der Haupt- 
figuren Osiris und Typhon Agathodaemon und Kronos müsse * er aber 
erst vorführen, ehe er Rechenschaft über Einzelnheiten auf etwaige 
Fragen geben könne. Jedenfalls aber möge jeder etwaige Opponent sich 
prüfen, ob sein Widerspruch nicht aus Befangenheit in einer andern 
Anschauung oder aus Mangel der alles erschöpfenden Detailkenntnisse 
hervorgehe. — Die Aegypter haben 1) ein System von kosmischen welt- 
schöpferischen Begriffen, Schöpfergeist und Urfeuer, Himmel und Erde 
usw. alles inmitten einer weltumfangenden Urgottheit; dazu habe sich 
eine sagengeschichtliche Figurengruppe gesellt (Osiris — ein Königshaus 
von ihm begründet), zu deren Erklärung physikalische und philosophi- 
sche Ideen nichts nützen; aber diese Figuren (Osiris, Typhon, Isis 
usw.) hätten auf versehiedenen Wegen, mit kosmischen Aemtern be- 
kleidet , auch ins Ausland sich verbreitet. Adonis, Zeus Demarus, Baal 
Thamar , König Tamurath , Zeus Endendros , Dionysos Perikionios, 
Thammuz, Hadad, Attes, die kleinasiatischen und syrischen Heroen 
mit einem Klagecultus wie Linos u. a., der sagengeschichtliche Zeus, 
Dionysos -Hades, Orpheus, Triptolemus, weiterhin Balder — diese 
u. a., im Ganzen etwa 150 verschiedene Figuren und Namen, seien nur 
die Repräsentanten derselben Figur: Osiris. Dagegen der Kriegs-, 
Sturm-, Meeres- und Feuergott Typhon kehre wieder in Baal Cham- 
mon, Moloohy Ariel, Ares Pyroeis, Baal Thuras, Ares Thuros Tur (in 



Bericht Ober die Sie Philologenversammlung zu Augsburg. 89 

Turan), TurvMa, Tyr, Turnns, Tyrrhenus, Nimrod, Orion, Usooi- 
Esau, Hoschttik, Fersens, Bellerophon, Oedipus, an diesem stimmten 
besonders bei näherer Betrachtung eine Menge Merkmale, z. B. die 
Blindheit der ans Typhon stammenden Figuren; ferner Pontas, Glau- 
kuB, Poseidon u. a. aus der Roszgottheit Typbon sich entwickelnde 
Figuren, z. B. Hippolytos, Ares Hippios; kurz es gebe eben auch da 
an 150 verschiedene Erscheinungsformen derselben Gottheit. — Auch 
die Eltern beider genannten Götter, Kronos und Rhea, Seb und Netpe, 
und über sie hinaus Agathodaimon und ihre Familiengeschichte hät- 
ten ihre respectiyen Repräsentanten in Amun-Eneph, Em-Pe, Uranos, 
Okkam, Okeanos; Amun-Re, Helios und vielen andern bedeutsamen 
Erscheinungen in bedeutsamen Sagen an allen Enden der alten Welt. 
Eine weitere Entwicklung Agathodaimons des fluthbereitenden , barken- 
fnhrenden, liege auch Yor in Xisuthrus-Deukalion , Noah (Gen. 9, 22 zu 
punktieren: wajiggad), Manu, und da sie auch Götter des geistigen 
licbts seien, deren Offenbarungstafeln beiznziehen (in Sippara, des 
Noahy der Äsen); ja der Name selbst kehre wieder in Okkam, Oganos, 
Agenor, Aegeus, Aegaeon, Oegir, Oannes, Ganesa, Genius, Janus £a- 
mu, Ganymedes u. s. f. In allen groszen guten Göttern, die an der 
Spitze eines €K5tterhimmels stünden, kehre er wieder. Seine Offenba- 
nmgsweisheit und Schrifterfindung, seine Schlangengestalt kehre wieder 
in dem phöniz. Uranus und Surmu-Belos, in Ophion, Cadmus, Cecrops 
osw. Sein Name Emeph und ein Rest der Uranussage in Amphion, Am- 
phiaraos, Amphiktyon, Amphitryon; sein Irren in dem des Adam, 
Dschemschid , im Sturz des Nahuscha, im Irren des Ogyges, im Sturz 
des Epimetheus, Odysseus-Hermes. Im Ganzen etwa 250 Erscheinungs- 
formen. — Noch bedeutender wurde Kronos besonders durch seine 
Verklärung in Babylon, wo er an die Stelle des ägypt. Pan (Phanes 
und Eros, Pothos, Apason, Kama, Bahman, Wili Hömir Eigill) trat. 
So wird Belitan zum Moymis (nord. Mimir) oder Memra, Aeon Proto- 
gonos, Metis, Prometheus. So steht Kronos - Agathodaimon als Vater 
der Menschheit an der Spitze fast aller Völker. Seb, Keb, Kepheus, 
Kapys, Kephalos Kapaneus; Kawus, Kawi, Ghaldaios, Elam, Ulomos; 
Aud, Obodas; Assuv, Aram; Hellen-Eljon, 'Jon Jao; selbst der Name 
Rom erkläre sich nur aus syrisch-phönizischen Lokalcnlten, es ist ein 
Name Satums (der die Stadt Saturnia gebaut), den er dieser Stadt ge- 
liehen, wie seinen Namen Ilos der Stadt Troja, Ninus der Stadt Nini- 
Teb, Sam der Stadt Damascus (Scham), Iton den Plätzen Itome. Sa- 
mem-Rum in Tyrus (fem. Semiramis), Baal-Ram und Ab-Ram in Sy- 
rien, Abu-Rom in Haran. — Auch Odysseus habe einen Sohn, von dem 
er ebenfalls, wie Agathodaimon von dem seinigen, umgebracht worden: 
Romus. Die Verächter semitischen Altertums sollten doch nachdenk- 
lieh werden , dasz sie nicht einmal die Namen Hellas und Rom aus in- 
dogermanischem Lexikon erklären können. — Wegen Kürze der Zeit 
nun Schlusz gemahnt , spricht Braun noch die Ueberzeugung aus , dasz 
nur nach einem solchen Plan die weit auseinander gehenden Bestrebun- 
gen von Philologen, Orientalisten und Germanisten unter ^in Ziel sich 
yereinigen lieszen; dies Ziel könne nicht die Sprache sein, nicht die 
Befrie^gung einer Laune oder eines ästhetischen Bedürfnisses, sondern 
eine Geistesgeschichte der ganzen Menschheit , eine Naturgeschichte des 
Mensch engeistes , damit wir unsern eigenen Vorstellungskreis erst recht 
Terstehen lernen — die würdigste Aufgabe, in der alle jene Einzelstu- 
dien sich yerwerthen lieszen, und dies wolle er dem Nachdenken der 
Versammlung anheimgeben. 

Von 10^ Uhr an sprach Gymnasiallehrer Biehl in Salzburg über 
**c arUtoteliscke Deftniäon der SeeleJ* Das Gewicht, welches Aristoteles 
Mlbst auf Erkenntnis der Seele legt , beweist deren Bedeutung für sein 



i 



90 Bericht über die 2ie Phiiologenversaioinlunjg; zu Augsburg. 

ganzes System. Hier handelt sichs nur um die Definition (412<^ 27^ 5); 
^vxfi iativ ivTsldx^''^ V ^Q<oTrj cwiiavog (pvamov ÖvvttfkBi ^w^v i%9^ 
tog ^die Seele ist die erste Entelechie eines physischen Körpers, dar 
dem Vermögen nach Leben hat,' Hier kommt also nnr die notwendig» 
Beziehung der Seele zum Körper als ernährende, ortsbewegende und 
empfindende oder wahrnehmende Seele in Betracht; dagegen der vovg 
(d'smQTjTiiioe oder nOLT^tiiiog) hat keine notwendige Beziebang flsnv 
Körper mehr und fiillt aaszer obige Definition. Ar. bemerkt öfter , dsM 
die alten Naturphilosophen die Bildung der natürlichen Wesen nur auf 
die notwendigen, d. h. materiellen Ursachen zurückgeführt, eine andere 
Ursache aber wenigstens nicht verwendet hätten, was aach Plato im 
Phädon beklagt. Empedodes z. B. erklärt die Entstehung der BanGk^ 
höhle und Gedärme durch hin- und herströviendes Wasser, die der Na- 
senlöcher dnrch die eindringende Luft, das Rückgrat durch Brechung 
des gebogenen Knochens; wenn nun von solchen Gliedern einzelne pas- 
sende zusammenkämen , z. B. ein Kopf und sein Leib , dann werde das 
Wesen erhalten und bestehe fort, auszerdem gehe es zu Grunde. AehB- 
lich erklärte er die Erhaltung und Ernährung der organischen Weita 
(die Pflanze unten durch Erde, oben durch Feuer ernährt); selbst die 
ata^TiCig führte er nach dem Grundsatze, dasz Gleiches durch Gleiebes 
erkannt werde, auf die Elemente zurück. — Richtiger scheint dem Ar« 
Demokrit*s Ansicht, der als Wesen uer Dinge die äuizere Gestalt be- 
trachtet. Seine unzähligen , unendlich verschiedenen Atome in ihrer un- 
endlich manigfachen Zusammensetzung bildeten die Wesen; sie ernähr--. 
ten dieselben. — Dagegen macht Ar. geltend , dasz der Leichnam nodi '■ 
eine Zeit lang die änszere Gestalt, obwol doch ohne Leben, behalte. -*- 
Würde die Natur nur unorganische Körper (wozu Ar. auch Bestandteile 
der organischen, z. B. Fleisch, Blut, Knochen zählt) darbieten, so bfttte 
dem Ar. eine solche Ansicht allenfalls genügt. Allein die organlseheii ' 
vermochte er auf dem mechanischen Weg materieller blind wirkender 
Elräfte nicht zu erklären, denn gesetzt auch dasz die Kräfte der Ma- 
terie den Organismus hervorbrächten, so könnten sie es nur durch Zu^ 
fall, dieser ist aber ausgeschlossen durch die Häufigkeit oder Regel or- 
ganischer Gebilde. Sonach bleibt nach Ar. nur übrig zu Erklärung Ihrer i| 
Entstehung ein Weswegen , ein Ziel des Werdens anzunehmen ; denn ein 3 
solches nehmen wir überall an, wo eine continuierliche Bewegung ebi 
bestimmtes Ziel verfolgt. Die Kunst ist dem Ar. eine fi£(trjctg und auf ; 
diese Naturnachahmung schlieszt er aus der Art und Weise der künst- *^ 
lerischen Thätigkeit. Das ganze Wirken der Kunst aber geschieht 
eines bestimmten Zweckes wegen, also auch das der Natur. Die Natur !: 
vermag wol Eisen oder Silber hervorzubringen, nicht aber eine Säge { 
oder Schale , dazu bedarf es eines bestimmten Zwecks , der als Gedanke 't 
oder Bild der Seele des Künstlers vorschwebt und ihn bei der Wahl der l 
Materie und der Werkzeuge zu ihrer Verarbeitung sowie bei dieser ' 
selbst leitete. Aehnlich beim natürlichen Werden. Die erzeugende Seele ^ 
des männlichen Individuums teilt dem onsQfia als einem verwendbaren f 
Ueberschusz der letzten Nahrung, nemlich des Blutes, dieselbe Bewe- '] 
gung mit, welche dieses hat zur Erhaltung der einzelnen Körperteile. 
Mittels dieser bestimmten Bewegung bewegt nun das anigpM den rein- 
sten Teil der nocTafirjv^a (739* 7) und bildet aus ihm das lebendige 
Wesen. So ist auch hier die Zweckursache das Erste, durch wel(^ 
erst diese oder jene Bewegung des anigiia veranlaszt wird. In der Na- 
tur ist also eine Zweckursache noch in höherem Grade als in der Kunst 
anzuerkennen. Die Ableitung der Naturobjeete aus Wärme und Feuer 
sei X^av dgyavmdSg (336* 2) gedacht; SQyavtucSg, weil dies gleich komme 
der Ableitung von Kunstwerken blosz aus den Werkzeugen, und Xüew 
6QY,f weil das Feuer sogar noeh unter den letzteren stehe. Wollte man 



Bericht über die SleJPhilologenversammlung zu Augsburg. 91 

ib«r den Zweck in der Natnriohöpfung leug^n^n , weil sie unbewast und 
•hne Ueberlegnng geschehe, so sdiaffe auch die Kunst ohne sich zu be- 
nthen (mdglicherweise : wenn die künstlerische Thätigkeit dem Künst- 
ler lur andern Natur geworden). Bei Naturorganismen ist die Zweck- 
utsehe zugleich das rotive Princip der Bewegung , daher sie sich selbst 
beiregen, in der Kunst ist sie nur Princip der Bewegung in einem 
udem. 

Dieser Zweck nun ist dem Ar. nur der stoflflose Begriff, die wesent- 
Kehe Form , die erst in dem Stoffe Existenz erhält. Als essentielle Form 
at sie die eigentliche Ursache der natürlichen Organismen , ihr eigent- 
licher Beinsgrund, ja das eigentliche Sein selbst: die ova^Uy und in der 
Fsnehiedenheit de» Seinsgrundes liegt die Verschiedenheit der concreten 
Wesen. Die Materie ist nur die conditio sine qua non, der Stoff, in 
dam sich der Zweoksbegriff verwirklicht, und zwar ist bei Naturpro- 
dneten die Beziehung der Form zum Stoff so wesentlich , dasz sich die- 
! selbe nar in einem zu ihr passenden Stoffe verwirklichen kann. Ja Ar. 
geht so weit, dasz er diesen Zweokbegriff sogair anerkennt als haupt- 
•idiliehen Seinsgrund der lebenden Wesen, ja selbst der unorganischen 
Katar und der Elemente, wenn auch hier nur in undeutlichen Spuren. 
So sdureibt er den Elementen gewissermaszen eine Seele zu — sie ist 
ja wesentlich selbst dieser Zweckbegriff. Im Grundprincip stimmt also 
Ar. mit Plato, nur verleiht dieser seinen Ideen eine von aller Materie 
gitrennte, für sich bestehende Existenz, während Ar. ihr Dasein nur 
in den eoncreten Einseidingen anerkennt; freilich ein Unterschied grosz 
genug, um seine Angriffe auf die Ideenlehre zu ermöglichen und zu for- 
dern. Jene Verwandtschaft beider Ansichten wird noch gröszer, wenn 
Plato, nach Ar., nur Ideen von den Producten der Natur annahm, und 
Ar. selbst nur ^e individuellen Naturdinge als wahre Substanzen aner- 
kennt und daher eigentlich auch nur bei ihnen von einem Zweckbegriffe 
ia dem bisherigen Sinn reden konnte. 

Dieser reine, bei Goncretis nur durch das Denken vom Stoffe trenn- 
hsre Begriff ist ihm causa finalis, essentialis und causa movens der 
Vatororganismen ; denn diese drei Ursachen führt er ja auf ^ine zu- 
roek; als causa motrix ist er ihm die eigentliche tpvatg und die Materie 
mir fpvüig in Beziehung auf ihn, insofern sie durch die Form bestimmt 
wird: Damit ist (pvaig entweder die im Einzelnen wirkende Form oder 
'eiiit eine Gollectivbezeichnung für die Gesamtheit der in der Materie 
, wiikenden Zweckbeg^iffe. Dieser ist endlich, und dies ist wichtig, die 
f Me selbst. Dies beweist die Definition und der Weg auf dem er diese 
I iidet: Unter Seele versteht man allgemein den Grund, die Ursache 
ici Lebens. Worin besteht die Ursache der Lebenserscheinungen ? Wie 
•i nur zwei Seinsgründe des sinnlich wahrnehmbaren Seins gibt : Ma- 
Me und begriffliche Form , so auch der Lebenserscheinungen und des 
lebenden Wesens selbst. Der Körper nun kann nicht Grund des Lebens 
ukk (dies beweist der Leichnam) , also musz die begriffliche Form Grund 
dei Lebens sein; 'die Körperteile dienen einer bestimmten Verrichtung 
vie der KSrper selbst einer Gesamtthätigkeit , nur wenn sie diesen Zweck 
mffihren können, sind sie das was sie sind'; auszerdem nur gleichna- 
mig (z. B. die Hand nur ähnlich einer hölzernen Hand). Den Zweck 
käneo sie aber nur mit Empfindung erfüllen und diese haben sie weder 
ava der Materie noch aus ihrer äuszern Gestalt. Der eigentliche Seins- 
imd Lebensgrund kann also nicht im Körper liegen, sondern (da dieser 
aaf Seiten der materiellen Ursache steht) nur in der andern Seinsur- 
' Mthe, der begrifflichen Form. 

Nun zur Definition selbst. Das Wort ivtsXix^t'f^ definiert Ar. 
^t einmal in der Metaphysik , wo wir sie blosz negativ als Nicht- 
^*t«fiig bestimmt finden mit dem Beisatz , dasz man statt der Definition 



02 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

oft blosz eine Uebersicht der Analoga erreichen könne. Diese analogen - 
Fälle teilt er in zwei Klassen ; die einen rer halten sidi wie Bewegung ' 
zum Vermögen (der Hansbauende, zum olnodofiinov); aber die ivif^eta ^ 
als 7i£vrjCig wird wieder beschränkt, indem die nlvrjaig ihren Zweek ^' 
entweder auszerhalb habe (wie der Hausbauer das Haus), oder alt f 
Selbstzweck in sich (Sehen , Denken , Leben etc.). Erstere ist %Cvfim% .^ 
im eigentlichen Sinne und als solche iv^gysia dtslTJg, letztere eigene f 
liehe hsgysia. Die andere Classe der ivegysim sollen sich verhüten, ^ 
wie Wesenheit zu einer gewissen vXij, oder, wie wol aus den angeführ- F^ 
ten Beispielen hervorgeht, wie das concret Seiende zur Möglichkeit (dis ^} 
wirkliche Haus zur Materie des Hauses, der wirkliche Mensch zu dei J? 
Katafirfvitt), Diese verschiedenen ivsQystai haben kein gemeiniamet yi* r 
vosy sondern ihr Band ist nur die Analogie. Unter welche von diesen f^ 
ivsQysiai. wird die Seele gehören? Sie kann' nach dem bisherigen nur ^^ 
die reine , vollendete , ihren Zweck in sich habende Kraftthätigkeit sein« ^^ 
Ueber die ngoatTj ivtsXsxsia kann kein Zweifel sein. Die EnteleeUe, ** 
heiszt es bei Ar., ist zweifach und zur Erklärung dieser zweifachen ?) 
Entelechie wird als Beispiel genommen das bestimmte aber ruhende |* 
Wissen iniat7J(i7jj und das thätige, betrachtende Q'smqstv, Die Seele ^ 
nun, die sowol im Schlafe, also im Zustand der Buhe, vorhanden ift "f} 
als im Wachen , entspricht als Entelechie der inictijiiT] , und da ^eselbe ^ 
als £§tff der wirklichen Bethätigung des Wissens vorausgehen mnss, 10 j? 
auch die Seele als Grund des Lebens den wirklichen Lebenserscheimm- '^ 
gen; darum ngoitti ivx. — Aus dieser Unterscheidung der ersten nnd ^i 
zweiten Entelechie erklärt sich warum die Seele auch dvvafitg genanafe |^ 
wird. Denn die Begriffe hzBXi%Bia und dvvafkig sind mit Ausnahme |k 
ihrer äuszersten Grenzpunkte (reiner Form und bloszen Stoffs) relatir h 
und ein und dasselbe kann in Bezug auf ein unter ihm stehendes iv^ jil 
yfia und in Bezug auf ein über ihm stehendes 9vvafiig sein. 60 wird 
auch die iniari]fJk7j als ruhende s^tg oben als Entelechie, dagegen an- 
derwärts (417« 23 ff., 255« 33) ausdrücklich (im Unterschiede zum '^Mi- > 



» 



QSiv) als övvafiig bezeichnet. So konnte die Seele im Unterschied n h 
ihrem Körper Entelechie, im Unterschied zu ihrer wirhlichen BethStl- p 
gung Svvafiig heiszen. — Die ivtsXixBiM, als welche die Seele bestimmt * 
wird, ist genus der Definition. Aber Ar. spricht auch von einer ivi^ «' 
y£ta als der reinen stofflosen Form (z. B. der Gottheit), und »hf der "^ 
wesentlichen Form bei Kunstgegenständen und ferner bei dem Sein aller ^ 
Kategorien. Die Seele aber konnte ihm weder die reine immaterl^le ^ 
nnd als solche für sich existierende Form noch die wesentliche Fora 4 
eines Kunstwerkes , noch einer andern Kategorie als der ersten, nemlleh '-^ 
der Substanz sein. Das allgemeine iviqyeia muste also noch beschränkt,'.^ 
werden; darum der Beisatz: q^vaitiov 6gyavi%ov coafiarog iariv dwdftu -' 
^Xovtog. (Der Gegensatz zum q>v<f, acafia ist ein mathem. Körper, äi&i'S. 
überhaupt ohne Bewegung ist und der durch die Kunst hervorgebraehtei - 
der das Princip der Bewegung auszer sich hat). Die qtvaixa cniiatm\ 
sind allgemein als solche anerkannte Substanzen , für sich bestehend* ' 
Wesen. Die Seele ist also ivteXivstoc oder die essentielle Form einer 
Substanz: hvxBX. (pva. aoofiarog, (So heiszt sie ova£a in Metaphyi» j 
1017^ 16 als Seinsgrund wirklicher Substanzen, d. h. solches Seiendes» ■ 
welches nicht 7ia9^ vnonsifisvov ausgesagt wird, und als solche werde* "^ 
dort die q>va, acifiaza genannt). Sie ist ein ri rjv slvou im eigentlich«» i 
Sinn, insofern damit der schöpferische Begriff einer Substanz beseieh- 
net und von da aus erst auf die übrigen Kategorien übertragen M 
(1031« 11). Da ferner die Elemente und die unorgan. Natur zwar aueb 
q>vaiHä afOfucTa sind, aber ganz auf Seite der bloszen Materie stehea 
und ihnen nur uneigentlich ein Leben zugeschrieben werden kann (sit 
haben nur die passive Potenz der Bewegung) und der lebensfähige, d. h, 



Bericht über die 21e Phflologen?Grsammlung zu Augsburg. 93 

sa den bestimmten Lebensyerriehtungen geeignete Körper nur die orga- 
nischen NatnrkSrper sind, dämm der Beisatz dQyavi%ov als itoriv 
9v9aiisi ix^vtog, Spedfisches Merkmal der ivigysia der Seele ist also 
das ^lebendig' oder 'Leben bewirkend' ; sie ist die lebendige Entelecbie, 
aUerdings nur in Bezug auf einen Körper, einen Stoff; denn sie ist nicbt 
als reine ivBQyeut existierend wie die Gottheit, oder der ^stogritmog 
frooff beim Menseben. 

Nach diesem Vortrag erhob sich Prof. D. Christ in München, um 
sonSehst heryorsnheben , wie mislich es noch immer auch nach langem 
Streit tüchtiger Kämpfer um die Erklärung aristotelischer Definitionen 
stehe. Er erinnere nur an die über die Tragödie, bezüglich deren sein 
Freond Liepert zwar meinte mit mathematischer Schärfe die ndd'aQaig 
definiert zu haben, und doch scheine auch hier zu gelten adhuc snb ju- 
dice lis est. Ueber die Definition der Seele spreche sich freilich Ari- 
stoteles selbst hier etwas näher aus. Die Auseinandersetzungen im 
■weiten Bnch der Schrift de anima, dann in der Abhandlung tcsqI yc- 
9ic99S T1S9 (oKoy, sowie Bemerkungen in der Metaphysik, deren eine 
Biehl gnt ausgebeutet, zeigten so gewissermaszen selbst den Weg, 
I. B. sur einzig richtigen Fassung des nQmxTj, Darum könne allerdings 
die Definition der Seele leichter gefaszt werden. Ein zweiter Gmnd da- 
von liege in der klareren Fassung der Definition; dieselbe sei daher 
auch Tom Redner fast in allen Stücken richtig aufgefaszt; nur ivxsXi^ 
%Ha sei nicht scharf genug, vielleicht sogar unrichtig erklärt. — Ari- 
stoteles habe zwei Begriffe erfunden, ivxiiiiHa und dvvorfttff; beide im 
Verein mit Mag und vlri benutze er wie einen Talisman zur Lösung 
sUer Schwierigkeiten; so kämen sie auch hier vor. Im Eingang des 
zweiten Buches sage er selbst, die Seele sei ein Sv^ also entweder Form, 
oder Stoff, oder ein Zusammengesetztes. Letzteres ist aber das lebende 
Wesen selbst; also müsten seine beiden Bestandteile sich in die Begriffe 
ilri und Bldog teilen. Die Seele sei dem Aristoteles Bldog\ er suche 
aber natürlich noch einen andern Begriff hineinzubringen und das sei 
die ivTslixBia, das hier nicht etwa wie sonst identisch mit sldog zu 
fassen. Denn jene Identificierung sei auch nur eine scheinbare; Aristo- 
teles selbst sei sich über das Verhältnisz beider nicht klar geworden, 
wie er denn .auch in der Metaphysik einmal sage, man könne nicht 
?on allem eine -bestimmte Definition geben, sondern müste sich oft mit 
der Analogie begnügen. — So auch bei der ivtslixBia, 

Diese scheint an einzelnen Stellen mit dem stöog völlig identisch 
IQ sein , an .andern aber nicht ; kann also nur ein gewisses Moment, eine 
Thätigkeit des sldog sein. Etymologisch schon Hihrt sie auf den Be- 
griff der Bethätigung , auch stellt sie Aristoteles selbst mit der ivsgysia 
gleich; er sagt: ivtslixsicc verhalte sich zur dvvccfiLg, wie x6 oUoSo- 
ßovv zu oCfifiSoiAiTiog; dabei ist das Neutrum übersehen. Es ist unter 
htflixsia nicht der auszer der Sache stehende auctor oder motor zu 
▼erstehen, sondern die sich bethätigende Idee des Menschen. Man sieht, 
wsnim Aristoteles manchmal statt eldog eben ivxsXsxeicc gesetzt hat. 
Bei einem leblosen Wesen hätte die Form sldog genügt, beim Menschen 
aber mnste die ßich bethätigende Idee (^ivxBXixsi'Ot) eintreten. — Sinn 
der Definition ist also : 'Die Seele ist die durch eigene Kraft sich be- 
thätigende Idee des Menschen', oder: die Seele ist 'Lebensprincip.' 
Dies ist freilich wenig gesagt, aber Aristoteles weisz eben nicht mehr 
zu sagen. 'So . stimmt mein Resultat mit dem des Redners überein ; ich 
hatte auch nicht im Sinne, das seinige anzugreifen, sondern ich wollte 
nur das über, die Identität von slSog und ivrBXsx^i^a Gesagte berichti- 
gen, beide Begriffe fixieren und zeigen, welcher Weg meines Dafür- 
haltens bei Feststellung des Aristotelischen Seelenbegriffs einzuschlagen 
ist« Ich würde vorläufig von dem Zweckbegriffe geschwiegen und das 



I 



94 Bericht über die Sie PhiloiogenTersammluDg zu Augsburg. 

darüber Entwickelte an einer späteren Stelle eingefügt haben ; die ganie 
Ableitung ans dem Zweckbegriffe scheint mir nach den Worten des Ari- 
stoteles in den drei Schriften kaum die richtige zu sein. 

Biehl erwiedert, er sei nicht im Stande, die Richtigkeit der An- 
sicht, nach welcher ivtsXixBia als ein Moment des sldog erscheiiM, an* 
erkennen zu können. Beides bezeichne ein und dasselbe nur von var- 
schiedenen Gesichtspunkten aus. Jede Materie brauche eine Form» il» 
dos, das 'Verwirklichende' sei die ivtsXixsia, Christ habe sie M sehr 
als Thätigkeit im gewöhnlichen Sinne gefaszt; es sei damit nur cBejo- 
nige Thätigkeit bezeichnet, welche nnd insofern sie die Materie Ter* 
wirkliche. Wie könnte sonst Aristoteles von der ivt8Xi%iia eiaee Kmirt 
Werkes reden? Er werde wol ganz unabsichtlich diesen Ausdmdk gi^ 
nommen haben. 

Es war sehr zu bedauern, dasz diese Discussion abgebroeheti wer- 
den muste, indem wie der Präsident entschuldigend hinzusetztei Book 
zwei Vorträge auf der Tagesordnung standen nnd die übrige Zeit Ittr 
dieselben kaum ausreichte. — Der erstere davon war der des Prof. D« 
Düntzer in Cöln ^zur Beurteilung der stehenden Homerigehen BebvärterJ 
Am Anfang hinweisend auf die dem deutschen Volke in besonderen 
Masze verliehene Universalität der geistigen Anlage, die daraas hervor- 
gehende Pflege der Philologie in demselben, die Männer, welche die 
Blüte derselben teils anbahnten, teils hervorriefen nnd ersehlosseai 
gelangte der Redner zu Wolf und der durch ihn angeregten homerisehen 
Frage, welche jetzt den Kern der klassischen Philologie besonders in 
Deutschland bilde; obwol der Kampf zur Lösung derselben noch nieht 
ausgekämpft ist, so sind doch neue Gesichtspunkte in dessen Yerlanf 
hervorgetreten, so dasz an einem endlichen Friedensschluss nieht am 
verzweifeln ist. Aber auch in der Erklärung des Dichters selbst ist 
trotz so regen Eifers und manigfacher Förderung in linguistischer oder 
realistischer Erklärung noch vieles zu thun übrig; teilweise deswegen, 
weil man des Guten zu viel gethan, z. B. durch Hineindeuten nnd -legen 
von Dingen und Anschauungen in den Text, die dem einfachen Epos 
fern lagen. Man wird sich zu bemühen haben , ohne vorgefaszte Mei- 
nung und falsche ideale Anschauungen einfach den Thatbestand zu b^ 
obachten und zu erforschen. So verlohnt sichs auch dieses Verfahren 
anzuwenden auf den Gebrauch der stehenden Beiwörter. — Sehen wir 
ab von den bestimmenden Beiwörtern, d. h. denen, welche verschiedene 
Species eines Genus unterscheiden, so bleiben uns noch zwei Arten 
übrig; man könnte sie hebende (einem Gegenstande num* iio%i^v an- 
kommende, schmückende) und wesentliche nennen. Der ersten Art 
gehören z. B. nfuloq, ayXccogy dyctvo^, q>a^dt fiog^ Xmagogy xXvtog präch- 
tig, ^^og trefflich (nicht göttlich, was ^srog ist), dya^ög^ iad'Xag, 9ti* 
XsQog, fieyag; auch die Bezeichnungen golden, silbern, pnrpum. Man 
hat mit Recht vor falscher, d. h. wörtlicher Auffassung des poetischen 
Goldes gewarnt. Bei aller Einfachheit und Natürlichkeit gefällt sieh 
die epische Dichtung doch im Glänze einer wohllautenden, formenrei- 
chen , volltönenden Sprache , wozu ihr gerade die hebenden Beiwörter 
dienen. Oft bekommt ein solches nur ^ine Person oder Sache von meh- 
reren in demselben Verse genannten , da der Dichter damit seinen Zweek 
schpn erreicht: diiCtpo^ov xb Ildqiv t' iaoQcov %al 'AyrjvoQa dio9 oder: 
ExTop, dtaq av yLol iaai nar'^Q %al noxvia yi^r^xriq rfdl %aalyvriTogj w 
9i fiot ^eiXsQog nagccHo^rrig. — Die wesentlichen Beiwörter dagegen^ 
welche eine hervorragende Eigenschaft angeben, sollen den Gegenstand 
uns vergegenwärtigen in seinem Wesen. So gebraucht Homer ipvxQ^ 
von Schnee und Hagel, ai^d'otff oder lucHog vom Rauch, wie auch Ne- 
bel (^dxXvg) und die Krankheit xaxi} , ctvysifrl , dQyaXirj , Städte alnvg^ 
svqvg, sv(fvxoifog^ BVffvdyvim^ oder £vvaio(isvog , ivnvifUVBg heisien. 






Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 05 

Aber* der Dichter nimmt im Beiwort nicht Bezog auf ,die im 
Satee berichtete Tha^sache. Der Himmel ist immer ccarsgoeig 
(d 44. E 760. Z 108 fif.) sogar am hellen Tag (O 371. t 527), wie des 
Hephästos Wohnnng {£ 371) so genannt wird, weil sie im Himmel ist, 
und xalxsog, weil am Himmelsgewölbe betindlich. Denn %flfilx£O0y no- 
l-6i«l%og, aidiiffsog heiszt dies weil es als metallisches Gewölbe gedacht 
ist. So sind ferner die Schiffe immer ^oa^, die Wolken schattig, dun- 
kel tfiudsrva (nicht bloss wenn sie %vdvBa oder iQBßevvd sind), z. B. 
9 474 und im interpolierten Vers l 502. Aach in fiiyaQa amoswcc ist 
keineswegs der Abend, die Nacht oder Dunkelheit des Himmels ge- 
meint, denn in « 365, S 768 ists heller Tag nnd in den andern Stellen 
wenigstens das Zimmer erleuchtet; anioBig ist ein stehendes Beiwort im 
Gegensatae sor Lnft; Achill ist in den yersehiedensten Situationen no- 
iag t&%vg genannt; der Himmel, die Erde und das Meer immer evQvg 
{d 182. y 453. «140 kann nnr anf geschraubte Weise auf die momen- 
tane EUtnation belogen werden; BVQvg ist stehend von der £rde, wie 
ti^noQog vom Meer). 

Dies ist freilich nicht yöllig neu, aber man hat es öfter auszer 
Acht gelassen und ist dadurch zu Irtümern yerleitet worden. So wollte 
nan üi den eine dnnkle Farbe bezeichnenden Beiwörtern des Meeres 
Tsrschiedene Farbenerscheinnngen desselben bezeichnet finden, als ob 
der Dichter bei jeder gelegentlichen Erwähnung des Meeres auch dessen 
augenblickliche Farbe angeben müste; nein nur die wesentliche Farbe 
desselben, die ihm als solche lebhaft vorschwebt, kann er als stehendes 
Beiwort benfitzen. So ist es ihm g^rau, dunkel, trüb, düster, wie ihm 
fie Erde schwarz erscheint. Alle diese Beiwörter otvona, i^egosid^ccj 
lotiS4«f noXioVo gehen im Allgemeinen anf die dunkle Farbe des Mee- 
res, ohne diese genauer zu bezeichnen. Bei iosidrjg denke man an oC- 
i^^g iSaig nnd an stQog lodvBfpig (veilchendunkel , -dveq) ^ dvotpsgogy 
-^Mqpijc) 'HBffOBidrig heiszen auch Grotten und Felsen , -qBQOBig der Tar- 
tiros. Wenn der Wein auszer iqv&QOg anch fiiXag und aÜ^ot}) (dunkel, 
eig. brandig) heiszt, so kann wol die dunkle Farbe des Meeres mit 
ofvo^ bezeichnet werden, wofür der Dichter aC&oif} gesagt haben würde, 
weui er nicht ein consonantisch anlautendes Wort gebraucht hätte. 
iaeh die ßoB otvons sind nichts anderes als tavQOi atd'oavfg (dunkle; 
wie das Eisen at&cDv neben lostg heiszt). Das Eisen und das Meer ist 
aaeh xoXtog wie sogar der Wolf, so dasz in dem Vers i^^g 8' i^ofis- 
fi noiifv aXa tvntov igsr^otg nicht an den Schaum nard ngdlT^iptv 
n denken ist. ('HsQosiSrjg und oCvoip finden sich nur bei novrog, Meer- 
pfid, fast gleich häufig, dagegen nilayog, der Wogenschlag, ist nur 
fif«; ioeidfjg kommt nur dreimal, ebenfalls bei novzog vor; zu itXog 
nd SiXa tritt noUrjg^ noXioio, noXLiqv häufig, da dies eine metrisch 
be^eme Verbindung, selten zn Q'aXäocrjg und ^äXocaaocv), 

Der Wechsel zwischen diesen gleichbedeutenden Beiwörtern ist 
BQr durch das Bedürfnis des Verses veranlaszt. Der Epiker, des- 
Kn Gesänge einen bedeutenden Umfang hatten, muszte sich manche 
Freiheiten zur Erleichterung des in natürlicher Fülle hinströmenden Ge- 
langes erlauben: Verkürzung, Einschiebungen von Vocalen und das 
Gegenteil, Manigfaltigkeit der Formen, Wechsel in Tempus, Modus, 
Casus, Nnmems; das Streben, dafür feine Unterscheidungen herausfin- 
den zn wollen ist vergeblich und für das Verständnis des Dichters schäd- 
lich gewesen. Dieselbe Freiheit konnte sich der Dichter in der Wahl 
der BeiwQrter gestatten und er that es mit groszem Vorteil; er wählte 
nicht blosz zwischen beiden Arten (hebenden und wesentlichen) , son- 
dern nahm auch wesentliche Beiwörter von verschiedenen Eigenschaften 
her und prägte gleichbedeutende in metrisch verschiedenen Formen aus. 
Ein paar Beispiele : V^jatol und vUg 'AxotioSv; Patronymika statt oder 



96 Bericht über die 2le Philologenversammluog zu Augsburg. 

neben Namen, vtog vor oder nach dem Gtoitiv, nnd da dieser meist 
in der Arsis endet meist vtbg q>Ckoq z. B. 'Odvaa'^og q>, v. , doch anch 
mit dylccog wenn er mit einem Dactjlos endet, oder mit äXtiifios; in 
andern Fällen qtaidifioSf HQOttSQogy ttp^ifkog^ afivii(ov. Der Wein beiszt. 
äcbtepisch iisXiri^fjg — daneben fisX^tpqmv, selten 'qdvg oder gar ^dv^ 
norog, auch vsrjvaQy svfpQcov; seine Farbe meist in at^o^^ selten ^ 
Xag oder igvd'qog. Die Verschiedenheit ist i^mer metridch, nicht dnreh 
den Sinn veranlaszt^ wie eine genaue nicht uninteressante Betrachtung. 
lehrt. Die Schiffe sind ^oa£ und d%v7fOQOi (im Sing. <6%vaXog)y mneuSp^ < 
nach Yocalen novtonoQOi; von Gestalt xoriat oder yXatpvgal; ferner 
ilaaiy trefflich, nur im Sing, svegysa^ %oqovi8sgy ivaasXfioi^ noXvnXfit» 
Ssg , dfiqiisXiaaai ; nur in der Odyssee doXix'>iQS''if'Ot und inijtQifioi, Sehr 
bänfig (liXatvai, selten nvocvonqmQog , wofür auch das ohne Grund an- 
gefochtene TivavoTtQcoQSiogy einzeln (iiXTonaQjjog , q^oivtuonäfftiog, (Wir 
finden hier fiiXtog und (poCvi^ für rothe Farbe , wie auch W 4^4 vpoCvi^ 
adj. = tpoivrisig yon einem q)0i,v6g\ purpurn ist noqtpvqBog oder iXi- 
TcoQtpvQog , von der Meerpurpurschnecke gefärbt , ohne ableitende Ein-, 
düng — wie XsvKmXsvog ^ fododd'HTvXog — dagegen nogqfVQBog ^dvaxog 
der blutige Tod, das Blut selbst 7tO(fq>vQSOv: dagegen avfia noQq>v(fBOP 
von noQqiVQeiv, aufwogen, nicht die rothe Woge). Die Schiffe sind 
&ocil, dagegen Pferde taxisg, coxfc;, ti^viiodsg, selten no9t6%Big; die 
Art ihres Laufens im Gegensatz zu der des Rindes bezeichnet iBifüCvo- 
dsg; auf ihren Huf bezieht sich fjboivvxsgf HQutSQoivvxsg , auf ihre Mähne 
naXXCtqix^g y svzQixsg' Alle diese Beiwörter sind gewis nicht BufUlig 
im Metrum oder Anlaut verschieden. Und wie geschickt der Dichter in 
Bildung derselben verfuhr, zeigt eingehende Betrachtung, der sich der 
Erklärer nicht ungestraft entziehen wird. Derselbe Gegenstand erhält 
zur Füllung des Verses sogar zwei wesentliche Beiwörter: d'O^ Tutga 
vrfi (isXahr^; der häufige Versschlusz vrit (leXot^vg ist hier gleichsam in 
Eins geflossen. In solchen Fällen feine Berechnung zu suchen verleitet. 
zu den unnatürlichsten Erklärungen; dagegen ein wirklich feiner > dem 
dichterischen Schaffen nachfühlender Geist findet zu den schönsten Beob-, 
achtungen ein reiches Feld. Mit dem, allerdings gerade zur Erklämng 
Homers unentbehrlichen Bienenfleisz ist nichts gethan; es musz damit 
feines Gefühl und strengste Beachtung epischer Natürlichkeit sich ver- 
binden , und auch vom Erklärer gilt was Pindar vom Dichter sagt : 
Zofpog 6 noXXä sldmg (pv^' ika&ovxBg d\ XäßQOi 
nocyyXmaaia f xo^axcg oSg^ atiqavza yaffvstov • ^ . - 

diog ngog Sx^^X'^ ^siov, . ,: 

Den letzten Vortrag hielt Dr. Glück aus München 'über da» Wort ;. 
ambactus.^ Das goth. andbahts, Diener, glaubte man lange, hätten die. ^ 
Gallier entlehnt und es umgeformt ; Holtzmann, dem Gallier und Deutsehe,' r 
Ein Volk sind, hält es für gemeinsames Gut beider. Beides ist unrich- 1 
tig. Goth. andbahts (Wurzel hak) lautet urdeutsch eigentlich anda- - 
bahtas, ahd. sollte es antbaht lauten; daraus wurde ambaht ant vor b^ "i 
c= am, vgl. Lantberht, Sindberbt, Gundberht u. a. Die Partikel anda 1 
ist gallisch ande (Andebrogirix , Andecamulos, Andecumborius « An4e-i 1 
cavi, Anderitum) , irisch ind-, int-, inn-, in. (Auffallend ist, dasi im, 4 
Gall. nicht t und im Deutschen nicht th steht; doch dies verwandelt ^ 
sich zwischen Vocalen und nach n gerne in d.) Im Fall der Entlehn j 
uung wie des Gemeinbesitzes müste die gall. Form andebaetos lanteoi l 
woraus ebensowenig ambactos werden konnte als aus urdeutsch. anda- 
bahts im Goth. ambahts wurde ; diese Wandlungen sind spätere Ersehei-, 
nungen. Man hat sich also durch die zufällige lautliche Uebereinstim- 
mung zwischen ambactus und ambaht beirren lassen. Auch lateiniseh 
ist das Wort nicht, Ennius bezeichnet es ausdrücklich als gallisch nnd 
nur für ein gallisches Gesellschaftsverhältnis hat es Cäsar. Vgl. bell. 



Beiicht über die Sie Philologenversammlung zu Augsburg. 97 

^n. 6, 15y wo die eqnites . . ambactos elientesqne habent; das Wort 
mius er für ein seinen Lesern bekanntes halten, und wirklich brauchte 
es schon Ennius (cf. Festns: ambactus ap. Eon. lingua gallica servus 
dieitar) ; die Homer kannten es von den oberitalischen Qalliem. In der 
Bedeutung semis steht es auch in jener Stelle, was die Vergleichung 
▼on 6, 10: seryi et clientes lehrt. Gallisch ambactos := ambi aotos. 
(Ambi-barii| Amb-lliati, Ambi-latri, Ambi-vareti u. a.; ir. imb-, imm, 
im; kjmr. am, sanikr. abhi, afig)^, lat. amb, am, an, alts. ahd. umbi, 
ags. ymbe, nds. Umme, nhd. um.) actos ist von ag (sanskr. aj) stam- 
mendes partic. mit Präsensbedeutung. Ein anderes solches kelt. Partie. 
ist gaU. britt. cantos (kymr. cant, später cam, jetzt can: quorcant, qur- 
eant, qurcan, gorgan c=a altem Vercantos); weiss, s. B. in gall. Canto- 
mlluB, Canto-benna von W. can, sanskr. kan glänscD. So gibt es im 
Sanskr. Participien auf tas von verbis neutris mit der angegebenen Be- 
deutung: sthitas stehend, bhltas fürchtend, hritas sich schämend, 9ak- 
tas könnend, snutas tröpfelnd, dhrshatas wagend, tvaritas eilend; vgl. 
tftocTO^, (vtog^ fisi^srtfff, ignsrög, — Ambactus heiszt also herum- 
gehend, ambiens; dann der Diener. So entsteht aus der Wurzel 
sanskr. tr, irisch tar, gehen, das irische timthirthid (eigentlich doim(b)- 
tir-thid, anstatt do-ambi-taratatis) ; vgl. sanskr. paricara, dfAtp^nO' 
log. Das gallische ambactus kam auch als Personenname vor, auf 
rSm, Inschr* und einer gall. Münze, sogar als Name einer Völkerschaft, 
worunter Lenormant und Dnchalais die Sequani verstehen , die sich nach 
Ariovistes' Niederlage als freiwillige Unterthanen der Römer Ambacti 
genannt hätten. Kymr. amacth ist dasselbe Wort, hat aber jetzt die 
Bedeutung Ackerknecbt, Bauer. Im Kelt. muste es auch ambactia 'die 
Umgelrnngy Bedienung' geben, wovon das jetzige breton. amezek, Nach- 
bir (der von der Umgebung Seiende c= kymr. amaethic (jetzt amae- 
tiiig) c= gall. ambacticos). 

Zum Schlusz ergrifif der erste Präsident das Wort: 'Meine Herren! 
Sehen am ersten Tage unserer Versammlung ist daran erinnert worden, 
dssz es jetzt gerade 25 Jahre sind, wo die Idee zur Gründang eines 
Vereines deutscher Philologen und Schulmänner zuerst angeregt wurde. 
Bs war kein unfruchtbares Wort , wie so oft ein solches in Stunden, 
wo die Herzen höher schwellen , hingeworfen wird. Was hochbegeisterte 
Minner in den schönen Jubeltagen der Georgia Augusta mit festem 
Wissen und Wollen ausgesprochen haben , das ist ins Leben getreten 
und die Teilnahme an -den Versammlungen der Philologen ist seit dem 
ersten Zusammentreten in Nürnberg immer eine ungeschwächte geblieben. 
8ehon in den ersten Jahren der Vereinigung haben sich die Vertreter 
der classischen Philologie den Pflegern der so weit ausgebreiteten orien- 
talischen angeschlossen. In einer künftigen Geschichte unsres Vereins 
wird die Augsburger Versammlung eine epochemachende Stellung ein- 
nehmen, weil auf ihr die Vertreter der germanischen Philologie uns die 
brüderliche Hand gereicht haben und auch für die Bildung einer beson- 
dem archäologischen Section die ersten Schritte geschehen sind. Durch 
diese Erweiterung ist eine neue sichere Garantie gegeben für einen 
langen und festen Bestand unsres Vereins, und ich glaube die Hofif- 
mmg aussprechen zu dürfen, dasz so lange noch die humanistischen 
and idealischen Studien dem andrängenden Wogendrange rein mate- 
rieller Interessen Widerstand zu leisten vermögen, auch immer ein Be- 
dürfnis für deutsche Philologie bestehen werde, zur Förderung ihrer 
gemeinschaftlichen Interessen und Studien zeitweise in gröszeren Ver- 
sammlungen zusammenzutreten. Die zahlreichen Wandervereine, die 
sich seit der Begründung der Versammlung der Naturforscher in Deutsch- 
land gebildet haben, sie alle sind, wenn auch kleine, doch feste Bau- 
steine zum Thurmbau der deutschen Einheit, die, so schwer auch der 
Ausbau scheinen wird, doch einst ihre Thurmspitze sicherlicli ^ud^ü 

N. Jabrb« /. PbU. o. Päd, iL Abt 1863. Hft. 2, 7 



98 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

wird, zamal dann, wenn der schöne Qeist der herzlichsten Eintracht und 
Harmonie, der uns die Tage von Augsburg zu unvergeszlichen macht, 
immer segnend da walten wird, wo eine gröszere Zahl von Deutschen 
zu einer Versammlung zusammentreten. Lassen Sie uns , m. H. , nicht 
scheiden^ ehe wir die Hoffnung aussprechen, dasz auch die nächste Ver- 
sammlung in dem schönen Meiszen sich ebenso friedlich und glücklich 
gestalten möge!' 

Darauf ergriff Director Classen das Wort, um dem Präsidium 
und allen denen , welohe die Zwecke der Versammlung in uneigennützi- 
ger Weise gefördert hätten, deren Dank darzubringen, insbesondere 
auch, und damit wolle man alle Gefühle des Dankes zusammenfassen, 
ein 'Hoch der ehrenwerthen Stadt Augsburg'. Die ganze Versammlung 
stimmte freudig in dasselbe ein. 

Dann wurde die einundzwanzigste Versammlung deutscher Philolo- 
gen^ Schulmänner und Orientalisten vom ersten Präsidenten gesehlossen 
(12 ' Uhr). (Schlnsz folgt im nächsten Hefte). 

Erlangen. Dr. Autenrieth. 

Erklärung. 

Unter dem 26. October 1862 schrieb mir Herr Director Prof. Dr. 
Dietsch in Plauen, dasz eine 'Reclamation' gegen meine Schrift 
'Zar Neugestaltung des badischen Schulwesens' eingelaufen sei, die er 
abdrucken müsse, wobei mir natürlich die Gegenrede offen gehalten 
werde. Ich erwartete also eine begründete wirkliche ^Beclamation' eines 
offen auftretenden 'Reclamanten'. Statt dessen lesen wir in Band 80 
dieser Jahrbücher S. 572 den Schandartikel eines Anonymus, der das 
finstre Versteck liebt. Ich hätte daher allen Grund, denselben mit Ver- 
achtung zu ignorieren, ziehe es aber doch vor, darauf zu antworten« 
Ich entgegne also Folgendes: 

1) Dasz ich in meiner Schrift, mit deren Erfolg ich sehr wol zu- 
frieden bin, gewisse Schul-Niederträchtigkeiten dem öffentlichen Urteile 
preisgab, geschah unter voller Billigung sehr vieler meiner 'gebilde- 
ten^ Mitbürger, und zwar lediglich aus dem moralischen Grunde, da- 
mit fürder solche Unwürdigkeiten nicht mehr vorkommen, Unwürdig- 
keiten, gegen welche ohne Schonung aufzutreten jeder ehrliche Mann 
ein volles Recht hat, auch wenn er gar nicht als Schriftsteller existiert. 

2) Ich andre in meiner Schrift, welche ganz natürlich gar Man- 
chem ein Aergernis sein musz, auch nicht ein Jota, und wiederhole 
hiermit laut, dasz bei demjenigen 'Schmeichelei mit crassester Ignoranz' 
wetteifert, welcher im Stande ist. Bahr nicht blosz praestans sapien- 
tiae praeceptor et virtutis magister zu nennen, sondern auch denjeni- 
gen, 'qui ingeniosissima eruditissima Plutarchi et Herodoti 
operum explicatione interpretatione super ceteros qui nunc sunt omnes 
viros doctos excellit.' 

3) Die wissenschaftliche Seite dieses meines Ausspruches stelle 
ich dem Urteile der selbständigen Philologen anheim; was die mo- 
ralische Seite betrifft, so empört sich bei solch ekelhafter Kriecherei 
wenigstens mein Wesen und mein jedenfalls zur Niederträchtigkeit un- 
fähiger Charakter , welchen der edle Anonymus aus seinem Xiästermunde 
in einer Weise zu begeifern zieh erfrecht, durch deren genaue Benen- 
nung ich dieses Blatt nicht besudeln will. 

4) Nur bübische Bosheit kann auf den unsinnigen Gedanken kom- 
men, ich wolle mich unter die verdientesten Erklärer des Herodotus 
stellen, während ich ja, auszer einem kleinen Aufsatze, nie etwas über 
Herodot habe drucken lassen. Uebrigens darf ich wol sagen, dasz dieser 
Auetor unter meiner Leitung im hiesigen philologischen Seminar in einer 
Weise interpretiert wird^ welche 'jede Woche zweimal' schlagend zeig^, 
dasz Bahr mindestens nicht der Erste unter dessen Erklärend ist. 



Peraenalnotizen. 99 

5) Wenn Anonymus nnd Consorten die gegründete Ueberzea- 
gong haben, dasz die wissenschaftlichen und thatsächlichen Be- 
hauptungen meiner Schrift nicht widerlegt, sondern nur durch pöbel- 
hafte Beschimpfung meiner Person in moralischer und wissenscaftlicher 
Basiehung bestürmt werden können, so musz es mit ihrer Sache schlecht 
stehen, ja recht schlecht. So ist es. Bes satis est nota^ plus foetent 
Btercora moU. Dr. A.' Baumstark ^ 

Freiburg, d. 12. Januar 1863. ord. Professor der Philologie. 



Personalnotizen. 

traeBMaBgCB« Bef UrAemni^n t TerseteiinireB» AvsBeickBangen. 

Basse, Dr., ordentl. Lehrer am Qymnasium zu Gumbinnen, zum 
Oberlehrer ernannt. — Bitta, Job., Weltpriester, zum Beligionslehrer 
am kathol. Gymnasium in Teschen ernannt. — Bludau, Dr., ordentl. 
Ldirer am Gymnasium zu Braunsberg, in gleicher Eigenschaft an das 
Gymnasinm zu Deutsch-Grona versetzt. , — Böckh, Dr., Professor und 
G^ Begierungsrath zu Berlin , zum Vicekanzler der Friedensklasse des 
Ordens pour le m^rite ernannt. — Brühl, SchAC. bei dem kathol. 
Gymnasium an Marzellen zu Oöln als ord. Lehrer angestellt. — Cäsar, 
Dr. , bisher auszerord. Professor an der Uniyersität zu Marburg , zum 
ord. Professor der classischen Philologie ebendaselbst ernannt. — Can- ' 
rada, Dr., am Gymnasium zu Trier zum Oberlehrer ernannt. — Dove, 
Dr., ord. Professor an der Universität zu Berlin , zum Geheimen Begie- 
rongarath ernannt. — Dub, Dr., Oberlehrer am Gymnasium zum grauen 
Eloffier in Berlin, als Professor prädiciert. — Erdmann, Dr., Lehrer 
io dto Realschule zu Erfurt, zum ordentl. Lehrer am Gymnasium zu 
Stendal ernannt. — Fromm, Dr., Oberlehrer am Kadettenhause zu 
Berlin, als Professor prädiciert. — Grashof, Oberlehrer am Gymna- 
sium an Düsseldorf, als Professor prädiciert. •— Gosche, Dr., auszer- 
ordentl. Professor an der Universität zu Berlin, zum ord. Professor der 
oriental. Sprachen an der Universität Halle ernannt. — Gurlt, Dr., 
Professor an der Universität zu Berlin und Geheim. Medicinalrath , zum 
Bitter des kön. preüsz. Eronenordens dritter Klasse ernannt. — Har- 
niscbmacher, Liehrer der Mathem. und Physik am Gymnasium zu 
Brilon, zum Oberlehrer ernannt. — Hirsch, Dr., ordentl. Professor in 
der med. Facultät der Universität zu Königsberg, ist zum Geheimen 
Hedieinalrath ernannt. — von Hochstetter, Dr., Begleiter der österr. 
Ko?ara-Ezpedition , von der königl. bayerischen Akademie der Wissen- 
sebaften zum correspondierenden Mitgliede ernannt. — Housselle, 
Dr., Geh. Obermedicinalrath im Ministerium der geistl. etc. Angelegen - 
iten zu Berlin, zum Bitter des königlich preuszischen Kronenordens 
dritter Klasse ernannt. — Hülsse, Dr., Professor und Director 
der polytechnischen Schule in Dresden, zum Geheimen Begierungsrath 
ernannt. — Kegel, Beligionslehrer am Gymnasium zu Trzemeszno in 
em anderes Amt berufen. — Lincke, SchAC., zum ord. Lehrer am 
Gymnasium ztf Königsberg in Preuszen ernannt. — Malina, Dr., ord. 
Lehrer am Gymnasium zu Deutsch-Crona , in gleicher Eigenschaft an 
das Gymnasium zu Braunsberg versetzt. — Marek, Dr. Joh. , seither 
provis. Director des griechisch nicht unierten Gymnasiums in Suczawa, 
mm wirklichen Director das. ernannt. — r Mitteis, Dr., provis. Direc- 
tor am Gymnasium zu Laibach, zum wirklichen Director dieser Anstalt 
ernannt. — Mit scher lieh, Dr. Eilhard, Geh. Obermedicinalrath und 
Professor an der Universität zu Berlin , zum Bitter des königl. Kronen- 
ordens zweiter Klasse ernannt. — Mitscher lieh, Dr. Gustav, Geh. 
Hedieinalrath nnd Professor an der Universität zu Berlin, zum Bitter 
des Bothen Adlerordens mit der Schleife ernannt. — von Münch- 
Bellingh aasen, Freiherr (Fr. Halm), zum Bitter des königl. bayer. 



1 00 Personalnotizen. 

Maximiliansordens ernannt. — Nicolai, Dr. in Quedlinburg, zum ord. 
Lehrer am Domgymnasium zu Magdeburg ernannt. — Odstrcil, 
Job. , Supplent am evangelischen Staatsgymnasium in Teschen , zum 
wirklichen Lehrer an derselben Anstalt ernannt. — Pf autsch, Dr., Ober- 
lehrer am Gymnasium in Landsberg a. d. W., zum Director des Gymna- 
siums in Spandau ernannt. — Beclam, Karl, Dr., Privatdocent an der 
Univ. Leipzig, zum ao. Prof. der Medicin ernannt. — Richter, Dr., 
Lehrer an der Realschule zu Magdeburg, zum ord. Lehrer am Domgym- 
nasium daselbst ernannt. — Ritschi, Dr., Prof. der class. Philologiean 
der Univ. Bonn, Geh. Regierungsrath u. Oberbibliothekar, zum Ritter des 
kön. Sachs. Albrechtsordens und zum Mitglied der kais. franz. Acad^mie 
des inscriptions et des belies lettres ernannt. — Ruzika, früher G^ymna- 
sialdirectör zu Neusohl, in gleicher Eigenschaft nach Neuhaus versetzt. 

— Saran, SchAC, zum ordentl. Lehrer am Gymnasium zu Lyck er- 
nannt. — von Scherzer, Dr., Begleiter der Novara-Expedition , zum 
corresp, Mitglied der kön. bayer. Akademie der Wissenschaften ernannt. 

— Schneider, Dr., am Gymnasium zu Düsseldorf, als Professor prä- 
diciert. — senekovic, Martin, Supplent am Gymnasium zu Essek, 
als wirklicher Lehrer daselbst angestellt. — Telka, SchAC, als ord. 
Lehrer am Gymnasium zu Lyck angestellt. — Thomas, Dr., Professor 
in München, zum Bibliothekar der dortigen Hof- und Staatsbibliothek 
ernannt. — Tittler, Dr., Oberlehrer am Gymnasium zu Brieg, als 
Professor prädiciert. — Tomaschek, Prof. am Theresianischen Gym- 
nasium zu Wien, Privatdocent an der Universität daselbst, zum ord. 
Professor der deutschen Sprache und Litteratur an der Universität zu 
Gratz ernannt. — Tomaszewski, interm. Religionslehrer am Marien- 
gymnasium zu Posen, zum Religionslehrer am Gymnasium zu Trzemes- 
zno [und zum Regens des damit verbundenen Alumnats ernannt. — 
U ellner, Dr., Lehrer an der Realschule zu Düsseldorf, als Oberlehrer 
prädiciert. — Vogt, ord. Lehrer am Gymnasium zu Elberfeld , in ein 
anderes Amt berufen. — Waitz, Dr., auszerord. Professor an der Uni- 
versität zu Marburg, zum ord. Professor der Philosophie an derselben 
Universität ernannt. — Weisz, Dr., Privatdocent an der Wiener Uni- 
versität, zum ord. Professor der Botanik an der Universität zu Lem- 
berg ernannt. — Wieseler, Dr., Prof. der Theologie in Kiel, zum or- 
dentl. Professor in der theol. Facultät der Universität Greifswald ernannt. 

AmtsJabUäen. 
Bonn eil, Professor Dr., Director des Friedrichs - Werderschen 
Gymnasiums zu Berlin, feierte am 2. Januar 1863 das 25jähr. Director- 
Jubiläum und ward von der Universität Berlin zum Ehrendoctor creiert. 

— Funkhänel, Hofrath Professor Dr., Director des Gymnasiums zu 
Eisenach, feierte am 8. Januar 1863 das 25jähr. Directorjubiiäum. 

In Ruhestand versetat: 

Altenburg, Dr., Conrector am Gymnasium zu Schleusingen. — 
Bertelsmann, Oberlehrer am Gymnasium Bielefeld. -r> T hu die hum, 
Dr., Oberstudienrath und Gymnasialdirector zu Büdingen (auf eignes 
Ansuchen). QeslorbcB s 

Bensen, Dr. W. H., Studienlehrer, starb am 10. Jan. 1863 in Ro- 
thenburg a. d. T., 64 Jahr alt (Geschichte des Bauernkriegs in Franken). 

— Döring, Dr. Heinrich, bekannt als Biograph, starb am 14. Decbr. 
1862 in Jena (geb. 5. Mai 1789 in Danzig). — Hessenmüller, Gene- 
ralsuperintendent zu Braunschweig, starb am 25. Novbr. 1862 ebendas. 
(Kirchengeschichte undAscetik). —Kraner, Friedr., Dr. Prof., Kector 
der Thomasschule zu Leipzig, starb 50 Jahr alt am 17. Jan. 1863 (hoch- 
verdienter Schulmann, Herausgeber des Cäsar). — Seip, ord. Lehrer am 
Gymnasium zu Stolp, starb am 5. Decbr. 1862. — Siegfried, Dr., 
Prof. des Sanskrit, Unterbibliothekar an der Dreifaltigkeitsoniversität m 
Dublin , starb am 10. Januar 1863 ebendas. (geb. um 1830 zu Dessau). 



Zweite Abteilung: 

fflr Gymnasialpädagogik und die flbrigen Lehrfächer, 

mit Ausschlusz der classischen Philologie^ 
keransgegehen tm Professor Dr. Hernann Masin s. 



8. 

Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege 

in den Schulen. 



1) Die deutschen Turnübungen ^ eine Vorschule für den Kriegs- 

dienst. Bemerkungen j Wünsche und Vorschläge von Dr. 
W. B. Mönnich^ Gymnasialrector. Stuttgart, Metzlersche 
Bachhandlung. 8. 31 S. (5 Ngr.) 

2) Ersiehung siir Wehrhafligkeit, Programm der Musterschule 
tu Frankfurt a/M. Von Dr. C. Kühn er j Director. Frank- 
furt, Sauerländer. 1861. 24 S. 

3) Die deutsche Turnkunst und die Ling - Rothsteinsche Gymna- 
stik. Zweite Denkschrift des Berliner Turnraths. Berlin, 
Gaertner. 1861. gr. 8. 44 S. (6 Ngr.) 

4) Das Rothsteinsche System der Gymnastik in seiner Stellung 
zur deutschen Tumkunst. Von H. Kaiser. Berlin, Schrader. 
1861. gr. 8. 58 S. (10 Ngr.) 

5) Die KönigL Central- Turn -Anstalt zu Berlin. Von Hugo 
Rothstein^ Major und Unterrichts - Dirigent. Mit einer 
Tafel Abbildungen. Berlin, Schrader. 1862. gr. 8. 60 S. 
(10 Ngr.) 

6) üeber das Barrenlumen und über die sogenannte rationelle 
Gymnastik. Erwiederung auf zwei dem KönigL Ministerium, 
der Geistlichen , Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten 
abgegebene Gutachten. Von Emil Du Bois-Reymond^ 
Dr. med. und Professor der Medicin an der Universität 
Berlin. Berlin, Reimer. 1862. gr. 8. 32 S. 

7) Die Barrenübungen der deutschen Turnschule vor dem Rieh- 

N. Jahrb. f. Phil. u. Päd. II. Abt. 1863. Bft. 3. 8 



56 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

tersiuhle der Kritik, , Eine turnerische Streitfrage aufGrunfl 
gutachtlicher Aeuszerungen von Prof. Dr. Bock, Dr. med, 
Friedrich, Prof.Dr. Eb. Richter und Dr. med. Schild- 
bach bearbeitet von Dr. Moritz Kloss. Dresden, Schönfeld. 
1862. 8. 32 S. 

8) Vorschläge zur Einheit in der Kunstsprache des deutschen 
Turnens. Von Karl Wachtmannsdorff. Berlin, 1861. 
Mohr u. Co. 8. 60 S. 

9) Katechismus der Turnkunst. Von Dr. M. Kloss. Zweite 
verbesserte Auflage, Leipzig, Weber. 1861. 8. 214 S. Mit 
vielen Abbildungen (15 Ngr.) 

10) Das Turnen im Spiel der lustigen Bewegungsspiele für mun- 
tere Knaben. Von Dr. Moritz Kloss. Mit 16 Figuren- 
tafeln. Dresden, Schönfeld. 1861. (12 Ngr.) 

11) Das naturgemäsze Turnen an den höheren Schulen. Von Th. 
Friedemanh, Collaborator am Pädagogium zu DiUenburg. 
J^rogramm. Dillenburg, Jacobi. 1862. 

1 2) Das Progymnastikon oder das ganze Tumsystem an einem 
einzigen Gerälhe ohne Raumerfordemis als einfachstes Mittel 
zur Entunckelung höchster und allseitiger Muskelkraft, Kör- 
perdurchbildung und Lebenstüchtigkeit. Für Schulansialien, 
Haustumer und Turnvereine. Von Dr. M. Schreber., Mit 
108 Holzschnitten. Leipzig, Fleischer. 1861. gr. 8. 122 S. 
(1 Thir. 20 Ngr.). 

'Dasz der künftige Gelehrte weit weniger, denn irgend 
ein anderer von den eingeführten körperlichen Uebnngen 
losgesprochen werden könne, versteht sich von selbst.' 

J. G. Fichte. 

Die Feier des 100. Geburtstages Fichte's ist in eine Zeit gefallen, 
in welcher wir den einfachen Gedanken einer turnerischen Jugender- 
ziehung um ein bedeutendes mehr entwickelt und weiter verbreitet sehen 
wie damals , als Fichte selbst dazu den Anstosz mit gegeben. 

Bekanntlich legte Fichte in der neunten seiner ^Reden an die 
deutsche Nation' im Hinblick auf Pestalozzi^s Bestrebungen *) die Wich- 
tigkeit einer bis dahin vernachlässigten Seite der Erziehung dar, indem 
er energisch verlangte, dasz die Entwickelung der körperlichen Fertig- 
keit des Zöglings im Zusammenhange mit der geistigen und sittlichen 
fortschreiten müsse. Zugleich wies er auf die Notwendigkeit einer ratio- 



*) Es sei nachträglich auf eine Schrift: 'Pestalozzi als Förderer 
der Leibesübungen von Fr. Iselin, Hülfslehrer am humanistichen 
Gymnasium in Basel. Basel, Schweighäuser 1858' hingewiesen, welclie 
sehr der Beachtung werth ist. 



Neues Tom Tiulieii und von der Gesundheitspflege in den Schulen, 57 

Hellen Betreibung des Turnunterrichtes hin mit den Worten : ^Es gibt 
eine naturgemäsze Stufenfolge von den Anfangen in diesen Uebungen bis 
za ihrer vollendeten Kunst , d. i. bis zum höchsten Grade des Nerven- 
taktes, der Schlag und Stosz, Schwung und Wurf in hundertfachen Ab- 
wechselungen sichert und Hand und Fusz gewis macht. Alles kommt 
hierbei auf die naturgemäsze Stufenfolge an, und es reicht nicht hin, 
dasz man mit blinder Willkür hineingreife und irgend eine Uebung ein- 
fahre , damit doch von uns gesagt werden könne , wir hätten auch , etwa 
wie die Griechen, körperliche Erziehung.' 

* In dieser Hinsicht ist nun noch alles zu thun ; denn Pestalozzi hat 
kein A-fi-C der Kunst geliefert. Dieses muste erst geliefert werden, und 
zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des menschlichen 
Körpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf gleiche Weise zu 
Hause , mit diesen Kenntnissen ein hohes Masz philosophischen Geistes 
veii)ände, und der auf diese Weise fähig wäre, in allseitiger Vollendung 
diejenige Maschine zu finden , zu der der menschliche Körper angelegt 
ist, und anzugeben, wie diese Maschine allmählich, also dasz jeder 
Schritt in der einzig möglichen richtigen Folge geschähe, durch jeden 
alle künftigen vorbereitet und erleichtert und dabei die Gesundheit und 
Schönheit des Körpers und die Kraft des Geistes nicht nur nicht gefähr- 
det , sondern sogar gestärkt und erhöht würde , wie , sage ich , auf diese 
Weise diese Maschine aus jedem gesunden menschlichen Körper entwickelt 
werden könne. Die Unerläszlichkeit dieses Bestandtheiles für eine Erzie- 
hung , die den ganzen Menschen zu bilden verspricht und die besonders 
für eine Nation sich bestimmt, welche ihre Selbständigkeit wieder her- 
stellen und fernerhin erhalten soll, fällt ohne weitere Erinnerung in die 
Augen.' 

Sowol in Bezug auf diese von Fichte betönte innere Aus- und Durch- 
bildung eines rationellen Turnens , als auch in Betreff der allgemeineren 
Einführung und äuszeren Verbreitung des Turnunterrichtes bei den 
öffentlichen Schulen läszt man es sich heutzutage angelegen sein, jenen 
Fichteschen Forderungen nachzukommen. Es ist dieses Fortschreiten 
der Turnsache in pädagogischer Beziehung namentlich auch aus der Lit- 
leralur dieses Erziehungszweiges zu ersehen, welche in letzter Zeit er- 
staunlich reichhaltig geworden ist. 

Indem sich Ref. anschickt, auch für das eben abgelaufene Jahr einen 
Bericht über die neuesten Erscheinungen auf diesem Gebiete für die vor- 
liegenden Blätter zu geben, kann er sich hier nur auf dasjenige beschrän- 
ken, was das Interesse der höheren Schulen, namentlich der Gymnasien, 
berührt. 

In unserem vorjährigen Berichte hatten wir hervorzuheben, dasz 
in den neueren Schriften über das Turnen namentlich die Wehrtendenzen 
desselben mit übergroszem Eifer in den Vordergrund gestellt wurden. 
Hier und da verstand man die Beziehung der Turner zur Wehrhaftigkeit 
so, als müsten die Turnschüler ohne weiteres in Uniform gesteckt und 
mit Wehr und Waffen versehen werden. Wir bezeichneten es deshalb 
als bedenklich , die Wehrzwecke des Turnens als die allein maszgebenden 

8* 



58 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege* in den Schulen. " 

und vorherrschenden zu hetrachlen , namentlicli soweit dabei das Turnen 
der Jugend in Frage kommt. 

Das Tyrnen der Schulen hat als wesentliches Glied der Jugender- 
ziehung immer sein nächstes Ziel streng zu verfolgen, nach welchem der 
allgemeine, den ganzen Menschen umfassende Zweck der Erziehung all- 
seitig unterstätzt werden soll. Nicht den künftigen Soldaten hat die 
Schulturnanstalt in ihrem Zögling vor Augen, sondern den Menschen, 
der mit Hülfe des Turnens die allseilige Ausbildung aller Leibeskräfte zu 
verfolgen hat , damit die Entwicklung der Kraft des jugendlichen Körpers 
zur höchsten Energie erstarke, deren Jedermann in allen Lagen des sitt- 
lichen Lebens bedarf. Jedes einzelnen Knaben und Jünglings Aufgabe ist 
es , zunächst an sich das Bild hoher deutscher Rüstigkeit darzustellen, 
wozu die Turnanstalt so reiche Gelegenheit bietet. Alsdann aber ist für 
den Mann die Wehrhaftigkeit allerdings eine so überaus wichtige Sache, * 
dasz man dem Turnen keinen werlhvolleren Zweck setzen kann , als eben 
diesen. Zudem hat ja Arndt ganz treflend bemerkt, dasz ^alle. Turnübun- 
gen, welche als allgemeine menschliche Uebungen für die Bildung und 
Schönheit des Leibes und Geistes betrachtet werden können, zugleich 
auch kriegerische Uebungen seien, da ja alles, was die Leiber stark und 
geschwind und die Geister frei und entschlossen macht, auch treffliche 
Krieger schalTt.' 

Mau wird somit an dem Satze festzuhalten haben , dasz das Turnen 
unserer Schulen stets seine ethischen Zwecke verfolgen musz, woran 
sich in zweiter Linie die nationale Bedeutung der Sache knüpft, die in 
der mit Hülfe des Turnens gewonnenen Wehrtüchtigkeit unseres Volkes 
den geeigneten Ausdruck findet. Von diesem Standpunkte aus ist die 
Forderung entschieden abzuweisen , als müslen unsere Turnschulen der 
Jugend in Exercierschuleu umgewandelt werden. Mit diesem Gedanken 
beschäftigen sich vorzugsweise die beiden Schriften von Dr. Mönnich 
und Dir. Dr. Kühner (Nr. 1 und 2 unseres Referats). 

Hr. Dr. Mönnich hat schon in der Schrift; *Das Turnen und der 
Kriegsdienst. Stuttgart 1843' den beregten Gegenstand behandelt, und 
hier gibt er mit Rücksicht auf die neuerdings wieder ventilierte Frage 
einen dankenswerlhen Nachtrag dazu, indem er die Sätze behandelt: 
^I. Vermögen die deutschen Turnübungen ihrem ursprünglichen Zweck 
und Wesen nach die männliche Jugend zur Mannhaftigkeit und Wehrhaf- 
tigkeit im Dienste des Vaterlandes zu erziehen, also eine Vorschule für 
den Kriegsdienst zu sein? II. Was musz geschehen, um ^den deutschen 
Turnübungen' fortan zur vollständigen Entfaltung ihres ursprünglichen 
Wesens und Zweckes zu verhelfen , sie also auch zur genügenden Vor- 
schule für den Kriegsdienst zu machen? UL Noch einige besondere 
Wünsche und Vorschläge , deren Genehmigung das rechte , zweck- und 
wesengemäsze Gedeihen der Turnübungen zu befördern geeignet scheint.' 

Hr. Dr. Mönnich ist noch ein alter Jahnscher Turner , der noch heute 
mit Begeisterung von der vaterländischen Begeisterung spricht, welche 
die Turner 1813 zur Vertheidigung des Vaterlandes drängte und es des" 
halb rühmt: ^dasz in der Art und Weise, wie Jahn turnen liesz, eine 



Neues vom Turnen Und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 59 

ungemeine Kraft den Sinn und Mut für Vertheidigung des Vaterlandes zu 
wecken' gelegen habe. Darnach spricht Hr. Dr. M. auch allen jenen Jahn- 
sehen Einrichtungen das Wort, wonach die ganzen freien Schulnachmit- 
tage f&r die Zwecke des Turnens benutzt wenlen müsten u. dgl. m. 

Bei aller Anerkennung der gesunden und tiefen Pädagogik , welche 
dem Jahnschen Turnen zu Grunde lag, können wir uns doch mit vielen 
einzelnen Punkten der inneren und äuszeren Organisation des Turnens 
bei den Schulen nicht einverstanden erklären und haben dies auch in un- 
seren früheren Referaten d. Bl. nachgewiesen. 

Insofern Hr. Dr. M. von Grund seines Herzens und aus achtbarer 
Pietät dem echt Jabnschen Turnen den Vorrang einräumen will und dar- 
auf hin für die Organisation des heutigen Schulturnens Consequenzen 
zieht und Forderungen davon herleitet, so musz ihm doch entgegenge- 
halten werden , dasz. andere Leute darüber auch anderer Meinung sind. 
So weist in den ^preusz. Jahrb. von R. Haym, Berlin, Reimer ISGO' ein 
sdir warmer Fürsprecher des Turnens in dem Artikel : ^die Erziehung der 
Jagend zur Wehrliaftigkett' des Ausführlicheren nach, wie gerade im 
Jahnschen Turnen ein ^ntimilitärischer' Zug gelegen habe, was am aller- 
wenigsten mit dem übereinstimmt, was Hr. Dr. M. für seinen Zweck vom 
Jahnschen Turnen herleitet. ^Das Jahnsche Turnen' , heiszt es in jenem 
Artikel, ^war gewis weder unsittlich noch staatsgefährlich , aber es hatte 
seine unpraktischen, geradezu zopfigen Seiten und wäre ohne eine gründ- 
liche Umgestaltung schwerlich jemals wahrhaft volkstümlich und dauernd 
wirksam geworden. Das Haschen nach dem Sonderbaren , diese Verwech- 
selung des Beiwerks mit der Hauptsache , diese Neigung zu echt deut- 
scher kleinmeisterlicher Pedanterie geht denn in der That in unerfreulicher 
Steigerung durch die ganze burschenschaftliche Turnerromantik hin- 
durch.' 

Solche und ähnliche Urteile sind noch von verschiedenen Seiten her 
und namentlich aus dem Kreise der Schulmänner laut geworden und 
haben es bestätigt, dasz das von Herrn Dr. Mönnich befürwortete ^echte' 
Jahnsche Turnen noch mancherlei Reformen und Modißcationen bedurfte, 
wenn es den allernächsten Forderungen und Bedürfnissen der Schulen 
gerecht werden sollte. 

Wir haben auch in unseren früheren Referaten hervorgehoben, wie 
der aus der Jahnschen Schule hervorgegangene' Dr. Spiesz für diese 
notwendige Reform sein gutes Teil mit beigetragen hat. Mit den An- 
schauungen des Hrn. Dr. M. stehen nun freilich die Spieszschen im Wi- 
derspruch. Während jener den Schulen gegenüber eine selbständige und 
rfeichberechtigte Stellung der Turnanstalt verlangt, wird in Spifeszens 
öinne eine Ein- und Unterordnung des Turnens in den Schulorganis- 
fflus angestrebt. Die hieraus sich ergebenden Einzelheiten in DetrelT der 
technischen und pädagogischen Gestaltung des heutigen Schulturnens 
weichen allerdings wesentlich von der Praxis der früheren Jahnschen 
Turnplätze ab. Diese stellten die Erweckung patriotischen Sinnes unter 
der deutschen Turnjugend in den Vordergrund, während Spiesz, ohne 
patriotische Tendenz auszuschlieszen , vor allen Dingen die sittlichen 



60 Neues Yom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

und körperbildenden Elemente des Turnens im weiteren Sinne zu wecken 
und wirksam zu machen bestrebt war und darnach sich seine Praxis und 
Methode schuf, die allerdings die hochgehenden Bestrebungen und Ideen 
einer früheren Turnperiode bei Seite liegen liesz und sich für ihren aller- 
nächsten Zweck mehr kurz faszte und beschränkte. Im Ganzen aber 
schlieszen sich beide Richtungen nicht aus, sondern ergänzen einander 
vielmehr aufs beste. Es wäre um der Sache und der deutschen Jugend 
willen wol zu wünschen , dasz dies mehr anerkannt werde. Von Seiten 
des Hm.Dr.Mönnich ist das noch nicht zu erwarten; denn er bezeichnet 
jenen engen Ansclilusz der Tumanstalt au die Schule mit * Schul - 
Stubenerziehung', die den höheren (?) Zweck der Turnübungen 
nicht erreichen lasse. ^Bedenkt man aber noch weiter', heiszt es S. 21 
seiner Schrift, *dasz die Turnübungen überhaupt und ihre Bedeutung 
insbesondere ganz eigentümlicher, dem Schulunterrichts- und Erziehungs- 
wesen fast diametral entgegengesetzter (?) Art sind; so leuchtet 
die Natur- und Zweckwidrigkeit ihrer allzuengen sie in eine untergeord- 
nete Stellung herabdrückenden Verbindung mit den Schulen von selbst 
ein , eine Natur- und Zweckwidrigkeit , die sich überall und noch fühl- 
barer aufdrängen musz , wo es nur einen Turnplatz und einen Turnlehrer 
für mehrere Schulen gibt.' Wenn es auf derselben Seite auch heiszt: 
*Die Schulen und ihre Lehrer werden sich nur zur Erfüllung dieser 
Bedingungen verstehen , weil sie durch ihre Hauptaufgabe gehindert sind, 
die Notwendigkeit einzusehen und noch mehr, selbst die da- 
für erforderliche Zeit und Kraft zu verwenden', so haben wir von den 
Schülern und ihren Lehrern doch eine höhere Meinung, die uns anneh- 
men läszt, dasz die Turnfrage von dieser Seite her eine kräftigere Unter- 
stützung zu erwarten hat, als es Hr. Dr. M. anzunehmen scheint. Mögen 
sich auch zur Zeit noch einzelne Schulrectoren oder Lehrer bei der Neu- 
heit der Sache bei der Einführung und Durchführung des Tumeils noch 
schwierig zeigen , so wird dieser Widerstand nach und nach immer mehr 
namentlich auch in dem Grade schwinden, in welchem ein wahriiaft er^ 
zieherisches Schulturnen , das die Gesammtaufgabe der Schule unterstützt, 
immer gröszere Verbreitung findet. Wollte man ein Turnen bieten , das 
nach Dr. Mönnichs Worten den Schulen ^diametral entgegenge- 
setzt' wate, so würde die Opposition von Seiten der Schulen und ihrer 
Lehrer eine begründete sein. 

Noch zwei Gardinalpunkte hebt Ref. aus der Mönnichschen Schrift 
hervor; der eine bezieht sich auf die Lage der Turnplätze und ist mit 
den Worteta (S. 27) bezeichnet : ^Hoch , offen , am besten am Ausgange 
eines Waldes, musz ein Turnplatz gelegen sein, wo möglich eine Aus- 
und Femsrchl darbieten usw.'; der andere Punkt berührt die Organisa- 
tion des Turnens in der Stelle S. 28: *Es gehört zum Wesen des Tur- 
nens, dasz nicht blosz einzelne Abteilungen unter jedesmaliger unmit- 
telbarer Leitung des Turnlehrers sich üben; sondern dasz gleichzeitig 
eine bedeutende, zahlreiche Tumerschaar, eine jede Abteilung unter ei- 
genem Vorturner, vielseitig beschäftigt sei.' Beide Fragen sind wichtig 
und neuerdings mehrfach ventiliert worden. Ein weit von den Schulen 



Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 61 

wo möglich am Waldessaum angelegter Turnplatz hat etwas Bestechen- 
des, wenn in der besseren Jahreszeit an einigen Tagen die Schuljugend 
sich dort bei Spiel und Turnen vereinigt; crfahrungsgemäsz ist aber bei 
solchen weitabgelegenen Turnplätzen für die turnerische Ausbildung der 
Schüler inihrer Gesamtheit wenig herausgekommen. Ref. hat Schu- 
len gekannt, welche bei einer solchen Einrichtung das ganze Jahr hin- 
dorch nur 18 — 2(Hnal iliren Turnplatz beziehen konnten. Was will das 
aber sagen jener wolbegründeten Forderung gegenüber , wonach für die 
Jugend die Regelmäszigkeit der Bewegung von Wichtigkeit ist, 
während es als höchst zweckwidrig erkannt wurde, längere körperliche 
Uathätigkeit durch darauf folgende desto anstrengendere und anhaltendere 
Leibesübung ersetzen zu wollen. Das musz unsere Jugend zwar gele- 
gentlich auch können und ertragen lernen; es kann aber nicht als Norm 
für Gestaltung des Schulturnens hingestellt werden. Die stricte Forde- 
nmg des Hm. Dr. M., die Turnplätze weit von den Schulen ab ins Freie 
zu verlegen , kann Ref. nicht gelten lassen. Die Forderung Spieszens , so 
nahe wie möglich bei den Schulen Tumsaal und Turnplatz zu errichten, 
ist viel mehr sachgemäsz , als die entgegengesetzte. Freilich ist nament- 
lich in gröszeren Städten dieser Forderung viel schwerer nachzukommen ; 
man wird aber von Resultaten des Turnens bei den Schülern für seinen 
nächsten Zweck nicht sprechen können , wenn man nicht solche Ein- 
richtungen trifft, wie sie Spiesz für Schulanstalten entworfen hat. 

Wenn man bei den Schulen Turnräume hat, auf denen unausgesetzt 
nud unabhängig von Wind und Wetter und Schneegestöber der Turn- 
unterricht seineu Fortgang haben kann, so hat es dann mehr Sinn, wenn 
noch ein Spiel- und Turnplatz vor der Stadt nach den Forderungen des 
Dr. M. zu Gebote steht, auf welchem dann die gesamte Turnjugend in 
der besseren Jahreszeit ihre Spiel- und Turnübungen treibt. Erst jenes, 
dann dieses. In ähnlicher Weise musz auch das gleichzeitige Zusammen- 
würfeln der gesamten Turnjugend erst in zweiter Linie stehen. Erst 
erhält Classe für Glasse die unumgängliche Turnschule, dann vereinigt 
sich die ganze Schule zum Cürturnen oder zum Turnen unter Be- 
nutzung des Vorturneriustituts. Diese letztere Einrichtung kann nur eine 
Ergänzung der Turnschule sein, nicht aber das Wesentliche des 
Turnens, wie Hr. Dr. M. meint. Die Erfahrung hat dies auch überall 
bestätigt. 

Mit dem , was der Hr. Verf. sonst über entschiedene Aufnahme des 
Turnens, bessere Stellung und Honorierung des Turnlehrers u. dergl. 
sagt, kann man vollständig einverstanden sein, wie das Schriftchen über- 
haupt durch die Wärme für die Sache und durch die Entschiedenheit der 
Forderungen für die Regulierung der Turnfrage jeden interessieren musz, 
dem diese Erziehungsangelegenheit nahe steht. 

Die Abhandlung des Hrn. Director Kühner tritt mit groszer Klar- 
heit und imponierender Ruhe den vielfach übertriebenen Hoflhungen und 
Forderungen gegenüber, die man neuerdings an die Turnanstalten hin- 
sichtlich der Erhöhung der Wehrhafligkeit geknüpft hat. Der Hr. Verf. 
erkennt einen Misverstand darin, dasz mau meine, die Wehrhaftigkeit 



62 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

eines Volkes stecke nur in seinen Gliedern und Muskeln, und der Scha- 
den, den wir an unserer Wehrkraft wahrnähmen, könne am Leibe allein 
repariert werden. Er hebt die Bedeutung des Turnens för Erhöhung der 
Kampfestüchtigkeit des Einzelnen hervor; ist aber zweifelhaft: ob man 
dem Turnen noch eine besondere Tendenz zum Wehrbarmachea geben 
solle. Ihm scheint das Streben , die Turnhallen zu Schulen des Kriegs 
zu machen , nicht das richtige zu sein. Wenn man dafür sorge , dasz die 
Jugend ohne vieles Instruieren mit freier Lust und Liebe turne und mit 
eben dieser Lust sich auch unter die strenge Zucht des Turnens selber 
füge, so werde *der Geist von der Hasenhaide von selbst auch wieder 
durch unsere Jugend brausen und unsere Turnhallen un gesucht zu 
Rüstplätzen eines kampfbegierigen Geschlechtes machen' — wenn einst 
der Kriegsdonner sich wieder erheben sollte. Diesen Geist sollte man 
nicht dämpfen; aber mit Recht warnt auch der Verf. davor, ^ihn zu er- 
künsteln und in hohle Phrasen und eitele Soldatenspie- 
lerei ausarten zu lassen.' In der weiteren Erschöpfung seines 
Gegenstandes berührt Hr. Dir. K. folgende Gegenstände: Verweichlichung' 
des Hauses — Patriotismus — Diensttreue — treue Kameradschaft — 
Waffenehre — Schlagfertigkeit — und knüpft daran vortreffliche der 
Erwägung des heutigen Erziehers werthe Gedanken , welcher darin die 
Aufforderung findet, für Pflege männlicher Tugenden unter der Jugend 
wirksam zu werden. ^Männliche Tugend aber besteht', nach unserm Ge- 
währsmann, ^nicht allein in leiblicher Stärke und Gewandtheit, sondern 
ebensosehr in Gesundheit und Kräftigkeit des Geistes. Es ist daher 
auch irrig, wenn man jetzt durch leibliche Uebung allein, wie z. B. 
durchs Turnen, zu erreichen hofl>^, was am ganzen Menschen voll- 
zogen werden musz. Culturvölker siegen nicht durch rohe Kraft, son- 
dern durch Ueberlegenheit des Geistes. Und weun wir auch unsere 
Knaben zu Turkos erziehen könnten, die unsere Feinde niederwürfen, 
so würden sie den Keim der Selbstauflösung in das eigene Volk tragen. 
Nicht die Hunderttausende die in Waffen stehen , führen den Krieg und 
schlieszen stolzen oder schimpflichen Frieden , sondern die Millionen, die 
in ihrem Rücken der Künste und Genüsse des Friedens pflegen, entschei- 
den durch hohen Sinn und starke Selbstverleugnung oder durch Feig- 
heit und niedrigen Egoismus. Daher handelt es sich nicht allein darum, 
dasz das ganze Volk aus seiner Jugend einen tüchtigen Wehrstand heran- 
bilde, sondern darum, dasz das ganze Volk jedes Standes, Alters und 
Geschlechtes mit Muth und Tüchtigkei t erfüllt werde.' Darnach 
handelt es sich bei der Erziehung gar nicht um eine besondere Vor- 
bildung zum Kriegsdienst, sondern hauptsächlich darum, dasz wir aus 
unseren Knaben tüchtige Männer machen. ^Es wäre sogar schlimm, wenn 
wir eine ganze Generation ausdrücklich auf ein Metier abrichteten, von 
dem sie künftig vielleicht keinen Gebrauch machen kann.' 

Das Resultat seiner Untersuchungen über die Erziehung zur Wehr- 
haftigkeit faszt der Verf. in der Mahnung zusammen ^nicht dasz wir un- 
sere Jugend besondere Kriegskünste für den besonderen Fall lehren, son- 
dern dasz wir an ihr Ihun, was wir im tiefsten Frieden schon lange an 






Neues vom Tarnen und von der Gesundheilspflege in den Schulen. 63 

ihr hfltten thun sollen. Wenn der Knabe ein rechter Mann wird, wird er 
aucl) ein rechter Krieger sein. Alle jene Tugenden aber haben ihren ur- 
eigenen, lebendigen Grund in reiner und kräftiger Sittlichkeit und in der 
Furcht Gottes, die nicht nur der Weisheit, sondern auch alles rechten 
Mates Anfang ist. Der Krieg ist ein Prüfstein der Tüchtigkeit der Völker 
and ein Strafgericht für die untüchtigen.' 

Es sind diese Forderungen gewis als zeitgemäsz zu begrüszen und 
sie stehen einem Manne wohl an , der selbst mit eifriger Förderer turne- 
nscher Ausbildung der Jugend ist. Jeder wahre Freund einer turnerischen 
Jugenderziehung wird es längst begriffen haben , wie sehr von jeher und 
auch noch neuerdings eine Ueberschätzung der Sache dieser selbst 
geschadet hat. Es macht darum eine solche gediegene und besonnene 
Betrachtung des Turnens in seinem Verhältnis zur Gesamterziehung und 
zur Wahrhaftigkeit der Jugend, wie wir sie in dem Kühnerschen Pro- 
gramna vor uns haben, einen besonders wohlthuenden Eindruck und ist 
wol geeignet, dem Turnen seine rechte Stellung im Ganzen des Erzie- 
hungs- und Unterrichtswesens sichern zu helfen und mancherlei übertrie- 
bene Hoffnungen und scliiefe Urteile zu berichtigen, w^elche neuerdings 
wegen Umwandlung der Turnanstalten in Exercierschulen zu Tage getre- 
ten waren. 

Die Schriften Nr. 3 , 4 und 5 beziehen sich speciell auf preuszische 
Tumverhältnisse und bezeichnen eine Reihe von Turnstreitigkeiten der 
unerquicklichsten Art, die zuletzt sogar bis vor das Forum der preuszi- 
schen Landesvertretung gezogen wurden. Bekanntlich beseitigte die 
preuszische Regierung im J. 1850 den Vertreter desjenigen Turnens, wie 
es von Jahn's Zeiten her überliefert und fast durch ganz Preuszcn ver- 
breitet worden war (Prof. Maszmann) , um mit groszem Aufwände eine 
neue Centralturnanstalt zu eröffnen, die unter die Leitung des Haupt- 
manns Rothstein gestellt wurde und unter dem Einflüsse desselben ihr 
Werk nach den Grundsätzen des schwedischen Gymnasiarchen Ling, nach 
einer ganz anderen Methode ordnete. 

Die Erfolglosigkeit eines starren Festhaltens an dem Hergebrachten 
von Seiten der Schüler Jahn's , wie wir dasselbe bei Besprechung der 
Mönnichschcn Schrift berührten, mochte die preuszische Regierung be- 
stimmt haben , nun einmal einen anderen Weg für Ordnung der Turn- 
frage zu betreten. 

Bei Eröffnung dieser preusz. Centralturnanstalt war auf dem Ge- 
biete der Gymnastik von drei Hauptrichtungen die Rede : von der allen 
Jahnschen Schule, der Spieszschcn und der Lingschen oder schwedischen. 
Die Intentionen der preusz. Regierung giengen nun dahin, durch eine 
Verschmelzung dieser drei Schulen zu einem Ganzen die Quintessenz der- 
selben zu gewinnen , indem sich zufällig in dem neuen Lehrerpersonal 
Vertreter dieser Turnschulen vorfanden. Der Dirigent sollte das schwe- 
dische System Tertrelen, ein Schüler Eiselen's (Kluge) das Jahn- Eise- 
lensche und Kawerau das Spieszesche. Es lag hier gewis eine löbliche 
Absicht vor, die indessen factisch daran scheiterte, dasz der Dirigent 
nichts aufkommen liesz , was nicht stricte nach seinen oder Ling's Grund- 



64 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

Sätzen geschah. Dazu kam, 'dasz der für das Jahnsche Turnen auserse- 
hene Vertreter ein entschiedener Anhänger der Spiesz'schen Schule wurde, 
als derselbe die Darmstädter Anstalt kennen gelernt , so dasz die beiden 
Civilturnlehrer nun gemeinsam das deutsche Schulturnen der schwedi- 
schen Gymnastik gegenüber vertraten. Bei ihren Bestrebungen scheinen 
sie jedoch mancherlei Hemmnisse erfahren zu haben, insofern ihre Prin- 
cipien nicht mit denen des Dirigenten übereinstimmten, was zur Folge 
hatte, dasz im J. 1860 auch diese beiden Vertreter des deutschen Tur- 
nens von der Central turnanstalt entfernt wurden und es nun ganz den 
Anschein gewann, als sollte der gymnastische Unterricht nur nach der 
Lingschen Methode erteilt werden, der man, wie Ref. dies auch in diesen 
Blättern nachgewiesen, die pädagogische Richtigkeit und Bedeutsamkeit 
abzusprechen mancherlei Ursache hatte. Da zugleich der Unterrichtsdiri- 
gent der preusz. Centralturnanstalt in seinen Schriften teils wegen der 
darin niedergelegten Grundsätze, teils wegen der Angriffe gegen das 
deutsche Turnen mancherlei Widerspruch erfahren hatte, so kam die 
Opposition gegen das Ling-Rothsteinsche System immer mehr zu Tage 
und die beiden Denkschriften des Berliner Turnrathes giengen hierin ent- 
schieden vor. 

Die unter Nr. 3 unseres Referats aufgeführte Denkschrift hat den 
Arzt Dr. Angerstein, den Universitätsprofessor Dr. Maszmann und 
den Gymnasiallehrer Dr. Voigt zu Verfassern. 

Die Denkschrift unternimmt es Angesichts der Verordnungen der 
preusz. Behörden zur Förderung der Turangelegenheiten die Interessen 
des deutschen Turnens wahrzunehmen, indem sie den Nachweis lie- 
fern , dasz dieses allein die Grundlage allgemein belebend wirkender Lei- 
besübungen sein könne. Der Abschnitt U ^das deutsche Turnen' 
gibt in einer vortrefflichen Schilderung desselben zugleich eine sehr in- 
structive Uebersicht der verschiedenen Entwicklungsstufen , welche diese 
Erziehungsangelegenheit unter dem Einflüsse der Hauptvertreter des deut- 
schen Turnens: Gutsmuths, Jahn und Spiesz und der Mitarbeiter 
derselben durchlaufen hat. Es gelangt diese ebenso gründliche wie anzie- 
hende Untersuchung zu dem Resultate, ^dasz das deutsche Turnen weder 
in wissenschaftlicher, anatomisch-physiologischer, noch in erzieherischer, 
sittlicher Beziehung , noch endlich in seiner unmittelbaren Ausübung ein 
rohes, handwerksmäsziges Thun und Treiben war und ist, sondern eine 
mit Vernunft und nach wissenschaftlichen Regeln aufgefaszte und durch- 
dachte, mit tiefer Kenntnis des menschlichen und besonders des kindli- 
chen und jugendlichen Wesens nach erzieherischen Grundsätzen in leben- 
digen Betrieb gesetzte und seit lange mit weilverbreitetem Erfolge 
wirkende, geist- und kunstvolle Schöpfung groszer und begabter Män- 
ner sei.' 

Der III. Abschnitt: ^Die Ling-Rothsteinsche Gymnastik, 
die Angriffe Rothstein's gegen das deutsche Turnen und 
die Abwehr derselben' bildet den Schwerpunkt dieser Denkschrift, 
indem hier eine sehr eingehende Kritik der Schriften Rothstein's und sei- 
ner Bestrebungen geliefert wird. 



Neues Toni Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 65 



Die Verff. weisen nach , dasz das Lingsche System in der Rothsteiu- 
schen Auffassung etwas wesentlich anderes geworden sei und stellen die 
Absonderlidikeiten , die Haltlosigkeit der Grundsätze und das Irtumliche 
der neuen Rothsteinschen Gymnastik mit den Hauptsätzen der deutschen 
Torulehre in Parallele, wonach sie ihr Urteil also formulieren: ^Die 
Rothsteinsche Gymnastik erscheint als ein mühselig aufgeführtes Lehr- 
. gebäude der Leibesübungen, welches, obgleich ausgestattet mit einem 
groszen Aufwände von zusammenraffender Relesenheit und einer Gelehr- 
samkeit, die freilich inuner in der unpraktischen Weise verknöcherter 
Stnbengelehrsamkeit am unrechten Orte auftritt, dennoch in seinem ei- 
gentlichen Wirkungsstoffe , den Leibesübungen selber, einen höchst dürf- 
tigen und farblosen Eindruck hervorbringt und auch au all* den sittlichen 
Hebeln und Hülfsmitteln gänzlich Mängel leidet, die jedem rechten Er- 
ziehungsmittel inne wohnen müssen. Seine innere Dürftigkeit sucht dieses 
System auszer durch jenen Dunstkreis von gelehrten Redensarten durch 
naszlose Ueberhebung, ungerechtfertigte Angriffe, sowie unbewiesene^ 
meist lächerliche Beschuldigungen aller anderen Bestrebungen auf dem 
Gebiete der Leibesübungen zu verhüllen.' 

Um ihre Parallelisierung des deutschen und schwedischen Turnens 
io den Hauptpunkten hervortreten zu lassen , stellen die Vff. dieselben im 
IV. Abschnitte einander gegenüber, wovon wir hier nur einzelne her- 
vorheben können : 



Ling-Rothsteinsche Gym- 
nastik. 

4. Einseitige Selbstbeschränkung 
und beengende Armulh an Uebuu- 
gen und Geräthen, wodurch jedes 
Fortschreiten nach Kräften und Al- 
ter der Uebenden verhindert wird. 

5. Nichts dergleichen. 



8. Maschinenmäszige , seelenlose 
Somatik. 



Deutsches Turnen: 

4. Vielseitigkeit und Reichtum an 
einfachen und zusammengesetzten 
Uebungen, sowol mit dem Leibe* al- 
lein als an Geräthen auszuführen. 

5. Frisches Jugendleben, ange- 
regt durch Gemeinsamkeit in Spiel, 
Gesang, Turnfahrten usw. 

8. Erweckung von Mulh, Selbst- 
vertrauen, Liebe der Turner zu ein- 
ander und zum Ganzen, dem Vater- 
lande. 

Die Vff. bleiben so auf Grund eines umfänglichen und schlagenden 
Nadiweises bei der Behauptung stehen: *Die Ling-Rothsteinsche Gymna- 
stik ist eine Schöpfung des Studierzimmers, der die Frische des freudi- 
gen Lebens fehlt, ein System, das nie Leben gev^onnen hat noch gewin- 
nen wird, eine Theorie ohne Praxis' und knüpfen daran mehrere Betrach- 
tungen über die Wirksamkeit der nach diesen Grundsätzen geleiteten 
preusz. Centralturnanstalt , die nicht eben günstig ausfallen. Darnach 
geht die Absicht der Denkschrift dahin , bei den Masznahmen der preusz. 
Regierung die Interessen des deutschen Turnens wahren zu helfen. 'Denn 
wenn das Turnen, heiszt es zum Schlusz, was es wirkhch sein könute, 



66 Neues vom Turuen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

ein groszartiges Ersiehungsmittel für unsere Jugend, ein mächtiges Er- 
frischungs- und Belehungsmittei für das ganze erwachsende Geschlecht, 
ein Ilebungsmittel für unser Volk und Vaterland sein soll, — dann rousz 
es notwendig einzig und allein nach den Grundsätzen der deutschen Tum- 
schule betrieben werden. Sonst wäre es besser, gar nicht zu turnen. 
Denn eine ausgebreitete Anwendung der Ling-Rothsteinschen Gymnastik 
würde unserem Volke und Vaterlande auf lange Jahre hinaus schaden, 
weil sie unläugbar geistig lähmend und erschlaffend wirken müste.' Die 
^Vorschläge zur gedeihlichen Verwirklichung der neuesten Ministeriaiver- 
ordnungen', welche die Vff. im V. Abschnitte geben , gehen von der Vor- 
aussetzung aus, dtisz die höchsten Behörden des preusz. Staates das 
deutsche Turnen als maszgcbcnd für den Betrieb der Leibesübungen wie- 
der hinstellen und können von diesem Gesichtspunkte aus als praktisch 
bezeichnet werden. ' 

In jedem Falle ist die Denkschrift als eine gediegene und bedeutsame 
▼ertheidigung unseres deutschen Turnens nicht blosz für preuszische 
Verhältnisse, sondern für Entwicklung der Turnfrage überhaupt von 
groszer Wichtigkeit. Es konnte nicht fehlen, dasz diese unumwundene 
und rückhaltlose Darlegung der preuszischen Turnzuslände, sowie die 
heftigen AngrilTe auf das officielle Turnsystem auch ihre Erwiederung fin- 
den würden ; die Schriften unter Nr. 4 und 5 unseres Artikels sind dar- 
auf berechnet. 

In der Schrift 'Das Rothsteinsche System' tritt merkwürdiger Weise 
der Verleger des Hrn. Rothstein als Verlheidiger desselben auf, ^da' dieser 
selbst es schon längere Zeit verschmäht, die fortgesetzten Angriffe und 
schiefen Urteile, welche sein System von gewisser Seite her immer er- 
fährt, öfl*entlich zurückzuweisen.' 

Hr. Kaiser stellt in geschickter Weise alles zusammen, was sich zu 
Gunsten des Autors seiner Veriagsartikel irgendwie sagen läszt, ohne 
dasz seine Schrift einen tieferen und überzeugenden Eindruck hinterläszt. 
Bei den Angriffen gegen das Ling-Rothsleinsche Turnsystem dreht es sich 
namentlich um die Gültigkeit und Brauchbarkeit seiner pädagogischen 
Grundsätze und Masznahmen. Für Erhärtung derselben ist die Stimme des 
Hrn. K. zu wenig competent, und wir hätten es um der Sache willen wol 
gewünscht, dasz lieber einmal ein preuszischer Schulmann in dieser An- 
gelegenheit das Wort ergriffen hätte. Dasz sich aus den Reihen der Schul- 
männer, die in Preuszen doch namentlich der Turnfrage so nahe stehen, 
sich noch kein Schildträger für das Rothsteinsche^System in ähnlicher 
Weise wie Hr. K. aufgeworfen hat, ist immerhin ein beachtenswerthes 
Zeichen. Denn zur Zeit fehlt noch ein stichhaltiges und vollgültiges Ur- 
teil eines hervorragenden Pädagogen , der an eine eingehende Würdigung 
des Ling-Rothsteinschen Systems gegangen und darauf hin entschieden 
dafür eingetreten wäre. Wir müslen hier vieles wiederholen, was wir 
schon in unserem früheren Referate des Ausführlichen gegen die Bedeu- 
tung der von Hrn. K. befürworleten Turnmethode für die Schulen 
vorgebracht haben. Die Erfolge des Rothsteinschen Turnens auf dem mi- 
litärischen Gebiete mögen günstige sein, wie uns Hr. K. versichert; für 



Neues vom tarnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 67 

die deutschen Schulen aber wird eine abstractc Bewegungslehre , die eine 
willkürlich entworfene und nach rigoris tischen Grundsätzen entworfene 
Reihenfolge von TurnObungen bietet , ohne dabei Wesen und Eigentüm- 
lichkeit der Jugend mit zu berechnen, schwerlich weiteren Eingang fin- 
den, wie das der Kaisersche Panegyricus so zuversichtlich erwartet. 

Die Sdirifl unter Nr. 5 ist eine indirecte Antwort auf die AngrilTe, 
welche der Verfasser und die ihm anvertraute Anstalt neuerdings erfah- 
ren. Mau mag mit dem Vf.' in vielen Dingen nicht einverstanden sein und 
wird doch zugeben müssen, dasz er im vollsten Masze mit Ernst, Eifer 
und Ausdauer sein Ziel verfolgt hat, wie das auch aus dem fleiszig gear- 
beiteten Berichte über die ^Künigl. Centrallurnanstalt zu Berlin' ersicht- 
lich ist, welcher in den Abschnitten: Entstehung und Gründung des In- 
stituts — Lage, locale Einrichtung und technische Ausrüstung — Or- 
ganisation — Unterricht — System und Methode — eine sehr einge- 
hende Darlegung der Verhältnisse giebt, unter denen gedachte Anstalt 
entstand und wirkt. Wer sich darüber ins Klare setzen will, findet in 
der Schrift vollständige Auskunft. 

Das Rigoristische der Rothsteinschen Lehre erhellt z. B. aus dem auf 
S. 26 dargelegten Grundsatze des non multa sed multum mit Beziehung 
auf den Turnunterricht, wobei der Vf. zwar mit Recht *jedes Vorschub- 
leisten jener Sucht nach amüsierender Abwechselung ' verwirft , aber zu- 
gleich auch dieManigfalligkeit in der Gestaltung dcrUcbuiigcn ausschlieszt. 
Verfehlt wäre es natürlich, wenn der Turnlehrer seinen Unterricht 
nur als Mittel des Amüsements benutzen, oder die Bewegungsformen 
nach ihren möglichen Verbindungen verfolgen und planlos von einer üe- 
bong zur andern überspringen wollte. Die richtige Turnmelhode nuisz 
Tiehnelur der Freiheit Gesetze geben und der Willkur Sebranken setzen, 
damit das Einfache, das wirklich Bildende und Schöne beim Betriebe der 
Schultumübungen zur Geltung komme. Dasz aber mit dem. Turnunter- 
nchtssto£P nach den Grundsätzen Rothstein's keinerlei Modificationeo vor- 
genommen werden sollen, ist eine Forderung, welche das Wesen der 
Sache und der Jugend völlig verkennt. Es ist unnatürlich , den Erfin- 
dungs- und Gestaltungstrieb der Turnschuler auszuschlieszen, weil damit 
eine Hauptader eines frischen Turnlebens unterbunden wird. Wie unna- 
türlich diese Forderung ist, zeigt Geh. Medicinalrath Dr. Ideler in sei- 
oem ^Handbuche der. Diätetik', wo er S. 168 den Nachweis liefert, dasz 
nach dem Geheisz der Natur *der Lust der Knaben und Jüng- 
linge an höchst manigfachen Bewegungsformen gebüh- 
rend Rechnung zu tragen sei, weil sich darin ein unverkennbares 
Nalurbedürfnis ausspricht. JEine zu grosze Vereinfachung und Vernüchlc- 
mng des Turnens könne leicht in einen steifen Pedanlismus umschlagen, 
welcher hier wie überall im Leben sorgfältig vermieden werden musz, 
f weil er nirgends seinen schlimmen Charakter verleugnet , grosz im Klei- 
nen und klein im Groszen, zu sein.' Das Einförmige der Rothsteinschen 
Freiübungen tritt aus diesem Grunde auch ganz besonders hervor gegen 
den Reichtum und die Vielgestaltigkeit der Spiesz 'sehen Freiübungen. 
In den Schluszbenierkungen spricht sich der Vf. gegen sogenannte 



68 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Sohulen. 

Turnprüfungen aus und sagt dazu : Masz die Bedenken gegen derlei Ver- 
anslaitungeu um so gewichtiger sind, wenn letztere in der Vo rführung 
gymnastischer oder turnerischer Fertigkeiten bestehen.' 
Da musz man billig fragen: woriu denn Tumprüfungen anders bestehen 
können, als in der Darlegung turnerischer Fertigkeiten? An dein 
gewandtea und anstelligen Verhalten bei den Freiübungen, an dem sicheren 
uud schonen Sprung, an der Leichtigkeit, mit der unsere Turuschiiler 
schwierigere Hang- und Stemmübungen ausführen , läszt sich ja eben der 
gröszere oder geringere Grad ihrer gymnastischen Ausbildung erkennen. 
Unsere Turnschüler sollen bei solchen Turnprüfungen, die dann und 
wann ganz zweckmäszig sind, keineswegs ihre theoretische Bekanntschaft 
mil dem Turnen darlegen, sondern mit den erworbenen Fertigkeiten eben 
zeigen, dasz sie recht tüchtig praktisch eingetumt sind. Nur eine rigo- 
rislische Ansicht kann Turnprüfungen verwerfen. Gerade der pädago- 
gische Teil des Rothsteinschen Systems zeigt die meisten Schwächen und 
Widersprüche , die sich nicht durch Machtsprüche venlecken lassen. 

Während die widerstreitenden Ansichten der Anhänger der denl- 
schen und schwedischen Turnschule in den erwähnten Schriften von 
Maszmann, Kaiser und Rothstein im allgemeinen zur Erörterung 
kommen und das Turnen der höheren Schulen mehr indirect berühren, 
so beziehen sich die Schriften unter 5 und 6 auf eine specielle Tum- 
frage , welche die Praxis der Turnanstalten bei den höheren Schulen näher 
angebt. Hier concentriert sich der Streit zwischen beiden Tum^hulen 
auf einen einzelnen Punkt , in welchem namentlich das Unpraktische der 
schwedischen Turnschule zu Tage tritt. 

Wo] auf allen Turnplätzen der deutschen Gymnasien ist das bekannte 
Turngerälh der ^Barren' seit lange im Gebrauche gewesen und die Uebnn- 
gen daran wurden deshalb besonders geschätzt, weil damit bei vemönf- 
tiger Handhabung derselben der Entwicklung des männlichen Habitus ganz 
besonders Vorschub geleistet wird, indem durch die Barrenübungen der 
Ttiorax und seine Organe am vollkommensten ausgearbeitet werden kön- 
nen. Darum haben sich diese Ucbungen auch schon bei Tausenden als 
brustkorberweiternde Uebungen sehr nützlich bewährt, besonders wenn 
der Betrieb derselben in systematischem Stufengange erfolgte, und die 
dabei vorkommenden Ausgangsstellungen sich richtig aneinander refhtoi. 
Nach und nach war denn auch auf deutschen Turnplätzen in dieses Barren-' 
turnen immer mehr ratio gekommen , und die Barrenübungen erfreuten 
sich namentlich unter den erwachsenen Turnern einer gewissen Beliebtheit. 

Da trat Hr. Rothstein bei seiner Polemik gegen das deutsche Tur- 
nen auch mit der Behauptung auf, der Barren sei ein schädliches Tum- 
gcrüst und die Uebungen daran wären zu verwerfen. Als es sich nun in 
Preuszen um allgemeine Einführung des Turnens bei den Schulen han- 
delte, liesz man regierungsseits Gutachten über die Zulassung des Bar- 
rens abgeben, von denen zwei (vom Regimentsarzt Dr. Abel uud Geh. 
Medicinalrath Langenbeck) im ^Gentralblatt für die gesamte preusz. 
Unterrichtsverwaltung' abgedruckt sind. Auf diese Gutachten hin wurde 
denn auch der Barren in dem preuszischen Turnleitfaden weggelassen. 



f 



Neues rom Tarneo und Yon der Gesundheitspflege in den Schulen. 69 

Da diese Gutachten noch mancherlei Lücken zeigen und Berichtigungen 
bedürfen, so ist der Gegenstand in den beiden Broschüren, die gleich- 
zeitig und unabhängig von einander erschienen, zu Gunsten der Barren- 
übungen erörtert worden. Prof. Dubois-R. widerlegt vom medicinischcn 
Standpunkte jene ärztlichen Bedenken , welclie gegen das Barrenturnen 
erhoben wurden und gelangt mit Hülfe der Wissenschaft und der Erfah- 
rung zu dem Resultate : *wäre der Barren nicht schon da, man 
müste ihn eigens erfinden; und wenigstens auf meiner Knaben 
Turnplatz soll er nirgends fehlen.' £s wiegt dieses Votum des genialen 
Physiologen um so mehr, als er selbst ein langjähriger Vorturner der 
Eüselenschen Turnaustalt in Berlin gewesen. Er hielt es für seine Pflicht, 
jenen Gutachten vom physiologischen und ärztlichen Standpunkte entge- 
genzutreten, um das Seinige dafür gethan zu haben, ^dasz nicht Uebun- 
gen , denen ich und meine Jugendgenossen segensreiche Wirkungen ver- 
danken , durch misleitete Sorglichkeit und übelangebrachtes Theoretisie- 
ren dem heutigen Knaben geschlechte verkürzt werden.' Im I. Teile sei- 
ner Abhandlung geht Prof. D.-R. Punkt für funkt jene ofßciellen Gut- 
achten mit einer strengen Kritik durch, und da das eine der Gutachten 
auch die schwedische Gvmnastik berührt , so verbreitet er sich von S. 14 
ab eingehend ^über die sogenannte rationelle Gymnastik' nach den Schrif- 
ten Ling's und Rothstein's. 

Wir können hier die Einzelheiten des Gutachtens nicht alle berüh- 
ren ; in welchem Sinne aber die Beurteilung der sogenannten schwedi- 
schen Gymnastik ausfällt, zeigt uns eine Stelle S. 19: ^Das weitschich- 
tige Werk des Jüngers Ling's, des Hrn. Majors Rolhstein, jetzigen Diri- 
genten der königl. Centralturnanstalt, gleicht einer unermeszlichen aus 
taQsenden von Locken gehäuften Allongenperrücke auf einem einzigen, 
hohlen , brüchigen Puppenkopf von ziemlich starren , vornehm abspre- 
chenden Zügen. Der Puppenkopf ist das beschränkte, hohle, starre, wie 
wir gleich sehen werden, leicht zu durchlöchernde Lingsche System, 
das den Kern des Buches ausmacht. Die. Allongenperrücke ist das mit 
Staunenswerther Einseitigkeit aus allen Disciplinen zusammengetragene 
Material , welches die Kahlheit des Systems verdeckt, es ausschmückt und 
ansehnlicher erscheinen läszt und dies in dem Masze leistet, dasz man, 
vom Hundertsten ins Tausendste geführt, den eigentlichen Gegenstand 
oft auf lange Zeit ganz aus den Augen verliert. Die philosophischen, 
ethischen , ästhetischen , politischen , pädagogischen , philologischen, theo- 
logischen, geschichtlichen Elucubral^nen der Art berühren uns hier nicht. 
Von den anatomisch-physiologischenExcursen, zu denen 
der Leser eingeladen wird, musz ich leider sagen, dasz 
sie völlig werthlos sind.' Nach seinen wissenschaftlichen Deduc- 
tionen über den Werth des betreuenden Systems an sich kommt der Vf. 
zu der Einführung desselben in Preuszeu, wobei er als entschiedener 
Fürsprecher des deutschen Turnens bedauert, dasz die Behörden bemüht 
gewesen, das- deutsche Turnen durch die sogenannte rationelle Gymna- 
stik zu verdrängen. ^Meiner üeberzeugung nach, sagt er S. 30, haben sie 
dies nicht blosz ohne jeden haltbaren, in der Sache selbst 



70 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

liegenden Grund gelhan, sondern zahlreichen, ebenso ge- 
wichtigen wie augenfälligen Gründen entgegen^ von de- 
nen ich die aus der Physiologie geschöpften, an sich völlig 
durchschlagenden oben zu entwickeln versucht habe. Mit 
einem Wort, die Behörde hat der Jugend, die sie um Brot 
bat, einen Stein geboten. (Matth. 7, 9).' 

In der Schrift Nr. 7 wird derselbe Gegenstand in verschiedenen Gut- 
achten von verschiedenen Seiten aus betrachtet, wobei jedoch alle Ur- 
teile darauf hinauslaufen, dasz die Verwerfung der Barrenübungen nicht 
gerechtfertigt sei. Hier wird der specielle Nachweis geliefert: warum 
gerade der Barren das naturgemäsze Turngeräth sßi , welches namentlich 
zur {Entwicklung der Stemmkraft der Arme. dient, welche bei der turne- 
rischen Ausbildung als wesentlich erscheint. Da jede Gymnastik eines 
solchen Stemmgeräthes bedarf, so muste auch Bothstein ein solches 
haben und er erfand dafür ein eigenes unter dem Namen ^Querbaum', den 
man sich wie <^ i n e n Barrenholm oder wie ein höher' und tiefer zu stel- 
lendes Beck zu denken hat. Die Gelenkbildung der Arme weist zu deut- 
lich darauf hin, dasz sie für Einnahme der notwendigen turnerischen 
Ausgangsstellung, die man unter Stütz begreift, zwei Stützflächen nö- 
tig haben, welche den beiden Seiten des Körpers entsprechen. Nur wäh- 
rend des Stülzes auf zwei Holmen ist die normale Haltung des Brust- 
korbes möglich, während eine naturwidrige Verengerung und Zusanunen- 
drückung der Brust- und Bauchgegend eintreten musz, wenn beide Arme 
wie am Bothsteinschen Querbaum Stütz auf einem Holm nehmen. Für 
Ausbildung der Brust- ond Schul terpartieen kann man sich darum keine 
günstigere Ausgangsstellung denken als die im Stütz am Barren. Das 
weist in der angezogenen Broschüre der Artikel: * Barren oder Quer- 
baum?' eingehend nach und Prof. Bock schlieszt sein Gutachten mit den 
Worten : ^Kurz , ich kann mir das Turnen ohne Barren gar nicht denken.' 
Es ist für jeden Turnlehrer gewis ebenso lehrreich wie interessant, hier 
die Gutachten einzusehen , welche mit Bezug auf die BarrenCrage Prof. 
Bichter^ Dr. Friedrich und Dr. Schildba'ch abgegeben und in Be- 
ziehung auf die Ling-Bothsteinsche Gymnastik gesetzt haben. 

Ueberblickt man diese Schriften, wie sie unter 3 — 7 vor uns liegen, 
so zeigen sie trotz des unerquicklichen Streitens doch die erfreiiiiche 
Wahrnehmung, dasz man eifrigst bemüht ist, das Turnen als eine bil- 
dungsfähige Sache auf die reine Höhe seiner sach- und zeitgemäszen Ent- 
wicklung wie zu seiner notwendige^ Einheit in Theorie und Praxis zu 
bringen. Die sämtlichen Schriften liefern dazu schätzbares Material und 
sind der Aufmerksamkeit aller zu empfehlen, die sich mit der Entwick- 
lung des heutigen Turnwesens bekannt machen wollen. 

Die Schrift von Wachtmannsdorff (Nr. 8) hat es mit dem 
sprachlichen Teile des deutschen Turnens zu thun und darf als eine 
recht schätzbare und fleiszige Arbeit bezeichnet werden , die um so mehr 
zcitgemäsz ist, als eben eine babylonische Sprachverwirrung auf diesem 
(icbiete hinsichtlich der Kunstausdrücke hereinzubrechen drohte. Von 
der deutschen Turnsprache konnte K. v. Baumer in seiner Geschichte der 



Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 117 

Pädagogik sagen: ^Zugleich mit der Turukunst hildele sich eine Kunst- 
sprache, eine so natürliche, dasz sie, statt als erkünstelt und gemacht, bald 
aus der Mode zu kommen, gegenwärtig überall noch gäng und gSbe ist.' 
Jahn hatte dazu einen festen Grund gelegt, indem er in seinem Tumbuche 
eine stichhaltige Folgerichtigkeit der deutschen Turnkunstsprache an- 
strebte, die in den meisten Schriften als Norm beibehalten wurde. Erst 
neuerdings, namentlich seit dem Auftreten Weruer's und Rothstein^s, 
droht dieser von Jahn begründeten und von Spiesz berichtigten und er- 
weiterten Kunstsprache der Turner die Gefahr einer förmlichen Verwil- 
derung. Namentlich hat sich das Ling-Rothsteinsche System eine ganz 
klägliche Kunstsprache gestattet und vom Standpunkte absprechender 
Feindseligkeit gegen deutsche Turnbestrebungen ganz besonders auch 
jede Ankuüpfung an die principvolle deutsche Turnkunstsprache sorgsam 
Tia-mieden. Das Undeutsche, Unnötige und oft ganz Sinulose dieser mo- 
dernen Tumkunstsprache hat Wachtmannsdorll* mit Schärfe und tiefer 
Sprachkenntnis nachgewiesen uod an die Zusammenstellung der haupt- 
sächlichsten Abweichungen in den neuereu Turnschriflen vortreiTliche 
Bemerkungen zur Feststellung einer sinn- und sprachgemäszeu Kunst- 
sprache des Turners , zu einem Festhalten an dem Geiste der Jahnschen 
Tumsprachenbildung geknüpft und so einen gewichtigen Beitrag zur Ein- 
heit der deutschen Turnsprache gegeben. 

Ueber Nr. 9 kann sich Ref. kurz fassen. Diese neue Auflage des 
Katechismus ist wesentlich vermehrt und verbessert und dürfte geeignet 
sein , auch Lehrer auf dem Gebiete des Turnwesens leicht zu orientieren. 
Nr. 10. Bei der anerkannten Wichtigkeil des Jugend- und Bewe- 
guogsspieles war der Umstand zu bedaueru , dasz unter der Jugend selbst 
sehr wenig Spiele bekannt und im Gange waren. In der Regel geht diese 
Vernachlässigung und Verkümmerung der Spiele llaud in Hand mit dem 
Verfalle der Körperbildung , und es ist deshalb überall als Aufgabe der 
Schulturnanstalten angesehen worden, sich der Spiele eindringlich prü- 
fend, fördernd und beschützend anzunehmen. Zu diesem Zwecke hat 
Ref. eine Sammlung solcher Turnspiele, wie sie namentlich für die un- 
teren Gymnasialklassen geeignet sein dürften, in einer Weise beschrie- 
ben und in einer Form herausgegeben, wie sie den Knaben zur Selbst- 
anweisung dienen kann. 

Nr. 11. Die Abhandlung des Hrn. Gollaborator Friedemann gibt 
eine recht klare Darstellung der physiologischen und pädagogischen Be- 
(leatung des Turnens und der verschiedenen Turnarteu , woran sich eine 
statistische Uebersicht einer Verbreitung des Turnens in den Schulen 
und Turnvereinen reiht. Die Arbeit scheint darauf berechnet zu sein, 
dem Wirkungskreise des Vfs. das Interesse für das Turnen anzuregen, 
wozu sie auch besonders geeignet ist. Allgemeineres Interesse gewährt 
die damit zusammenhängende Beschreibung eines aus Rollen und Hebeln 
bestehenden Turnapparates, wie er von einem Arzte Dr. Widerstein 
erfunden worden, um damit eine stufenw^eise systematische Ausbildung 
aller den Körper streckenden Muskeln zu erreichen. Für Zimmergymna- 

N. Jahrb. f. Phil. u. Päd. II. Abt. 1863. Hft. 3. 9 



I 



118 Neues vom Turnen und von der Gesundheitspflege in den Schulen. 

stik scheint sich der Apparat zu empfehlen und verdient jedenfalls das 
Interesse der Turnlehrer. 

Nr. 12. Das letzte Werk des um die Gultivierung der Gymnastik und 
der gesundheitlichen Jugenderziehung verdienten Dr. Sehr eh er ist vor- 
stehendes Pangymuastikon, welchem der Vf. das bedeutungsvolle Motto • 
an die Stirn geschriehen: ^Der bisherige Betrieb des Turnens leidet im i 
allgemeinen an planloser Vielheit; ps musz System hineinkommen.' Er \ 
will an seinem Teile mit diesem Werke Gelegenheit zu einer systemaü- l 
sehen Leibesübung bieten, indem er ein einziges Turngeräth erfunden « 
und erprobt hat, an welchem die gesamte Turnbildung eines einzelnen { 
erreicht werden kann. Dieses Turngeräth ist eine Verbesserung des in '. 
Turnanstalten gebräuchlichen Ringschwebeis , an dessen Ringe höher und ; 
tiefer zu stellende Steigbügel befestigt werden , so dasz der Turner im ', 
Stand auf denselben Stütz oder Hang an den Ringen nehmen und in dies^ '■. 
Stellung Kraftäuszeruugen der verschiedensten Art vornehmen kann. Es ] 
ergeben sich aus dieser einfachen und durch die Stellbarkeit der einzelne I 
Teile mehrfach zu verändernden Gonstruction sehr viele Uebungen, mit j 
deren Hülfe die umfassendste Allseitigkeit und höchste Vollkraft der Mafr- \ 
kelausbildung mit allen ihren lebenswichtigen Folgen erreichbar ist. Für -^ 
intensive und vielseitige Muskelübung wird das Pangymnastikon dadurdi | 
besonders geeignet, dasz der liebende für Arme und Beine immer nur \ 
schwankende und bewegliche Stützpunkte benutzt, die er durch sem Ge- 1 
schick und seine Kraft erst fixieren musz , ehe er zur eigentlichen Uebung I 
kommt. Das damit hergestellte vielseitige Muskelspiel hat unleugbar j 
grosze somatische Bedeutung und das Pangymnastikon wird nicht blosz > 
in Turnanstalten seinen Platz finden können, sondern auch ganz beson- j 
ders für den Privatgebrauch als Zimmergymnastik sich als sehr dtenlicb 1 
erweisen. •;' 

Namentlich für Gelehrte , welche das Bedürfnis haben , im Hause ihre \ 
Gymnastik zu treiben, empfiehlt sich das Pangymnastikon als auszeror- ^ 
deutlich praktisch. -: 

Wie wenig Gelehrte der neueren Zeit halten es gleich den alten 
Philosophen der Mühe werth, durch eine fortgesetzte Gymnastik eine 
Uebung und Belebung ihrer Körperkräfte herzustellen ! Wer wüste nicht, 
wie mit wenig Ausnahmen der Gelehrtenstand in dieser Beziehung auf- 
fallend zurückbleibt, so dasz man bereits au jenes Sach Verhältnis gewöhnt 
ist , wonach die Denker der Neuzeit mehr oder weniger in der Ausbildung 
ihrer Glieder, ja in dem ganzen Vegetationsprocess verkümmert erschei- 
nen und sich bei ihrer Muskel thätigkeit, Verdauung, Blutbereitung und 
Ernährung auf die engsten Grenzen zurückziehen, was mit physiologi- 
scher Notwendigkeit ein ganzes Heer von Gelehrtenkrankheiten zur Folge 
hat! Es ist in mehr denn einer Beziehung wichtig, hier an den unum- - 
stöszlichen diätetischen Grundbegriff zu erinnern, dasz die Jugend- : 
liehe Entwicklung des Körpers zur höchsten Energie er** " 
starken, und dasz letztere zugleich das tiefgefühlte ,uDd 
bleibende Bedürfnis der späteren Jahre bleiben soll, damit 
auch der reifere Manu sich nicht nur durch sie gesund er- 



Bericht über die Sie Philologenversammlung zu Ausgburg. 119 

halte, sondern auch vorzugsweise zu ihr seine Zuflucht 
jfl allen Schwächezuständen nehme, welche ihren Gebrauch 
oicbt geradezu verbieten.. 

Für die meisten Gelehrten hat das freilich seine Schwierigkeiten , da 
es nicht jedermanns Ding ist, in die öffentliche Palästra zu gehen und 
dort dem Bedürfnis der Leibesübung zu genügen. Da hat aber Dr. Schre- 
l»er mit seinem Pangymnaslikon gerade für den stubensitzenden Gelehr- 
ten etwas vortreffliches geschaffen , woraus er je nach Bedarf sich viel ge- 
sundes Wesen erholen kann. 

Dresden. Dr. M. Ktoss. 



Bericht über die Verhandlungen der einundzwanzigsten 
Versammlung deutscher Philologen , Schulmänner und 
Orientalisten zu Augsburg am 24. — 27. September 1862. 

(Gröstenteils aus officiellen Quellen ) 
(Schlusz von Seite 98). 



Verhandlungen der pädagogischen Section. 

Nach dem Schlüsse der ersten allgemeinen Sitzung Mittwoch den 

24. Sept. constituierte sich die pädagogische Section durch Einzeichnen 

ia die aufliegende Liste. ^) Auf Antrag des Ephorus Bäumlein wurde 

lam Präsidenten der Section auch diesmal Director D. Eckstein in 

Halle gewählt; für die Schriftführung wurden, da Prof. La Roche in 

Wien ablehnte, die Secretäre der allgemeinen Sitzungen, Prof. Zillo- 

W, D. Moriz Mezger, D. Thilo und der Unterzeichnete gewählt; der 

letitere führte indes das Secretariat aliein. Von den angemeldeten 

Vorträgen war der des Prof. D. Thomas: 'Ueber Fallmerayer als Schul- 

BEirn' inzwischen in die allgemeine Sitzung verlegt worden und es war 

iiher bei Feststellung der Tagesordnung für die nächste Sitzung nur 

ier Vortrag von Gymnasiallehrer Vielhaber in Salzburg: 'Ueber Cor- 

UÜQs Nepos als Schullectüre' vorhanden. Deshalb bat der Präsident 



*) Dieselbe wurde folgenden Tags fortgesetzt und enthielt beim 
Sehlnsz folgende Namen: Bäumlein, D. Dietsch, D. Simon, Kratz, 
Schmitz, D. Classen, Fischer in Greifswald (?), D. v. Jan, D. Müller 
in Hannover, D. Enderlein, D. Wiegand, Nagler, Beinlein, Ritter, 
Löszl, D. Wolff in Berlin, Rott, D. M. Mezger, Rauch, Stanko, D. 
Giesebrecht, D. Cron, Döhlemann, Schöntag, Leonhard, Oppenrieder, 
Batters, D. Döderlein I, Högg, Dorfmüller, Daniel, Krafft, Linsmayer, 
KoU, Riedenauer, Oeffner, Stählin in Augsburg, W. Mezger, Becher, 
ßtählin in Nördlingen, Westermayer, Gebhardt, Bieringer, D. Schnitzer, 
Weisz, Rehm, Dombart, Dreykorn, Gürsching, Müller in Zweibrücken, 
Bauer in Ansbach, Stengel, Kurz, Zettel, Arnold, Bauer in München, . 
D. Schiller, Biel, D. D. Autenrieth, D. Fimhaber, Piringer, Lampar-' 
ter, D. Raspe, Haug, D. Eckstein; im Ganzen 65 eingezeichnete Mit- 
glieder. 

9* 



1 20 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

um Mitteilung von Thesen für den morgenden Tag« Director D. Wie- 
gan d aus Worms wollte eine Reform der pädagogischen Section xur i 
Sprache bringen, indem er die Bildung besonderer pädagogischer Ver- J 
eine in den einzelnen Staaten oder deren Kreisen vorschlagen will; -j 
dieselben hätten Erfahrungen zu sammeln und darüber an die allge* i 
meine pädagogische Section zu referieren. Der Präsident bemerkt ' 
darauf, dasz dieser Antrag mit der allgemeinen Organisationsfrage zu- j 
sammenhänge, für deren Prüfung bereits eine Commission bestehe und \ 
die auf der nächstjährigen Versammlung zur Entscheidung gelanges j 
solle. Unter Hinweisung auf Firnhaber's Schrift, welche die Versamm- ] 
lung in Händen habe, bat er den Gegenstand weiter zu begründen, j 
damit er mit der Organisationsfrage zur Sprache gelangen könne. * 
D. Albert Müller in Hannover beantragte über Schulstrafen Ansichten ; 
mitzutheilen, ein Gebiet, auf dem Jeder schon gefehlt habe. Eine \ 
bestimmte Thesis darüber zu stellen sei freilich schwer. Der Antrt^^ t 
wurde angenommen und als zweiter Gegenstand in die Tagesordnung ] 
der nächsten Sitzung verzeichnet. '"< 



Erste Sitzung der pädagogischen Section, Donnerstag den 25. September 1 

8 — 10 Uhr. I 

Der Präsident publicierte inzwischen noch abgegebene Thesen, Yon i 
Prof. Schmitz in Regensburg: ^Ueber die Gestaltung von Realgymna- 
sien', und eine von Bäumlein übergebene des Prof. Hög^ in Ellwan- ■ 
gen: ^Kann und will die Versammlung die Gestaltung der Mittel. * 
schulen zum Gegenstand der Berathung machen?'*) Der Vorschlag.. 
des Präsidenten lautete dahin, dies zu verneinen, da man über solche; 
Dinge Wochen lang vergebens debattieren könnte. Auch werde so- ! 
gleich der folgende Gegenstand Anlasz zu Erörterungen einiger dasn 
gehöriger Fragen geben. Denn bei der These über Nepos werde die 
Frage nicht zu umgehen sein, ob Chrestomathie oder Autor und weU : 
eher Autor in den Schulen gelesen werden solle. 

Gymnasiallehrer Vielhaber in Salzburg wurde nun vom Fräsi^ ] 
denten aufgefordert, seine Thesis zu begründen. Dieselbe lautete« * 
^Die Ausstellungen , die man gegen Nepos als Schriftsteller erhoben hat wid i 
zu erheben hat, sind für den Schulzweck nicht so bedeutend, dasz dwrek j 
dieselben seine Verwendung zu erster zusammenhangender LectOre heektr \ 
tr ächtigt würde,"* Er that dies etwa in folgender Weise: Nachdem man \! 
den Werth des Nepos als Autors überhaupt weit geringer als früher'^ 
allgemein angenommen wurde, gefunden, ist man an ihm anch als ^ 
Schulschriftsteller irre geworden und hat ihn theilweise sogar von der 
Schule weggewiesen und Chrestomathien eingeführt, von denen Viel- 
haber hier nicht reden wollte 1) weil er nicht alle kenne, 2) audk 



i 



*) Der Antragsteller hatte im Sinn, obige Anfrage zu motivieren 
durch die von Fachmännern anerkannte Notwendigkeit einer Reforai 
der Schulpläne jener Anstalten, dann durch den nicht unberechtigtai 
Wunsch des Publicums, von den Philologenversammlungen auch eine 
mehr in die Augen fallende Frucht zu sehen. Auch sei es an sich nö- 
tig, dasz die Versammlung hierin etwas thue, der Einzelne richte da 
wenig oder nichts aus. Wenige von Schulbehörden einzelner Staaten 
ausgearbeitete Entwürfe seien in Ausführung gebracht worden; anoh 
in Kammern habe man über Schulreformen gesprochen. Wollte man 
die Entscheidung Schulbehörden und Kammern überlassen, so könnten 
uns etliche und dreiszig Schulpläne bescheert werden. Er beantrage 
daher einen Ausschusz, welcher das einschlägige Material zu sammeln 
und einen Entwurf vorzubereiten habe. Im Uebrigen verweise er anf 
Fimhaber. 



Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 12t 

wenn er beweise dasz dieselben an Werth unter Nepos stünden, damit 
nur bewiesen wäre , dasz man bessere zu liefern habe , 3) weil eine 
Polemik weder für die Versammlnng noch für ihn sich schicken würde, 
zumal die Verfasser von solchen Chrestomathien abwesend seien. In 
dem nun I3jährigen Streit sei die ganze Fra^e immer schiefer gestellt 
worden; die didaktische Frage, in welche Klasse die Leetüre des Ne- 
pos gehöre, sei in eine litterarische Würdigung des Schriftstellers ver- 
wandelt worden, und so sehr natürlich dieselbe auch für die Schule 
in Betracht komme, so entscheide sie doch nicht allein über die Zn- 
iSssigkeit. Er wolle daher die Haupt ein wände gegen Nepos als 
erste Schullectüre auführen und sogleich Gegenbemerkungen anknüpfen. 
I: Die sachliche Seite. 1) ^Eine ziemliche Zahl der yitae handelt von 
historisch nicht genug bedeutsamen Männern, während viel bedeuten- 
dere, z. B. die excellentes duces Romanorum, fehlen.' — Wol wahr; 
aber gerade diese unbedeutenderen lernt der Latoinschüler, weil nicht 
ans dem Geschichtsunterricht, aus seinem Nepos allein kennen und der 
Lehrer hat so eine ganz wünschenswerthc Ergänzung des Geschichts- 
imterrichts in seiner Hand; die bedeutenderen Persönlichkeiten werde 
der Anfangsunterricht der Geschichte wol auch nicht viel ausführlicher 
und kaum in anderer Form geben als Nepos. Aus diesen Gründen er- 
scheint wol auch in preusz. Programmen die Lectüre der 12 letzten 
ritae so oft; und allerdings soll stets z. ß. Atticus gelesen werden, an 
dem sich eine bedeutende Kenntnis des häuslichen Lebens der Kömer 
erwerben läszt. 2) 'Was uns N. liefert sind nicht einmal wirkliche 
Lebensbilder; nicht schritt- sondern sprungweise wird von einem Ge- 
fsnstand zum andern übergegangen und nur auf grammatikalischem 
Weg für eine ganz äuszerliche Verbindung des bunten Inhalts gesorgt.' 
-- Dies ist für die Schule gerade ein Vorteil; Knaben können eben eine 
Persönlichkeit, einen Charakter nicht in seiner innem Einheit fassen, 
sie sehen nur die einzelnen Thaten und Schicksale des Mannes. 3) 
'Die Ausführlichkeit der vitae steht in gar keinem Verhältnis zur Be- 
deutung der geschilderten Personen, Wichtiges wird oft übergangen, 
Unwichtiges breit erzählt.' — Wahr, wenn vom Historiker N. die Rede 
irt, aber manches was dieser hätte berühren müssen, wird am Schul- 
tntor N. gar nicht vermiszt, z. B. des Aristides politische Thätigkeit; 
dagegen sind manche an sich ungehörig breiten Anekdoten u. dgl. ge- 
rade für das Knabenalter wie geschaffen , wie des Epaminondas Ver- 
theidignng, des Hannibal List gegen Eumenes u. a.' 4) ^N. besitzt 
ineh nicht die nötige historische Unbefangenheit.' — Das ist für die- 
len Zweck teils bedeutungslos, theils ein Vortheil. Knaben sollen ja 
lieht historische Kritik üben, sondern an dem Schönen und Groszen 
des Altertums sich begeistern. Wirklich störende Unrichtigkeiten des 
Urteils, z. B. über Lysander und Pausanias, kann der Lehrer mit ein 
paar Worten ohne alles Aufsehen unschädlich machen. 5) *Aber 
seine Verstösze gegen historische Wahrheit sind sehr zahlreich.' — 
Abgesehen davon, dasz von manchen derartigen Verstöszen vielleicht 
die Schuld nicht den Nepos trifft, sondern die mangelhafte Beschaffen- 
heit unsrer Quellen (weshalb die kühne Kritik Larabin's und Fleck- 
eisen's in solchen Fällen der conservativen Nipperdey's vorzuziehen 
ist), so betreffen von den andern Irtümern die meisten die Chronolo- 
gie; diese aber sind bei Knaben, die ja doch nur Einzelnheiten fassen 
können, von fast keiner Bedeutung; überdies ist ja das Ganze nur 
eine anekdotenhafte Aneinanderreihung von Factis ohne höhere Ansprü- 
che. Siebeiis* Bemerkung, dasz die unvollkommenen Anschauungen 
sich nach tind nach von selbst berichtigen, ist so gegen den Einwand, 
dasz man darum den Knaben noch nicht falsches anzulehren habe si- 
chergestellt. Andere Irtümer betreffen lediglich Nebenumstände, über 
die wir oft von anderwärts nicht einmal genau unterrichtet sind. 
Öj 'Auch Unterlassungssünden hat der Historiker N. begangen.' — Diese 



\ 



122 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

lassen sich, wo es nötig, ganz leicht gut machen. Wenn man nicht 
suchen will, nnd in der Schale darf man es nicht, so ergibt sich von 
wirklich bedeutenden Verstöszen jedenfalls nicht mehr, vielfach aber 
weniger als bei Plntarch; um so weniger braucht man also auf einer 
unteren Stufe daraus ein Bedenken gegen die Lecttire abzuleiten. 
7) Die 'übrigen Fehler' sind weniger bedeutend; von vielen'^ kann man 
nachweisen dasz sie nicht auf Versehen beruhen, sondern dasz N. an- 
dern Quellen folgte. 

II) Die sprachliche Seite hat vielfachen Tadel erfahren; 'seine 
Sprache verstosze gegen die mustergültige Latinität, indem teils seltne 
Formen und Worte, teils seltne Constructionen sich darin finden.' — 
Diese sind alle der Art, dasz man sie auch im Kreise der mustergül- 
tigen Schulautoren antrifft, und insbesondere steht jedenfalls Nepos 
Cicero's und Cäsar*s Ausdrucksweise näher als Livius und Sallust nnd 
bildet also die geeignetste Vorstufe zu deren Leetüre. Man spricht 
auch von logisch- grammatischen Fehlem, besonders von Anakolathien; 
allein davon sind auch gute Schriftsteller nicht frei, Nepos aber hat 
eigentlich nur zwei, wirkliche Tautologie kommt nur Einmal' vor, wie 
auch nur ^in logisch unrichtiges Urteil. Unrichtige Gedankenverbin- 
dungen sind sehr wenig, wenn man nach dem sucht, wie N. seine Ge- 
danken verbunden hat, nicht wie wir sie verbinden würden. Ja in Be- 
zug auf Satzbau und Satzverbindung ist N. entsprechender für die 
dritte lat. Klasse als Cicero und Cäsar, da die oratorische und histo- 
rische Periode fast gar nicht sich findet und die Satzverbindung aof 
eine sehr einfache Weise bewerkstelligt wird. Gegenüber dem Ein- 
wand, N. sei für den Knaben zu schwer zu übersetzen, erinnere man 
sich, dasz er ihn unter der Leitung eines Lehrers liest. Die wenigen 
sittlich anstöszigen Stellen kann man bis auf eine einzige ohne im 
mindesten zu lügen oder dem Autor Gewalt anzuthun, so übersetzen, 
dasz der Schüler von dem Anstöszigen nichts merkt. Den Alkibiades, 
in dem eine allerdings leicht anstöszige Stelle sich findet, wird man 
ohnehin aus sachlichen Gründen nicht leicht lesen. Kurz , man kann 
als Resultat aussprechen: 'unter den auf uns gekommenen Schriften 
des römischen Altertums ist keine nach Inhalt und Form für die erste 
zusammenhängende Leetüre so geeignet wie Nepos. Von den gegen 
ihn erhobenen Bedenken schwindet der gröste Teil, wenn man den 
Standpunkt y dasz es sich um einen Autor für das Knabenalter han- 
delt, consequent festhält. Daran» folgt: wo er noch in der dritten 
Lateinklasse sich behauptet hat, ist er festzuhalten, wo er entfernt 
worden ist, kann er und soll er wieder eingeführt werden.' 

Bei Eröffnung der Debatte bemerkte der Präsident, eine Pole- 
mik gegen Chrestomathien sei blosz eine sachliche, und den prensz. 
Gymnasien geschehe zu viel Ehre, wenn man voraussetze, dasz sie die 
bezeichneten vitae nur der Sprache wegen läsen; sodann ergriff zuerst 
Wolff in Berlin das Wert. Derselbe erklärt sich gegen Comel als 
Schulschriftsteller. Wenn wir die Ausgabe von Nipperdey nähmen, 
hätten wir gegenüber dem sonstigen starken Nachgeben gegen alte 
Ueb erlief eruugen zwar eine auf wissenschaftlichem Grund beruhende 
Ausgabe, allein sachlich und sprachlich sei sie für den Unterricht un- 
geeignet. Die vielen kleinen Ungenauigkeiten des Nepos zu verdecken 
(z. B. die vielen mit cum beginnenden anakoluthischen Sätze), wäre 
unlauter und unwissenschaftlich; man müste also die Schüler fortwäh- 
rend warnen, auch in historischer Beziehung; dagegen könne man ihn 
in eine Chrestomathie recht wohl verwenden. Uebrigens sei auch Cä- 
sar zu empfehlen. 

Prof. Daniel in Halle schlieszt sich dem eben Gesagten im Gan- 
zen an, will aber die sprachliche Seite mehr betont haben. Habe der 
Knabe z. B. die Casuslehre sich redlich angeeignet und bei der Nei- 
gung deutsche Constructionen ins Latein zu übertragen, mit einiger 



Bericht über die 2 le* Philologenversammlung zu Augsburg. 123 

Mühe fang^ nnd vesci constraieren gelernt — wie nun? wenn er in sei- 
nem Mnsterantor plötzlich das verpönte munus fungor liest? Andrer- 
seits freilich sei Cornel als Schulautor aus zwei Gründen nicht zu ver- 
werfen; hesonders müsse auf den Inhalt Bedacht genommen werden. 
Seine yitae wecken ehen doch den Sinn für das Heldentum und für 
Patriotismus. Und was Chrestomathien betreife, ao würde man doch 
schlieszlich auf die Erfahrung kommen, dasz Cornel in Ermangelung 
eines besseren in saecula saeculorum beizubehalten sei. 

Director Wiegand in Worms weist darauf hin, dasz ja das was 
wir Cornel nennen nur eine spätere, fehlerhafte Compilation aus den 
Werken des Cornel sei, der als Historiker achtbar sei; in dieser Be- 
ziehung gebe er Wolff Recht. Aber man könne ja den C. in einer 
oberen Klasse lesen; denn für Anfänger müste man z. B. im Atticus 
imd £paminonde8 gar zu viel erklären, da der Knabe von Staatsalter- 
tomem n. dgl. zu wenig wisse. 'Ich habe den C. cursorisch in der 
Prima gelesen und Aufsätze daraus gegeben und dabei die Erfahrung 
gemacht, wie sehr oft ein in unteren Klassen gelesener Autor verges- 
sen vmrd.' Für untere Klassen sei aber Aurolius Victor viel geeigneter. 
Subrector Bieringer in Kitzingen will den C. dagegen in Schutz 
nehmen, dasz er in der Construction von vesci und fungi c. acc. eine 
'Unrichtigkeit' begangen habe. 'Als Princip der Sprachforschung gilt, 
dasz wenn durch Texteskritik nachgewiesen ist, dasz ein Schriftsteller 
der klassischen Zeit so geschrieben hat, diese Schreibart als muster- 
gültig angenommen werden musz, wenn auch einige Ungeschicklichkeit 
im Gebrauch einzelner Verba nachgewiesen werden kann.' Man könne 
doch dem latein. Qenius eine Freiheit der Construction nicht wehren, 
die z. B. der Deutsche habe. 

Prof. Schmitz in Begensburg warnt davor, dasz man nicht über 
dem Anfsuchen des Besseren das Gute verlieren möge; er sei für die 
Beibehaltung des C. Die sachlichen Einwände schienen ihm minder 
wichtig, weil in den Klassen, wo man C. lese, Lateinlerncn der Haupt- 
iweck sei; und dies sei trotz mancher Unebenheiten seines Stils recht 
gut möglich und dem Schüler, der etwa das Fehlerhafte gerade an C. 
nachahme, könne man immerhin sagen: 'Wenn du einmal ein Cornel 
bist, darfst du auch so schreiben, so lange du aber ein Schuljunge 
biit, hast du dich an die Grammatik zu halten.' Geschichte dagegen 
ans C. zu lernen, sei nicht beabsichtigt, dazu habe er oft zu viel und 
oft zu wenig Material. 

Auf eine specielle Aufforderung des Präsidenten, die beiden Auto- 
ritäten in Sachen des Nepos, nemlich Heerwagen und Linsmayer, möch- 
ten ihre Stimme doch auch abgeben, erhebt sich zunächst Ho erwä- 
gen. Im Anschlusz an Schmitz hebt er noch besonders hervor, dasz 
C. gewöhnlich mit Schülern gelesen werde, die in einem gewissen 
Uebergang begriffen seien und anfiengen zu fühlen, was eigentlich 
Leetüre bedeute. Höchst wichtig sei es dabei, ihnen ein Material vor- 
zoführen, über welches sie die Herschaft gewinnen könnten und dazu 
eigne sich Cornel neben Phädrus sehr gut; lange Erfahrung habe ge- 
lehrt, wie man mit beiden Glück machen könne; er würde auch die 
kleinen Biographien nicht ausschlieszen. Der Hauptpunkt sei, dasz 
die yitae so beschaffen seien , dasz der Schüler nach der Leetüre einer 
Reichen das Ganze überschauen könne und sehe, was er mit Recht 
sein nennen könne. Wenn er den Miltiades, Themistocles etc. gelosen, 
dann könne er sagen, er habe ein künstlerisches Ganzes zusammenge- 
faszt und sich angeeignet. Uebrigens lasse sich ja in den obern Klas- 
sen immer wieder auf Cornel recurrieren. 

Prof. Linsmayer in München glaubt, dasz das Notwendige nun- 
mehr so ziemlich schon gesagt sei; dasz insbesondere gegen die päda- 
gogische Bedeutung des C. kein Einwand erhoben werden könne; alle 
Einwände seien sprachwissenschaftlicher und kritischer Natur; beides 



124 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

läge der Schale fern. Wozu gebe man aber dem Knaben einen Schrift- 
steller in die Hand? Damit er das Altertum ans seinen Schriften ken- 
nen lerne. Und dazu eigne sich C. vorzüglich. Freilich sei Manches 
besser zu wünschen, aber im Ganzen blieb viel mehr Gutes übrig, zur 
Uebung des Knaben in der Sprache besonders. Wenn man das Sprach^ 
material hernehme, so habe man vollauf zu thun, und wenn es nicht 
schade in obern Klassen C. zu lesen, warum sollten die Unrichtigkei- 
ten in den unteren Klassen schaden? Aber an C. könne man über- 
dies, wie er zuerst nachgewiesen habe, gerade das Fundament der 
lateinischen Sprache, die Rhetorik, am allerbesten dem Anfänger zur 
Anschauung bringen und gerade die historischen Unrichtigkeiten gäben 
dazu den ergiebigsten Stoff. C. sei ein tüchtiger Rhetoriker gewesen, 
und wenn er also Angaben mache, die historisch nicht nachweisbar 
seien, so that er dies als Rhetor und ^ich glaube, gerade diese rheto- 
rische Bedeutung ist es, die ihn bei den Alten so hoch stellte und ge- 
rade an ihm kann man die Jugend darauf hinführen, wie man das Al- 
tertum in seinen Schriftwerken anzusehen hat.' Meine Ansicht ist: 

1) C. ist für SchuUectüre in sprachlicher Beziehung sehr geeignet; 
denn es ist unendlich viel Material zur Uebung da; dasz die sprach- 
lichen Unrichtigkeiten nicht schaden, lehrt dier Erfahrung. Und wenn 
ein Schüler durch ein Citat aus Cornel sich zu vertheidigen sucht, so 
ists mir sehr zur Genugthuung, dasz er seinen C. so durchstöbert. 

2) C. ist ausgezeichnet als erste SchuUectüre, weil man an ihm den 
Charakter der latein. Sprache, das rhetorische Element gleich von An- 
fang an sehen kann; wenn es nur der Lehrer selbst zu behandeln weisz.' 

Wieg and. Auf die pädagogische Gewandtheit des Lehrers werde 
es schlieszlich immer ankommen. Auch in oberen Klassen könne be- 
sonders zu Stilübungen C. recht gut verwendet werden; der Schüler 
solle ja zu selbständigen Aufsätzen angeleitet werden; dazu sei z. B. 
Epaminandas^ vita ein auszerordentliches Muster. Da werde gleich in 
der Einleitung gesagt, wie jeder Aufsatz formuliert werden könne: erst 
will ich erzählen wo er geboren ist; dann will ich von seinen Thaten 
sprechen etc. ^Ich habe nichts dagegen, wenn C. in Tertia gelesen 
wird, nur wird es pädagogische Gewandtheit fordern; ich brauche nur 
zu sagen, dasz C. nicht der rechte Verfasser ist.' 

Der Präsident bemerkt gegen Hrn. Vielhaber, wenn er glaube, 
in Preuszen würden nur die zwölf letzten vitae gelesen, so irre er; — 
gegen Hrn. Wolff: man brauche ja nicht gerade die Nipperde jsche 
Ausgabe zu lesen, es gebe genug andere. Uebrigens freue es ihn, 
dasz aus Norddeutschland sich nur eine Stimme für die Chrestomathien 
erhoben habe , es scheine sich immer allgemeiner der Glaube zu ver- 
breiten, dasz die Leetüre mit einem Autor zu beginnen sei. Auffallen- 
der Weise spreche aus Süddeutschland keine einzige Stimme für die 
Chrestomathien. 

Ephorus Bäumlein in Maulbronn will den C. nicht aus den Klas- 
sen wo er gelesen wird verdrängen. Was die sachliche Seite betreffe, 
so sei gerade seine Geschichtsdarstellung für das Knabenalter sehr an- 
gemessen und es habe ihn manchmal gedäucht, es liege etwas Provi- 
dentielles darin, dasz wir solch einen Autor für diese Klassen haben. 
Andrerseits verwerfe er aber auch Chrestomathien nicht. Eine Zeit 
lang sei man gegen C. gewesen und habe teilweise Cäsar dafür einge- 
führt, aber dieser sei nicht angemessener und nicht leichter, er gehöre 
für eine vorgerücktere Stufe. Chrestomathien könnten auf einer Stufe 
wo es sich um die Erfassung der Sprache handle nicht verworfen wer- 
den. Der Schriftsteller sei natürlich für den Lehrer immer angeneh- 
mer, aber nicht zweckmäszig für den Schüler. ^Ich glaube in Wür- 
tembierg hat man sich — soweit ich die Strömung in meinem Vater- 
lande beobachten kann — allmählich mehr und mehr überzeugt, dasz 
Chrestomathien doch nicht so übel sind. Uebrigens möchte ich jeden- 



Beriebt über die 21e Phüologcnvcrsammiing zu Augsburg. 125 

falls dem Lehrer die Wahl yorhehaltcn; ich wollte nur den Schein ab- 
wehren, als sei ich ein Qegner derselben.' 

Gymnasiallehrer A. Hug in Winterthur will auch, da es zu Süd- 
deatschland gehört, seinerseits ein Zeugnisz beibringen. Er habe den 
C. abgeschafft, seine Mängel seien gar zu grosz, sie seien auch aus 
der heutigen Discussion hervorgegangen, sachliche und sprachliche. 
1q ersterer Beziehung sei noch hervorzuheben, dasz einzelne vitae 
mehr gerippartig sind, andere mehr Leben haben. Man müsse schon 
des Wechsels wegen auch jene daran nehmen. Ob denn nun wirklich 
der Nutzen des C. so grosz sei, dasz gar keine Chrestomathie Aehn- 
liches oder Besseres biete? Er denke an solche wie Weller^s kleiner 
Livius und Herodot. In sachlicher Beziehung glaube er in die erste 
Stafe Herodot, in die zweite Livius stellen zu müssen. Sprachlicher 
Seits sei vorhin seine Autorenfreiheit gegen die Schulgrammatik in 
Schutz genommen worden; freilich, viele Schriftsteller banden sich 
eben nicht an die Grammatik, der Sprachgebrauch war überhaupt noch 
ein flüssiger. Es sei ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Nach- 
teil, den dies auf untere Klassen und den es auf obere etwa haben 
könne. Die Anfänger möchten doch irre werden, wenn sie solche Ver- 
stösze fänden. 

Oron in Augsburg erklärt sich gegen die Meinung, als könne man 
Geschichte und Sprache zugleich aus demselben Stoffe lernen und be- 
nift sich dabei auf einen der ersten Pädagogen, unter dessen Leitung 
er gestanden (Döderlein). Man habe gewöhnlich bei Cornelius* Lec- 
türe mit der sprachlichen Seite bei Anfängern genug zu thun; wolle 
man also auch einen sachlichen Gewinn, so empfehle er die in Augs- 
burg übliche Praxis, die eine Hälfte erst da wo der zusammenhän- 
gende Geschichtsunterricht beginne als Privatlectüre zu benutzen; dann 
gebe der Geschichtsunterricht selbst das Correctiv für histor. Irtümer, 
ohne dasz der Autor darunter leide. Die sprachlichen Verstösze seien 
allerdings nicht bedeutend; auch stehe der Autor über der Gramma- 
tik, wie die Zeitenfolge bei Cäsar u. a. zeige; bei Livius sei es ähn- 
lich, wo auch die historischen Irtümer nicht ganz fehlten. Er sei un- 
bedingt für Beibehaltung des C. , nur würde er sich freuen, wenn Je- 
mand über diese doppelte Behandlung des Schriftstellers Rieh ausspräche. 
Der Präsident lehnt dies ab, um nicht eine Discussion über den 
historischen Unterricht herbeizuführen und bedauert, dasz ^wir nicht 
mehr das Glück haben, Thiersch in unserer Mitte zu sehen; der würde 
sich entschieden für C. aussprechen, da er ihn den geborneu Schul- 
aoctor für den Anfänger genannt hat, und eine solche Ansicht, glaube 
ieb, ist denn doch nicht zu verwerfen.' 

Nachdem Wolff seine Sätze nochmals wiederholt und besonders 
bemerkt hat, wenn man die Anakoluthe in Schulausgaben schon auf- 
gehoben habe, so sei ja dies auch nur Bearbeitung so gut wie Chre- 
stomathien, entgegnet Vielhaber: Was die von Wolff betonten Ana- 
kolnthien betreffe, so habe er nur zwei bedeutendere gefunden, aber 
«ach davon lasse sich eine (Pausanias 1, 3) leicht erklären, wenn man 
qaodcum wie quodsi zusammennehme. Seine Meinung sei vorhin nicht 
gewesen, dasz man eigentlich Geschichte aus C. lernen solle, aber 
emen Schriftsteller lese man doch nicht blosz der Worte wegen, der 
Knabe solle jedenfalls etwas von der Sache auch merken. Möge man 
auch bei einer Leetüre auf den Inhalt noch so wenig Gewicht legen, 
£iniges hafte doch von selbst und ohne Verständnis des Inhalts bleibe 
auch die sprachliche Seite unverstanden. Um des Inhalts willen lese 
man ja die Klassiker, um seinetwillen treibe man überhaupt sprach- 
liche Studien auf der Schule, nicht blosz der Sprache als solcher we- 
gen. Sein Ausspruch über die C.-Lectüre an preusz. Gymnasien sei 
»US einer Vergleichung von Programmen entnommen. Sprachliche Ei- 
gentümlichkeiten habe C. freilich, wenn auch die Wahl von fungi und 



I 



126 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

vesci als Beispielen nicht glücklich war (denn zur Erklärung der Ge- 
rundiva fnngendns vescendus müsse der Knahe doch wissen, dasz diese 
Verba ursprünglich transitiv gebraucht wurden). Der Empfehlung des 
Nepos zur Privatlectüre stimme er vollkommen bei, da wir überhaupt 
froh sein dürften, wenn die Schüler einen Autor privatim läsen. 

Der Präsident dankte seinem Vorredner für die Anregung dieses 
Gegenstandes und gab Hm. Dr. Müller das Wort, Derselbe sprach 
^über Schulstraf en.^ 

Derselbe wünschte eigentlich eine 'paradiesische' Schule, wo gar 
keine Strafen nötig wären; doch sei dieselbe noch nicht realisierbar. 
In oberen Klassen nun, wo man auf die gereiftere Willenskraft der 
Schüler zu wirken habe, seien die Strafen von geringer Ausdehnung: 
Verweis, Citation vor den Lehrerrath, Nachsitzen etc. Diese wolle er 
hier übergehen; in den unteren Klassen dagegen seien zweierlei: Ord- 
nunß^sstrafen (zur Sühne für ein Vergehen gegen die Ordnung, z. B. 
Papier hinwerfen u. dgfl.) und moralische Strafen gegen moral. Verge- 
hen, Faulheit, Lüge, Betrug, Widersetzlichkeit, Unordnung, Streitig- 
keiten u. a. Ge^en das Nachsitzen, das die lange Schulzeit noch 
verlängere, erkläre er sich, zumal aber gegen das unbeaufsichtigte; 
denn die sog. Strafstunden, mit Anwesenheit des Lehrers, seien nicht 
überall durchführbar. Er wolle daher den körperlichen Züchti- 
gungen das Wort reden, über die man so verschiedener Ansicht sei. 
Er sei bedingungsweise dafür. Der Lehrer dürfe sie z. B. nicht an- 
wenden, um auf einen Verdacht hin ein Geständnis zu erzwingen; auch 
nur in einem solchen Alter sei sie statthaft, wo der Schüler keine Ver- 
letzung seiner Ehre darin sieht. C. F. Hermann sagte: 'Die körper- 
liche Züchtigung kann angewendet werden bei Knaben, so lange sie 
sich noch selbst unter einander schlagen' — und er habe wenigstens 
hierin das Richtige getroffen, wenn er gleich selbst nie unterrichtet 
habe. Die körperliche Strafe habe unendlich viel Gutes, eben weil 
sie kurz abgethan sei. Darum i^ei er gegen Nachsitzen; aber ebenso 
auch gegen Strafarbeiten. Darunter verstehe er aber nicht nur 
eine numerische Multiplication derselben Aufgabe, sondern wolle sie 
angewendet wissen wenn der Schüler im Auswendiglernen es fehlen lasse, 
z. B. Verba auf io der dritten Conjugation. Habe einer mehrere male 
seine Lection nicht gelernt , so sei es sehr praktisch , ihn dieselbe 2 — 
3mal abschreiben zu lassen; so könne man dem Schüler auch manche 
orthographisch schwierigen Wörter beibringen; nur müsse der Lehrer 
streng nachsehen. Da sich aber viel Misbrauch mit dieser Art von 
Strafe treiben lasse , sei ihr Werth sehr zweifelhaft. — Ein anderes 
Mittel der Disciplin, das bei den Schülern doch auch als Strafe gelte, 
sei die directe Communication mit den Eltern. Dies sei in 
gröszeren Städten freilich oft geradezu unmöglich , aber dennoch, schrift- 
lich oder mündlich, sehr vortheilhaft ; aber auch dabei bedürfe es der 
Vorsicht. Er habe einmal einem Schüler einen derartigen Zettel nach 
Hause mitgegeben und derselbe habe sieh in Folge davon ertränken 
wollen und sei von der Polizei am andern Ufer des vielleicht doch zu 
kalten Wassers erschöpft aufgefunden worden. Indes 'abusns non tol- 
lit usum', sehr zu empfehlen sei es gegen die Faulheit und Lügenhaf- 
tigkeit der Schüler. 

Bäumlein tritt vor allem gegen den Hermannschen Satz auf; 
denn Schüler schlügen sich auch noch in vorgerückteren Jahren, die 
Linie zwischen Ernst und Scherz sei da selten streng gezogen; aber 
darum dürfe der Lehrer solche Schüler noch nicht der körperlichen 
Züchtigung wefrth achten. Das Ehrgefühl des Schülers sei nicht zu 
verletzen, die körperliche Züchtigung ganz entbehren zu können halte 
er für ein Lob des Lehrers, und jedenfalls sei das 14. Lebensjahr die 
äuszerste Grenze für deren Anwendung. 

Nach einer Bemerkung des Präsidenten, Hermann selbst und 



Bericht Aber die Sie Philologenversamrolung zu Augsburg. 127 

auch Müller babe wol niobt so wörtlicb verstanden sein wollen, bringt 
Reg'iemngsratb Firnhaber in Wiesbaden in Anregung dasz der Herr 
Antragsteller seine Ansicht in Thesen formulieren möge, worauf der 
Präsident dieses Ersuchen an Müller richtet. Am Schlusz der zwei- 
stündigen Sitzung legte derselbe auch' die Schul -Wandkarte von Rom, 
von Prof. Rheinhard in Stuttgart, zur Ansicht vor. 



Zweite Sitzung der pädag. Section , Freitag den 26. September. 

In dieser Sitzung, (Beginn: Morgens 8 Uhr], teilt der Präsident mit, 
dasz Prof. Köchly in Zürich die Karte Galliens, welche auf Befehl 
des Kaisers Napoleon III. von einer Commission jüngst ausgearbeitet 
wurde, der Versammlung morgen vor Beginn der Sitzung mit Erläute- 
rungen vorlegen und ebenso über römische Pila sprechen, Director 
Klix aus Glogau dagegen morgen zwei Fragen über die Einführung 
des stenographischen Unterrichts an die bayerischen Collegen stellen 
wolle. Prof. Högg aus Reutlingen habe einige handschriftliche No- 
tizen über Vereinfachung des latein. Elementarunterrichts vorgelegt. 
Auch machte der Präsident auf die lateinische Uebersetzung der römi- 
schen Elegien Goethe's von Stadelmann aufmerksam. 

Dann wurde die gestrige Discussion wieder aufgenommen, indem 
Müller seine erste These verlas: 'Die Auswahl und Anwendung 
der Schulstrafen erfordert die reiflichste Ueberlegung und gröste Vor- 
sicht von Seiten des Lehrers, der durch Handhabung einer strengen 
Ordnung bei genauer Kenntnis der Eigentümlichkeit des jugendlichen 
Alters vielfach den Vergehen vorbeugen kann.' 

Schmitz fordert auch Kenntnisz speciell des in Frage stehenden 
Individuums, wenn die Individualität nicht bei Aufstellung- eines Straf- 
gesetzes schwer verletzt werden soll ; der Präsident will die» als selbet- 
▼erständiich betrachtet wissen, da wir ja nicht blosz Lehrer, sondern 
auch Erzieher seien. Uebrigens gelte es ja nicht, einen Strafcodex zu 
entwerfen. 

Müller's zweite These: 'Speciell die körperliche Züchtigung, a) 
die mäszige und vorsichtige Anwendung derselben, bei welcher man 
b) das Ehrgefühl des Schülers möglichst zu schonen hat, ist nicht zu 
verwerfen. Es ist dieselbe aber bis auf wenige Fälle vom Lehrer selbst 
zu vollziehen.' Der Lehrer stehe dem Schüler wie ein Vater gegen- 
über und müsse so die Strafe vollziehen, dann sei sie kein Schimpf 
für den Schüler. Anders , wenn ein Pedell dieselbe vollziehe. 'Freilich 
kann auch das notwendig werden, in Fällen wo z. B. eine Dieberei 
begangen worden ist. Die Sache wird von der Obrigkeit untersucht 
und Auspeitschung verordnet. Da hört die Schule auf, die Strenge des 
Gesetzes tritt ein und die körperliche Züchtigung hört auf Schulstrafe 
zu sein.' — Eine Züchtigung unter entehrenden Formen halte er für 
nacbtheilig; übrigens wisse er wol, dasz die Bestimmungen hierüber 
sehr verschieden sind. 

Der Präsident erinnert, dasz an den preusz. Gymnasien die kör- 
perliche Züchtigung durch Pedelle und dergl. Personen verboten sei, 
in den von Müller angeführten Fällen sei sie Rechtsstrafe, nicht mehr 
Schulstrafe. Im freien England sei die Birkenruthe das Haupterzie- 
hungsmittel für die Aristokratie; auch dort erteile der Rector selbst 
den Schülern die körperliche Strafe. 

Högg wünscht den Zusatz: der Lehrer vollzieht die von ihm 
erkannte Strafe selbst; denn eine durch den Director oder eine Con- 
ferenz beschlossene Strafe könne der Lehrer nicht vollziehen. Uebri- 
gens sollen nur in Notfällen, wenn polizeiliche Uebertretungen vorlie- 
gen, andere Personen die Strafe vollziehen. 

Cron fragt, ob augenblickliche Züchtigung gemeint sei oder eine 



1 28 Bericht über die 21e Philologenversammlung zu Augsburgs 

durch Lehrerrath dictierte. Dies veranlaszt den Präsidenten sämmt- 
liehe Thesen einmal zusammen verlesen zu lassen. Dieselben lauten 
(auszer I u. II) : 

III. ^Man wende dieselbe nur bei Schülern desjenigen Lebensalters 
an , in welchem im Verkehr der Schüler unter einander Realinjurien 
noch gewöhnlich sind. 

IV. Man strafe auf frischer That, aber nie im Affect. 

V. Man wende diese Strafe nur in Fällen grober Ungezogenheit, 
Frechheit, überwiesener Lüge, Widersetzlichkeit und eingewurzelter 
Faulheit an.' 

Vielhaber möchte noch die Beschränkung der dritten These, dasz 
die körperl. Züchtigung nur da angewendet werde, wo sie durch die 
Landes- und Ortssitte gebilligt werde ; nach der Bestimmung des öster- 
reichischen Organisationsententwurfs (§ 71, 5); man könne z. B. wenn 
an einem Ort in andern Schulen 'die körperliche Züchtigung nicht üblich 
sei, dieselbe nicht im Gymnasium zur Anwendung bringen. 

Wiegand. Der Volksschullehrer werde meist pädagogischer erzo- 
gen als Lehrer der Mittelschulen. Er habe selbst 16 Jahre Isrng die 
Volksschule in Worms neben dem Gymnasium geleitet und erfahren, 
dasz Lehrer ganz ohne einen Schlag die Schule regiert haben. Anders 
am Gymnasium , wo gebildete , aber nicht pädagogisch gebildete Lehrer 
sich zu Uebereilungen verleiten lieszen. In ßheinhessen gelte noch 
das französische Gesetz, nach welchem der Lehrer wegen körperlicher 
Züchtigung sehr leicht vor Gericht gestellt werden könne und er er- 
innere sich eines Falles , wo augenblicklicher Tod auf eine Ohrfeige 
gefolgt war. 

Der Präsident verweist dagegen auf These II*; in Preuszen sei 
eine väterliche Züchtigung dem Lehrer gestattet, aber diese vage Be- 
stimmung habe schon allerlei Conflicte veranlaszt; doch sei man in 
Auslegung des Gesetzes auszerordentlich liberal. 

Daniel. Man müsse ins Einzelne gehen. Die Schüler machten 
einen groszen Unterschied zwischen einer Züchtigung mit der Hand 
und mit dem ^tock. Letztere rege dieselben mehr auf, während die 
erstere hingenommen werde, wenn nur sonst das rechte Verhältnis be- 
stehe. Die Frage sei also: 'Stock oder nicht Stock?* 

Gymnasiallehrer Biehl in Salzburg will nicht die Landessitte ent- 
scheiden lassen über die Anwendung der körperl. Züchtigung. Man 
solle nur einzelne Beispiele anführen. Er selbst sei nicht blosz in 
Oesterreich gewesen. In einem Lande, wo die Züchtigung nicht ge- 
stattet sei, habe er einmal einem frechen Lügner (in der 1. Klasse), 
der noch dazu durch das Zeugnis zweier* Schüler überführt war, seine 
Arbeit erst vor wenigen Minuten gemacht zu haben, dies aber hart- 
näckig leugnete, eine Ohrfeige gegeben und dieselbe habe gute Wir- 
kung gethan. Gegen den Stock erkläre er sich, weil er nicht augen- 
blicklich anwendbar sei und dies den Schein erwecke, als trage der 
Lehrer nach. Die Strafe solle nicht leidenschaftlich gegeben werden, 
aber auch nicht kühl, denn dies sei viel gefährlicher. Ohne sittliche 
Entrüstung des Lehrers sei alle Strafe vergebens. 

Dietsch. Die heutige Debatte sei ihm interessant; in Ruszland 
sei nemlich, nach dem neuesten Entwurf eines Schulreglements § 48, 
die körperl. Züchtigung in allen unter dem Ministerium der Volksauf- 
klärung stehenden Anstalten verboten; man glaube, dies sei eine For- 
derung der Humanität, auch wenn man ganz ohne dieselbe nicht aus- 
kommen werde, aber weil die Humanität sie verbiete, meinte man sich 
öffentlich dagegen aussprechen zu müssen. Nun müsse er gestehen, 
dasz es ihn unangenehm berühre , wenn wir deutschen Lehrer die kör- 
perliche Züchtigung wollten. Man solle doch aussprechen, dasz auch 
wir im Interesse der Humanität dahin zu wirken haben, dasz sie nicht 



Bricht über die Sie Philologenversammlung zu Augsburg. 129 

mehr Yorkomme, dasE wir sie für ein Unglück halten und nur in der 
äoszersten Not davon Gebrauch machen. 

Dagegen bemerkt der Präsident, in Kuszland sei die Sache eine 
ganz andere; dort wolle man ja die höheren Stände selbst erst aus dem 
Regimente der Elnute erretten, darum habe man jenen Grundsatz auf- 
gestellt. Bei uns sei derselbe überall anerkannt; es handle sich jetzt 
darum, wo einmal ausnahmsweise eine Ohrfeige appliciert werden könne. 

Schmitz. Unsere Schulen stünden doch wesentlich auf christ- 
lichem Grund; das Bibelwort sage aber: ^Wer sein Kind lieb hat der 
züchtigt es mit der Ruthe.' 

Wiegand. ^Mit der Ruthe, ja, aber nicht mit Ohrfeigen.' 

Schmitz. ^Ich wollte dies nur anführen gegen das Verlangen alle 
körperliche Züchtigung aufzuheben.' « 

Dietsch. Wie oft sind schon Worte in der pädagogischen Sectiou 
verkannt worden; er habe nur dem Misverständnis vorbeugen wollen, 
dasz in Zeitungen die Sache schief dargestellt werde. — Schmitz, 
conscia mens recti famae mendacia ridet. — Dem Misverständnis zu 
steuern will der Präsident eine formulierte Verwahrung, welche jedoch 
durch Prof. Fischer ans Greifswalde noch unterbrochen wird; das 
Bibelwort heisze vielmehr ^der halte ihn unter der Ruthe.' 

Gegen Dietsch erwiedert der Präsident, dasz er nichts Entehren- 
des darin sehe, wenn für eine Frechheit, die mit Mangel an Scham 
gepaart sei, ein Schlag gegeben werde. Zum Princip werde freilich 
Niemand machen, dasz man die Kinder schlagen solle, aber ebenso- 
wenig das Gegenteil. Ein Schlag wirke manchmal wunderbar; obschon 
alle Aerzte und manche Lehrer die Ohrfeige für ein gefährliches Dis- 
ciplinmittel hielten; ein Schlag mit dem Stöckchen dagegen schade 
dem Elnaben nichts. 

Dietsch formuliert nun den Satz so: ^Unter voller Anerkennung 
des Princips, dasz der Lehrer sich zur Aufgabe zu machen hat, die 
körperliche Züchtigung möglichst zu entfernen, ist doch die vorsich- 
tige Anwendung derselben' usw. 

Regierungsrath Firnhaber in Wiesbaden. Unter Bestrafung ver- 
stehe man nicht die Execution eines vom Director gegebenen Auftrags ; 
auch sei zu unterscheiden zwischen Züchtigung mit dem Stock und 
einem augenblicklichen Klatsch. Die körperliche Züchtigung bestehe 
nicht in augenblicklicher Züchtigung, der Ohrfeige, sondern in einer 
wirklichen Züchtigung mit dem Stock. Welche Mittel aber hätten wir 
ohne diesen? Ein merkwürdiges habe man in Nassau ersonnen, wo 
ein zwei Zoll breiter und einen halben Zoll dicker Kiemen anstatt des- 
selben vorgeschrieben, d. h. erlaubt wurde; nach der Individualität des 
Lehrers sei derselbe natürlich verschieden gewesen. Und dennoch sei 
der Fall vorgekommen, dasz unter den Augen der Regierung ein ganz 
tüchtiger Lehrer seinem Sohne den Daumen zerschlug. Darum behalte 
man nur den Stock bei, aber nur als Ausflusz der natürlichen Gewalt 
werde die Züchtigung damit angewendet. Nur bitte er zu unterschei- 
den, wer eine von der Lehrerconferenz zudictierte Strafe executieren 
soll, der Pedell oder der Lehrer. Denn den Lehrer schände die Aus- 
führung nicht, am wenigsten den Ordinarius. Es kommen auch da 
recht unangenehme Sachen vor. Jede Züchtigung durch den Pedell 
habe nach seiner Erfahrung immer die schlimmsten Folgen, sie solle 
daher nur nach Conferenzbeschlusz und Uebereinkommen mit den Eltern 
angewandt werden, am liebsten ganz unterbleiben. 

Müller. Gerade gegen die Zudictierung durch Beschlusz einer 
Conferenz erkläre er sich in den Worten 'auf frischer That.' 

Raspe meint, wenn das Einverständnis mit den Eltern Voraus- 
setzung dieser Strafe sei, könne man sie ebensogut gleich fallen lassen. 
Eine solche Väterlichkeit habe einen profanen Charakter. Kein Vater 
werde gern seinen Sohn durch den Pedell ausprügeln lassen. Der Leb- 



130 Bericht über di^ 21 e Philologeiiversaminiung zu Augsburg. 

rer selbst kraft seiner yäterlichen Gewalt müsse züchtigen; denn das 
Prügeln durch den Pedell habe etwas Criminelles und sei nur in dem 
Fall zulässig, wo der Schüler überhaupt von der Anstalt entfernt wer- 
den müsse und man nur noch durch eine solche Strafe hoffe auf ihn 
einwirken oder ihn retten zu können; wenn es aber in der Welt mög- 
lich, solle man sie ganz vermeiden. 

Buerbaum in Coesfeld. In Westfalen werde körperliche Züch- 
tigung nur durch Lehrerconferenz beschlossen und der Lehrer müsse 
sie selbst erteilen; und zwar nur der Klassen-, nie der Fachlehrer. An 
mehreren Gymnasien Westfalens sei die Disciplin vielleicht besser, 
wo körperliche Züchtigung geübt werde. Den Punkt der Ehre betref- 
fend, frage sich, wodurch die Ehre des Knaben mehr verletzt werde; 
durch die strafwürdige Handlung oder durch die Strafe? 

Bieringer will den Strafvollzug durch den Pedell; dem liege ein 
Princip zu Grunde. Er habe vorhin bei Firnhaber's Bemerkung gedacht: 
wenn ein Vergehen begangen werde, das vor das CoUegium gebracht 
wird , so sei dies ein Crimen ; zur Execution eines Urteils aber sei im- 
mer ein eigener Diener bestellt; darum habe auch eine Strafe durch 
die Hand des Pedells bei den Studierenden nie Anstand gefunden. 

Cron. ^Wie es scheint wollen die meisten Ansichten sich dahin 
neigen , dasz wir aussprechen : körperliche Züchtigung findet nicht statt 
auszer in dem Falle , dasz der Lehrer im Gefühle seiner sittlichen Iß^nt- 
rüstung unmittelbar nach der That dieselbe vollzieht. So stehen wir 
dann, wie auch geographisch, in der Mitte zwischen der Humanität 
Keu-Kuszlands und der Schlagfertigkeit Alt-Englands.' 

Der Präsident hat darin auch eine reiche Erfahrung gemacht; 
bei ihm bestehe eine Ruthenstrafe auf die Hand, die früher durch den 
Schuldiener vollzogen wurde; diese habe er in seiner Klasse immer 
selbst vollzogen, dadurch falle das Entehrende weg. 

Dasz in der älteren englischen Schule die körperliche Strafe immer 
vom Rector vollzogen worden sei, bemerkt (der vorhin nicht anwesende) 
Hofrath D öder lein. 

Dietsch will die Verantwortlichkeit des Lehrers betont wissen, wie 
es im k. sächs. Realschul-Regulativ heisze: ^körperliche Züchtigung soll 
weder absolut verboten noch zugelassen sein ; doch hat der Lehrer, 
der sie übt in seinem Gewissen und sonst die Verantwortung zu über- 
nehmen.' 

Wieg and will nochmals gegen die Ohrfeigen sich erklären; der 
Mann wisse ja auch nicht, welche Hebelkraft er in seinem Arme habe 
und der Kopf des Knaben dürfe nicht mishandelt werden. £r sei 
entschieden gegen die Ohrfeige und möchte darüber die Versammlang 
hören. 

Der Präsident verliest, statt eine Abstimmung in veranlassen, 
die Thesen in ihrer neuen Fassung: ^ Unter voller Anerkennung des PriiH' 
cips, dasz der Lehrer die Aufgabe hat, die körperliche Strafe (denn das 
Wort wolle er statt Züchtigung setzen) möglichst zu entfernen, ist doch 
die mäszige und vorsichtige Anwendung einer körperlichen Strafe, bei der 
man das Ehrgefühl des Schülers möglichst zu schonen hat^ nicht zu verwer' 
fen. Es ist dieselbe durch den Lehrer selbst zu erteilen,'* 

Raspe will auch den Unterschied zwischen Backenstreich und 
Ohrfeige (zur Beruhigung Wiegand*s) anführen. 

Müller verliest seine dritte These. 

Classen wundert sich den Hermannschen Grundsatz anter den 
Thesen zu finden und so das Verhältnis zwischen Schülern mit dem 
zwischen Schülern und Lehrern auf gleiche Stufe gesetzt zu sehen; 
die Autorität müsse doch bei der Bestrafung das Wesentliche sein und 
die Grenze der Anwendung derselben liege im Mangel eines sittlichen 
Gefühls. Handlungen, die den Stock verdienen, werde aber das Jüng- 
lingsalter meiden, wo nicht, so könne selbst in Prima noch eine Ohr- 



Bericht üh&f die 2le Philologenversammlung zu Augsburg. 131 

feige am Platse sein, wie er deren in geeigneten selteneren Fällen 
selbst Primanern schon gegeben. 

Raspe. In Mecklenburg kämen allerdings noch in Secunda Fälle 
Yor, dasz die Einzelnen sich bei den Ohren nähmen, denn dort sei ein 
Yollsaftiges Volk; die Herren im Süden hätten vielleicht eine gebilde- 
tere Nation. Die Grenze ergebe sich aber factisch leicht; nach der 
Confirmation werde der Schüler in der Regel nicht mehr geschlagen. 

Auch der Präsident stimmt dafür, dasz man das Princip nach 
dem Lebensalter oder den Klassen der Schüler oder sonstwie bestimme, 
anr nicht mit Hermann. Man könnte am liebsten allgemein sagen: 
'man wende dieselbe nur in unteren Klassen an'. 

Bieringer citiert aus einer k. k. Verordnung den Passus: ^für 
Gjmnasialschüler ist eine körperliche Züchtigung nicht mehr zulässig'. 

Cron will die Thesis gestrichen; wenn die Züchtigung principiell 
wegfallen solle, brauche man keine weitere Begrenzung als die in der 
vorigen These enthaltene. Mit der Altersgrenze könnte man in Bayern 
zwar um so mehr zufrieden sein, als sie mit der Scheidung der Latein- 
schule und des Gymnasiums zusammentreffe. Auch seine Erfahrung 
spreche hiefür. Er sei 15 Jahre an einer Lateinklasse Lehrer gewesen 
und habe hiebei manchmal nicht umhin gekonnt einen Schlag oder 
Klaps zu versetzen. Seit er in der untersten Gymnasialklasse lehre 
liabe er sich nie dazu veranlaszt gesehen. Indes lasse man lieber auch 
diese Grenzbestimmung fallen, indem man ja, wie so eben ein erfah- 
rener Schulmann bemerkt, im Prima noch in den Fall kommen könne, 
diese Strafe anzuwenden. Man müsse die Stellung des Lehrers als 
Pädagogen betonen, und dies sei in der vorigen Thesis bereits geschehen. 

Fischer ist entschieden für die These. Man müsse eben die 
'Bealinjurien' nicht falsch verstehen, nicht die Erprobung der Kraft 
mit Balgereien verwechseln. Wo Schläge unter den Schülern als be- 
schimpfend gelten, würde es auch das Schlagen durch den Lehrer sein. 

Müller bemerkt gegen Cron, der noch einmal auf Streichung der 
These dringt, der Lehrer gelte doch auch nach seiner körperlichen 
Kraft etwas beim Schüler; aber nachdem auch v. Jan nochmals gegen 
die Identificierung zweier so ganz gesonderter Gebiete gesprochen, 
schreitet der Präsident zur Abstimmung, nach welcher die Thesis fällt. 

An der Fassung der vierten Thesis (s. o.) nimmt Dictsch An- 
stosz. Man müsse unterscheiden zwischen Zorn und sittlicher Ent- 
rüstung. 

Der Präsident wünscht die Worte 'auf frischer That' ganz ge- 
strichen. 

Geffers. Ueber die Strafwürdigkeit des Schülers werde jeder 
Lehrer sofort klar sein, und nicht so in Zorn gerathen, dasz er das 
Masz überschritte. Manches sei eben rein individuell. Ein Pathos 
müsse bei der Bestrafung vorhanden sein, dies dürfe man aber nicht 
über langem Ueberlegen verrauchen lassen, um dann ein künstliches 
zu zeigen; da wäre dann ein rechter Verweis besser. 

Bieringer meint, das Pathos wachse sogar noch durch längere 
Ueberlegung. 

Geffers. Die Schuld und ihre Strafwürdigkeit kenne jeder Lehrer 
sogleich und werde wenn er im heiligen Zorn ist die Sache kurz ab- 
thun; aber erst die Sache vor ein CoUegium zu schleppen, das er- 
scheine zu sehr als Criminale und dann wäre der Schüler erst recht 
entehrt; daher statt dessen lieber eine Weisung an die Eltern. 

Dietsch. Er habe oben solche Fälle gemeint, wo eine Ueber- 
legung, z. B. Untersuchung nötig sei. 

Biehl dagegen; da würden die Schüler die Strafe für eine Art 
Rache halten; für augenblickliche Strafe. 

Cron für Raspe, d. h. für Streichung der These die einen Wi- 
derspruch enthalte 'auf frischer That' strafen und doch 'nie im Affe et' 



134 Bericht über die Sie PhilologenversammluDg za Aagiburg. 

tat, wo die Uebong raschen NachBchreibens yonnöten. Daram sei am 
passendsten von der I. Gymnasialklasse an der Unterricht zn beginnen, 
wo neben der Lust dazu auch noch die Beweglichkeit der Hand da sei 
(im Alter von 14 — 15 Jahren), um sich eine fremde Schrift anzueignen. 
Gymnasialschüler hätten auch mannigfache Gelegenheit rar Anwendung 
der Kunst: Entwürfe von Aufsätzen, Präparationen, Uebersetsnngeii, 
Ezcerpte in Privatarbeiten usw. Dabei gewinne man sehr viele Zeit, 
ohne dasz gerade viel Zeit auf die Erlernung' der Kunst verwendet n 
werden brauche. Bei zweistündigem Unterricht wöchentlich könne der 
Schüler nach 4 — 6 Wochen bereits Gebrauch von der Stenographie 
machen, begabtere schon nach 2 — 3 Wochen. Nach einjährigem sol- 
chen Unterricht (d. h. wenigstens zweistündig) könnten Schüler einen 
Vortrag von 60—80 Worten per Minute ganz geläufig und dentliofa 
schreiben. Vorträge von gröszerer Schnelligkeit brauchten sie in die- 
sem Alter noch nicht aufzeichnen zu können; auch müsse ja der Leh- 
rer auf die der Stenographie unkundigen Schüler immer Bäcksieht 
nehmen. Im zweiten Jahre werde ein praktischer Ausbildungvcnnos 
gegeben und das Resultat erreicht, dasz die Mehrzahl Vortrl^ von 
100 — 120 Worten per Minute aufnehmen könne. Eine gröszere Sehnel- 
ligkeit komme bei einem Bedner nicht leicht vor, ohne Nachteil für 
das Verständnis und für seine Lungen. Wenn aber doch, so sei dies 
zu fixieren die Aufgabe nicht für Schüler, sondern für Stenographen 
von Fach. — Ad 2) Manche Freunde der Stenographie hätten den Un- 
terricht gern obligatorisch gewünscht, dafür könne er aus vieljShriger 
Erfahrung nicht sein; nur das verstehe sich auch bei diesem Unter- 
richtsfach, dasz wer am Beginn des Jahres sich einem Cursus freiwillig 
anschliesze , denselben auch ganz durchzumachen gehalten sei. Dieser 
Unterricht sei bei uns seit dem J. 1854 als facultativer geregelt doreh 
Entschlieszung der k. Regierung vom 30. Sept. 1854. 

'Nach allerhöchstem Befehl Seiner Majestät des Königs soll in An- 
betracht der Gemeinnützigkeit der Stenographie und der Ersprieszlieh- 
keit derselben für den öffentlichen Dienst dieser Kunst eine gröBiere 
Verbreitung verschafft und hiebei insbesondere an den bereite doreh 
Ministerialausspruch vom 20. Februar letzten Jahres vorgezeichneten 
Normen über EHeilung des Unterrichts in der Stenographie festgehal- 
ten werden. 

Im Vollzug dieser allerhöchsten Befehle werden folgende Yerfftgnn- . 
gen getroffen. Es ist möglichst dahin zu wirken, dasz am Sitee von \ 
Gymnasien und etwa auch von den technischen Schulen Lehrer, ^e 
ohnehin an diesen Anstalten verwendet sind, sich mit der Stenographie 
vertraut machen, der vorgeschriebenen Prüfung^ sich nnteniehen and 
hernach einen Lehrercurs der Stenographie eröffiien, oder dasi, wo 
dies nicht gelingt, aber dem Lehrstande nicht angehörige geprüfte 
Stenographen zu solcher Unterrichteerteilung gewonnen werden können, 
hier die weitere Einleitung g^etroffen we^e. Wo ein Lehrcurs der 
Stenographie an einer Unterrichteanstalt eröffnet wird, treten für den- 
selben die nemlichen Disciplinen und sonstigen Normen in Wirksam* 
keit, welche durch die bestehenden Verordnungen und reglementären 
Bestimmungen für die nicht obligaten Unterrichtegegenstände vorge- 
zeichnet sind. Ueber den Lehrcurs der Stenographie, wo hiernach ein 
solcher eröffnet wird, soll auch in den gedruckten Jahresberichten die 
enteprechiende Veröffentlichung wie über andere nicht obligate Lehr- 
fächer erfolgen. Zur gröszeren Anfeuerung der Lehrer und Sohttler 
werden jenen Anstalten, an denen Lehrcurse der Stenographie gehalten 
werden sollen, so weit es die verfügbaren Fonds gestatten, die Mittel 
gefi^eben werden, um die Lehrer der Stenographie mit Bemunerationen 
zu versehen und die fleiszigsten Schüler des stenographischen Corsns 
durch unentgeltliche Abgabe von ^Gabelsberger's Anleitung zur dent* 
sehen Bedezeichenkunst' auszuzeichnen. 



,. Berichl über die Sie P]iiiologenversammlaDg zu Augsburg. 135 

Alljilirlieh ist Seiner Majestät dem König Vortrag über den Fort- 
schritt nnd die Yerbreitong des Stenographie -Unterrichta cn erstatten. 

Sr. Migestllt der König von Bayern hätte in persönlichem Dienst 
Geleffenbeit gehabt den Nntien dieser Kunst zn erproben nnd habe den 
Irnpus anr sSnföhrang derselben an den Gymnasien und technischen 
Schalen gegeben. Der Befehl al^ährlich Vortrag über den Fortgang 
dieses Unterrichts sn erstatten, sei in Kraft geblieben bis 1861, in 
ireleher Zeit der Unterricht eine solche Ansdeminng gewonnen, dasz 
öle Berichterstattung in den ffewöhnlichen gedruckten Jahresberichten 
nsfige. Alle Gymnasien und technischen Anstalten pflegten diesen 
imtenricht, ebenso drei isolierte Lateinschulen und aucn an der Uni- 
versitSt München sei Gelegenheit zur Erlernung der Stenographie ge- 
mben. Der Vortragende verliest dann aus einer Zeitschrift eine lange 
Keihe von Anstalten in und ausser Deutschland, wo derselbe Unterricht 
bereits blühe, woraus hervorgehe, dasz im ganzen an 7 Universitäten, 
06 Gymnasien und 09 andern Schulen Stenographie gelehrt wird; dasz 
ferner die Parlamentsverhandlungen in Athen und Kopenhagen in Ga- 
belsbergerseher Stenographie angenommen würden; dieses System sei 
raeh anf die russische, böhmische, schwedische und italienische Spra- 
che übertragen, neuerdings auch ins Englische und Französische; in 
London bestünden zwei Gabelsbergersche Stenographenvereine mit Er- 
folg. Ein Hauptvorteil , der zur schnellen Verbreitung der Stenographie 
in Bayern beige^agen, sei, dasz nur ^in System, das Gabelsbergersche, 
in Uebnng gewesen sei (auszer an Universitäten), zweitens dasz das 
Gabelsbergersche Lehrbuch zu Grunde gelegt wurde, drittens dasz seit 
1842 nor geprüfte Stenographen lehren dürften, auch im Privatunter- 
richte. Was das System Gabelsberger*s betreffe, so könne er nur an- 
deuten. Es bestehe nicht aus willkürlich gewählten Zeichen, die ja 
sonst der 12 — 13jährige Knabe sich noch nicht aneignen könnte, son- 
dern es sei eine Buc^tabenschrift, die kürzere einfachere Buchstaben 
enthalte, und ihr Hauptgewicht in den Consonanten und deren Ver- 
Undnngsfähigkeit habe, was besonders für die deutsche Sprache wich- 
tig< Dabei könne jeder das ganze Alphabet beim ersten Vortrag er- 
Unrnen, alle Buchstaben davon sind als Züge oder Teile unsres Alpha- 
bets nachzuweisen. Die Buchatabenlehre und Verbindung heisze Wort- 
bildung. Die Wortkürzung beziehe sich auf Abbreviaturen für die 
duelnen Bedeteile, welche grammatisch durchgenommen würden; be- 
sonders auch in Bezug auf Flexionsendungen und Vor- und Nachsilben. 
Die (logische) Satzkürzung (von Gabelsberger Prädicatkürzung g^enannt, 
weil das Prädicat die meisten Kürzungen erlaube) bestehe nicht etwa 
im Ansiassen beliebiger Worte, sondern sei begründet auf die logische 
Anfeinanderwirkung aller Satzteile. — Ueber das Stolze*8che System 
wolle er keine Kritik hier aussprechen, doch sei zu bemerken, dasz 
SS eigentliche Kalligraphen erfordere, während das Gabelsbergersche 
fltjTStem von der Beschaffenheit der Currentschrift des Schülers unab- 
hängpig sei, es komme vor, dasz schlechte Schreiber gut stenographier- 
ten nnd umgekehrt; femer biete Stolze's System in seinen Schriftzügen 
keine Zeile dar, die man eigentlich erst ziehen müsse; nicht so bei 
Gabelsberger; drittens habe bei Stolze dasselbe Zeichen, je nachdem es 
etwas gröszer oder kleiner sei, verschiedneu Werth und zwar bezeichne 
es mitunter nicht blosz z. B. verschiedene P- oder T-laute, sondern 
«mz heterogene Laute. Schlieszlich verliest Gratzmüller eine längere 
Stelle aus einer Festrede des Dr. Rosenkranz in Königsberg^, die er 
bei dem Stiftungsfest des dortigen Stenographen -Centralvereines ge- 
halten , in welcher im wesentlichen der Nutzen der Kunst nach seinen 
verschiedenen Seiten erörtert, aber vor allzugroszen Erwartungen da- 
?on auch gewarnt wird. 

Der Präsident richtet darnach an Gratzmüller die Frage, woher 
man in Bayern die Lehrer genommen habe. 

10» 



136 Bericht über die 21e Philologenversammlang zu Aagsburg. 

Zavor teilt y. Jan ein Beispiel aus seiner Erfahrung mit. Sein 
Sohn, Lehrer der Stenographie am Gymnasium zu Schweinfurt, habe 
mit Hülfe eines Lehrbuchs und eines Mitschülers früher die Stenogra- 
phie für sich erlernt, ehe ein Lehrer dort war. Nach einer Verletzung 
der Hand habe er nicht anhaltend länger schreiben können und hiebe! 
sowie auf der Universität den Nutzen der Stenographie erfahren. Auch 
habe er selbst dabei gesehen und erprobt, dasz sein Sohn das Steno- 
graphierte jederzeit mit Leichtigkeit wieder lesen und zu seinen Stu- 
dien benutzen konnte. So sei also diese Kunst für Universitüten von 
gröster Bedeutung. 

Gratzmüller beantwortet die Frage des Präsidenten dahin, dasz 
bereits seit 1819 von Gabelsberger und einigen seiner Schüler Unter- 
richt erteilt wurde , dazu habe sich besonders seit Gabelsberger's Tode 
eine grosze Zahl von Vereinen in Bayern gebildet. Der Unterricht sei 
Männern verschiedenen Standes erteilt worden, nicht blosz Schülern, 
wie es auch in Augsburg geschehen. Es sei also in Bayern jene Ver- 
ordnung keine Ueberraschung gewesen; es waren Kräfte vorhanden; 
Lehrer an den Gymnasien selbst erteilten Unterricht, andere wurden 
in den Vereinen unterrichtet; in Neuburg a/D. z. B. seien alle Lehrer 
des Gymnasiums auszer einem der Stenographie beflissen. 

Darauf entspinnt sich eine Reihe von Fragen und Antworten zwi- 
schen dem Präsidenten einerseits und Herrn Gratzmüller u, a. Herren 
andrerseits. Das Wesentliche: die Stellung der Stenographielehrer ist 
in Bayern die andrer Fachlehrer, z. B. der engl, oder itauen. Sprache. 
Ein Jahrescurs ist für die Klasse, wenn alle bis zu einem gewissen 
Grade gefördert werden sollen, allerdings notwendig; manche Schüler 
leisten freilich schon in der 6n Woche was andere erst am Schlüsse 
des Jahres. Bezüglich der Besoldung ist eine grosze Aufopferungs- 
fähigkeit in Bayern vorhanden gewesen, viele haben unentgeltlioh Un- 
terricht erteilt, andere wurden von den Schülern honoriert;- jetzt be- 
kommen die Lehrer jährlich eine Remuneration von je 60 — 100 Gulden. 
Die Beteiligung der Schüler ist durchschnittlich so, dasz etwa höch- 
stens ein Achtel der Klasse sich nicht beteiligt.''') Hausarbeiten er- 
wachsen den Schülern nicht, sie können sich in der Klasse üben« 

Nach Beendigung dieser Debatte dankt der Präsident schlieszlioh 
für die zahlreiche Beteiligfung, bittet die Herren, welche die nächste 
Versammlung besuchen wollen, um Zurechtlegung von Themen, ho£ft 
auch aus Süddeutsohland auf Beteiligung und schHeszt die diesjährige 
Versammlung. 

Sitzungen der Section der Orientalisten.**) 

Erste Sitzung, Mittwoch 24. Sept 11--1 Uhr. Der Präsi- 
dent, Prof. Marcus Müller in München begrüszt die Versammlung und 
es wird dann Prof. Haszier in Ulm zum Vicepräsidenten , Dr. Thor- 
becke in München und Dr. Fr. Müller in Wien zu Secretären ge- 
wählt. Nach Ankündigung der zu haltenden Vorträge wurde der Ge- 
schäftsbericht der deutschen morgenländischen Gesellschaft durch de- 
ren Geschäftsführer, Prof. Arnold aus Halle, verlesen; der Bericht 
des verantwortlichen Redacteurs der Zeitschrift der d. m. Ges. über 
diese selbst und die Verhandlungen und eine kurze Nachricht über den 

*) Dies läszt sich nicht von allen Anstalten sagen. Auf die ganze 
Angelegenheit kommen wir vielleicht anderwärts noch zu sprechen. 

**) Bei diesem und dem folgenden Berichte war der Endes-Unter- 
zeichnete, dem der Besuch der orientalistischen und germanistischen 
Section durch sein doppeltes Secretariat leider unmöglich gemai^t 
wurde, hauptsächlich auf die Berichte der Herren Dr. Friedr. Müller 
und Dr. Lexer (in der Zeitschr. für österr. Gymnasien) angewieseiu 



Bericht über die )le niilologenversammlung n' Augsburg. 137 

Stand der von Prof. Gosche in Berlin in Aussicht gestellten wissen- 
schaftlichen Jahresberichte schlössen sich daran. Die Commission mr 
PrSfung der Jal^renrechnnng der genannten Gesellschaft wurde dann 
ans dem PrSsidenten und vicepräsidenten, Prof. Fleischer und Arnold 
sosammengesetEt. 

Der erste wissenschaftliche Vortrag, von Diaconns Dr. Oslander 
in Göppingen betraf die ^himj arischen Inschriften' (ans dem sttdwest- 
Behen ArM>ien), worin der gelehrte Redner seine in der Zeitschrift der 
Isrtsohen morgenlftndischen Gesellschaft niedergelegten Studien mit 
Besug auf neu aufgefundene und ihm cum erstmaligen Versuch der 
KhtBifferung fiberlassene Inschriften weiter zu führen versuchte. 

Zweite Sitzung, Donnerstag 25. Sept. 8— 11 Uhr Vormittags. 

Der Secretär Dr. Müller verliest das Protokoll über die gestrige 
Sitsung; dann hSlt Prof. Carlmann Flor in Klagenfurt seinen Vortrag 
'über die etruskisohen Inschriften in Kärnthen', bei welcher Gelegen- 
heit er die etruskische Inschrift eines Armringes zu deuten versuchte 
und darin unabhängig mit Stickel zusammentraf, indem er die Sprache 
für semitisch erkannte. — Prof. Fleischer legte sodann den eben er- 
schienenen zweiten Fascikel des türkischen Wörterbuchs von Zenker 
vor und empfahl das Werk allen Orientalisten, speciell den Turkolo- 
gen. — Daran reihte sich der Vortrag von Prof. Lauth in München 
'über eine äg^tische Inschrift der königl. Glyptothek in München aus 
der Zeit des Exodus', worin derselbe die reichhaltige Inschrift einer in 
Hieben aufgefundenen Funerftrstatue , von welcher er treffliche Photo- 
paphien in mehreren Blättern vorzeigte, in wahrhaft altertümlichem 
Geiste entzifferte und für die Priorität seiner Lesung gegen jene De- 
ySria's in Paris Verwahrung einlegte. — Hierauf sprach Legationsrath 
Freiherr von Schlechta-Wssehrd in Wien 'über drei Curiosa aus 
Stambnl' (gelehrte Gesellschaften in Constantinopel ; Bereicherung der 
mohammedanischen Numismatik durch einen Mohammedaner; eine neue 
Art der Allegorie). — Nachdem Dr. Julius Braun in München in einem 
Vortrage, betitelt: 'Zurückführung der Patriarchen des Firdusi, der 
iyesta, der Veden, der Puranas auf semitische und dadurch auf ägyp- 
tische Wurzeln' seine bekannten Ansichten den Orientalisten zur Prü- 
iang vorgelegt, nicht ohne bemerkbare Seitenhiebe auf alle exclusiven 
Bprachforscher (Philologen, Orientalisten, Germanisten), spricht Prof. 
Delitzsch in Erlangen ^über die in morgen- und abendländischen 
Handschriften gebräuchlichen rothen Farbstoffe.' Die ihm in so hohem 
Grade eigene Vereinigung von Gründlichkeit der Forschung mit tref- 
fendem Witz, namentlich auch in Beziehung anf den vorhergegangenen 
Vortrag, fand die verdiente Anerkennung der Versammlung. 

Dritte Sitzung, Freitag 26. Sept. 8—11 Uhr Vormittags. 

Nach Verlesung des Protokolls über die vorige Sitzung hält Prof. 
Stähnlein in Basel seinen Vortrag über die Kirche Davids, zu deren 
Bearbeitung als Teil eines in- nächster Zeit von ihm zu erwartenden 
Werkes ^über David' er besonders durch Wetzsteines Reiseberichte über 
Haurltn und das Gebiet der Trachonen augeregt worden zu sein scheint. 
Daran schlieszen sich auf Aufforderung des Vortragenden Bemerkun- 
gen von Dr. Wetzstein, Prof. Fleischer und Delitzsch, welche das Wort 
zoba zum Gegenstand haben. — Es trägt dann vor: Prof. Fleischer 
'der syrische Halbeuropäer nach der Bairüter arab. Zeitung', wo er 
eine im genannten Journale (hadigat-al-akhbär , Garten der Nachrich- 
ten) befindliche Tendenznovelle, welche sich mit der Schilderung des 
heutigen, in lächerlicher und widerlicher Weise fränkische Manieren 
nachäffenden, Städte -Arabers befaszt, in Uebersetzung auszugsweise 
mitteilt. — * Darauf spricht Min.-Secr. Barb in Wien ^über die graphi- 
sche Anlage und Entwicklung der arabischen Schrift', wobei er von 
den allg^emeinsten Voraussetzungen ausgieng, ohne bei der Ungeduld, 



i 



138 Bericht über die Sie Philologenrersammlung zu Augsburg. 

mit welcher der angekündigte folgende Vortrag seine Ansprüche gel- 
tend machte, zum Schlosse kommen zu können. — Den Beschlnss 
machte Prof. Oppert, welcher vor einem zahlreichen, fast allen See- 
tionen der Versammlung an^ehorig^en Publicum ^neue Entdeckungen in 
der assyrischen Geschidite', auf welche er gekommen, mitteilte, auf 
die Wichtigkeit dieser Studien für Geschichte, Archäologie und Sprach- 
wissenschaft hinwies und auch deutsche Gelehrte zum Mitbearbeiten 
des in hinreichender Fülle publicierten Materials aufforderte. 

Die auszerdem angekündigten Vorträge von dem anwesenden Prof. 
Meier aus Tübingen 'über nebatäische Inschriften^ und der von Dr. 
Blau, preusz. Consul in Trapezunt eingesandte: 'das Albanische als 
Hülfsmittel zur Erklärung der lykischen Inschriften', zu dessen Vorie- 
sung Prof. Brockhaus sich erboten hatte, wurden zurückgestellt, da 
Prof. Meier seines Teils verzichtete, der letztere Aufsatz aber ohne- 
dies unverkürzt in einem der nächsten Hefte der Zeitschrift d« deutsch- 
morgenl. Gesch. erscheinen soll. Nachdem der Präsident als nächsten 
Versammlungsort Meiszen genannt und Prof. Flügel in Dresden even- 
tuell als Präsidenten der nächsten Versammlung bezeichnet hatte, wird 
die Wahl der Vorstände der deutschen morgenl. Gesellschaft vorge- 
nommen und dabei Brockhaus, Marc. Müller und Th. Schlechta-Wsseher 
gewählt. 

Verhandlungen der germanistischen Section der XXI. Philologen- 
Versammlung. 

Der Antrag zur Bildung einer besondem germanistischen Section 
der Philologenversammlung war im vorigen Jam*e gestellt worden von 
Prof. W. Wackernagel aus Basel, Prof. Rudolf von Raumer aus 
Erlangen und Prof. C. Bartsch aus Rostock; es galt denselben nun 
zu verwirklichen. Die Bewillkommnung der Germanisten in der Eröff- 
nungsrede durch den Präsidenten der Versammlung erwiderte Prof. 
Rudolf V. Raum er mit einigen Worten des Dankes und mit der Ver- 
sicherung, dasz die Germanisten den grösten Werth darauf legten mit 
der klassischen Philologie und ihrer bewährten Strenge im engsten Zu- 
sammenhang zu bleiben. 

Die Mitglieder der germanistischen Section begaben sich sodann 
in das ihnen angewiesene Fürstenzimmer und in die Liste zeichneten 
sich folgende Herren ein: Barack, Bartsch, Baumgarten/ Bierlinger, 
Jul. Braun, Brunner, Crecelius, Diemer, Dietsch, Fischer, Frauer, 
Frommann, Greiff, Heinzel, Herberger, Hertz, Hoffmann (Augsb.), Hoff- 
mann V. Fallersleben , Högg, Holland, Köhler, Lexer, Lindenbom, M. 
Mezger, Müller, Mussafia, Opel, v. Raumer, Riedel, Schad, Schniteer, 
Sieber, Vilmar, Wackemagel, v. Wohnlich, Ziilober. — Präsident: 
Wackemagel, Stellvertreter: v. Raumer, Schriftführer: Lexer u. Fischer. 

Als Präsident wurde auf Vorschlag R. v. Raumer^s Professor WÜh. 
Wackernagel durch Acclamation gewählt, dieser liesz sodann R. y. 
Raumer zum Vicepräsidenten bestellen, und wählte zu Schriftführern 
Dr. Lexer aus Nürnberg und Dr. Fischer aus Greifswfdd. 

In der kurzen Eröffnungsrede sprach der Präsident insbesondere den 
Wunsch aus, dasz das selbständige Auftreten der Germanisten bei der 
Philologenversammlung die Personen in eine gesellige und friedliche' 
Berührung bringen und dadurch einen gewissen Frieden und Anstand 
herbeiführen möge, auch für den Fall, 'wo die Geister auf einander 
platzen.' 

Für Constitution der Section verlas der Präsident folgenden von 
Prof. Raum er übergebenen Statutenentwurf. 

§ 1. Der Verein germanistischer Philologen bildet eine Abteilang 
des deutschen Philologenvereins. 

§ 2. Jeder germanistische Philolog, welcher durch bestandene 



Bericht Über die 21e Philologemrersammluag zu Augsburg. 139 

ProAmgen, darcli ein öffentliclies Amt oder durch litterarisehe Lei- 
stimgen dem Vereine die nötige Gkwfthr gibt, ist znr Mitgliedschaft 
berechtigt. 

§ 3. Die wissenschaftlichen Vertreter der romanischen und der ost- 
enropftischen Philologie werden als Mitglieder der germanischen Abtei- 
Inog betrachtet 

§ 4. Der Verein germanistischer Philologen ordnet sich der allge- 
Minen deutschen Philolog^enversammlung in folgender Weise ein: 

Die germanistischen Philologen beteiligen sich an der Eröffnungs- 
litauiff der Philologenversammlung. Nach deren Schlusz versammeln 
ä» foSk in dem ihnen zugewiesenen Locale zur Abhaltung ihrer ersten 
Sitinng. 

Die zweite und dritte Sitzung halten die ffermanistischen Philolo- 
gen am zweiten und dritten Tage der Versammlung in der Weise, dasz 
\ wenigstens an ^inem Tage die & die pädagogische Section bestimmten 
Standen frei bleiben. 

An der Schluszsitznng der Hauptversammlung nehmen die germa- 
idstiBchen Philologen wieder Teil. 

§ 5. In der dritten Sitzung wählen die Mitglieder des Vereines 
dnen Vorsitzenden für die nächstjährige Versammlung und dessen Btell- 
Terjtreter. 

§ 6. Im Beginne ihrer ersten Sondersitzung zeichnen sich die Mit- 
glieder des Vereins in ein dazu aufliegendes Buch ein und bestellen 
dann nach dem Vorschlage des Vorsitzenden zwei Schriftführer (so 
wurde der ursprüngliche Wortlaut: 'und wählen unter Leitung des Vor- 
sitzenden zwei Schriftführer' abgeändert). 

§ 7« In den Sitzungen der germanistischen Philologen finden statt: 

a) Zusammenhängende Vorträge über die Fragen der germanischen 
r wie der romanischen und osteuropäischen Philologie und Besprechun- 
gen über den Inhalt dieser Vorträge. 

b) Mitteilungen und Besprechungen über die Fragen der Wissen- 
gehaft und über Angelegenheiten des Vereins. 

Diese Statuten wurden, abgesehen von der kleinen Aenderung in 
{ 6, anverändert angenommen. 

Sieb er ans Basel referierte sodann über die von der antiqnari- 
Khen Gesellschaft in Zürich angeregte Stoffsammlung zur Herausgabe 
«■es schweizerischen Idiotikons. Von der dazu bestellten Gommission 
sei ein desfallsiger Aufruf an alle Cantone |o erfolgreich gewesen, dasz 
nan jetzt in Zürich schon ein passendes Local suche, um die zahl- 
reichen Beiträge registrieren zu können. Schwierigkeit werde bei 
Ansarbeitung die grosze Zahl der Mundarten, besonders wegen der 
Laotbezeiclmung machen. ^ Nachdem mehrere Mitglieder sich hier- 
über geäuszert, bemerkt der Präsident, dasz in der Schweiz die Mund- 
arten, dem Altdeutschen noch näher stehend» die Sache erleichterten, 
indem man nicht alle Schreibungen eines Worts, sondern nur ^ine 
blanche mit der Angabe über Quantität der Vocale in der Aussprache 
verschiedener Gegenden. 

Daran anknüpfend sprach v. Baum er den Wunsch aus, dasz Dr. 
Fromm ann^s treffliche 'deutsche Mundarten' wieder ins Leben treten 
und genügende Teilnahme finden möchten. Dr. Frommann erklärt, zu 
Deckung des Unternehmens wäre ein Absatz von 300 Exemplaren nö- 
tig; aber so lange die Zeitschrift bestand, habe sie nur 120 Abonnen- 
teu gehabt. 

Prof. Bartsch teilt ein Referat 'des abwesenden Prof. v. Keller 
in Tübingen mit über die von der württembergischen Regierung eifrigst 
unterstützte Bearbeitung der schwäbischen Mundarten. Deren gram- 
matische Darstellung, sowie eine Sammlung der sprüchwörtlichen Re- 
densarten sei fertig und binnen Jahresfrist hoffe man auch den eigent- 
lichen Wortschatz zur Bearbeitung vorlegen zu können. Die Bitte 



140 Bericht Aber die 21e Philologenversammlung zu Augsburg. 

V. Keller*», ihn durch Mitteilungen äni alten Urkunden und Schrift- 
denkmftlem, die in Schwaben entstanden, zu unterstütsen, veranlaazte 
eine kurze DiscuBsion, wobei der Präsident die Aufgabe einei Idioti- 
kons darin fand, die Sprache wie sie jetzt im Volke lebe aufzuzeigen. 
Dieser Ansicht trat die Versammlung nicht ganz bei und man gelangte 
zu dem Resultate , dasz im Allgemeinen auqh bierin der unvergleieh* 
liehe Schmeller zum Vorbilde dieuen müste. 

In der zweiten Sitzung am 25. Sept. hielt Dr. Julius Braun 
aus München einen an Einzelnheiten und oft haltlosen Vergleichongen 
überreichen Vortrag 'über die nordischen Ideenkreise', die er auf ägyp- 
tischen Ursprung zurückzuführen suchte. Eine Disoussion war nach 
der Art des Vortrags unmöglich. 

Von gröszerem und allgemeinerem Interesse war der Vortrag des 
Prof. Bud. y. Baume r ^über die Fortpflanzung der Sprache^, der zu be- 
weisen suchte y dasz die Sprachforschung von der exacten Beobachtung 
der Gegenwart aus in die vergangenen nur durch die Schrift überiie- 
ferten Sprachzustande eindringen müste. Er führte dies besonders be- 
züglich der Mundart und Schriftsprache aus und zeigte, wie sich die 
verschiedene Natur beider aus der verschiedenen Art ihrer Fortpflan- 
zung erklärt. Hieran knüpfte sich eine Debatte über die Frage, in 
welchem Verhältnis die vorgetragenen Ansichten zu denen Jacob 
Grimmas stehen, an welcher sich auszer dem Präsidenten auch Con- 
sistorialrath Vilmar beteiligte. 

Am 26. Septbr. wurde nach § 5 der Statuten für die nichstjähri- 
gen Verhandlungen Prof. Zarncke zum Präsidenten und Prof. Ho- 
bius zu dessen Stellvertreter gewählt. 

Den würdigen Schlusz der Vorträge bildete der von Prof. Bartsch 
über das ^Nibelungenlied,^ Die Frage: ist das deutsche Volksepos aus 
Liedern entstanden? bejahte er; die weitere: ob diese Entstehung an 
unserem Nibelungenlied nachweisbar sei? beantwortete er mit Darle- 
gung einer ungemein gründlichen Erörterung über die Beimverhältnisse 
dahm, die Nibelungen erschienen nach letzteren betrachtet als das Werk 
eines Dichters. Bezüglich der Handschriftenfrage suchte Üer Bedner 
zu zeigen, dasz weder F noch C den ursprünglichen Text liefere nnd 
dasz bald diese bald jene den Vorzug veidiene. Bartsch wird seine 
Untersuchungen veröffentlichen. 

Am folgenden Tag entspann sich eine Debatte über den Gegen- 
stand. Der Präsident beifnerkte, dasz er auch nach diesem sehr ver- 
söhnlich gehaltenen Vortrag sich auf dem Standpunkte der Liedertheo- 
rie befinde, wenn auch Aniang und Ende der einzelnen Lieder zu er- 
kennen jetzt unmöglich und ihre Zahl schwerlieh anzugeben sei Er 
gab im wesentlichen Laohmann Becht, wenn er auch Manches von 
seinen Ausführungen preisgab. Mit Einräumung der äuszem Verände- 
rungen der alten Lieder durch Zusätze und Weglasstmg^n habe Lach- 
mann die letzteren doch ganz unberücksichtigt gelassen, als er die 
Lieder herzustellen suchte. Auch behandle Lachmann die Handschrift 
A so, als ob mit deren Niederschreibung die Existenz der einzelnen 
Volkslieder aufgehört hätte, während er (der Präsident) gerade aus 
deren Fortpflanzung manche Strophen, die in B und C idlein sich fin- 
den, sich erkläre. Er befinde sich daher auch gegenüber der Frage 
über Aechtheit oder Unächtheit aller Strophen auf einem andern Stand- 
punkt als Lachmann. Ein so groszes Gewicht wie Bartsch könne er 
dem Beim nicht zugestehen, auch habe dieser mit Unrecht die Qe- 
schmacksgründe als ungehörig zurückgewiesen. Lachmann's Kritik sei 
eine objeotive gewesen, er habe Strophen oft deshalb verworfen, weil 
sie ihrer ganzen Denkweise nach nicht zu den übrigen gepasst hätten. 
•— Die eingehende Debatte, an der sich auch v. Baum er, Fischer, 
Haszier und Köchlj beteiligten und wobei auch auf die neueste Hj^ 
pothese des Prof. F. Pfeifer in Wien sowol vom Präsidenten lüb 



Bericht fSker die Sie Philologenversammlung zu Augsburg. 14 1 

▼on Bartsch g^ebfibrend Rücksicht genommen wnrde, endete mit der 
Erkenntnis, dass die Ansichten der Anwesenden für eine endliche Ver- 
stSndigong und XJebereinstimmnng nicht su weit auseinander lägen. 

Seblieszlich teilt Prof. v. Banmer einen Vorschlag des abwesen- 
den Prof. Konr. Hof mann in München mit: ^über eine yollständige 
kritisehe Ausgabe der althochdeutschen Glossen und Glossare vom 8. 
bis 12. Jahrhundert', samt den hiebei von den bearbeitenden Germa- 
listen und Romanisten einzuhaltenden Gesichtspunkten. Man beschlosz 
ist Antrag cu Protokoll eu nehmen, das Interesse daran in Gedanken 
feiteuhsdten und die Sache in dem Sinne des Antragstellers möglichst 
n fordern. 

Der PrXsident dankte mit herzlichen Worten der Versammlung, 
eridirte die diesjährige Versammlung für geschlossen mit dem Wunsche, 
dssi alle diese erste Versammlung wie er mit der Empfindung voll- 
kommenster Befriedigung verlassen möchten. — Dasz dies in der That 
der Fall war, dankt man groszenteils der umsichtigen Leitung des Prä* 
ddenten selbst. 

Indem wir hiermit den Gesamtbericht abschlieszen , können wir 
nicht umhin, auch unsrerseits die Ueberzeueung auszusprechen, dasz 
diese XXI. Versammlung bei den meisten Teilnehmern in eutem An- 
dmken bleiben wird; sowol nach der Seite des wissenschaftlichen Ver* 
kehrs als nach dem gesellschaftlichen. Auch die Stadt Augsburg hat 
Ton Anfang an das Interesse an Kunst und Wissenschaft durch libe- 
rtlste Oefmung ihrer Schätze (Mazimilians-Museum , Kreis- und Stadt- 
bibKotbek, Gemäldeeallerie, Kunstverein] nach Kräften befriedigt, und 
f3r geaellige ünterhiutung war durch eine Theatervorstellung, einen ver- 
gnügten liuuihmittag im ochloszgraben , einen gemütlichen Abend bei 
Gesang der tüchtigen 'Liedertafel' im Molu'enkopf neben dem sonstigen 
Verkenr der Gäste selbst unter einander hinreichend gesors^ Mit dem 
Dank an die Stadt und an das Präsidium dieser Versammlung verbin- 
den wir den Wunsch, dasz die jetzt um eine Section reichere Versaram- 
hmg auch künftig an reger allgemeiner Teilnahme nicht verlieren, son- 
dern sich eines Zuwachses an Teilnahme erfreuen möge! 

Erlangen, a Januar 1863. D. Autenrieth, 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, statistische 
Notizen, Anzeigen von Programmen. 

ExsBHAOR.] Am 8. Januar feierte das groszherz. Carl-Friedrichs- 
G^ymnasium das 25jährige Directoratsjubiläum des Hofrath Dr. C. H. 
Funkhänel, Ritters des weiszen Falkenordens, unter groszer Teil- 
nahme der Behörden, der alten Schüler und der ganzen Stadt. Nach- 
dem die Gymnasiasten dem Jubilar einen Frühgesan^ dargebracht hat- 
ten , erschien eine lange Reihe von Gratulanten aus der Nähe und Ferne. 
Das groszh. Staatsministerium hatte den Ministerialreferenten Geheimen 
Jusfciarath Zwez von Weimar gesendet mit einem ehrenden Glück- 
wünschungsschreiben und dem Geschenk eines werthvollen Werks (corp. 
inscr. graee. T. I — IV) ; das Lehrercollegium überreichte einen silbernen 
Pokal mit lateinischer Inschrift, die Schüler ein lateinisches Carmen, 
die alten Schüler ein prachtvolles Album mit den Photographien der- 
selben, das Gymnasium von Weimar zeigte seine Teilnahme durch ein 



142 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

latein. Gedicht nebst dentscher üebersetznng. Von den Znsohriften 
und Gaben ans der Feme ist die pietätsvolle Gratnlationsschrift eines 
frühern Schülers, Dr. Sehrwald in Altenbarg hervorzuheben (inest ob- 
servationom criticamm in Sophocl. Antigonam et Oedipnm regem spe- 
cimen). Mittags vereinigte sich eine grosse Anzahl der Freunde des 
Gefeierten zu einem von den Lehrern veranstalteten frohen Mahle im 
Saale der Clemdagesellschaft, bei welchem der Deputatus des g^szh. 
Staatsministeriums und Prof. Weissenborn als ältester Lehrer die ersten 
Toaste auf den Jubilar ausbrachten, an welche sich eine grosse Reihe 
anderer ernsten und scherzhaften in buntem Wechsel a^chlosz. Der 
Jubilar dankte in mehreren aus dem Herzen kommenden und eu den 
Herzen dringenden trefflichen Beden. Abends brachten die Schüler des 
Gymnasiums nebst vielen Bürgern der Stadt dem Gefeierten einen glän- 
zenden Fackelzug dar und gaben somit diesem reichen Feste einen 
schönen Schlusz. — Hr. Hofrath Funkhänel, geboren in Johann-Geor- 
genstadt, hatte der Nikolaischule zu Leipzig 5 Jahre als Lehrer ange- 
hört, bis er auf Empfehlung seines Lehrers und Freundes, des nnver- 
geszllchen und groszen Gottfried Hermann, den Buf nach Eisenach 
erhielt. R, 

Bbrliii.] Am 2. Januar feierte das Lehrercollegium des Friedrich- 
Werderschen Gymnasiums das 25jähriee Amtsjubiläum des Director 
Professor Dr. Bonn eil. Im Jahre 1838 an Bibbeck^s Stelle beru- 
fen, übernahm derselbe die Anstalt mit einer Schülerzahl von 200, 
welche unter ihm bis auf 500 gestiegen ist; die Zahl der während die- 
ser Zeit von ihm neu aufgenommenen Schüler beträgt 4281, von denen 
610 die Universität bezogen haben. Das Lehrercollegium begrüszte 
den verehrten Jubilar mit einer künstlerisch verzierten lateinischen 
Adresse, nachdem ihm bereits am Tage zuvor die philos. Facultät der 
Universität das Diplom ein Ehrendoctors durch den derz. Decan, Prof. 
Dr. Müllenhoff, überreicht hatte. War diese Feier mehr auf den Kreis 
der Schule beschränkt, so trug die des 10. Januar, als der eigentlichaa 
Amtseinführung, einen öffentUcheren Charakter. Die königUchen und 
die städtischen Behörden, die Collegien der übrigen Gymnasien, dis 
Vertreter des hospice fran^ais und der jüdischen Schulen, endlich die 
Schüler BonnelPs selbst , sowol die früheren als die jetzigen, wetteifer- 
ten dem hochverdienten Mann ihren Dank und ihre Verehrung auszu- 
drücken. Wir verzichten auf eine eingehendere Aufzählung und erwäh- 
nen — dem Berichte der 'Berliner Blätter' folgend — auszer einem 
Schreiben des Geheimen Oberregierungsraths Dr. Wiese, der zugleich 
persönlich sich den Glückwünschenden angeschlossen, die Ueberreichnng 
einer latein. sapphischen Ode durch Director Dr. August, die eines 
kunstvollen Bronzekandelabers von Seiten der früheren SchtUer und 
die einer Büste Schleiermachers durch den jetzigen Primus der Anstalt. 
Das Ende des seltenen Festes bildete ein Mahl, bei welchem der Ju- 
bilar, noch durch neue Beweise der Teilnahme und Liebe erfreut, in 
ergreifender Bede seinen Dank aussprach und mit einem Hoch auf die 
Schüler des Werder aus alter und neuer Zeit schlosz. M, 

Sachsen 1862. 

Ueber die Gymnasien des Königreichs Sachsen berichten wir ans 
den 1862 erschienenen Programmen wie folgt: 

1. Büdissin]. Das abgelaufene Schuljahr ist für das Gymnasium 
in mehr als einer Beziehung von groszer Bedeutung; denn nicht nur 
im Lehrercollegium sind mehrere Veränderungen eingetreten, sondein 
es ist die Anstalt selbst in die Verwaltung des Ministeriums des Goltos 
und öfifentlichen Unterrichts übergegangen, indem der Stadtrath durch 
einen am 6. Juni v. J. abgeschlossenen Vertrag demselben die Ans- 



Berichte Aber gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 143 

Übung des Collatnr- und Patronatrechtes anf die Daner dieses Vertra- 
ges überlassen bat.— Der bisherige Bector nnd Professor Hoffmann 
und der Conrector Mfiller traten auf ihr Nachsachen in den Ruhe- 
stand. An die Stelle des ersteren wurde der bisherige Bector an der 
▼ereinifften Gymnasial- nnd Realschulanstalt zu Plauen, Professor Dr. 
Palm berufen, in die Stelle des Conrectors rückte der Subrector Dr. 
JEhne, dem bald darauf der Titel eines Professors verliehen wurde, 
ud die vierte Lehrstelle wurde dem bisherigen Oberlehrer an dem 
QjBnasium zu Plauen, Dr. Schubart übertragen. Lehrercollegium : 
Heetor Professor Dr. Palm, Conrector Prof. Dr. Jahne, Koch, Dr. 
Sehnbart, Schaarschmidt, Dr. Schottin, Dr. RSssler, Dr. 
Klosi, Traute seh (Religionslehrer]; Schumann-Lecleroq (Lehrer 
der franxSsischen Sprache), v. Gersheim (Zeichnen), Buhle (Turnen). 
Sehülersahl am Schlusz des Schuljahrs 162 (I 14, II 22, m 26, lY 34, 
V 27, VI 30). Abiturienten 14. — Dem Jahresbericht stehen voran: 
äe bei der Einführung des Rectors am 15, Octoher 1861 gehaltenen Reden 
(Einfühningsrede des Kreisdirector von Könneritc; Antrittsrede des 
Rectors; Rede des Prof. Dr. Jahne). 21 S. 4. 

2. DrbsdbhI. a) Gymnasium zum helL Kreuz. Den ordent< 

Heben Lehrer Clausz verlor die Anstalt durch den Tod. Mit dem 

Sehlnsx des Sommerhalbjahrs schieden zwei Lehrer aus dem Collegiura : 

CoDaborator Dr. Pfuhl folgte einer Beruftmg an das neugeordnete 

Vitsthnmsobe Gymnasium; Dr. Schöne leg^e seine Stelle nieder, um 

snf der XJniversitftt Bonn weiteren philologischen Studien obzuliegen. 

Im Folge ihres Ausscheidens traten neu in das Collegium ein Dr. 

Halts cb, bisher an dem Gymnasium zu Zwickau, und Dr. Wo hl r ab, 

bisher an dem Institut des Dr. Krause in Dresden als Lehrer thätig^; 

Dr. ^T ach trat interimistisch als Hülfslehrer ein; mit Probelectionen 

ward Dr. Hölbe besohäftifirt. Schülerzahl 313 (I 20, n« 25, IIi> 34, 

ffl« 87, nih 46, IV« 49, IVb 41, V« 29, V»» 23). Abiturienten 28. - 

Den Sehulnachrichten vom Rector Dr. Klee geht voraus: De Damareteo 

argenieo Syracusanorum nummo scripsit Dr. Fr. Hultsch. 36 S. 8. 'Hoc 

ctfte me adsecutum esse censeo, ut et Simonidis locum, quem nemo 

sdhne intellexit, explicaverim et ad Siculorum talentorum rationem cog^- 

loseendam aliquid contulerim.' — 'Quapropter nee inutilem laborem 

im facadrachmis Syracusanorum colligendis et describendis consumpisse 

JBiki videor , et nescio an gratum f ecerim permnltis , quod tres insig^es 

ejns generis nummos, qui Dresdae in regio museo servantur, e tene- 

bris qnasi in lucem protuli. Praeterea reUquorum Syracusanorum num- 

Bomm, qui ibidem inveniuntur, et pondera et formas enotavi.' 

b) Vitzthumsches Gymnasium, l^achdem der Schulrath Prof. 
Dr. Bezzenberger sich bewogen gefunden hatte unter dem 17. Mai 
1861 dem Administrator der Stiftung seine Stellung als Director des 
Vitsihumschen Geschlechts- Gymnasiums zu kündigen und seine Privat- 
SDStalt aufzugeben, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, erschien 
es an der Zeit, nunmehr die testamentarischen Bestimmungen in grö- 
sserer Auedehnung als bisher zur Ausführung zu bringen und das Gym- 
nasium zu einem selbständigen zu organisieren. Da jedoch die testa- 
mentarisch bestimmte Zahl von 18 Schülern als zu gering erkannt 
wurde, um ein Gymnasium zweckentsprechend einzurichten, so erteilte 
mit Genehmigung des Königs das Ministerium des Cultus und öffent- 
lichen Unterrichte dem Gymnasium das Recht, ausser den stiftnngs- 
bereehtigten Zöglingen auch noch andere Knaben und Jünglinge gegen 
Zahlung von Pensions- resp. Schulgeld aufzunehmen , und erklärte das- 
selbe für ein den übrigen Gelehrtenschulen Sachsens gleichberechtigtes. 
Zar Erreichung dieses Zweckes wurde das Grundstück, sowie die Lehr- 
mittel, Sammlungen und Mobilien des Schulraths Dr. Bezzenberger aus 
den Mitteln der Stiftung erworben, und konnte, nachdem der Rector 
ond das Ldhreroollegium durch den Administrator ernannt und von dem. 



144 Berichte üher gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

Ministerioin bestätigt, aach die notwendigen baulichen Verändenuigen 
ins Werk gesetzt worden waren, am 10. October 1861 das Vitzthnm- 
sehe Gymnasium feierlich eröffnet und eingeweiht und am 17. Oo- 
tober der Unterricht begonnen werden. Lehrercollegium : Rector Prof. 
Dr. Scheibe, Conrector Professor Dr. Fleckeisen, Dr. Pfuhl, Dr. 
Polle, Religions- und Oberlehrer Michael, Prof. Dr. Müller, Ober- 
lehrer Dr. Klein, Professor Schumann-Leclercq, Menzel» CoUa- 
borator Dr. Schickedantz. Auszer diesen sind 7 auszerordentHoke 
Lehrer an dem Gymnasium thätig, nemlich Prof. G. Hughes, Prof. 
Schurig, Neubert, Cantor Friedrich, y. Schweinitz, Hensin- 
ger und Balletmeister Plagge. Schülerzahl 77 (I 8, 2 10, III 15, 
IV 17, V 13, VI 14). Abiturienten 5. — Den Schulnachrichtea geht 
voraus: Rectoris oratio de commodis quibusdam publicae et comnomiM edu- 
catiordSy habita postridie Idus Octobres. a, MDCCCLXI. 12 S. 8. 

3. Fheibebg]. Der Gymnasiallehrer Hacker schied ans dem Col- 
legium, um ein Pfarramt zu übernehmen. An seine Stelle trat der 
Oberlehrer Hoff mann, bisher an der Realschule zu Glauchau. Con- 
rector Dr. Zimmer wurde auf sein Nachsuchen in den Ruhestand ver- 
setzt. Die erledigte Conrectorstelle wurde dem Privatdocenten in der 
philosophischen Facultät an der Universität zu Leipzig Dr. Müller 
mit dem Titel eines Professors übertragen. Lehrercollegium: Rector 
Prof. Dr. Frotscher, Conrector Prof. Dr. Müller, Dr. Pröjsz, Dr. 
Dietrich, Dr. Brause, Dr. Michaelis, Coli. Prössel, Dr. Rich- 
ter, Hoff mann, Gesangl. Musikdir. Eckhardt, Schreiblehrer Can- 
tor Kränkel, Zeichenl. Müller. Schülerzahl 102 (I 12, U 18, lU 18, 
IV 20, V 17, VI 17). Abiturienten 14. — Dem Programm ist beige«- 
ben: Sätze aus der höheren Geometrie ^ zusammengestellt von Dr. Mi- 
chaelis. 20 S. 4. 

4. GbihmaI. Den 20. September vorigen Jahres verliesz Prof. Dr. 
Dietsch die Anstalt, um das ihm übertragene Directorat an der ver- 
einten Gymnasial- und Realanstalt in Plauen zu übernehmen. Die auf 
denselben folgenden Lehrer rückten alle in die nächst höhere Stell« 
auf, und die somit erledigte neunte Oberlehrerstelle erhielt der Ober- 
lehrer an der vereinigten Gymnasial- und Realschulanstalt in Zittin, 
Dr. Frohberge r. Lehrercollegium: Rector Prof. Dr. Wunder, Hmu- 
beamter Cotta, Prof. Lorenz, Prof. Fleischer, Prof. Lic. theol 
und Dr. phil. Müller, Prof. Loewe, Prof. Gilbert, Prof, Dr. Lip- 
sius, Oberlehrer Dr. Dinter, Oberl. Dr. Frohberger, Cantor B5n- 
ringer; Tum- und Tanzlehrer Haugwitz, Zeichenlehrer Luther, 
Schreiblehrer Arland. Schülerzahl 140 (1 30, U 33, HI 40, IV« 20, 
IV^ 17). Abiturienten 18. — Dem Programm ist beigegeben: Leitfladen 
für den Religionsunterricht in den obem GifmnanalcUtSMen, (FortsefeEung 
des Progr. von 18Ö0), Von Prof. Dr. Müller. 32 S. 8. 

5. Leipzig], a) Gymnasium zu St. Thomä. Den Rector der 
Anstalt Dr. Lipsius verlor die Anstalt durch den Tod, nachdem er 
kaum fünf Monate sein neues Amt als Nachfolger Stallbaum^s beklei- 
det hatte. In seine Stelle wurde Prof. Dr. Kran er berufen, bisher 
Director an dem Gymnasium zu Zwickau. Die dritte A^junctur erhielt 
Dr. Gelbe, bisher Lehrer an dem Modernen Gesamtgymnasium in 
Leipzig. Schülerzahl 195 (I 27, H 31, III 30, IV 38, V 37, VI 32). 
Abiturienten 20. — Dem von Conrector Dr. Koch verfaszten Jahres- 
bericht ist eine wissenschaftliche Abhandlung nicht beigegeben. 

b) Gymnasium zu St. Nicolai. In dem Lehrercollegium ist 
keine Aenderung eingetreten. Schülerzahl 186. Abiturienten 11. — 
Dem Jahresbericht geht voraus: Codicum Quelferbytani et Norimbergenr 
Hs scholia graeca ad librum I isagoges Nicomacheae nunc pritman edüa. Scr. 
Rector Prof. Dr. N ebbe. 19 S. 8. 

6. Mbiszkn]. An die Stelle des verstorbenen Haus- und Staat- 
beamten von Witzleben wurde Hauptmann von Eiterlein som 



Berichtigung und Entgegnung. 145 

Hans-, Schul- und Procuratarrentbeamten ernannt. Zu Ostern verliesz 
die Axistalt der Beligionslehrer Prof. Dr. Hofmann, um die zweite 
Uniyersitfttspredigerftelle und eine Professur in Leipzig zu überneh- 
men. An dessen Stelle wurde der bisherige Beligionslehrer am Qym- 
nasinm in Zwickau, Dr. Schmidt, berufen und derselbe als achter 
Professor angestellt. Femer wurde der Oberlehrer Dr. Vetter als 
fltellyertreter des auf ein Jahr beurlaubten kranken Gymnasiallehrers 
Becker zn Zwickau provisorisch auf ein Jahr abgeordnet und an sei- 
w Stelle Dr. Busch, Lehrer am Krause*schen Institut in Dresden 
nm letzten ordentlichen Oberlehrer ernannt. Lehrercolleg^um : Bector 
ftof. Dr. Franke, die Professoren Dr. Oertel, Dr. Kreuszler, Dr. 
Peters, Dr. Graf, Dr. Milberg, Dr. Döhner, Dr. Schmidt, Ober- 
lehrer Dr. Busch. SchiUerzahl 146 (I 27, II 24, III 37, IV« 36, IVi» 
22). Abiturienten 18. — Dem Jahresbericht ist vorausgeschickt: Th. 
Doehneri Quaestionum Plutarcheantm particula tertia, 68 S. 4. 

(Fortsetzung im nächsten Heft) 

Fulda. ^r. Osiermann. 



Berichtigung und Entgegnung. 

Herr Professor Dr. Baumstark hat in diesen Jahrbüchern (1863, 
Hfl. 1 S, 32 u. 33) meine Teilnahme an den Bestrebungen für das ba- 
diiche Schulwesen in einer Weise besprochen, dasz ich mich veran- 
laazt finde, folgende Erklärung zu ver5£rentlichen. £r bezeichnet mich 
simächst als 'Hauptanfertiger' der Thesen zur Lahrer Versamm- 
lung, ohne zu beachten, dasz* auf dem Programme eine Commission 
uterzeichnet ist, und dasz diese Commission vorher in öffentlichen 
Kftttem die Berufsgenossen zur Einsendung von Thesen aufgefordert 
hat. Schon die Wahl der Ausdrücke läszt erkennen, dasz Hr. B. nicht 
einer unbefangenen Würdigung der Sache, sondern einem unlautern 
Votiv Raum gegeben. Diese Unlauterkeit tritt dann in voller Klarheit 
httfor, wenn er sagt, dasz ich sogleich die erste These der ^Marotte' 
— 4em 'Himgespinnst' eines sogenannten gemeinschaftlichen Unter- 
bftoes für Gymnasien und höhere Bürgerschulen gewidmet habe, ^durch 
den ganzen Convent aber einstimmig damit heimgeschickt' worden sei. 
Entena sind einfach logische Gründe maszgebend gewesen, warum 
die betreffende These ihre Stelle am Anfang erhielt; zweitens ist sie 
licht von mir 'angefertigt', sondern von Hr. Director Dr. Weber in 
Heidelberg aufgestellt und eingesandt worden; drittens habe ich in 
lithr auch nicht ein Wort weder zur Vertheidigung noch zur Bekäm- 
fAmg derselben gesprochen.*) Hr. B. hat also entweder eine blosze 
Coiyectur für Wahrheit ausgegeben oder absichtlich eine Unwahrheit 
gesagt y um zu einem böswilligen Triumph Gelegenheit zu finden. Mit 
gleicher Entstellungslust greift er dann aus dem angeführten Programm 
eine Beihe einzelner Thesen auf und bespricht dieselben in einer 

*) Bichtig ist, dasz ich ein Jahr vorher zu Offenburg Veranlass 
rang genommen habe, die Frage anzuregen; allein es ist dies von 
ganz anderem Gesichtspunkt aus und in ganz anderer Tendenz 
geschehen als im vorliegenden Fall von Hm. Baumstark angenommen 
wird. Ich musz daher auch den Bericht, den derselbe in seiner 
Schrift ('Zur Neugestaltung des badiscben Schulwesens' S. 21) über die 
betreffenden Yerlumdlungen zu Offenburg gegeben, als Entstellung des 
eigentlichen SaohTerhaltes bezeichnen. 



146 Berichtigung und Entgegnung. 

Weise, die kaum gestattet, ihr hiosz den Charakter der Wissen- 
schaftlichkeit abzosprechen. Er nennt sie zunächst 'wunderlich', offen- 
bar weil sie seiner einseitigen Begriffswelt verfänglich erscheinen; 
denn in demselben Ideencomplex spricht er yon 'verfänglichen Be- 
schlüssen ', zn denen die Versammlung sich nicht habe verleiten lassen, 
offenbar weil ihm der Ausdruck, den er dort im Sinne hatte, hier an 
unpassender Stelle — wider den Sinn entschlüpfte. Das Lob aber gilt 
der Versammlung eigentlich aus dem Grunde, weil sie, wie beigefögt 
wird, 'Masz zu halten gewust und Verstand bewiesen habe.' Aller- 
dings verdient die Versammlung dieses Lob: sie hat Verstand bewie- 
sen, weil sie feierlich und einstimmig gegen Hm. Banmstark's Kritik 
Verwahrung einlegte; und sie hat grosze Mäszigung bewiesen, weil 
sie das wegwerfende , schulmeisternde, verunglimpfende Verfahren des- 
selben als blosze Härte, Verkennung und Misdeutung bezeichnete. 
Doch sehen wir, welche Methode Hr. B. weiter in der Beurteilung der 
ihm misliebigen Thesen zur Anwendung bringt. Die Thesensteller 
hatten einfach die Punkte, welche bei den gegenwärtigen Beformbe- 
strebungen im badischen Schulwesen dringend eine Besprechung ver- 
langten, ins Auge gefaszt und die Thesen als Fragen formuliert, um 
in keiner Weise den Verhandlungen vorzugreifen, vielmehr zu einer 
allseitigen Prüfung der Materien, zu einer genauem Abgrenzung der 
Begriffe, kurz zu einer gründlichen Ermi^Üung und Fixierung des 
Wahren in der Sache aufzufordern. Hr. B. hätte nun bei seinem fort- 
währenden Verlangen von 'strengen Principien und klaren Begriffen' 
auszugehn, und bei dem immer wiederkehrenden Vorwurf der 'Confu- 
sion', mit dem er andere' begrüszt, alle Veranlassung gehabt, ein sol- 
ches Verfahren für gerechtfertigt zu halten; allein von dem Dämon 
des Tadeins, der ihm einmal inwohnt, fortgerissen bespricht er die 
Fragen in dem Sinne, als ob sie lauter Behauptungen wären, 
anticipiert in sophistischer Verkehrung des Standpunktes alleriei 
absurde Folgerungen und schlägt mit einem Machtsprach auf diese 
los in der Absicht, die Urheber der Thesen oder vielmehr ihren 'Hanpt- 
anfertiger' zu treffen. So nimmt er bei der These über den fransS- 
sischen Sprachunterricht ohne weiteres an, dasz der Urheber dersel» 
ben eine 'widersinnige' Beschränkung dieses Unterriohtsgegenstaades 
im Auge gehabt habe, und weist ihn mit der schulmeisternden Bemer- 
kung zurecht, dasz man 'mit Blindheit geschlagen' sein müste, um in 
solcher Weise dem 'Zeitgeist ins Gesicht zu schlagen'. Zu diesen 
Schlagenden, somit auch Geschlagenen gehört vor allen Hr. B. selbst; 
der Thesensteiler aber hat einfach einen in jüngster Zeit öfter gemach- 
ten Vorschlag zur Discussion bringen wollen, wobei er, durch mannig- 
fache Erfahrungen veranlaszt, eine Hebung und Kräftigung des betref- 
fenden Unterrichtszweiges mit Rücksicht auf die Forderungen der Zeit 
im Auge hatte.*) Anstöszig erscheint ihm femer die Frage, die« sich 

*) Hr. Baumstark macht in seiner Schrift (' Zur Neugestaltung des 
badischen Schulwesens' S. 50) selbst einen Vorschlag und empfiehlt 
eine Einrichtung, die ehemals am Lyceum zu Mannheim bestand« 
'Der Unterricht im Französichen wurde in eigene Classen geordneti 
welche mit den Hauptclassen der ganzen Schule nicht zusammenhingen, 
sondern für sich bestehend die Schüler ohne Rücksicht, in weläer 
Classe sie sonst saszen , nach ihrem Eifer und ihrem Wissen in diesem 
Lehrgegenstande aufnahmen.' Dieser Vorschlag verdient jedenfalls alle 
Beachtung, aber auch die Thatsache, dasz man in Mainnheim längst 
wieder aus praktischen Gründen die betreffende Einrichtung aufgegeben 
hat. Das Gedeihen des französischen Unterrichts ist an den verschie- 
denen Anstalten des Landes an verschiedene Bedingungen geknüpft, 
imd es ist nötig, dieselben aufs reiflichste nach allen Seiten hin n 
erwägen, wenn das erwünschte Resultat erzielt werden solL 



fierichtigimg und Entgegnung. 147 

ftof das 'Cent mm' des ünterrichtsorganismas an den Gelehrtenschulen 
und den höheren Bürgerschulen bezieht. Er beachtet nicht, dasz die 
Confüsion, die er so gründlich zu bekämpfen wähnt, gründlich nur 
dadurch gehoben werden kann, dasz man auf ihre Quelle zurückgeht. 
Er beachtet aber auch nicht den Widerspruch, in den er mit sich 
selbst g^räth, wenn er die Frage überhaupt als absurd bezeichnet. 
Kurz zuvor nemlich hat er über Hm. GockeTs Schrift den Stab gebro- 
eben, weil sie keine Definition yon Gelehrtenschulen gebe, und jetzt 
Weht er über eine These den Stab, welche die Forderung einer sol- 
cken Definition in sich schlieszt. Und in demselben Augenblick, wo 
er die betreffende Frage als .absurd verwirft, erkennt er sie selbst wie- 
der als sweckmäsziff dadurch an, dasz er vorsors^lich eine Beantwor- 
tong derselben beifugt. Ebenso bewährt sich alsdann die Schärfe sei- 
ner Logik bei Beurteilung der These über die 'fragmentarische Be- 
handlung des mythologischen, antiquarischen, archäologi- 
schen Unterrichtsstoffes'. Der Argwohn, dasz ein Eingriff in die Bechte 
des Uniyersitätsprofessors versucht werde, läszt ihn übersehen, wie 
sehr die Fizierune des Zweckmäszijren in diesem Punkte an den badi- 
sehen Oelehrtenschulen Not thue. Ohne weiteres setzt er alsdann eine 
'verfehlte Ansicht' voraus und weist, auf diese Fiction gestützt, den 
Thesensteller darüber surecht , dasz er die Gymnasien 'auch zu Sitzen 
der Altertumsstudien machen' wolle. Ich halte es für überflüssig 
(die These nemlich ist von mir aufgestellt worden), einen so hyperbo- 
lisohen Vorvrurf zu widerlegen. Ueber die Frage selbst habe ich schon 
im J. 18ö0 in Mutz eil' s Zeitschrift für das Gymnasialwesen (S. 476 
—479) mich ausgesprochen, und ich trage kein Bedenken, die Ansich- 
ten, die ich dort geltend gemacht, der Hauptsache nach auch jetzt 
noch festzuhalten. Ausdrücklich aber habe ich dort gegen etwaige 
Uebexgiiffe von Seite der Gymnasien mich verwahrt. — Dieselbe Wtir- 
iSigang erfährt endlich auch folgende These, die ich aufgestellt: 'Wel- 
ches Oewicht soll dem künstlerischen Bildungselement neben dem 
wissenschaftliehen an den Gelehrtenschulen eingeräumt werden?' Zu- 
Bftchst wird auch hier eine Folgerung (die übrigens nicht unrichtig ist) 
anticipiert, nemlich dasz ein gröszeres Gewicht auf jenes Element 
nlegt werden solle; dann aber wird mit einem gleichen Sprung, wie 
W der vorhergehenden These , weiter geschlossen, dasz man 'also 
£s Gymnasien auch zu Kunstanstalten zu machen beabsichtige.' 
Bi läszt sich in der That kaum begreifen , wie ein alter Schulmann, 
bei dem doch eine reiche Erfahrung vorausgesetzt werden musz , über 
Berechtigung und Tendenz einer solchen Frage im Zweifel sein — 
H Sberhaupt einer so verkehrten Auffassung derselben Raum geben kann. 
7 Aber Hr. B. fühlt einmal, wie seine bekannte Praxis im Widerspruch 
■it seiner Theorie über die 'Idealschulen' zeigt, für das künstlerische 
Element der Bildung und Erziehung keine Neigung in sich, und Blinde 
werden schwer sich überzeugen lassen, dasz 'die Sonne bei Tag und 
licht bei der Nacht scheine'. 

Hr. B. begnügt sich jedoch keineswegs damit, in solcher Weise 
Gericht über die bezeichneten Thesen zu halten; er zieht auch noch 
\ einen für das gröszere Publicum berechneten Aufsatz, der in der ba- 
dischen Landeszeitung erschien, gleichsam an den Haaren herbei, 
am denselben zu einem Ausfall gegen mich zu benutzen. Zunächst ist 
es nur eine Mutmaszung, die er hegt, wenn er mich als Verfasser des 
Aufsatzes bezeichnet. Ich gestehe übrigens gern und offen, dasz ich 
ihn geschrieben; nur musz ich gegen die Verdächtigung protestieren, 
die in der betreffenden Kritik enthalten ist. Die Absicht dieser Kritik 
ist klar — ich verzichte darauf, sie näher zu bezeichnen. Der Aufsatz 
Uegt dem Publicum vor, und ich hoffe, dasz ein auf Grundlage der 
Protocolle verfaszter Bericht auch in diesen Blättern erscheinen wird. 
Unbefangene fiichter mögen entscheiden! 



148 Berkhligung und £ntgegiiuDg. 

Schlieszlich macht Hr. B. als Hauptmotiv seines Verfahrens die 
Liebe zur Sache geltend. Auch hier liegt ein Widerspruch yor und 
zwar der gröste — ein Widerspruch zwischen dem Wort und der Thai. 
Gewis ist uns im Qroszherzogtum Baden allbekannt, dasz Hr. B. im 
Qrunde nur Liebe für sich und zu seiner ßache hat. Warme Lieb« 
für die gemeinsame Sache nennt er 'Schwärmerei', und wenn diese 
Liebe Miene macht, ihn nicht für das Centrum — für das Masz aller Dinge 
zu halten, so steigert er den Ausdruck und nennt sie 'excentrisehe 
Schwärmerei.' Nur Insofern hat er Interesse, ja leidenschaftliches In- 
teresse an der Sache, als ihm die Festhaltung der bisherigen Sehul- 
organisation am Herzen liegt, an welcher er in früheren Zeiten xum 
Teil mitgewirkt hat, und die er als seine Schöpfung betrOiChtet. Axlb 
dieser Quelle flieszen auch vorzugsweise die Ausfälle gegen die Teil- 
nehmer der Offenburger und der Lahrer Versammlung, insofern 
durch sie eine Bevision der bisherigen Einrichtung beantragt wurde; 
aus dieser Quelle auch die ungerechten Angriffe geeen den Präsidenten 
jener Versammlungen, Hm. Geh. Hofrath Gockel. Ueber seine ei- 
gentliche Gemütsverfassung aber gibt er selbst die beste Aufklärung, 
wenn er am Schlusz seiner Schrift ('Zur Neugestaltung des badisehea 
Schulwesens' S. 60) sagt: 'Mir steht eine Erfahrung zu Gebote, lang- 
jährig und vielseitig zugleich, wie sie Niemand im Groszherzog^ 
tum Baden hat und haben kann, in ganz Deutschland aber 
nur sehr wenige.' Ich will diese Worte , die in bezeichnender Weise 
vom Verfasser durch einen französischen Fluch bekräftigt werden, 
hier nicht in die Sprache der Wahrheit übersetzen: im Groszherzogtnm 
Baden, wo Hm. Baumstarkes Praxis fast sprichwörtlich geworden ist, 
bedarf es einer solchen Uebersetzung nicht; die deutsche Gelehrten- 
welt aber darf sich zu dem Compliment , das ihr gemacht wird, und ■ 
das in Wahrheit ein solches ist. Glück wünschen. Wenn Hr. Banoi" ' 
stark wirklich Liebe zur Sache besäsze^ wenn er einen wahrhaft edlen 
Drang, an der Hebung und Verbesserung^ des badischen Schulwesens 
Teil zu nehmen , in sich fühlte ; wenn er in der That vom echten Geist 
des Humanismus, für den er in die Schranken zu treten vorgibt^ ge* 
genüber dem badischen Lehrerstande erfüllt wäre: dann hätte er ge- 
wis bei den Versammlungen zu Offenburg und Lahr selbst sich einge* 
funden; hätte persönlich dort auf dem Schauplatz des gemeinsamen 
Gedankenaustausches entgegenstehende Ansichten bekämpft' und die 
seinen zur Geltung zu bringen gesucht; hätte es insbesondere ver- 
schmäht, seine Beruf sgenoss^n unter dem Schein 'des wärmsten und 
uneigennützigsten Interesses' in engeren und weiteren Kreisen, selbst 
in auswärtigen Blättern zu verunglimpfen, herabzusetsen, su ver- 
dächtigen. 

Freiburg im Br. im März 1863. W. Purtwaengler^ 

Professor am Lyceum. 



Druckfehler im Januarheft. 



S. 26 erste Zeile lies ebenso glücklich statt glficklicher. 

S. 29 erste Zeile lies werden statt worden. 

S. 29 vierte Zeile lies halber statt selber. 

S. 29 sechste Zeile lies nieht blos statt nicht. 



Zweite Abteilung; 

(Sr Gymnasialpadagogik und die flbrigen Lehrfieher, 

'mit Aosschlasz der classiBchen Philologie, 
hennsgegelci ?•■ Prefetttr Dr. Heraaii Mailii. 



0. 

Die staatsmännische Wirksamkeit des Demosthenes. 



\hitnde sur Geburtstagsfeier Sr. Migest&t des Königs Johann von 
liehsan, gelialten yon Oberlehrer Dr. Hnltsch am 12. Deebr. 1802 

in der Krenzschole zu Dresden. 



Der Tag, der uns hier zu gemeinschaftlicher Feier vereinigt hat , ist 

hr 008 nicht hlosz, wie fOr das ganz.e Land, wo nur immer treue Herzen 

ian allgeliebten Könige entgegenschlagen, ein Freuden- und Festtag; er 

plt uof zugleich auch als Tag hoher Ehre. Denn je weniger das, was 

Mir im geweihten Dienst der Wissenschaft erstreben und wirken , prah- 

Mseh an das Licht der Oeffentlichkeit tritt, je weniger wir mit anderen 

lidUnngen des menschlichen Schaffens in die Schranken treten können, 

üese glanzende, so in die Augen fallencle Erfolge aufzuweisen haben, 

«aio willkonmiener musz uns ein Anlasz wie der heutige sein, wo wir 

ia Micher Vereinigung zeigen und bethätigen können , dasz in dem 

fTMKn Vereine der staatlichen Gesellschaft, des Vaterlandes, dem wir 

iBgdiÖren, auch wir thätige Mitglieder sind; wo wir mit Stolz darauf 

Umisen können , dasz sich unsere Wissenschaft nicht , wie ehedem , in 

itarren Rlostermauem vor dem regen Treiben drauszen abschlieszt und 

iiiich verknöchert, sondern, wenn auch in stillerund geräuschloser 

Wdie, teilnimmt an dem vollen Pulsschlage des Lebens, der frisch in 

fa Aflern der Gesamtheit rollen musz , wenn sie gesund und lebensfähig 

Ueiben soll. Ja auch wir sitzen an dem sausenden Webstuhl der Zeit, 

so sehr wir auch nach dem grösten Teile unsrer Thätigkeit das Feld 

insres Forschens in die ferne Vorzeit verlegt haben. Was wir dort in 

c&Üegenen .Gebieten finden und erwerben, ist für die Gegenwart, für das 

Vaterland nicht verloren; fruchtbringend wirkt und treibt es nach allen 

Seiten : was nur immer yon den Männern der Wissenschaft im Staat , in 

^r Kirche und sonst allci\thalben zum Wohl der menschlichen Gesell- 

Khaft gewirkt wird, es geht in seinen letzten Fäden zurück auf die stil- 

hi Stätten , wo der Jüngling an den edlen Vorbildern einer längst ent- 

tkinuidnen Zeit sich heranbildete, sich begeisterte. 

a. Jahrb. f. Phil. o. Pid. II. Abt. 1863. Hft. 4. 1 1 



1 50 Hultsch : über Demosthenes' staatsmännische Wirksamkeit. 

Wenn ich daher jetzt das Wort ergreife um im Namen der Schale 
dem Gefühle der Treue und Verehrung gegen unsern hohen Herrscher 
Ausdruck zu geben , so glaube ich es nicht besser thun zu können, ab 
indem ich mitten in den reichen Stoff hineingreife , den die Beschäftigon^ 
mit dem classischen Altertum vor uns aufrollt, und daraus einen G^8»> 
stand herauswähle, der nicht nur der wannen Teilnahme aller Gebildotai 
nahe liegt, sondern auch, wenngleich verschieden nach Zeit und Ver- 
hältnissen, doch eine lebendige Beziehung zu dem Tag der heutiges 
Feier hat. 

Ich will es versuchen in kurzen Zügen ein Bild von der staatsmän- ; 
nischen Thätigkeit eines edlen Griechen, vielleicht des edelsten von alleti 
zu geben, dem alle späteren Geschlechter die freudigste BewunderuBf] 
gezollt haben: ich will von Demosthenes sprechen. Wol haben 
ausführlich über ihn geredet und geschrieben; aber immer noch ist darj 
Gegenstand nicht erschöpft, immer noch lassen sich, wenn man nuraMi 
der lebendigen Quelle der gleichzeitigen Schriften schöpft, neue Seils«; 
der Beurteilung und Auffassung abgewinnen : gewis Grund und Berechfr Jl* 
gung genug für mich, wenn ich gegenwärtig das viel Besprochene 
der von neuem bespreche. 

Was Demosthenes im Stallte der Athener wirkte , kann nur dann 
richtigen Lichte erscheinen, wenn man den Stand der groszen staatlic 
Gegensätze, die damals schroff gegen einander auftraten, den 
neuer Ideen und einer neuen Zeit gegen alte , überlebte und vermoi 
Zustände, sich vergegenwärtigt. Die grosze That der gesamten 
in politischer Beziehung — denn nur von dieser rede ich hier — 
die Perserkriege, der grosze Erfolg der Athener insbesondere ihre ft^\ 
zigjährige Hegemonie über Griechenland. Man kann bei Betrachtung^-^ 
griechischen Geschichte zwei entgegengesetzte Seiten nicht scharf geng - 
hervorheben , die cantonale Regierung und die Hegemonie. Von Ahfln -^ 
her, und man kann sagen, auch von Natur, zerfiel Griechenland in fiie ; 
Menge kleiner Duodezherrschaften, die Herrschaften selbst wieder in ffl^ ; 
schiedene , ursprünglich abgesonderte Stadtgemeinden. Attika s* B. hatte ■■ 
nur 40 Quadratmeilen mit ^^ Million Einwohner, darunter % Sklaven, i 
Was in Griechenland in den engen Schranken cantonaler Abgesehlossea- : 
heit geschehen ist, entzieht sich dem Bereich der Weltgeschichte: vori 
diesem Forum kann nur das zählen, was durch gemeinsames Zusammei- 
wirken der griechischen Volksstämme geschehen Ist. In der herriichslen, 
niemals genugsam zu bewundernden Weise hat eine solche Vereinigng 
in den Perserkriegen gegen die Flut des orientalischen Völkerschwirmi 
stattgefunden ; danach am längsten fortgedauert hat da» Zusammenhallen 
wenn auch nicht aller, so doch der meisten griechischen Gemeinden ue 
ter Athens Hegemonie. Freilich war der Grund dieser Herrschaft schleeh- 
terdings kein fester, keiner, der einen ernstlichen Sturm hätte flberdanerii 
können. Es ist, glaube ich, eine ziemlich allgemeine Ansicht, Athen sei 
im peloponnesischen Kriege durch innere Zerrissenheit, durch die Bat- 
artung seiner Bürger zum Fall gekommen. Das darf nur mit grosser Be- 
schränkung zugegeben werden. Als gleich vom Anfang des Krieges an 




Hultach: über Demosthenes' staatsmSnnische Wirkiamkeit 151 

die Athener auch nicht einen schwachen Versuch machten die luTation 
IQ Lande und die Blokierung ihrer Stadt zu verhindern, war der Aus- 
gang des Krieges fast so gut wie entschieden. Ungestört beherrschten 
die Feinde den Isthmus von Korinth und Megara, die natüriiche Veiiiin- 
dugsbrOcke für die dorischen StAmme im Norden und die im Peloponnes : 
der vielgepriesene Feldzugsplan des PeriUes erwies sich in seinen Folgen 
dl ein verhängnisvoller Fehler, ebenso wie spSter, um nur eins noch zu 
crwflineii, der beispielslos geniale, aber auch beispielslos unglücldiche 
Af nach Sicilien. So fiel Athen, weil seine Seeherrschaft keine feste 
im zu Lande hatte; und als es fiberwunden war, da erfolgte auch in 
erschreckender Schnelle der innere Verfall, die Auflösung und Zersetzung 
des gesamte Staatswesens. Die stolzen Bürger , die fiber ein weites un- 
terthäniges Gebiet, oft mit groszer HSrte, immer mit schwer zu befriedi- 
digender Habsucht geherrscht hatten , die konnten in die engen Grenzen 
ihres durch den Krieg ausgesaugten und verarmten Landes sich nicht 
nieder zurechtfinden; am allerwenigsten vermochten sie durch harte 
Arbeit, strenge Sittenzucht, Enthaltsamkeit und Unterordnung des eige- 
nen Interesses unter das gemeinsame Wohl etwa den Staat von Grund 
ans wieder aufzubauen. So verzehrten sich die letzten Kräfte Athens 
teils in innerm Zwist, teils im ohnmächtigen Ringen nach Wiedergewin- 
nmg der. frühem Hegemonie. Noch mancher glänzende Lichtpunkt, 
nwiiHche herrliche Waflenthat tritt aus dem Dunkel jener Zeit hervor, 
iber der Untergang wurde dadurch nur verzögert, nicht verhindert. 
freilich waren in ähnlicher Lage auch alle übrigen Staaten Griechen- 
lands : keiner konnte ein entscheidendes Uebergewicht über die andern 
gewinnen , keiner eine fruchtbare Vereinigung der nach allen Seiten sich 
ihstosienden Elemente zu Stande bringen. So lag das edle Volk, herrlich 
wie kein andres von der ewigen Vorsehung begabt, dasselbe Volk, das 
pnUe zu der Zeil die hohen Meister in seiner Mitte zihlte , die in allen 
iweigen freier Geistesthätigkeit, in Kunst und Wissenschaft, allen Jahr- 
huderien voranleuchten sollten, es lag mit seiner staatlichen Existenz 
in langer schmerzhafter Agonie, ein trauriges, für alle Zeiten warnendes 
BOd politischer Zerrissenheit. 

Während dem giengen in einem Lande , das bisher wenig beachtet 
war, die kleinen Anfänge groszer Dinge vor sich. SeitwSrts von Thes- 
täm erstreckt sich in das ägäische Meer die schön gegliederte Halbinsel 
der Ghalkidike. Hier war die ganze, vielfach gewundene und buchten- 
reiche Küste mit griechischen Pflanzstädten besetzt, die bis zum pelo- 
ponnesischen Kriege unter athenischer Oberhoheit gestanden hatten, 
■achher aber frei geworden , einen eignen Städtebund unter der Leitung 
Olynth 8 bildeten. Das zunächst angrenzende Land im Innern, gewis- 
lemuuizen die Basis für das dem Meer zugewandte chalkidischc Dreieck, 
iit Makedonien. Es war damals ein kleines Reich von kaum 100 
Qnadratmeilen , eng eingeklemmt zwischen den wilden Gebirgsstämmen 
in Westen und Norden, und der blühenden Macht der griechischen Städte 
n der Küsle , die ihm den Zutritt zum Meere gänzlich versperrten. Hier 
kerrscliten von Alters her Könige über einen unbändigen, zu Parteiungen 

11* 



152 Hnltsch : über Demosthmies' ftfj|>hwt>nni8che Wirksamkeit 






geneigten Feudaladel. Die Erbfolge lüiiti nicht festgeordnet, und Thron- 
streitigkeiten an der Tagesordnung: diese wiederum brachten fremde 
Einmischung mit sich. Es war nicht lange nach dem pelopoi^nesiachen 
Kriege, als zwei Dynastieen in erbittertem Kampf sich den Thron streitig 
machten. Da hatte Theben mit Nachdruck interveniert: Pelopidas war 
von Thessalien aus eingerückt, hatte die Thronfolge nach seinem Ennetf 
sen geordnet und die edelsten Söhne des Landes als Geiseln mitgenom- 
men. Neben den Thebanern suchte Athen Einflusz zu gewinnen, et un« 
terstützte mehrfach die gegenthebanischen Prätendenten, und dünkte 
sich, so schwach es auch damals war, doch mit Recht noch stark genug 
dazu das kleine Reich zu einer Dependenz seiner in der Ghalkidike neu 
zu begründenden Herrschaft herabzudrücken. Und als ob alles Unglück 
mit einem Schlage über das bedrohte Land hereinbrechen sollte, so dran- 
gen jetzt gerade, wie schon oftmals früher, die Illyrier mit ihren wilden j 
Horden ein: der König Perdikkas unterlag mit den Seinen iu blutiger l 
Schlacht, und viele Städte öffneten den Siegern die Thore. Dazu plflip '' 
derten im Norden die Päonier; zwei Thronprätendeuten , der eine van 
einem thrakischen, der andere von einem athenischen Heere unterstütit, ^ 
drangen in das Land ein : kurz das Ende Makedoniens und seine Teilung 
unter die mächtigen Nachbarn schien unabwendbar. Aber es soUte anden 
kommen. Für den unmündigen Sohn des erschlagenen Königs flbemalni 
des Königs jüngerer Bruder Philipp , selbst noch ein 23jähriger Jünglii^i 
die Regierung, und hiermit greift in den Gang der Ereignisse eine starks 
Hand, ein hoher Genius ein, wie es wenige in dem langen Lauf der 
Weltgeschichte gegeben hat. ^ 

Wer hat nicht davon gelesen, wie später Philipp's groszer Solu | 
Alexander auf dem Zuge nach Asien den Grabhügel des Achilles besochto ^ 
und in feurigem Ausrufe jenen Heldenjüngling glücklich pries, dasi or 
einen Homer als Herold seiner Tapferkeit gefunden habe. Was in dieici : 
Worten Alexander's als sehnlicher Wunsch verborgen lag, das ist ihm 
erfüllt worden: er hat seine begeisterten Geschichtsschreiber gefunden, ' 
die bis auf die fernsten Tage das Andenken seiner groszen Thaten leben- 
dig erhalten werden. Seinem Vater Philipp ist diese Gunst des Sdnek- ' 
sals nicht zu Teil geworden: aus mannigfachen Gründen, die hier zu ; 
entwickeln unmöglich ist, hat das Urteil des Altertums sich öfter gegen, .- 
als für ihn gewendet, hat seine Fehler einseitig vergröszert, seine edlen 
Seiten verkleinert oder ganz verhüllt. 

Und doch, trotz aller dieser Ungunst, hat ein späteres Zeitalter dk 
Grösze des Mannes mit gerechter Würdigung anerkannt: so deutiieh 
sprechen für ihn seine Thaten , seine glänzenden Erfolge. Wir verliesien 
den jungen König soeben, wie er unter traurigen Wirren die Regierung 
über ein dem Untergange nahes Reich antrat — wir brauchen nur we- 
nige Jahre seiner Regierung zu verfolgen, um ihn als mächtigen Fürsten, 
als Herren des Meeres, als den überlegenen Gegner der griechischen 
Kleinstaaten wiederzufinden. Wie er das erreicht hat, ist geradezu wun- 
derbar. Zuerst verdrängt er die von ausländischen Heeren herbeigeHGUir- 
ten Prätendenten, beschwichtigt die Päonier und Thraker durch äugen- 



7 Hnltseh: Aber Demostheoes' staatsmlnnische Wirksamkeit. 153 

bliddiche ZugesUindnisse, besiegt dann in entscheidender Schlacht die 
Dlyrier, und stellt so kaum in Jahresfrist die alten Grenzen des kleinen 
Reiches wieder her, das er jetzt unbestritten und unangefochten be- 
herrscht. Aber sogleich geht sein Blick weiter. Der Zutritt zum Meere, 
nif das sein Land das natürliche Anrecht hat, ist ihm verschlossen, das 
leer musz erreicht werden , dann erst ist den weitem PlSnen freie Bahn 
gdmchen. Zuerst fiel Amphipolis, die reiche Handelsstadt, dann folgte 
weiter Schlag auf Schlag die Einnahme von Pydna, Potidäa, Methone. So 
wv die ganze Küste mit Ausnahme derTchalkidischen Halbinsel in seinen 
fflnden. Hier stand, wie schon bemerkt, Olynth an der Spitze eines 
aaehnliehen Stftdtebundes , der in thörichter Eifersucht gegen Athen 
dmals eng mit dem Könige sich verband. Athen selbst war durch Phi- 
^ip's Vorgehen in Krieg mit diesem gerathen, hatte es doch alte Ansprü- 
che auf Amphipolis , seine ehemalige Golonie, waren doch in Potidäa vor 
kinem athenische Bürger als Kleruchcn angesiedelt worden. Aber Athen 
führte den Krieg so lässig und schmachvoll wie nur möglich ; für Poti- 
Aa wurde rechtzeitig keine Hand erhoben und auch sonst nichts nen- 
■e&swerthes geleistet. So schritt Philipp ungehindert weiter. Schon er- 
sdiienen, anerhört für alle Griechen, makedonische Kaper auf der See 
und machten den Athenern die Meerherrschaft mit Glück streitig ; ja aus 
der nlchsten Nähe von Athen wurde das athenische Fest- und Gesandt- 
achaftsschiff, die Paralos, als gute Beute weggeführt. Daran reihten 
ikh noch glänzendere Thaten zu Lande. Thrakien bis zum Flusse Nestos 
wurde erobert, damit die reichen Bergwerke, die über l^y^ Millionen 
jlbriiche Einkünfte brachten; dann wurde Thessalien durch einen kurzen 
Feldzug gewonnen, und im Norden durch Eroberung mehrerer Plätze 
der Einflusz bis zum fernen Byzanz am Bosporos ausgedehnt. 

So weit war Philipp gekommen , als der grosze Redner Athens 
Vaterstadt zum energischen Widerstand gegen den drohenden Geg- 
anzufeuem begann. Bei den nächsten Ereignissen werden wir also 
bnger verweilen müssen. Aber um gleich jetzt das einmal begonnene 
Bild in kurzen Zügen zu vollenden , sei noch im Ueberblick der ferneren 
Thaten Philipp's bis zur Unterwerfung Griechenlands gedacht. Das mäch- 
tige Olynth fiel trotz des leider verspäteten Beistands von Athen; und 
«anittelbar darauf folgte die Einmischung in die griechischen Angelegen- 
heiten. Der heiUge Krieg gegen die Phokier bietet den willkommenen 
Anlasz dnrch die Thermopylen in Griechenland einzudringen , das phoki- 
sdie Heer und Volk wird vernichtet , durch Aufnahme in den Amphiktyo- 
nenbund wird der Einflusz des Königs auf Griechenland legalisiert; bald 
gewinnt er im Peloponnes, dann in Euböa festen Boden, und befestigt 
seine Herrschaft zur See. Dann folgte als kurze Episode der glänzende 
Feldzug in Thrakien , durch welchen , wenn auch Byzanz vergeblich be- 
stürmt war, doch die makedonische Herrschaft bis an die asiatische Küste 
ausgedehnt wurde. Und nun kam der letzte Schlag, der blutige Tag von 
Chäroneia, wo Thebens und Athens vereinigtes Heer dem längst über- 
michtig gewordenen Gegner in rühmlichem Kampf unterlag. Philipp war 
Barr von Griechenland. Die durch eigene Kraft hie erreichte Einheit war 



154 Hultsch: über Demoslhenes' staatsmännische Wirksamkeit. 

unter starker Hand von auszen zu Stande gekonunen; aber es war keis 
fremdländischer Despot, der die Blüten des griechischen Lebens geknidit 
und verdorben hätte, sondern ein stammverwandter, den edelsten Zielen 
des Ruhmes nachstrebender Herrscher, der, was nur von griechitcber 
Tüchtigkeit noch vorhanden war, mit dem genialen Fluge einer gross« 
Seele zusammenfaszte , der die Feldherm und Heere heranbildete , die dii i 
alten Träume Griechenlands von dem Vergeltungszug nach Asien ver^ i 
wirklichen sollten, der sich seinen reichbegabten Sohn als Träger seiner J 
Ideen heranzog, sodasz, als den Vater der meuchlerische Stahl früiueitig 'A 
dahinraffte, dieser seine Pläne aufnehmen, Asien erobern , eine neue Welt h 
der griechischen Gullur eroffnen konnte. Und mag auch immer die neue f 
Schöpfung, wie sie mit fast unglaublicher Schnelle emporblühte, so aucl • 
schnell wieder verwelkt und zerrissen sein ; der zerstreute Saame hat ; i 
ferner und ferner seine reiche Frucht getragen , und von allem dem ha- j i 
ben wir Anfang und Ursache auf den makedonischen König zurückn- )i 
führen. )i 

Dies mein Urteil über Philipp, über seine providentielle Stellung ai .^i 
der Weltgeschichte. Doch wir müssen uns nun zurückwenden, denn wv 
sprechen heute mit dem alten Römer Victrix causa diis placuit, sed vksti 
Gatoui. Nicht blosz der Erfolg erteilt den Preis. Auch dem edlen Streiter,. -j 
der ankämpfend gegen ein übermächtiges Element, unerschütterlich wie 
ein Fels im Meere steht; der treu auf dem Posten ausharrt, woiiin ihn 
Gott gestellt, jede Art von Aufopferung freudig dem Vaterlande daii>ringt» 
und zuletzt seme Ueberzeugung mit dem Tod besiegelt, auch diesem un- 
vergleichlichen Manne gebührt der Kranz des Sieges , der Preis und dto 
Bewunderung aller späteren Geschlechter. 

Zuerst erscheint es nötig einen Blick auf Demosthenes frühere Le^ 
bensgeschichte zu wenden. Geboren in einem altangesehenen, glänzenden 
Hause hatte er frühzeitig den Ernst, ja die Bitterkeit des Lebens kmine» 
gelernt. Als siebenjähriger Knabe verlor er seinen Vater. Zwar hatte 
dieser alle erdenkliche Vorsorge getroffen, indem er zu Vormündern sdne 
beiden nächsten Anverwandten und als dritten seinen alten Jugendfreoad, 
alles wohlbegüterte Leute einsetzte, und sie noch besonders mit reichen 
Legaten bedachte; — aber es waren gewissenlose Männer, die sich die 
Gelegenheit nicht entgehen lieszen das schöne Vermögen mit Anstand 
für sich durchzubringen. Als Demosthenes nach iOjähriger Unmündigkeit 
sein Erbe antrat, wurde ihm von dem reichen väterlichen Besitze nock 
nicht der zehnte Teil ausgeliefert. Da faszte er im gerechten Zorn den 
kühnen Gedanken die treulosen Verwalter anzuklagen und zur Aueliefe- 
rung des entwendeten Gutes zu zwingen. Ich sagte , es sei dies ein küh- 
ner Gedanke gewesen. Allerdings hatte er das gute und volle Recht eutp 
schieden auf seiner Seite — wir sind gerade über diese Frage so voll- 
kommen genau unterrichtet , dasz wir alles bis ins Einzelste controUeren 
können — aber der Rechtspunkt war dermalen zu Athen ehie ver^ 
altete Institution, an die niemand von dem aufgeklärten Volke mehr 
glaubte. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dasi kam 
irgend einer von den gröszern Processen jener Zeit, von denen wir Kuade 



Huitseh: Ober Demoslhenes' staaUmlnnischc Wirksamkeit. 155 

haben, nach dem Rechte entschieden worden ist. Und wemi^ was aller- 
dings vorkam, die Entscheidung doch eine gerechte war, so hatte gewis 
alles andere als bloss das formale Recht dazu geführt : dermaszen hatte 
der Parteigeist , das Goterieenwesen alles überwuchert. So drang auch 
taaosthenes trotz der fast übermenschlichen Anstrengungen , die er fünf 
likn lang aufwandte , trotz der schweren Opfer, die er mit Dransetzung 
lUBtt letzten Habe brachte — er muste z. R. seinem Lehrer Isäos für 
denen Unterweisung und Rechtsbeistand nahe an 3000 Thlr. zahlen — 
(roll alledem drang er mit seiner Klage nicht durch. Die Gegner wüsten 
alle die Ausreden und Ghikanen, für die das attische Gerichtswesen so 
iticlilichen Spielraum llesz, so geschickt in Scene zu setzen, dasz selbst 
die wirklich erfolgte Verurteilung eines der Vormünder den Demoslhenes 
Mch nicht zu seinem Vermögen brachte. Er muste schlieszlicli den Weg 
der Ausgleichung einschlagen und mit einem spärlichen Abfindungsquan- 
tom für seine groszen Verluste sich begnügen. 

So stand Demosthenes als 2^ahrlger Jüngling in der Welt, verlas- 
len und betrogen von seinen nächsten Anverwandten, reich an bittern 
Erfrhnuigen, bekümmert selbst durch die Sorge um eine standesgemäsze 
Enstenz. Aber des Schicksals harte Schläge beugen nur den Schwachen 
md Kleinmütigen ; den Starken, den echt Mannhaften spornen sie zu um 
le gröszerer Kraftanstrengung an. Und selbst das erlittene Unrecht trug 
guten Früchte. Durch die Notwendigkeit getrieben hatte Demosthe- 
sein Glück als Redner versuchen müssen : hier war er sich über seine 
Bestimmung klar geworden. Von nun an widmete er sich mit eiserner 
Ausdauer dem schweren, undankbaren Rerufe eines Redners, undankbar 
wenigstens für jeden , der nicht um die augenblickliche Volksgunst buh- 
let, nicht unredlich zur gelegenen Stunde mit öffentlichem Gut sich be- 
leiehem wollte. Es ist allgemein bekannt, was von den mühsamen Stu- 
te, den harten Proben erzählt wird, die er sich auflegte, um sich voil- 
sttadig zum öffentlichen Redner auszubilden. Denn die äuszere Regabung 
ZB der schwierigen Kunst der Rede fehlte ihm fast gänzlich. Freilich 
Uanen wir uns kaum eine rechte Vorstellung von den überspannten An- 
fNderungen machen, die das verwöhnte Auge und Ohr der Athener an 
dea öffentlichen Redner stellte. Am kürzesten läszt es sich etwa so aus- 
4Uen: der Redner muste sowol die ins feinste ausgebildete Action, als 
da ladellosen Vortrag eines vollendeten Schauspielers haben. Allerdings 
wer einmal bei dem souveränen Volke in Gnaden stand, von wem man 
wnste, dasz er immer etwas angenehmes, so rechten Ohrenkitzel für die 
grenzenlose Selbstgefälligkeit der Menge brachte, den dispensierte man 
gern von den strengen Vorschriften , der konnte nach Gefallen , wie man 
sagt, ins Zeug hineinreden, konnte derbe Späsze und plumpe persönliche 
Ausfälle gegen seine Widersacher bringen , konnte sogar auch , wenn er 
ei nur geschickt anzufangen wüste , das Volk einmal schelten oder sonst 
etwas miszliebiges wagen ; wer aber der Volksgunst sich noch nicht er- 
freute, oder in jenem schlechten Sinne sie gar nicht erstreben konnte 
loch mochte, der muste wolgerüstet auftreten, um nicht etwa gleich 
Udk den ersten Worten durch endloses Murren und Gelächter am Wei- 



156 Hultsch: über Deinosthenes* staatsmäimisdie Wirksamkeit. 

tersprechen Terhindert zu werden. In der That, wenn man so liest, wel- 
che unendliche Mflhe Demosthenes es sich hat kosten lassen , um nur den 
äuszern Anforderungen des Vortrags zu genügen, so erregt es fast Be- 
dauern, dasz soviel Kraft, soviel Eifer an eine so wenig würdige Zuhörer- 
schaft, wie das athenische Volk seiner Mehrzahl nach war, verschwendet 
werden muste : es drängt uns aber auch zu um so gröszerer Bewundenag g 
des Mannes , der , treu im Dienste des Vaterlands , auch den verwöhnten i^ 
Launen seiner Mitbürger mit unerschöpflicher Geduld zu folgen nie er- .x 
müdote. * 

So ward Demosthenes zum Staatsredner, so trat er in einem Alter k 
von kaum 30 Jahren öffentlich auf, gerade als es die höchste Zeit war, 1 
nicht zwar den Untergang der griechischen Freiheit aufzuhalten — denn £ 
der war unabwendbar — , wol aber um sein Vaterland zu einem letzten 3 
mannhaften Ringen aufzustacheln, sodasz es wenigstens mit vollen Ehret ~ 
untergegangen ist. 

Wir übergehen die ersten politischen Reden des Demosthenes, die 
ein umfängliches Eingehen auf die verwickeltesten Verhältnisse erforden 
würden, und wenden uns unmittelbar zu dem wichtigsten Abschnitt sei- 
ner staatsmännischen Thätigkeit, der von dem Kampf uin Olynth bis zv 
Schlacht von Ghäroneia geht. 

Die Aufgabe, die Demosthenes, und mit ihm jeder echte Patriot In- 
der olynthischen Frage zu lösen hatte, war der Form nach eine sdir 
einfache. König Philipp bedrohte die Ghalkidike, vor allem Olynth. Die» 
Stadt hatte früher, um ihre Unabhängigkeit gegen Athen zu wahren, skh % 
Makedonien zugeneigt; jetzt, da sie sich von jener Seite bedroht sah» 
suchte sie naturgemäsz wieder an Athen sich anzuscblieszen uüd von dmt 
Beistand zu erhalten. Nun ist die gewöhnliche Ansicht, die Athener ' 
hätten trotz der feurigen Reden des Demosthenes, aus gewohnter Lässig- 
keit und Scheu vor dem Kriegsdienst, die Hülfssendung erst unterlasset^ 
dann zu spät ins Werk gesetzt. Im wesentlichen ist das , wer wollte es - 
leugnen, richtig; aber so ganz einfach liegt die Sache doch nicht, kk 
musz hier mit einem Worte den damaligen Staatshaushalt Athens und IL 
seine inneren Verhältnisse berühren. Der Staat war durch die Kriege der • 
letzten Jahre, besonders durch den verhängnisvollen Kampf mit den Run- "^ 
desgenossen , in Wahrheit moralisch und materiell erschöpft. Es liest '*' 
sich gut die Anforderung stellen mit Bürgerheeren in den Krieg zu zie- 
hen; aber die Reihen der Bürger, die ausziehen konnten, waren wirkliek ' 
sehr gelichtet : es liesz sich gut von patriotischer Aufopferung des eige- 
nen Gutes für das Gemeinwohl reden; aber der Staat war sowol im gai- '. 
zen als die Bürger im einzelnen verarmt. Unter solchen Verhältnisisei 
hatte das Aufgeben der Groszstaatspolitik und die alleinige Sorge für die 
materiellen Interessen des Volkes gewis Berechtigung. Die Sache wtf, 
wie gesagt, an sich gut, aber sie kam leider in die schlechtesten Hände. 
Das Haupt der Friedenspartei war Eubulos, der, bekleidet mit dem 
wichtigen Amte eines Staatsschatzmeisters , durch geschicktes Eingehen 
auf die Wünsche und Bedürfnisse der Menge einen fast unumschränkten 
Einflusi zu erreichen wüste. Er war ein Meister in der Sorge fOr das 



HuHsch: Ober Demosthenes* staatsmänniscbe Wirksamkeit. 157 

materielle Wohl; die gründlich zerrütteten Finanzen Athens eriiolten sich 
schnell, die dürftigen Einkünfte, der letzte Rest von Athens früherer 
Bifite , worden sparsam für den innem Bedarf zusammengehalten, und so 
im Budget ein ziemlich gesicherter Ueberschusz erzielt, der in die so 
berühmt- oder vielmehr berüchtigt gewordene Theohkenkasse flosz. Je- 
dermann weisz , dasz nach Perikles' Einrichtung der Ueberschusz der da- 
mals glänzenden Staatseinkünfte einem besondem Kriegs- und Reserve- 
fond zu Gute kam. Bei der hohen Blüte der athenischen Macht \Mirde 
das Geld aber durchaus nicht alles zu Kriegszwecken gebraucht ; es schien 
daher unbedenklich eiuen Teil des Ueberflusses zur Unterstützung der är- 
meren Bürger zu verwenden. Zunächst wurde denselben daraus das Eiu- 
trittsgeld in das Theater vergütet, daher der Name Theorika oder Schau- 
gelder; dann wurde auch zu andern Festen zur Erhöhung des Festgenus- 
ses ein kleiner Beitrag gezahlt. Rechnen wir nun dazu, dasz auch, aller- 
dings aus andern Kassen, für das Erscheinen jedes Bürgers in der Volks- 
versammlung, für jede Gerichtssitzung Sold gezahlt wurde, und dasz alle 
diese verschiedenen Sportein etwa ausreichten um den kleinen Bürger in 
sfiszem Nichtsthun ein dürftiges Auskommen zu sichern , so ist leicht zu 
s^en, wie sehr es eine Lebensfrage für das Volk war, dasz die Gelder 
für die allgemeine Staatsversorgungsanstalt immer recht ergiebig flössen. 
Dafür sorgte denn Eubulos in trefflichster Weise. Zu seiner Zeit kamen 
nach Gesetzesbestimmung die Ueberschüsse aller Staatseinkünfte in die 
Tbeorikenkasse; und als später ein Freund und Gesinnungsgenosse des 
Demosthenes den Versuch machte jenes verderbliche Gesetz aufzuheben, 
da traf ihn der volle Unwille des souveränen Volkes , und es erfolgte das 
fast kindisch thörichte Gesetz, dasz jeder fernere Antrag auf Abschaffung 
der Tbeorikenkasse mit dem Tode bestraft werdep sollte. 

Diese ganze Wirthschaft hatte solange einige Berechtigung, als ein 
iuszerer Krieg nicht unumgänglich nötig war, solange es sich nur um 
ein Aufgeben der so oft mit Unglück betriebenen Groszstaatspolitik han- 
delte. Aber durch Philipp's Auftreten drängte eine ganz andere Frage 
sich vor, die Frage um Sein oder Nichtsein des Staates. Dies in verhält- 
nismäszig früher Zeit, wo noch die meisten blind sich verschlossen, er- 
kannt zu haben, ist das grosze Verdienst des Demosthenes; das zweite 
nicht minder grosze, nach unsäglichen Muhen zunächst alle einsichtsvol- 
len und patriotischen Bürger, dann aber auch die Mehrzahl des Volkes zu 
der gleichen Ueberzeugung gebracht zu haben. 

Und nun haben wir den richtigen Hintergrund, um zunächst Demo- 
sthenes Thätigkeit in der olynthischcn Frage recht würdigen zu können. 
Philipp hatte die Feindseligkeiten in der Ghalkidike eröfl'net und bedrohte 
dadurch Olynth. Die Stadt sandte ein dringendes Freundschafts - und 
Hülfegesuch nach Athen. Demosthenes sprach für das Bündnis; er er- 
neuerte, als nur eine ganz unzureichende Unterstützung abgesendet war, 
seine ernsten Vorstellungen durch eine allgemeine Steuer eine erfolg- 
reiche Expedition zu ermöglichen; er räth endlich, als Philipp immer 
weitere Fortschritte machte, geradezu die Ausrüstung eines Bürgerhee- 
res, und andeutungsweise auch die Verwendung der Theorikengelder zu 



158 Hultsch: über Demosthenes' staatsmännische Wirksamkeit 

Kriegszwecken. So erreichte er endlich, dasz wirklich ein aosehnliches 
Heer zur Hülfe entsendet wurde. Allerdings kam das zu spät; Olynth 
war bereits gefallen und die Schmach Athens grosz; aber öines hatte 
Demosthenes gewonnen, die bisherige Alleinherrschaft der unwürdigen 
Friedenspartei war gebrochen, und er konnte fortan freier und mit bes- 
seren Aussichten seinen Mitbürgern in der Volksversammlung die nötigen 
Opfer zumuten, konnte wirksamer in die ganze Leitung des Staates ein- 
greifen. 

Das hat der edle Mann denn auch mit unerschütterlicher Energie 
gelhan. Er ist fortan das anerkannte Haupt der kleinen patriotischen 
Partei , die das bedrohte Vaterland durch Anspannung der letzten Krftibe, 
durch Anbahnung einer Vereinigung mit dem übrigen Griechenland zu 
retten versucht; er ist die Seele aller Beschlüsse und Verhandlungen, die 
darauf hinzielen , er verfolgt seine dornenvolle Laufbahn unbeirrt durch 
die Lästerungen seiner Gegner , unbeirrt selbst durch das herbe Gefühl, 
trotz des redlichsten Willens oft nur Ungenügendes zu erreiche, oft auch 
alles zu verfehlen. 

Zunächst wurde, da der Anstosz einmal gegeben war, die Action 
gegen Philipp mit lobenswerthem Eifer fortgesetzt; sowol in den thraki- 
schen Küstenstädten gegen Philipp selbst, als auf Euböa gegen den dort 
kommandierenden Parmenio nahmen die Athener eine Achtung gebietende 
Stellung ein. Da kamen die unglückseligen Friedensvorschläge Philipp's 
nach Athen. Die Friedenspartei , die unter dem Druck der letzten Ereig- 
nisse sich gänzlich verkrochen hatte , schosz wieder empor und streckte 
mit Begeisterung die Hände nach den unsicheren , und überdies nur für 
Makedonien günstigen Bedingungen aus. An ihrer Spitze standen jetzt 
zwei Männer , die sich eine traurige Berühmtheit um ihr Vaterland er- 
worben haben : Philokrates und Aeschines. Philokrates war geradezu mit 
makedonischem Golde erkauft, er machte selbst kaum ein Hehl daraus 
und prosperierte während dieser ganzen Zeit in seiner frechen plumpen 
Weise als das Haupt der makedonischen Partei. Ihr eigentlicher Sprecher 
aber, dessen wunderbar wirkende Beredtsamkeit die hochangesehenen 
Herren benutzten, um ihr verrätherisches Beginnen der Menge unter 
gutem Deckmantel annehmbar zu machen , das war Aeschines. Von nie» 
drigen Aeltern stammend, die in Folge des Krieges heruntergekommen 
waren und sich in Armut und Dürftigkeit ihr Brod verdienten, hatte Ae- 
schines von der untersten Stufe der trotz aller Demokratie vielfach ge- 
gliederten athenischen Gesellschaft sich emporarbeiten müssen. Erst Ge- 
hülfe seiner Aeltern, dann Lohnschreiber, dann Schauspieler in unbe- 
deutenden Nebenrollen , dann unter Eubulos wieder Schreiber in kleinen 
Aemtchen mit kärglichem Lohn hatte er mühsam sich durchgekämpft, bis 
er das angeborene Talent zum Volksredner zur Geltung bringen konnte. 
So mit aller der rücksichtslosen Energie, aber auch mit der Charakter- 
losigkeit, wie sie Emporkömmlingen so oft eigen ist, ergriff er seine po- 
litische Partei. Wäre kein Demosthenes gewesen, wer weisz, ob ihn 
nicht sein guter Genius auf die Seite der Patrioten geführt hätte; aber 
neben diesem Manne konnte er nicht wirken: der Neid, die Eitelkeit, 



HalUch: über Demostiienes' staatsmAnnische Wirksamkeit. 159 

die Scheelsucht, alle schlimmen Triebe seiner Natur machten ihn zu sei- 
nem erbittertsten Gegner. So lieh er seine glänzende Beredtsamkeit, die 
vielleicht, wenn ihr nicht die Wahrheit und sittliche Grundlage fehlte, 
noch Aber die seines Gegners gestellt werden moste, der makedonisch 
gesinnten Friedenspartei. Wie die Ereignisse im einzelnen welter ver- 
Hefen, können wir hier nicht verfolgen; können nicht von den verschie- 
den Gesandtschaften hin tmd her, von den Friedensverhandlungen her 
md hin sprechen, die sich faszt zwei Jahre hinzogen ; genug der berüch- 
tigte Friede, der den Namen nach seinem Anstifter Philokrates fährt, 
kam erst dann zu Stande , als Philipp nicht nur in Thrakien festen Fusz 
gegen die Athener gefaszt hatte, s(yidern auch in das eigentliche Grie- 
chenland, in Phokis, eingerückt war, den heiligen Krieg beendigt hatte 
ond als Haupt des Amphiktyonenbnndes die Athener, wenn sie etwa den 
Frieden zurückweisen wollten, mit dem Schicksal der unglücklichen Pho- 
kier bedrohen konnte. 

Demosthenes hatte während dieser ganzen trüben Zeit mit dem red- 
lichsten Eifer für das Beste seines Vaterlandes gewirkt. Wenn er auch 
du Unglück im ganzen nicht zurückhalten konnte, so hatte er doch im 
emzehien, so viel als nur immer möglich, zu retten und gut zu machen 
gesucht Zuletzt, ab nach Beendigung des phokischen Krieges der Friede 
lor unabweisbaren Notwendigkeit geworden war, und dennoch — jetzt 
vkl KU spät — das Volk in blmdem Unmut ihn zurückweisen wollte, da 
trat er, gewis mit schwerem Herzen, in einer überzeugenden Rede für 
den Frieden auf und führte seinen Abschlusz herbei. 

In der nächsten Zeit konnte er wenigstens wieder frische Hoffnung 
aufkeimen lassen und den Gedanken der Ausführung nähern , an dem er 
mit ganzer Seele hieng, gegen den drohenden Feind eine Vereinigung 
aDer griechischen Stämme herbeizuführen. Schon hatte Philipp seine 
ttode auch im Peloponnes allenthalben. Dorthin gieng Demosthenes als 
flaopt einer athenischen Gesandtschaft. Der alte Streit zwischen Sparta 
und den übrigen peloponnesischen Staaten drohte eben wieder in lichten 
Flammen auszubrechen , denn Philipp hatte den Feinden Spartas allerlei 
Versprechungen und Aussicht auf nahe Hülfe gemacht. Wie eindring- 
lieh, wie ernst und selbst drohend ermahnte damals Demosthenes die 
Messenier und Argiver zur Eintracht mit den Stammesgenossen, zum 
Schutz ihrer Freiheit gegen den auswärtigen Herrscher. Er drang zwar 
nicht durch ; als aber bald darauf Gesandte sowol von den Peloponne- 
slem als von Philipp nach Athen kamen , um unter verschiedenen Vor- 
wänden , im Grunde nur wegen der patriotischen Versuche Athens, Klage 
zu führen , da hatte er wenigstens die Genugthuung , frei und offen als 
Vertreter eines Staates, der wieder Selbstgefühl erlangt hatte, auftreten 
zu können, und in würdiger Rede zu zeigen, dasz für jetzt noch nicht 
die griechische Freiheit vor dem amphiktyonischen Herrscher sich beuge. 

Unterdes war die Partei des Demosthenes , die Partei aller Edelge- 
sinnten, so weit erstarkt, sie hatte das erschlaffte Volk so weit zur Ein- 
sicht des drohenden Unheils gebracht, dasz an die Wiederaufnahme des 
Kampfes gedacht werden konnte. Hätte allein die Vorsicht im Rathe reden 



160 Hultsch: über Demosthenes^ staatsmännische Wirksamkeit. 

dürfen , gewis man würde sich für ein längeres Hinausschieben entschie- 
den haben; aber Philipp*s nunmer rastende Unternehmungen, die immer 
offener gerade gegen Athen sich richteten , führten zu der Ueberzeugung, 
dasz der entscheidende Kampf bald gewagt werden mtiste, wenn er nicht 
ganz unmöglich werden sollte. 

Am äuszersten Ende der Südküste von Thrakien , das wir schon 
wiederholt als Kriegsschauplatz erwähnt haben, da, wo das ägäische 
Meer zur schmalen Propontis sich verengert , liegt die Halbinsel von Gal- 
lipoli , damals der Ghersones genannt. Sie war ein altes Besitztum der 
Athener. Mit schweren Opfern hatten sie trotz aller andeiii Verluste die- 
sen wichtigen Punkt sich erhalten , und erst vor kurzem attische Bürger 
als Golonisten in die dortigen Städte geschickt. Nur eine, Kardia, von 
makedonischem Einflusz beherrscht, verschlosz den Ankömmlingen die 
Thore. Da warb der athenische Feldherr Diopeithes, der eben 'die Golo- 
nisten an Ort und Stelle gebracht hatte , auf eigene Hand ein Söldnerheer 
und begann entschlossen die Feindseligkeiten gegen Kardia und andere 
thrakische Städte, die bereits in Philipp*s Händen waren. Natürlich liefen 
drohende Beschwerden und Klagen von diesem in Athen ein. Aber De- 
mosthenes liesz sich dadurch nicht zurückschrecken. Diopeithes durfte 
nicht desavouiert , der gebotene Anlasz zum Kriege nicht von der Hand 
gewiesen werden. In diesem Sinne erhob der Redner zweimal seine ge- 
waltige Stimme, zunächst über die Lage des Ghersones, in Folge dessen 
Diopeithes im Oberbefehle bestätigt wurde, bald darauf direct gegen 
Philipp , indem er offen zum Kampfe und zu einer Vereinigung aller Grie- 
chen gegen den gemeinsamen Veind aufforderte. Mit Recht steUt man 
diese beiden Reden hoch über alle früheren, so ergreifend spricht sich 
in ihnen der Schmerz über den traurigen Zustand des engern wie des 
weitern Vaterlandes aus , so dringend ertönen die Mahnungen an das Volk 
sich endlich , endlich einmal zur wahren Einsicht, zur frischen That em- 
porzuraffen. Leider wird hier eine kurze Gharakteristik immer faii)lo8 
bleiben ; nur ein näheres Eingehen auf den Inhalt , und selbst auf den 
Wortlaut der Reden könnte dem Bild die volle lebendige Frische ver- 
leihen — doch das läszt sich in so engen Rahmen nicht fassen. 

Und nun wenden wir uns zu der Blütezeit von Demosthenes Wir- 
ken, dem letzten schönen Abendroth der athenischen Freiheit. Die ge« 
meinsame Verbindung der griechischen Staaten blieb nicht leere Redens- 
art, sie wurde rüstig ins Werk gesetzt. Demosthenes selbst gieng nach 
Byzanz , das zunächst von Philipp bedroht wurde , andere Gesandte nach 
andern Städten und Landschaften. Unter voller Selbständigkeit aller be- 
teiligten Staaten — ein Zugeständnis , welches auch nur ein Demosthe- 
nes den Athenern abringen konnte — kam ein Bündnis mit den Euböem, 
Megarern, Korinthiern, Achäern, Akamauen, auszerdem mit Byzanz, 
Ghios und Rhodos, also einem guten Teile Griechenlands zu Stande. Un- 
erhört seit langer Zeit, es geschahen nun auch wirkliche Erfolge im 
Kriege ; an verschiedenen Punkten wurden die vorgeschobenen Posten der 
makedonischen Herrschaft zurückgeschlagen; ganz Euböa wurde frei, 
selbst in Thessalien einige Plätze gewonnen, was aber das allerunerwar- 



HiiBidi: über Demosthenes' staatssiSiinische Wirksamkeit. 161 

leiste war, im fernen Norden wurden zwei Hauptschllge gegen Philipp 
ausgeführt; sowol das wichtige Perinthos, als das noch wichtigere By- 
sanz wurde durch die kräftige Unterstützung des neuen Bundes trotz der 
äuszersten Austragungen Philipp's gehalten. Ueberali war Athen rühm« 
lieh im Felde voran , überall Demoslhenes die leitende Stimme bei allen 
Verhandlungen. Allein nicht blosz nach auszen war er thitig ; ebenso 
nstios und nidit minder erfolgreich war seine Wirksamkeit im Innern. 
Jetzt endlich, in der letzten Stunde, wurde die Vergeudung der Staats- 
äierschüsse zu Schaugeldern abgestellt; mit ehrenwerther Selbstverleug« 
nimg verzichtete die Masse der ärmeren Bürger auf die fast zum notwen- 
digen Bedürfnis gewordene Unterstützung. Dasz es aber dazu kam und 
wie es erreicht wurde, bleibt dennoch, da wir des näheren nicht unter- 
richtet sind, fast räthselhaft; der grosze Redner musz hier, so zu sagen, 
sich selbst überboten haben , um einen solchen Beschlusz durchzusetzen. 
Nicht minder Anerkennung verdient, was er auszerdem in der inneren 
Verwaltung, besonders für eine zweckmäszige Umgestaltung der Leistun- 
gen für das Seewesen erreichte und durchführte. So genosz er endlich 
das Glück ungestört durch die gehässigen Angriffe einer verrätlierischen 
Gegenpartei wirken zu können. Jetzt wurde ihm auch von allen Seilen 
die, wenn glekh nicht gesuchte, doch dem redlichen Streben stets will- 
kommene Anerkennung zu Teil. Es war trotz aller Sorgen und Mühen 
eine frohe, glüdiliche Zeit für den hartgeprüften Mann — aber von langer 
Dauer sollte sie nicht sein. 

Das Verhängnis Griechenlands erfüllte sich rasch. Aeschines wirkte, 
seitdem seine schlimmen Anschläge in Athen nicht mehr günstigen Boden 
fanden , als Gesandter am Amphiktyonenbund nach den geheimen Instruc- 
tionen Philipp's. So setzte er denn auch den Anlasz zu einer neuen Ein- 
mischung Philipp's in Scene. Die Sache war so unheilig wie mögiicli, 
aber der Vorwand ein heiliger, wie geschaffen für Aeschines , um in voll- 
ttnenden Reden unter gleisznerischem Scheine von Frömmigkeit und 
Loyalität das verrätherische Beginnen zu verdecken. Die Bewohner der 
lolirischen Stadt Amphissa hatten ein Stück Land bebaut, welches lange 
vorher, zu Solons Zeit, in feierlichem Fluche dem Apollo als ewige Ein- 
öde geweiht worden war. Niemand würde unter andern Umständen 
groszen Anstosz daran genommen haben; aber für Aeschines und die ma- 
kedonische Partei war es willkommener Vorwand Philipp's Intervention 
anzurufen. Er erschien unverzüglich ; begnügte sich aber nicht als Feld- 
herr der amphiktyonischen Liga Amphissa von Grund aus zu zerstören, 
sondern er besetzte und befestigte auch Elateia an der Grenze Böotiens. 
Dies war ein offener Platz: befestigt bildete er den Schlüssel zu ganz 
Böotien und Anika: beide Länder waren jetzt in nächster Nähe bedroht. 
Doch hören wir nun Demosthenes selbst, wie er in der Rede vom Kranze 
die Bestürzung in Athen und sein eigenes Auftreten schildert : Es war 
Abend , da kam ein Bote zu den Prytanen mit der Meldung , dasz Elateia 
eingenommen sei. Sofort standen diese von der Mahlzeit auf, einige trie- 
ben die Verkäufer aus den Marktbuden heraus und zündeten, um Feuer- 
signale für die Landbewohner zu geben, das Flechtwerk an, andere 



162 Hultsch: über Demostheoes' staatsmännische Wirksamkeit. 

schickten nacli den Feidberrn und lieszen Alarm blasen, die ganze Stadt 
war im Aufruhr. Am nächsten Morgen mit Tagesanbrudi beriefen die 
Prytanen den Rath in das Rathhaus : die Bürgerschaft gieng in die Volks- 
versammlung. Als dort der Rath eingetreten war und die Prytanen die 
Nachricht verkündet , den Boten vorgeführt und dieser Bericht erstattet 
hatte, da fragte der Herold, wer will reden? aber niemand trat hervor, 
und so oft auch der Herold die Frage wiederholte, es eiiiob sich niemand 
von den Strategen , niemand von den Rednern : das Vaterland schien ver- 
geblich seine Stimme nach Hülfe und Rath zu erheben. Da trat Demosthe' 
nes vor dem Volke auf und ermahnte es dringend zum Bündnisse mit 
Theben. Um recht würdigen zu können, was dieser Vorschlag sagen 
wollte , müssen wir daran denken, welch tödtlicher Hasz zwischen beiden 
Staaten bestand. Athen, die altanerkannte Macht, war von dem aufstre- 
benden Theben seit Epaminonda's Zeit vielfach benachteiligt und in seinem 
Stolze gekränkt worden. Die Erbitterung gegen die Thebaner, denen 
sie sich übrigens geistig weit überlegen fühlten, war so grosz, dasz noch 
wenige Jahre vorher selbst Demosthenes kaum wagen konnte, ihren 
Namen vor dem Volke auch nur auszusprechen. Und jetzt sollte ein glei- 
ches Bündnis unter Aufgabe aller alten , gerechten Ansprüche geschlossen 
werden. Hier, wenn irgend wann, hat Demosthenes' Äeredtsamkeit über- 
wältigend gewirkt. Denn nicht blosz in Athen war der V^iderstand zu 
besiegen; noch viel härter war der Kampf in Theben, wo die mächtige 
makedonische Partei , als er dort als Gesandter in der Volksversammlung 
auftrat , die Menge schon fast ganz auf ihre Seite gebracht hatte. Da er- 
hob er seine Stimme, und wie selbst Theopomp, sein politischer Gegner, 
bezeugt, ^fachte seine Beredtsamkeit den Mut der Thebaner so an und 
entflammte so siegreich hervorleuchtend ihre Ruhmbegier, dasz sie Fnreht 
und Berechnung und Gunst fahren lieszen und von edler Begeisterupg für 
die Ehre des Vaterlandes erfüllt wurden. Ja so mächtig und glänzend 
erschien des Redners Wirken , dasz Philipp schleunigst Friedensbotschaf- 
ten sandte , Hellas aber sich emporraffte und zur Entscheidung sich rü- 
stete.' So beschlosz Theben Philipp abzusagen und und mit Athen sich 
zu verbünden. Von nun an leitete Demosthenes alle weiteren Beschlüsse 
und die gemeinschaftlichen Vorbereitungen zum Kriege. ^Sein Rath ent- 
schied, wie wieder Theopomp bezeugt, in der Volksgemeinde zu Theben 
nicht minder als zu Athen, hier wie dort sah er sich geliebt und im 
vollen Besitze der Macht.' 

Und als die Zeit der Beschlüsse vorüber war , als die Bürgerheere 
Athens und Thebens dem Feinde entgegenrückten , da stellte er sich als 
Hoplit in die Reihen seiner Mitbürger und focht mit an dem blutigen Tage 
von Ghäroneia. Das Kriegsglück entschied wider ihn, wider Alles, was 
er in vollster Thatkraft, mit der edelsten Aufopferung erstrebt hatte: 
mit dem einen Tage sank Alles dahin und war hoffiiungslos verloren; 
aber sein Ringen ist deshalb nicht minderen Preises würdig. Auch wir, 
die wir nach mehr als zwei Jahrtausenden das Leben des groszen Mannes 
an uns vorüberziehen lassen, können nicht kalt und teilnamios bleiben 
bei seinem Andenken : das ist gerade in diesem Kreise am wenigsten zu 



Hnlteok: tSber Demosthenes' staatsmännische Wiriuamkeit. 163 

befürchten. Es hdiben Staatsminner, es haben Geschichtsschreiber weni- 
ger gflnstig über ihn geurteilt; aber in den Seelen der Jugend, die mit 
Begeisterung die alten Zeiten im Geiste nachlebt, hat er sich eine blei- 
bende Statte der Bewunderung begründet. Deshalb glaube ich, geliebte 
Schüler, indem ich zum Schlusz noch mich an euch insbesondere wende, 
eine verwandte Saite in eurem Herzen anzuschlagen, wenn ich Demosthe- 
nes als Muster der reinsten, aufopferndsten Vaterlandsliebe für euch, für 
uns alle hinstelle: der Vaterlandsliebe, die nicht blosz mit Worten sich 
breit macht und vor Opfern zurüclischreckt, sondern die das ganze Stre- 
iten eigener Kraft, die volle Thitigiceit des Berufs, und wenn es nötig 
sein sollte, selbst Gut und Blut dem Vaterlande weiht Ich brauche kei- 
nen von euch daran zu erinnern , dasz der Grundzug dieser hehren Tu- 
tend zu allen Zeiten, unter den verschiedensten Verhaltnissen und ausze- 
ren Formen derselbe ist, nur dasz die freudige Ausübung hier durch 
geordnete, gesunde Verhaltnisse erleichtert, in andern Fallen durch Verfall 
und Entartung des Staates erschwert wird. Soll ich selbst den Vergleich 
nodi weiter ausführen, der gewis jedem von selbst sich bietet? Wird 
uns die Ausübung der Pflicht, die ich allen ans Herz lege, nicht erleich- 
tert, ja idi möchte sagen selbstverständlich gemacht durch das erhabene 
Vorbfld unsers Königs, für den die schwere Ausübung jeder Art von Re- 
gentenpfiicht in der edelsten, unermüdlichsten Sorge für das ihm von 
Gott anvertraute Land und Volk sich gipfelt? Fühlen wir nicht freudig 
und stolz , dasz Weisheit auf dem Throne sitzt und Gerechtigkeit waltet, 
dazs der Geist milder Humanität von oben herab überall hin ausströmt, 
dasz endlich, was uns besonders nahe liegt, Kunst und Wissenschaft 
liebevoller Pflege sich erfreuen? Wer sollte da noch nachstehen wollen, 
an seinem Teile und in dem Wirkungskreis , wozu ihn Gott berufen hat, 
mit redlichem Eifer das Seine zu thun und nutzen- und segenbringend 
für die Gesamtheit zu wirken? Gewis, heute gerade wird jeder den 
schönen Vorsatz um so fester , inniger bei sich fassen ; und eben darum 
wird auch keiner sich ausschlieszen mögen , wenn ich zuletzt noch unser 
aller Gefühle in dem einen Worte zusammenfasse: Gott segne und schütze 
unser Vaterland, Gott segne und schütze und erhalte unsem König! 



10. 

Horaz und sein Einflusz auf die lyrische Poesie der 

Deutschen. 



Vorlesung von Prof. Hermann Fritzsche, gehalten den 11. Februar 
1863 im Saale der Leipziger Bachhändlerbörse. 



Die Nachwelt ist nie ungerecht. Bei Lebzeiten und ein halbes Jahr- 
hundert nach dem Tode für einen groszen Geist gehalten zu werden, ist 



1 64 Fritzsehe : über Horaz und die deutsche Lyrik. 

ein schlechter Beweis dasz man es ist; aber durch alle Jahrhunderte da- 
für gehalten zu werden, das ist ein unwidersprechlicher. 

So schrieb vor 100 und mehr Jahren Lessing in seinen oft genann- 
ten Rettungen des Horaz ^) , in welchen er, der bedeutendste Kunstrichter 
unsrer Nation , seine Verehrung für den alten römischen Dichter so offen 
kund that, dasz er erklärte, nach seinem Wunsche dürfe an Horaz nicht 
der allergeringste Makel haften. Und es ist eine unleugbare Thatsache, 
dasz seit mehr denn 1800 Jahren kein römischer Dichter, Virgil nicht aus- 
genommen , in so hohem Grade Gegenstand der allgemeinen Bewunderang 
gewesen ist, als Horaz. Ja wie einen Orakelspruch hat die Geschichte 
das Wort des Quintilian bewahrheitet : von den lyrischen Dichtem Roms 
verdient fast nur Horaz gelesen zu werden. 

Auch nach Quintilian's Zeit ist kein Lyriker von Bedeutung in Rom 
aufgetreten, und überhaupt hat sich auszer Horazens Schöpfungen nidits 
Namhaftes im Bereiche der eigentlichen lyrischen Poesie erhalten, abge- 
sehen von jenen Gedichten GatuIFs , die einst Tieck mit weiszen Rosen 
verglich, welche von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne be- 
schienen werden. Schon in der römischen Kaiserzeit studierte die Jugend 
den Horaz, die Kirchenväter führen ihn oft im Munde, in das lateinische 
Kirchenlied gieng Vieles aus seinen Dichtungen über. Auch im Mittel- 
alter blieb ihm neben Virgilius , welchen freilich die Sage gar zu einem 
Zauberer umstempelte , die Gönnerschaft der Gebildeten. Am Hofe Karins 
des Groszen trug Alcuin den Namen Fl accus. 

Später, vorzüglich aber im sechszehnten Jahrhundert, als das Stu- 
dium der alten classischen Schriftsteller neu erwacht war, in jener Epoche 
des Humanismus, welche als das goldene Zeitalter Leo X. bezeichnet wird, 
wo die lateinische Poesie gleichsam neugeboren in einem Glänze erschien, 
der sie später nie wieder so mächtig umstrahlt hat, da fanden die talent- 
vollsten Dichter ihren Ruhm darin , mit einem Horaz um den Lorbeer zu 
streiten. Seit beinahe 400 Jahren (die älteste Ausgabe des Horaz erschien 
bereits um 1470, und im Jahre 1500 waren seine Dichtungen schon mehr 
als sechzigmal gedruckt) sind seine Werke unzähligemale gedruckt, von 
den namhaftesten Gelehrten erläutert, in die verschiedensten Sprachen'), 



1) Lessing, ges. Werke 4 S. 181. Leipzig 1841. 

2) Eine leere Dichtung ist die Ansicht von Hammer*s (Wiener 
Jahrbb. 1881, LIV, 19), dasz der arabische Dichter Ihn iDoreid den 
Horaz gekannt und in seiner Kasside Stellen des römischen Dichters vor 
Augen gehabt habe. Das Ganze läuft auf einige zufällige Aehnlich- 
keiten hinaus, von denen die auffallendste die bereits von Scheid 
(Harderovici Gelior. 1786 S. 8) hervorgehobene ist: v. 22 'fortona, ag- 
gressa proelio talem virum es, qui, etiamsi orbes coelestes merent sn- 
per ipsum ex summo aethere, nihil tarnen conqueretur vgl. mit Hör. 
Od. 3, 3, 7 si fractus illabatur orbis , impavidum ferient ruinae. Kann 
man doch, wie auch unser hochverehrter Orientalist, Hr. Prof. Fiel- «. 
scher, mir aus dem Schatze seines Wissens versichert, mit der grösten 
Bestimmtheit behaupten, dasz die ganze römische Litteratnr den Ara- 
bern, selbst zu den Zeiten ihres höchsten Flors, durchaus unbekannt 
geblieben ist. Yon Cicero, Virgil, Horaz, Liviüs usw. wissen sie 
gar nichts. 



Fritnche: über Horaz und die deutsche Lyrik. 165 

in unsere Mnttenprache selbst von Heroen der Dichterwelt übersetit, 
tausende von Schriften Ober ihn dem Drucke übergeben worden. 

Sollten alle diese Tausende von Geistern von leerem Vorurteile be- 
fangen gewesen sein und ohne Grund den Horaz als einen groszen*) 
Dichter verehrt haben? Gewis nicht! 

Was Wnnder also, dasz auch auf unsere deutschen Diditer Horaz 
«Mn mächtigen Einflnsz geübt hat? Vorzüglich im vorigen Jahrhundert, 
seit dem Aufgehen des Morgensterns unsrer Litteratur, seit Klopstock: 
— einen Einflusz, der allerdings bei Gieim und den Dichtem, die sich 
ma Gleim schaarten, Uz, Michaelis, Klamer Schmidt, Götz usw., zu 
dsor Ueberschwenglichkeit gedieh, die wir jetzt belächeln, ja zu einer 
Manier, die uns in einzelnen Fällen geradezu geschmacklos erscheint. 
Hören wir nur das Loblied Gleim's auf den Herzog von Braunschweig, 
wdches die Umwandlung einer noch dazu halb humoristisch gehaltenen 
Ode des Horaz Od. I 6 ist, in der Horaz die Aufforderung, ein groszes 
Loblied zu dichten, ablehnt, weil er statt der Rüstung des Mars lieber 
Ton Gupido's Pfeilen, statt Streiten im Felde lieber vom Streiten um Küsse 
singe. Gleim^) singt aber trotzdem nach: 

'Dich, groszer Gwelfe Ferdinand, 
Sing* ich den Enkeln nicht usw.''). 

Der Geschmack unserer Zeit hat sich seit Platen immer mehr mit 
Kllte von Horaz weggewendet ; ja In den letzteu Jahrzehnten sind Stim- 
men laut geworden , nach denen der seit Jahrtausenden gepriesene Horaz 
flberliaupt gar kein Dichter wäre, wenn jene Ansichten begründet wä- 
ren, welche die besonnene Wissenschaft nur als Erzeugnisse einer philo- 
Mphischen Richtung betrachten kann , die sich bereits überlebt hat. Das 
itiri[ste dieser Art finden wir bei Teuffel, Charakteristik des Horaz (Leip- 

nCl842,8) S. 93: 

Die Horazische Poesie ist eine Puppe. Wer wird aber aus Dankbar- 
keit gegen die Puppen, mit welchen er die Tage seiner Kindheit durch- 
Sedämmert hat, ewig Kind bleiben wollen, nie wagend, diese Puppen 
fibdas zu erklären, was sie sind, und sie wegzuwerfen. Einst leistete 
aie der deutschen Poesie in ihrer Kindheit vortreffliche Dienste; jetzt aber 
sind wir Männer geworden und wissen unsere Zeit besser auszufüllen. 

Unbekümmert um solche Aeuszerungen lassen wir unsere Jünglinge 
ihren Horaz studieren; trotz derselben wird jeder, der auf den Namen 

3) VgL die interessante Schrift von Hanow: 4st Horatins ein klei- 
ner Dichter?» HaUe 1838, 4. 

4) Gleim^s sämmtl. Werke. Herausg. von Körte, Halberst. 1811, 
2. S. 324. 

5) Doch wollen wir zur Ehre des jetzt oft hart mitgenommenen 
Gleim das UrteU Goethe's (Wahrh. u. Dicht. 25. 8. 104 Ausg. 1829) 
nicht vergessen: 'Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten 
deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil 
sie mit und in der That entsprungen sind, und noch überdies, weil an 
ihnen die glückliche Form, als hätten sie die Mitstreitenden in den 
h5ehsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirk- 
Mmkeit empfinden läszt.' 

N. Jahrb. f. Phil. a. Pftd. II, Aht, 186S. Hft. 4. 12 



166 Fritzsche : über Horaz und die deutsche Lyrik. 

eines Gelehrten Anspruch macht, erröthen, wenn er auf die Frage: ha* 
ben Sie Horaz gelesen? bekennen sollte: nein, ich habe Horaz nicht 
gelesen. 

Noch heute gibt es Greise in stillen Dörfern und Männer auf Ffli> 
stenthronen und an den Stufen des Thrones, welche ihre Eriiolung, ihn 
Erquickung, ihre geistige Verjüngung finden in den Gedichten des Horai. 

Ja, auch von Ihnen, meine Herren, zweifle ich nicht, dasz Sie da^ 
was ich weiter zu sagen habe, bejahen werden mit einem:. 

semper meminisse iuvabit. 

Stellen wir uns also die Frage: woher kommt diese Macht, 
welche der alte Sänger auf dasGemüth jedes wahrhaft Ge- 
bildeten übt? 

Woraus erklärt sich der unverkennbare Einfluszdes 
Horaz auf unsere deutsche Dichterwelt? 

Verweilen wir, um diese Frage zu beantworten, zunächst einea 
Augenblick bei der Person und Zeit des Dichters. Alte Freunde wie- 
derzusehen hat ja stets etwas Wolthuendes, zumal für ein deutsches 
Gemüth. 

Q. Horatius Flaccus war geboren zu Venusia in Unteritalien den 
8. Decbr. 65 v. Chr. und starb den 27. Novbr. im Jahre 8 v. Chr. 

Sein Leben fällt in die Blütezeit der römischen Litterator. Die 
Sprache der Römer hatte damals ihren vollendeten Ausdruck gefundei 
in den Schriftstücken des Gicer o, dessen Name eines geworden ist mit 
dem Namen Beredtsamkeit. Für die Dichtkunst waren unter dem Schutze 
4e8 Augustus und der ersten Männer des Staats, Agrippa, Messala, PoUio 
und vorzüglich Mäcenas , alle Bedingungen gegeben , unter welchen die- f 
selbe zur höchsten Vollendung gelangen konnte. Der Janustempel war ! 
geschlossen. Es kamen Jahre der Ruhe nach langen politischen Stürmen. 
Es lebte ein allgemeines Interesse , ja ein leidenschaftlicber Wetteifer für k 
die Pflege der Musenkünste. Des Beifalls und der äuszeren Unterstützoni ' 
konnten die emporstrebenden Talente gewis sein. Was im Bereiche der } 
Poesie Keim oder halb entwickelt gewesen war, das gedieh jetzt raack j> 
zur vollen Blüte, das römische Epos durch Virgil, die Lyrik durch 4 
Horaz, die Poesie der Liebe in der bestimmten Form der Elegie durch 
Properz, TibuU und etwas später Ovid. 

In der Mitte dieser augusteischen Dichtergruppe erblicken wir den 
Horaz. 

Ausgerüstet mit seltenen Geistesgaben, gebildet durch unablässiges*] 
Studium der griechischen Dichter und Denker^, ein Lessing anKüu^ 
heit und reinem Geschmack und dabei doch tief von Gemüth , wüste Ho- 
raz seine eigene Kraft ^) und die Bildungsfähigkeit der römischen Sprache 






6) Art. p. 269 vos exemplaria Graeca noctnma versate mann, rer- 
sate dinma. 

7) Sat. 2, S, 11 quorsnm pertinoit stipare Platona Menandro, £•- 
polin, Archilocham, comites edneere tantos. Epist. 1, 1, 14 flg. Epist. 1, 3. 

8) Art. p. 38 snmite materiam vestris, qoi soribitis oeqnam riiilMa, 
et versate diu quid ferre recnsent, quid valeant humeri eat. 



hitsfcha: tter Horai and die deutsche Lyrik. 167 

recht m wflrdigen gegenOber der bei weitem beweglicheren Sprache der 
HeHeacB. 

Er wallte kein Pindar sein und durch kühne Dithyramben glSnzen; 

er begnügte sich mit dem Ruhme, der Dichter des Liedes im eigentlichen 

Same zu heiszen, des Liedes, wie es vor ihm unter griechischem 

Bfaunel Alcüus und die Dichterkönigin Sappho gesungen hatt^ '). Denn 

fMvum qulsqnis — I - 

*Wer mit Pindar wagt su ringen^). 
Müht auf wachsgefl^ten Schwingen, 

Wie einst ftarus, sich ab. 
Nah' der Sonne schmilzt sein Flügel; 
Und des Heers krystallner Spiegd 

Wird des kühnen Wagers Grab. 

Wie ein Strom aus Felsenrissen"), 

Angeschwellt von Regengüssen, « 

Brauset Au und Thal entiang, 
Rauscht in regdlosen Wellen 
Aus des Geistes tiefsten Quellen 

Pindar^s flutender Gesang! 

Zu den fernen Wolken dringen 

P i n d a r ' s kühne Adlerschwingen. '') 

Aber Flaccus Lied entsteht 
Nach der kleinen Bienen Weise, 
Die mit Emsigkeit sich Speise 

Aus dem Thymian erspäht. 

In dem sinnigen Vergleiehe mit der Biene liegt mehr, als Horaz 
wollte. Sein Lied gleicht auch dem künstlichen Baue der Zelle, — 
der hhalt dem Honigseim. 

Schwerlich hat je ein neuerer Dichter so viel Sorgfalt auf ein Lied 
Terwendet, wie Horaz auf sein Carmen Saeculare"), — gleich Pindar, 
Ton dem wir wissen dasz er an einer Ode Jahrelang gearbeitet hat. Und 
wefche Arbeit, ich sage Arbeit, hat unserem Schiller sein Don Garlos 
gemacht? 

Dadurch ist es Horaz gelungen, der an sich spröden, rauhen Sprache 
Roms eine Geschmeidigkeit, eine Feinheit, einen Woilaut, eine Fülle des 



0} Od. 3, 30, 10 flg. diear — princeps Aeolium Carmen ad Italos 
dedaxisse modos. Od. 4, 3, 11 sed quae Tibur aquae fertile praefluünt 
et spi88ae nemoram comae fingent Aeolio cannine nobilem. 

10) Zn Grunde liegt die Uebersetzang yon Wolff, Jahrbb. Suppl. 
X, 3, 1844 mit notwendigen Abänderungen. 

11) Schiller, Macht des Gesanges: 'Ein Regenstrom ans Felsen- 
riisen' usw. 

12) Im Anschlnsz an Find. Ol. 2, 87 KÖpaxec ibc dKpovra fop^ero'^ 
ÄtAc irp6c öpvixa Oetov. Nem. 3, 80. 

U) VgL die Schrift des genialen Schmelzkopf, de Hör. carra. saec. 

Ups. issa. 

X2^ 



168 Fritzsche: über Horaz and die deutsche Lyrik. 

Rhythmus abzugewinnen, und doch zu gleicher Zeit die vollste Unge* 
zwungenheit und Natürlichkeit der Anordnung und des Ausdrucks waltä 
zu lassen , dasz es den Schein hat, als müsse Alles nur so sein, als könne 
es Jeder so machen. 

Dieser Sorgfalt und der völligen Herrschaft über seinen Stoff ver^ 
dankt Horaz jene Meisterschaft in der Form, in welcher ihn !Ge» 
mand übertroffen hat, und durch welche zunächst er auch auf unsere 
deutschen Dichter einen so mächtigen Einflusz geübt hat. Denn bei dem 
Schönen allein macht das Gefäsz den Gehalt.*^) 

Als man im vorigen Jahrhunderte, gegenüber dem schlechten fran- 
zösischen Geschmacke, von einer Rückkehr zum Antiken das Heil der 
deutschen Dichtkunst erwartete; — als man sich losrisz von den Fessehi 
des alexaudrinischen Verses und des wiederklingenden Reimes; als man 
den classischen Hexameter im Deutschen nachzubilden wagte *^) ; da machte 
es sich wie von selber dasz Klopstock auch die lyrischen Versmasze 
des Horaz zu seinem Vorbilde nahm und dasz seinem Beispiele andere 
Dichter mit Vorliebe und Begeisterung folgten. 

Je ferner uns bereits diese Zeit liegt, um so angemessener scheint 
es mir, hier die Worte des Jubels zu wiederholen, in welche Herder in 
der Adrastea '') ausbricht. Er läszt Klopstock's antike Muse also reden: 

*Als ich erschien , da klimpertet ihr auf einem hölzernen Hackebret 
von Alexandrinern, gereimten Jamben, Trochäen, allenfalls Daktylen, 
wolmeinend, treufleiszig und unermesziich. Ich (die antike Muse) kam 
und liesz aus meiner Region euch neue Silbenmasze hören. Ich zählte 
und masz nicht nur; ich wägte die Silben im Fluge des WoUautes. Anf 
eine vorher ungeahnte Weise machte ich euch eure ganze Sprache mdo- 
disch. Meine lyrischen Gedichte haben eure Saitenspiele tausendfach be- 
lebt ; statt des schmalen Bretes von vier eintönigen Saiten gaben sie eack 
ein reiches Psalterion, ApoUo's Köcher voll musikalischer Pfeile.^ 

Klopstock ist aber keineswegs der Erste, welcher jene Versmane 
des Horaz auf unseren deutschen Boden verpflanzte! Viel früher finden 
wir dieselben — da, wo Sie es nicht vermuten werden — in unserem 
deutschen Kirchenliede. 

Am reinsten und schönsten ausgeprägt haben wir das alc als che 
Versmasz (das kräftigste von allen antiken von uns nachgebildeten Vers- 
maszen) ") in einem Liede von Matthäus Apelles von Löwenstem, geboren 



14) Ich kann nicht umhin hier die Rede von Es. Tegn^r, ans d«B 
Schwed. von Mohnike , Strals. 1827 S. 17 flg. wieder in das Gedächtnis 
der Leser zu rufen. 

15) Schon in Lnther's deutscher Bibelübersetzung finden wir meh- 
rere ganz wolklingende Hexameter, reiner als der Taciteische orbem 
Romam a prineipio reges habuere. 

16) Herder, Adrastea, Leipz. 1803. I 1. S. 98. 

17) Ausgenommen die dorischen Epitriten bei Platen, z. B. im Ab- 
schied von Bom: 

Mir zum Beistand naht des qnirinischen Weltmhms Dichter mIM* 
Doch es deckt kein römischer Hügel des Frtlhwegsterben Staab in 

der Urne: 



Fritzfldie: Aber Horaz und die deutsche Lyrik. 169 

zu Neustadt im Fflntentum Oppeln den !M). April 1694, eines Sattlers 
Sohn, gestorben den 11. April 1648 als Staatsrath des Herzogs von HOn- 
sterberg und Oels und als Rath Kaiser Ferdinand's III., der ihn adelte. 

Ich kann mir die Mitteilung desselben nicht versagen, zumal da das 
Wesen des antiken Rhythmus im Deutschen nirgends so in das Ohr fallend 
«ad doch so wunderbar wirkend hervortritt , als in jenem Liede : 

Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit, 
Lob' ihn mit Schalle, [wertheste] betende Christenheit! 
£r Iftszt dich freundlich zu sich laden , 
Freue dich Israel seiner Gnaden. 

Der Herr regiert über die ganze Welt, 
Was sich nur rflhret [ihm] vor ihm zu Fflszen fSdlt; 
Viel tausend Engel um ihn schweben, 
Psalter und Harfen ihm Ehre geben. 

Wohl auf, ihr Heiden, lasset das Trauern sein. 
Zu grünen Weiden stellet euch willig ein! 
Da läszt er uns sein Wort verkünden. 
Machet uns ledig von allen Sünden. 

Er giebet Speise reichlich und überall. 
Nach Vaters Weise sättigt er allzumal, 
Er schaffet früh und spaten Regen, 
Füllet uns alle mit seinem Segen. 

Drum Preis und Ehre seiner Barmherzigkeit, 
Sein Lob vermehre, [wertheste] betende Christenheit! 
Uns soll hinfort kein Unfall schaden ! 
Freue dich, Israel, seiner Gnaden. 

Auch dieSapphische Strophe finden wir im deutschen Kirchen- 
lilie desselben Dichters nicht anders als wie in lateinischen Kirchenliedern. 

*Christe , du Beistand deiner Kreuzgemeine , 
Eilends mit Hülf und Rettung uns erscheine ! 
Steure den Feinden, ihre Blutgerichte 
Mache zu nichte. 

Streite doch selber für uns arme Kinder , 
Wehre dem Teufel , seine Macht verhindere , 
Alles, was kämpfet wider deine Glieder, 
Stürze darnieder. 

Friede bei Kirch' und Schulen uns bescheere, 
Friede zugleich der Obrigkeit gewähre! 
Friede dem Herzen, Friede dem Gewissen 
Gieb zu genieszen. 



Meinen Gebeinen, befahl sein letzter Wunsch, 

Werde Neapel Asyl, 

Wo in Fnidithaiiüaaben ich 

Hirten, Feldbau, Helden sang. 



170 FriUsche: Aber Horaz und die deutsche Lyrik. 

Also wird seitlich deine Gut* erhoben, 
Also wird ewig und ohn' Ende loben 
Dich, du Wächter deiner armen Herde, 
Himmel und Erde. '*) 
In den vorgelesenen Gedichten finden wir den Reim. Diesen vei^ 
schmähte Klopstock und seine Nachfolger und hielt sich nach Art 4m 
Alten rein an die Gesetze der Sylbenlänge und - kürze. 

Goethe und Schiller verlieszen diese den Römern nachgebildeten ly- 
rischen Versmasze bis auf wenige Ausnahmen und brachten den Reim 
und die accentuierende Metrik wieder zu Ehren. Blit Recht. Denn die 
Anwendung des Reimes ist keineswegs Rückschritt. Der Reim**} ist 
ein Vorzug unserer Sprache, um den Pindar und Horaz uns beneiden 
würden, wenn sie heute zu uns hemiederstiegen. Erst durch den Ab- 
schlusz der Zeilen im Reime und durch seine Musik wird das deutschs 
Lied das, was es sein soll, volkstümlich singbar, dem Gedächtnisse üb- 
auslöschbar. 

Nur in deutscher Lieder Rraus . 

Strömt das Herz von Grund heraus. i 

Wäre es aber blosz die Form, durch welche Horaz so maszgebeod j 

auf unsre deutschen Dichter eingewirkt hat? 

Nein. Es ist auch der Inhalt seiner Dichtungen, ihr w.ahrhaft 
classischer Gehalt. 

Man hat wol Horaz mit Platen verglichen und gesagt, seine Verse ' 
seien glatt wie Marmor, aber auch kalt wie Marmor. Wären sie wirklich > 
so marmorkalt, so fragen wir verwundert: wie konnten sie Jahrhunderts 
lang die Herzen so vieler Tausenden erwärmen? 

Im Gegenteil wird der unbefangene Leser , so oft er unsern Dichter 
in die Hand nimmt, immer aufs Neue fortgerissen werden von der Wahr- 
heit und Tiefe der Empfindungen , welche Horaz beseelen und zum 
Liede begeistern, recht ersichtlich — da ich mich auf wenige Bei- 
spiele beschränken musz — recht ersichtlich, da, wo seine treue 
Seele zu der Hälfte seines Ichs, zu seinem Mäcenas redet (3, 17): 
Was weir ich länger noch, zerrissen und mir selbst zur Last, wenn all- 
zufrüh die eherne Gewalt dich von mir reiszt, ein Stück aus meiner 
Seele? — partem animae meae! 

Wer von Ihnen denkt da nicht an Uhland's guten Kameraden? 
Eine Kugel kam geflogen. 
Gilt es mir oder gilt es dir? 
Ihn hat es weggerissen. 
Er liegt mir zu den Füszen 
Als wär's ein Stück von mir. 

18) Verwässert steht dieses Lied im Dresdner Gesangbnche Nr. 293 
'Schütze die deinen.' Ein Beweis für den Mangel an antikem TiJLi- 
gefühl ist dies, dasz das Lied nach der Melodie herzliebster Jesu 
gesunjzen wird. 

10) Ich mache hier auf die Schrift von L. Benloew aufmerksam: 
pr^cis d*ane th^orie des rhythmes. 1. Partie. Bbythmes fran^aia et 
rhythmes latins* Leipzig, Franck. 1862. 



FfitutlM: über Horu und die dwitsche Lyrik. 171 

Lesen wir mm sofort den Abschied von Virgil (l^ 8): ^So*^ ge- 
leite dich denn die mächtige Königin von Kypros, so die Dioskuren, 
das helle Gestirn, so der Vater der Winde, dich Schifllein, dem das theure 
Pfand , mein Virgilius anvertraut ist — bringe es getreulich nach Atti- 
ka's Gestaden usw.*^) Dann die Heimkehr des Pompejus: der Freund 
ist da! Laszt schwelgen mich in toller Lust!**). Endlich der 
Tod des Quintilius (1, 34), jene Ode, von welcher einst Scaliger schrieb, 
weon ihm die Wahl gelassen würde, so möchte er lieber den Ruhm, 
(fiese Ode gedichtet zu haben, als König von Aragonien sein. So ist es 
wahr? Der ewig feste Schlaf deckt den Quintilius? — Viele 
Guten beweinen ihn: keiner so sehr wie du usw.' Dann steht 
der Dichter leibhaftig vor unserer Seele und wir rufen mit ihm aus: 
Nichts geht doch über einen treuen Freund ! *') £s wird uns erklärlich, 
wie er das geworden ist, als was ihn Schiller bezeichnet, der treue 
Begleiter durchs ganze Leben für Viele. Denn seine Freund- 
schaft ist warm und ewig. 

Ist der Ergusz der Oden, auf den ich mich hier beziehe, der un- 
mittelbarsten Quelle des Gefühlslebens entströmt , so offenbart sich an- 
derwärts Horaz als Mensch, als der zartfühlende Dichter, durch die 
attliche Freude an der schönen Natur, die er so treulich beschreibt, dasz 
es uns dabei anheimelt **) Die geräuschlose Ruhe eines stillen Land- 
lebens begrenzt alle seine Wünsche. Lesen wir die Reschreibungeu , die 
er davon gibt, so wird es begreiflich, wie unser Dichter des Frühlings, 
Kleist, für Horaz schwärmen konnte. Was Horaz singt, das klingt noch 
wieder^in Schiller's Klage der Geres: 

Ist der holde Lenz erschienen? 

Hat die Erde sich verjüngt? 

Die besonnten Hügel grünen , 

Und des Eises Rinde springt. 

Aus der Ströme blauem Spiegel 

Lacht der unbewölkte Zeus — 

Milder wehen Zephyr's Flügel, 
Augen treibt das junge Reis. 

20) 'Exdiv ffjLiapTOV. Denn Od. 1, 3, 1 führt sie nicht 'in res me- 
dias' hinein, wie ähnlich auch das Schiller^sche 'So willst du treulos 
von mir scheiden' nnd der Anfang 'So bringet denn die letzte volle 
Schaale dem lieben Wandrer dar' klingen mag. Vgl. Trompheller, 
Beitr, zur Würdigung der Horaz. Dichter. Coburg 1855. S. 10—11. 
TibnU. 1, 4, 1. Klotz lat. Lex. sie p. 1331. 

21) Es musz Od. 1, 3, 6 interpungiert werden; 

Navis quae tibi creditum 
Debes Vergilium finibus Atticis. 
Reddas incolumem precor, 
Et serves animae dimidium meae. 
Die Verbindung finibus Atticis reddas läszt sich nicht rechtfertigen. 

22) Od. 2, 7, 26 non ego sanius bachabor Edonls: recepto dulce 
mihi forere est amico. 

23) Bat. 1, 5, 43 O qui complexus et gaudia quanta fuerunt. 

Nil ego contulerim incundo sanus amico. 

24) V«t Od. 1, 17, 6. — 4, 12. — 2, 11, 13. 2, 3, 9 usw. 



172 FriUsche: über Horaz und die deutsche Lyrik. 

Ich beschränke mich hier auf die Hitteilung des Frühlingslie 
(Od. 4, 7)9 welches ich so übersetze : 

Fröste der Zephyr verscheucht* ) — 
Den Leai verdrängt der Sommer — 
Aber der Sommer entweicht — 

Wenn mit Früchten und Most 

Der Herbst sich zeiget — und schnell naht 
Sich wieder der lästige Frost. 

Doch mag wandeln das Jahr — 

Bald bieten im Wechsel der Monden 
Wonnen veijünget sich dar. 

Aber wir, sind wir ein Raub 

Des Hades , wie Väter und Ahnherrn — 
Schatten sind dann wir und Staub. 

Kennst du der Ewigen Rath? 

Sprich, weiszt du, ob zu dem heute 
Auch noch ein morgen, sich naht? 

Aber dir selber zu gut 

Entziehst du dem Erben, so viel du 
Schenktest dem fröhlichen Mut. 

So gehst du zur Schattenwelt 

Und hat dort über dich Minos 
Glänzende Sprüche gefällt — 

Ach, Torquatus, ach dann 

^ Bringt nicht Stamm, Rede, noch Treue 

Dich zu den Freunden heran. 

Kann von der stygischen Nacht 

Doch den keuschen Hippolytus selbst nicht 
Lösen der Artemis Macht — 

Und der Fesseln Gewicht, 

Der letheischen, sprenget selbst Theseus 
Seinem Pirithous nicht. 

Fort ist der Schnee und das Eis! 

Neu schmückt sich mit Gras das Gefilde , 
Neu sich mit Blättern das Reis ! 

Neu ist veqünget das Land: 

Es rollen die Wogen des Stromes 
Zwischen die Ufer gebannt. 



36) Ooethe: Eaphrosyne: 
Jfthre folgen «of Jahre! dem Frühling reichet der Sommer 
Uiid|der reiclüiohe Herbst treulich dem Winter die HaAd« 



FriUsehe: über Horaz und die deutsche Lyrik. 173 

Unter Selene's Glanz 

Wogt Grazie wieder, und Nymphe 
Nackend zu schweben im Tanz. 

Nichts hat ewig Bestehn! 

So mahnet das Jahr und die Stunden-, 
Wie mit dem Tag sie vergehn. 

Man hat nun auch viel gesprochen von Horaz als Philosophen. 
ük Junger einer unwissenschaftlichen Wissenschaft haben darüber mit- 
leidig die Achseln gezuckt. Doch stoszen wir uns nicht an den Namen!' 
Auch Schiller war Philosoph zugleich und Dichter. Bei den Griechen war 
co<p6c der Weise, der Denker und der Dichter Eine Person. Horaz 
war Philosoph, aber nicht im Sinne der Schule, sondern Philosoph in 
der Art, wie er in Folge der Bildung, welche er den Lehren der grie- 
chischen Denker verdankte , das Leben und seinen Zweck bald ernst bald 
heiter auffaszte. Vertrat doch bei dem gebildeten Heiden die Philosophie 
die Stelle der Religion.*^ In den Vordergrund tritt da der Gedanke: 
'Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder!' 

Vitae summa brevis spem nos vetat Inchoare longam (1, 4, 15)! Das 
heiszt, wie es Rückert nachahmend übersetzt: 

Ach, die bange Sicht der Lebenskürzen 
Wehrt uns lange Hoffnungen zu schürzen ! 
Das ist der Grundgedanke, der mit elegischer Weichheit sich durch 
seine Dichtungen zieht; wiederholt, bald laut, bald leise, das Herz an- 
spricht, oft nur mit einem einzigen Worte, aber doch verständlich: 
rosa nimiutn brevis*^! 
Die Rose sie blüht so kurze, kurze Zeit! 
Daraus ergeben sich für unseren Dichter jene Folgerungen , welche 
▼or 100 Jahren bei uns die S9nger der *Lebensphilosophie' so an- 
sprachen , dasz sie Horaz vergötterten. 

Die Summe dieser Lebensweisheit umschlieszen die zwei Worte: 
Carpe diem (1, 11, 8). 

Es bleicht der Tod 

Der Wangen Roth ! 
Zu Königsburgen und zu Armer Hütten 
Gleich trotzig kommt^er überall geschritten! 

Geniesz das Heut' ! 

Die Spanne Zeit 
Wehrt langgedehnte Hoffnungen zu spinnen \ •— ^ 
Bald muszt auch d u , beglückter Freund , von hinnen ! 



20) Ich erinnere hier wieder an die Auseinandersetzung bei van 
Heosde, iuit. philo». Piaton. I S. 57 flg. S. 00 philosophiam universe 
veteres dncem habebant vitae. Diis tribuebant, quod yiverent, sed 
philosophiae, quod bene viverent. 

27) Od. 2, 3, 14 huc vina et unguenta et nimium brevis flores 
amoenae ferre inbe rosae. Dazu vgl. Od. 2, 14 linquenda tellus et do- 
mos et placeQS xj^xor cet. 



174 Fritzsche : über Horaz und die deutsche Lyrik. 

Darum preiset unser Dichter die Gaben des Dionysos, des Sorgen- 
brechers, und iäszt uns den Harm vergessen bei fröhlichen Gelagen*^. 

Darum erhebt er das beseligende Hinneglück, durch welches die 
goldene Aphrodite das Dasein verschönert und fragt den Mäcenas'*): 
* gäbst du wol um alle Schätze des Orientes nur ein Haar 
der Licymnia hin? 

Wenn sie zum brennenden Kusz 

Zu dir den Nacken beugt, 
Bald mit verstelltem Verdrusz 

Wieder dem Kusz entweicht, 
Den sie lieber doch ffihlt 

Als du, der bittende. 
Bald, eh' du dich's versiehst dir stiehlt. 

So singt er die unzähligemal nachgesungenen Liebeslieder, von de- 
nen ich hier das bekannteste in meiner Uebersetzung auswähle, die Ver« 
söhnung zwischen Horaz und Lydia (3, 9). 

Horaz. 

Als dein Trautester ich noch hiesz 
Und dein LUienhals sich noch von keinem als 

Mir, dem Liebsten, umschlingen Ifesz, 
War kein König mir gleich, keiner wie ich so reich. 

Lydia. 

Als du liebtest mich eine blosz. 
Dir mich, die dich entzückt, Ghloe noch nicht entrückt. 

Da war Lydia's Name grosz , 
Da war selig ich , da glücklich vor Ilia. 

Horaz. 

Jetzt ist meine Gebieterin 
Chloe, kundig des Sangs, kundig des Githerklaligs : 

Für sie geh' ich das Leben hin. 
Wird dem Tode entrückt sie nur, die mich entzückt. 

Lydia. 

Zu des Ornytos Sohne hin 
Treibt mich liebende Glut, Kaiais ist mir gut: 

Zweimal stürbe ich gern fQr ihn , 
Wird dem Tode entrückt er nur, der mich entzückt 

Horaz. 

Wie? wenn wieder zurücke kehrt 
Alter Liebe Gewalt, fesselnd mit ewgem Halt? 

Wie? wird Ghloe das Haus verwehrt, . 
Und mein Pförtchen fortan Lydien aufgethan? 




28) Vgl. das Mnster aller Trinklieder Od, 1, 27 oatis in afum ^. 

29) Od. 2, 12, 20. 



Fritsfche: Ober Boras and die deutsche Lyrik. 175 

Lydia. 
Sei auch jener so schön dasz ihm 
Glanz der Sterne nicht weicht, d u wie ein Kork so leicht. 

Du wie Adria ungestfim — 
Dein will lebend ich sein, deiner mich sterbend freun. 
Empfiehlt aber Horaz als Trost bei der Kflrze, Bedrängnis und 
Mühsal des Lebens den harmlosen Genusz des flüchtigen Augenblicks, 
läszt er die Schönheit der Jugend und die Wonne der Liebe uns um so 
rosiger erscheinen , je lauter alles an ihre Vergänglichkeit erinnert , so 
ist er doch anderseits von sittlichem Ernste durchdrungen und bewahrt, 
*golden von Gemüt und fest wie ein Anker*, einen ehrenwerthen Charak- 
ter, eine Männerkrafl, eine Mftnnertugend , welche verkörpert vor uns 
steht in dem Ausdrucke : 

süsz ist's und ruhmvoll sterben für's Vaterland! 
Er ist kein gemeiner Lobredner der Tugend, welche den Männern, werth 
der Unsterililichkeit, den Himmel erschlieszt'^), das Getöse des Pöbels 
flieht und mit kühnem Fittige hoch erhebt über die dunstigen Steppen 
des gemeinen Daseins: er erweckt durch sein Wort die Heldengestalten 
der alten echten Römerzeit, und gleich schützenden Genien läszt er die 
alte Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Lauterkeit, Genügsamkeit, Seelenstärke, 
vor unseren Augen wieder hemiedersteigen zu den Sterblichen. 

Was Ich hier nur andeuten kann, fasse ich zusammen in die Dich- 
terworte: fester Mut In schweren Leiden — fortiaque adversis opponite 
pectora rebus — Hülfe, wo die Unschuld weint — moestis praesidium 
reis — Ewigkeit geschwornen Eiden — incorrupta fides — Wahrheil 
gegen Freund und Feind — nudaque veritas. 

Das vornehmste Gebot der antiken Poetik, dem auch unser Dichter 
folgt, lautet: der Dichter soll nicht blosz ergötzen, er soll auch den 
Menschen erheben und sittlich veredeln.'^} Das Schöne soll, wie Plalo 
sagt, nicht blosz gefallen; es soll den Beschauer auch heiligen. 
Lieder sind gleich guten Thaten! 
Wer kann besser als der Sänger 
Dem verirrten Freunde rathen ? 
Darum ist unserem Dichter Melpomene hold, die ihn schon bei sei- 
ner Geburt lächelnd anblickte. Darum darf er sich als Priester der Musen 
fühlen und anheben : 

odi profanum vulgus — 
Weich' ungeweihte, mir verhaszte Menge! 



30} Od. 3, 2, 22. 

31) Art. poet. 833 Ant prodesse voinnt ant delectare poetae 

Aut simnl et inconda et idonea dicere vitae. 
^ Arisioph. Ran. 1003 t(voc oövcKa XP^ GaufyuJuCciv dv6pa iroiriTfiv; — A€- 
h&rr\Toc xai vouOcciac, öti ßcXxiouc T€ iroioOiiev ToOc dvGpiinroiK 
^Tctlc iröXeciv. 1030 cx^ai fäp dir' äpxi\c *Qc d)q>^Xi|uioi tOöv ttohitäv 
ol Y€vvatoi TCT^VTivrai. *Op<p€0c \iiy yäp TcXcrdc 8' i^|uitv Kar^bciEe q>6vujv 
t" dir^ccOai — 6 bi Ocloc "Oiüiiipoc 'Air6 toO Ti|uifiv kqI kX^oc ?cx€v, 
irXf|v ToOe* ön xp^ct* IMboSe, TdEcic, dperdc, öirXiccic dvöpOöv; — 
1056 irdvu öf| öd y^finc^ä X^etv f\[käc. Vgl. Fiat. Gorg. p. 474 £. 



470 FriUsche: über Horaz und die deutsche Lyrik. 

Die Götter haben ihn sichtlich geschützt als Kind , wie er im einsamen 
Walde eingeschlummert war — ein Gedanke der auf dem Bilde eines ge- 
feierten Malers ausgeführt worden ist^ — die Götter haben ihn geschützt 
im Schlachtgetümmel, geschützt auf dem scheiternden Schiffe, geschützt 
in dem Augenblicke, wo ein umstürzender Baum ihn zu zerschmettern 
drohte; geschützt in der Wildnis, als er wehrlos dem reiszenden Thiere 
preisgegeben schien und seine Lalage sang, die süszlächelnde, holdselig 
redende. 

Diese Begeisterung gab ihm die Kraft, seinen Schöpfungen jene 
classische Gestalt abzugewinnen, in welcher Gedanke und Form in 
Eins verschmolzen dastehen — einfach, natürlich und doch erhaben wie 
ein Gebild aus Himmelshöhn. 

Diese Gewalt war es , welche auf die Dichter unserer Nation wun- 
derbar wirkte, wie verschiedenartig auch sie sich zeigen mag, zuweilen 
wol nur in einem einzigen Worte, aber sicherlich in einem bezeichnen- 
den^), oft in einem mehr oder weniger ausgeführten Gedanken*^), oft ia 
der Anlage und bewusten Durchführung des Gedichtes"^), bald als ^Ge- 
heimnis der Reminiscenz'. ^) So enstanden Lessing's Rassische Trink- 
lieder^, so die Mailieder von Uz^, Hölty u. a., so die Verse in Matthis- 
son's berühmter Elegie, so unzählige Lieder, welche wir noch heute 
dankbar im Gedächtnisse tragen. 

Darum sage ich : wie unsere Altvordern, so kann noch heute unsere 
Jugend an Horaz lernen; wird sie an ihm noch lernen müssen, so lange 
sie sich berufen fühlt, die wahre Bildung zu fördern und der Barbarei 



32) Vgl. Bosenheyn I S. 291. 

33) Vgl. Schiller' 8 Bürgschaft: and sieh\ ans dem Felsen ge- 
schwätzig, schnell, springt monnel^d hervor ein lebendiger Quell. 
Hör. Od. 3, 13, 15 — unde loqaaces lymphae prosiliunt tuae. — Arndt 
'so grün ist sein Alter wie alter Wein vgl. mit Hör. Epod. 13, 4. Od. 

1, 9, 17. 

34) Vgl. Hölty's Einladung und Hör. Od. 2, 3. Gleim, Skolia 
(o Bacchus, deine Götterfr enden kennt weiser Trinker Zunft, sie neh- 
men dein Geschenk bescheiden nnd rasen mit Vernunft), vgl. Hör. Od. 
1, 16, 7. Kl am er Schmidt 's 'der Zeit entflieht, der Mensch mit ihr' 
vgl. Od. 2, 14, 1 usw. 

35) Vgl. Hölty's 'was schämst du dich dasz du die Hanne liebest? 
und Od. 2, 4 ne sit ancillae tibi amor pudori. 

36) Schiller, Triumph der Liebe : himmlisch in die Hölle klangen 
und den wilden Hüter zwangen deine Lieder, Thracier — Minos , T£rä- 
nen im Gesichte, milderte die Qualgerichte usw. erinnert an Hör. Od. 

2, 11, 15 flg. nnd zugleich an Od. 2, 13, 33 flg. Goethe 'Hermann 
und Dorothea' : Schüre die Gattin das Feuer a,n( reinlichem Heerde zu 
kochen vgl. mit Epod. 2, 43 (pudica mulier) sacrum vetnstis exstmat 
lignis focum. 

37) L es sing: Horaz, wenn ich mein Mädchen küsse — dann fühl' 
ich sie, die süszen Küsse, die ein Barbarenmund verletzt, die Venus 
selber samt dem Bisse mit ihres Nektars Fünftel netzte Hör. Od. 1, 
13, 15 oscula, quae Venus qulnta parte sui nectaris imbuit. 

38) Vgl. J. S. Uz, sämtliche Werke I S. 54 (Biel 1772): der holde 
Mai hat endlich obgesiegt und Boreas musz lauem Weste weichen. Hör. 
Od. 1, 4 solvitur acris hiems grata vice verls et favoni. 



Fritudie: über Horaz und die deutsche Lyrik. 177 

im Denken und Dichten ritterlich zu widerstehen. Auf Horaz wende 
ich den Ausspruch des Quintilian an: je mehr dir Horaz gefällt, desto 
höher ist deine Bildung. 

Unsere Zeit ist gemessen. Für das, was ich zuletzt gesagt habe, 
kann ich nur noch einige Belege geben , entnommen unseren beiden grö- 
sten deutschen Dichtem. 

Horaz sagt zu seinem edlen Beschützer Mäcenas (Epod. 1 , 31) : 
*Nicht sehn' ich mich nach groszem Hab' und Gut! Schou allzusehr 
hat deine Güte mich beglückt.' 

Und an einer andern Stelle (Sat. 2, 6) : 

Das war immer mein Wunsch : ein Acker von mäszigem Umfang , 
Wo ein Garten und nahe dem Haus' ein lebendiger Quell sei, 
Und ein Wäldchen dazu — doch mehr noch gaben die Götter. 

Goethe aber, wo er den lautersten Dank gegen seinen Mäcenas, 
Cari August, ausspricht, sagt: 

Denn mir hat er gegeben, was Grosze selten gewähren: 
Neigung, Musze, Vertrauen, Felder, Gärten und Haus! 
Niemand braucht' ich zu danken als ihm und manches bedurft 'ich. 
Der ich mich auf den Erwerb schlecht als ein Dichter verstand. 

In aller Munde ist noch jetzt die Epode des Horaz, in welcher er 
das Glück des Landlebens preist: Beatus Ule — I das heiszt wie der ge- 
schmackvolle Uebersetzer des Horaz, die Zierde unsers Leipzigs, Ernst 
G ü n t h e r übersetzt : 

Beglückt, wer fem von Sorgen und Beschwerden 

Wie das Geschlecht der alten Zeit, 

Die eignen Fluren baut mit seinen Herden, 

Vom schnöden Wuchersinn befreit I 

Den nicht erschreckt der Schlachtdrommete Laut , 

Der nicht erzittert vor dem Zorn der Wellen , 

Das Forum nicht und nicht die Schwellen 

Der Groszen dieser Erde schaut. 

Ihn freut es mit dem schlanken Pappelbaume 

Den'^BebenschÖszling zu vermählen, — 

Und in dem Thale, an des Berges Saum 

Der Herden Schaar zu überzählen usw. 

In deutsche Beimverse übersetzt erschien schon 1579 dieses Gedicht 
von Job. Fischart ^), nachgeahmt wurde es von Opitz, Kleist, Gleim in 



39) Fürtreffliches artliches Lob des Landlostes, Mayersmut und 
lustiges Feldbaumannsleben aus des Horatii Epodo Beatus ille gezogen 
und verteutschset. Straszb. 1579, fol. S. Meusels bist. bibl. Magaz. 4. 
Zürich 1791 S. 87. 

Wol dem, der von fremd gschäften weit 
Vnd von Stattgemeinen neid und streit 
Auch von den jnnerlichen Krigen 
Entlegen, thut sein Feldgat pflügen 



176 Büchner: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Rationallitterator. 

Lobliedern auf das Landleben, nicht minder von anderen, deren Namen 
jetzt fast verschollen sind, wie Ganitz, Triller, Haug^) usw., aber das 
beatus ille schwebte selbst dem Dichter vor, dessen Name nie verges- 
sen wird, unserm Schiller, als er in der Braut von Messina den Chor 
singen liesz: 

Wol dem, selig musz ich ihn preisen. 
Der in der Stille der ländlichen Flur, 
Fern von des Lebens verworrenen Kreisen 
Kindlich liegt an der Brust der Natur. ^') 



11« 

Lehrbuch der Geschickte der deutschen NationalUtteralur. NdfSi 
einem Abris^ der deutschen Kunstgeschichte als Anhang. 
Für höhere Lehranstalten und den Selbstunterricht bearbeitet 
van Dr. Wilhelm Buchner. Zweite vermehrte and rer- 
besserte Auflage. Mainz 1863. XIV u. 408 S. 8. 

Nachdem Herr Dr. Buch n er, gegenwärtig ,Director der hdhere» 
Töchterschule in Grefeld, im Jahre 185i3 sein Lehrbuch der Geschichte 
der deutschen NationaUitteralur usw. herausgegeben hatte, verfaszie er 
die ^deutsche Ehrenhalle', welche die groszen Männer des deutschen 
Volkes in ihren Denkmälern mit lebensgeschichtlichen Abrissen darstellt. 
Dieses treffliche, in blühender und schwungvoller, hie und da begeister- 
ter Sprache geschriebene Buch, welches heftweise erschienen und 1863 
geendigt ist, kann zur Lecture ffir die reifere Jugend nicht genug em- 
pfohlen werden und darf in keiner Gymnasialbibliothek fehlen. Wie in 
dem Lehrbuch der Litteraturgeschichte , so hat der Verf. auch in der 
Ehrenhalle in den Schilderungen der Meister deutscher Kunst, sei es der 
bildenden oder der Tonkunst, sich als einen sehr unterrichteten Kenner 
und geschmackvollen Beurteiler gezeigt. Jetzt nun ist das Lehrbuch der 
Geschichte der deutschen Nationallitteratur usw. in zweiter * vermehrter 
und verbesserter^ Auflage erschienen. Die Seitenzahl lehrt, dasz diese 



Lebet abgesondert wie die Alten, 
Die fiir cüe Redlichsten wir halten, 

Ynd auff sein Landgut ^ich enthellt 

Liget mit seinem Feld zu Feld 
Baut mit sein Oehssen ynd sein Rossen, 
Das Gnt von Eltern jm verlossen. 

Sitzet nicht inn dem Wechseigaden, 

Ist mit dem Wacher nicht befaden usw. 

40) Vgl. Rosenheyn I S. 416. 

41) Hierzu ziehe man noch das folgende: 'Dean das Herz wird mir 
schwer in der Fürsten Palästen' vgl. mit Epod. 2, 7 foromque vitat et 
superba civium potentionim limina. 



BiKhner: Lehiiiich der Geschichte der deutschen Nationallitteratur. 179 

eine ▼ermdirte ist, da sie in der ersten Auflage 359, in der zweiten 400 
Seiten Text enthält, wovon in jener 332 auf die Litteratur, 34 auf die 
Kunst, in dieser 346 auf die Litteratur, 51 auf die Kunst kommen. Dasz 
sie aber auch eine verbesserte sei, läszt sich bei dem gelehrten und streb- 
samen Verfasser von vom herein erwarten; den Nachweis erspart sich 
Referent um des Raumes willen. 

Der Verf. zerlegt den ganzen Stoff unserer Nationaliitteratur wie in 
der ersten, so auch in der zweiten Auflage in zwei grosze Gruppen: alte 
Zeit (X — 1517) und neue Zeit (1517 bis zur Gegenwart), sodann jene 
wieder in drei Zeiträume : älteste Zeit vom Beginne dichterischer Thätig- 
keit bis zur Herrschaft der hohenstaufischen Kaiser (—1150), erstes Blfl- 
tenalter deutscher Dichtung ( — 1330), die Zeit des Verfalls der ritterlichen, 
des £rwachens der bürgerlichen Dichtung ( — 1517) , von denen nur der 
erste in Zeitabschnitte geteilt wird, nemlich: das germanische Zeitalter 
— 375 (in der ersten Auflage biesz es Urzeit, was Ref. als üblichere 
und verständlichere Bezeichnung vorziehen würde), die Völkerwanderung 
und die Zeit ältester Heldendichtung — 814 (früher: Ulfila und die älteste 
Heldendichtung, was Ref. abermals vorziehen würde, da hier nur Er- 
scheinungen der Litteratur, dort solche und äuszere Geschichte das Cha- 
rakterisierende sind) und endlich die Litteratur unter dem aussdiliesz- 
lich^i Einflüsse der Geistlichkeit — 1150. Den zweiten Zeitraum teilt 
der Verf. einfach und angemessen blosz nach den Erscheinungen der Lit- 
twatvr: das Volksheldengedicht, höfische Dichtung, Prosa, auf ähnliche 
Weise den dritten in Heldendichtung, Lieder- und Lehrdichtung, das 
geistliche Schauspiel und Fastnachtspiel , Prosa. — Die neue Zeit ist ab- 
geteilt In vier Zeiträume: das Zeitalter der Reformation (1517 — 1624), 
das Zeitalter des dreiszigjährigen Kriegs ( — 1730), zweites Blütenalter 
des deutschen Schriftlebens ( — 1830), das Schriftlebeu der Gegenwart 
(1630 bis zur Gegenwart). Diesen siebenten Zeitraum hatte der Verf. in 
der ersten Bearbeitung mit dem sechsten verbunden , die jetzige Sonde- 
rang ist jedenfalls aus iunem Gründen besser. Diese Einteilung der neuen 
Zeit nun beruht wieder auf einem doppelten Princip , dem aus bedeuten- 
den geschichtlichen Ereignissen und dem aus Erscheinungen der Littera- 
tur entnommenen , doch hält Ref. die Bezeichnung für begründet, weil 
die beiden zu Grunde gelegten Ereignisse, namentlich das erstere, un- 
mittelbar und mittelbar der Litteratur ihren Charakter gaben oder doch 
groszen Einflusz auf sie ausübten, wiewol das Zeitalter des 30jährigen 
Kriegs etwas weit gegriffien erscheint. Diese Bezeichnungen sämtlicher 
Zeiträume waren in der ersten Ausgabe unterlassen, verdienen aber ge- 
wis Billigung, da sie ohne weiteres zum Verständnisse der Richtung und 
Gestaltung unserer Litteratur hinleiten. Einverstanden musz man auch 
mit dem Verf. sein, wenn er im ^ Vorblicke' zum 6. Zeiträume S. 145 
sagt, dasz weder eine nach Jahren noch nach Dichtungsarten abgegränzte 
Einteilung desselben möglich sei. Ueberhaupt aber möchte Ref. dem Vf. 
ehi ^ückliches Talent der Charakterisierung und Schilderung wie der 
Perioden so auch der einzelnen Erscheinungen in der Litteratur und der 
hervortretenden Persönlichkeiten zuschreiben; beispielshalber verweist 



180 Büchner: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Nationallitteratiir. 

er auf S 81. 87. 90. 93. 104. 107 (namentlich S. 2d0), 108 (namentlich 
S. 239), 111 (S. 249), 116. 142. Dabei verschmäht es der Vf. nicht, Aus- 
sprüche und Urteile ausgezeichneter Litterarhistoriker, wie Gervinus, 
Viimar und Hillebrand usw. zu benutzen. Was aber S. 288 über die 
Grundzüge der Philosophie Schelling'S) S. 292 HegeFs, S. 293 Schopen- 
hauer's gesagt ist, gehört ganz gewis weder in ein für höhere Lehran- 
stalten noch für den Selbstunterricht bestimmtes Buch der Art; man er- 
wartet es hier durchaus nicht, weil es für die,, welche das Buch benutzen 
sollen, unverständlich ist. 

In Bezug auf die Anordnung von Einzelheiten hat sich Ref. einiges 
angemerkt, was er der freundlichen Beachtung des Ref. anheim gibt. 
S. 13 ist nach der altsächsischen Evangelienharmonie das Wessobnumer 
Gebet und Muspilli in kleinerer Schrift , dagegen nach Otfrieds Evange 
lienharmonie das Ludvrigslied in gröszerer Schrift angeführt. Wenn 
durch die kleinere Schrift das minder Wichtige bezeichnet werden soll, 
warum wird das Ludwigslied hervorgehoben? So ist auch S H« wo ^e 
Prosawerke erwähnt werden , durch den Druck vom übrigen Hauptteite 
unterschieden. Femer ist % 29 zwar in kleinerer Schrift, aber doch ab 
selbständig abgefaszt, während doch das daselbst Gesagte füglich an S 28 
angereiht werden konnte. $ 34 werden hinter Freidanks Bescheidenheit 
die Gedichte des Thomassin von Zirkläre und des Hugo von Trimberg 
durch den Druck zurück gestellt, obgleich diese drei als die bedeutend- 
sten Verfasser von Lehrgedichten dieser Periode genannt zu werden pfle- 
gen und der Vf. selbst S. 66 am Schlüsse Miese drei bürgerlichen Lehr- 
dichtungen' (welche dies seien , kann man wegen der Fassung der Para- 
graphen nur aus dem Folgenden erlernen) vor den übrigen hervorhebt. 
Zur Vergleichung bieten sich ferner dar $ 95 Engel zu Sulzer, um nicht 
von Garve zu sprechen, $ 96 von Moser ihid Moser zu Schlözer. $ 102 
erscheint das Mundartliche nach dem Drucke als gleichberechtigt, S; 339 
als untergeordet. Was S. 175 über die deutsche Bühne gesagt ist, hätte 
wol verdient in einem besondern Paragraphe behandelt zu werden. % 89 
steht Winckelmann zwischen Klopstock und Lessing und hätte wol erst 
vor oder bei % 95 angebracht werden können. % 92 ist ^ die Gruppe der 
Litteraturbriefe' unter die Poesie gestellt, Ref. würde sie lieber hü der 
Prosa oder % 86 besprochen sehen. Ferner wenn auch S. 197 Claudius 
dem Göttinger Dichterbunde angereiht werden kann , darf es auch Over- 
beck oder gehört er zu S 101? S 10^ werden Mie Preuszen' Hamann, 
Herder, Job. Georg Forster erwähnt und S. 208 auch Lenz. Zwar besuchte 
er 1768 die Universität in Königsberg und liesz dort sein Gedicht ^die 
Landplagen' drucken, aber er war weder ein geborner Preusze noch 
brachte er den bedeutendsten Teil seines Lebens in Preuszen zu. Auch 
Hölderlin scheint dem Ref. S 119 nicht den rechten Platz einzunehmen, 
sondern den Romantikern unmitttelbar angereiht, auch das $ 118 Behan- 
delte mit gröszerem Rechte entweder nach % 122 gestellt oder bei $ 126 
erwähnt werden zu müssen. Was S. 294 über die deutsche Sprachfor- 
schung bemerkt wird, ist wieder durch den Druck von dem $ 135 über 
die Geschichtschreibung Gesagten unterschieden und ^tt so dem Auge 



Sachner: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Nationallitteratur. 181 

des Lesers scheinbar als minder wichtig entgegen. Gewis aber kommt 
es dem Verf. nicht in den Sinn die groszen Verdienste der Brüder Grimm 
zm*fickstellen zu wollen. — Ob Alexander von Humboldt nach § 126 auf 
irgend eine Weise mit der S. 289 geschilderten Naturphilosophie in Ver- 
bindung gebracht werden könne, darüber getraut sich Ref. kein Urteil 
zu. Darf aber Leopold vAi Buch so nebenbei erwähnt werden, wie es 
S. 295 geschieht? — Femer findet darin eine Ungleichmäszigkeit der 
Behandlung statt, dasz S. 10 bei Ulfila und S. 60 bei den Minnesingern 
die wichtigsten Handschriften (nur die Jenaische Tcrmiszt Ref. bei den 
letzteren) genannt sind und natürlich mit Recht, aber S. 23 bei den Ni- 
belungen und S. 25 bei der Gudrdn kein Wort darüber zu lesen ist. Da- 
gegen erscheint es zwar zweckmäszig, dasz der Verf. den Inhalt ülterer 
Achtungen (s. S. 21. 25. 27 fi*., 35. 38. 40 usw.) kurz angibt, aber gewis 
dberflüssig dies auch bei Lessing , Goethe und Schüler zu thun , wiewol 
der Verf. bei dem letzten nicht referierend, wie bei den beiden ersten, 
sondern mehr beurteilend verfährt. 

Was nun den behandelten Stoff anbelangt , so gebührt der Belesen- 
heit und Kenntnis der Litteratur des Verfassers in hohem Grade Anerken- 
Bong. Man möchte den Stoff fast überreich nennen. In dieser Bsziehung 
ist sein Buch gevdssermaszen ein Repertorium zum Nachschlagen, na- 
mentlich was die schöne Litteratur der neueren und neuesten Zeit be- 
trifft, wo man neben Bedeutendem freilich auch manches Mittelmäszige 
(hidet Hier tritt mehr der Zweck des Selbstunterrichts als das Bedürfnis 
der Schule hervor. Während aber unter den Dichtern Neubeck, die bei- 
den Gollin, Raimund, Houwald, Mayer, Tanner, Fröhlich, Iloltei, Char- 
lotte Birch-Pfeiffer, Ebert, Vogl, Seidl, Louise von Plönnies, Bechstein, 
Bube usw., von Romauschreibern van der Vcldc, Spindicr, Hauff und S. 
315 ff. u. 318 ff. die bekannten und beliebten neueren in groszer Anzahl 
aufgeführt werden, ist Scheffel weder S. 14 unter den Uebersetzern des 
Walther von Aquitanien noch sonst irgendwo als Verfasser des Ekkehard 
und des Trompeters von Säckingen genannt. 

Auszer dem Vorstehenden hat sich Ref. noch folgendes notiert, was 
dem gelehrten Verf. das Interesse beweisen möge, mit welchem er das 
Buch gelesen oder vielmehr studiert hat. Zu S. 10 über Ulfila vgl. An- 
zeiger für Kunde der deutschet Vorzeit 1862. Beilage Nr. 4 S. 135, wo 
abweichende Notizen gegeben sind. — Hat Karl der Grosze die deutschen 
Monatsnamen erfunden, wie es ebendaselbst hciszt, oder nur festge- 
stellt ? Siehe Koberstein $ 15. — Ungern vermiszt Ref. § 10 die Merse- 
borger Gedichte (Idisi und Balders Fohlen). — Zu S. 20: Rassmann die 
deutsche Heldensage ist 1862 die zweite Auflage erschienen. — § 15 
wünschte Ref. nach dem jetzigen Stande der Nibelungenfrage anders ge- 
faszt. Der Verf. hält offenbar zur Lachmannschen Ansicht und fügt darum 
nur wenige ZeUen über Hollzmann hinzu. Rathsamer wäre es in einem 
Schulbuche beide Ansichten einfach darzustellen. — S. 31 heiszt es: 
*Herr hiesz der adelige , Meisler der bürgerliche Dichter.' Siehe dagegen 
Koberstein S. 163 uiid Schäfer Handbuch der Geschichte der deutschen 
Litt. S. 97. 2. Aufl. — Nach S. 35 begann Heinrich von Veldeke seine 

N. J»lirb. f. PbU. 0. Päd. II. Abt. 1863. Hft. 4. 13 



182 Buchner: Lehrbuch der Geschichte der deutschen NationaUitterätar. 

Eneit gegen 1180 und vollendete sie neun Jahre später ain Hofe Landgraf 
Hermanns von Thüringen. Diese Angabe ist mit sich selbst im Wider- 
spruch. Damals lebte Hermann noch als Pfalzgraf auf der Neuburg an 
der Unstrut. Landgraf \^ar er 1190 — 1216, nicht, wie S. 61 gesagt ist, 
1195—1216. — Zu S. 36 über Konrad von Wfirzburg vgl. Anzeiger für 
Kunde der deutschen Vorzeit 18S6 Nr. 2 S. 34 u. Nr. 5 S. 159. — S. 55 wird 
die Abfassung der Kaiserchronik spätestens 1137 — 1146 gesetzt, anders 
bei Koberstein S. 192 und wieder anders bei Schäfer S. 50. — Leidet die 
Minnepoesie oft auch nur *an Breite, Ungesundheit oder Uebertreibung' 
wie es S. 58 heiszt, nicht auch bisweilen an Schlimmerem? — S. 68 
Mysterien trotz Hase S. 41 f. aus ministerium abgekürzt? — Verdienen 
S. 77 n^en den Wappendichtern und Spruchsprechem nicht aüdr die 
Pritschenmeister eine Erwähnung? — S. 83 Fastnacht = Fasenacht? 
S. Grimm deutsches Wdrterb.^UI 1354. — Zu S. 85 u. f. Christians des 
Küchenmeisters neue casus monasterii S. Galli sind herausgegeben von 
Hardegger (s. litterar. Gentralblatt 1862 S. 982), sowie Konrad StoUe's 
thüringisch - erfurtische Chronik von Hesse 1854 als 22. Band der Biblio- 
thek des litterar. Vereins in Stuttgart. — S. 94 bei dem protestantisciieo 
Kirchenliede verdiente wol auch Luthers Freund, Hans Waltber, Erwäh- 
nung (s. Koberstein S. 397) und S. 96 Hoffmann Geschichte des deutschen 
Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit. 3. Aufl. 1862. — S 65 a. £. (S. 115) 
konnte auf Georg Neumark S. 128 verwiesen werden. — 8 73 werden 
schon Philander's Träume erwähnt, aber erst § 74 besprochen. — $ 76 
hätte Ref. gewünscht, dasz was S. 140. 141 u. 143 zerstreut vorkommt, 
in den Eaupttext der Paragraphe aufgenommen wäre, nemlich Entstehung 
der Aesthetik,- Einführung der deutschen Sprache in die Wissenschaft und 
das Beginnen von Zeitschriften. — S. 192 hätte bei Fr. Aug. Wolf die 
Einwirkung seiner Prolegomena zum Homer auch auf unsere vaterländi- 
sche Litteratur angedeutet werden sollen. — S. 191 konunt schon der 
Name ^Stürmer und Dränger* vor, S. 203 wieder, aber erst S. 213 wird 
Klinger's Schauspiel erwähnt, von welchem dieser Name stammt. Die 
Erklärung wäre wol $ 103 anzubringen. $ 108 a. £. vermiszt man bei 
der Litteratur über Schiller die Vorträge von Kuno Fischer. >— S 123 ist 
so abgefaszt, dasz ein Widerspruch darin liegt, namentlich auch wenn 
man S. 125 vergleicht. Ref. empfiehlt dem Verf. die Stelle zur Prüfung. 
— S 125 zu Ende wäre, da das Buch auch für den Selbstunterricht be- 
stimmt ist, zu wünschen, dasz nach von der Hagen und Lachmann noch 
einige andere namentlich angeführt würden , die sich um deutsche Phi- 
lologie Verdienste erworben, als Benecke, Schmeller, Graff, Maszmann, 
Haupt, W. Wackernagel. S. 346 findet Ref. eine Erwähnung von Waitz* 
deutscher Verfassungsgeschichte und Wachsmuth's Geschichte der deut- 
schen Nationalität und in Bezug auf die * Darsteller der Geschichte des 
deutschen Schriftlebens' eine Verweisung auf S. 5. 147 u. 260 wünschens- 
werth, sowie auch zu bemerken ist, dasz Vilmar schon seit einiger Zeit 
als Professor der Theologie in Marburg lebt. 

Somit hat Ref. des Verfassers Geschichte unserer NationaUitterätar 
mit einigen anspruchslosen Bemerkungen bis zu Ende begleitet. -Es folgt 



Bacb^r: Lcbrbuch der Geschichle der deutscheü NationalliUeratur. 183 

der Anbang: Ahriiz der deutschen Kunstgeschichte und zwar I. Geschichte 
der bildenden' Kunst. IL Geschichte der Tonkunst. Ref. gehört nicht zu 
Men strbigen Schulmännern', die es dem Vf. uhei nehmen kö.nnten, dasz 
er der Jugend die Kunst zufOhrt, im Gegenteil ist er der Ansicht, dasz 
die Prima eines deutschen Gymnasiums in den Vorträgen üher deutsche 
Geschichte auch auf die Haupterscheinungen der bildenden Künste hinge- 
wiesen werden soll, und er hat das Glück, dasz in seinem Gymnasium schon 
seit Jahren diese Einrichtung besteht. Etwas anderes ist es mit der Ge- 
schichte der Tonkunst; dafür ist ein besonderer Sinn und eine eigentüm- 
liche Anlage erforderlich und diese Eigenschaften sind hei unserer Schul- 
jagend nidit allgemein, während es nicht schwer hält sie für Meister- 
werke der bildenden Künste zu interessieren. Das Auge ist empfSnglicher 
als das Ohr. Ref. bekennt es offen,' dasz er kein Kenner der bildenden 
Künste und in der Tonkunst auch nur Dilettant ist. Doch hat er diesen 
Abrisz mit groszem Interesse , mannigfacher Belehrung und erhöhter An- 
erkennung der vielseitigen Bildung des Verfassers gelesen. Dieser Abrisz 
steigert den Werth des Buches. Kann er auch nicht allgemein in der 
Schule benutzt werden, so dient er doch den Empfänglichen und denen, 
bei welchen ein Verständnis vorhanden ist, zur Selbstbelehrung auf er- 
^rieszliche Weise. Nur wenige Bemerkungen zur Geschichte der Ton- 
kiuist sollen noch hinzugefügt werden. $ 24 heiszt es : * durch Gluck, 
Haydn , Mozart ward das lebensfrohe Wien der Mittelpunkt der musikali- 
schen Thätigkeit in Süddeutschland' und einige Zeilen später: ^ward in 
der Kirchenmusik verhältnismäszig nur Unbedeutendes geleistet' usw. 
Jos. Haydn hat mehrere Messen, Offertorien, Salve regina usw., Stabat 
mater und * die Worte des Erlösers' , Mozart allerdings weniger Gantaten 
und dergleidien Kirchenstücke, aber doch das Requiem und den Davidde 
penitente componiert. Darf dies Unbedeutendes genannt werden? — S. 
390 heiszt es von Hummel, er habe meist in Wien gelebt Soviel Ref. 
weisz, hat Hummel seit 1820, wo er nach Weimar kam, daselbst seinen 
bleibenden Aufenthalt gehabt. — S. 393 ist unter den grösten Tonmei- 
stern des 19. Jahrhunderts nach dem zu schlieszen, was S. 397 u. 398 
gesagt ist, wahrscheinlich Wagner ausgelassen. — S. 398 u. f. würde 
wol Mendelssohn -Barlholdy erst und dann nach ihm Wagner zu bespre- 
chen gewesen sein. Vermiszt hat Ref. S. 385 den frühem Gantor an der 
Thomana in Leipzig, Schicht, den Gomponisten vieler Motetten und Gan- 
taten sowie des Oratorium , ^ das Ende des Gerechten ', und S. 396 Kalli- 
woda, den Gomponisten mehrerer Symphonien, von denen einige in 
Leipzig sehr vielen Beifall gefunden haben. 

Zum Schlüsse kann Ref. nicht umhin'den Verf. auf einiges aufmerk-. 
sam zu machen , was den Stil betrifil und in einem auch für Schulen be- 
stimmten Buche nicht ohne Belang ist. Zuerst ist zu bemerken, dasz ein 
Lieblingswort des Verf. * Strebungen' ist, welches im Uebermasze ge- 
braucht ist; beispielshalber vergleiche § 99. 116. 132. 136. Ein anderes 
ist * groszwortig ' und *Groszwortigkeit', s. S. 129. 132. 133. 196. 233. 
333. Doch findet man dies Wort auch bei Gervinus. Ungewöhnlich fer- 
ner erscheinen S. 15 durchpulste, S. 72 u. 138 verlateint, S. 232 Ueber- 

13* 



184 Buchner: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Nationallitteratur. 

zug nach Weimar, S. 263 eigenthätige Dichter, S. 285 allgesungen, S. 362 
begeistigen , S. 392 Kleinfürsten. Wie gebraucht ferner der Verf. S. 90 
Bildlichkeit? — Unklar ist § 27 die Stelle: Stoffe des alten Testamentes 
wurden fast allein im strengeren 12. Jahrhundert behandelt. Zahl- 
reicher sind die Werke , welche Christi Leben und Leiden usw. behan- 
dein. Eine falsche Gonstruction ist S. 398 gegen da^ Ende : * ein höchst 

begabter und geistvoller Künstler , läszt Wagners * Zukunftsmusik 

die schöne absichtlose Einfalt . . . vermissen.' Auszerdem hat sich Ref. 
noch folgendes notiert. S. 242 heiszt^es von Anna Amalia in Weimar: 
. . . . schaarte sie um sich den guten feinen Wieland, den ernsten, 
tiefen Herder. Bald darauf wird Karl August einfach und treu genannt. 
— S. 280 von Grabbe: früh hochbegabt. S. 320 gegen das Ende: ge- 
slaltungskräftige . . . Kräfte. S. 338 von dem Freiherrn von Gaudy : selten 
zum Gemüte herabsteigend. S. 393 von Beethoven: ein herrlich edler 
Mensch. S. 395 von Weber : starb er daselbst allzufrüh am Tag vor der 
Heimkehr. — Uebrigens ist der Stil des Verfassers , wenn auch nicht so 
blühend wie in der deutschen Ehrenhalle, doch lebendig, kräftig, bezeich- 
nend und klar. 

Endlich sind auszer den vom Verf. schon bemerkten Druckfehlem 
noch einige in dem Buche, die ihm entgangen sind. S. 61 gegen das 
Ende ist die Jahreszahl 1296—1298 (statt 1196—98) falsch. S. 120 bei 
Zincgref: seine Apophthegmata ... ist eine Sammlung usw. S. 204 bei 
Hamann: der Magnus in Norden. S. 242 ist die erste und zweite Zeile 
teilweise ganz verdruckt. Einige andere den Sinn gerade nicht störende, 
die jeder, der das Buch gebraucht, leicht finden kann, will Ref. übergehen, 
um nicht in den Verdacht kleinlichen Mäkeins zu gerathen. 

Und somit scheidet der Unterz. von dem gelehrten Verfasser und 
spricht nur noch den Wunsch aus, dasz das im Obigen besprochene Buch 
bei denen, die sich für unsere Nationallitteratur interessieren, die Auf- 
nahme finden. möge, die es verdient. Die Schule hat in ihm ein Buch 
mehr gewonnen, welches gründliche und gediegene Bildung fördern kann. 

Eisenach. K. H. Funkhaenel. 



12. 

Hebräisches Uebungsbuch mit einem Vocäbularium zum Gebrauch 
auf Gymnasien und Universitäten so wie zum Selbstunterricht 
von Dr. A. H, Schick, Eine Zugabe zu Dr. Nägelsbach^s 
hebräischer Grammatik. L Theil. % Hälfte. Leipzig 1862. 
145 S. 

Das im ersten Hefte gegebene Versprechen, wenn das Büchlein 
Freunde und Eingang finden würde, in einem zweiten und dritten Bänd- 
chen eine ähnliche Beispielsammlung über das schwache Verbum , so wie 



Schick: hebräisches Uebungsbuch. 185 

über die Syntax folgen zu lassen, hat der Verfasser in der Weise erfüllt, 
dasz er die zweite Hälfte des ersten Teiles, welclie das unregelmäszige 
Verbum umfaszt, hat erscheinen lassen. Ob und wann das dritte Heft, 
Beispiele zur Syntax, erscheinen wird, darüber findet sich in dem Buche 
keine Andeutung. 

Da Referent in diesen Jahrbüchern bei der Anzeige des ersten Heftes 
sich über den Plan des Uebungsbuches und die Art und Weise der 
Ausführung desselben ausführlicher ausgesprochen hat, kann er sich 
hei der Anzeige des zweiten Heftes kürzer fassen , indem der Verfasser in 
diesem zweiten Hefte durchaus dieselbe Einrichtung beibehalten hat. 

In der Vorrede gibt der Verfasser beachtenswerthe Bemerkungen 
ober die Notwendigkeit des gründlichen Lernens der Vocabeln, den Zweck 
'der Ck)mponierd)ungen, und ein Verzeichnis der in Deutschland erschie- 
nenen, in das Gebiet der Uebungsbücher einschlagenden, älteren und 
neueren Werke. 

Das zweite Heft zerfällt in drei Abschnitte, deren erster die 
Veiiia gutturalia (S. 1 — 20), deren zweiter die verba contracta (S.20 — 34) 
und deren dritter die verba quiescentia (S. 35 — 103) umfaszt. S. 103 — 
109 enthalten gemischte Beispiele über sämtliche verba mit und ohne 
Suffix, S. 109 — 146 70 Vocabel-Lectionen. 

Die Zahl der Beispiele ist im Ganzen vermehrt; bei weitem die 
Mehrheit der Beispiele ist aus dem alten Testamente selbst genommen, 
und schlieszen sich diese, wo es nur einigermaszen gieng, so eng als 
möglich an den Urtext an./ Doch ist der Verf. darin zuweilen zu weit 
gegangen , z. B. S. 41 Nr. 5 Z. 8 ^Stieg ich zum Himmel empor' usw. 

Die Beispiele sind zum grösten Teil für die mündlichen Uebungcn 
bestimmt; auch soll man nach des Verfassers Ansicht nicht verfehlen, 
bei jedem Paragraphen 2 bis 4 Abschnitte schriftlich fertigen zu 
lassen. 

Was Referent von dem ersten Hefte bemerkt hat, dasz der Stoff 
\ie\ zu reichhaltig ist, als dasz er in den 2 wöchentlichen Stunden, 
welche bei uns für den hebräischen Unterricht bestimmt sind, bewältigt 
werden könne, gilt auch von diesem Hefte. Das über die verba quies- 
centia iy in der Vorrede und später im Buche selbst (S. 77) Bemerkte ge- 
hört eigentlich nicht liieher. Die Zusammenstellung der verba it und '^t 
wird den Lehrern willkommen sein. 

Der Druck der hebräischen Wörter ist im Ganzen deutlich und 
scharf, nur auf einzelnen Seilen, z. B. 112, vermiszt man die wünschens- 
werthe Schärfe. 

Der niedrige Preis erleichtert die Einführung. 

Essen. Buddeberg, 



186 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnangen , statist. Notizen. 

Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, statistische 
Notizen^ Anzeigen von Programmen. 

(Fortsetzung von S. 145.) 



7. Plaüsn]. Ans dem LehrercoUeginm schied bald nach dem Beginn 
des Schnljahrs der Oberlehrer Dr. Polle, um eine Lehrerstelle an der 
Realschule zu Chemnitz zu übernehmen. An seine Stelle trat Dr. 
Leonhardt. Am 24. September nahm der bisherige Director Prof. 
Dr. Palm yon der Anstalt Abschied, um das Bectorat des an den 
Staat übergegangenen Gymnasiums zu Budissin zu übernehmen. Gleieh- 
zeitig mit dem Director und an dasselbe Gymnasium sn Budissin als 
4. Lehrer übergehend, verliesz der 8. Lehrer Dr. Schub art die An- 
stalt. Das erledigte Rectorat erhielt Prof. Dr. Dietsch; in die erle- 
digte 10. Lehrerstelle trat Dr. Wunder, bisher Lehrer am €fynnia0iatt 
zu Freiberg. Lehrereonegium : Director Prof. Dr. Die t seh, Vicedi- 
rector Dr. Meutzner, die Gymnasiallehrer Dr. Thieme, Vogfel, 
Gessing, Dr. Flathe, Dr. Benz, Dr. Schmidt, Dr. Riechel- 
mann, Dr. Wunder, Freytag, Maler Heubner, Dr. Schenkel. 
Dr. Leonhardt, Lehrer Kretzschmar, Schubert (für Schreiben« 
Rechnen, Turnen). Schülerzahl 238 (I« 22, II« 19, III« 27, IV« 7,1*4, 
2' 7, III' 18, IV' 38, V 36, VI« 39, VI»» 19). Abiturienten 10. — Dem 
Jahresbericht geht voraus: Die Lehre der TieiUgen Schrift von dem Seuf" 
zen der Creaiur und ihrem Harren auf die Offenbarung der Kinder Gottes^ 
biblisch-dogmatische Abhandlung vom Gymnasiallehrer Dr. Sehenkel. 
48 S. 4. Kap. I. Lehrinhalt der Paulinischen Stelle, Rom. 8, 19^U. 
Kap. IL Darstellung und Kritik anderer Auffassungen der SteUe Böm. 
8, 19. Kap. III. Sdiriftbeweis der Lehre von dem Harren der Creattur. 
— Die Sympathie der Creatur und der Menschheit. Kap. IV. Die prak- 
tische Bedeutung dieser Lehre. 

8. Zittau]. Die Veränderungen im Lehrercollegium sind im Laufe 
des verflossenen Schuljahres ungewöhnlich grosz gewesen. Zu Michae- 
lis verlieszen die Anstalt Dr. Knothe, Dr. Vogel und Dr. Frohber- 
berger. Der zuerst Genannte, vorzugsweise in den obern Classen der 
Realschule thätig, trat als Civillehrer mit dem Titel Professor bei dem 
Cadettencorps in Dresden ein; der Zweite erhielt die Stelle eines Ober- 
lehrers am Gymnasium in Zwickau; der Dritte wurde zum Oberlehrer 
an der Landesschule in Grimma befördert. Der Austritt dieser Lehrer 
hatte eine ausgedehnte Ascension zu folge. In die 14., 15. und 16* 
Stelle traten als neue Mitglieder Grüllich, bisher Oberlehrer an der 
Bürgerschule in Löbau, Dr. Fell er, der sein Probejahr an dem mit 
der Realschule verbundenen Progymnasium zu Annaberg bestanden 
hatte, und Lehmann, bisher Hülf sichrer an der hiesigen allgemeinen 
Stadtschule. Für die erkrankten Lehrer Dr. Jahn und Dr. Tobias 
trat Candidat Schiefer als Vicar ein. Schülerzahl 267 (I 19, n 23, 
III 34, IV 19, V 27, I' 3, H' 9, HI' 18, IV' 39, V 45, VI» 31). Abi- 
turienten 13. -~ Dem Jahresbericht vom Director Prof. Kämmel geht 
voraus: Ueber die Aufgäbet die Methode und das Ziel der ph^sikaUschen 
Forschung, nebst einem Anhang: Einige Bemerkungen über die Beziehungen 
der Naturwissenschaften zum socialen Leben und zur Philosophie und Theo- 
logie von Dr. Dietzel. 44 S. 4. 

9. Zwickau]. In dem Lehrercollegium traten mannichfache Ver- 
änderungen ein. Zuerst schied Michaelis 1861 aus seiner bisherigen 
Stellung Dr. Hultsch in Folge einer Berufung an die Kreuzschule in 
Dresden. In Folge dessen rückte Dr. Michel in die 7., Dr. Schmidt 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 187 

in die 8« Lehrerstelle anf , während in die 0. Stelle der seitherige Ober- 
lehrer am Gymnäsimn zu Zittau, Dr. Voffel aus Planen, berufen wurde. 
Der Schulamtscandidat Dr. Dohmke leistete Aushülfe. Die gröste 
Yerändenmg aber betraf die Anstalt zu Ostern d. J. ; denn es schieden 
von derselben der Director Prof. Dr. Kran er, um auf die an ihn er- 
gangene Berufung das Bectorat der Thomasschule 'in Leipzig zu über- 
nehmen; femer derProrector Prof. Dr. Heiniohen, um in den Buhe- 
stand sn treten, und der Beligionslehrer Dr. Schmidt, der an die 
Landeseehnle zu Meiszen berufen war. Dr. Dohmke vertauschte seine 
hiesige Stellung mit der eines Adjuncten an der Nicolaischule zu Leip- 
zig, während der Qesanglehrer Fischer die Stelle eines Cantors und 
Musikdirectors in Zittau antrat. Das erledigte Directorat wurde dem 
eisten Professor an dem Gymnasium zu Weimar, Dr. IIb er g, über- 
tragen. Die zweite Lehrerstelle und das Conrectorat wurde dem seit- 
herigen ersten Adjuncten am Gymnasium zu St. Nicolai in Leipzig, Dr. 
Gebauer, die Stelle des Beligionslehrers und die 9. Lehrerstelle dem 
seitherigen Katecheten an der Heilanstalt Sonnenstein, Dr. Acker- 
mann, übertragen. Für den wegen Kranl^hejt auf ein Jahr beurlaub- 
ten Oberlehrer Becker (gestorben am 28. August) trat der Oberlehrer 
an der Landesschule in Meiszen, Dr. Vetter, ein. Am Schlus des 
Schuljahres wurde der 7. Oberlehrer Dr. Michel zum Diakonus in 
Frankenberg ernannt. Die hierdurch entstandene Lücke wurde durch 
Ascension und Beförderung des Dr. Brückner zum ordentlichen Leh- 
rer, sowie durch Ueberweisung zweier Probecandidaten, Dr. Koch und 
Wendler ersetzt. 6chülerzi£l 178 (I 15, II 23, UI 29, IV 38, Y« 18, 
y^ 28, VI 27). Abiturienten 11. — Dem Jahresbericht ist vorausge- 
schickt eine Abhandlung des Oberlehrers Dr. Vogel: De A. Gellii co- 
fla vaeabuhrum, 32 S. 4. ^Atque trlpartito quidem quaestionem de A. 
Gellii sermone instituendam visnm est dividere, ita ut primum de co- 
f(a voeabulorum ageretur, tum de rebus grammaticis^ denique de compo- 
tUiane atque wänereo genere dicendu Quorum locorum primus hoc libello 
pertractabitur.' >— 'Omnino eam legem mihi scripsi, ui exceptis nomi- 
nibus propriis, quae voeantur, omnia ea vocabula recenserem, quae aut 
Oeliä propria aut commuma essent vel cum posterioribtis vel cum anäquissi 
nds Romanorum scriptoribus,^ I. Nomina substantiva, quae voeantur. A. 
principalia et derivativa (exceptis deminutivis). B. deminutiva. C. e 
Graeca lingua translata (quibus subjicientur statim adjectiva eiusdem 
originis). U. Nomina adjectiva. A. principalia. B. derivativa. C. ver- 
balia. D. composita. £. deminutiva. F. comparativa et superlativa. 
HL Verba. A. simplicia. B. composita cum praepositionibus. C. fre- 
quentativa, quae dicuntuT. IV. Adverbia. 

Fürstentum Lippe. 

1. Detmold 1861]. In dem Lehrercollegium ist keine Veränderung 
.eingetreten. Dasselbe bilden: Director Berthold, Prof. Dr. Horr- 
mann, Dr. Weerth, Dr. Kestner, Dr. Reitze, Dr. Dornheim, 
Steinhagen, Beutsch; Religionslehrer Generalsuperintendent v. 
Colin. Schülerzahl in fünf Gymnasial- und zwei Realklassen (neben 
U und ni) 158. Abiturienten 2. — Den Schulnachrichten geht vor- 
aus: Beiträge zur Latinität des Cornelius Nepos von Dr. Dornheim. 
25 8. 4. Der Verfasser stellt die Abweichungen des Cornelius Nepos 
von dem Sprachgebrauch Cicero^s zusammen, sowol im Gebrauch als 
in der Construction , geordnet nach den Rubriken: Verba, Substantiva, 
Adjectiva, Adverbia, Conjunctionen , Präpositionen, seltene Construc- 
tionen. Der Verfasser will hiermit einerseits der Ansicht entgegenar- 
beiten, dasz Cornelius Nepos wegen seiner Latinität den Quartanern 
ohne Gefahr in die Hände gegeben werden dürfe, andererseits durch 
das xosiunmengestellte sprachliche Material vielleicht ein sicheres Fun- 



188 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

dament liefern , auf dem sich eine Untersuchung über den eigentlichen 
Verfasser der vitae gründen lasse. 

2. Lemgo 1862]. Das Lehrercollegium bilden: Rector Dr. Bran- 
des, Dr. Giemen, Prof. Schnitger, Hunnaeus, Berger, Bnsse, 
Cand. Stockmejer. Schülerzahl (in 6 I^lassen) 121. Abiturienten 6. 
— Den Schulnachrichten geht voraus eine Abhandlung des Rector Dr. 
Brandes: Das Tccurusgehirge und dessen Name, 36 S. 4. Der Verfasser 
schildert den cilicischen Taurus, den Cydnus, das pisidische Oebirgs- 
land, die Cibyratis, die Ruinen von Pinara, Telmessus, Xa'nthos; als- 
dann weist er auf die weitere Ausdehnung des Begriffs des Taums- 
gebirgs hin und erwähnt andere O ertlichkeiten gleiches Namens, die 
Tauem, Tauriner, Tauromanium, Tor, Taurier, Tauran, stimmt mit 
Rosenmüller u. A. überein, dasz Taurus eigentlich Berg heisae, nnd 
hält turris, Thurm, tour, torre, welche Wörter auch vielfach in geo- 
graphischen Namen vorkommen, für verwandt mit Taur. 

Fürstentum Waldeck. 

CoRBACH 1862]. Zu Anfang des Schuljahres schied der Direotor 
Curtze, weil Gesundheitsrücksichten ihn zur Niederlegung seines 
Amtes nötigten, nach 32jähriger Thätigkeit aus seiner seitherigen Stel- 
lung. In seine Stelle ist der bisherige Gymnasiallehrer Dr. Vogt ans 
Elberfeld eingetreten. Schülerzahl im Sommersemester 1862 81 und 
zwar 48 Schüler des Gymnasiums (I 15, H 9, III« 7, III>» 7, IV« 8, 
IV b 2), 33 Schüler der Realclassen (H 3, III« 4, m»» 16, IV 10), Abi- 
turienten zu Mich. 1861 4, zu Ostern 1862 1. >— Den Schulnachriohten 
geht voraus: Tegnir'^s Stellung zur Theologie und Philosophie sowie zu 
den religiösen Richtungen seiner Zeit, vom Gymnasiallehrer R. Waldeck. 
106 S. 4. I. Allgemeine Bemerkungen über Tegn^r^s Bedeutung^ als 
Theologe. IL Jugend und religiöser Bildungsgang. 1782 — 1803. IIL 
Tegn^r, Professor der Philosophie. Philosophie und Christentum. 1803 
— 1812. IV. Tegn^r, Professor der griechischen Litteratur. Hellenis- 
mus und Evangelium. 1812 — 1824. V. Poetisches Intermezzo. Die 
Nachtmahlskinder. 1820. VI. Das achtzehnte und neunzehnte Jahrhun- 
dert. Deismus, Rationalismus, Supranaturalismus. VII. Das reforma- 
torische Princip der freien Forschung. Verhältnis von Vernunft und 
Offenbarung. VIII. Die drei Hauptartikel des christlichen Glaubens. 
Die christliche Kirche. IX. Ursprung der Seele und Unsterblichkeit 
X. Die Zukunft des Christentums. 

Kurfürstentum Hessen 1863. 

1. Cassel]. Lyceum Fridericianum. Nachdem durch die ver- 
mehrte Classenzahl vermehrte Lehrerkräfte nötig geworden waren, 
wurde der Candidat der Philologie Körb er, bisher beauftragter Lehrer 
am Gymnasium zu Fulda, dem hiesigen Gymnasium in glei<3ier Eigen- 
schaft zugewiesen. Der Candidat der Theologie und Philologie Th. 
G r o s z wurde dem Gymnasium als Praktikant zugewiesen, um an dem- 
selben sein Probejahr zu bestehen. Der ordentliche Gymnasiallehrer 
Riesz wurde zum Gymnasialdirector in Rinteln ernannt. Am Schlosse 
des Schuljahres unterrichteten an der Anstalt: 1) acht ordentliche 
Lehrer: Dir. Dr. Matthias (I), Dr. Flügel (II*), Dr. Schimmel- 
pfeng (II»»), Dr. Klingender (IH«), Schorre, Dr. Weber (lU»»), 
Dr. Grosz (in«^), Dr. Lindenkohl; 2) fünf Hülfslehrer : Riedel (V«), 
Dr. Preime (IV«), Dr. Auth, Ernst, Petri (IV»»); 3) drei beauf- 
tragte Lehrer: Caplan Breidenbach (für kathol. Religionsunter- 
richt), Körber (V*»), Zuschlag (VI); 4) ein Auscultant: Grosi; 5) 
drei auszerordentliche Lehrer: Geyer (für Schreiben und Rech- 
nen), Schwarz (für Zeichnen), Temme (für Singen). Den Tom- 



hte üb^ gelehrte Anstalten, Verordnungen, staust. Notizen. 189 

icht leiteten Schorre und Ernst. Am Schiasse des Winter- 
hres war die Gesamtzahl der Schüler 322 (I 24, II« 14, II ^ 28, 
2, nib 30, in« (parallel mit in»>) 29, IV« 36, IV»» (parallel mit 
16, V« 31, V»» (parallel mit V«) 30, VI 32). Abiturienten 10. — 
fahresbericht gebt voraus: üeher die Universitäten in Sicilieny von 
indenkohl. 29 S. 8. Der Verfasser teilt mit, wie die Univer- 
i in Sicilien unter Ferdinand II. und bis zur Vertreibung der bour- 
ihen Dynastie bestanden, und fügt am Schlüsse noch dasjenige 
, was er über die gegenwärtigen Zustände derselben in Erfah- 
l^ebracht hat. 

Fulda]. An die Stelle des beauftragten Lehrers Körb er (siehe 
[] trat Reallehrer Pfarrer Breunung zu Marburg, welcher mit 
nstweiligen Versehung einer Lehrerstelle am hiesigen Gymnasium 
uragt wurde. Da die beiden Lehrer der Mathematik und Natur- 
ischaften durch Gesundheitsrücksichten zeitweilig an der vollstän- 
Versehung ihres Amtes gehindert waren, so wurde der bis dahin 
lem Privaterziehungsinstitute zu Pfungstadt im Groszherzogtum 
n als Lehrer fungierende Gymnasialpraktikant Auth mit-der Aus- 
distong am hiesigen Gymnasium beauftrag^. Am 30. September 
der Gymnasialdirector Dr. Wesen er sein Amt nieder, da er als 
äsialdirector und herzoglich nassauischer Oberschulrath nach Ha- 
berufen worden war. Die Besorgung der Directorialgeschäfte 
bis zur Ernennung eines neuen Directors auf den ältesten Lehrer 
istalt Dr. Weismann über. In die erledigte Directorstelle wurde 
ymuasialoberlehrer Dr. Ed. Göbel an dem Apostelgymnasium zu 
berufen, welcher mit dem Anfange des neueu Schuljahres sein 
intreten wird. Bestand des Lehrercollegiums am Schlüsse des 
iahrs die ordentlichen Lehrer: Dr. Weismann (I), Dr. Gies, 
i (V), Dr. Lotz, Bormann, Donner (HI*), Gegenbaur (III*»), 
>stermann (II), Schmittdiel (IV); evang. Religionslehrer 
jr Dr. Claus, die beauftri^ten Lehrer Pfarrer Breunung (VI), 
, Gesanglehrer Henkel, Zeichnenlehrer Binder, Schreiblehrer 
maun (zugl. Turnlehrer). Schülerzahl am Schlüsse des Schul- 
I 216 (I 17, n 25, m« 21, m»> 32, IV 37, V 45, VI 39), Abitu- 
n 8. — Den Schulnachrichten geht voraus: Eine Fuldaische Chro- 
s der ersten Hälfte des 17, Jahrhunderts von Gangolf Härtung, ,Her- 
geben von dem Gymnasiallehrer Gegenbaur. 42 S. 4. Die 
ik', d. i. die Aufzeichnung der wichtigsten Ereignisse im Stift 
, welche der Verfasser als Augenzeuge mit gesehen und erlebt 
^eht vom Jahre 1607 bis zum Jahre 1666, umfaszt also die Re- 
igszeit der Aebte Johann Friedrich von Schwalbach , Johann Bern- 
§chenk von Schweinsberg, Johann Adolf von Hoheneck, Hermann 
von Neuhoff, Joachim Graf von Gravenegg und das Zeitalter des 
igjährigen Kriegs. In einfacher nackter Darstellung der Ereig- 
liefert der Verfasser dennoch ein ganz anschauliches Bild von 
erhältnissen und Drangsalen, welche die Abtei Fulda in dieser 
u erdulden hatte; wir hören von fast allen wichtigen historischen 
len, von Kriegs- und Staatsmännern, von Heeren und Heeres- 
jener Zeit, die durch Fulda kamen und daselbst Quartier nah- 
Am wichtigsten sind die Nachrichten aus den Jahren 1630 — 1635, 
Zeiträume, innerhalb dessen der Kanzler Oxenstiema als Be- 
Ichtigfter der Krone 'Schweden die Abtei Fulda an die Commissa- 
es Landgrafen Wilhelm übergeben hatte. 

Hanau]. Im Personalbestand der Lehrer ist im Laufe des Schul- 
eine Veränderung nicht eingetreten; am Schlüsse desselben ist 
rd entliche Gymnasiallehrer Casselmann an das Gymnasium in 
[ versetzt und an seine Stelle der bisherige Lehrer der deutschen 
tie, Geschichte und Moral am Cadettenhaus in Cassel, O. Witzel, 
[ülfslehrer an dem Gymnasium in Hanau ernannt worden. Lehrer- 



i 



100 Berichle über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen« 

collegium: Director Dr. Piderit (I), die ordentlichen Lehrer Lich- 
tenberg, Dr. Fürsten an (III), Dr. F liedner, Gas sei mann (H), 
Dr. R. Suchier, Spangenbefg (IV), die beauftragten Lehrer Dr. 
Gundlach (V), Krause (VI), Pfarrer Fuchs (für Relig. undHebr.); 
Zimmermann (Schönschreiben), Eichenberg (Gesang), Störger 
(Turnen). Schülerzahl 102 (I 16, II 15, IH 27, IV 20, V 15, VI 9). 
Abiturienten 0. — Den Schulnachrichten geht voraus: EuridM Cordui, 
Eine biographische Skizze aus der Reformationszeit von 0. Kransa. 
124 S. 8. 

4. IIursfeld]. In dem Lehrerpersonale hat keine weitere Verän- 
derung stattgefunden, als dasz am Schlüsse desselben der beauftragte 
Lehrer Dr. Buderus zum Hülfslehrer ernannt ist. Lehrercollegiam: 
Director Dr. theol. u. phil. W. M uns eher (I), die ordentlichen Lehrer 
Dr. Deichmann (II), Pfarrer Wiegand, Dr. Wiskemann (III), 
Dr. Dieterich (IV), Dr. Ritz (V), Heermann; Hülfslehrer Dr. 
Buderus (zugleich Turnlehrer); die beauftragten Lehrer Pfarrer Vial 
und Candidat Birkenstamm (VI); die auszerordentl. Lehrer Miiti- 
bau er (Zeichnen und Kalligr.), Anacker (Gesang). Schülerzahl 151 
(I 28, II 31, III 42, IV 25. V 18. VI 7). Abiturienten 9. Den ßchul- 
nachrichten geht voraus eine Abhandlung des Hülfslehrers Dr. Bude- 
rus: Ueber die Gleichungen zwischen Bogenlänge und Neigung*%vinkel der 
Tangente ß,r die Kegelschniitslinie und einige andere Curven. 36 S. 4. 

5. Marburo]. Der bisherige Hülfslehrer Dr. Buchenau wurde 
zum ordentlichen Lehrer ernannt. Von den beiden Candidaten des 
Gymnasiallehramts wird Praktikant Ney das Gymnasium mit dem 
Schlüsse des Schuljahres verlassen, um eine Lehrerstelle an der Real- 
schule zu Meseritz in der preuszischen Provinz Posen zu übernehmen, 
Praktikant Hartwig wird als beauftragter Lehrer am Gymnasium ver- 
bleiben. Dr. Mauritius, dessen Vorbereitungsdienst mit dem Sohlosf • 
des Sommerhalbjahres beendigt war, wurde mit Erteilung von Unter- 
richt beauftragt. Lehrercollegium: Director Dr. Fr. Münscher, die 
ordentlichen Lehrer Dr. Sold an (I), Dr. Ritter (III«) > Pfarrer Fen- 
ner, Dr. Collmann (H), Pfarrer Dithmar, Fürstenau, Dr. Bu- 
chenau (VI); die Hülfslehrer Krause (IV), Dr. Schimmelpfeng 
(in>^); die beauftragten Lehrer Dr. Mauritius, Ney, Hartwig (V); 
die auszerordentlichen Lehrer Pfarrer Will (kath. Relig.), Conrector 
Kutsch (Schönschreiben). Mit dem Gesangunterricht war Dr. Ffir- 
stenau, mit dem Turnunterricht Dr. Schimmelpfeng bcdraftragt 
Schülerzahl 194 (I 23, II 32, HI* 29, III*» 27, IV 28, V 36, VI 19). 
Abiturienten 10. — Den Schulnachrichten ist vorausgeschickt eine Ab- 
handlung des Directors Dr. Fr. Münscher: Beiträge zur Erklärung 
der Germania von Tacitus. 36 S. 4. Diese Beiträge sollen zunächst den 
Schülern des Gymnasiums, denen die Germania zur Privatleotüre Über- 
wiesen ist, die zum Verständnis erforderliche Unterstützung gewähren; 
sie sollen femer solchen Lehrern, welche sich durch die Schwierigkeit 
der Sacherklärung bisher abhalten lieszen, die Schrift in der Schule 
zu behandeln, die Hülfsmittel bezeichnen und das Notwendigste nur 
Erklärung an die Hand geben. Mit den Ansichten von Krits, dem 
Herausgeber der Germania, dessen Meinung dahin geht, dasz wenlf- 
stens in einer Schulausgabe der Germania nur ein solches Verständnii 
in Bezug auf Sprache und Inhalt, welches aus Tacitus selbst ge- 
funden werde, und welches Tacitus bei seinen Landsleuten vor- 
aussetze, erstrebt, jede Erläuterung aus späteren germanischen Qnel- 

> len vermieden werden müsse, kann sich der Verfasser nur teilwein 
einverstanden erklären. Die Behauptung des Herausgebers, dass bei 
den groszen Veränderungen, welche in Deutschland stattgefunden, die 
Verhältnisse späterer Zeiten keinen einigermaszen sicheren Rückschlnsi 
auf frühere Zeiten gestatteten, sei in Bezug auf die Wohnsitie 
vieler germanischen Völkerschaften ohne Zweifel nicht unbe- 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, slatist. Notizen. 191 

gründet; aber in Bezng anf Sitten nnd Gebräuche, welche dem gan- 
zen Volk eigentftndich waren, könne sie nicht anf Geltung Anspruch 
machen, indem hier eine solche Stetigkeit stattfinde, dasz manches 
sich bis weit in das Mittelalter hinein, ja sogar noch bis in unsere 
Tage erhalten habe. Durch Femhalten der aus späteren Zeiten reich- 
lich fliesienden Erläuterungen werde dagegen das Verständnis der 
Schrift absichtlich erschwert, ja die gtlnstige Wirkung, dasz die Ger- 
mania anf die folgenden Jahrhunderte und die Geschichte dieser wie- 
derum anf die Germania Licht werfe, werde preisgegeben werden. 
Hin würde somit eine sich ganz natürlich bietende Gelegenheit, die 
Stetigkeit nnd Lebensfülle des germanischen Geistes den Schülern im 
Laufe der Jahrhunderte zu yeranschaulichen, ohne irgend welche Recht- 
fertigang yersSumen. Nach der Ueberzeugung des Verfassers sollten 
daher iSklftrungen der Germania für Schüler nach folgenden Gesichts- 
Bonkten abgefasst sein: 1) Dasz mit besonderer Sorgfalt darauf gese- 
len werde, nur solche Gegenstände, die in der Schrift vorkommen, 
nicht solche, die entweder m gar keiner oder in einer nur losen Ver- 
bindung mit derselben stehen, in den Bereich der Erklärung zu ziehen. 
2) Daei die Erklärung der einzelnen Stellen zunächst zwar aus Tacitus 
lelbet, aber, falls dazu Bedürfnis und Stoff vorhanden ist, auch aus 
den späteren Ueberlieferungen der Germanen entnommen werde. 3) Dasz 
dashäb, während bei anderen Schriften des classischen Altertums der 
Gebrauch der lateinischen Sprache zur Erklärung berechtigt, ja unter 
ümttftnden sehr wünschenswerth ist, die Anwendung dieser Sprache 
nr Erklärung der Germania minder angemessen sein möchte, als die 
dar dentachen Sprache. 4) Dasz neben der Sorgfalt, welche der Er- 
lläning des einzelnen gewidmet wird, die Aufmerksamkeit darauf ge- 
dehiet eei, den Plan der ganzen Schilderung, welche Tacitus mit be- 
NBderer Kunst entworfen hat, in seinen Teilen und in deren Verknü- 
|fang darmlegen« — Wenn der Verf. sich in Bezug auf die Grundsätze der 
kiklämng mit Eritz nicht einverstanden erklären konnte, so ist er dage- 
gen in Betreff dessen , was jener von dem Zweck , sowie von den Quellen 
Mgt, ans welchen Tacitus geschöpft habe , ganz seiner Meinung. — Da 
Ints vermöge des von ihm eingenommenen Standpunktes mehr die Spra- 
die der Germania als das in derselben geschilderte Leben der Germanen 
n erklären strebt, der Verfasser aber umgekehrt gerade das letztere 
der Erklärung besonders würdig und bedürftig erachtet, so möchte er 
fiese Beiträge, die sich auf die ersten acht Capitel beschränken müs- 
HB, nnr als eine freundlich dargebrachte Zugabe — eine 6öcic ÖXift] 
TC q»{Xr| Te — zu dem, was Kritz und andere über denselben Gegen- 
Itiiid nnd au gleichem Zwecke geschrieben haben, augesehen wissen. 
Der Erklärung dss 1. Capitels geht eine Uebersicht über den Inhalt der 
Oennania nnd insbesondere des ersten Abschnittes derselben, dem 
& Cap. eine Uebersicht über den zweiten Abschnitt des ersten oder 
allgemeinen Teils voraus. 

6i. RiHTSLv]. Am Anfange des Schuljahres verliesz der beauftragte 
Lehrer Berkenbnsch die Anstalt und übernahm die Stelle eines or- 
totliehen Lehrers am Gymnasium zu Bückeburg. Im August schied 
der Direetor Dr. Schick von dem Gymnasium und trat in den auf seine 
Bitte ihm gewährten Buhestand« An seine Stelle trat Dr. Riesz, bis- 
her ordeniHoher Lehrer am Gymnasium zu Cassel. Der beauftragte 
Lehrer Dr. Braun wurde zum Hülfslehrer ernannt. Lehrercollegium: 
Direetor Dr. Biess, die ordentlichen Lehrer Dr. Feuszner (I), Dr. 
Byeell (U), Pfarrer Meurer (III), Dr. Hartmann, Dr. Stacke 
(lY gymn.), Kutsch (IV real.), Dr. Suchier; Hülfslehrer Dr. Braun 
(V); die anszerordentlichen Lehrer Storck (Schreib- und Zeichen- 
lehrer), Cantor Kapmeier (Gesanglehrer). Schülerzahl 79 (I 8, II 10, 
in« 10, in' 8, IVi 13, IV' 16, V 15). Abiturienten 1 (Ostern 1862 8). — 
Den.Bchttlnachrichten geht voraus: Geschickte der Jungfrau von Orleans , 



192 ^ Entgegnungen. 

fünfter Teil, von Dr. Eye eil. 39 S. 4. Thaten der Johanna d'Arc. 
Anfang zum ersten Abschnitt des zweiten Teiles. Zweiter Teil. Thaten 
der Johanna d'Arc. II. Abschnitt.. Von der Krönung des Königs in 
Rheims bis zur Gefangennahme der Jungfrau von- Compiigne. §. 6. Von 
Rheims bis vor Paris und zurück an die Loire. 

Fulda. Dr, Ostermann. 



Entgegnungen.*) 

Im 1. Hefte des 87. (u. 88.) Bandes dieser Zeitschrift berührt Hr. 
Professor A. Baumstark auch das von Unterzeichnetem yerfaszte 
Programm von 1862 und sagt in den. Anmerkungen, womit er einzelne 
Sätze desselben begleitet, unter anderm: der Verfasser huldige 
dem Princip der Zersplitterung des Unterrichtes. 

Dies stellt so entschieden im Widerspruch mit meiner Ansicht und 
meinen sonstigen Aeuszerungen darüber, dasz ich einige Worte zor 
Erklärung beifügen zu müssen glaube. 

Ich habe stets der Ooncentration des Unterrichtes oder des Sta- 
diums das Wort geredet und glaube auch in dem erwähnten Schriftchen 
wiederholt die Notwendigkeit derselben betont zu haben. Ich habe 
keine Vorschläge gemacht, sondern auf Uebelstände hindeaten 
wollen, die sich ergeben müssen, wenn die Anforderungen an die Zoe- 
linge mit ihrer geistigen Natur nicht in Einklang bleiben. Was S. m 
über des Schülers Selbstbeschäftigung auszer und neben dem Schul- 
unterricht gesagt ist, spricht gerade das innigste Verlangen nach Oon- 
centration aus, und zwar nach Ooncentration für den Schüler, 
wenn und wofern die Schule sie nicht geben kann; — dasz sie 
solche nicht geben solle, hat wol Hr. Baumstark nur in vorgefaszter 
Meinung aus den Zeilen heraus- oder vielmehr hineingelesen. Darin 
bin ich vollkommen einig mit ihm, dasz Ooncentration allein zu etwas 
Rechtem führt, Ooncentration auf die eine oder andere Weise. Dass 
man in unsere Mittelschulen ein Vielerlei von Unterrichtsgegenst&nden 
eingeführt hat und manchmal noch mehr einführen will, setzte ich all 
einfache Thatsache voraus und suchte von dieser Voraussetznng ans 
nach einem andern Wege der zuletzt gewis uuerläszlichen Ooncentra- 
tion. Ich glaube, sie ist auch dadurch möglich, dasz der Schüler in 
den einen Lehrgegenständen unter Anleitung der Schule sein Wissen 
sich selbst erarbeiten musz, wozu Zeit und Musze gehört, während es 
ihm in andern in gewissen nötigen Resultaten oder Anregaugen kurz 
mitgeteilt wird. Doch so etwas läszt sich in ein paar Worten nicht 
genügend darlegen und diesen Fehler der ungenügenden Darlegung mag 
bei seiner Kürze auch das in diesem Puncte ganz misverstandene Pro- 
gramm an sich haben. 

Offenburg, den 19. April 1863. M. Intlekofer. 



Auf die Erklärung des Freiburger Doctors Baumstark, wie sie in 
diesen Jahrbüchern Bd. 87 H. 2 S. 08 f. enthalten ist, in welcher mit 
Schandartikel, Versteck, Schulniederträchtigkeit, Bosheit, Kriecherei 
und andern abgenutzten Ejaftausdrücken der Freiburger Humanitfttf- 
bildung um sich geworfen wird, ist eine Entgegnung ohne Besndelaiig 
nahezu unmöglich. 

Ausdrücke der Art stellen deren Verfasser auf eine Stufe, dasz ein 
Gegner, welcher auf Ehre hält, es unter seiner Würde erachtet, ihm 
auf das Feld der Gassenschimpferei nachzufolgen. 

H. am 18. April 1863. Ä- 0. 

*) Die Red. sieht sich genötigt die betr. Discussion abzuschlieszen« j 



Personalnotizen. 1 93 

Personalnotizen. 



£rBeBBmBfeB9 Beförderang^n« TersetBvngen 9 AvBzeichnvngen. 

Achenbach, Oswald, Professor an der Knnstakademie zn Düsseldorf, 

erhielt den kais. russ. St.-Stanislausorden 2r Klasse. 
von Artha, Leopold Hasner, Dr., Professor an der Universität Prag, 

erhielt das Bitterkrenz des kaiserl. Österreich. Leopoldordens. 
Bach, Ernst, Director der Realschale zu Annaberg, als 'Professor' 

prädiciert, 
Bardocz, Ludwig, Dr., zum auszerord. Prof. für Statistik und Ge- 
schichte an der königl. Bechtsakademie zu Kaschau ernannt. 
Yon Baumgartner, Freiherr, Geh. Rath und Präsident der kaiserl. 
Ssterr. Akademie der Wissenschaften, erhielt das Groszkreuz des 
kais. Leopoldordens. 
Berger> Joseph, Director der k. k. Unterrealschule zu Kremnitz, zum 

proris. Director der Oberrealschule in Kaschau ernannt. 
Brandts, Dr., Professor an der Universität Bonn, Geh. Regierungs- 
rathy erhielt den königl. preusz. rothen Adlerorden 2r Klasse mit 
Eichenlaub. 
Brins, Alois, Dr., Prof. an der Univ. Prag, erhielt den kais. Österr. 

Orden der eisernen Krone 3. Klasse. 
Christ, W., Dr., auszerord. Prof. der Univ. München, zum ordentl. 

Prof. ernannt. 
Ton*Osoernig, Freiherr, kais. österr. wirkl. Geh. Rath, zum Präsi- 
denten der neubestellten statistischen Centralcommission in Wien 
ernannt. 

Darwin, Charles, in London, von der königl. Akademie der Wissen- 
tehaften in Berlin zum correspondierenden Mitglied ernannt. 

Diak, Anton, Weltpriester, zum ordentl. Lehrer an der Oberrealscliulo 
SU Görz ernannt. ' 

Eiselen, Dr., in Lennep, zum Director der Realschule in Wittstock 
berufen. 

£rdmann, Dr., ordentl. Lehrer am Gymnasium zu Stendal als 'Ober- 
lehrer' prädiciert. 

Fieker, Julius, Dr., ordentl. Professor in der philosoph. Facultät der 
Universität Innsbruck, zum ord. Prof. der deutschen Reichs- und 
Reehtsgeschichte in der rechts- u. staatswissenschaftlichen Facultät 
daselbst ernannt. 

Firnhaber, Dr. C. G., Regierungsrath zu Wiesbaden, als 'Geheimer 
Regierungsrath' charakterisiert. 

Ton Gerber, Dr., Geheim. Justizrath u. Professor in der juristischen 
Facult&t der Univ. Jena, zum ordentl. Prof. des deutschen Rechts 
an die Univ. Leipzig berufen. 

Oejling» Franz, zum Lehrer an die Unterrealschule zu Steyr berufen. 

Ton Haner, Karl, Vorstand des chemischen Laboratoriums der geol. 
Reichsanstalt zu Wien, und 

Ries er, Joseph, Prof. in Wien, erhielten das k. österr. goldene Ver- 
dienstkreuz mit der Krone. 

Hoff mann, Paul, Dr., auszerord. Prof. des römischen und Kirchen- 
rechts an der königl. Rechtsakademie zu Kaschau, zum ordentl. 
Prof. daselbst ernannt. 

Hebra, Ferdinand, Dr., Prof. in Wien, und 

Jonak, Eberhard, Dr., Prof. in Prag, erhielten das Ritterkreuz des 
k. österr. Franz-Josephordens. 

Jenny, K. , Dr., Prof. und Bergrath in Schemmitz, erhielt das kais. 
österr. goldene Verdienstkreuz mit der Krone. 

Kieszling, Adolph, Dr., Adjunct am Joachimstharschen Gymnasium 



1 94 Personalnotizen. 

zu Berlin, znm ordentl. Prof. an der Hochschule und dem Pädago- 
gium in Basel ernannt. 
Kock, Dr., Prorector des Gymnasiums in Frankfurt a/0., zum Diree* 

tor dieser Anstalt berufen. 
Kogler, Johann, Dr., zum auszerordentl. Professor der politischen 

Wissenschaften usw. an der königl. Rechtsakademie zu Kasehan 

ernannt. 
Köhler, Rector der Realschule zu Altstadt -Dresden, als 'Professor' 

prädiciert. 
Koztowski, Thaddäus, Supplent am Gymnasium zu St. Anna in 

Krakau , zum wirklichen Lehrer an der Ohprrealschule zn Lem- 

berg ernannt. 
Kriegk, Ludwig, X)r. Prof., Lehrer der Geschichte am G^ynmasimn 

in Frankfurt a/M., zum Stadtarchivar daselbst ernannt. 
Kukula, Wilhelm, zum Lehrer an der Unterrealschule zn Steyr berufen. 
Lebert, Dr., ordentl. Prof. in der medicin.* Facultät der Uniyersittt 

Breslau, erhielt das Offizierkreuz des kaiserl. franzos. Ordens der 

Ehrenlegion und das Ritterkreuz des königl. italiänisch. 8t. Mauri- 
tius- u. Lazarusordens. 
Lemcke, L,,, Dr. in Braunschweig, zum auszerordentl. Professorder 

neueren Sprachen und der abendländischen Litterator an der UniT. 

Marburg ernannt. 
Mayer, Joseph, Supplent an der Oberrealschule zu Ofen, zum wirk- 
lichen Lehrer an derselben Anstalt ernannt. 
Middeldorpf, Dr., Medicinalrath und ordentl. Prof. in ^der medicin. 

Facultät der Universität zu Breslau, erhielt das Rittei^euz des 

königl. ital. St.-Mauritius- u. Lazarusordens. 
Miklosich, Franz, Dr. Prof. in Wien, zum auswärtigen Mitgliede der 

königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin ernannt. 
Mitscherlich, £., Dr., Geh. Obermedicinalrath u. ordentl. Professor 

in der philos. Facultät der Universität Berlin, erhielt das Com- 

mandeurkreuz des königl. ital. St. -Mauritius- und Lazamsordens. 
Müller, Johann Gottfried, Prof. der Rechtsakademie in Hermannstadt, 

erhielt das Ritterkreuz des kais. österr. Franz-Josephordens. 
Müller, Karl Wilhelm, Dr., Director des Gymnasiums zu Bndolstadt, 

als ^Oberschulrath' prädiciert. 
Müller, K. F. W. , Dr., ordentl. Lehrer am Friedrichscolleg^iun za 

Königsberg , als Oberlehrer am Gymnasium zu Landsberg a. d. W. 

angestellt. 
Müller, Otto, Dr., ordentl. Prof. des röm. Rechts an der Universität 

Leipzig, als ^Appellationsrath' prädiciert. 
Neustätter, Ludwig, Porträt- und Geiuremaler in Wien, erhielt das 

k. österr. goldene Verdienstkreuz mit der Krone. 
Peip, Albert, Dr. in Berlici, zum auszerord. Prof. in der philos. Fa- 
cultät der Universität Göttingen ernannt. 
Pettenkofer, August, Genremaler in Wien, erhielt das Bitterkrevs 

des k. österr. Franz-Josephordens. 
Purkynn, Johann, Dr., Professor an der Universität Prag, erhielt den 

k. russ. St.-Wladimirorden 3. Klasse. 
Rahl, Karl, Historienmaler, zum Professor der Malerei an der Wiener 

Kunstakademie ernannt, erhielt das Ritterkreuz des Frans-Joseph- 

Ordens. 
R i c k e r , Schulamtscandidat, zum Collaborator am Gymnasinm za WeiL- 

burg ernannt. 
Schier, Johann, Dr., auszerord. Prof. der Universität Prag, znm ord. 

Prof. für österr. Verfassungsrecht usw. ebenda ernannt, 
Schindler, Emil, zum wirklichen Lehrer an der Oberrealschnle tu 

Ofen ernannt. 



Personalnotizen. 195 

Schlosser, Georg, zum wirklichen Lehrer in den Unterrealklassen 
der Bürgerschnle zn K&nigsgrätz ernannt. 

Schmidt, Dr., Prorector am Gymnasium zn Schweiduitz, als ^Profes- 
sor' prädiciert. 

Schmidt, Leopold, Dr., anszerordentl. Prof. in Bonn, zum ordentl. 
Prof. in der philos. Facnlt. und Director des philolog. Seminars an 
der XJniY« Marhnrg ernannt. 

Schmidt» Gottloh, Dr., AppeUationsrath zn Leipzig, zum ord. Prof. 
in der juristischen Facmtttt der dortigen Univ. ernannt. 

Sehnierer, Alfred, Dr., zum anszerord. Prof. für rechts- and Staats- 
wissenschaftl. SnoyolopKdie an der königl. Rechtsakademie zu Ka- 
schaa ernannt. 

Schütte, Wilhelm, Dr., Lehrer an der Realschule zu Stralsund, als 
«Oheriehrer' prftdiciert. 

SladoTi6, Franz, k. k. österr. Schulrath, zum Domhernn am Casmaer 
CoUegiatcapitel ernannt. 

Stäche y Architeet in Wien, erhielt das Ritterkreuz des kais. Österr. 
Franz-Josephordens. 

Stephan, Joseph, Dr., Pri7atdocent für mathematische Physik an der 
Wiener Universität, zum ordentl. Prof. der höheren Mathematik u. 
Physik ehenda ernannt. 

Suse mihi, Franz, Dr., anszerordentl. Prof. in der philos. Facultät der 
UmTersitttt Greifswald, zum ordentl. Professor ebenda ernannt. 

STohoda, Joseph, Adjunct der Koliner Unterrealschule, zum Lehrer 
an der Unterrealsohule in Rokycan ernannt. 

Swohoda, Joseph, Supplent an den Unterrealklassen der Bürgerschule 
sa Königsgrätz, zum wirklichen Lehrer ernannt. 

Todt, Dr., ordentl. Lehrer am Gymnasium zu Nordhausen, zum Ober- 
lehrer befördert. 

Unger, Dr., Bibliotheksecretär in Göttingen, zum auszerord. Professor 
in der philosoph. Facultät der dortigen Universität ernannt. 

Yolkmann, Richard, Dr., Privatdocent an der Universität in Halle, 
zum auszerord. Professor in der medicinischen Facultät daselbst 
ernannt. 

Waldmüller, Ferdinand, Genremaler in Wien, erhielt das Ritter- 
krens des k. österr. Franz-Josephordens. 

Weil, Dr., Professor an der Universität Heidelberg, erhielt das Ritter- 
kreuz des königl. ital. St.-Mauritius- und Lazarusordens. 

Wenger, Karl, Dr., Professor der Dogmatik am Lyceum zu Salz- 
' borg, zum Cnstos der Salzburger Studienbibliothek ernannt. 

Ib Rvhestancl versetBit 

Dechant, Dr., Oberlehrer am Waisenhause zu ßunzlau. 
Oettinger, Oberlehrer am Friedrich-Wilhelms- Gymnasium zu Köln. 
Poppo, Dr., Director des Friedrichs-Gymnasiums zu Frankfurt a/0. 
Tangl, Dr., Professor der Aesthetik und der class. Philologie an der 
Universität zu Gratz. 

Gestorben t 

Amici, Giambattista, der bekannte Optiker und Astronom, starb am 
10. April zu Florenz (geb. 1784 in Modena). 

Barrett, Lucas, im Januar d. J. auf Jamaica gest. (um die geolog. 
Erforschung dieser Insel verdienter Forscher). 

Bazin, Antoine, am 5. Jan. 1863 zu Paris gest., Secretär der asiat. 
Gesellschaft, Professor der chinesischen Sprache. 

Benedetti, Thomas, am 16. Febr. 1863 zu Wien gest., ausgezeich- 
neter Kupferstecher. 

Ton Cotta, Johann Georg, am 1. Febr. zu Stuttgart gest. (geb. 1796 
zu Tübingen). 



196 Personalnotizen. 

HJerold, Johann Moritz David, Dr., Professor der Medicin u, Natur- 
gescliichte zu Marburg, starb am 30. December 1862 (berühmter 
Zoolog). 

Herzmakron (Herzenskron) , Joseph Hermann, starb am 18. Januar 
in Wien, 70 Jahre alt, ehedem beliebter Yolkslustspieldichter. 

von Hess, Heinrich, starb am 29. März in München, 65 Jahre alt. 
(Vor anderen seiner zahlreichen Gemälde berühmt die Darstellun- 
gen in der Basilika und in der Allerheiligen Hofkirche zu München), 

Ho ff mann. Fr., Dr., Director der Irrenanstalt zu Siegburg, stürzte 
sich in einer Aprilnacht dieses Jahres in den Rhein (bedeutende 
Autorität auf dem Gebiete der Psychiatrie). • 

Hub er, Ferdinand, starb 82 Jahre alt, am 7. Januar zu St. Gallen, 
Componist schweizerischer Volkslieder. 

Lehmann, Dr. Hofrath, Professor der physiologischen Chemie an der 
Universität Jena, starb am 6. Jan. 1863 (hervorragender Forscher). 

Leonhard, Job. Michael, Bischof zu Diocletianopel inpartibus, Geh. 
Rath, Dr. theol., apost. Feldvicar der österr. Heere, starb zu Wien 
am 19. Jan. 1863 im Alter von 79 Jahren. 

Lewis, Georg Comvell Sir, englischer Kriegsminister, starb am 13. April 
1863 zu Harpton - Court in Wales, 57 Jahre alt (einer der bedeu 
tendsten englischen Philologen und Altertumsforscher der Gegen- 
wart). 

Natterer, Jo%eph, Dr., starb am 17. Dec. 1862 zu Chartüm in Nubien 
(Naturforscher). 

Pardoe, Julie, Misz, starb im Decbr. 1862 zu London (Touristin und 
Romandichterin). 

Pech, Dr. Hofrath, Professor an der chirurg. medicin. Akademie m 
Dresden, starb daselbst am 1. Jan. 1863 (hochgeachteter Arzt und 
Lehrer). 

Redtenbacher, Ferdinand, Dr. Hofrath, Professor der Maschinen- 
kunde zu Stuttgart, starb daselbst am 16. April 1863 (Lehrer und 
Schriftsteller von bedeutendem Ruf). 

Salomon, Abraham, beliebter Genremaler, starb im December 1882 
zu Biarritz. 

Schöpf, Joh. Bapt., Franziskaner - Ordenspriester , Professor der deut- 
schen und italienischen Sprache am Gymnasium zu Botzen, starb, 
39 Jahr alt, am 20. Febr. 1863. (Forschungen über die tirolischen 
Mundarten. Abhandlung über Johannes Nasus, den Gegner der 
Reformation.) 

Steiner, Jakob, Dr., auszerord. Prof. der Mathematik an der Univer- 
sität Berlin, starb am 1. April 1863 in Bern. 

Szemelek, Johann, Professor der class. Philologie am Gymnasium zu 
Sambor, starb im Decbr. JL862. 

Trömel, Paul, starb am 1. Januar 1863 zu Leipzig (Bibliograph). 

Yernet, Emil Jean Horace, geb. zu Paris 1789, starb daselbst am 
17. Januar 1863 (par excell. der Maler der französischen gloire). 

Vogel sang, H. J., Dr., ordentl. Professor der katholischen Theologie 
an der Universität Bonn, starb daselbst am 15. April 1863. 



Berichtigung. 

S. 97 Z. 29 V. u. lies 'der zweite Präsident' statt 'der erste Präsident*; 
ebd. Z. 7 V. u. lies 'deutsche Philologen' statt 'deutsche Philologie', 



Zweite Abteilung: 

[Ar Gynuiasialp&dagogik ODd die flbrigen Lehrfächer, 

mit Ausschlusz der classischen Philologie^ 
keraugegebei tm Frtfessw Dr. Heraann Masiai. 



13. 

Noctes Scholasticae. 



1. 

Es ist, unsere Leser dürfen uns das auf unser Wort glauben, nicht 
dtele NachS£fung und thörichte Ostentation , was uns veranlaszt hat eine 
leihe anspruchsloser Gedanken über Schule, Erziehung und Unterricht 
unter diesem Titel in die Welt hinaus zu senden ; es ist vielmehr der Ur- 
sprung und die Natur dieser Gedanken seiher, was uns diese Ueberschrift 
ais die geeignetste , bezeichnendste erscheinen läszt. Und , unsere Leser 
wissen das ja überdies von dem alten und ewig jungen Matthias Claudius 
her, eine gute Ueberschrift bei einem Buche oder etwas das einem Buche 
auch nur ähnlich sieht, ist so gut wie die Hauptsache. 
Also zuerst von dem Ursprung. 

Du must dir, freundlicher Leser, einen Schulmann denken, wie du 
lielleicht selber einer bist — und einen Schulmann wünschte ich mir vor 
allen zum Leser, der sich in mein Innerstes hineindenken, Freud und 
Leid mit mir teilen, was mich hoch über das Alltagsleben erhebt und 
was mir das Herz abdrückt, mit mir empfinden kann — einen Schulmann 
also, der am Tage von Arbeit zu Arbeit umgetrieben wird, dasz er kaum 
nun Bewustsein über sich kommen kann und dann , wenn alles um ihn 
hn* schlafen gegangen und die letzte Arbeit des Tages gethan ist, mit 
sich selber Rechnung hält und was er verfehlt und was er recht gethan, 
noch einmal an seinem inneren Auge vorübergehen läszt; einen Schul- 
nuum, der, nach der Gewohnheit guter alter Zeiten, die Ursache des Ge- 
ling^s zunächst nicht in sich, sondern in einem Segen der vom Himmel 
fiieszl, die Schuld des Mislingens aber zunächst und zumeist in sich selber 
sacht; einen Schulmann, der dann, weit entfernt sich zu den fertigen zu 
dAden, sich auch in seinen alten Tagen täglich zu vollenden strebt und 
10 den Bedingungen und Gründen seines Wirkens nachforscht. Da ge- 
schieht es denn wol, dasz eine Schaar ernster heiliger Gedanken an ihn 
h^drängt, welche er für sich selber festzuhalten und von denen er 

N. Jahrb. r. Phil. o. Päd. II. Abt. iS63. Hft. 5. 14 



198 Nocles scliolaslicae. 

auch vor andern Zeugnis ablegen möchte. So sind die meisten dieser 
Gedanken entstanden, Kinder stiller, nächtlicher, einsamer Stunden. Ich 
bin daher, denke ich, vollauf berechtigt sie als Nächte eines Schulmannes 
meinen Amtsgenossen vorzustellen. 

Und dem entspricht auch ihre Natur. 

Gott hat gar mancherlei Wege , auf denen er den Menschen zu dem 
ihm von Gott selber gesetzten Ziele liinfQhrt und ihn auch sein Hasz von 
Bildung gewinnen läszt. 

Den einen führt ein leichter und heiterer Weg durch das Leben liin, 
von Kindheit an umgeben ihn Personen und Verhältnisse, welche mit ein- 
ander wetteifern ihm mühe- und fast bewustlos fördernde , bildende Ele- 
mente zuzuführen; er hat nur zu empfangen und weiter zu verarbeiten 
was ihm aus reichen Händen dargeboten wird. Wenn dazu dann ein kla- 
res und helles Auge , ein für höheres Leben empßinglicher Sinn , ein ge- 
nialer , in die Tiefe dringender Blick , und der Fleisz , welcher eines der 
unfehlbaren Merkmale des wahren Genies ist, treten, so liegen dem glück- 
lichen die Wege zu den Höhen der Wissenschaft offen und er gelangt rasch 
mit innerer Gewisheit und schmerzlos zu ihnen empor. Das Bild eines 
solchen Schulmannes hat uns vor kurzem der Schulrath Heiland in dem 
verstorbenen H o r k e 1 gezeichnet. 

Uns minder beglückten ist ein herberes Loos und eine schwerere 
Arbeit beschieden. Wir stehen mehr oder minder vereinsamt, müssen 
uns selbst Weg und Steg suchen, müssen oft, wenn wir einem Ziele 
nahe zu sein glauben , wieder zurück und die Arbeit von Jahren mit eig- 
ner Hand schonungslos niederreiszen. Und was wir erringen , Stück Gar 
Stück müssen wir es aus uns selbst herausarbeiten, uns so zu sagen 
selbst abringen : mit unserm Herzblut haben wir das wenige bezahlt was 
wir unser nennen. Und dann welche Täuschungen! Wir meinen wol 
wichtiges gewonnen zu haben, was auch andern Freude machen, Nutzen 
schaffen könnte, — und wenn wir es an das Licht bringen, ist es eine 
Beihe von Täuschungen oder, im besten Falle, eine Entdeckung, über die 
andere lange hinaus sind. Beschämt treten wir zurück. Das macht, es 
fehlt uns , und hat mir in den besten Jahren meines Lebens nur zu ofl 
daran gefehlt , der erfahrene Freund , welcher uns sagen könnte, wo wir 
den Spaten einsetzen müstcn , um auf Goldadern zu stoszen. 

Verstehst du es nun, teilnehmender, mitfühlender Leser, weshaU) 
ich diese meine Gedanken als noctes scholasHcae^ als die mühsamen, 
aus Nacht und Dunkel geborenen , schwankenden , schmerz- und zweifel- 
vollen Gedanken eines den Augen der Welt verborgenen, namenlosa 
Schulmannes vor dein Auge hintreten lasse? Gönne ihnen den nar n 
wahren, doppelt wahren Namen und nimm da die vater- und mntteriosen 
an dein Herz. Und, was mir lieber wäre als alles, wenn ich doch lieben 
Amtsgenossen, die in meinem Schicksal ihr eigenes erkennen — und 
wie viele sind es denn, die sich nicht in mir wiederfinden werden! — 
durch meine Worte Mut in die Seele flöszen könnte, Mut zum Streben, 
Mut zur Arbeit und das Vertrauen dasz das beste sicherlich irgendwo zo 
finden sein müsse. 



Noctes schobsticae. 199 

2. Sonst und Jetzt. 

Es wäre unzweifelhaft eine grosze Thorheit , auf das Sonst einen 
Blick zurQckzuwerfen , wenn der Fortgang von dem Jetzt zu dem Einst 
ein ebenso notwendiger, begrifiTlich geforderter wäre wie es der Gang in 
der Entwicklung einer Pflanze oder eines Thieres ist. Wir würden uns 
allerdings aus den Erfahrungen einer früheren Zeit dies und jenes merken 
und für die Zukunft verwerlhen können; im groszen und ganzen aber 
mflsten wir doch den Dingen ihren Lauf lassen und uns darauf beschrän- 
ken, im kleinen zu bessern und eine weder sehr geachtete noch /lehr cin- 
trigliche Flickarbeit zu treiben. 

Indes der menschliche Geist ist nicht ein Fiusz , welcher von seiner 
Quelle herab unaufhaltsam dem groszen, alles verschlingenden Ocean zu- 
eilt; der menschliche Geist hat vielmehr die Kraft und i s t die Kraft ver- 
Böge seiner Freiheit den Gang der Natur zu lassen und allen Naturge- 
seden zum Hohn sich zu den Quellen zurückzuwenden, von denen er 
«ugeströmt ist, zu den frischen kühlen Quellen, an denen die Hütten 
Miner Kindheit gestanden haben und ewiglich stehen , und von da aus 
fnjflngt, wiedergeboren seinen Weg noch einmal und so immer aufs 
■eoe anzutreten. Der menschliche Geist hat die Kraft in sich, all den 
Ballast, den er in den Jahrhunderten oder Jahrtausenden seiner Wandc- 
nmg aufgesammelt hat, all die wirklichen oder scheinbaren Güter, welche 
»erworben hat, abzuwerfen und von sich zu thun, um in den Anfängen 
lad Gründen seines Seins sich selbst, sein wahrhaftes, einfaches, we- 
mlttehes Sein wiederzufinden. Es geht ihm wie dem Faust, indem er 
nden Müttern niederfährt. Zu dem Nichts, meint Mephistopheles ; Faust 
holt, und mit Recht, in diesem Nichts das All zu Gnden. 

So hat sich die christliche Kirche aus all dem Glanz und all der 
Herrlichkeit, mit dem sie sich umgeben hatte, einst zu ihren Ursprüngen 
mrflckgeflüchtet und dort Genesung und neues Leben gefunden. So haben 
die Völker, um sich selber zu erretten, wol alles was sie an Gütern der 
Coltur und der Bildung besaszen, aufgeopfert und selbst zerstört und sich 
der einfachen, schlichten Sitte der Väter zugewandt. So sind auch wir 
berechtigt, wenn uns die Gegenwart der Schule mit Besorgnis erfüllt, 
auf frühere Zeiten zurückzublicken und zu versuchen, ob wir, dem Strom 
der Zeit entgegen , dorthin zurückgelangen und dort auf reinerer Höhe 
die verlorenen Kräfte wieder erlangen können. Was haben die groszen 
Beformatoren , was hat Friedrich August Wolf anders gethan als gestrebt, 
die Zukunft auf die Vergangenheit zu gründen? Es kommt nur darauf an 
klar und fest zu erkennen, welches die Zustände der Gegenwart sind und 
ob es wünschenswerth sei , dasz wir den jetzigen Weg abwärts weiter 
verfolgen. Wenn diese Zustände nicht gesunde und heilsame sind , und 
wenn der jetzige Weg uns in trost- und hoffnungslose Untiefen und 
Sümpfe zu führen verheiszt, so ist es unser Recht und unsere Pflicht 
zu versuchen , ob wir zunächst die verlassenen Positionen wieder gewin- 
nen und mit unserer Arbeit dort neu ansetzen können. Zuerst nur festen 
Boden wieder gewonnen! Was dann folgen musz, wird der Augenblick 
uns lehren. 

14* 




200 Noctes scholasticae. 

Soll aber in Schulen das Heil kommen , so kann es nur durt 
Arbeit von unten herauf gewonnen werden. Behörden thun vollko 
das Ihre , wenn sie nur das Leben , das sich in der Schule selber zu 
beginnt, richtig gewähren lassen und gegen Störungen von auszen 
tzen. Durch Verfügungen und Verordnungen läszt sich kein inneres '. 
schaffen, sondern allein eine äuszerliche Ordnung hervorrufen, di 
unsrerseits sehr hoch achten, wenn sie sich nur nicht überhebt und 
gelten und sein will als sie^ verdient. Die Erfahrung bestätigt w; 
sage. Vormbaum hat sich ein anzuerkennendes Verdienst erworbei 
dem er die Schulordnungen des 16. Jahrhunderts gesammelt hat 
wer kann daran zweifeln, dasz Trotzendorf und Sturm, Amos Com 
Francke und Wolf unendlich mehr gewirkt haben als alle Schuloi 
gen , an denen die letzten Jahrhunderte so reich gewesen sind. Doc 
wollen nicht polemisieren; wir wollen nur bei unsern Lesern die 1 
zeugung hervorrufen dasz, wenn eine Besserung notwendig sein 
sie selbst, die Schulmänner, es sind, welche diese Besserung anb 
und das Gute, Rechte in ihren Personen, in ihrem W^irken zu con 
Wirklichkeit erheben müssen. Bewährten Männern , wie uns neuli( 
Director Dietrich zu Hirschberg einen solchen in Körb er vor 
gestellt hat , hat auch die Anerkennung der Behörden nie gefehlt. 

Und wie war es denn sonst auf den Gymnasien? Gewis t^ 
freuen uns mancher Vorzüge und Vorteile vor jenen Zeiten : wie s 
wir undankbar dafür sein? Die ökonomische Lage der Lehrer ist an 
Orten eine bessere geworden : obwol sie auch jetzt noch nicht d( 
dürfnissen entspricht. Die Gymnasialgebäude mit ihren prächtigei 
Sälen, ihren luftigen Lehrzimmern, ihren groszartigen Fa^adei 
wahre Paläste geworden , so sehr Paläste , dasz man daraus mind 
Piatone und Arislotelesse hervorgehen zu sehen erwartet. Die L 
bibliotheken , sonst auf ein Paar der notdürftigsten Schulausgabi 
schränkt , bieten dem jungen Lehrer reichere Mittel zu weiteren ei 
Studien dar. An den Schul wänden sieht man Kiepert'sche und S] 
sehe Karlen ; in den Händen der Schüler die äuszerlich ansprechen 
innerlich tüchtigsten, werthvollsten Ausgaben, und diese um ein 
geringen Preis käuflich, dasz jeder sich im Besitz derselben befinden 
Und die Lehrer selbst, statt der alten Theologen, philologisch gel 
Männer , durch Kenntnisse , durch praktische Bildung zu ihrem Ai 
geeignet wie es sonst nur zu den seltenen Ausnahmen gehörte, 
doch? Und doch waren es andere Zeiten, andere Personen, ander 
hältnisse, auf welche wir als auf ferne und vielleicht unerreichbare 
hinblicken. Ja, wir gestehen es gern, wir wurden Manches von 
was wir seitdem an Vorzügen und Vorteilen gewonnen haben, 
daran geben , wenn wir jene Zeiten zurückhaben und noch einmal < 
leben könnten. 

Doch wir müssen ins Einzelne eingehen , wenn wir nicht als ] 
tische und böswillige laudatores temporis acti gelten wollen. Wii 
ten unser Auge zuerst auf die Jugend , welche in jenen Schulen g( 
wurde. 



\\ 



Noctes scholasticae. 201 

Es ist die Zeit nach den Freiheitskriegen, welche ich im Auge habe : 
nicht die ersten Jahre unmittelbar nach jenen , Jahre , in denen in der 
Jagend, die zum Teil mit dem eisernen Kreuze geschmückt auf den 
Schulbänken sasz, die gewaltige Glut des groszen Kampfs noch fort- 
znckte, sondern eine etwas spätere Zeit, in welcher die Aufregung be- 
reits besänftigt war und die Erinnerung an die grosze , von uns als Kin- 
dern und Knaben mit durchlebte Zeit mit milderem Feuer durch unsere 
Adern flosz. )Venn ich die damalige Jugend mit wenig Worten bezeich- 
nen soll, so kann ich sie nur wissenschaftlich begeistert, sitt- 
lich edel, kräftig, vielleicht mit einem schwachen Anflug von Roh- 
keit, nennen. So steht sie mir, wenn ich namentlich der älteren Schäler 
gedenke, von denen der jüngere immer seine Erinnerungen entnimmt, 
vor der Seele. Ich kann es nicht läugnen, die Zeitumstände wirkten 
nim Teil hierzu mit. 

Es ist eine allgemeine Erfahrung, dasz auf grosze , erfolgreiche na- 
danale Kriege auch in geistiger Beziehung ein reges Leben zu folgen 
pfl^t Es ist unmöglich, dasz das Ethische im Menschen für sich allein 
algeregt werde, ohne dasz das Geistige mit in Schwingung gesetzt würde. 
So ist den Perser-, so den punischen Kriegen, so den Kreuzzügen, so den 
Kämpfen Friedrich's des Groszen, so unsern Freiheitskriegen jedesmal 
ein neuer geistiger Aufschwung gefolgt. Selbst bis zu den einzelnen 
Persdnlichkeiten herab war das zu verfolgen. Welche Talente befanden 
nch unter den Freiheitskämpfern , welche hernach zu den Gymnasien zu- 
rtckkehrten ; in gewissen Dingen waren und blieben sie schwächer-, na- 
moitlich in dem, was mechanisch auswendig zu lernen war : in allem übri- 
gen aber welches Urteil, welches Verständnis, welche männliche Pro- 
dnction! Dies ist das erste, was, wie oben erwähnt, jenen Zeiten zu 
gute kam. 

Dann fiel gerade in jene Zeit der Lenz der Wissenschaft selber. In 
unserem Vaterlande liegen die Anfänge der Poesie und schönen Litteratur 
od die der Wissenschaft um mehrere Decennien auseinander. Das Zeit- 
aller der erstereu als der werdenden, wachsenden, sich formierenden 
Khlieszt mit dem 18. Jahrhundert ; hierauf hat die Wissenschaft begonnen 
och neu zu bilden und zu gestalten. Goethe ist uns heule eben so neu, 
ili ob er gestern gedichtet hätte ; Hermann's und Wolfs Schriften sind 
heute, als wären sie gestern geschrieben. Ich schreibe für Leser, welche 
mischen und hinter dem Buchstaben zu lesen verstehen. Ich verkenne 
lidit, was seit dem Anfang des Jahrhunderts bis jetzt für Fortschritte in 
der Wissenschaft gemacht sind; aber die Richtung, welche sie genommen, 
der Geist, in dem sie gestrebt, die Form, in der sie sich dargestellt hat, 
das alles wurzelt in jenen Tagen : es war das wahrhafte Frühlingswchen, 
was damals die deutsche Wissenschaft aus ihrem Schlummer weckte. 
Von diesem Odem aber musten auch die Schulen einen Zug empfinden. 
Soll ich nun die Heroen der Wissenschaft nennen , welche damals die Uni- 
nnitäten schmückten? Schleiermacher und Neander, Ritter, Savigny, 
Rebahr, Böckh, Lachmann, Otfried Müller, ich nenne nur die, welche 
nir selber nahe standen; es war just die Zeit, wo die groszen wissen- 



202 Noctes scholasticae. 

schaftlichen Erwerbungen und Entdeckungeu begannen auch den Schulen 
bekannt zu werden. Hier kamen von Halle und Leipzig junge Lehrer aus 
Reisig's und Hermann's Schule, von Berlin erschien ein anderer und trug 
griechische und römische Geschichte nach Böckh, nach 0. Müller, nach 
Niebuhr vor. Ich gedenke daran, mit welchem Entzucken ich Ritter*s Vor- 
träge für den geographischen Unterricht in unsrer Secunda verwertbet 
habe und welche Zuhörer ich fand. Es war wie wenn jeder Tag in die- 
sem Lenze uns neue schönere Blüten bringen wollte. Jn der Jugend muste 
notwendig eine wissenschaftliche Begeisterung erglühen, wie ich sie 
später nicht wieder gesehen habe. Begeisterung zündet Begeisterung; 
die Mehrzahl der Schüler folgte diesem Zuge. 

Und diese Begeisterung war nicht eine phrasenhafte, sondern eim 
Begeisterung kräftigen Strebens und Handelns, eine sich in Thaten e^ 
weisende. Natürlich äuszert sich eine Gesinnung der Art in tausendÜKh 
verschiedener Weise: die Oertlichkeit, die Persönlichkeiten der Ldirer, 
das Beispiel hervorragender, von den Jüngern Schülern bewunderter Mit- . 
Schüler , die gröszere oder geringere Leichtigkeit oder Schwierigkeit sich 
die nötigen Bücher zu beschaffen, so viele andere Dinge welche aufka- 
zählen völlig unmöglich ist, sind hier von Bedeutung. Ich selbst besuchte 
das Gymnasium einer kleineren Stadt, deren Verbindung mit den nlch- 
sten gröszeren Orten sehr beschränkt und sehr schwierig war : eine Buch- 
handlung von lässigem Betriebe bot uns wenig Hülfsmittel; hier und da 
kam uns durch einen fremden Schüler oder durch einen Studenten eiae 
Kunde von dem was jenseits geschehe, von neuen Grammaliken, Lelff- 
büchern , Ausgaben usw. Diese Mitteilungen ergriffen uns allerdings 1^ 
liafl und reizten uns nicht hinter unsers Gleichen zurOckzuUeiben; in 
Groszen und Ganzen waren wir jedoch auf unsiern eigenen in sich abge- 
schlossenen Kreis angewiesen. Und wir fanden auch hier reichen StolT 
für unsem Wissensdurst. Die alten Autoren wurden mit grossem In- 
teresse gelesen, nicht um Grammatik an ihnen zu tractieren, nicht um 
sie zum Stil zu benutzen, sondern als Werke von unschätzbaren Geduh 
ken , von denen man für das Leben Frucht zu haben glaubte. Wie vieles 
von ihnen wurde auswendig gelernt! Man hatte noch nicht gelernt von 
Virgil gering zu denken , Horaz galt uns als Lehrer praktischer Lebens- 
weisheit, von Cicero gedachten wir, wie einst Reinhard , rednerische Bil- 
dung zu gewinnen. So lebten und webten wir in den Alten, von denen 
übrigens, beiläufig bemerkt, auf der Schule weit mehr gelesen wurde 
als heutzutage geschieht. Daneben blühte die Privatlectüre , zu der eben 
damals Meineke die erste Anregung gegeben hatte. Es gab kaum einen 
Primaner, der sich nicht auszer den Klassenautoren seinen besonderen 
Liebling gewählt hätte, in dem er zu Hause sein wollte wie kein anderer. 
Diese Autoren bildeten dann den wesentlichen Inhalt unserer Unterhal- 
tung ; sie fanden ihre Gegner und ihre Verteidiger unter uns ; sie waren 
auch die Muster , denen wir bei eigenen Productionen nachbildeten. So 
war der ganze Typus jener Zeit beschaffen. Wissenschaftliche Begeiste- 
rung beseelte uns alle der groszen Mehrzahl nach; Gleichgültige waren 
selten , Verächter gar nicht vorhanden ; wenigstens wagten sie nicht ihre 



Noctes scholasticae. 203 

Gesiniiuog zu SUiszern ; und was die Hauptsache war , wer diese Begei- 
steruDg in sich trug, fühlte sich gedrungen sie durch die That zu er- 
weisen. 

Was ach aber mit dieser Begeisterung verband, war die. Arbeits- 
kraft, welche jene Zeit besasz. 

Es war in der That als ob jene Generalion , die Epigonen der Frei- 
heitskämpfer, in ihrer Weise hätten beweisen wollen, welches Masz von 
physischer und geistiger Kraft, welchen Grad von geistiger Elasticität sie 
besitze. Hätte ihr doch Lorinser mit seiner mütterlichen Fürsorge für 
die iiebe Jugend kommen mögen, mit welchem Hohne würde man ihn 
anfgenommen haben. Die Zahl der Lehrstunden war gröszer als sie es 
jetzt ist, die Ldstungen, welche von uns gefordert wurden, standen höher; 
hiernach steigerten sich auch die Anforderungen, welche an unscrn häus- 
lidieD Fleisz gestellt wurden. Namentlich wurde mehr schriftlich gear- 
beitet. Lateinische Gommentare zu geeigneten Autoren verstanden sich 
TM'seU»t: ebenso schriftliche Versionen der meisten Autoren, wie des 
Plato, des Demosthenes: wo diese von der Schule nicht gefordert wur- 
den, arbeitete man sie für sich. So hat mich damals Thukydides unaus- 
iprechlich gereizt ihn, namentlich die Reden, lateinisch nachzubilden. 
Wolfs Uebersetzungen dreier platonischer Dialoge dienten uns hierbei 
als Vorbikl. Aehnlich war es in andern Disciplinen. in der Geschichte 
worden synchronistische Tabellen nach dem Musler von Kohlrausch ange- 
fertigt. Gute Hefte, namentlich malhemalische , galten als unerläszlich 
iSn jeden ordentlichen Schüler. Ich kann nicht ins einzelne gehen : gewis 
iM, dasz die Kraft zur Arbeit ebenso grosz war wie die Lust zur Arbeit. 
Und welche* Anstrengung wartete unser, wenn die Schulzeit vorüber war! 
Ao unserm Gymnasium war ein sehr wohl eingesungener Chor, zu dem 
icb selber 4 Jahre lang gehört habe. An drei verschiedenen Tagen sang 
dieser Chor, bei jedem Wetter, auf der Strasze, im ganzen etwa 8 — 9 
Stunden. Dazu kamen die Udbungsstunden , die Begleitung von Leichen 
ww. Der Lohn, den wir dafür hatten, war ein sehr spärlicher , aber die 
gestärkte und gestählte Gesundheit, die erhöhte physische Spannkraft 
waren, abgesehen von den Beziehungen, in die der Chor uns zu den 
besten Häusern der Stadt krachte, von der Wohllhätigkeit der Bürger, 
welche dadurch- erweckt, von der Liebe zum Gesang und namentlich zum 
Chorgesange, welche dadurch gepflegt wurde, reicher Lohn. Es ist bei 
uns Mode das Kind mit dem Bade auszuschütten: so hat man auch diese 
Ghdre, ein altehrwürdiges Institut unserer Kirche, anstatt sie zu refor- 
miereu, aufgehoben und dadurch unendlich viel Gutes gestört. Doch mö- 
gea diese wüsten Zerstörer Becht haben : w i r gewannen auch hierdurch 
an Frische, Kraft, Leben. Und, wenn man nur cum grano saus versteht 
was ich sage: die Jugend ist zu allem bereit, wenn sie vertraut und liebt; 
ich habe sie nie über das Zuviel an Arbeit klagen hören, wenn ich selbst 
Vit Hand anlege: mit der Arbeit fühlt sie die Kraft in sich wachsen; sie 
itt, wenn man es richtig anfangt , ebenso slojz darauf arbeiten und ge- 
hsrehen zu können, wie sie stolz darauf ist faulienzen und ihren eigenen 



204 Noctes scliolasticae. 

Willen haben zu dürfen. So ist sie heut, wenn man will, wie damals. 
Damals war die Arbeit ihr Stolz und ihre Freude. 

Ich habe oben von dem sittlich edlen Sinne jener Zeit gesprochen : 
man sollte ihn , wo Begeisterung für die Wissenschaft und geistige Kräf- 
tigkeit vorhanden ist, von selber voraussetzen; denn die Seele, welche 
ein Höheres, Ideales kennt und in demselben lebt, und ein seiner Stärke 
und Männlichkeit sich bewuster Wille tragen in sich selbst einen Schutz 
gegen die Lockungen des Gemeinen ; damals aber wurde die Jugend über- 
dies noch durch die groszen Erinnerungen , welche frisch im Volke leb- 
ten , gehoben und getragen. Es war leichter im Sittlichen zu leben und 
sich im Sittlichen zu erhalten als jetzt, wo diese Erinnerungen bereits zu 
erlöschen drohen und durch künstliche Mittel lebendig erhalten werden 
müssen. Es ist überhaupt leicht nach Hohem zu streben, wenn man 
durch die Strömung einer ganzen Zeit nach oben geführt wird. Und fra- 
gen wir uns nun , wie sich denn die sittliche Tendenz jener Zeit in der 
Jugend aussprach : sie war voll unbefangenen Glaubens an die Macht und 
Geltung des Sittlichen und kannte die frivole Verspottung der sittlichen 
Principien, der wir so oft begegnen, nicht, sie kannte noch nicht die 
jetzt ins unendliche steigende und täglich wachsende Genuszsucht, sie 
war bei ihrem Streben von der Selbstsucht frei, welche heutzutage den 
jungen Seelen, leider oft durch die Schuld der nächsten Angehörigen, 
so früh eingepflanzt wird. Wer dachte, wenn er seine Glassiker las, 
daran , welche Laufbahn er einschlagen wollte ! Wer ja über die Gegen- 
wart hinaus in die Zukunft blickte , suchte höchstens ein Lebensverhält- 
nis zu gewinnen , in dem es ihm mehr als in einem andern vergönnt sein 
würde , den edelsten Studien am ungestörtesten zu leben und die Ideale 
reinsten menschlichen €lückcs am leichtesten zu verwirklichen. Natura 
lieh fehlte es nicht an Ausnahmen, wie diese nach der entgegengesetzten 
Seite auch jetzt nicht fehlen : unser Urteil stützt sich eben nur auf den 
Sinn, welcher die Mehrzahl , die weit überwiegende Mehrzahl, beseelte 
und eine solche Geltung hatte, dasz der einzelne sich ihm wol zu entzie- 
hen , aber nicht offen ihm zu widersprechen wagte. 

So etwa steht mir die Jugend, weiche damals auf unsem Gymnasien 
Bildung suchte, vor Augen. Wir können und wollen sie jedoch noch 
näher beobachten, nicht blosz in ihrer Gesinnung, in ihrem Streben, son- 
dern auch in der Art und Weise, wie sie arbeitete, wie sie die ihr darge- 
botenen geistigen Objecte ergriff und sich aneignete. 

Es war eine glückliche Gombination, dünkt mich, welche damals 
in der Thätigkeit und in den Studien der Schulen sowol bei Lehrenden 
als bei Lernenden statt hatte: die Gombination scheinbar entgegenge- 
setzter Tendenzen , die innerhchste, tiefste Vereinigung widersprechender 
Elemente. Die ganze Zeit, und ganz besonders die Jugend, trug einen 
idealen Charakter an sich : im Leben wie. in den Studien suchte man sich 
über das Alltägliche und Niedere zu erheben , sich von persönlichen In- 
teressen frei zu erhalten , das Auge von dem Gemeinnützlichen auf das 
gerichtet zu bewahren, was des edlen und gebildeten Menschen allein 
würdig sei. Hiermit aber verband sich die nüchternste Reflexion, welche 



Noctes scholasticae. 205 

sich namentlich capricierte nichts auf Glauben hinzunehmen , nichts an- 
zuerkennen als was man sich zur vollen, zweifellosen Ueberzeugung 
gebracht hätte. Nicht blosz dasz im Gebiete der Religion der Rationalis- 
mus völlig herrschte: die ganze Weise der Studien war eine auf eigenes 
Denken , auf eigene Ueberzeugung gegründete. Kein Lehrer hatle bei den 
Schfilem Vertrauen, der es ihnen in dieser Beziehung nicht genug that; 
die meiste Verehrung genossen diejenigen, welche in der Leetüre der 
Autoren wie in wissenschaflHchen Discipllncn es darauf anlegten, die 
Zustimmung der Schüler zu gewinjien. So war die Thätigkeit der Schu- 
len, und zwar von vom herein, eine Arbeit des Denkens; weder das 
Mechanische, noch das Salbungsreiche, noch das Geistreiche konnte hier- 
gegen aufkommen. Hierauf zielte denn auch der Unterricht auf seiner 
höchsten Stufe ab : es handelte sich darum , von dem vielen was man in 
der Schule getrieben und gelernt hatte, einen endlichen Abschlusz, und 
zwar in reflectierter oder auch systematischer Fassung , zu erhallen. Für 
das Altertum hatte schon Friedrich August Wolf Disciplinen gefordert, 
in welche die zerstreuten, gelegentlichen Elemente vereinigt und wissen- 
schaftlich geordnet würden ; es waren dies ganz vortreffliche und über- 
aus fruchtreiche Lectionen; für das sprachliche Bewustsein bildete die 
allgemeine Grammatik , welche nach Bernhardi gelehrt wurde , einen von 
uns dankbar aufgenommenen Abschlusz. Das Gleiche erstrebte der Re- 
ligionsunterricht und vor allem die philosophische Propädeutik, die in 
der neueren Zeit so schmählich vernachlässigt worden ist. Hierdurch 
erhielt die ganze Bildung des Schülers einen eigentümlichen Anstrich: 
sie war mehr philosophisch als material und — ich will hinzufügen — 
formal. Ich habe bei dem letzteren die unselige und unsinnige Mühe im 
Sinne, welche man in unserer Zeit auf Uebung in gewissen stilistischen 
Formen glaubt verwenden zu müssen. Wir gestehen ofTen, dasz wir 
diesen Formalismus , wie ihn z. B. Seyffert anstrebt , für gerade ebenso 
den Geist beengend und verdummend halten, als die Richtung auf posi- 
tive Wissensfülle. Doch dies beiläufig. Ich darf nicht hinzufügen, dasz 
es sich für uns darum handelte nicht sow^ol zu wissen, als zu können. 
Wir hätten , wenn man uns nach den Forderungen auch nur der kleinen 
Grammatik von Krüger hätte examinieren wollen, sicher ein sehr schlech- 
tes Examen bestanden; aber wir kannten und erkannten die sprachliche 
Erscheinung im Autor und wir wuszten auch mit der Sprache umzugehen 
und eigene Gedanken und Gefühle darin auszusprechen. So hatten wir 
das Latein, das Griechische, das Französische zu unserer vollen Disposi- 
tion. Vom Deutschen will ich nicht sprechen, zu dessen Uebung, schrift- 
licher und mündlicher, es in jener Zeit von vorn herein nicht an Gele- 
genheit und Aureizung fehlte. Der noch immer grimmige Franzosenhasz 
trieb uns von selber dazu , die Muttersprache zu lieben und zu pflegen. 
Auch ist nicht unberücksichtigt zu lassen, dasz jene Zeit den Heroen un- 
serer schönen Litteratur — und Goethe lebte noch- — um so viel näher 
lag und um so viel tiefer für sie fühlte. Jetzt lesen wir unsere groszen 
Dichter in der Klasse und erklären sie säuberlich und geistreich ; damals 
— es war die Zeit wo Gotta die abscheuliche Ausgabe Schiller's in die . 



206 Noctes scholasticae. 

Welt zu schicken wagte — drängte sich Alles darnach voller Leiden- 
schaft. Wie oft bin ich darüber zugekommen , wenn auf einer Schüler- 
stube die Räuber oder der Don Garlos vorgelesen wurden; auf Koffern 
und Betten , Stühlen und Tischen sasz es gedrängt voll und die Stube 
war in einen Tabaksrauch gehüllt , dasz nicht durchzusehen war. Fragt 
doch jetzt einen Schüler, ob er seinen Schiller lese; ^ist das denn noch 
nötig?' wird er dir antworten, .^wir haben ihn ja schon in der Klasse 
gelesen*. 

Wir wiederholen es , das geistige Leben und die Arbeit der Schüler 
war wesentlich denkend, philosophisch und aufgeklärt, nicht auf posi- 
tives Wissensmaterial , sondern auf ein Können und Producieren als letz- 
tes Ziel gerichtet. 

Man müste hierbei voraussetzen, dasz durch diese Tendenz etwas 
Uniformes in die Jugend gekommen sei; denn das Ueberwiegen des Ver- 
ständigen und und der Reflexion ist der Ausbildung des Individuellen 
nicht günstig , sondern weist von diesem auf das Allgemeine hin. Eine 
Ode des Horaz liest und versteht jeder doch endlich auf seine Weise und 
für sich allein; einen mathematischen Lehrsatz fassen alle die ihn auf- 
fassen in wesentlich gleicher Weise auf. Es mag indes auch das als der 
seltene Vorzug jener Zeit erscheinen , dasz , trotz jenes verständigen Cha- 
rakters , doch die Individualität ihr volles Recht fand. Es lag auch dies 
im Geiste jener Zeit und in einer Reihe besonderer Verhältnisse , welche 
allmählich mehr und mehr zurückgetreten und verwischt sind. 

Die Zeit selbst war so reich an groszen Charakteren, welche ia 
ihren mit nichts anderem vergleichbaren , nur sich selbst ähnlichen Indi- 
vidualitäten vor aller Augen standen. Die gewaltigen Kriege hatten nicht 
blosz der Nation , sondern jedem einzelnen Bürger ein Selbstgefühl von 
groszer Stärke eingeflöszt. Das Turnen hatte nicht blosz körperliche 
Gymnastik, sondern den höchsten Grad persönlicher Selbständigkeit, phy- 
sischer und ethischer, erstrebt. Dazu kamen die individuellen Ver- 
hältnisse der Städte und der einzelnen Schulen. In jeder lebten gewisse 
Traditionen, an denen man mit Zähigkeit festhielt, gewisse Einrichtun- 
gen, die, wenn sie auch ihre Schattenseiten hatten, doch dem ganzen 
Zusammenleben etwas eigentümliches gaben. Ich bin ein groszer Ver- 
ehrer alten Herkommens : die Nachteile stehen in gar keinem Vergleiche 
zu den Vorteilen mancher immerhin tadelnswerthen Einrichtung. Man 
hat an vielen Orten den Schülern die Markttage gestrichen: weisz man 
denn, dasz man damit den Schülern ein Stück Jugendleben gestrichen 
hat? wie viel poetische Frische man damit auslöscht? wäre es auch nur 
das eine, dasz doch, einmal eine kleine Abwechselung in das Einerlei 
kommt, dasz der Schüler seinen Stock nehmen und zu Vater und Mutter 
hiimuswandern kann. Nun rechne man dazu die alten Klosterriume mit 
ihren von uralten Linden beschatteten Klosterhöfen : was sind gegen diese 
Schulen die prächtigen modernen Gebäude, auf welche die Communen so 
viel Geld vergeuden , statt dasz sie die Hälfte des Geldes nehmen und da- 
mit ihre Lehrer sicher und sorgenfrei hinstellen könnten. Ich kann dies 
moderne Wesen, wo ich ihm auch begegne, nur mit ^Schmers betrachten. 



Noctes acholasticae. 207 

All' jenes Individuelle in den Schulen hat sich mehr und mehr verwischt, 
und wie soll man es wieder gewinnen? wie wieder herstellen, was zum 
Teil mutwillig , unhedacbtsam zerstört worden und was doch zum Her- 
anziehen einer frischen, fröhlichen Jugend so unenthehrlich ist? Was 
sind alle unsere Schulfeste gegen ein Fest, wie es z. B. der Schäferei tag 
in Salzwedel*) ist oder war, wie ich ihn mir von meinen Salzwedeler 
Freunden habe schildern lassen? Und da ich Salzwedel einmal genannt 
habe, will ich das jedem Salzwedeler unvergeszliche und unschätzbare 
Gedicht von Woltersdorf erwähnen , Mer Helden Prima's und Secunda*s 
Schneekampf **) , welches ich eben jetzt vor mir liegen habe und wel- 
ches von diesem von mir so schmerzlich vermisten concreten individuellen 
Leben flberströmt. Und so kenne ich der Schulen viele, natürlich aus der 
Provinz — denn die Schulen der groszen Städte haben seit langen Jah- 
ren dies individuelle Gepräge eingebüszt und können hier ganz und gar 
nicht in Betracht kommen — in denen von diesem Leben noch in meiner 
Jugend eine Fülle zu iGnden war. Möge doch ja wer dabei von Einflusz 
ist, dazu mitwirken, diese Dinge zu schonen und zu pflegen. Alte Thürme 
l9sKt man stehen und restauriert sie , und für das alte Herkommen hat 
man keine Pietät. 

Unter diesen Umständen hatte natürlich der Sinn der damaligen Ju- 
gend etwas antik Einfaches, Gerades, Offenes, Naives an sich ; sie war den 
Lehrern gegenüber nicht empfindlich und übelnehmerisch ; das Verhältnis 
war nicht ein gespanntes, wie es heutzutage vielfach ist; es hatte sein 
ABatogon in dem Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, bei denen auch 
nicht jedes Wort auf die Goldwage gelegt wird. Ja es war auch der Hu- 
mor, und zwar ein Humor bester Art, wie er jetzt ganz undenkbar sein 
würde, mit hineingeflochten. Es ist ein groszer Unterschied, ob der Schü- 
ler mit seinem Lehrer seinen Spasz treibt , oder ob er sich ihm so nahe 
fühlt, dasz einmal auch die jugendliche Heiterkeit ihr Recht fordern darf. 
Natürlich ruht dies nur auf einer Art von Gegenseitigkeit : vor dem gries- 



*) Auch der Redacteur dieser Abteilung, ehedem selbst Lehrer am 
Gymnasium zu Salzwedel, erinnert sich noch gern der fröhlichen Be- 
wegung, welche nicht nur unter der Schülerwelt, sondern in der gan- 
zen Stadt die Feier des obengenannten Festes hervorrief. Wochenlang 
vorher und nachher wurde kaum von etwas Anderem gesprochen. Wenn 
aber der geehrte Herr Verfasser andeutet, der 'Schäfereitag' habe 
heutzutage einen andern Charakter angenommen, so kann der Unter- 
zeichnete dies zwar um so weniger bestreiten wollen, als er die alte 
Hebe Stadt seit einem Jahrzehnt verlassen; doch mag die betref- 
fende Umwandlung des Festes teilweise durch Verhältnisse bedingt 
isin, welche völlig auszerhalb der Schule lagen. Die wald- und wie- 
senreiche Umgegend Salzwedels war der Haupttummelplatz aller ju- 
gendlichen Freuden; für Salzwedler brauche ich nur den 'Klüsener' 
und die Zietnitzer 'Nachtweide' zu nennen; aber jetzt - — wie lange 
zieht da der Pflug die einförmigen Furchen über die Stätten der Lust 
und über die schattigen Ufer der leetze, die einst schon Sigmund v. 
Birken in klingenden Versen dem Schutz der Huldgöttinnen empfoh- 
len! M. 

**) Jüngst von neuem durch meinen verehrten Freund und CoUe- 
gen, Herrn Prof. Gliemann, herausgegeben, itf. 



208 Noctes scholasticae. 

grämigen Lehrer wagt sich auch der Humor nicht hervor. Ich habe so 
eben das kostbare Buch Ruge's ^aus meinem früheren Leben' gelesen. 
Kann man sich etwas Lieblicheres, Herzlicheres denken als wie sich die 
dreiszig Primaner verschwören , ihrem verehrten Rector Furchau den in 
der Nacht erfolgten Tod eines Generals einer nach dem andern , jeder in 
anderer Weise, nach einander in die Klasse tretend, mitzuteilen? oder 
wie der würdige Rector, nachdem er einen Trumpf darauf gesetzt hat, 
wenn jemand wieder den Namen Gyrus nennen würde, nun in der Ge- 
schichtsstunde, wo er die persische Geschichte^^zu erzählen hat, sich wen- 
det und windet, um nicht den Namen Gyrus auszusprechen, endlich aber 
doch durch alle möglichen Fragen dahin gebracht wird, das unheilvolle 
Wort über seine Lippen gehen zu lassen? Kann dergleichen noch vor- 
kommen? und warum kann es das nicht mehr? warum kann es das nicht 
wieder ? Noch ein Zug der Art. Der Dr. Ranke , als blutjunger Lehrer in 
Quedlinburg eingetreten, inspiciert bei der schriftlichen Abiturienten- 
arbeit im Griechischen. ^Herr Doctor' , fragt ihn einer der Abiturienten, 
^vie wird doch das Verbum construiert?' - *Das darf ich Ihnen nicht sa- 
gen*, ist die Antwort. 'Wissen Sie wohl', bescheidet sich endlich jener, 
'dasz Sie selbst am meisten Schande davon haben, wenn ich da einen 
Fehler mache V Vielleicht erinnert sich Dir. Ranke in Berlin des Schü- 
lers, der ihm diese Antwort gegeben hat. Aber auch hier sind dies nicht 
vereinzelte Fälle : es war der Geist jener Zeit, welcher dieses innige Ver- 
hältnis erzeugte und gestattete. 

Es führt mich dies auf die Lehrer der damaligen Zeit , von denen 
ich ein und das andere Wort sagen möchte. 

Durchschnittlich stand, es ist nicht zu leugnen, der Lehrerstand an 
Kenntnissen, an Lehrtalent, an Auctorität niederer als der heutige. Die 
meisten Lehrer an den kleinen Gymnasien waren noch Theologen, welche 
einstweilen an der Schule eine Beschäftigung gesucht und gefunden hatten. 
Diese Lehrer machten jedoch damals allmählich einem jüngeren Geschlecht 
geistig tüchtiger, zum Teil hochbegabter Lehrer Platz. Indes einerseits 
hatte der Lehrstand überhaupt eine höhere gesellschaftliche Stellung als 
heute, andrerseits waren die damaligen Lehrer, wie sie mir in der Er- 
innerung stehen, Männer von feinen gebildeten Formen, wodurch denn 
das eine und das andere wieder ausgeglichen wurde. Die Wissenschaft 
stand damals wirklich in Respect, der Litterat, der Studierte hielt darauf 
den Stand zu wahren, den er zu vertreten hatte; eine Gordialität mit 
NichtStudierten, wie sie seitdem zeitgemäsz geworden ist, mied man; die 
Geltung des ganzen Standes, welcher mehr unter sich zusammenhielt, hob 
den Einzelnen. Dann aber ragten unter den Lehrern jener Zeit einzelne 
Persönlichkeiten hervor, welche allein eine Schule hielten und trugen. 
Die neueren Programme nennen uns eine Anzahl solcher Lehrer, welche 
in trübsten und kümmerlichsten Zeiten bei ihrer Schule ausgehalten und 
unglaubliches geleistet haben , bis der Staat , vor allem die nie genug zu 
rühmende preusz. Regierung, Hülfe brachte. Unter den neuerdings mir be- 
kannt gewordenen will ich nur Schilling in Verden, Koken in Holz- 
minden, Günther in Helmstädt, Kör her in Hirschberg, Klopschin 



Noctes scholasticae. 209 

Glogau nennen. Diese und ihnen ähnliche Männer haben auf ihre Schüler 
einen unaussprechlichen Einflu^z ausgeübt. Und sie konnten ihn allerdings 
ausüben, mehr als wir es können, denen Kräfte und Leben so vielfach zer- 
rissen werden. Die Wissenschaft, in der sie lebten, hatte noch einen be- 
schränkteren Umfang: man denke nur daran, was es heiszt, jetzt den Homer 
lesen und damals, jetzt lateinische und griechische Grammatik treiben 
und damals, jetzt Geschichte — - welchen Teil man wolle — vortragen und 
damals. Unsere Kräfte sind überall in zehnfach höherem Grade in An- 
spruch genommen , wenn wir uns nur auf einer leidlichen Höhe erhalten 
woUen. Hierzu rechne man das heutige gesellschaftliche, kirchliche, po- 
litische Leben; ich will ja gern jedem seineu Anteil an demselben gön- 
nen und ihn von keiner Bewegung in diesen Kreisen zurückhalten ; aber 
ich sehe doch , wie alle diese Sphären so viel Lebenskräfte , so viel gei- 
stiges Leben, so viel ethisches Interesse für sich erfordern und doch so 
wenig dazu beitragen , das eigene innere Leben zu fördern. Doch es ist 
dies auch gleichgültig, wenn man uns nur einräumt, dasz die damaligen 
Lehrer und namentlich Rectoren bei der Einfachheit ihres ganzen Lebens, 
bei ihrer Beschränkung auf den eigenen Beruf, bei dem geringeren Masze 
der von ihnen geforderten wissenschaftlichen Studien allerdings der Schule 
mehr sein und der Schule mehr Kräfte widmen konnten als wir es ver- 
mögen. 

Entschieden sind wir ^egen die damaligen Zeiten dadurch im Vor- 
zug, dasz die Gymnasien sich des Schutzes und der Pflege der Slaatsbe- 
liörden erfreuen. Wo geistliche Ephoren, wo städtische Magistrate be- 
rechtigt waren in die Schule einzugreifen — und dies war doch bei den 
meisten Schulen der Fall — sind die Lehrer dem übelsten Loose preis- 
gegeben gewesen. Nur hier und da findet sich ein Beispiel von einem 
Ephuren , der wahrhafte Fürsorge geübt und Teilnahme gehegt hätte. 

üeber das Publicum ist nicht viel zu sagen : es hat zu allen Zeiten 
gern über Dinge gesprochen, von denen es nichts versteht, und sich an 
Klatschereien, welche die Schule angehen, erfreut. Dies ist der einzige 
stereotype Charakter, an dem ich weder Besserung noch Verschlechte- 
rung habe wahrnehmen können. * * * 

(Fortsetzungen folgen). 



14. 

Ueber eine Art zusammengesetzter Familiennamen.'*') 



Aus der Lehre von der Zusammensetzung ist es bekannt', dasz zwei 
Begrifl'e dadurch zu einer Einheit verschmelzen, dasz der eine, als der 

*) Der vorliegende Aufsatz erläutert und erweitert dasjenige, was 
in dem Programm über die deutschen Familiennamen (I, 5) gesagt 
worden ist. 



1 



210 Ueber eine Art zusammengesetzter Familiennamen. 

individualisierende Begriff, auf den andern, welcher näher bestimmt 
werden soll, in irgendeinem attributiven 'oder objectiven Verhältnisse 
bezogen und in ihn aufgenommen wird, z. B. Jungfrau^ Sehwarthrot^ 
Kronprinz^ Weinglas, Die Begriffe jung^ schtoam individualisieren in 
attributiver, die Begriffe Krone ^ Wein in objectiver Beziehung. Dieser 
Vorgang offenbart sich nun gleichfalls in einer beträchtlichen Anzahl von 
Familiennamen, bei welchen Namen überhaupt das Bedürfnis der näheren 
und nächsten logischen Bestimmung sich nicht weniger und in gewisser 
Hinsicht noch mehr herausstellt als bei den Gattungsnamen der Sprache. 
Je allgemeiner und umfassender ein einfacher Name ist, desto geneigter 
zeigt er sich, wie leicht verstanden wird, zum Zwecke des genaueren 
Verständnisses Begriffe in sich aufzunehmen, welche ihm diese Allge- 
meinheit entziehen und eine speciellere Bedeutung zuweisen. Unter den 
deutschen Personennamen sind es nun teils jene älteren Namen, die heute 
insonderheit auch als Vornamen bekannt sind, wie Barthel^ PauL, Peier^ 
Johann und Hans^ teils dis geläufigsten von allen Familiennamen, verab 
Meier , Müller , Schmidt , welche sich auf diese Weise durch Aufoahme 
eines vorgesetzten Begriffes individualisieren lassen. Allein auch vielen 
anderen , weit weniger üblichen einfachen Namen ist ebendasselbe wider- 
fahren , während zugleich manche bisher anders ausgelegte Kamen Wahr- 
scheinlichkeit oder doch Möglichkeit derselben Deutung gestatten. Die 
Frage, ob solche Namenbildungen sich noch heute fortsetzen, musz 
zwar, insofern es auf die Festsetzung in der Schrift ankommt, verneint 
werden. Ueberall dagegen erlaubt sidi die Volkssprache, zunächst zum 
Zwecke der Unterscheidung, dergleichen Zusamm^isetzungen zu bilden 
und zu verbreiten. Auf die Bezeichnung ^ Siindenmiiller^ von Seiten 
Studierender für einen bekannten Theologen Müller^ der über die Sünde 
geschrieben hat , wird bisweilen aufmerksam gemacht. Der in der Stadt 
Schleswig von den Dänen eingesetzte Hauptprediger Martens^ welcher 
als Schweinezüchter groszen Ruf hat, heiszt unterm Volke nach der 
Weise des dortigen Dialekts ^ Schmnemordens^ , Am hiesigen Orte gibt 
es mehrere Persönlichkeiten, die nach demjenigen Begriffe, welcher in 
ihrem Gewerbe hervortritt , benannt zu werden pflegen , und zwar so, 
dasz durch denselben gemeiniglich nicht der eigentliche Familienname 
sondern der Vorname individualisiert wird, z. B. Mangellena (Lena, wel- 
che Zeug mangelt) , Nähdrütschen (Gertraud od. Trautchen die Näherin), 
Buttermina^ Sayettmina (Mina, welche mit Strickwolle handelt), Bügel- 
mieksken (Micke oder Marie die Büglerin), BuHerjan^ Mehlhannes^ Koh- 
lenhermann. 

Auf attributiver Beziehung , mit teils flectiertem teils unfleoiiertem 
Adjectiv, beruht die Zusammensetzung in folgenden Familiennamen: 

Aühainz^ Althans und Althannsz^ Altpeter ^ Altrichter ^ Altschüti^ 
niederd. Ohlmeyer. 

Braunbehrend^ Brunhuber und Brunhöber, Bredemeyer. Dolle- 
schall j DolltDeber, Fuljahn (fauler J.). 

Grauwirtt. Grosahenaig^ Grosi^herrig ^ Groszpietsch (-peler), 
niederd. Groteheh (hen aus Heinrich), Grotheguth^ Grottauy Grotjam^ 



Ueber eine Art ansammeagesetzter Familiennamen. 211 

Groijoharm^ Groirian und Stör Johann (die 5 letzten gleichbedeutend). 
Guderian , Gutkaesu (Kees, Cornelius), Gutschneider. 

HUgenreiner^ HiUigmeier nebst Uifgemeier und Hilkemeier (nie- 
derd. hiÜig^ heilig). Hochscherf^ Hochschon ^ Hochwächter. 

Jungbecker ^ Junghändel ^ Jungheim ^ Junghenn^ Jungjohann^ 
Jungkkum^ Jungnickel, Jungschläger, Jungwirth. 

Kleimbeeker, Kleinberg, Kleinbrahm, Kleinbrinck, Kleinfinger, 
Kleinkaas, Kleinhammer, Kleinhenz, Kleinjung, Kleinmeier, Klein- 
michel, Kleinnagel und Kleinagel*), Kleinpaul, Kleinsorge, Kleinstiibe, 
Kleinvegel, Kleinwächter, niederd. Liitkemeier, Lütkemüller, Lütt- 
johann. Krusemark, Krusenstern. 

Langguth, Langhans, Langheim, Langhein, Langheinrich, Lang- 
hein%, Langheld, Langhammer, Langmaack^ Langpeter, Langrehr, 
Langreuter, Langthim; Langeloth, Langematz, Langer ath; Langen- 
bartels, Langenbudk, Langenheim, Langenhein, Langenheinicke, Lau- 
genheiM, Langenohl**); Langerhans. Lieberkiihn, Liebemickel. 

Minder Jahn. Neubrand, Neudecker, Neukranz, Neuschäfer. 
Niederheitmann und Obercows (beide von der Wohnung). 

Schickedan% (schiefer Daniel). Schmajohann (wie Lüttjohann). 
Schönermark, Schönjahn nebst Schönian und Schöneyahn, Schöne- 
wolf. Sehwarzlose. Starckjohann. Strackerjan (schlanker Johann). 
Süssenguth. 

Wackerbar^, Wackemagel, Wackerzapp. Weiszheim, Weisz- 
mSüer, niederd. Wittgreff, Wittheim, Wittmack, Wittmeyer, Witt- 
üruck. 

Die Deutung dieser Namen unterliegt keinen besonderen Schwierig- 
keiten. Unter denselben ist keiner, dessen zweites Glied nicht als ein- 
faeber Personenname vorhanden wäre, z. B., um nur die wenigst geläufi- 
gen anzuföhreh : Höber, Schall, Pietsch, Guth, Keese, Schon, Finger, 
Sorge, Kammer, Loth, Rehr, Ohe, Zapp, Struck. Namen wie Doll- 
iteber, Gutschneider, Lütkemüller, Neuschäfer lassen es naturlich un- 
entschieden , ob das einfache Wort blosz das Gewerbe anzeige oder be- 
reits als Eigenname zu beurteilen sei. Dollweber z. B. kann sowol einen 
tollen Weber ab einen Tollen Namens Weber bedeuten. 

Der attributiven Beziehung gehören noch andere Namen an, welche 
sich nicht durch ein vorgesetztes Adjectiv kennzeichnen. Insbesondere 
kommen hier diejenigen appositioneilen Zusammensetzungen in Betracht, 
in denen teils zwei einfache Personennamen, am häufigsten Vor- und 
Zuname, in einander verschmolzen auftreten, teils der Begriff irgendeiner 
Standesqualität in den einfachen Namen aufgenommen wird. 

Bauerschubert. Bindernagel (Nagel der Faszbinder). Brüshaber 
(Preiszhaber ; vgl. Prüszmann). Giljohann (Gille aus Aegidius). Hinlz- 
peter. Kochhann. Kunhenn (aus Konrad und Heinrich). Meier hans, 
Meierotto, Meyerpeter, Meyersahm (Sahm aus Samuel). Pinckernelle 



*) Doch vgl. unten Kleyenstüber.- 

**) Die. Adjectivflezion -en «it niederdautsck. 



212 lieber eine Art zusammengesetzter Familiennamen. 

(niederd. Schmid Cornelius). Rehrhehn (Relir = Rehder, Behn aus Bern- 
hard). Schmittdiel (Schmid Dietrich). Sehr öder meier. Schweizerbari 
(Bart = Barthel der Schweizer). Stammerjohann (vom Stottern). Suf- 
friant (Sauferjan?). Weitshans. Weberhauer. Wendtnagel (Nagel der 
Wende). 

Zahlreicher und mannigfaltiger als die bisher vorgeführten Zusam- 
mensetzungen sind diejenigen, welche aus dem objectiven Beziehungs- 
verhältnisse erwachsen sind. Hier tritt zuerst eine Reihe von Familien- 
namen auf, deren Grundname durch einen vorgesetzten Verbalstanun in- 
dividualisiert wird, in welchem die Thätigkeit der Person, ihr Geschäft 
oder ihre Gewohnheit, enthalten ist. 

Bleichröder. BraumüUer , Brünagel (niederd. , Nagel der Breuer). 
Firjahn (firen, feiern). Heilpeter*). Pinkrosz. Scheerbarth. Sehr§^ 
vogeL Spehlmeier. Zitier land. 

Andere objective Beziehungen , vorzüglich Herkunft und Wohnung, 
Handel und Geschäft, treten in folgenden Zusammensetzungen, deren 
erstes Glied ein Substantiv ist, entgegen. 

Biemüller (bie, Biene). Bierschröder. Blumenreuter. Bonnwitt 
(Witt aus Bonn). Brodmeier, Broichschütz. Brückhändler. Buddel- 
meier. Bursian? Cantian (Kant = Seite, Rand). Dammkökler. Dom- 
görgen. Everhan. Feldotto, Feuerherm. Fischhaber. Fuchsschwarz. 
Goldschneider, Grünmüller (wahrscheinlich Müller der Grünhäudler, 
niederd. Grönhöker). Güldenpfennig (nach Beneke Hamb. Gesch. S. 232 
Penningk, der einen Gülden bekam). Habernick^ Habernickel. Hafkurd 
(Kurd vom Haflf). Hasselbarth. Heypeter (Hage — ? vgl. Heydorn). 
Hirsemenzel,, Hirsewenzel. Hofeditz^ Hoffheinz^ Hoffschläger. HoU- 
richter. Horsthemke. Hummerjohann. Kampfhenkel (Kampf, Kamp 
= Feld). Käselau. KUyenstüber (vgl. Kleinagel). Knickrehm (Knick 
=: lebendiger Zaun). Kohlrausch? Kutschenreuter. LedermüUer. 
Lichtappel. Linsenbarth. Malthan und Molthan (Malz). Marhan,, 
Marheineke^ Marhenke (von march, Pferd; vgl. Marstal], Marschalk). 
Mehlgott (-gottfried), Mehlhorn. Merian. Mohr lüder ,, Morian^ Mor- 
kramer (vom Moor benannt). Mühlfränzely Mühlstephan ^ Müllejans. 
Mundhenke (wol nach einer Eigentümlichkeit des Mundes). Murjahn 
(entweder von der Mauer oder vom Mauern, in letzterem Falle also der 
vorhergehenden Art beizufügen). Oehlclaus. Pferdmenges. Piglhein 
(Pichl, Bichl, Büchl, Büchel, mhd. bühel, Bühl). Poelmahn (Mahn am 
Poel, Pfuhl). Portheine. Rehdantz. Rohrdantz und Röhrdantz. Sand- 
vosz. Schaffgotsch (Schafgottfried). Schimmelpenninck ^ -pfennig^ 
-pfeng (s. Beneke a. a. 0.). Schneevoigt? Schweinebarth (vgl. Schwine- 
mortens). Semmelbauer. Semmelhaack. Sonnenschmidt (wahrschein- 
lich vom Schilde). Stackebrandt, Steinkrause, Strommenger. Trom- 
paul^ Trompheller (beide von der Trommel). Waldschmidt. Waldjah»^ 
Wallheineke. Wehrfritz ,^ Wehrspon (vom Wehr, au dem sie wohnen). 
Winkelblech ? Ziegenmeier, Zwügmeier. 



*) kann auch Peter Heil bedeuten. 



lieber eine Art zusammeDgesetzter Familiennamen. 213 

Einige Zasammensetzungen , welche vermöge der deutlich erkenn- 
baren Beschaffenheit ihres zweiten Gliedes zwar jedenfalls in die allge- 
meine Gattung der hier besprochenen Familiennamen gehören, lassen es 
gleichwol, weil das erste Glied Schwierigkeit oder Unsicherheit des Ver- 
ständnisses bietet, zweifelhaft erscheinen, von welcher Art ihr Bezie- 
hoBgsveriiältnis sei, z.B, Bar heine^ Funkhänel^ Kevekardes^ Reinhe%n%. 
Hier fallen sogleich die geläufigen Namen Heine ^ Hänel^ Kordes^ Heinz 
in die Augen , welche samtlich dem Gebiete der ältesten Personennamen 
aogehören. Wie verhalten sich indessen die diesen vorgesetzten Wörter? 
Bar ist ein bekanntes Adjectiv mit zwei heutzutage ganz getrennten Be- 
deutungen, aber im Niederd. heiszt auch der Bär so; Rein verträgt au 
fk\L wenigstens 4 Erklärungen; mit Keve ist hinsichtlich der Bedeutung, 
mit Funk hinsichtlich der Beziehung nicht bequem fertig zu werden. 

Eine grosze Menge auf die Beziehung eines Orts Verhältnisses ge- 
gründeter Zusammensetzungen findet mit Meier und Müller statt : 

Angermeier ^ Bachmeier ^ Berckemeier^ Bergmeier y Bookmeier 
(Buch-), Brinck' und Bringmeier ^ Brüggemeier ^ Dahlmeier, Eicke- 
meier^ Erlemeier ^ Eschemeier ^ Feldtmeier^ Hasselmeier ^ Horstmeier ^ 
Kampfmeier^ Knickmeier^ Kothmeier^ Lachenmeier^ Lohmeier^ Miller- 
meier, Mühlemeier^ Niedermeier^ Nordmeier^ Obermeier^ Oslermeier, 
Schachimeier ^ Staudenmeier , Stegmeier ^ Stroszmeier^ Struckmeier 
(Strauch-), Twietmeier (Twiete, Sträszchen), Wassermeier^ Weidemeier^ 
Westermeier, 

AuntüUer^ Bergmüller ^ Bornmüüer^ Burgmüller ^ Feldmüller ^ 
UessenmüUer^ Hohmüller^ Kling- und Klinkmüller (Bach-), Obermüller^ 
Springmüller (Spring = Quelle), Steinmüller ^ Waldmüller ^ Weyermül- 
ler (Weiher-), Wiesenmüller.' 

In diesen Namen wird in der Begel Meier als Eigenname zu fassen 
sein, während Müller wol häufiger das Gewerbe anzuzeigen scheint. 
Die Zusammensetzungen init Ober und Nieder sowie die denselben nach- 
gebildeten Mitter- und Ostermeier gehören der Form nach dem attribu- 
tiven Verhältnis an. 

Mülheim a. d. Buhr. K, G. Andresen. 



15. 

Antikes in moderner Form. 



Wenn Karl Nauck in seiner Ausgabe der Horazischen Oden — ein 
interessantes, geistreiches Buch! — hier und dort Ausdrucke, Wendun- 
gen und Gedanken des römischen Dichters mit ähnlichen Stellen deutscher 
Sänger belegt oder ganze Gedichte von Horaz mit Gedichten eines Uh- 
land, Lenau u. a. zusammenstellt, so mag ihm dies, wie überhaupt 
die freiere Behandlung des Stoffes, wol von gewissen rigorosen Schiü- 

M. Jahrb. f. PhU. n. Päd. U. Abt. 1863. Hft.5. 15 



214 Antikes in moderner Form. 

meistern, die eben nur auf ihren Vater Horaz schwören, zum Vorwurf 
gemacht werden: eine unbefangenere Kritik aber wird hierin gerade 
einen nicht unwesentlichen Fortschritt in der Erklärung der Alten erkee- 
nen, welche die poetischen Schönheiten, anstatt sie ans Licht zu ziehen 
und der Jugend so lebendig als möglich vor Augen zu stellen , Idder 
noch immer gar zu oft in unnützem gelehrtem Kram verhüllt und «-siickL 
Ist es nun gestattet bei Interpretation antiker Meister die modernen her- 
beizuziehen , so mag es vielleicht auch vergönnt sein einen Schritt wei- 
ter zu gehen und antike Poesieen geradezu ^bis auf ihre Ideen aufzuKS^en 
und ihnen einen neuen deutschen Leib zu geben'. Beruht doch beides auf 
derselben Anschauung von der ewigen Gleichheit der Menschennatur, die 
sich bei aller Verschiedenheit der antiken und modernen Denk- und Em- 
pfindungsweise geltend macht. Natürlich kann man nicht Schüler anleiten, 
in dieser Weise zu übersetzen ; hier ist aus vielen Gi*ünden gewissenhafte 
Treue erforderlich. Soll aber etwa nach vorausgegangener strenger und 
gründlicher Behandlung einer antiken Dichtung auch an einer metrischen 
Ueberseizung das Bild, welches der Dichter entfaltet, dem jugendlichen 
Geiste nochmals vorübergeführt werden, so möchte sich fragen, ob nicht 
eine freiere Bearbeitung in moderner Form , wie sie z. B. in den Gh^^ren 
des Sophokles Louis Klug oder, um zu Horaz zurückzukehren, in den 
Horazischen Oden Ernst Günther sehr glücklich versucht hat, geeig- 
neter sei Herz und Phantasie zu erwecken und zu erwärmen, als eine 
getreu den antiken Maszen sich anschlieszende , aber oft steife und harte 
Uebertragung, wie sie etwa die sonst hochverdienten Meister J. H. Voss 
und Fr. Thiersch, jener von Horaz, dieser von Pindar, gegeben. Was 
man eben auch zu Gunsten der Einführung antiker Odenmasze ins Deut- 
sche sagen mag , so viel scheint nach mannigfachen Erfahrungen auf die- 
sem Felde doch jetzt festzustehen, dasz ein deutsches Ohr von dem feier- 
lichen Tanz griechischer und lateinischer Metra im allgemeinen sich we- 
nig bezaubert fühlt. Mag immerhin die Alcäische Strophe auch im Deut- 
schen ihren majestätischen Charakter nicht ganz verleugnen, so ist doch 
die Sapphische von einer solchen Zartheit und Weichheit des Rhythmus, 
dasz eine deutsche Uebertragung sich umsonst abmüht diesen Wohlklang 
wiederzugeben. Nicht als ob wir damit den Leistungen eines Klop- 
stück, Platen u. a. zu nahe treten wollten — wer wollte nicht dank- 
bar die Verdienste dieser Meister anerkennen? — wir sagen nur dies: es 
haben uns zu viele in autiken Maszen gehaltene Uebersetzungen selbst 
von bedeutenden Gelehrten in dem Grade kalt gelassen oder abgestoszen, 
dasz wir der hergebrachten Uebersetzungsweise in vielen Fällen nicht 
das Wort reden können. Manche derselben sind fast nur mit Hülfe des 
griechischen oder lateinischen Textes verständlich , bei andern hat man 
wenigstens oft das nemliche Gefühl wie die feiner gebildeten Italiener an 
Karl's des Groszen Hofe, als sie die Gesangübungen der rauhkehligen 
Franken leiten musten. Wir möchten daher lieber auf die Gefahr hin, einer 
^feinen Barbarei"^) beschuldigt zu werden, für gewisse altclassische Dich- 



*} Morgenbiatt zur bayerischen Zeitung bei Beurteilvag 



Aatikes .in moderner Form. 215 

tungen moderne Form in Anspruch nehmen, überzeugt, dasz uns viele 
Kenner darin beislpnmen werden, wenn nur auch die moderne Form und 
Behandlung wirklich eine ^dassische' ist. In wieweit dies bei nachfol- 
genden Proben der Fall ist, mögen kundige Richter entscheiden. Mit 
Vergnügen werden wir verbessernde Winke entgegennelmien. Gegnern 
des Reimes sei übrigens von vornherein erklärt, dasz wir unmöglich da- 
rin einmi * bösen Geist', der *mit plumpen Wortgepoiter in die Sprache 
gefahren', zu erkennen vermögen; vielmehr möchten wir den Reim eher 
einen holden geflügelten Knaben nennen, welcher mit der leichten Grazie 
eines gaukelnden Schmetterlings die Blumen des Liedes umschwebt, die 
glänzenden gleichsam mit seinem Glanz noch verschönend, oder ohne 
Bild: wir sind der Ueberzeugung, dasz derselbe, aus einem tiefen Gefühl 
für Ebenmasz und Harmonie entstanden, zu den wesentlichen Zierden 
eines lyrischen Gedichtes gehöre. So mögen denn emige Lieder des lieb- 
licfaen Sängers von Yenusia in modernem Gewände nunmehr ihr Glück 
versuehen. 

(Septimi Gades «ditnre meoam) 
Freund, der mir folgte bis nach Gades gern. 
Gern zu der trotzigen Gantabrer Landen , 
Der mit mir zöge zu den Syrten fern , 
Wo Mauritaniens Wogen tosend branden : 

böte mir die heit're Griechenstadt, 
böte Tibur mir die traute Stätte, 
Dahin , der Meer- und Kriegesfahrten satt , 
Der Greis als in ein still Asyl sich rette! 

Und wehret dies der Parzen Ungunst mir, 
Möcht zieh'n ich an Galäsus holden Strand, 
Wo Lämmerheerden streifen durchs Revier, 
Wo einst geherrscht der spartische Phalanth. 

Vor allem lacht mir diese stille Bucht; 
Ihr Honig weicht nicht dem auf Hybla's Höh'n, 
An ihrem Oelbaum schwillt die fette Frucht, 
Wie je Venafrum's Gärten sie geseh'n. 

Hier hat ein milder Himmel der Natur 
Die Winter lau und lang den Lenz gegeben , 
Und nimmer neidet Aulon's Segensflur 
Falemum's Hügel , reich an gold'nen Reben. 

Nach diesen Höhen will ich zieh'n mit dir, 
Mein Freund! Hier soll, in diesen sel'gen Auen, 
Wenn sich der Rasen wölbet übei^mir. 
Des Freundes Thräne einst dem Sänger thauen. 



der 'Echoklänge aus Venusia* von Adelb. Herrmann, die übrigens viel 
zu gut recensiert sind. Nach unsrer Ansicht sind sie weder in Hora- 
sischem Geiste gedacht noch überhaupt poetisch noch deutsch. 

15* 



216 Antikes in moderner Form. 

(Quis multa graoilis te puer in rosa) 

Wer hält auf weichem RoseApfühle , 
Pyrrha , dich an*s Herz gedrückt 
Dort in der Grotte Dämmerkühle? 
Für wen hast da das Haar geschmückt, 

Das blondgelockte? Ach, wie lauern 
Dem Armen Falschheit und Verrath! 
Schon seh' ich Sturm den Kahn umschauern , 
Der wohlgemuth die See betrat. 

Noch wiegt dein Liebster sich in Wonnen, 
Stets zärtlich wähnt er dich und treu, 
Stets meint er sich an dir zu sonnen — , 
Wie bald, wie bald, ach, ist's vorbei. 

Weh' denen , die dich ohne Prüfen 
Geliebt ! Hier an des Tempels Wand 
. Die Kleider, die von Meerflut triefen. 
Bezeugen, dasz ich's — überstand. 



(Pastor cum traheret per freta navibus) 

Ueber's Meer auf schnellen Schiffen , 
Froh der schönen Beute , flieht 
Paris , der von Lieb' ergriffen 
Heilig Gastrecht schnöd verrieth. 
Doch in unwillkommne Buhe 
Hat die Winde bald versenkt 
Nereus, dasz er kund ilim thue, 
Was des Schicksals Macht verhängt: 

*Weh*, zum Fluche deinem Haupte 
Wie der Deinen führest du 
Freveln Mutes die Geraubte 
Deiner HeimaC Strande zu! 
In der Hand das blut'ge Eisen 
Seh' ich nah'n die Griechen schon, 
Deinen Liebesbund zerreiszen, 
Stürzen Priam's alten Thron. 

Ha I wie Rosz und Reiter keuchen 
In dem wirren Kampfgetos I 
Leichen stürzen über Leichen , 
Trojerhelden, kühn und grosz! 
Hörst du Pallas' Lanze schwirren , 
Die sie rachefreudig schwang? 
Ihres Schwertes mächtig Klirren? 
Ihres Schildes dumpfen Klang? 



Antikes in moderner Form. 3 IT 

Magst in trotzigem Vertrauen 
Auf der Göttin Blacht und Gunst 
Zartem Ohre holder Frauen 
Schmeicheln mit des Sanges Kunst — - 
Deiner Lyra Zaubertöne, 
Deiner Locken gol'ne Pracht, 
Deiner Wangen Rosenschöne 
Frommen nimmer in der Schlacht 

Magst im duft'gen Brautgemache 
Gnossus' Pfeilen dich entzieh'n 
Und des schnellen Ajax Rache 
In dem Kampfgewflhl entflieh'n: 
Endlich wird das Schwert doeh blinken, 
Das auch dir das Lel)en raubt, 
Schöner Buhle, endUch sinken 
Wird in Staub dein Lockenhaupt. 

Siehst Ulysses du, den schlimmen? 
Nestor's greise Hddenkraft? 
Siehst du Teucer dort, den grimmen, 
Wie er Mann auf Mann entraflft? 
Und dort Sthenelus I wie sauset 
Mächtig seiner Lance Wucht! 
Diomedes! hal wie brauset 
Vor ihm her der Feinde Flucht! 

Wie den Wolf, den fem erblickten, 
Keuchend flieht das scheue Reh , 
Flieht und läszt, die es erquickten. 
Seiner Weide Gras und Klee : 
\ Also wirst du zitternd flüchten , 
Wenn dich heisz die Schlacht umtobt. 
Der du Solches doch mit nichten 
Deiner Helena gelobt. 

Und nur kurzen Aufschub senden 

nion's Verderben soll. 

Aber nimmermehr es wenden. 

Des Peliden finst'rer Groll ; 

Bald in wilden Racheflammen , 

Von Hellenenhand entfacht. 

Stürzt in Schutt und Staub zusammen 

Deiner stolzen Troja Pracht!' 



218 Antikes in moderner Form. 

(Vides Tit alta stet nive candidtun) 
Schau, Soraktes' Gipfel — 
Wie von Schnee er blinkt! 
Wie der Tanne Wipfel 
Eisbelastet sinkt! 
Wie von Frost gebunden 
Starrt der Str5me Lauf! 
Im Kamine schflre 
Lustige Flammen auf! 

Spende gold'nen Weines 
Aus Sabin'schem Faszl 
Aber was nicht deines 
Amts ,- den Göttern lasz ! 
Sie gebieten — und stille] 
Wird's im ErleniVald, 
Den noch kurz durditoset 
Rasenden Sturms Gewalt. 

Nicht um Kfinft'ges sorgen 
Wolle — lege du 
Jeden neuen Morgen 
Deinen Tagen zu 
Als willkommene Gabe, 
Die ein Gott dir lieh' ! 
Leb' und liebe, weil dir 
Frisch noch Herz und Knie ! 

Bald mit weiszen Flocken , 
Wie jetzt Berg und See, 
Sprengt auch deine Locken, 
Ach, des Winters Schnee! 
Säume drum zu lauschen 
Holden Flüstern nicht, 
Das in trauter Stunde 
Heimlich zu dir spricht! ^ 

Nicht dem süszen Necken 
Säume nachzugehen •— 
Wirst in Myrtenhecken , 
Die du suchst, erspäh'n. 
Horch! ein helles Lachen* 
Endlich hält sie SUnd — 
Und dem spröden Finger 
Raubst du Ring und Band. 



\ 



Antikes in moderner Form. 2(9 

(Vitas hinnuleo me similis, Chloe,) 

Wie ein ssrtes, banges Reh, 
Das in scheuer Flucht 
Auf entlegener Bergeshöh' 
Seine Mutter sucht — 

Herz und Kniee beben ihm , 
Jedem Ton es lauscht, 
Angsterfüllt, wenn neben ihm 
Es im Laube rauscht, 

Ob des jungen Frühlings Hauch 
Rühre Baum und Busch, 
Oder durch den Brombeerstrauch 
Leis Eidechschen husch' — 

Also fliehst du, GhloS, mich — 

Und doch bin ich ja 

Nicht ein Tiger , welcher dich 

Sich zum Raub ersah, ^ 

Zeit tst's , Holde , zu entziehen 
Dich der Mutter Hut — 
Lohne deines Freiers Mfih'n , 
Folg' ihm wohlgemuthl 

Heinrich Stadelmann. 



16. 

Die HobenzoUem. Eine Sammlung patriotischer Gedichte für 
Schule und Haus^ herausgegeben von C, H. Berg^ Rector. 
Zweite Auflage. Stolp, Verlag von Hermann Koelling. 1861. 

Das Motto: ^Vom Fels zum Meer!' ist ein Aushängeschild, das so 
berechtigt ist angesichts des Titels, wie das ^suum cuique!' gewesen 
wäre. Denn auch dieser Wahlspruch ist ein Hohenzollern-Spruch gewor- 
den und ein so guter wie jener. Wir würden gegen diesen zweiten 
Spruch uns vergehen, wenn wir nicht einstimmen wollten in des Verf.s 
Satz im Vorwort: *dasz die Poesie in diesem Unterricht (in der vaterlän- 
dischen Geschichte, womit der Vf. nicht die deutsche sondern die bran- 
denb.-preuszische Geschichte meint) sowie bei der Feier vaterländischer 
(also preuBzisdier Feste) ihr Recht hat, dafür ist heute nicht mehr zu 
streiten.' 

Gewis hat die Poesie bei solchen Anlässen ihr Recht. Nur wird 
in dieser Forderung auch andrerseits ein weises Masz vorauszusetzen sein 
und ein gesundes Geföhl für das wirklich Poetische. Denn nicht jedes 



220 Berg : die Hohenzollern. 

Product in Verszeilen oder Reimen ist darum schon ein Gedicht, und wäre 
das Product auch noch so ^patriotisch'. Die erste Auflage des Buches 
ist dem Ref. nicht zur Hand; aber das lehrt der erste Blick in die uns 
vorliegende zweite , dasz , falls es zu einer dritten einmal kommen sollte, 
diese manchen Ballast der zweiten nicht mit dem wirklich Poetischen 
wird herüberschleppen dürfen. 

Wenn wir der Jugend alles mögliche dem Anschein nach Poetische 
auftischen, das doch genauer betrachtet kaum von ferne wie ein Gedicht 
aussieht , dann begehen wir denselben Fehler oder eigentlich einen noch 
schlimmeren , weil verderblicheren, als wenn wir den Kindern neben den 
vortrefiTlichen , z. B. bei Flemming oder Amz u. Comp, herausgekomme- 
nen Bilderbüchern auch die schlechtesten Klexereien vorlegen , deren Ob- 
jecte etwa an und für sich ganz würdige sind , die aber trotzdem den 
Geschmack der Kinder früh verbilden oder verderben. Dasz auch bei der 
strengsten Kritik der Auswahl immer noch der poetische Werth der 
Stücke ein sehr verschiedener sein wird und musz , das versteht sich von 
selbst und wird von keinem Verständigen geleugnet. Lauter classische 
oder ^vollendete' Gedichte kann keine Sammlung, wie die vorliegende, 
bieten. Der Leser wird bereits merken, dasz wir in der vorliegenden 
Sammlung nicht das weise Masz gefunden haben, das wir wünschen. 
Gehen wir auf das Einzelne ein. 

Der Vf. hat für die ersten 250 Jahre der Hohenzollern nur sechs Ge- 
dichte beigebracht. Gerade eine der am ersten poetischen Figuren dieses 
langen Abschnittes ist nicht vertreten : der fürstliche Klopffechter Albrecht 
Achilles. Sollte es kein Gedicht geben , das ihn uns in würdiger Weise 
vorführte? Dann folgen dreizehn Gedichte, welche die Zeit des groszen 
Kurfürsten angehen, dann nach einem auf Friedrich L bezüglichen elf, 
welche Friedrich Wilhelm I. und seine Zeit behandefn; darauf tritt uns 
die Zeit Friedrich's d. Gr. mit vierundfünfzig Gedichten entgegen ; daran 
schlieszt sich die am wenigsten poetische Zeit Friedrich Wilhelm's H. mit 
vier und die in Leiden und Thaten gröszere Zeit Friedrich Wilhelm's DI. 
mit hundert Gedichten; den Schlusz bildet die neueste Zeit seit 1840 mit 
den letzten zweiundzwanzig Nummern. 

Was nun den inneren Werth dieser ganzen Sammlung im Einzelnen 
anlangt, welcher doch natürlich wichtiger ist als die äuszerliche Eintei- 
lung, so ist, um mit dem Schlüsse zu beginnen und von diesem aus rück- 
wärts zu gehen, gegen die Gedichte, welche die neueste Zeit betreffen, 
nichts Erhebliches zu sagen; nur hätten wir gewünscht, dasz, da doch 
unter diesen keine^ * Volkslieder' oder ^von Soldaten auf der Trommel er« 
dachte' sich finden , die Namen der resp. Verfasser allen zugefügt wor- 
den wären. Dieser Wunsch gilt denn auch , soweit er billig ist , von den 
anderen Perioden. 

Unter den hundert demnächst in Betracht kommenden finden sich 
neben dem Vorzüglichsten, das unsere deutsche Nationallitteratur über- 
haupt aufweist, neben den nie ausgelesenen und resp. ausgesungenen 
Gedichten und Liedern von Arndt, Körner, Rückert, Schen- 
kendorf u. A., auch zwei Gedichte, die wir zu den besten zählen, von 



Berg: die Hohenzollern. 221 

Fonque je eins und von Bercht, das ^Lied der freiwilligen Jäger' und 
der * Trost', ferner auch mehrere tre£fliche Stücke von Scherenberg, 
z. B. Mer Biwachtstmnk' (bei Leipzig). Dagegen scheint uns Mie Todten- 
feier des Königs' von Job. Ferd. Koreff vom Phrasenhaften nicht frei 
zu sein. Das ist vielleicht ^Geschmacksache'. ^Preuszens Aufschwung im 
J. 1813' von Ludwig von Bayern leidet an den bekannten nicht uner- 
heblichen metrischen Mängeln. Das anonyme ^Soldatenlied' S. 186 ist 
nicht sehr gelungen zu nennen. Es ist etwas trivial (z. B. ^traurig, trau- 
rig, dasz wir unsre Brfider hier und dort als Krüppel wandern sehn' 
etc.) und z. B. der Ausdruck: ^Schwinget hoch empor den Todtenkranz!' 
ist völlig verfehlt. Wo werden Todlenkränze *hoch empor geschwun- 
gen?' — Dies Gedicht Nr. 139 nimmt sich zwischen *Körner*s Geist' von 
Rackert und dem ^Morgenlied' von Schenkendorf wunderlich ge- 
nug aus. 

Was die vier Gedichte aus der Zeit Friedrich Wilhelm's II. betrifft, 
80 kann uns das anonyme ^Lied eines preuszischen Husaren bei dem Aus- 
marsche aus Holland' unmöglich gefallen. Ohne im mindesten den Volks- 
ton im guten Sinne zu treffen, ist es tactlos'und plump. Eine grosze 
Tactlosigkeit, ja Unziemlichkeit war es, diesem ungewaschenen Zeug das 
Metrum des Liedes (wir wagen nicht auszusprechen : die Melodie) Vie 
schön leuchtet der Morgenstern' zu geben. Wäre nicht das Ganze vier- 
zehn lange Strophen lang , so wäre es des abschreckenden Beispiels we- 
gen gerathen es ganz hierherzusetzen. Daher nur einige Proben : 

1 Strophenschlusz : 

'Mächtig, prächtig 

Könnt' man sehen Füsze gehen 
* Von Soldaten 

Ohne Buhm und ohne Thaten.' 
4. Strophenschlusz : 

«Trinket, klinket, 

Wilhelm lebe, Gott der gebe, 

Dasz auf Erden 

Nie dergleichen Händel werden.' 



6. Strophe: 



8. Strophe : 



'Der Schandfleck von dem Ritterstand, 

Kapellen, Gorkum's Commandant, 

Der sitzet jetzt gefangen. 

Er, sonst des Prinzen gröster Freund, 

Und nachgeh'nds gar sein ärgster Feind, 

Wird seinen Lohn empfangen. 

Haibtodt, schamroth 

Sitzt der Esel jetzt in Wesel, 

Wird bewachet. 

Bis man ihm das Urteil machet.' 

'Als nachgeh'nds dieser Flegel sah, 
Die Uebergab' der Stadt sei nah, 



222 Berg: die HohenzoUern. 

Wollt' er capitulieren. 

Er unterschrieb mit eigner Hand 

Die Punkte, die man ihm gesandt; 

Drauf gieng er desertieren. 

Glücklich, schicklich, 

Musrtvon Eben, dorten schweben. 

Und ihn fangen. 

Ist der Schurk* nicht werth zu hangen?' 

Das Tollste fast ist Strophe 11 : (Es ist von einem Lehrer die Rede, 
der mit *der bösen Rotte einen Wasserteich durchgräbt'.) 

*0 möchte dieser schwarze Bock, 

Mit Mutz', Pantoffeln und Schlafrock, 

Sich jetzund noch bekehren. 

Amtsbrüder! gebt das Instrument 

Ihm (weil er Zeit hat) in die Hand', 

Um sich draus zu belehren : 

Wie man, fortan. 

Als Levite, sich stets hüte 

Solcher Sachen, 

Die dem Lehramt Schande machen.' 

Ja man hüte sich, ob ^Levite' oder nicht, solches Zeug, das, wie 
der Student sagt, ^über das Bohnenlied geht', der preuszischen Jugend 
aufzutischen! Dadurch werden die HohenzoUern wahrlich nicht gehoben 
und gefeiert. Will unser Vf. seine Sammlung für Schule und Haus 
bestimmen, dann weg damit! 

Die Friedrich den Groszen und seine Zeit angehenden Gedichte sind 
meistens tadellos, zum Teil von hohem Werthe, so z. B. die Gleim- 
schen Grenadierlieder, F. v. Sallet's *Ziethen% Bornemann's' Me 
olle Fritz', Scherenberg's ^Execution' u. a. Nicht aufgenommen, ob- 
wol hieher gehörig, ist z. B. Julius Sturmes: ^ Wie schön leuchtet 
der Morgenstern! Des alten Dorfscbulmeisters liebstes Lied."* 'Der sie- 
benjährige Krieg' auf S. 51 ohne Angabe des Verfassers scheint etwas der 
Naturwahrheit zu entbehren: dem alten Fritz können kaum diese Worte 
in den Mund gelegt werden : 

^Rings mehrt sich meiner Feinde Zahl 

Gleich jenen Wolkenmassen, 

Die dort auf Phöbus dringen ein ; 

Doch schlägt er ihren Wetterschein 

Mit goldnen Strahlen nieder; 

Heil dir, du Gott der Lieder!' 

Wenn das gleichfalls anonyme 'Gespräch zwischen den beiden fran- 
zösischen commandierenden Generalen, den Prinzen Suubise und Cler- 
mont, wegen des Friedens (1758)' auf S. 96 u. 96 etwa einmal dedamiert 
würde, dann würden sicherlich die meisten Zuhörer in Schlaf f^eo. 
Vielleicht zwar hat der uagenannte Vf. dabei die feine Absicht gehabt, 
den Franzosen eins anzuthunl Die ethisiereode Art des Gedichts auf 



Berg: die HohenzoUern. 223 

S. 115: *FriedHch*8 Ankunft im Olymp' kann unmöglich vor einer ge- 
sunden Kritik bestehen. 

Am mangelhaftesten ist unzweifelhaft, was Friedrich Wilhelm I. be- 
trifft, d. h. sofern es in einer Sammlung von Gedichten steht. Die elf 
Stücke, welche diesen Kdnig betreffen, sind sämtlich von Th. Posthu- 
mus. Wir haben unter diesem Namen wol einen anderen verborgen zu 
denken; jedenfalls ist uns der Name sonst unseres Wissens nicht bekannt. 
Leider können wir von den elf Stücken eigentlich nur eins , das erste, 
*RegieningswechseP überschrieben, ein Gedicht nennen, die übrigen zehn 
nur im weiteroi Siiine als ^Gedichte' bezeichnen ; am ersten würde etwa 
wol das vorletzte, ^Begnadigung' überschrieben, diesen Namen verdie- 
nen. Wir denken dabei z. B. anGolshorn's Worte in der Vorrede zu 
dem ^Dedamator* S. VII: *Zu einem guten Gedichte gehört: a) ein der 
Poesie würdiger Stoff; b) eine des Stoffes würdige rhythmische Form ; 
c) eine vollkommene Verschmelzung von Stoff und Form.' Mit der letzten 
Forderung wollen wir es noch nicht einmal scharf nehmen. Die Erzie- 
hongsvorsehriften Fr. W.'s I. an den Lehrer seines Sohnes Fritz lassen 
sidi nicht wol in ein Gedicht verweben , wenn nicht der eigentliche Cha- 
rakter ganz verloren gehen soll, ebenso wenig der letzte Wille jenes 
Königs, sein Begräbnis betreffend. Die ^Keime der Zwietra/^ht' zwischen 
Vater und Sohn sind nimmermehr ein Gegenstand der Poesie. Der ^Brief ' 
Ibs Prinzen an den Vater, wie die ^Antwort' und deren %chschrift' sind 
entweder nur scheinbar ^Gedichte' oder die besondere Eigentümlichkeit 
dieser efaarakteristischen Actenstücke der Geschichte geht völlig verloren. 
Der *Flötenlehrer' ist sehr weitschweifig, und Ausdrücke wie ^thör'ger 
Bube' beweisen deutlich genug, dasz es nur darauf abgesehen war, ^Verse 
tu machen', die man sich als Schülerübung gefallen liesze, wenn der 
Stoff paszte. 'Zähne klappen' ist wol ein Druckfehler für 'Zähne klap- 
pern.' Bei dem Schlüsse aber: 'Weil der König diese Farbe, gleich 
dem zorn'gen Truthahn, haszt', möchte man doch Quos ego— ! 
rufen. Wie täppisch poltert doch dieser Vergleich hier heraus , wo es 
sich um eine so bedeutende Persönlichkeit handelt! Das 'Verhör' und 
das 'Kriegsgericht' bleiben auch besser in aufrichtiger Prosa als in Ver- 
sen ä la Cid. Man denkt unwillkürlich an Viehoff's 'Vorschule der 
Dichtkunst' S. 87, wo es vom Trochäus heiszt, er stelle (unter anderem 
auch) die sich selbst verzehrende Leidenschaft dar; doch — ohne Scherz 
— wer jeuer auf S. 87 der 'Vorschule' gegebenen trefflichen Erörterung 
über Trochäus und Jambus im ganzen beistimmt , der erkennt genugsam, 
dasz hier der Trochäus nicht mit Tact und Geschmack angewandt wor- 
den ist. 

Das einzige Gedicht, welches der Zeit Friedrich's III. (I) gewidmet 
ist, ist wol gelungen. Dem '18. Januar 1701' von G. Hesekiel S. 22 
entspricht der '18. Januar 1751' desselben Vf.s S. 48 auch in der Form 
genau. Wenn Bef. bei dieser Gelegenheit eine sprachliche Bemerkung 
machen dürfte, wäre es diese: In den Gedichten unserer Tage sind Verb- 
formen einer früheren Zeit, wie 'gekrönet', 'vermehret', 'gäbest' u. 
a. ohne Wahrheit, weil zu unseren Zeiten auch Niemand mehr so s p r i c h t, 



I 



224 Berg : die Hohenzollern. 

der rein hochdeutsch redet. So erscheint das e als ein. Flickbnchstabe, 
und wenn's auch nur so scheint, als solcher taugt er nicht. (Vgl. Her- 
rig's Archiv f. n. Spr. XXXII S. 90 ff.). 

Unter den dreizehn auf den groszen Kurfürsten und seine Zeit be- 
zuglichen Stücken befindet sich eins von Hesekiel, das wir ungefähr 
mit jenen von Posthumus auf eine Linie stellen müssen. * Warum d. 
gr. Kurfürst souverainer Herzog in Preuszeu und nicht König in Polen 
werden wollte', ist in zehn Strophen von je vier katalektischen trochfti- 
schen Dimetern mit männlichen Endreimen erzählt. Namentlich die Ab- 
lehnung der polnischen Krone läszt sich in einer solchen Strophe schwer 
abmachen. Bei genauer Prüfung der Sache scheints doch, als oh dieses 
^Gedicht' etwas * gemacht' wäre. *Wie der grosze Kurfürst den Mord 
verabscheute', scheint uns etwas bänkelsängerisch; besser schon trifft 
den Volkston: *wie der grosze Kurfürst den Schweden zeigt, was eine 
Harke ist', obwol der Schlusz einer jeden der sechs Strophen wie des 
Ganzen sachlich und metrisch etwas matt erscheint im Vergleich zu der 
volkstümlich ^pointierten' Ueberschrift. Schlagender als diese beiden 
Stücke ist: *Wie der gr. Kurfürst an die märkischen Bauern schrieb', 
gleichfalls von H es e kiel. 

Schlieszlich kommen wir an die sechs Gedichte , welche die ersten 
250 Jahre angehen. ^Die faule Grete und die schöne Else' ist eine Paral- 
lele, die, wenn sie nicht ^gemacht' ausfallen sollte, sehr schwierig war. 
Von selbst macht sie sich lange nicht. In dem Eingangsgedicht von He- 
sekiel: ^die Hohenzollern' hat der Vf. den Plan durchzuführen gesucht, 
in 26 fünfzeiligen Strophen von möglichst kürzen gereimten Versen sämt- 
liche Hohenzollern zu charakterisieren, von welchen 23 Stibphen noch 
3 für Einleitung und Schlusz abgehen. Auf die ersten beiden Hohenzol- 
lern kommt nur eine Strophe, ebenso auf die beiden Joachim, auf die 
übrigen bis zu Johann Sigismund incl. je eine ; Georg Wilhelm wird gar. 
nicht genannt, was die Aufrichtigkeit erfordert hätte. Es leuchtet ein, 
dasz der Vf. des Gedichts sich keine leichte Aufgabe gesetzt hatte, ja eine 
fast unmögliche. Friedrich Wilhelm II. tritt zwischen Vorgänger oiid 
Nachfolger nicht genug zurück : Johann Cicero ist gewis gar uicht cha- 
rakterisiert in diesen Worten : 

^Johannes Cicero — 
Ach! wären Alle so, 
Stund' es um manches Land 
Besser als vor der Hand. 
Hoch, Preuszen, hoch!' 

Auch Johann Georg und Joachim Friedrich wie die Joachim kommen 
zu kurz. Denn z. B. von Johann Georg heiszt es : 

'Kurfürst Johann Georg 
Trug um den Frieden Sorg', 
Lebte gar fromm und schlicht, 
Litt keine Juden nicht, 
Hoch, Preuszen, hoch!' 



Niemeyer: deutsche Grammatik. 225 

Doch es ist dem Vf. unsres vorliegenden Buches zu verzeihen, wenn 
er dieses Gedicht an den Eingang stellte, mangelhaft, wie es denn nach 
dem beschränkten Plan hatte ausfallen müssen. 

So sind wir denn zu dem Resultate gekommen, dasz Ref. nach un- 
maszgeblicher Meinung wünschen musz, es möchten 'bei einer neuen Auf- 
lage jedenfalls die Nummern % 10, 22—29 incl., 31, 40, 82, 88, 116 und 
139 ausfallen, vielleicht auch die Nummern 11, 13, 30, 67, 184. Ref. 
kann nach wiederholter Ueberlegung dies Urteil nicht für zu hart ballen. 
Es handelt sich um Wahrheit, namentlich der Jugend gegenüber. So 
sehr es Pflicht ist, den Patriotismus, namentlich die treue Liebe zum 
deutschen Yaterlande still und sicher zu pflegen , so sehr haben wir uns 
besonders in diesem Gebiete vor gemachtem, ^forcirtem' Wesen zu hüten. 
Blinder Eifer schadet nur. Dr. Th. Hansen. 



17. 

Deutsche Grammatik. Ein Leitfaden für höhere Schulen von Dr. 
Ed. Niemeyer^ Oberlehrer an der Realschule zu Crefeld*)^ 
I. TM.: deutsche Laut- und Formenlehre (12 Ngr.); ///. ThL 
deutsche Satz- und Interpunkiionslehre (4% Ngr.). 1862. 

In dem ministeriellen Regulative für die Realschulen wird dem Un- 
terrichte in der Muttersprache eine verhältnismäszig beschränkte Zeit zu- 
gewiesen (die unteren Gl. bis zur 111. 4, die HI. Gl. 3, die II. u. I. Gl. 3 
resp. 4 St. wöchentlich), obgleich das humanistisch Bildende gerade die- 
ses Unterrichtes auf den Realschulen von den bewährtesten Schulmännern 
längst anerkaimt ist. Es bleibt jedenfalls immer eine miszliche Sache, 
wenn der Unterricht in der Muttersprache, zumal der grammatische, sich 
vorwiegend an die fremden Sprachen anlehnen musz, wenn man ihm 
nicht durch entsprechende Stundenzahl oder andere Hülfsmittel einen 
seiner Bedeutung entsprechenden Werth beilegt. Man geräth alsdann 
leicht in die Gefahr der alten Gymnasien: den Unterricht in der deutschen 
Muttersprache, namentlich den grammatischen, fast ausschlieszlich an 
die Anlehnung an eine fremde Sprache zu verweisen, wie bei den Gym- 
nasien an die lateinische , so bei den Realschulen vielleicht an die fran- 
zösische. Gleichwol ist wie in allen Unterrichtsanstalten überhaupt , so 
auf der Realschule insbesondere ein eigener Gursus in der deutschen 
Grammatik durchaus notwendig und darf man die Erlernung der hoch- 
deutschen Schriftsprache nicht mehr ganz der 'bloszen Uebung und Ge- 
wöhnung überlassen.' Bei der den Realschulen so knapp zugemessenen 
Zeit für diesen ünterrichlszweig, von der den grösten Teil freie Arbeiten, 
Lectfire, Interpretation, freier Vortrag, in den Oberclassen auch Littera- 



^) Jetzt Rector der Kealschole zu Neustadt-Dresden. 



I 



226 Niemeyer: deutsche Grammatik. 

turgeschichte in Anspruch nehmen, ist es nun gewis höchst wfinschens- 
werth, wenn zur Sicherung einer festeren und umfänglicheren Kenntnis 
der deutschen GrammatilL den Schülern ein Leitfaden zur Haud steht, der 
da wünschenswerthe Auskunft gibt und umfänglichere und gründlichere 
Mitteilungen macht, wo die Knappheit der Zeit dem Lehrer ein weiteres 
und tieferes Eingehen verwehrt. Ein solches Bedürfnis zufrieden zu stel- 
len, hat sich das oben angeführte Werkeheu zum Ziele gesetzt und sicher 
auch glücklich erreicht. Es ist durchaus, wie man aus dem Ganzen leicht 
ersieht, aus praktischem Boden emporgewachsen und daher selbst ganz 
praktisch. Es soll damit *in Betracht des geringen Zeitmaszes , auf wd- 
ciies auch nach der Ansicht des Herrn Verfassers der grammatisGiie 
Unterricht eingeschränkt werden musz, den Schülern ein Leitfaden m 
die Hand gegeben werden.' — Das Werkchen trägt überall den Stempel 
eines streng sichtenden Geistes; nur was in die Schule gehört, ist auf- 
genommen; es ist nicht ein Zuviel, aber auch nicht ein Zuwenig ge- 
geben. Die präcise und klare Darstellung des Stoffes möchte als eine 
nicht zu gering anzuschlagende Eigenschaft des Werkchens hervorgeho- 
ben werden; wie denn gleich die Einleitung zum 1. Tle. , die eine Ein- 
teilung der indogermanischen Sprachen, dann speciell der germanischen 
Sprachen und schlieszlich eineu kurzen geschichtlichen Ueberblick über 
die Entwicklung unseres jetzigen Hochdeutschen gibt, einen befriedigen- 
den Beleg dafür liefert. — Der Hr. Verf. hat übrigens *den gegenwär- 
tigen Bestand der neuhochdeutschen Sprache überliefert, dabei jedoch 
alles auf die Elemente der historischen Sprachkenntnis gegründet.' Und 
dies möchten wir nicht als den kleinsten Vorzug des Werkchens ange- 
sehen wissen, sobald man einmal zu der Ueberzeugung gelangt ist, dasz 
eine gründliche Erfassung des Baues und Wesens unserer Muttersprache 
ohne alle und jede Erkenntnis ihrer Geschichte zu den Unmöglichkeiten 
gehört. Wie glücklich dem Verfasser auch hierbei das Vermeiden eines 
Zuviel gelungen ist , kann unter anderem die Lehre von den * Lautveräii- 
derungen' darthun, wo das von Jac. Grinun gefundene Gesetz der ^Laut- 
verschiebung' zwischen der griechisch-römischen, germanisch-gothi- 
schen und althochdeutschen Sprache klar und faszlich vorgeführt wird. 
Noch gar manche Kapitel des durchdachten Werkchens könnten zur Em- 
pfehlung desselben angefülirt werden, wie z. B. das Kapitel von den Sil- 
ben , das zugleich als eine treuliche Einleitung und Vorbereitung zur Be- 
nutzung von desselben Verfassers ^Abrisz der deutschen Metrik' anzu- 
sehen ist. — Die mit der Lautlehre verbundenen Gesetze der Orthographie 
zeichnen sich ebenso durch ihre Einfachheit wie ihre praktische Anwend- 
barkeit aus. — Uebrigens bietet das Werk nicht hlosz dem Schüler auf 
seinen verschiedenen Entwicklungsstufen Stoff zum Nachdenken, sondern 
in den Anmerkungen, die vorzugsweise für den Lehrer bestimmt sind, 
auch diesem Stoff zur wissenschaftlichen Orientierung, so dasz man vor 
einem Irtume wenigstens sich bewahren musz, vordem nemlich: mm 
habe ohne Überlegsame Präparation das Buch nur vor sich auf das Ka- 
theder zu legen, um mit einem zeitweiligen Blicke darauf unterrichten 
zu können I Ja es ist um so mehr die Pflicht des Lehrers, sich mit dem 



Niemeyer: deutsche Grammatik. 227 

Inhalte ^enau vertraut zu macheu, als er seilst das für eine besondere 
Lehrstufe Geeignete sich auszuwählen hat, da das Werkchen als Ganzes 
für alle Unterrichtsstufen ausreichen soll und ausreichen kann. — Der 
dritte Teil, der sich im aUgemeinen derselben Vorzüge rühmen kann 
wie der erste, * bezweckt eine gedrängte folgerichtige Entwicklung der 
Lehre vom Salze, welche sich mit Abweisung der Systematik Beck er 's 
an die alterprobte, ebenso praktische als rationelle Gliederung der latei- 
Bischen Satzlehre anschlieszt.' Auf zwanzig Seiten wird das Wesentliche 
der ganzen Satzlehre besprochen und auf weiteren sieben Seiten in ge- 
drängter rationeller Weise die Interpunktionslehre durchgenommen. Mit 
besonderer Sorgfalt sind die Beispiele ausgewählt und mit glücidichem 
GrilTe zumal Schiller, Mer Liebling der Jugend' benutzt. Bei diesen vie- 
len VoTzfigen des Werkchens ist recht zu wünschen , dasz baldigst der 
zweite Teil, der die Wortbildung und den ersten Abschnitt der Syntax 
behandeln soll, erscheine (wie wir gehört haben, soll er bis zu Pfingsten 
tollendet sein); und ebenso wünschen wir dem Werkchen eine wolver- 
ffiente Aiühahme in der Schule, wie wir es denn seiner vielfachen Vorzüge 
wegen jedem Lehrer der Muttersprache aufs Wärmste empfehlen. 

Dresden. Dr, E, PetzoldL 



18. 

Die Versammlung badischer Schulmänner zu Lahr am 

26. und 27. September 1862. 



Der Aufschwung, den in jüngster Zeit die politischen, kirchlichen 
und socialen Verhältnisse im Groszherzogtum Baden genommen, hat 
auch anf das Schulwesen einen durchgreifenden Einflusz geübt. 
Mannigfache Beformen sind teils schon ins Leben getreten, teils für 
die nächste Zukunft in Aussieht gestellt. Allgemein gibt sich das 
Streben kund, die Schule in ihrer Gesamtgliederung mit dem Princip 
sittlich geistiger Freiheit, die jenen Aufschwung hervorgerufen, in 
Einklang zu setzen, das Lehramt in der hohen Bedeutung, die ihm 
gebührt, anzuerkennen, und den Lehrerstand selbst in die Rechte und 
Vorteile einzusetzen, die er vermöge seines Berufes beanspruchen kann. 
Mit den Bestrebungen in diesem Sinne stehen auch die periodischen, 
von Lehrern ans dem Keiche der Mittelschule veranstalteten Ver- 
sammlungen im Zusammenhang. Die erste dieser Versammlungen 
wurde zu Offenburg (1861), die zweite im verflossenen Herbst zu 
Lahr abgehalten. Es möge uns gestattet sein, hier durch einen kur- 
zen Bericht über die letztere auch entfernteren Berufsgenossen Anre- 
gung zur Meinungsäuszerung und zur Teilnahme im Sinne gemeinsamen 
Zusammenwirkens zu geben. 

Nachdem die zu Offenburg gewählte vorbereitende Commission 
durch ein gedruektes Programm eine Einladung hatte ergehen lassen, 



228 VersammluDg bad. Schulmänner zu Lahr am 26. u. 27. Sept. 1863. 

sandten die verschiedenen Mittelschulen des Landes (mit wenigen Aas- 
nahmen) ihre Vertreter. Auch andere Teilnehmer fanden sich ein: so 
zwei Mitglieder von der polytechnischen Schale in Karlsrahe (Prof. Dr. 
LÖhlein und Prof. Baumgarten), eines von der Universität zu Frei- 
burg (Hofrath Dr. Kerb er). Von Seite der Behörde waren die beiden 
Oberschulräthe Dr. Frick und Grub er anwesend. Die Sitzungen 
fanden im Gymnasiumsgebäude statt und dauerten an beiden Versamm- 
lungstagen jedesmal von 8 Uhr Morgens bis 2 Uhr Nachmittag. Am 
zweiten Tag fanden zugleich Sectionssitzangen statt. 

In der ersten allgemeinen Sitzung begrüszte der Gjmnasialdirector 
des Ortes, Eichenbeckh, in herzlicher Ansprache die Versammlong, 
worauf Prof. Furtwangler aus Freiburg im Namen der vorbereiten- 
den Commission Bericht erstattete und die Präsidentenwahl anordnete. 
Auf den Vorschlag desselben wurden durch Acclamation die beiden 
Vorsitzenden der Ofifenburger Versammlung, Geh. Hofrath Dr. Gockel 
aus Karlsruhe zum Präsidenten, Director Dr. Weber aud Heidelberg 
zum Vicepräsidenten erwählt. Nachdem hierauf Prof. Eisenlohr von 
Lahr, Dr. Deimling von Mannheim und Gymnasiallehrer Bauer von 
Tauberbischofsheim die Protokollführung übemonmien, leitete der Prii- 
sident die Verhandlungen dadurch ein, dasz er, anknüpfend an die 
Ofifenburger Beschlüsse, die Vorgänge, die in der Zwischenzeit statt- 
gefunden, in einem Ueberblick darstellte und mit Bücksicht auf die- 
selben den Standpunkt fixierte, Von welchem die gegenwärtige Ver- 
sammlung auszugehen habe. Er hob einerseits unter Anerkennung der 
erhöhten Sorgfalt, welche die Staatsbehörde der Neugestaltung des 
Schulwesens zugewandt, die Punkte hervor, durch deren Berücksichti- 
gung, wenn auch nicht in vollem Umfang, den Wünschen der Versamm- 
lung entsprochen worden sei ^) ; andererseits empfahl er derselben unter 
Hinweisung auf die Bereitwilligkeit, mit welcher die Regierung ge- 
rechten Erwartungen entgegenkommend bereits weitere Beformen in 
Aussicht gestellt habe, die Aufrechthaltung derjenigen Anträge, die 
bis dahin noch keine Erledigung gefunden. *) Der Vortrag, in dem 
ebenso die bewährte Einsicht und Erfahrung, wie der edle und mSnn- 
liche Charakter des Bedners sich ausprägte, fand allgemeine Zustim- 
mung. ^) Insbesondere aber gab die Versanmilung demselben ihren 
Beifall kund, als er die aus Misverständnis hervorgegangenen An- 
griffe, welche die Offenburger Versammlung inzwischen erfahren hatte ^), 
zurückwies und ebenso gegenüber der in einzelnen Kreisen ausgespro- 
chenen, auf Unkunde der Verhältnisse und der Personen berulienden 
Ansicht, dasz die Beform des badischen Schulwesens die Beiziehung 
auswärtiger Kräfte notwendig mache , für die Ehre des badischen Leh- 
rerstandes in die Schranken trat.^) 'Nachdem hierauf Professor Fnrt- 



1) Insbesondere ist die ökonomische Stellung der Lehrer seit- 
dem in erfreulicher Weise verbessert worden. 

2) S. 'Bericht über die Verhandlungen der Lehrerversammlong sn 
Offenburg' (Karlsruhe 1861) IV. V. VI. VH. X. XL 

3) Ausführlicher hat derselbe seine auf die Schulreform bezüglichen 
Ansichten ausgesprochen in seiner Beilage zum Programm des Karls- 
ruher Lyceums (1862): ^ Die Gelekrtenschulen gegenüber den Fardenrngen 
der ZeiL^ 

4) S. Prof. Dr. Baumstark: 'Zur Neugestaltung des badischen 
Schulwesens' (Leipzig 1862). 

5) Die neue Oberschulbehörde besteht gegenwärtig aus einem 
Director und sechs Oberschulräthen. Zum Director wurde Dr. 
Knied ernannt (früher Professor an der Universität zu Freiburg). 
Oberschulräthe 8ind:,Laubis (früher Oberkirchenrath, Vorstand der 
Oberschulconferenz und Mitglied des Oberstudienrathes); Dr. Frick 



Versammlung bad. Schulmftniier zu Lahr am 26. u. 27. Sepl. 1862. 229 

wängler im Namen der Commission, die zur Qründang einer Zeit- 
schrift für die badiscben Mittelschulen gewählt worden war, 
Bericht erstattet *) , wurde sur Besprechung der im Programm aufge- 
stellten Thesen geschritten. Wir heben hier aus den betreffenden Ver- 
handlungen diejenigen Punkte hervor, die ein allgemeines Interesse 
beansprachen dürfen. 

A. 
VerhandluDgen in allgemeiner Sitzung. 

These I 1. 'Kann für die Gelehrten- und höheren Bürgerschulen ein 

Semeinschaftlicher Unterbau in der Art geschaffen werden, 
asjs eine Trennung in specifisch humanistische und realisti- 
sche Anstalten erst nach einem Cydus von etwa vier Jahren 

stattfSnde?' 

* 

Direetor Dr. Weber, welcher das Referat übernommen hatte, er- 
griff das Wort und suchte in längerem Vortrage nachzuweisen, dasz 
beiderlei Anstalten, nach Princip und Zweck verschieden, nur dann 
ihrem Wesen und ihrer Bestimmung gemäsz sich gestalten könnten, 
wenn sie von Anfang an von einander getrennt und in den 
Stand gesetst wären, eine selbständige Entwicklung, zu durch- 
laufen. Er gieng dabei von den Ansichten aus , die er schon zu Offen- 
burg in XJebereinstimmung mit (Oberschulrath) Grub er und ebenso 
wie dieser in Schulprogrammen ausgesprochen.'^) Insbesondere hob er 
hervor, dasz, wenn der Plan eines gemeinschaftlichen Unter- 
baues wirklich zur Ausführung kommen sollte, dies 'ebenso den hu- 
mamstischen wie den realistischen Anstalten zum Verderben gereichen 
würde. Die ersteren würden namentlich in der gründlichen Betreibung 
der classischen Sprachen, der Grundlage des Humanismus, sich 
durehaus gehempit sehen (!) und so der Würde und des Ansehens, das 
sie bis jetzt genossen, verlustig gehen; den letzteren aber würde das Ex- 
periment geradezu denTodesstosz geben, weil im Verlauf der Zeit not- 
wendigerweise statt einer Entwicklung zum Höheren und Vollkommneren 
ein Bückgang zur Volksschule eintreten müste. Prof. Schwab von 
Konstanz suchte dagegen unter Mitteilung eines Entwurfes die Zweck- 
mässigkeit des Unterbaues zu begründen, wies hin auf die neue Rich- 
tung, welcher der Zeitgeist sich zugewandt, und hob hervor, dasz, 
wenn auch einzelne Experimente bis jetzt als unpraktisch sich erwie- 
sen hätten, man dadurch nicht berechtigt sei, die Sache selbst, für die 
man nur die rechten Mittel nicht gefunden, als unpraktisch zu bezeich- 
nen. Nachdem hierauf noch mehrere Sprecher, namentlich Professor 

(früher Direetor der höheren Bürgerschule in Freiburg); Deimling 
(früher Professor am Ljceum zu Karlsruhe); Grub er (früher Direetor 
der höheren Bürgerschule zu Baden); Armbruster (früher Pfarrer in 
Kürzell); Pflüger (früher Direetor der höheren Töchterschule in Pforz- 
heim). Allgemein wird der Wunsch ausgesprochen, dasz für die Ge- 
lehrtenschulen noch ein weiteres philologisches Mitglied ernannt 
werden möge. 

6) Der aufs Neue bestätigten Commission wurde auf den Antrag 
des Prof. Dr. Löhlein der von Dr. Schmitt in Mannheim (Beilage 
zum Programm 1862: 'Thesen zur Reform der badischen Gelehrten- 
schule') gemachte Vorschlag, die bisher für die Programmbeila- 

[ gen bestimmten Mittel zur Gründung einer Zeitschrift zu verwen- 

I den, zur näheren Prüfung empfohlen. 

^ 7) S. insbesondere Grub er 'Zur Organisation der höheren Bürger- 

schule' (Beigabe zum Programm der höheren Bürgerschule in Baden 
1862); femer von Dr. Weber den 25. und den 27. Jahresbericht über 
die höhere Bürgerschule zu Heidelberg (1860 u. 1802). 

N. Jahrb. f. Pbil. u. Päd. II. Abt. 1862. Hft. 5. 16 



230 Versammlung bad. Schulmänuer in Lahr am 26. U. 27. Sept. 1862. 

Deimling, Prof. Dr. Mayer, Dr. Löhlein, Prof. Frühe, Dr. Mo- 
litor und Dr. Platz von verschiedenen Gesichtspunkten ans 9en Plan 
des Unterbaues bekämpft hatten, wurde Dr. Weber*s Antrag, der auf 
Verwerfang desselben und auf yöllige Trennung der betreffenden 
Anstalten lautete, von der Majorität der Versammlung angenommen. 

These I 2. 'Ist die bei uns an einigen Orten eingeführte Combina- 
tion von Gelehrten- und höheren Bürgerschulen zweckmäszig? ' 

Durch die Verwerfung des gemeinschaftlichen Unterbaues war diese 
mit der ersten in genauem Zusammenhang stehende These dem Princip 
nach schon entschieden. Wollte man keinen gomeinBchaftliohen Un- 
terbau, weil eine entschiedene Trennung notwendig erschien, so moste 
man aus demselben Grunde auch die betreffende Combi nairibn ver- 
werfen. Prof. Eisenlohr von Lahr hob insbesondere die -entftehiede- 
nen Nachteile hervor, die mit einer solchen Einrichtung thatsächlich 
verknüpft seien; mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten aber, welche 
voraussichtlich einer sofortigen Trennung entgegentreten würden, sprach 
er sich dahin aus, dasz wenigstens vorläufig der ^ot durch entspre- 
chende Vermehrung der Lehrkräfte an den combinierten Anstalten ab- 
geholfen werden sollte. Prof. Fe cht von Dürbach sprach für sofor- 
tige Trennung, indem auch er die Combination durchaus für nachteilig 
erklärte, ausgehend von dem völlig verschiedenen Charakter der com- 
1)inierten Anstalten. Die Versammlung entschied sich sofort dahin, 
dasz die betreffende Einrichtung nur als Notbehelf zu betrachten, 
eine baldige Aufhebung derselben aber höchst wünschenswerth seL 

These II 5. 'Entsprechen die Resultate, die der bisherige Lehrplan 
im Deutschen gestattet, den Anforderungen, welche die Ge- 
genwart an diesen Unterricht zu stellen berechtigt ist?' 

Nach einer längeren Discussion, an welcher besonders Frühe, 
Löhlein, Gersten, Deimling v. K«, Intlekofer, Sch'Wab, 
Rauch, Mayer, Molitor sich beteiligten, erklärte die yematemlüng, 
dasz diesem Unterrichtszweig allerdings eine gröszere Fedenttiiig -us 
bisher, zuerkannt, vor der Hand jedoeh nicht durch eliie Yerintlbhmg 
der Unterrichtsstunden, sondern (hirch eiine ewecfkmttszige, dePm Zweck 
entsprechende Methode geholfen werden solle. 

These n 16. Wahl der Lehrbüch'er. 

• * . 

Die Versammlung sprach den Wunsch aus, dasz den LefarercoUegien 
in Betreff clieser Wahl möglichste iFreiheit unter Sanction der 
Oberbehürde gestattet sein mC(ge. Man gieng dabei von dem Gedattken 
aus, dasz eine organische Entwicklung des Schüllebens nur dann mög- 
lich sei, wenn bei dem Streben Aach Einheit zugleich den Foridenm- 
gen der Mannigfaltifi^keit in ^rechter Weise genügt, durch denliChr* 
plan nur die allgemeine Norm vorgezeiclinet, die Bestiminang und 
Ausführung des Besonderen aber 4eni Ermessen der einzelnen Leh- 
rercollegicn anheim gestellt werde. So würde unter den letzteren so- 
gleich ein lebhafter Wetteifer wachgerufen und der individuellen 
Kraftentwicklung der gehörige Spielraum geboten werden. 

These III 2. Schulprüfungen. 

Prof. Furtwängler von Freiburg 'ergriff das Wort - and hielt einen 
längeren Vortrag zunächst über die öf fentljchen Prüfungen. Ans- 
geliend von dem Satze, dasz diese Prüfungen zwi^r tffiletlgbare Vor- 
teile, aber auch, wie sie gegenwärtig bestehen, entschiedene Na-ch- 
teile haben, snchte er die letzteren sofort ebenso in sit'tliovh&r, wie 
in intellectueller Beziehung nachzuweisen. Es stehe in Widersprach 



YcrsaimiBung bad. Schulmäaner zu Lahr am .26. u. 27. Sept. 1862. 231 

mit dem Sittengesets, wenn ein so wichtiger Act des Schullebcns 
za einer bloszen Form, einer eitlen Parade , einem trügerischen Schan- 
spiele gemacht werde. In der Regel sei es anf bloszen Schein abge- 
sellen; eine wirkliche Prüfting finde nicht statt und werde auch nicht 
erwartet, obwol der Act für eine solche ausgegeben werde. Nichts 
aber könne anf dem Gebiet der Bildung und der Erziehung verderb- 
licher Bein als leerer Schein-^ hier um so mehr, weil der Prüfungs- 
akt als Resnltat der Leistungen, die das ganze Jahr erzielt worden 
seien, gelten solle. Feierlich werde da den Schülern der verderbliche 
Gmndsats anf die Seele gebunden , dasz, wer vor dem Publicum etwas 
gelten wolle, dies mehr durch glänzenden Schein als durch lautere 
Wahrheit vermöge. Die Täuschung aber betreffe nicht blosz die so- 
genanntein glänzenden Prüfungen, sondern auch die schlechten. 
Es Bei Thatsaehe, dasz die besten Schüler oft am schlechtesten beste- 
hen, die schlechtesten am besten. Ebenso spiele der gewissenhafteste 
^Lehrer nicht selten die unscheinbarste Rolle, wHhrond der minder ge- 
wissenhafte mit scheinbar glänzendem Erfolg die Klippen zu umgehen 
wisse. Unter solchen Umständen könne auch das Urteil des Publicunis, 
ob es in Lob oder Tadel sich ausspreche, in der Kegel nicht rich- 
tig — somit auch nicht gerecht sein. Das wahre Verdienst könne 
es so wenig Wie die Mängel herausfinden — es blicke in einen fnl- 
sohän odeir zerbrochenen Spiegel und täusche sich selbst, wenn es das 
verschönerte oder zerfahrene Bild darin für das echte halte. Dazu 
komme, dasz der Lehrer solche Prüfungen, die ja doch den Schülern 
nicht gelten können, im Grunde *auf sich beziehen müsse. Dadurch 
werde die Antorität desselben herabgesetzt; es werde ihm das Ver- 
trauen, das er als eigentliches Lebenselement betrachten müsse, durch 
einen Act des Mistranens verkümmert. Das Uebel sei nur aus dem 
Uronde weniger in die Augen tretend, weil man einmal von Jugend 
auf daran ge^wöhnt sei. Gerade der gewissenhafteste Lehrer fühle 
sich am tiefsten verletzt, eine Rolle spielen zu müssen, die mit dem 
Wesen und der Würde seines Berufes nicht in Einklang stehe. Wolle 
er aber allen diesen Ineonvenienzen ausweichen — nicht zum Schein, 
Bondern in Wahrheit als prüfender Lehrer auftreten (doch wozu 
lellte er die Schüler iprüfen, die er als schon geprüfte dem Publicum 
Torffihrt?), dann seien nicht minder grosze Nachteile vom intellec- 
taellen Gesichtspunkt aus zu befürchten, ja kaum zu vermeiden. Da 
werde er nehmlich genötigt, lange vorher nicht das Lernen für das 
Leben, sondern für die Prüfung ins Auge zufassen, das Gedächt- 
nis d«r Schüler üb^rmäszig in 'Anspruch zu nehmen, und dasselbe auf 
Unkosten '^ er 'übrigen Seel'enkräfte in der Weise auszurüsten, 
dasz alle Einzelnheiten des Unterrichts für den betreffenden Prü- 
fnngsact in demselben zur beliebigen Reproduction bereit liegen, 
äo habe die Ueberladung der Schüler, worüber sehr häufig geklagt 
werde, so das Vi'elerlei, das dem Unterrichtsstoff in 'unsern -Schulen 
snm Vorwurf gemacht werde, enm groszen Teil in der Prtifungsnot 
seinen Grund. Der Uebelstand aber trete um so stärker hervor, je 
weiter die Schüler in den Olassen* aufsteigen, am meisten in den ober- 
sten Jahrescursen , wo nicht mehr das Gedächtnis vorzugsweise bean- 
sprucht werden dürfe, sondern darauf gesehen werden müsse, dasz die 
höheren Kräfte des Geistes in Spannung gesetzt werden. Abgesehen 
von dem Zeitverlust, der auf dieser Stufe mit einer Dressur des 
Gedächtnisses verknüpft sei, werde den Schülern auch ein unnatür- 
licher Zwang auferlegt, der ihnen gerade zu der Zeit, wo ihr Interesse 
am=<meisten gespannt sein sollte, am meisten die Lust und Liebe für 
die Bache raube. — Auf solche Gründe gestützt, stellte der Redner 
sofort einün Antrag auf Umgestaltung der öffentlichen Prü- 
fungen in der Weise, dasz sie einen den Forderungen der Zeit 
und dem Wesen der Schule entsprechenden Zweck in ange- 

16* 



232 Versammlung bad. Schulmänner zu Lahr am 26. u. 27. Sept. 1862. 

messener Form erfüllen. Letzteres könne aber nur dann gesche- 
hen, wenn diese Prüfungen dazu dienten, das harmonische Zu- 
sammenwirken der Lehrer zu bekräftigen, die Bande zwi- 
schen Schule und Familie enger zu knüpfen, den Bestre- 
bungen der Schule für das Leben einen feierlichen Aus- 
druck zu verleihen. Dieser Zweck müsse offen ausgesprochen und 
gewissenhaft festgehalten werden, damit Wahrheit herrsche und aller 
Schein verbannt bleibe. Die Verwirklichung desselben aber verlange, 
dasz die Bestimmung der Prüfungspensa in die Hände derLeh- 
rercollegien gelegt werde, welche darüber sich zu vereinigen hätten, 
welche Gegenstände und in welcher Folge sie dem Zweck am meisten 
entsprächen. Dem einzelnen Lehrer würde alsdann die Aufgabe zu- 
fallen, auf das betreffende Pensum seine Kunst, so viel wie möglich, 
zu concentrieren. So würde zunächst ein coUegialisches Zu- 
sammenwirken stattfinden; es würde dann die Autorität der ein- 
zelnen Lehrer gewahrt, die Controle nicht anleinen Act des Mis« 
trauens geknüpft, sondern dem Gewissen des Lehrercollegiums 
anheimgestellt, insbesondere aber der Dressur für die Prüfungen vor- 
gebeugt werden. Die Collegen selbst würden unter einander mit grö- 
8zerer Sicherheit und lebhafterem Interesse das Verfahren, die Methode, 
den Lehrgang des Einzelnen wahrnehmen. Auch das Publicum, das 
jetzt nicht mit Unrecht sich fem zu halten pflege, würde lebhafteren 
Anteil nehmen, weil es eine methodische Handlung, gleichsam einen 
musischen -Wettstreit, nicht ein verworrenes , zerhacktes , Ueber- 
(Irusz erweckendes Allerlei zu erwarten hätte. Notwendigerweise aber 
m liste der Prüfungsact, in solcher Art behandelt, aufhören, als eigent- 
liche Prüfung zu gelten: er müste zu einem Schul fest nmgesUdtet 
werden, durch das den Schülern zugleich der Gedanke nahe gelegt 
würde, dasz sie nicht für die Schule, sondern für das Leben 
gelernt haben. Der sogenannte Schluszact würde alsdann nicht ein 
angehängtes Fest, sondern der Schlusz des Festes sein. 

Bei der hierauf über diesen Gegenstand eröffneten Discussion, an 
welcher besonders Gerstner, Deimling von K,y Mayer v. Mann- 
heim, Löhlein, Frühe, Schwab, Molitor Anteil nahmen, verbreir 
tete man sich zugleich über die nicht öffentlichen Prüfungen. Schliesz- 
lich erhielt Furtwängler^s Antrag die allgemeine Zustimmung der 
Versammlung; in Betreff der Visitationsprüfungen aber wurde 
speciell der Wunsch ausgesprochen, dasz der Prüfungscommissär, des- 
sen Anwesenheit eine Aufmunterung für die Lehrer, eine Unterstütsnng 
ihrer Autorität, ^ eine Befestigung ihres freudigen Zusammenwirkens 
sein solle, bezüglich des Resultates mit den Lehrern mündlich ver- 
kehren möge. 

These HL 3. Schulfeste. 

Prof. Furtwängler suchte die Ansicht zu begründen, dasz Sohul- 
feste, namentlich solche, bei welchen declamatorische Vorträge, mu- 
sikalische Productionen u. dgl. stattfänden, häufiger, als es bisher ge- 
schehen, veranstaltet werden sollten. Bei Gelegenheit solcher Feste, 
zu denen auch Eltern, Geschwister, Schulfreunde eingeladen werden 
könnten, erscheine die Anstalt gleichsam im Familienkreise — die 
ideale Familie, welche sie bilden solle, erhalte durch dieselben 
einen ebenso erhebenden, wie feierlichen Ausdruck. So würden aaeh 
diese Feste, wie das Prüfungsfest, dazu dienen, die Bande zwischen 
Schule und Familie enger zu knüpfen und in den Schülern das Be- 
wustsein rege zu erhalten, dasz in der Schule für das Leben, nicht 
für die Schule gelernt werde. Ueberdies würde den Schülern Veran- 
lassung gegeben, nicht blosz im Wissen, sondern auch in der Kunst, 
die als Bildungsmittel mit Unrecht so oft in den Hintergrund gedrängt 
werde, sich zu erproben. 



Versammluhg bad. Scholmänner zu Lahr am 26. u. 27. Sept. 1862. 233 

Nachdem hierauf Prof. Frühe, das Familienleben in der Schule 
hervorhebend, zugleich allgemeine Spaziergänge, wie sie am Lyceum 
zu Constanz üblich seien, empfohlen, Prof. Aleck aus Heidelberg, 
die Beziehung der Schule zum Leben ins Auge fassend, eine Schilde- 
nmg volkstümlicher Schulfeste, wie sie in der Schweiz stattzufinden 
pflegen, gegeben, Prof. Gerstner dagegen alle besonderen Bestim- 
mimgen ,' Vorschriften , Maszregeln in dieser Beziehung als unpraktisch 
nachzuweisen gesucht hatte, erklärte sich die Versammlung zwar ge- 
gen eine ofäcielle Vermehrung der Schulfeste, sprach jedoch den Wunsch 
SOS, dasz den Directionen und Lehrercollegien freier Spielraum gestattet 
sein m5ge, solche Feste nach Umständen anzuordnen. 

Diesen Verhandlungen folgte ein ausführlicher Vortrag des Real- 
lehrers Heckmann aus Mannheim über die Stenographie. Die 
Versammlung sprach ihm ihren Dank aus und beschlosz eine empfeh- 
lende Vorlaee an die Oberschulbehörde. 

Schlleszuch trat die Versammlung einstimmig einem von Prof. Dr. 
Lohlein gestellten Antrag bei, der Oberbehörde mit Rücksicht auf 
die Ueberbürdung, unter welcher nicht selten die Lehrer und mit ihnen 
die Anstalten zu leiden hätten, den Wunsch auszusprechen, es möge 
dieselbe thunlichst eine Ermäszigung der Stundendeputate ein- 
treten lassen. 

B. 

SectionssitzuDgen. 
b) Humanistische Section (Präsident: Geh. Hofrath Dr. Gockel). 

These I 3. 'Kann der neunjährige Lycealcursus auf acht Jahre 
reduciert werden?' 

Die Majorität der Versammlung erklärte sich für Beibehaltung des 
neunjährigen Cursns. 

These H 4. 'Welches Gewicht soll dem lateinischen Stil zuerkaunt 
werden? Sind die gewöhnlichen 'Stilübungen' dem Zweck entspre- 
chend? Sollen in den obersten Jahrescursen freie lateinische Ar- 
beiten gefordert werden?' 

Prof. Deimling von K. wünscht, dasz der lateinische Stil in der 
bisherigen Ausdehnung festgehalten werde. Er billigte weder eine Er- 
weiterung desselben bis zur freien Production, weil diese nur dem 
Talent gelinge, noch eine Beschränkung, weil einmal keine Sprache 
ohne häufige Uebersetzungsübungen aus der Muttersprache erlernt wer- 
den könne, femer weil solche Uebungen für den Schüler nicht blosz 
keine Plage, sondern bei richtiger Behandlung ein Sporn und eine 
Freude seien, insbesondere aber weil durch beständige Subsumtion cou- 
creter Fälle unter das Allgemeine, wie sie der lateinische Stil ver- 
lange, der Verstand logisch geschärft, und durch die Nötigung, den 
deutsdien Ausdruck scharf zu fassen, Vertiefung in den Gedankenkeru 
erzielt werde. 

Prof. Furtwängler dagegen machte zunächst auf die Verschie- 
denheit aufmerksam, die an den einzelnen Anstalten in Beziehung 
auf die Geltung des lateinischen Stils herrsche. Diese Verschieden- 
heit habe mannigfache Inconvenienzen zur Folge, die besonders bei 
Receptionen und Promotionen zu Tage träten. Er wünschte da- 
her vor Allem eine Gleichmäszigkeit des Verfahrens an allen An- 
stalten. Femer hob er die auffallende^ Thatsache hervor, dasz die 
Schüler in der Kegel eine geringere Note im lateinischen Stil erhalten, 
als in der Interpretation. Der Grund dieses Misverhältnisses könne 
nicht in der gröszeren Schwierigkeit des Stiles allein liegen, wenn die 
Anforderungen den Kräften des Schülers gemäsz gestellt würden; nach 



» 



234 Versammlung bad. Schulmünncr zu Lahr am 26. u. 27. SepC« 1669. 

nicht in dem Mangel an Uebungen , da solche hänfig genagt stattfan- 
den. Gewandtheit sei nicht so selten, wol aber Gediegenheit. Es 
komme wol auf die Art der Uebungen an, xind in dieser Beziehung 
sei wol ein Hauptgrund, warum öfter der lateinische Stil minder ge- 
deihe, in den gewöhnlichen Uebersetzungsbüchern zu sachexu 
Diese Bücher seien nach Form und Inhalt nicht dazu angetiian, die 
Erzielung der Resultate möglich zu machen, die gewünscht werden. 
Die Schüler gewöhnten sich durch den Gebrauch derselben zunächst 
an ein schlechtes Deutsch; denn in der Regel sei das Deutsche 
in denselben entweder dem Lateinischen angepaszt oder in anderer 
Weise fehlerhaft, wenigstens nicht von der Art, dasz es zur Nachah- 
mung empfohlen werden könnte. Sie gewöhnten sich aber auch an 
ein barbarisches Latein durch die Uebersetzungen, die sie ans 
denselben zu Hause für sich zu machen hätten; denn die Beschäfti- 
gung mit diesen Uebersetzungsversuchen nehme ihre Thätigkeit mehr 
in Anspruch als die Correctur, die in der Schule nachfolge, und so 
pflege das Fehlerhafte, das sie selbst gemacht, sich ihrem Geiste tiefer 
und nachhaltiger einzuprägen, als das Richtige, das oft nur flüchtig 
an ihnen vorübergehe. Das Unkraut wachse um so mehr, je grösser 
der Eifer der Schüler sei: die eifrigsten pflegten sich mit der blossen 
Uebersetzung nicht zu begnügen, sondern lernten dieselbe, um in- der 
Schule Rechenschaft von ihrem Eifer geben zu können, mit allen Feh- 
lern geradezu auswendig. Bei mündlicher Vorbereitung geschehe letz- 
teres sogar gewöhnlich und sei selbst eine indirecte Forderung von 
Seite des Lehrers, insofern er sich Rechenschaft geben lasjse. Dazu 
komme, dasz im Gang des Unterrichtes bei solchen Uebersetzungen 
nicht sogleich auf stilistische Genauigkeit — auf echte Latinität 
gesehen werde. In den unteren und mittleren Classen begnüge 
man sich in der Regel, wenn keine Verstösze gegen die Grammatik 
vorkämen. Spät erst werde ein echt lateinischer Stil gefordert; sei 
aber der Schüler endlich auf dieser Stufe angelangt, so habe er be- 
reits in ein barbarisches Latein sich sosehr hineingelebt> dasz 
es ihm kaum mehr möglich sei, die Barbarisioen sich abzugewöh- 
nen. Sehe man dann auf die Wahl und Anordnung des Stoffes in 
^den betreffenden Uebungsbüchern , so könnten sie schon der Natur, der 
Sache nach in dieser Beziehung niemals so beschaffen sein, dasz sie 
gerade dem jedesmaligen Unterrichtsgang und den Bedürfnissen der 
Schüler entsprächen. Zweckmässiger dürften daher » obwol weniger 
bequem. Die täte des Lehrers sein in engem Anschlusz an die Leetüre 
und in strengem Zusammenhang so, dasz die Schüler Schritt für 
Schritt weiter geführt würden, und dasz am Ende des Jahres jedes- 
mal die betreffenden Aufgaben zu einem organischen Ganzen sich 
zusammenschlössen. Dabei ii\üste der richtige Text immer sorgfäl- 
tig niedergeschrieben und dem Gedächtnis eingeprägt werden. In 
der obersten Classe dürfte auch eine zusammenhängende Darstellung 
der betreffenden Stilgesetze sich anschlieszen. M-ündliche Uebungen, 
in entsprechender Weise vorgenommen , könnten mit den Dictaten wech- 
seln. Mit den Uebersetzungen aus dem Deutschen aber müste eine 
strenge Benutzung des lateinischen Textes bei der Leetüre zu 
demselben Zweck sich verbinden: zunächst ein methodisches Auswen- 
diglernen, von einfachen Musterbeispielen aufsteigend zu gröszeren 
Partien und ganzen Stücken, die zuletzt selbst als Declamationsübnn- 
gen benutzt werden könnten; femer Angabe des Inhaltes gelese- 
ner Stücke zunächst im Anschlusz an die Worte des Textes, dann fort- 
schreitend zur freieren Nachbildung des Gelesenen; endlich eine ent- 
sprechende Ausdehnung der cursorischen Leetüre, die in der ober- 
sten Classe zur Privatlectüre sich erweitern würde, und besonders 
die Gewöhnung des Gehöres an das lateinische Idiom, bezüglich 
nicht blosz auf das Vorlesen und Vorsprechen des Lehrers > sondern 



Versammlung, hai* Schulmämicr zu Lahr am 26. u. 27. Sept. 1862. 235 

auch auf eine richtige Becitation von Seito der Schüler — eine Uebnng, 
die in der Begel allziuehr yemachlässigt um so mehr ins Gewicht falle, 
weil bei Erlemnng jeder Sprache gerade der Gehörsinn der wichtigste 
sei. and speoiell zor AnffMSong der, rhythmischen Sprachverhältnisse, 
wie sie die Schönheit de« Stiles verlange, der sorgfältigsten Aosbil- 
dang bedürfe. — Würden aber die betreffenden Uebungen in methodi- 
schem Skifengang daa. ganze Lycei^m. hindurch fortgeführt, so dürften 
wol am Ende die Schüler so weit gebracht werden können, dasz auch 
das Lateinsprechen ihnen in der obersten Classe keine unüberwind- 
liehen Schwierigkeiten mehr böte. Zugleich dürfte das angegebene 
Verfahren die Schüler befähigen, in der obersten Classe lateinische 
Anfsfttze zu verfassen, zunächst im Anschlusz an die Leetüre, dann 
so daas nach den betreffenden Mustern zu immer freieren Versu- 
chen fortgeschritten würde. 

Bei der, weiteren Discussion über diesen Gegenstand erklärte sich 
n. A. Schwab besonders gegen die Extemporalien, weil durch sie 
eher die Flüchtigkeit gefördert, als logische Schärfe und Vertiefung 
in den Gedankenkem erzielt werde. Frühe hpb hervor, dasz mit Un- 
recht der lateinische Stil oft als Hauptprobe der Tüchtigkeit gelte; 
den lichtigsten Maszstab geistiger Beife gebe der deutsche Aufsatz 
an die Hand. Schlieszlich wurde Furtwängler*s Antrag, dasz eine 
gleichraäszige Würdigung des lateinischen Stiles an allen An- 
stalten erzielt werden solle, angenommen; ebenso Schwab^s Antrag, 
die Frage in Erwägung zu ziehen , ob die Exj^emporalien fernerhin bei- 
zubehalten seien. Fnrtwängler's weiterer Antrag aber, die ge- 
wöhnlichen Uebersetzungsbücher, soviel wie möglich, aus 
den Händen der Schüler zu verbannen, wurde abgelehnt. 

These 11 7. 'Ist die bisherige Stundenzahl für das Griechische in 
den obensiten Jahrescursen genügend?' 

Auf Fnrtwängler's und Bissinger's Antrag erklärte es die 
Versammlung für zweckmäszig, dasz statt der bisherigen vier Stunden 
sechs angesetzt werden. 

These II. 11. 'Welche lateinischen und welche griechischen 
Classiher sollen zur Leetüre gewählt, und in welcher Reihen- 
folge sollen sie auf die einzelnen Jahrescurse verteilt werden?' 

a) Lateinische Classiker. 

Nachdeip Prof. Deimling von K. gegen Cicer.o's Briefe in 
Unter.quiÄta sich ausgesprochen, schlug Prof. Furtwängler folgenden 
Plan vJDr: 

Classe. Prosa. Poesie. 

m. C. Nepos. Phaedrus. 

(einfacher histor. Stil) (niederes Epos) 

1V«J». Caesar. Ovidii Met. 

V«. Sallust. Virgil. 

(hist erat Stil) (höheres Epos) 

YK Livius. Virgil. 

(erat. Sil) 

YX^i Beden des Cicero. Oden des Uoraz. (lyrische Poesie) 

Qratorische Schriften (Tibull). 

des Cicero, 
(histt-orat. und didact. Stil) 

yi»>, Tacitus. Satiren und Epist. (didactische u. 

Philosoph« Schriften des Horaz. dramat. Poes.) 

des Cicero, 
(Qmntiliani Inatit. orat.) (Terentii comoed.). 



236 Versammlung bad. Schulmänner zu Lahr am 26. u. 27. Sept. 1862. 

Dieser Plan erhielt nach längerer Discnssion, besonders zwischen 
I) e i m 1 i n g und Furtwängler, die Zustimmung der Versammliing mit 
der von dem ersteren beantragten Modification, dasz in V* auszer Sal- 
lust zugleich Hottinge r's Auswahl aus Cicero (Ciceronis eclogae) und 
der 'kleine Livius' von Rother t gebraucht werden solle. 

b) Griechische Classiker. 

Plan, von Furtwängler vorgeschlagen: 

Classe. Prosa. Poesie, 

(einfacher bist. Stil) 

IV. b. Grie^sches Lesebuch von (niedere» Epo«) 

Halm (5e Aufl.). ^ '^ ' 

V*. Xenoph. Anab. Hom. Odyss. 

— Cyrop. (höheres Epos) 

— Hellen, 
(einfacher bist, und orat. Stil) 

V*». Herodot. Hom. Odyss. 

Lysias. Isokrates. 
(orat. Sil) 

VI'. Demostbenes. Hom. Hias. 

(hist. orat. und didact. Stil) 

yii>. Thukydides. Sophocles. Euripides. (lyrische und 

Plato. Pindar. dramat. Poes.). 

Die Discnssion über diesen Plan gab zugleich Veranlassung zu 
mehrfachem Austausch der Erfahrungen bezüglich der bisherigen Pra- 
xis, wobei jedoch gegen einzelne der vorgeschlagenen Aendemngen 
Bedenken erhoben wurden. Insbesondere erklärte sich Deimling ge- 
gen die Abschaffung von Jacob^s Atticis und wollte die Beden des 
Lysias und Isokrates auf gleicher Stufe mit Demostbenes behan- 
delt wissen. Furtwängler dagegen hielt in Betreff der Attika die 
Ansicht fest, dasz die darin getroffene Auswahl des Stoffes mit dem 
Unterrichtsgang an den badischen Gelehrtenschulen nicht übereinstim- 
me, dasz femer bei reiferen Schülern der Unterricht fruchtbarer ge- 
macht werden könne, wenn ihnen ganze Stücke-, nicht blosze Frag- 
mente, vorgelegt werden, endlich dasz die betreffenden Anmerkungen, 
wenn auch an sich noch so trefflich, doch für den Unterricht eher 
hemmend als förderlich seien. Die Leetüre des Lysias und Isokrates 
aber glaubte er aus formellen und materiellen Gründen nur als eine 
Vorstufe zur Leetüre des Demostbenes betrachten zu können. Schliesz- 
lich wurde der von ihm vorgeschlagene Plan mit der Modification an- 
genommen, dasz Lysias und Isokrates nach VI* zu verweisen seien. 

b) Realistische Section (Präsident: Director Dr. Weber). 

These I 4. 'Wie können die höheren Bürgerschulen unter einander, 
wie mit dem Polytechnikum organisch verknüpft werden?' 

Auf den Antrag des Präsidenten trat die Versammlung den auf 
diese Frage bezüglichen Offenburger Beschlüssen bei, welche also lau- 
ten: 'I) Die höheren Bürgerschulen zerfallen in höhere Bürgersehnlen 
erster Ordnung oder Realgymnasien und in höhere Bürgerschulen zwei- 
ter Ordnung. Jene haben sieben oder acht Jahrescurse, diese fünf 
oder weniger Classen. 2) Die höheren Bürgerschulen erster Ordnung 
oder die Realgymnasien werden mit der polytechnischen Schule in 
Karlsruhe in der Art in Verbindung gesetzt , dasz die mit einem Matu- 
ritätszeugnis entlassenen ^hüler der obersten Classe in die dritte (be- 
ziehungsweise in die zweite) mathematische Classe ohne weitere Prü- 
fung eintreten können.' — In Betreff der höheren Bürgerschulen zweiter 



Versammlung bad. Schulmaoner zu Lahr am 26. u. 27. Sep. 1862. 237 

Ordnmig oder der Bog^oaimten niederen Realschulen wurde mit Bück- 
sicht auf die grosse Ungleichheit derselben bezüglich der Organisation 
und des Lehrplanes speolell der Wunsch ausgesprochen, es möchten 
die Gemeinden veranlasst werden, diese Schulen so einzurichten, dasz 
sie in eine organische Verbindung mit den Bealgymnasien treten könnten. 

These II 3. 'Soll der lateinische Unterricht an den höheren Bür- 
• gersohiilen in Zukunft als obligatorisch gelten? In welcher 
Ausdehnung, Abstufung und methodischer Richtung soll er behan- 
delt werden?' 

Auch in dieser Frage wurde ein zu Offenburg gefaszter Beschlusz 
snfrecht erhalten, welcher also lautet: 'In den höheren Bürgerschulen 
enter Ordnung soll für alle Schüler, welche ein Maturitätszeugnis er- 
langen wollen, der lateinische Sprachunterricht einen obligatorischen 
Lehrsweig bilden und so weit geführt werden, dasz der Schüler im 
Stande sei, Cäsar, Livius oder Ovid^s Metamorphosen zu lesen und zu 
yerstehen. Bei der Behandluns^ wird weniger Nachdruck auf den for- 
malen xmd grammatischen Teil zu legen sein, als auf das Verständ- 
nis des Inhaltes und auf die Erwerbung eines allzeit bereiten Wort- 
Torrathes.' 

These II 6. 'Welche Forderungen sind an ein deutsche's Lesebuch 
für höhere Bürgerschulen zu stellen, und welches unter den vor- 
handenen entspricht diesen Forderungen am meisten?' 

Die Versammlunpf erklärte die zur Zeit eingeführten Lesebücher 
für onzweckmäszig, forderte einen stufenweisen Gang nach den ein- 
zelnen Classen und sprach den Wunsch aus, es möge die Oberbehörde 
eine Commission zu dem Zweck berufen» die überhaupt vorhandenen 
Leeebüeher zu prüfen und nötigenfalls die Abfassung eines neuen, das 
zur Begutachtung vorgelegt werden solle, zu veranlassen. 



19. 

Versammlung rheinischer Gymnasial- und Reallehrer zu 

Düsseldorf am 7. April 1863. 



Wir dürfen es nicht länger verschieben, von einer Lebensäusze- 
rung des pädagogischen Gemeinsinns zu berichten, welche in vollkom- 
mener Freiheit aus der Mitte des Lehrerstandes selbst hervorgegangen, 
für einen groszen und wichtigen Teil des Vaterlandes bedeutungsvoll 
zu werden verspricht — der 2n Versammlung von Gymnasial- und Real- 
lehrem der Rheinprovinz, welche am 7. April d. J. in der Aula der 
Realschule zu Düsseldorf abgehalten worden ist. Die Anregung zu 
diesen Versammlungen ist von einer Anzahl niederrheinischer Lehrer 
ausgegangen , welche sich im August vorigen Jahres zu Xanten trafen 
und nach einer vorläufigen Verständigung über Zweck und Geschäfts- 
ordnung ein Comit^ warnten mit dem Auftrag, unter Zuziehung einiger 
anderer Schulmänner die Vorbereitungen zu einer gröszeren Versamm- 
lung zu treffen. Diese fand am 17. October 1S62 zu Mühlheim a. d. 
Ruhr in den Räumen des dortigen Casinos und unter dem Vorsitz des 
Directors der Realschule, Dr. Kern, statt. Dieser Versammlung lagen 
bereits schulwissenschaftliche Stoffe vor, Thesen über den Unterricht 
in der deutschen Litteraturgeschichte von Dr. O. Friek (Wesel) und 



238 Vcrsauinilung rliein. Gymnasial- u. Ueallchrer zu Düsseldorf. 

andere über denselben Gegenstand von Dr. Jäger (Moers), zu deren 
Besprechung die VersAmmlung indes nicht gelangte, da die Berathang 
über die. künftige Gestalt dieser Zusammenkünfte die spärlich zuge- 
messene Zeit dahinnahm. Die Versammlung beschlosz mit Zagrande- 
legung einer von Dr. Müller (Wesel) ausgearbeiteten Geschäftsordniing 
die Wiederholung solcher freien Zusammenkünfte am Osterdienstage 
jedes Jahres, als deren Zweck sie die Vermittlung 'fördernder persön- 
licher Bekanntschaften unter den. Lehrern und die Erörterung pädago- 
gischer , didaktischer und anderer mit der Schule und ihren DiscipUnen 
in unmittelbarer Beziehung stehenden Gegenstände in Vorträgen und 
freiem Besprechungen' anerkannte. £ine längere Erwägung erforderte 
der schwer zu erledigende Punkt, auf welchen Kreis die Teilnahme 
üxiert werden solle; ein Teil war für Beschränkung der Versapunlun- 
gen auf Schulmänner der niederrheiuischen Bezirke; einige für Aus- 
dehnung derselben auf Rheinland und Westphalen: es wurde beschlos- 
sen, diese Zusammenkünfte als 'Versammlungen^ der Lehrer an den 
höheren Unterrichts anstalten der gesammten Kheinprovinz' zu charak- 
terisieren, bei welchen, wie sich von selbst verstehe, Gäste von an- 
derwärts stets willkommen geheiszen werden würden. Es möcl^te wün- 
schenswerth sein, die Versammlungen in den ersten Jahren vorwiegend 
an niederrheinischen Orten, Düsseldorf, Duisburg, Köln, Elberfeld usw. 
zu halten, damit sich erst durch persönliche Bekann^chaften n^d alles' 
was damit zusammenhängt, ein sicherer Boden und eine feste. Praxis 
der Geschäftsbehandlung bilde, welche bei dergleichen Versammlangen 
von höchstem Werthe ist. Die Zusammenkunft in ^Stanten war von 12, 
die zu Mülheim von über 60, die zu Düsseldorf von mehr als 160 Gym- 
nasial- und Keallehrem besucht. 

Die Versammlung wurde mit einer, durch ihre Wärme sehr anspre- 
chende Begrüszungsrede des Vorsitzenden, Director. H einen von der 
Realschule zu Düsseldorf, eröffnet, in welcher derselbe, früherer ähn- 
licher Bestrebungen gedenkend, seine Freude über das allmählich sich 
bildende brüderliche Verhältnis des Gymnasiums und der Realschule 
aussprach, von dem diese Versammlung ein beredtes Zeugnis ablege. 
Von dem der Versammlung vorliegenden überreichen Material kam zu- 
erst ein Vortrag von Director E, Herbst (Köln) über den Unterricht 
in der neueren Geschichte an oberen Classen an die Reihe. Der Red- 
ner erörterte in klarer, wohldurchdachter Weise die Notwendigkeit dieses 
Unterrichtsgegenstandes gegenüber den darüber erhobenen EinwendoQ- 
gen, hob die ethischen Momente und Motive hervor, welche diesen 
Teil der Geschichte zum Ersatz für andere, die ihr fehlen oder in ge- 
ringerem Grade eignen, das nationale z. B. — besonders frachtbar 
machen könnten und stellte, indem er mit kurzer, glücklich gefaszter 
!^ritik unrichtige Behandlungsweise und häufig vorkommende Fehler 
abwies, einige Hauptgrundsätze fest, nach welchen er auch ein neues 
Lehrbuch der Geschichte zu bearbeiten beschäftigt ist. Was diesen 
Vortrag besonders auszeichnete, war die concreto Behandlungsweise, 
welche keine häufige Tugend solcher Vorträge ist: der Redner gab an- 
ter anderem eine sehr klare Disposition über das gesamte Gebiet der 
neueren Geschichte, welche für jeden der mit diesem Unterrichtsgegen- 
stande beschäftigt ist, belehrend war. In Beziehung auf die neuer- 
dings augeregte Frage, ob der Unterricht in der alten Geschichte nicht 
in die Prima, der in der neueren dagegen in die Secunda zarverweisen sei, 
hielt der Redner mit Nachdruck am bisherigen Brauch als dem offen- 
bar naturgemäszeren fest, schlug aber dabei vor, von den 5 wöchent- 
lichen Gesxihichtsstunden der obersten Classe je eine einer eingehenden 
Repetition. der. alten Geschichte zuzuwenden, wobei der Lehrer bei dein 
schon bekannten Stoffe eine etwas tiefer eindringende and- höher ge- 
haltene Besprechung der wichtigsten Verfassungs- und anderen Fragen, 
wie sie der inzwischen gewonnenen höheren Reife des Schülers ent^ 



Versammlung rbeio. Gymnasial- u Rcallclurcr zu Dässcidorf. 239 

spreche 9 , eintreten lassen könne. Bei der daran sich schlieszenden, lei- 
der wenig eingehenden Besprechung gab Dr. H o c h e (Wetzlar) anheim, 
ob es nicht, anstatt den Gang des Vortrags der neuereu Geschichte 
allwöchentlich zu unterbrechen und dadurch die schon vorhandene Zer- 
splittening des wissenschaftlichen Interesses zu vermehren, gerathener 
sei, in allen 3 Stunden der letzten 6, 7 Wochen des Jahrescurses zu- 
sammenhängend die alte Geschichte in der von Herbst vorgeschlagenen 
Weise su repetieren. Von einer Seite wurde erinnert, ob nicht unter 
Festhaltnng des Grundsatzes, den ausführlicheren Vortrag der neueren 
Geschiehte mit dem Jahr 1815 zu schlieszen, eine chronikartif^e £r- 
zahlnng der Ereignisse seit 1815 etwa in Verbindung mit einem geo- 
^phischen Ueberblick über die wichtigsten Länder von Nutzen sein 
könne. 

Unter dem Drange der Zeit und des noch unbewältigten Stoffs 
wurde die Debatte abgebrochen und zu den von Dr. O. Friek gestell- 
ten Thesen über den Litteratu.rgeschichtsunterricht übergegangen. Dr. 
Friek entwickelte dieselben in einem ausführlichen Vortrage, in wel- 
chem er den Stand der Frage in höchst gründlicher und erschöpfender ^ 
Weise darlegte, so dasz zu bedauern ist, dasz die drängende Zeit das 
gehaltvoUe Beferat nicht zu seinem vollen Rechte kommen liesz. Man 
gelangte so nur zur Besprechung der ersten und zweiten These, welche 
Beibehaltung des litteraturgeschichtlichen Unterrichts für Prima vor- 
langte und dessen Aufgabe dahin bestimmte, 'ein möglichst ansqjiau- 
liches Bild der Hauptepochen des innem Bildungsganges der deutschen 
Nation zu geben.' Hierüber entspann sich eine Debatte, da die von 
Rector Jäger in Moers aufgestellten Thesen sich zu dieser Formulie- 
rung oppositionell verhielten. Dieser verlangte einen wesentlich bio- 
grraphischen Charakter des litteratnrhistorischen Unterrichts auch 
für Prima und erklärt jede allgemeine Uebersicht über Dinge, welche 
der Schüler nicht gesehen habe, für vom Uebel: er forderte, dasz 
all jene allgemeinen Gesichtspunkte nur am Einzelnen, dem Leben der 
Dichter und der Leetüre der Proben beigebracht werden sollen-, weil 
allenthalben und ganz besonders bei diesem Unterricht, der überall 
mit dem Höchsten und Allgemeinsten sich berühre, für den Schüler 
festzuhalten sei, dasz der Weg zum Allgemeinen nur durch das Beson- 
dere gehe. Director Schacht von Elberfeld sprach sich gegen die 
Thesen aus und wollte den Unterricht in der Litteraturgeschichte auch 
nicht in der von Jäger befürworteten Gestalt gelten lassen: die An- 
sichten beider Thesensteiler, meinte er, greifen über den Standpunkt 
der Schule hinaus, welche selbst bis in die höchste Classe hinauf noch 
genug zu thun habe, die leichte und correcte Handhabung des For- 
mellen der Sprache zu sichern; wogegen der Director Kiesel von 
Düsseldorf in beredter Weise für die Notwendigkeit des Litteraturunter- 
richts eintrat, in Beziehung auf die Behandlung des Gegenstandes aber 
mehr zu den in den Jägerschen Thesen niedergelegten Ansichten hin- 
neigte. Leider war damit die Zeit der Debatte erschöpft, so dasz die- 
selbe, was eine bei dergleichen Versammlungen nahe liegende Gefahr 
ist, nicht zu wirklichem und befriedigendem Abschlusz kam, und von 
einer Besprechung der übrigen Gegenstände — über geographische 
Lehrmittel von Oberlehrer Schauenburg (Düsseldorf), Methode des 
naturwissenschaftlichen Unterrichts (Dr. Czech), häusliche Arbeiten 
der Schüler (Dir. Heiner) — gänzlich abgesehen werden muste. Auch 
die Wahl des Comit^s zur Vorbereitung der nächsten Versammlung 
wurde nach den Vorschlägen des seitherigen Ausschusses mit einer 
darch dfe Kürze der Zeit gebotenen, für künftig, wie wir wünschen, 
nicht maszgebenden Raschheit erledigt. Der abtretende Ausschusz be- 
stand aus den Herren Dir. Keinen (Düsseldorf), Herbst (Köln), Rector 
Göz (Neuwied), Oberl. Friek (Wesel), Oberl. Schauenburg (Düssel- 
dorf) ; in den neuen wurden gewählt die Herren Dir. Heinen und Kiesel 



240 Versammlung rhein. Gymnasial- u. Reallehrer zu Düsseldorf. 

(DüsBeldorf), Ober!. Liesegang (Duisburg), Deicke (Mühlheim), Rector 
Jäger (Moers). Der Ort der uächsten Versammlung wird, was sehr zu 
billigen ist, wiederum Düsseldorf sein. 

Nach einem ^gemeinsamen Besuch der reichen Kunstsammlungen 
Düsseldorfs, welchen das Comit^ sehr passend in sein Programm auf- 
genommen hatte, vereinigte man sich wieder bei einem Mittagessen, 
das einen heiteren und gemütlichen Charakter trug. Geheimerath Land« 
f ermann, welcher die Versammlung mit seiner Anwesenheit ehrte und 
erfreute, brachte das Hoch auf den König aus, indem er in- der ihm 
eigenen gewichtigen Art auf das Zusammentreffen dieser Versanfmlung 
mit den Erinnerungstagen des Jahres 1813 und auf die Notwendigkeit 
hinwies , dasz die Erziehungsarbeit an dem heranwachsenden Geschlecht, 
an den groszen Erinnerungen der .nationalen Geschichte sich 'stärke; 
Director Heinen brachte die Gesundheit des allyerehrten Gastes aas, in 
dessen sicherer und fester Hand die Vertretung der rheinischen Schalen 
und ihrer Arbeiter ruhe; ein anderer Redner wies auf das g&nsti^e 
Vorzeichen hin, dasz diese Versammlung zu Düsseldorf tage, wo in 
einigen Monaten Dir. Heinen das 25jährige Jubiläum der von ihm ge- 
leiteten Realschule zugleich mit seinem eigenen begehen werde; Dir. 
Herbst von Köln liesz die Universität Bonn leben und andere anderes: 
mit besonderer Wärme wurde das Wohl des Oberpräsidenten von Pom- 
mer- Esche getrunken, der durch Geh.-Rath Landf ermann der Ver- 
sammlung seinen Grusz entboten hatte. 

Die meisten Mitglieder, glauben wir, schieden von der Versamm- 
lung mit dem Gefühl der Befriedigung: wenn es gleich in der Natur 
der Sache liegt, dasz dergleichen Zusammenkünfte erst mehrmals sich 
wiederholt haben müssen, ehe sie vollständig das wirken and sein kön- 
nen, wozu sie berufen sind. Die in ihr wirksamen Kräfte müssen erst 
erkannt und in persönliche Berührung gesetzt werden. Die Handha- 
bung der Formen, in denen freie Reden, Debatten, Abstimmungen sich 
bewegen, musz erst durch Uebung leicht geworden sein: aber wir kön- 
nen sagen , dasz in allen diesen Beziehungen von der diesjährigen rhei- 
nischen Versammlung ein Tüchtiges versprechender Anfang gemacht 
wordein ist. Ein Hauptbedürfnis ist das bessere Zurathehalten der Zeit 
für die Debatten, welche bei derlei Versammlungen zu Anfang gewöhn- 
lich an Ueberfülle des Stoffes und allzuguter Vorbereitung einzelner 
Redner zu leiden pflegen. Wir möchten glauben, dasz es das Richtige 
wäre , wenn je Ein Hauptgegenstand in eine die Debatte möglichst er- 
leichternde Form gebracht — in kurzen, scharfen Thesen etwa — ohne 
langes Referat vorgelegt würde, damit sofort Ansichten and Erfah- 
rungen in freiem Wort sich austauschen können, dann ein abgerun- 
deter Vortrag über einen neuen Gegenstand folgte, der aber nicht über 
20 — 30 Minuten dauern dürfte, und an den entweder sofort eine Be- 
sprechung einiger aus dem Vortrag sich ergebender Einzelheiten sich 
schlieszen oder an den die nächste Versammlung ihre Haaptdebatte an- 
knüpfen könnte. In dieser Weise möchte sich vielleicht die diesmal 
nicht zur Verhandlung gekommene Frage der häuslichen Arbeiten als 
Hauptgegenstand der Debatte , die geographischen Lehrmittel als Thema 
eines Vortrags für die nächste Versammlung empfehlen lassen. Eine 
reichere Entwicklung aber können freie Zusammenkünfte nur finden, 
wenn jeder Besuchende sich für ihre Tugenden und Fehler, ihr Gelin- 
gen oder Mislingen persönlich verantwortlich fühlt. 

M. 0. J. 



.Die Bibliothek auf der griecliischen Insel Patmos. 241 

Die Bibliothek auf der griechischen Insel Patmos, 

die sich in dem dortigen, nach dem Apostel Johannes genannten Kloster 
befindet, ist schon häufig der Gegenstand sorgfältiger Forschungen von 
Seite europäischer Gelehrten gewesen. Wie wir in Tischendorfs neuester 
Reisebesohreibung: 'Aus dem heiligen Lande' (Leipzig 1862) S. d40 
lesen, hatten ihn die handschriftlichen Schätze jener Bibliothek, wel- 
che er schon auf seiner fniheren Reise näher kennen gelernt hatte, 
im Jahre 1S50 zum zweiten Male 'hingelockt', und er bemerkt, dasz, 
nachdem er ihnen diesmal acht Tage gewidmet,, er sich von neuem 
von ihrem sproszen Reichtume an Handschriften überzeugt habe, 'die 
ihr hohes iJter ausgezeichnet'. Mit Ausnahme einer einzigen des eilf- 
ten Jahrhunderts, welche mehrere Bücher des Diodoros Siculus und 
lur diese neben manchen Teztberichtigungen auch eine in allen Aus- 
gaben fehlende SteUe enthält (T. hat dieses kleine werthvoUe Supple- 
ment in seiner 'Notitia editionis codicis Sinaitici', 1861, zum Abdrucke 
gebracht), gehören sie nach seiner Mitteilung sämtlich der christlichen 
Litteratnr an; aber er bestätigt, dasz, was wir von anderer Seite her 
vrissen, wie man sich auch im Kloster selbst noch . sehr wohl er- 
innerte, der berühmte Oxforder Plato, eine datierte Handschrift des 
ausgehenden neunten Jahrhunderts, aus der Bibliothek von Patmos 
'entführt' worden sei. Unter den Bibeltexten glänzt ein Hieb des ach- 
ten Jahrhunderts mit vielen, gröstenteils gut erhaltenen bildlichen 
DarsteUungen« Doch ist die Bibliothek für die Patristik noch wichti- 
ger, als für den heiligen Text. Tischendorf schrieb eine exegetische 
Arbeit des grossen Kirchenvaters Origenes zu den Sprüchwörtem ab» 
die erst dui^ eines der letzten Werke des Cardinal Mai, aber, wie 
T. bemerkt, nur sehr fehlerhaft und mangelhaft bekannt geworden 
sei, daher er selbst die ganze Abschrift seiner 'Notitia' S. 76 — 122 
beigefügt habe. Gerade damals, als T. auf der Insel Patmos war, 
hatte man die Anfertigung eines trefflichen Katalogs, so wie auch die 
Veröffentlichung der interessantesten alten Documente des Klosters 
in Angriff genommen, und er setzt hinzu, dasz der gelehrte Bibliothe- 
kar Johannes Sakkelion, der damit beauftragt worden sei, dadurch 
eine sehr verdienstliche und willkommene Arbeit von der einsamen Jo- 
hannisinsel in die weite Welt ausgehen lassen werde. Kind, 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, statistische 
Notizen, Anzeigen von Programmen. 



Königreich Württemberg 1862. 

1. Ellwanobn]. Gymnasium und Realschule. Das Präceptorat an 
den<zwei untersten (combin.) Classen des Gymnasiums ist dem Colla- 
borator Gramling am Lyceum in Ravensburg übertragen worden: 
an die SteUe desselben am Lyceum in Ravensburg trat Candidat Frey, 
welcher seither Verweser der 1. und 2. Classc dahier gewesen war. Da 
der seitherige Gymnasial vicar Schneider aus Gesundheitsrücksichten 
um Enthebung von seiner Stelle gebeten hatte, wurde dessen Stelle 
dem Vicar Ziegler übertragen. Schülerzahl des Gymnasiums 108, der 
Kealschule 20. — Den Schulnachrichten vom Rector S che if feie geht 



242 Berichte fiber gelehrte Anstalten , Verordnungen, Statist. Notizen. 

voraus: Geschichte der hohem Lehranstalt in Ellwangen, II. Abteilung. 
Von Prof. Leonhard. 36 S. 4. 

2. HEiLB&oKif]. Karlsgymnasinm mit Realanstalt. Der Stellvertre- 
ter des wegen eines Augenleidens beurlaubten Professors Keinhard, 
Lehramtscandidat Herzog, übernahm den Unterricht in der vierten 
Gymnasialclasse. Dar Repetent Buder am Pensionat trat aas seiner 
Stellung, um als Repetent am evangelisch • theologischen Seminar in 
Tübingen einzutreten; an seine Stelle trat der Vicar Fleischhauer. 
Der Repetent Dr. Schoder übernahm 'den Unterricht in der Physik, 
sowie in der mathemat. und physikal. Geographie in der 8. Classedes 
Gymnasiums. Dem beurlaubten Hauptleh#er der 6. Classe Professor 
Reinhard wurde eine evangelische Pfarrei übertragen, und die erle- 
digte Stelle desselben 'erhielt der bisherige Hauptlehrer der 5. Classe, 
Prof. Dr. Hei'mann. Der Pjröf. Rieckher wurde auf sein Ansachen 
der Functionen eines Classenlehrers in der 7. Gymnasialclasse enthQ- 
ben und dieselben dem Prof. Kraut tibertragen. Das LeÜrerpersonal 
war zu Ende des Schuljahres folgendes: I. Gymnasium. A) Obergymna- 
sium: Rector Prof. Dr. Finckh, Prof. Dr. Rieckher, 'Prof. 'Kraut 
(VH), Prof. Dr. Planck CVIII). B) Unteres Gymnasium: Profess. Dr. 
Hermann (VI), Prof. Roller (V), Lehramtscandidat Herzog (IV), 
die Präceptoren Pfaff (HI), Drück (H), Andrea (I). — II) Bealan- 
stalt. A) Ober-Realclasse : Obör-Reallehrer Prof. Kehr er, Fachlehrer 
Kr Um er. Untere Realanstalt: die PräCeptoreu K'apff (I¥), Peter 
(III), die Reallehrer Benignus (H) und Röszler (I). — III) Elemen- 
tarclasse: Elementarlehrer Eisenmann; kathol. Religionslehrer Stadt- 
pfarrer Dr. Buch er, wissenschaftl. Hülf sichrer: die Repetenten Sie- 
ber (zugleich Gymnasialvicar) , Dr. Schoder, Fleischh^aner; tech- 
nische ijehrer: Deschner (Zeichnen), Cantor Ziegler (Gesang), 
Springer (Musik), Waldemnayer (Musik),. Hohenacker (Tomen). 
Schülerzahl des Gymnasiums 230 (VIII 17, VII 37, VI 25, V 24, IV 27, 
III 35, II 28, I 37); der Realanstalt 198 (Oberrealcl. 38, IV 51, IH 36, 
II 46, I 34); der Elementarcl. 68, im Ganzen 496. Abiturienten 5. — 
Den Schulnachrichten geht voraus: Zur Lehre vom Gerundium und Oe- 
rundivttm, von Prof. Kraut. 21 S. 4. Der Verfasser versucbt diese 
Verbalformen nach ihrer Bedeutung und ihrem gegenseitigen etymolo- 
gischen Verhältnis zu erklären und vielleicht auch in die Bezeichnung 
derselben einige Einheit zu bringen. Die Bemerkungen hierüber wer- 
den mit folgender ISiTkVirxja^ ^ als einer Art von Probe für ^^ 'prak- 
tische Brauchbarkeit, nach welcher jeder Schüler im Stande sein soll, 
das Wesen und das gegenseitige Verhältnis der fraglichen Verbalfor- 
mcn richtig zu begreifen, zusammengef aszt : 'Die transitiven Verba 
der lateinischen Sprache (auch die Deponentia) haben ein Adjectivum 
verbale auf endus, a, um. Dieses bezeichnet im Nominativ fast, in 
Verbindung mit dem Verbum snbStantivum ganz ausschliescUoh ein 
Thun als ein notwendiges oder richtiger ausgedrückt einen Gegen- 
stand als einen solchen, an 'welchem mit Notwendigkeit ein Thon sich 
verwirklichen müsse; es ist somit vorherrschend passiver Ntftur. So 
(d. h. im Sinne der Notwendigkeit) gebraucht heiszt es Adjectivum 
verbale necessitatis. Vermöge einer gewissen Armut der Sprache, 
sofern dieselbe ^iner Parti cif)ialf6rm für d^s Präesö'ns passivi erman- 
f^elt, musz nun aber eben dasselbe Verbale zugleich ^iese Lücke aus- 
füllen, d. h. es dient auch einfach zur Bezeichnung eSiter <ln der Ver-^ 
wirklichung begriffenen Thätigkeit ohne allen Neb'enbe- 
griff der Notwendigkeit; so namentlich in der Verbindung mit 
Präpositionen, z. B. in scribendis epistolis bei Briefen -als 'gesehrieben 
werdenden, d. h. beim Schreiben von Briefen. So gebrscnont heiszt es 
Adjectivum verbale gerundivum. Derselbe Sinn könnte auch auf an- 
dere Weise ausgedrückt werden, nemlich nach Analogie des Deutschen 
und Griechischen durch den Infinitivus pracsentis activi (^v TSf 



Berichte über gelehrte Anstalten, Veronlnungen , Statist. Notizen 243 

^T^CTaXdc ypdqiiiy); denn wenn ein Geschehen, ein Geschriebenwer- 
den stattfindet, sö findet eben damit immer anch ein Thun, ein Schrei- 
ben statt. Der lateinische Infinitiv ist nnn aber einmal, -da weder die 
Form an sich flezionsfähig ist noch die Sprache den Artikel hat, nn- 
declinierbar, er ist anf den Nominativ nnd Accasativ beschränkt, von 
welclien beiden Gasns überdies leizterer, einen emsigen Fall (Verbin- 
dung mit inter) ainsgenommen, nicht einmal die Verbindung mit Prä- 
positionen eingeht. Da hat f^ch nnn die Sprache, besonders für die 
Fälle, wo ein Tfann fonnell als objectlos erscheint, wie in docendo 
discimos, ars scribendi n. dgl., dadurch geholfen, dasz sie die Casus 
obliqni des Neutrums des Adjectivnm verbale, und zwar nur diese, 
weil der Nominativ stets die Bedeutung der Notwendigkeit involviert, 
substantivierte und als Lehnformen für die fehlenden Casus obliqui des 
InfimtiVüs^praes. ^ct. benützte. So gebraucht bilden diese Formen das 
von den Itlten Grammatikern so genannte 'Gerundium'; es ist aber 
zur Verhinderung jeder Verwirrung durch so nah an einander strei- 
fende, in ihrem Unterschied lediglich nicht logisch begründete Benen- 
nungen besser sie einfach als Casus des Infinitivs zu bezeichnen. Bei 
der nachgewiesenen inneren Verwandtschaft dieser Formen mit dem 
Adjectivnm verbale gerundiV^^im 'ksüdn es endlich in keiner Weise be- 
fremden, dasz jene, die Casus des Infinitivs, in gewissen Fällen (die 
man in jeder Grammatik aufgezählt findet) in diese, die ihrem Be- 
ziehungswort als Attribut oder Prädicai zu assimilierenden Casus des 
Andjectiv'ain terbale gei^ndivum, übergehen teils können, teils 
m-üffsen.' 

3. 'BbrrWxtL]. In dem Lehrerpersonal trat keine weitere Aende- 
nmg ein, als dasz der "^Präceptor Her an das Lyceum in Ravensburg 
versetzt wurde und an seine Stelle Präceptoratsverweser Frey trat. 
SehttlerkfthMOS, am öbördn- Gymnasium (X— VII) 65, am untern (VI— I) 
43. -*— Den Schulnachrichten von Rector Lauchert geht voraus: Die 
tyrischen ^Attgerlesenen Sprüche des Herrn XistuSf Bischofs von Rom^ — 
nicht eine Xistusschrift , sondern eine überarbeitete Sextiusschrift, nachge- 
wiesen von Professor Meinrad Ott. 48 'S. 4. Der Schlusz soll später 
nachfolgen. 

4. EHtNQBN]. Professor. Ro gg am obern Gymnasium wurde sei- 
nem Ansuchen gemäsz wegen vorgerückten Alters in den Ruhestand 
versetzt. Zum Verweser der dadurch erledigten Lehrstelle wurde Dr. 
Bammert ernannt. Sonach besteht das Li.ehrerpersonal am oberen 
Gymnasium aus dem Rector Prof. Bomback, den Professoren Os- 
wald, Birkler, Sambeth (Vorstand des Convicts), Dr. Wahl und 
Professoratsverweser Dr. Bammert; am mittleren und unteren Gym- 
nasium aus Prof. Schwarzmann, den Präceptoren J. Baur, Haid, 
B. Baur (zugleich prov. Turnlehrer); die beiden Repetenten des Con- 
yicts, Schmid und Hescheler, sind Hülfslehrer ; Gesang- und Musik- 
lehrer Schmöger, Zeichnen- und Schreiblehrer Nusser. Schülerzahl 
160, am oberen Gymnasium 76, am unteren 84. Abiturienten 2. — Den 
Schulnachrichten ist vorausgeschickt: De Romanorum coloniis Partie. II. 
Von Professor Sambeth. 24 S. 4. Pars I. De deducendis Romano- 
rum coloniis. Partie. II. § 3. Cur colonias deduxerint Romani euarra- 
tur. ^Coloniae igitur a Rumanis deductae sunt et publici et privati 
commodi causa, et quantumvis inter se differant variae et singulorum 
hominnm et universorum populorum libidines et cupiditates, veluti re- 
gnandi desiderium, finium proferendorum Studium, ambitio, f actio, ex 
qnibns coloniarum condendarum tarn necessitas profecta est quam uti- 
litas, tamen omnium deductarum coloniarum causas ac rationes tribns 
verbis complecti licet: propriae salutis sive curandae sive angendae 
studio. Quod Studium omnes Romanorum vir! illustres, et qui ipsi re- 
gnum affectabant et qui sinceram reipublicae navabant operam, prae 
se ferentes Romanorum jugum cunctis in orbe terrarum nationibus im- 



244 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

ponebaut, necessitate quadam ac fato ad bella gerenda rati populom 
agi, qui, nbi imperium proferre desineret, jam esset nnllns. Ubi vero 
imperium proferebatar, prolatom defendebatur et obtinebatur, ibi co> 
loniarom arcibus ac praesidiis opus erat. Ita coloniis re vera nomen 
Bomanum et consenratom et anctom est, nam iis deducendis ars conti- 
nebatur et magna parandi et parta tuend! ; eae verae ejnsque bonae 
prudentiae civilis adjomenta et auxilia fuerunt, quibus omissa libero- 
rum snffragiorum fraude imperio Romano adnectebatur et in finitimis 
et in longinqois regionibns , quidquid non secundum jus f asque , sed per 
vim et impetum ex inferioribos capere placebat Somanis, qul et ipsi 
de belli gerendi causls neqae dubii neqne solliciti erant.' 

(Fortsetzung im nächsten Hefte.) 
Fulda. DT' Osiermann. 



Bescheinigung. 



Das opus Furtwaenglerianum im Märzheft d. J. habe ich ffelawn 
und finde es in der That für überflüssig, Etwas darauf zu erwioem. 
Freiburg, den 1. Mai 1863. A. Batm$iark. 






Es ist der Bedaction erwünscht, auch diese Debatte als fortan 
geschlossen ansehen zu können. üf. 



i^-'-' 











Zweite Abteilung: 

fflr Gymnasialp&dagogik und die fibrigen Lehrfächer/ 

mit Ausschlusz der classischen Philologie, 
kemsgegebei tum Prtfessor Dr. HerMi» Hitiiit. 



(18.) 

Noctes Schoiasticae. 

(Fortsetzung von Seite 209.) 






2. 

I)ear fi^ansösisohe Unterricht auf unsem deutschen Gymna- 
sien, seine Iieistiingen und seine Begeneration. 

Die Schwäche unserer Leistungen im Französischen tritt fast bei 
jeder unserer Maturitätsprüfungen so augenfällig zu Tage, dasz niemand, 
wer nicht etwa diese Mangelhaftigkeit zu den einmal herkömmlichen 
Uebelständen rechnen will — und zu dieser Art voii Pessimismus können 
und wollen wir uns nun einmal nicht bekennen — notwendig daran den 
kenmusz, ob es nicht Mittel und Wege geben sollte, diesem leidigen 
Zustande abzuhelfen. Uns wenigstens läszt dieser Gedanke keine Rutie, 
und wir suchen eine Erleichterung darin, dasz wir ilber diesen Punkt 
uns olTen aussprechen, wäre es auch nur dasz wir einen oder den andern 
unserer Leser, im besten Falle selbst eine oder die andere der betreffen 
tlen Behörden veranlassen könnten, diese Frage einer grundlichen Revi- 
sion zu unterziehen. Mir steht nur das eine fest, dasz es so wie es ist, 
nicht bleiben kann: wie geholfen und gebessert wnrde und von wem, ist 
mir eine völlig gleichgültige Sache. 

Ich bin zunächst , um hiermit zu beginnen , von der Wichtigkeit , ja 
(Jneotbehrlichkeit dieses Unterrichtsgegenstandes überzeugt und lasse 
aoch nie eine Gelegenheit unbenutzt , vor meinen Schülern diese meine 
Ueberzeugung ebenso offen wie ernst auszusprechen. 

Es ist bei dem stetigen Wachstum des inneren Verkehres der euro- 
pSischen Gulturvölker unter einander für jeden Gelehrten und für jeden 
Gebildeten eine Notwendigkeit, in dem Besitz der betreffenden Verkehrs- 
mittel zu sein* und diese zu seiner Disposition zu haben. Ich habe dabei 

N. Jahrb. f. PlüL u. Päd, IL AhU 1963. Hft. 6. 11 



246 Noctes scholasticae. 

nicht sowol den socialen Verkehr, obgleich auch dieser alle Berücksich- 
tigung verdient, im Auge, als vielmehr den wissenschaftlichen und all- 
gemein geistigen Austausch der Ideen, welcher factisch vorhanden ist 
und dem niemand fern bleiben , niemand sich entziehen kann, ohne Nach- 
teil für seine gelehrte und wissenschaftliche oder auch für seine höhere 
geistige Bildung besorgen zu müssen. Es war anders zu einer Zeit, da 
das Latein noch die Ideen der verschiedenen Völker Europa's vermittelte: 
jetzt, wo keine solche Universalsprache für alle gebildeten Völker mehr 
in der Möglichkeit liegt, sondern die allein richtige und vernünftige, auf 
ächter Humanität , auf Achtung gegen die andern Nationen und Aneilen- 
nung derselben unter einander ruhende Gegenseitigkeit zur Geltung ge- 
langt ist, ist es dringende Pflicht, den Knaben und Jünglingen, welche 
dereinst den Kern des gebildeten Volksteils ausmachen werden , die un-^ 
entbehrliche Kenntnis der modernen Sprachen zu verschafiPen und sie nö- 
tigenfalls ebenso mit Gewalt zur Erwerbung dieser Kenntnis zu zwingen, 
wie wir sie nötigen Geschichte, Geographie, Mathematik und Physik zu 
lernen. J^ein deutscher Historiker darf, ohne grosze Verkrüppelung in 
seiner historischen Bildung, darauf Verzicht leisten, die groszen und be- 
wundernswerthen Werke der Engländer, Franzosen und Italiäner einge- 
hend zu studieren ; in der Philologie arbeiten Engländer und Franzosen 
])ereits den Deutschen nach und werden ihnen bald gleich stehen; für 
den. archäologischen und epigraphischen Teil der Altertumswissenschaft 
sind die Italiäner uns immer ebenbürtig gewesen. Die Kunde des Orients 
bleibt uns zum grösten Teil verschlossen, wenn die Mitteilungen der eng- 
lischen Beisenden und Forscher für uns verloren bleiben, üeberlassen 
wir es andern, die immer enger werdende Verbindung in andern Gebieten 
ebenso zu verfolgen. Die Frage ist nur, woher es kommen möge, dasz 
diese so unentbehrlichen neueren Sprachen bei der Jugend so wenig In- 
teresse finden. Wenn man sich die Ursachen dieser betrübenden Erschei- 
nung aber vor Augen stellt, wird es auch nicht unmöglich sein, auf eine 
tiefere und gründlichere Abhülfe zu denken, als die, dasz man Versetzung 
und Examen hierbei als Drohungen gebraucht. 

Gehen wir davon aus , dasz die classischen Sprachen das Centnun 
der Gyranasialbildung bleiben müssen , und für das Französische, auf das 
wir uns nunmehr beschränken , keine gröszere Zahl von Lehrstunden zor 
Verwendung übrig blieibt als die bisherige, so liegt allerdings schon in 
diesem numerischen Verhältnis ein Anlasz für den Knaben, die neuere 
Sprache mit weniger Bespect als das Lateinische zu betrachten. Hierzu 
kommt die auffällige Dürftigkeit derselben in Bezug auf Formation und 
die Schwierigkeit, mit diesen Formationen vergleichend an die dem 
Schüler bereits bekannten Sprachen anzuknüpfen. Die gleiche Schwie- 
rigkeit folgt in dem Syntaktischen nach. Vom Lateinischen zum Griechi- 
schen ist sowol etymologisch als syntaktisch nur ein einziger Schritt zu 
thun, so dasz selbst Knaben , welche im Lateinischen schwach bleiben, 
doch in dem Wenigen, was sie daraus mitbringen, die Möglichkeit haben, 
das Griechische leicht und gut zu erlernen. Das -Französische steht hier- 
gegen als das Abnorme da und bietet, was dem Knabenalter unzweifel- 



Noctes scholasticae. 247 

halt das Fernere ist, wol zur Beachtung der Verschiedenheit, nicht aber 
zu der der Analogie Anlasz dar. Hierzu kommt dann der Gedankeninhalt, 
der der Jugend aus der Litteratur entgegentritt. Es weht ein anderer Geist 
dariu als der ist, den sie in den Werken der Alten gefunden haben. Wenn 
Michel Aogelo gesagt hat, wenn ein Meister der niederländischen Kunst 
und ein Lehrling der italiänlschen mit einander wetteiferten, werde man 
augenblicklich den letzteren erkennen, so kann man dasselbe auch von 
den Werken der classischen Litteratur sagen. Es ist auch in dem Kleinsten 
was sie gearbeitet haben, der höhere Genius, welcher sie beseelt hat, wie- 
der XU eriLennen : vornehmlich der künstlerische Sinn , welcher sie be- 
woslloff dahin führte. Form und Gedanken zu einer innigen Einheit zu 
verbinden, wie die italiänische Litteratur sie nachahmend in einigen ihrer 
Meisterwerke, die französische dagegen nirgends aufzuweisen hat. Die 
Chrestomathien selbst, welche wir vor uns haben, geben uns davon 
schlagende Beweise. Wie viele Sachen finden wir z. B. in Herr ig, denen 
wir, wenn wir eine deutsche Sammlung der Art veranstalten wollten, 
schwerlich einen Platz in unserm Panllieon zugestehen würden? Wie 
kann man erwarten , dasz liieran dem zartfühlenden Jüngling eine Liebe 
ra dieser Sprache erwachsen werde? Dasz man die Scliüler so lange iu 
Ghrestomathien festhält, ist gleichfalls sehr nachteilig, und man hat da- 
her sehr gut für kleinere und gröszere Ganze gesorgt, welche allerdings 
diesen Uebelstand beseitigen könnten. So viel steht fest, die Sprache ist 
iowol aa sich durch keine augenfälligen Analogien mit den übrigen dem 
Sdifller bekannten Sprachen verbunden , als auch tritt diesem die Littera- 
Iv als eine fremdartige und wenig bedeutende entgegen. Es würde also 
einer sorgfältigen Erwägung bedürfen, um sowol einen angemessenen 
SlolT für die Leetüre, als auch eine anregende und diese Verbindung her- 
stellende Methode für die Beliandlung des Grammatischen zu finden. Man 
hat in der That darauf Bedacht genommen ; überwiegend aber ist man auf 
falsche Wege gerathen, auf denen man dann zu dem oben erwähnten 
traurigen Resultate gekommen ist, dem Resultate, dasz im Französischen 
wenig oder nichts geleistet wird. 

Man hat nemlich einen Weg eingeschlagen , als ob man nicht zwei, 
sondern sechs Stunden zum Französischen zu verwenden hätte. Die Folge 
davon ist dann die, dasz man in keiner einzigen Classe weit genug kommt 
und in Folge dessen zwischen je zwei Classen grosze Lücken bleiben, 
welche dann übersprungen werden. Diese Lücken zusammenaddiert ge- 
ben natürlich ein sehr starkes Loch , geben zum Teil mit jenes Resultat, 
das uns zu dieser Erörterung veranlaszt hat. Dasz dies , vielleicht etwas 
scharf ausgedrückt, die Lage der Dinge sei, darüber kann sich niemand, 
wer sehen will, täuschen. 

Die Betreibung der Sprachen auf den Gymnasien ist überhaupt — 
am meisten ist das Griechische damit verschont geblieben — in der 
neuern Zeit falsch, man darf sagen, verkehrt angegriffen worden. Unsere 
Vorfahren führten die Knaben sehr rasch durch die grammatischen Ele- 
mente hindurch und giengen dann sofort zu Leetüre und schrift- 
lichen Arbeiten über; wir gehen den entgegengesetzten Weg, den der 

n* 



248 Noctes scholasticae. 

Einübung jedes einzelnen grammatischen Elementes , und gelangen so mit 
ihnen erst sehr spät zum Abschlusz d^s Grammatischen und zur Leetüre 
so gut wie gar nicht. Denn was wollen denn schlieszlich die zw« drei 
Seiten sagen, welche der Knahe gelesen hat, wenn er bei zehn wöchent- 
lichen Lehrstunden aus Sexta nach Quinta kommt? Dies Einüben macht 
die besten Köpfe matt und lahm und ertödtet das Interesse für die Spra- 
che, zumal wenn man die höchst erbaulichen und geistreichen Sätze liest, 
mit welchen der jugendliche Geist — ist das nicht geradezu Sünde nnd 
Ruchlosigkeit? — im Frühlinge seines geistigen Lebens, in einer Periode, 
wo man es bei ihm von Tag zu Tag wachsen sehen müste, gemartert 
wird. Möchten dies doch Alle erkennen, welchen das Wohl der Schulen, 
das Gedeihen der Jugend anvertraut ist. Wir sind, ich wiederhole es, ins 
Mechanische hineingerathen und können uns nicht wieder herausbringen, 
weil wir diese Vorurteile von Jugend auf eingesogen haben, so wenig als 
der Freiherr von Münchhausen sich an seinem eigenen Zopfe aus dem 
Moraste ziehen konnte. Diese beliebte Methode, mit welcher man, aller- 
dings lahm und matt, doch endlich bis zu dem gesteckten' Ziele gelangm 
kann, ist dann auch aiif das Französische angewendet worden, und man 
ist dabei ganz mit derselben Gründlichkeit verfahren , als ob man auch 
zehn Stunden zur Disposition hätte. Schulbücher wie die von Ploetz, 
an sich so vortrefTlich, ja musterhaft, sind ganz hierauf basiert and sind 
in zahllosen Schulen eingeführt , von denen doch keine einzige dieselben 
xlurchzuarbeiten im Stande ist. Dies Durcharbeiten von Lection zn Lee- 
tibn ist aber so unerläszlich , dasz eine oder melirere Lücken dariä die 
Wirkung der ganzen Methode stören müssen. Ich spreche hierbei aas 
voller Erfahrung, da ich beide Teile von Ploetz, abgesehen von ander- 
weitigem Studium dieses unendlich schätzbaren Buches, zweimal ohne 
die kleinste Lücke von Anfang bis zu Ende mit eigens hierzu ausgewähl- 
ten Schülern * durchgemacht' — mau wird doch an diesen Ausdruck, den 
bezeichnendsten, sich nicht stoszen? — habe und also das Ineinander- 
greifen der Teile vollständig kenne. Was ist nun die Frucht hiervon? 

Erstens dasz der Schüler, indem er so im Einüben festgehalten wird, 
nicht bis an das grammatische Ziel komml , und, wenn er wirklich dieses 
Ziel erreicht , doch kein in sich geschlossenes und innerlich zusammen- 
hangendes Bewustscin über das grammatische Material, welches er erlernt 
haben sollte, gewinnt. Denn bei diesem Wege der Einübung soll es zwar 
als letztes Resultat am Schlusz des Weges sich erweisen; in der That 
aber ist, wie die tägliche Erfahrung lehrt, wenn das Letzte gelernt ist, 
das Erste wieder vergessen, was bei der Länge und IJroständlichkeil die- 
ses Weges nicht zu verwundern ist, während auf die frühere Weise, ieb 
will sie die grammatische nennen, da der Name systematisch zu 
vornehm klingt, binnen kurzem ein groszer Teil der Grammatik absol- 
viert werden kann, der dann, in innerer Verbindung durchgeaiiieitet, 
sich der Seele des Knaben als ein in sich geschlossenes Ganze darstellt 
und als solches derselben einprägt. Ich setze nach eigener Erfahrung die 
Möglichkeit, binnen höchstens acht Wochen in Quinta die Formenlehre 
bis zu den vier regelmäszigen Gonjugationen inclus. zu absolvieren. Bei- 



Noctes scholasticae. 249 

läufig die Bemerkung , dasz man doch endlich aufhören sollte , die paar 
Verba/auf oir, welche mai) nicht zu den unregelmäszigen Verben rechnet, 
als eine besondere Gonjugation zu behandeln und einzuüben. Für den an- 
gehenden kleinen Franzosen wird , wenn diese Gonjugation wegfällt, eine 
wesentliche Erleichterung gewonnen. Noch mehr ist der grammatische 
Weg bei der Syntax, welche das eigentliche Pensum der Tertia bildet, 
zu betreten. Die unregelmäszigen Verba nehmen , nach der jetzigen Me- 
thode , last die ganze Jahresdauer der Untertertia für sich in Anspruch: 
man mag daraus abnehmen, wie gering der Zeitteil ist, welcher für die 
Syntax selber in Obertertia noch übrig bleibt. In der That ist das Wis- 
sen, welches dann bei der Versetzung nach Secunda zu Tage kommt, 
äasxerst gering, äuszerst fragmentarisch und äuszerst unsicher, wie alles 
oatdrlich unsicher bleiben musz, was nicht von vornherein als ein Ganzes 
in die Seele eintritt. Es ist in der That reiner Zufall, was die Schüler in 
dieser Beziehung erlernen. Jeder Lehrer greift blindlings hinein in das 
volle Fasz und sucht die Schüler mit diesem und dem bekannt zu machen. 
Seine eigene Absicht ist nicht auf ein festes Ziel, nicht auf ein Ganzes, 
nndern nur auf Vereinzeltes gerichtet. Wie soll der Schüler daran eine 
Befriedigung und innerliche Freude haben? Diese trostlosen Zustände 
werden verschwinden , wenn die Schulen den falschen , wenigstens für 
lie nnbraachbaren Weg aufgeben und zu dem grammatischen, welchen 
idi salbsl geführt worden bin und gelegentlich auch Andere geführt habe, 
mröckkehren , zu dem grammatischen, welcher , direct auf das Ziel 
losgehend, in verhältnismaszig kurzer Zeit ein Ganzes, ein wirklich ab- 
sohierbares Ganzes zur Aufgabe hat. 

Zu diesem Behufe ist es aber nötig, dies grammatische Material, 
welches sowol in dem etymologischen, als in dem syntaktischen Cursus 
eingeprägt werden soll , auf das geringste Masz herabzusetzen , auf em 
Masz, innerhalb dessen dann die absoluteste Sicherheit gefordert werden 
kann und musz. Es würde überflüssig sein, hier .ins Einzelne einzugehen. 
An der Anstalt , welher Verfasser dieses angehört , hat einer der sachver- 
ständigen Lehrer sich bereit finden lassen, das Quantum dieses Lern- 
stoffes ganz genau zu bezeichnen. Es ist unglaublich, wie sehr die innere 
Freudigkeit jedes Schülers, des kleinen wie des groszen, wächst, wenn 
er sieht, dasz er nicht ins Blaue und Unbegrenzte hinausgewiesen wird, 
sondern einen ganz genau festgesetzten Stoff* sich anzueignen hat. Für 
gewandte und kenntnisreiche Lehrer des Französischen kann es dann auch 
nicht allzu schwer fallen, mit diesem Lernstoff* mündliche und schrift- 
liche Uebungen in Verbindung zu setzen , welche gleich bei der Declina- 
tion beginnen können, indem man einige wenige Verben vorwegnimmt, 
deren man zur Bildung von Sätzen benötigt ist. Nur dasz auch hier das 
grammatische Wissen als das Intendierte erscheine und das Einüben als 
das Secundäre, Dienende betrachtet werde. 

Wenn dies geschieht, so wird man auch die Zeit gewinnen, den 
Teil des französischen Unterrichts, welcher uns als der wichtigste er- 
scheint und welcher gleichwol jetzt über alle Maszen misachtet und hin- 
tenangeaeUt wird, wieder hervortreten zu lassen: es ist die Leetüre, 



250 Noctes scholasticae. ' 

welche icii meine. Bei der jetzigen Methode wird alle Kraft und Zeit 
durch das Einüben verschlungen. Wenn ich von Quinta bis Secunda 
frage, was denn eigentlich gelesen worden sei, so ist die Antwort : wenig 
oder nichts. Und ich wüste auch nicht, wo die Zeit dazu hergenommen 
werden sollte, ich wüste aber auch andererseits nicht, was der gesunden 
und vernünftigen Methode eines sprachlichen Unterrichts weniger ent- 
sprechend wäre , als jenes Verfahren. Die Leetüre belebt nicht blosz den 
Unterricht, indem sie dem Schüler wirkliche Gedanken darbietet, wäh- 
rend einzelne Sätze , wie wir sie jetzt unsere armen langen durch- und 
wiederkäuen lassen, diesen Namen schwerlich verdienen; andererseits 
lernt der Schüler durch sie tausend und aber tausend Dinge bewustlos, 
sowol an Vocabeln als an Wortverbindungen und Wendungen, welche 
ihm bei der Methode des Einübens mühsam und doch nicht sicher beige- 
bracht werden müssen. Es ist möglich, dasz ihm hier und da eine sprach- 
liche Pointe abgeht; dafür aber wird ihm die ganze Sprache frühzeitig 
als eine lebendige entgegentreten , die er wesentlich richtig gebraucht, 
noch ehe er selbst über die Gesetze, welche in ihr herrschen, ein eigent- 
liches Bewustsein erworben hat. Es ist jedoch nicht überflüssig, dasz 
ich andeute, wie ich die Betreibung dieser Leetüre am ersprieszlichsten 
halte. 

Es versteht sich von selber, dasz der Lehrer selbst da-, wo die 
Leetüre beginnen soll , mit Hand anlege und dem Schüler die Arbeit er- 
leichtere ; dies geschieht , indem er dem Schüler nicht etwa befiehlt, sich 
so oder so zu einem Stücke zu präparieren, sondern indem er demsdben 
dies Präparieren vormacht, sich mit ihm gemeinschaftlich präpariert. 
Es wäre nicht übel, wenn er es gerade eben so machte, wie es Goethe 
mit jeuer schönen Mailänderin gemacht hat, von der er in seiner italiäni- 
scheu Reise in so reizender Weise erzählt hat. In einem Satze markieren 
sich gewisse , mehr materielle Bestandteile , Nomina und Verben , welche 
der Knabe zuerst erkennen lernt, diese sind durch gewisse, mehr ideelle 
und rein geistige Elemente mit einander verbunden, welche dem Schüler 
demnächst zum Bewustsein kommen müssen. Ist ein Ganzes so gelesen, 
so musz frühzeitig viel auswendig gelernt werden. Der Knabe musz 
wiedererzählen, was er gelesen hat. Wenn er weiter fortschreitet, wird 
sich das Verfahren modificieren. Der Lehrer wird auch jetzt mit ihm 
lesen und dadurch die Leetüre zu einer frischen, lebendigen machen. Ich 
habe zu Zeiten die Präparation, bei der ohnehin gar nichts herauskommt, 
die im Gegenteil mehr schadet als nützt, geradezu inhibiert, um nicht 
den Eindruck der Leetüre zu schwächen ; dagegen ist aller Nachdruck aaf 
die Wiederholung zu legen. Das ist billig zu^ fordern , dasz der Schfiler 
mit Nachdenken sich wieder vergegenwärtige, was der Lehrer mit ihm 
gearbeitet hat ; dasz er dies gethan habe, wird er durch gewisse Arbmten, 
welche er vorzulegen hat, beweisen müssen: das Erlernen der ihm un- 
bekannten Vocabeln und Phrasen kann ihm nicht erlassen werden. Es 
versteht sieh, dasz der Lehrer sich ebenso wie der Schüler dieser Arbeit 
amiehme ; keine Mühe wird dem Schüler zu schwer , wenn er nur den 
Lehrer diese Mülie teilen sieht. Das Memorieren des Gelesenen wird da- 



Noctes scholasticae. 251 

neben noch immer fortgesetzt werden können ; später wird es zu freier 
Reprodaction fortgebildet und diese durdi Fragen von Seiten des Lehrers 
belebt und variiert werden. Wenn nur der Lehrer selbst der Sprache so 
mächtig ist, dasz ihm die Fülle und die leichte Gewandtheit des Aus- 
drucks zu Gebote steht , läszt sich damit Auszerordentliches erreichen. 

Ueber den Stoff, w^elcher für die Leetüre zu wählen ist, will ich 
mich nicht äuszem : nur ein paar Punkte sind zu beachten. Erstens t so- 
bald der Knabe einigermaszen dessen fähig ist, lese man mit ihm ein 
ganzes Buch. Die Erwartung dessen, was nun folgt, wird sein Interesse 
spannen. Nur sei die Ausdehnung des Buches nicht zu grosz. Ueber 
ein Semester sollte nie der Stoff hmausreichen. Neue Lieder und alter 
Wein! dies Wort des alten Pindar gilt auch hiervon. Fragmentarisches 
ermfldet ebenso sehr wie ein Stoff, bei dem das Ende nicht abzusehen 
ist. Zweitens : man suche nicht zwei Zwecke zugleich zu erreichen , wie 
es bei den besten Chrestomathien so oft angestrebt wird , welche Lese- 
stoffe darbieten und litterarische Zwecke verfolgen wollen. Alle und be- 
rflhmte Werke haben darum noch kein Anrecht , dasz ein frischer und 
Idbhafter Knabe Monate und Jahre lang mit ihnen gelangweilt werde. 
Die Schule hat nicht die Verpflichtung , die Geschichte der französischen 
Litteratur zu lehren. Vielmehr wähle man, indem man auf Classicität 
versiditet, das Moderne. Man würde, wenn derartige Journale existier- 
ten, gar nicht übel daran thun, derartige Tageslitteratur zu treiben. Er- 
wadisenen Schülern habe ich das direct empfohlen, in der Ueberzeu- 
gmig, dasz so am leichtesten und sichersten ein lebhaftes Interesse für 
diese schöne Sprache bei ihnen sich bilden könne. Da dies jedoch für 
eine Ciasse nicht ausführbar ist, so ist wenigstens der Stoff aus den 
Kreisen des gegenwärtigen Lebens zu entnehmen. Es fehlt Gottlob weder 
an einzelnen Büchern, noch an ganzen Sammlungen für diesen Zweck. 
An unserm Gymnasium haben wir vor kurzem für Secunda die Genfer 
Novdlen von Töpfer gewählt; ich kann aus sicherster Kenntnis versichern, 
dasz von diesem Augenblicke an das Interesse am Französischen sich ver- 
doppelt hat. Drittens: die Leetüre sei sich selbst Zweck, nicht Vehikel, 
om allerlei vereinzelte grammatische Fragen daran zu knüpfen. Sie halte 
sich nicht nutzlos auf, d. h. nicht einen Augenblick länger , als bis man 
des allgemeinen Verständnisses des Gelesenen sicher ist. Wenn man bei 
unserer geringen Stundenzahl etwas vor sich bringen will, musz man in 
ein^ Stunde in Secunda und Prima immerhin an 8 — 10 Seiten lesen, was, 
wie ich aus eigener Erfahrung weisz, keine Unmöglichkeit ist. 

Ich habe oben ausgesprochen , dasz der französische Unterricht auf 
Gynmasien die Leetüre als sein eigentliches Ziel betrachten und auf Er- 
reichung dieses Zieles hinstreben müsse. Denn natürlich ist dies Ziel 
emer Disciplin durch die Anzahl der ihr zugemessenen Lectionen bedingt. 
Wer sechs Stunden wöchentlich zu seiner Disposition hat, hat Anderes 
zu erstreben als wer über zwei zu disponieren hat. Wenn der Erstere 
sidi auf das gleiche Masz wie der Zweite beschränken oder der Letztere 
das Gleiche wie der Erstere zu erreichen streben wollte, würde Beide 
(|er gleiche Tadel treffen. Und in der That ist es sehr augemessen und 



252 Noctes scholasticae. 

weise, dasz die Gymnasien auf das geringste Masz von Stunden beschränkt 
sind. Der Zögling einer realen Bildungsanstalt bedarf des Französischen 
im allgemeinen in einem weiteren Umfang, als der Schüler des Gymna- 
siums ; es ist für ihn wünschenswerüi , dasz er diese Sprache schreiben 
und sprechen lerne : für uns ist es im allgemeinen hinreichend, wenn wir 
der Leetüre mächtig sind , wenn das Französische uns so weit zu Gebote 
steht, dasz wir an dem wissenschaftlichen und allgemein geistigen Leben 
des französischen Volkes teilnehmen und die Ideen desselben in uns auf- 
nehmen können. Es sind nur einzelne Fälle , wo ein höheres Bedürfnis 
vorliegt; diesen einzelnen Fällen hat der Schulunterricht nicht Rechnung 
zu trafen. Wird nun das Ziel der Gymnasien bei dem jetzigen Stand 
dieser Disciplin erreicht oder nicht ? Nach meiner Erfahrung geschieht dies 
nicht. Auf allen Gynmasien, die ich kenne, wird in der Leetüre nur 
höchst Klägliches und Kümmerliches geleistet. Davon , dasz ein Schüler 
im Stande sein sollte , auf eigene Hand ein französisches Buch zu lesen, 
kann gar keine Rede sein. Ja selbst wenn er es könnte, würde ihm das 
Interesse daran mangeln, und zwar aus einem sehr nahe liegenden Grunde. 
Das Interesse, welches Knabe und Jüngling an einem Gegenstande 
nehmen, ist zum groszen Teile durch den Platz bedingt, welchen dieser 
Gegenstand im Organismus der Schule einnimmt. Wird bei der Maturi- 
tätsprüfung zwar ein französisches Scriptum , aber nicht ein Beleg über 
die erworbeoe Gewandtheit in der Leetüre gefordert, so ist damit der 
Leetüre der eigentliche Lebenstrieb geraubt. Der Schüler und der Lehrer 
nehmen ihre Richtung auf das Schreiben: hierin wird eine ostensible 
Leistung gefordert, hierauf wird der Hauptaccent gelegt; die Leetüre ist 
etwas Unfaszbares , wie kann man sich darüber wundem, wenn sie mehr 
oder weniger, oft ganz bei Seite geschoben wird! Für diese beiden 
Ziele , Leetüre und Schreiben, reicht die Zeit, welche uns zur Verfügung 
steht, nicht aus. Was ist nun unsere Ansicht? Dasz bei d^r letzten Prü- 
fung die Leetüre der Maszstab werde für die im Französischen erwor- 
bene Reife, nicht aber das Scriptum, hei welcliem überdies die Forde- 
rung, dasz der Schüler dies Scriptum ohne ein Lexicon liefere, eine 
durchaus überspannte ist. Man musz, beiläufig bemerkt, dabei des guten 
Glaubens sein, es sei, wie es von Leipzig nach Dresden gerade eben so 
weit ist als von Dresden nach Leipzig, die gleiche Distanz von dem Deut- 
schen zum Französischen wie vom Französischen zum Deutschen, wäh- 
rend der erstere Weg mindestens zehnmal so lang ist als der letztere. 
Doch ich wünsche nicht etwa ein Lexicon, ich wünsche überhaupt das 
Scriptum bei der Abiturientenprüfung abgeschafft und dagegen eine Fest- 
stellung der Gewandtheit in der Leetüre , auf welche es für die Gymna- 
sien vorzüglich ankommt. Welche Folgen dies haben, welcher wahrhtite 
Gewinn daraus für die Jugend erwachsen, welches Quantum geistiger 
Bildung hierdurch unserm Volke zuflleszen würde , habe ich kaum nötig 
auseinander zu setzen. Jetzt leistet die Schule weder in Leetüre noch 
im Schreiben etwas Nennenswerthes ; auf ein Ziel gerichtet wurde sie 
in dem einen etwas leisten können. Jeder Lehrer, welcher das Unglück 
hat, in Prima den französischen Unterricht erteilen zu müssen^ wird mir 



Ein Schulheft C. M. Wieland's. 253 

einräumen , dasz es ihm wie Gentnerlast von der Brust hinweggenommen 
werden würde, wenn ihm bei seinen zwei Lehrstunden wenigstens eine 
einheitliche Aufgabe gestellt würde, noch dazu eine Aufgabe, die nach 
seiner innerlichsten Ueberzeugung eine lösbare und eine in sich vernünf- 
tige ist. 

Dixi et animam salvavi. ^^* 



31. 

Ein Schulheft C. M. Wieland's. 



Von den Jugendproducteu C. M. Wieland^s aus der Zeit vor dem 
Besuche der Universität ist auszer einigen Briefen fast Nichts erhalten 
worden. Alle Gedichte, deren Zaiil überaus grosz war, hatte er bei 
einem Ferienaufhalte in Biberach trotz des lebhaftesten Widerspruches 
der Mutter verbrannt (s. Wieland's Leben von Gruber 1.) , unter diesen 
aneh die in Kloster Bergen bei Magdeburg entstandenen. Für die Kenntnis 
der rdigidsen Entwicklung Wieland's ist die Vernichtung dieser Jugend- 
aiiieiten lebhaft zu beklagen ; wissen wir doch , dasz er den wechselnd- 
stoi Eindrücken sich hingab und fast gleichzeitig hallischem Pietismus 
hnUUgte und in die Leetüre Voltairischer Schriften sich vertiefte. Wie- 
land's Eltern verdanken wir die Erhaltung wenigstens eines Heftes aus 
dem 2n Semester des Aufenthaltes im Kloster Bergen , welches der Ver- 
brennung in Biberach entgangen war; der Vater schenkte dasselbe, als 
des Sohnes Name bereits allgemein genannt wurde, seinem damaligen 
Amtsgenossen Eben , in dessen noch jetzt in Biberach fortlebender Fami- 
lie, dds Heft sorgfältigst erhalten und vererbt wurde. Der Urenkel jenes 
ersten Besitzers, mein verehrter College Eben '(jetzt in Lüdenscheid), hat 
die grosze Freundlichkeit gehabt , mir das Heft auf einige Zeit zur Be- 
natzung zu überlassen , wofür ihm hier der beste Dank ausgesprochen 
sei; sowol das Interesse an dem Verfasser, noch mehr aber die Rück- 
sidit, dasz Schülerarbeiten aus dem vorigen Jahrhundert besonders aus 
'hervorragenden Schulen trotz des mannigfachen Interesses noch wenig 
bekannt gemacht sind, mögen es rechtfertigen, wenn wir den Lesern 
dieser Zeitschrift einige Notizen über das sehr interessante Heft mitteilen. 
Von einer vollständigen Publication kann natürlich hier keine Rede sein, 
aiier schon die Themata der lateinischen Aufsätze beweisen auf das Evi- 
denteste, wie weit sich der Einflusz des hallischen Pietismus in der be- 
rflhmten Klosterschule geltend gemacht hatte. 

Wieland kam nach Bergen im Herbst 1747; die Arbeiten unseres 
Heftes shid sämtlich geschrieben im Sommer 1748. Dasselbe urofaszt 87 
Qoartblfttter, welche alle beschrieben sind; die Handschrift, die für die 
jugendlichen Jahre des Verfassers auszergewöhnlich fest ist, slimftt auf- 
faüend überein mit der Handschrift Wieland's in seinem Mannesalter; die 



254 Ein Schulheft C. M. Wieland's. 

Buchstaben sind sehr deutlich uud die ganze Schrift sehr weitläufig; auf 
einigen Seiten stehen nur 10—11 Zeilen, mehr als 15 auf ganz wenigen; 
besonders in den lateinischen Aufsätzen scheint W. oft gesucht zu haben, 
eine möglichst grosze Seitenzahl mit möglichst wenig Inhalt anzufüllen. 
Der Deckel trägt die Aufschrift : 

Haec Sacra sunt, procul este profani. [Verg. Aen. VI 258]. 

WIELAND, SVEVVS. 

In coenobio Bergensi 1748. 

Mense Maio 

Semestri aestiuo. 

Mit geringer Veränderung ist diese Aufschrift auf dem ersten Blatte wie- 
derholt ; darauf folgen 16 Wochenarbeiten , bestehend aus einem lateini- 
schen Aufsatz und meist einer Uebersetzung , resp. Paraphrase, aus dem 
Lateinischen (Cicero de nat. deor; Livius, Horatius); öfters reicht ein 
Aufsatz für mehrere Wochen aus. Durchgesehen — denn von Correctur 
ist eigentlich nicht zu sprechen — sind die Arbeiten von einem Lehrer, 
Namens Hennicke*), wie aus der Anrede im Anfange hervorgeht; der- 
selbe hat nur hin und wieder Bemerkungen an den Band geschrieben, 
die sich oft auf sehr untergeordnete Punkte beziehen ; auf den Stil gehen 
diese Bemerkungen fast niemals ein. Das Latein des Verfassers ist dafür, 
dasz er erst im 15n Jahre stand , im Satzbau auszerordentlich gewandt, 
auch sind die Arbeiten meist frei von grammatikalischen Schnitzern (doch 
z. B. sua paries), dagegen sehr reich an Germanismen und spät-, resp. 
ganz unlateinischen Ausdrücken (z. B. essentia , meditatio specialior usw.). 
Die Uebersetzungen und Umschreibungen sind in gewandtem Deutsch ge- 
schrieben, die Orthographie, welche nicht gleichmäszig ist , ist die in da- 
maliger Zeit übliche, die Interpunktion ist oft nachlässig, Provinzialismen 
sind sehr seilen. Urteile des Lehrers stehen unter den Arbeiten nicht, 
sondern blosz ein V; dagegen unter den Wieland'scheu Bandbemerkuilgen 
öfters ein recte oder optime admonuisli u. dgl. 

Das Heft war zugleich eine Art von Gorrespondenzbuch zwischen 
Lehrer, und Schüler ; Wieland macht an mehreren Stellen Einwendungen 
gegen Uennicke's — nicht immer gerade geistreiche -^ Bemerkungen; 
dasz der Lehrer in bestimmten Fällen Antwort verlangte, beweist ein 
^responsum desideratur' von Wieland's Hand; interessant ist besonders 
die Anrede an Hennicke , mit welcher das Heft beginnt , und eine Stelle, 
in welcher Wieland für ein peccatum in der Schule um Verzeihung bittet.^ 
Später hat Wieland in das Buch , zum Teil in den Text und an den Rand 
der lateinischen Arbeiten, noch allerlei hineingeschrieben, z. B. zwei An- 
fänge von französischen Exercitien, davon eins aus Fen^on's T^lemaque 
genommen ist; ferner eine Berechnung über den Preis von * Kuchen, 
Zucker, Milch und Zimmt' u. s. f. Die letzte Seite hat der Verfasser, 



11 Soweit ich zu sehen vermag, erwähnt Wieland selbst unter den 
BergdPschen Lehrern diesen Mann nicht als einen von denen, die 
ß|nen besondern Einflusz auf ihn geübt hätten; s. Wi^land^s Leben 
von Grub er I. 



Ein Schulheft C. M. Wieland's. 255 

getreu der Natur seines Alters , ausgefüllt mit Studien , möglichst ver- 
schiedene und elegante Zage seines Namens herauszubringen; unter einem 
dieser Namenszöge steht der Zusatz: de la Ville Imperiale de Biberac. 
Femer steht auf dieser Seite zweimal folgendes geschrieben : Monsieur, 
Votre treshumble et tresobeissant [sie] serviteur Voltaire. Darunter: 
A Monsieur 

Monsieur de Voltaire A Anglelerre. 
Aus dem Inhalte des Heftes können wir hier selbstverständlich nur 
ganz Weniges mitteilen, so sehr auch das Ganze der Publicalion werth 
wäre ; vielleicht findet sich auch zu einem vollständigen Abdrucke einmal 
Raum und Gelegenheit, wenn auch das Interesse an Wielandischen Jugend- 
arbeiten nicht so grosz sein kann , als das, mit weichem solche Reliquien 
von Goethe und Schiller mit Recht angenommen zu werden pflegen. — 
Das Heft beginnt mit folgender Zuschrift an den Lehrer^): 

Viro Reuerendo ac Erudito 

Dr. Hennicke 

S.P.D. 

Chr. Martinus V^ieland. 

Suo profecto iure linguas artium vocant ianuas; quae si fuerint apertae, 

in amplissimum litterarum campum excurrere liceat. Eae enim sunt, quae 

saplentiae et artis cuiusv[is] coeca omnino peuetralia recludunt; qua- 

[rum] ope cum mortuis una esse, confabulari, [eos] denique ipsos au- 

dire possis. Eaque est ca[usa,] Vir Reuerende, quae ad latini sermo- 

[uis gjenium adcuratius addiscendum memet allexit; id quod haut me 

facturum fuisse profiteor, nisi, quantis iste, nequaquü Herculeus labor, 

prouentibus quasi compenset nullius mümenti operam scirem. Adiicien- 

dum autem videtur. Vir reuerende, non me eo studio ad rem Grilicam 

sermonis latini incumbere, quo ad praestantioris naturae artes, quonium^) 

nahem pro lunone cum Ixione arripere animus non est. Hinc , Si lituram 

passim mereant aliqua , ignosces , pro humanitate , quam in te maximam 

agnosco , et erroris leuitati et conditioni humanae ; errare enim [hu]ma- 

nom. Ceterum Sanctissime promitto , [Vi]r Reuerende, nunquä te , quod 

scUicet [me]a culpa factum fuerit, nee diligentiam meam, nee obsequium, 

nee Studium , nee amore quem erga te in me esse ardenlissimum con 

adus sibi animus testis est, desideraturum. Vale. 

Die lateinischen Aufsätze, deren Themata meist vom Schuler selbst 
gewählt und nur zum geringen Teil vom Lehrer gegeben zu sein schei- 
nen, wie der Zusatz ^ Thema da tum' beweist, sind folgende: 
1) Quae de inferiorü poenae terminis sentit Moshemius» *) (2 Wo- 
chenarbeiten.) 



2) Orthographie und Interpunction in allen Proben ist ganz dem 
Original entsprechend ; der Rand des ersten^ Blattes ist abgerissen, da- 
her war das Eingeklammerte zu ergänzen. 

3) sie! 

4) Es ist bekannt, welch eine entsetzliche Qual die Ewigkeit der 
Höllenstrafen für Wieland war, deren Androhung besonders bei seiner 
Voltaire-Lectüre eine grosze Rolle spielte; s. Gruber I. 



256 Ein Schulheft C. M. Wieland's. 

2) Quae vera sü VIRTVS ex exemplo HERCVLIS ampla disputatione 

monstratur. (2 Wochenarbeiten , aber nicht vollendet). 
In dieser Arbeit bildet Wieland u. a. ein Perfectum secedit. Der Lehrer 
hat dies moniert, worauf W. an den Rand schreibt: praesens esse volui, 
probe tenens secedere in praeterito audire secessi. Diese Worte hat der 
Lehrer dick durchstrichen und den Verf., wie es scheint, in der Klasse 
zurechtgesetzt; denn es folgen die Worte von Wieland's Hand: Bespons. 
desid. und dann: Praeceptor plurimum Reverende. Gonscius sibi animus 
testis mihi est, me haec (quae tarnen sunt in se rustica), eo scripsisse, 
ut delerem suspicione, quam putavi in animo Tuo ort3, me sciiicet in 
verbulo secedere haesitasse.) 

3) De ratione rite instituendae lectionis Autoris cuiuseis uherior Dis- 

putatio. (a Wochenarbeiteif) 

4) Contemplationes et MEDITATIONES de Magnitudine et Excellentia 

Bei, (2 Wochenarbeiten. Hinter dem Thema steht folgendes: 
TTpoXeTOjueva. Synopsis. Tractatio nostra in duas abit partes 

1. docet magnitudinem Dei in Operibus ipsius potissimS sese osten- 
disse. " 

a. quonia ea a priori quide satis demonstrari potest, non autem 
aeque dilucide adparet, ac si ex operibus desumatur, i. e. a poste- 
riori. 

ß. quoniam eo creata sint omnia , ut sint quasi specula , in qui- 
bus sese exhibeat imago Dei. 
IL opera divina ab hominibus non ut oporteat ponderari. 

Ea pars in duas rursus dissecatur portiunculas 
I. Demonstrat hypothesim istam , 

II. quomodo rite instituenda sit contemplatio operü Dei indicat. 

D. 0. /.) 

5) MEDITATIONES SPECIALIORES, de Naturae operibus. 

1) De Bestiis animalculisque Marinis. (2 Wochenarbeiten. Unter 
dem Thema steht mit groszen Buchstaben : ^Cicero' und dann folgt ohne 
nähere Angabe des Ursprungs die Stelle aus Nat. Deor. H 38 : At vero 
quanta maris est pulcritudo, quae species universi? quae multitudo et 
varietas insularum ? quae amoenitates orarum et littorum ? quot genera, 
quamque disparia, partim submersarum, partim fluitantium, et innatarum 
belluarum , partim ad saxa, nativis testis inhaercntium. Am Baude steht : 
Synopsis. 

I. Tractatio Generalior. 

II. Specialior 

a. de quadrupedibus , 
ß. piscibus, 

Y. animalc. testaceis. 

b. hypothesis.) 

6) Quaenam sit Bestiarum ad hominem Relatio in Dialogo per Aei. 

B, figitur. 
(1 Wochenarbeit; am Rande steht neben dem Thema: 1. Beschreibung 



Ein Schulheft C. M. Wieland's. 257 

eines Naturaliencabinets. Die Arbeit ist, wie das sequet. cont. zeigt, 
unvollendet geblieben.) 

7) De AgricuUurae ratione^ fructu et amoenitate. Thema datnm. 

(2 Wuchenarbeiten.) 

8) Animorum IMORTALITAS. (1 Wochenarbeit; unter dem Thema steht . 

Cicero. [Gato mai. 23, 86.] Praeclarum diem, cum ad illud diui- 
num concilium, coetumque proficiscar, cumque ex hac turha et 
colluvione discedam! Darunter: 

Igneus est illis vigor et coelestis origo Semiuibus. Virg. Aeneid. 
VI V. 730. 

Unter der Arbeit steht: Continuabitur fort.) 

9) NVM // SCEPTWORVM quos PYHHOmCOS adpellant stuUorum 

UhUum mereant, Diiudicatur, (I Wochenarbeit. Am Ende steht 
folgendes: NB^ Ego vero has obiectones [siel] ut Scepticus propo- 
sui , satis sciens quod refutari possim , meque ipsum vel inter scri- 
bendum confutans.) 

10) Aiheum^ nüi pracHcus sit^ toUendum e republica non esse Dis- 

sertatiuHCula isla demonstraiur. (1 Wochenarbeit; unter dem 

Thema steht: Synopsis. 

I. Qui athei non sunt tollendi ? 
n. Deinde cur noVi tollendi?) 

Die Behandlung aller Themata ist die gleiche; mit groszem Aufwand 
von Worten werden damals landläufige Anschauungen und Stichworte 
gegen Atheisten und Skeptiker vorgebracht; hin und wieder leuchtet 
aber doch Wielandischer Witz dazwischen und bisweilen, besonders in 
Nr. 9 zeigt sich, dasz der Verfasser doch nicht ohne Erfolg Voltaire stu- 
diert; die Schluszbemerkung jenes Aufsatzes hatte jedenfalls einen prA- 
ventiven Charakter. 

Die Uebersetzungen in das Deutsche sind folgende: 
1) Prosaische Uebersezzung und Nachahmung oder Paraphrasis der 

6. Satire des Horaz, (1 Wochenarbeit , eigentlich nur ein Auszug 

aus der betr. Satire.) 
fj Uebersezzung der Uorazischen Dichtkunst, [v. 1 — 72] (4 Arbeiten ; 

die Uebersetzung ist sehr frei, und mit sichtbarer Liebe gemacht. 

Hinter dem letzten Stücke steht : ^Künftig fängt ein neuer Abschnitt 

dieser Dichtkunst an.') 

3) Uebersezzung aus dem Livius, cap. XLIX, L, XXXV. (1 Arb.) 

4) Fortsetzung der Uebersezz. d. Horaz, Dichtk, [73^ — 88] (1 Arb.) 

5) Uebersezzung des Siebenden Capitels des XXX L Buchs des Liviu 

(I Arb. in Ilaliam perveniet wird übersetzt : * er wird uns in Italien 
eine Visite geben u. dgl. mehr.) 

6) Uebersezzung. [Cic. Nat. Deor. II, 41]. (1 Arb., wol die ältesten er- 

haltenen Verse Wieland's.) 

Um die Spizze eines Poles drehen sich die beiden Bären , 
welche niemals untergehn , deren Stralen immer währen 
Deren einer Gynosura, Heiice der andre heist, 
Der die leuchtenden Trionen uns in seinen Gliedern weist. 



258 l^in Schulhefl G. M. Wi^land's. 

Fast mit ebenso viel Sternen prangt die kleine Gynosur , 
Die aufs Meer's bepflugtem Rucken , dem stets wachen Palinur 
Die gewissen Spuren zeigt. 

Und ob seine grosze Schwester gleich in vielen ') Sternen blizzet, 
hat doch dieser gröszeren Wert, weil er auch dem Schiffer nüzzet: 
Weil er den bestralten Pol näher als der grosze grüst'), 
und der Anblick seiner Sterne also wunderbarer ist.') 
Unter diesen krümmet sich , gleich dem Lauf an einem Bache 
Der die fetten Wiesen küst, der abscheulich-schöne Drache, 
Dem der Glanz von einem Stern nicht allein die Stime ziert, 
Nein der auch an beiden Schläfen, einen gleichen Schimmer fürt. 
Jedes Auge biizt als Stern , auch das Kinn streut seine Stralen, 
Und den Schwanz des Gynosur scheint sein krummer Blik zu mahlen. 

(obstipS Caput etc.) 

7) L, IL de Natur. Deor. C. LH. (2e Arb.) 

8) Das vorgeschriebene 49 Cap, II Buchs von der Natur der Götter. 

(1 Arb.) 

9) Uebersezzung des 38 Cap. des 2. Buchs De Nat. Deor, (1 Arb.) 

Mitten in dem Schoosz der Welt dreht sich im bestimmten Gleise 

Dieser Bai den wir bewohnen ; dem auf ganz verschiedne Weise 

Kräuter , Blumen , hohe Gipfel , mancher Berg und mancher Wald 

seinen nackten Leib bedekket und ihn kleidet ziert und mahlt. 

Ungezählte ew'ge Ströme, die ein grünes Ufer lekken, 

Sieht man seinen breiten Schoosz oft durchbrechen und bedekken. 

Grause Brüche schwarzer Höhen, Thäler die als wie ein Schlauch 

Das geschenkte Wasser samlen; Berge deren tiefer Bauch 

Gold und Silber statt des Blutes in verborgnen Adern fürt 

und bald Marmel und Porphyr, bald den Diamant gebiert, 

Dekken diesen Bai mit Zierde, den des Luftfischs leichtes Schweben 

Und der Thiere Munterkeit mit der Menschen Schaar beleben. 

Diese*) zeugt der weise Finger der regierenden Natur, 

Zum Verwalter ihrer Gaben, und der niedern Creatur 

Welcher Sie verwahrt und bauet , wilden Zähnen Sie entreist 

Und die gar zu fruchlbarn Disteln Sie nicht ganz erstikken heist. 

Der auf Feldern , Inseln , Ufern Häuser und Gebäude fürt. 

Und den angebornen Glanz mit geborgtem Schimiper ziert. 



Continuatio eiusdem capitis. 
At marium quanta est species? quibus kisula pontum 
Exsuperat diuersa iugis? altumque coronat 



1) Correctur des Lehrers: 'hellern'. 

2) Corr.: ^dem 7- rückt'. 

3) Corr.: 'und den "Wendungs - Punckt der Welt deutlicher als er 
erblickt'. 

4) am Rande: 'die Menschen'. 



Ein Schnlheft G. M. Wieland's. 259 

arboris et sylvae barba cum culmine montis. ') 

Qua quoque Littus adest forma? gremio') undique cinctQ 

Vocali calamo et multum florentibus alnis. 

Agmiaa quot subigunt pinnis fluilantia salum'), 

Qnaeve suam ex undis extollit bestia molem? 

Quas Video ad rupes natiuis serpere testis ? 

Quis color? et quae Ulas formal^) miranda figura? 

lam maria ipsa oras cupidis lambentia labris 

Dum recidunt et inane petunt caua littora pulsu 

adparent e naturis conflata duabus. 

10) Lwius L. XXIUL C. XXXVIIL (1 Arb.) 



Zum Schlüsse mögen noch einige Proben aus der Gorrespondenz 
stehen , welche der Schüler in diesem Hefte mit dem Lehrer fährte. 

1 . Vir plurlmum Reverende 

Praeceptor maximi sempor, ut fas est, habite! 
bgratum mihi fuit, cum audirem nuper publicam Tuam notam, quam me 
meroisse et concedo et doleo ; quod ego sim et fuerim is , qui TE, quem, 
qocd Deus novit, amavi semper et ut Patronum colui, adeo graviter lae- 
serit. Yelim autem habeas persuasum , Praeceptor amantissime , mc non 
esse illud ingratissimO scelus, quod praemedilata TE adficiat iniuria; 
eredas potins me, quod'humanQ est, iuprimis autem meae iuuiori adhuc 
aetati adhaeret, errasse ex praecipitantia quadä et absque consilio. — 
Quod et pro humanitate Tua, ut te prlmis litteris orabä, ignosces. 
Vale. 

2. Condonabis, Vir Plurimum Venerande % quod hac vice germanico 
idiomate nil elaboraverim ; quod, quoniä nunc temporis fieri ob graves 
eaussasnon potuit, in posterS large compensabo. Vale. Eine ähnliche 
Entschuldigung kommt noch einmal vor. 

3. Vir Plurimum Reverende. Memini cum nuper probares quae 
scripsi, (quae tamen sunt leuia) non quis sim, sed quem rae esse opor- 
teat, Te monuisse. Impense vero TIBI ago gratias, et monitis TVIS, im- 
primis subsequenti Semestri, ut semper, me pro viriü tenuilate maxima, 
facturum satis promitto. Vale. 

-Wetzlar. Ä. Hocke. 



1) Correctur des Lehrers: 

Yemm qnanta maris species? quis qaaeso tuendo 
Non stapet attonitus fluides sine limite campos 
^ ^ Quam multa illius protaberat iusula dorso, >— 

2) Corr.: totum. 

3; Corr.: sälom-pontnm. 

4t) Corr.: omat. 

5) die beiden letzten Worte hat der Lehrer ausgestrichen. 



260 lieber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien usw. 

23. 

lieber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien an den 

preuszichen höheren Lehranstalten. 

Es wird wol nicht viele Leute geben , welche geneigt sind, den von 
Dr. E. Mushacke herausgegebenen preuszischen Schulalmanach, trotz sei- 
ner unbestrittenen Verdienste , för ein besonders mteressantes Buch zu 
erklären. Abgesehen von den jährlich veröffentlichten Gesetzen und Ver- 
ordnungen , welche hier ganz und gar auszer Frage bleiben , bieten die 
Personalnachrichten über die zahlreichen höheren und niederen Lehran- 
stalten Preuszens im wesentlichen nur das Vergnügen, hier und da einen 
alten Bekannten aufzufinden, eine harmlose Unterhaltung, deren man bald 
müde wird. Aber wie die Biene auch aus der unscheinbaren Blüte Honig 
zu saugen weisz , so nahm ich mir vor , aus dem preuszischen Schuial- 
manach ein Gleiches zu thun , und zwar ausznfinden , mit welchen Lieb- 
lingsarbeiten die Lehrer der höheren Lehranstalten m Preuszen sich be- 
schäftigen , und derart nachzuweisen , in welchem Masze das Studium der 
deutschen , politischen und Litteraturgeschichte auf denselben betrieben 
werde. 

Als Führer bei dieser Untersuchung mag das Verzeichnis der jähr- 
lich in Preuszen erscheinenden Schulprogramme dienen, und zwar zu- 
nächst so weit dieselben in den beiden letzten Jahrgängen 1861 und 1862 
aufgezeichnet sind. Der Lehrer, welcher ein Programm schreibt, wird 
mehr oder weniger einen Stoff wählen , welcher seinen Lieblingsstudien 
nahe liegt; und wenn auch in dem einen Jahre der Mathematiker, im 
nächsten der Professor der alten Sprachen, im dritten der Lehrer der 
Naturwissenschaften usw. an die Reihe kommen, so ist doch diese Reihen- 
folge für die sämtlichen Anstalten so verschiedenartig und in so hohem 
Maszc dem Zufall unterworfen , dasz ein Jahr durchschnittlich ebensowol 
als jedes andere zeigen kann, was die Privatstudien der höheren Lehrer 
Preuszens mit Vorliebe in Anspruch nimmt, und in welchem Masze dabei 
die Studien der deutschen Reichs-, Orts- und Litteraturgeschichte ver- 
treten sind. Verfolgen wir zwei Jahrgänge hintereinander, so vermögen 
dieselben sicherlich ein annähenides Gesamtbild der hauptsächlichen wis- 
senschaftlichen Bestrebungen der preuszischen Gymnasial- und ReaUehrer 
zu gewähren. 

Was ist aber, mag man fragen, daran gelegen, was die preuszi- 
schen Lehrer privatim studieren? Das ist ihre Sache, und kein Mensch 
hat sich darum zu bekümmern! — Gemach! Das weisz ich ebenso gut. 
Preuszen aber besitzt etwa 170 Gymnasien und Progymnasien , etwa 60 
Real- und höhere Bürgerschulen. Jede dieser Anstalten gibt jährlich eine 
mehr oder weniger umfassende Schulschrift heraus; den Inhalt dersdben 
festzustellen scheint mir um deswillen nicht ohne Bedeutung, weil dieses 
einen Maszstab geben kann für die geistige Arbeit von etwa 230 höheren 
Schulanstalten, den mindestens 1400 Lehrern, welche die nach höherer 
wissenschaftlicher Ausbildung strebende Jugend Preuszens eine Reihe 



lieber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien usw. 261 

von Jahren hindurch zu leiten haben , und zwar speciell einen Maszstab 
dafür, welche Bedeutung das nationale Element für die genannten Anstal- 
ten hat. Nun ist es zwar sehr möglich, dasz ein Lehrer, welcher in 
die Scbulschrift Homerische Emendationen liefert, ein sehr guter deut- 
scher Yaterlandsfreund ist; dasz an einer Anstalt, welche durch eine Ab- 
handlung Ober Wärmelehre vertreten ist, der Professor der Geschichte 
in einem mteriAndischen Sinne wirkt. Darum läszt sich nur immer wie- 
der betonen, dasz die gefundenen Ergebnisse nur im Allgemeinen Gellung 
haben können, wie ich überzeugt bin, dasz sie im Allgemeinen Geltung 
haben mflssen. Wes das Herz voll ist, davonläuft der Mund über! lautet 
dn landläufiges Sprfichwort. Wenn also unseren höheren Schulmännern 
der Mond fiberiäuft von Homer, Piaton, Aeschylus usw., so scheint ihr 
1' Ben davon voll zu sein, wenigstens wesentlich voller als von deutscher 
Orts-, Staats- und Litteraturgeschichte, wovon er nicht überläuft, wie 
lachge wiesen werden soll. Ich will damit, um ein sinnreiches Wort des 
Grafea Raezynski im Verzeichnis seiner Gemäldesammlung zu benutzen, 
wdches uns als Berliner Studenten ganz besonderes Vergnügen gemacht 
iiat, — *lch will damit nicht mehr gesagt haben , als ich gesagt habe.' 

Gehen wir also die im zehnten uqjd elften Jahrgange des Schulalma- 
lachs verzeichneten, ungefähr 160 Schulschriften der preuszischen Gym- 
Uflien imd Progymnasien durch, so ergibt sich, dasz der Inhalt der bei- 
gegebenen wissenschaftlichen Abhandlungen sich folgendermaszen verteilt: 



Jahrgang 1861. 


1862. 


Schttlnadirichten 1 1 . 


15. 


Schulgeschichte 6. 


3. 


Schulreden ' 7. 


7. 


Schillerfeier 7. 




Religion 7. 


4. 


Methodik des Unterrichts 7. 


12. 


Mathematik 13. 


13. 


Physik und Chemie 9. 


4. 


Sprachlehre, allgemeine 1. 


• 


— deutsche — 


2. 


— lateinische 4. 


7. 


— griechische 2. 


6. 


Römische Schriftst. 13. 


17. 


Dabei Cicero 3, Quiutilian Dabei Cicero 5, Ho- 




3, Livius, Terentius usw. raz u. Livius je 2, 




je 1. Terentius, SallustJ, 




Ovid usw. je 1. 




Griechische Schriftsteller 34. 


36. 


Dabei Plato 7. Dabei Homer 7. 




Homer 4. Thukydides 5. 




Aristoteles 3. Sophocles 4. 




Aeschylus 3. Plato 3. 




121. 


125. 


N. Jahrb. f. PUl. o. ¥U, Ih Abt. 1863. Hft. 6. iä 



262 lieber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien usw. 

Uebertrag 121. 12&. 



Aristoph. 2. Com. Graeci 


2. 




Sophod. 2. Aeschylus, Eu- 




, Euripides 2. 


ripides je 


1. 




Thukydides 2. 








Lucian, Plutarch usw. 








je 1. 








Verschied. Emendationen 1. 






— • 


Sprachlehre u. Litteratur: 








— englische 2. 






1. 


— französische 4. 






1. 


— italienische — 






1. 


— polnische — 






L 


— - hebräische 1. 






2. 


Geschichte, römische 3. 






6. 


— griechische 7. 






8. 


— preusz. u. deutsche 16. 






9. 


u. zwar AUgem. 10. 




4. 




Ortsgeschichte 5^ 




2. 


- 


Litteraturgesch. ]. 




3. 




— verschiedene — 






2. 


Unverständlich (?) " 4. 






5. 



1^9. 162. 

Diese Zusammenstellung ist recht lehrreich , wenn auch keineswegs 
erfreulich für den Amtsgenossen, welcher der Ansicht ist, dasz die ge- 
lehrten Schulen nicht allein die Aufgabe haben , eine gründliche Kenntnis 
der Sprachen und Schriftsteller des Altertums und die dtrauf ruhende 
HumanitätsbUdung den Schülern zuzuführen, sondern auch die, ein war- 
mes Interesse an der Geschichte und geistigen Entwicklung des deutschoi 
Volkes in den Herzen der Jugend zu entzünden. Wenn die Teilnahme 
der höheren preuszischen Lehrer an diesem gerade für unsere Zeit so 
unendlich bedeutsamen Gebiete der Wissenschaft bemessen werden soll 
nach dem Masze , in welchem sie dieselbe in ihren Schulschriften an deo 
Tag legen, so kann der Freund der Geschichtswissenschaft, und vomdun- 
lich der vaterläudischen , nur mit Bedauern obige Tafel betrachten. 

Es versteht sich von selbst, dasz die Lehrer der Religion, Mathe- 
matik und Naturwissenschaft ziemlich ausschlieszlich Stofi)» ihres Faches 
für eine Schulschrift wählen werden, dasz an der Stelle streng wisseo- 
schaftlicher Arbeiten hin und wieder Schulreden und Schulnachricten Auf- 
nahme finden; ebenso wird unter den Arbeiten über die Methodik des 
Unterrichts manches Förderliche veröffentlicht werden. Dagegen verdient 
das Verhältnis der Arbeiten, welche Stoffe aus der deutschen Geschichte, 
Litteratur und Sprachlehre behandeln, zu denjenigen, welche skh mit 
der griechischen und römische Geschichte, Litteratur und Sprachlehre 
beschäftigen, eingehende Betrachtung. 

Es wäre sehr imrecht gethan, wollte man dem Philologen die Liebe 



lieber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien usw. 263 



2U seinem Fache zum Vorwurfe machen: es liegt nahe, dasz derjenige, 
welcher Jahr um Jahr sich mit den Altertflmem, der Geschichte, der 
Sprache, den Sehnftstellem der Griechen und Römer beschäftigt, auch in 
seiner wissenscfaalUichen Privatthätigkeit mehr oder weniger von selbst 
auf dieses Gebiet hingewiesen ist; Schreiber dieses ist selbst Philolog 
und hat sich, obwol seit Jahren der Philologie im engsten Sinne fern- 
stehoid, das wanne Herz für die edle Wissenschaft bewahrt. Aber sehr 
viele jener Männer sind zugleich Lehrer der Geschichte und des Deutschen, 
durch ihren Beruf also ebensowol hingewiesen auf die Studien deutscher 
Geschichte, deutscher Litteratur, deutscher Sprache; und da ist es eine, 
(^eUnd gesagt, aufßllige Erscheinung, dasz, nach den Schulschriften zu 
scUiessen, diese deutschen Studien hinter den classischen so un verbal t- 
lismtssig zurückstehen. 

Sehea wir ab von den Schulschriflen derjenigen Lelircr , welche na- 
tnrgemäsz veranlaszt sind, ein besonderes Gebiet zu betreten, halten wir 
US lediglich an die für Geschichte und classische Philologie gebildeten 
Ldirer, so ergibt sich für deren Privatstudien aus den Programmen fol- 
gende Uebersicht : 



1862. 
2. 
3. 
6. 



Griechisch. 




Jabrgg. 1861. 


1862. 


Sprachlehre 2. 


6.' 


Schriftsteller 34. 


36. 


Geschichte 7. 


8. 


43. 


50. 



Römisch. 


Dcu 


1861. 1862. ' 


1861. 


4. 7. 


— 


13. 17. 


1. 


3. 6. 


15. 


20. 30. 


16. 



11. 

Iks heiszt anders und kürzer ausgedrückt: es beschäftigen sich unter 79 
im Jahrg. 1861 verzeichneten Schulschriften philologisch gebildeler Lehrer 
der vierte Teil mit römischem, über die Hälfte mit griechischem, der 
Anfle Teil mit deutschem Stoffe. Für den Jahrgang 1862 ist das Ver- 
hihiiis noch wesentlich ungünstiger; in diesem Jahre beschäftigten sich 
von 91 Schulschriften der dritte Teil mit römischem, V» n^i^ griechi- 
sdiem und nur etwa der achte Teil mit deutschem Stoffe. Es läszt sich 
dieses auch so ausdrücken: auf eine Schulschrift deutschen Stoffes kom- 
men drei mit römischem, fast fünf mit griechischem Stoffe; und zwar 
nehmen diejenigen Schulschriflen, welche deutsche Stoffe behandeln, sehr 
merklich ab, diejenigen, welche auf Studien des classischen Allerlums 
bemhen, um so bedeutender zu. 

Der Philolog wird mir entgegnen, dasz die alten Sprachen ihre 
grosse Berechtigung haben, dasz wir an Homer, Plato usw. noch für ein 
tausend Jahre lernen können, dasz jeder sich seine Privatsludien selbst 
wihlen könne , und noch ein Dutzend anderer guter Gründe , welche ich 
alle als berechtigt anerkenne, um so melir, da ich sie selbst weisz. Und 
dodi komme ich nicht davon ab, meine Zusammenstellung mit wehmüti- 
gen Midken zu betrachten. Ist das ein naturgemäszer Zustand der höhe* 
f rcn deutschen Schulen, wenn im Jahre 1861 eine Schulschrift sich 
' nlt deutscher Litteratur (Lessing) beschäftigt, 13 mit römischer (darunter 
3 Cicero), gar 34 mit griechischer (darunter 7 allein mit Plato)? Ist Ver- 

18* 



i 



264 Ueber die Pflege deutscher geschichllicher Studien usw. 

nunft darin, wenn im Jahre 1862 drei Schulschriften von auf deutschen 
Hochschulen für Geschichte und Sprachwissenschaft gebildeten, an deut- 
schen Schulen wirkenden Lehrern handeln über deutsche Litteratur (Jo. 
Rothe, Reinmar v. Zweter, Spiegel der Leyer), dagegen 17 über römi- 
sche , 36, d.h. zwölf mal so viel über griechische Schriftsteller? Wahr- 
lich, alle Hochachtung für die Quaestiones Tullianae, Homericae usw. kann 
man haben , und doch eine solche Abkehr des höheren Lehrerstandes von 
eigentlich deutscheu geschichtlichen und litterargeschichtlichen Studien 
höchst beklagenswerth flnden. 

Allerdings erscheint die deutsche Geschichte hierbei besser bedacht, 
insofern sie der römischen und griechischen etwa gleichsteht; doch be- 
handelt ein verhältnismdszig beträchtlicher Teil der hier als deutschen 
aufgenommenen geschichtlichen Arbeiten Stoflle von örtlich eng beschrink- 
ter Bedeutsamkeit. Indes soll dies ihnen hier nicht zur Unehre gesagt 
sein; es ist sogar ganz naturgemäsz und anerkennenswerth. 

Wesentlich gesünder ist das Verhältnis bei den etwa 60 Real- und 
höheren Bürgerschulen. Von den Schulschriften derselben behandelten: 

Jahrgang 1861. 1862. 

Schulnachrichtcn und Schulredeh 8. 12. 

Religion • 1. — 

Pädagogik und Methodik 6. 10. 

Zur Reaischul frage 7. — 

Mathematik 8. 10. 

Naturwissenschaft 5. 7. 

Römische Schriftsteller 2. 2. 

Altital. und römische Geschichte 2. 2. 

Griechische Schriftsteller 2. 1. 

(Sophocl. 2) 

Franz. Sprache und Litteratur — 3. 

Engtische Sprache 2. — 

— * Litteratur u. Geschichte 5. 1. 

Nordamerik. Geschichte 1. 1. 

Kirchengeschichte 1 . — 

Geschichtstabellen 1. — 

Deutsche Sprache: 

Geschichte und Litteratur 9. 10. 

Aesthetik — I. 

Unverständlich (?) — 4. 



60. 64. 

Es ist nicht zu leugnen, dasz diese Zusammenstellung auf dei 
Freund deutscher Art und deutscher Geschtohtswissenschaft eiuen eat- 
schieden wohlthätigeren Eindruck macht als die früheren. Man liekt, 
dasz die Lehrer der preuszischen Realschulen Deutsche sind; diejenigen, 
welche nicht durch ihren Beruf vornehmlich auf die mathematischen und 
Naturwissenschaften hingewiesen sind, beschäftigen sich gern mit Stu- 



Ueber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien usw. 265 

dien deutscher Geschichte und Litteratur, so dasz dieselben doch den 
sechsten Teil sämtlicher Realschulprogramme in Anspruch nehmen, wäh- 
rend unter denjenigen der gelehrten Schulen von 1861 nur auf 10, von 
18GS nur auf 14V2 Programme eines kommt*, das von deutscher Sprache 
and Geschichte handelt; und doch sind solche Schulschriften nicht für 
das oigste Publicum der Gelehrten, sondern für weitere Kreise bestimmt. 

Der Leser wird fragen, was ich eigentlich mit diesen Ausführungen 
bezwecke? Soll der Staat, welcher sich heutzutage mehr um unser Thun 
und Lassen kümmert, als uns lieb ist, auch noch in die stille Arbeits- 
stöbe des Gelehrten dringen und seine Studien maszregeln? Es ist dieses 
licht SU befürchten, da es den Zwecken des modernen Staates leider 
weit mehr entspricht, wenn die Lehrer sich über die griechischen Gon- 
iitioiialsAtze den Kopf zerbrechen, als über deutsche Rechts- und Staats- 
gesehichte; wenn aber der Staat seine so ziemlich alles controlierende 
Gewalt dazu beputzte, um in den Programmen der gelehrten Schulen dem 
sationalen Element durch deutliche Vorschriften den ihm gebührenden 
Raum zu sichern, so könnte auch der eifrigste Freund freier geistiger 
Entwicklung in dieser Beförderung deutscher Art und Wissenschaft 
keine Beeinträchtigung erkennen. Nach dem Schulalmanach 11. Jahrg. 
S. 115 betrugen Aie Herstellungs- und Versendungskosten der Programme 
dler preuszischen Gelehrten- und Realschulen im Jahre 1860 18,787 Thlr., 
was auf jedes der 290 Programme durchschnittlich 60 Thlr. beträgt. Wie 
▼id davon der deutschen Sprache und Geschichtswissenschaft zu Gute 
komme, mag, wer Lust trägt, nach den früheren Tabellen ausrechnen. 

Womit sollen sich denn aber diese Schulschriften beschäftigen? wird 
mancher fragen , der von der Bedeutung seiner Quaestiones und Emenda- 
tiones einen so vorteilhaften Begriff hat, dasz er Anderes daneben sich 
kaum als bedeutsam zu denken vermag. Es ist billig , dasz ich auf diese 
frage antworte. 

In der Schweiz hat man die löbliche Sitte , aller Orten besondere 
GeseUschaften zu bilden, welche regelmäszig in sogenannten Neujahrs- 
blättern Gegenstände der Ortsgeschichte beleuchten , Lebensbeschreibun- 
gen verdienter Laudsleute, Beiträge zur Sittengeschichte der Heimat usw. 
bringoi. Es ist nicht zu verkennen , dasz bei dieser engen örtlichen Be- 
schränkung die Gefahr nahe liegt, manches Unbedeutende zu veröffent- 
lichen; doch kommt dieses Bedenken nicht auf gegen die Vorzüge, welche 
diese Einrichtung für Erweckung vaterländischen Sinnes hat. Ich sehe 
nicht ein, warum die deutschen Gymnasien, da sie ja doch zunächst für 
einen örtlich beschränkten Kreis Schulschriften herausgeben , nicht regel- 
mäszig in einem bestimmten Teile ihrer Programme ein Gleiches thun 
köBBten, ohne sich daruni so streng örtlich zu beschränken. Die älteren 
deatschen Städte enthalten eine grosze- Menge bedeutsamer Bau- und 
Kanitweriie, welche eingehende Betrachtung verdienen, in ihren Archi- 
ven eine Menge nicht veröffentlichter und wenigstens örtlich bedeutsa- 
1 aier Urkunden; eine g'rosze Menge von Dichtwerken , chronik- und me^ 
Doirenartigen Aufzeichnungen, Rechtsquellen, Weistümern usw. des 
deutschen Hittelalters und bis zum dreiszigjäbrigen Krieg hinab sind noch 



266 Ueber die Pflege deutscher geschichtlicher Studien tisw. 

nicht veröffentlicht und doch von groszer Bedeutsamkeit, vornehmlich 
für die Sitten- und Rechtsgeschichte; eine sehr ansehnliche Zahl von 
Männern, welche in der Staats- und Ortsgeschichte, der Geschichte der 
Wissenschaft und des Schriftlebens von hoher Bedeutung sind , entbehren 
der wissenschaftlichen Monographien, welche der übersichtlichen Dar- 
stellung eines Zeitraumes erst die gediegene Grundlage geben : ich erin- 
nere daran, dasz z. B. nur im 17. Jahrhundert Zesen, Flenmiing, beide 
Gryphius, Rist, Dach, Glaj, Harsdörffer, Rachel, Lauremberg, Tacher- 
ning, Moscherosch, Olearius, Spee, Schottel usw. der wahrhaft wissen- 
schaftlichen und umfassenden Darstellung harren ; und nicht besser iA es 
in allen Jahrhunderten bestellt. Ich erinnere an die zalreichen klaneren 
Schriften des 16. und 17. Jahrhunderts, welche, obwol ffir ihre Zeit und 
die Litteraturgeschichte von Bedeutung, doch so gut wie verschollen sind 
und eine neue Herausgabe in einer Schulschrift sehr wohl verdienen; ja. 
es ist überhaupt meines Wissens noch ffir kein Dichtenverk des deut- 
schen Mittelalters eine andere als streng kritische,^ eine auch f(kr Laiei 
lesbare Ausgabe vorhanden , wie für jeden Glassiker zu DuUendoi. Eine 
Unzahl von Einzelnheiten der deutschen Sprachlehre harren der Entwick- 
lung aus unseren Schriftstellern; die deutschen Mundarten bergen dma 
wissenschaftlich noch nicht gehobenen Schatz von Wörtern und Redeos- 
arten, eine gewaltige Aufgabe, für deren Lösung ebensowol (te^tlidie 
Vorarbeiten nötig sind, wie zur Sitten- und Sagengeschichte einieliier 
Landstriche. Und wie verdienstlich wäre es, in einer Zeit, welche durdi 
die gesteigerten Mittel des geistigen und leiblichen Verkehrs den örtlichea 
Eigentümlichkeiten von Sitte und Sprache so feindselig ist, das Alte we- 
nigstens sorgsam aufzuzeichnen , wenn es sich auch nicht erhalten liszt 

Jeder Freund deutscher Litteraturgeschichte weisz, wie dankens- 
werth eine ganze Periode durcli Einzelschriften über halhverscbolleBe 
Dichter beleuchtet werden kann, wie zahllose' Irrtümer sich von Buch zu 
Buch weiter erben ; jeder Kenner der Kunstgeschichte weisz , wie zahl- 
reiche Kirchen, Kapellen, Kunstwerke der Malerei und Bildnerei, Altar- 
geräthe aus alter Zeit usw. noch kaum bekannt sind; jeder Geschichts- 
forscher w^eisz , wie ärmlich die so bedeutsame Geschichte der deutschet 
Städte bis dahin von der Wisssenschaft bedacht worden ist; .und doch 
scheint es, als ob für einen guten Teil der zünftigen Philologen alle diese 
Dinge nicht vorhanden wären, jedenfalls eine gothische Kirche der Hei- 
mat unendlich weniger bedeutsam als das Homerische Haus, die deut- 
schen Partikeln weniger als u)CT£ und dv, ein deutscher Chronist weniger 
als ein römischer Grammatiker, Luther und Goethe weniger als Cicero. 

Und die Moral davon? Sie lautet dahin, dasz auf diesem Gebiete 
nichts zu befehlen ist; dagegen ist, ohne dasz wir die classisdien Stu- 
dien der Lehrer an den preuszischen Gelehrtenschulen für bedeutungslos 
erklären oder gar ihren vaterländischen Sinn irgend in Zweifei liehen 
wollen , um so mehr zu wünschen , dasz dieselben , wenigstens in ihren 
Schulschriften, mehr daran denken möchten, wie sie Deutsche sind. 

Crefeld. Dr. Yf. Büchner, 



X 



Thiry: Histoire de Teducation en France. 267 

23. 

Hükrire de€iducaiian en France^ depuis le dnquUme sUcle 
jusqu* ä no* jaurs pär Ä. F. Thäry^ Recteur de VAcadi- 
mie de Caen, Seconde ^dition^ revue et augmentäe. 2. Tomes. 
Paris, Dezobry, E. Hagdeleine et Comp. 1861 . 409, 528 pp. 8. 

Durch die Gesetze des zweiten Kaiserreichs hat das französische 
Unterrichtswesen eine Gestalt gewonnen, welche es, auch wenn die Zu- 
kimft dem Staate neue Umwälzungen vorhehalten hätte, im Ganzen be- 
wahren dürfte. Der französische Episcopat hat dadurch erreicht, was er 
Bator der JuILregierung stets vergdblich erstrebt hatte, Freiheit des Un- 
terichU, und zwar in einem Umfange, dasz die sonst auf ihr Recht so 
flifesfichtlge Staatsgewalt hier die liberalsten Zugeständnisse gemacht zu 
inben scheint. Aber man wird anerkennen müssen, dasz, diese Gesetze 
iwisciieD Kbrche und Staat ein Verhältnis hergestellt haben, welches die 
Gegensatse geschickt vermittelt und, indem es die unmittelbar unter 
Kirdilichem Einflusz stehenden Anstalten eine freiere Entwicklung ge- 
wiimen laszt, die Staatsschulen nur um so stärker auffordert, mit den 
ihncD za Gebote stehenden Mitteln eine wenigstens gleich hohe Stellung 
sn bdiauptep. Auch scheint es, als ob die neue Ordnung der Dinge, bei 
wdclier übrigens das unter der Juliregierung von den trefflichsten Män- 
MTD Geschaffene vielfach Schonung erfahren hat, sich befestigen und 
mit einer gewissen Stetigkeit sich ausbauen wolle. In jedem Falle haben 
wir nicht ohne weiteres den Blaszstab, den unsere Verhältnisse dari)ieten, 
an Gestaltungen zu legen , welche unter ganz anderen Bedingungen her- 
vorgetreten sind. 

Das Werk nun, welches wir hier zur Anzeige bringen, hat augen- 
sdieinlich die Tendenz, für das seit 1860 Bestehende eine historische 
Rechtfertigung zu geben. Fast durchaus zufrieden mit der jetzt herge- 
stdlten Vermittelung, will der Verf. durch die von vierzehn Jahrhunder- 
ten dargebotenen Thatsachen zeigen , wie jedesmal dann , wenn Kirche 
nnd Staat über die Leitung des Unterrichtswesens sich zu verständigen 
sachten, dasselbe am besten berathen war, während die einseitige Herr- 
' sdiaft der Kirche oder des Staates auf diesem Gebiete schwere Nachteile 
heribeiführte. 

Gewis ist die günstige Aufnahme, welche das Werk bei seinem 
ersten Erscheinen (1858) gefunden hat, zu einem gtiten Teile auf solches 
Streben des Vfs. zurückzuführen. Aber auch abgesehen hiervon, darf es 
als eine in mancher Beziehung tüchtige Leistung bezeichnet werden. Der 
Vf. selbst versiehst, dasz es Ergebnis vierzigjähriger Studien sei, bei 
denen er mdgUchst aus den Quellen geschöpft habe, obwol es schwierig 
d'Atre ^dit au fond de la province; auf Tiefe der Gedanken und Glanz 
der Darstellung hat er es nicht angelegt, sondern einfach und der Sache 
entsprechend schreiben wollen. Einzelne Verbesserungen , welche wohl- 
wollende Beurteiler der ersten Auflage ihm empfohlen, hat er gern ein- 
treten lassen; dagegen ist er auf Wünsche, welche eme unverhältnis- 



268 Thery : Histoire de Teducation en France. 

mäszige Erweiterung des Werks notwendig gemacht haben würden, nicht 
eingegangen. So hat er also zwar die Zeit von Aufhebung des Jesuiten- 
ordens bis zum Ausbruche der Revolution jetzt ausführlicher behandelt 
und dabei namentlich die Reorganisationsversuche der Parlamente genauer 
dargestellt; aber unzweckmäszig ist es ihm auch jetzt erschienen, die 
Einrichtungen der alten GoUegien specieller zu schildern; ebenso wenig 
hat er die zahlreichen Neuerungsvorschläge , welche in den letzten Jahr- 
zehnten vor der Revolution hervortreten, kritisieren mögen, und weil ja 
doch nicht eine histoire comparee seine Aufgabe gewesen , hat er sich 
auf eine Berücksichtigung des englischen und deutschen Unterrichtswe- 
sens nicht eingelassen. 

Was er wirklich gibt, ist immerhin auch unserer Beachtung werth, 
als eine mit historischen Mitteln unternommene Apologie der jetzigen 
Schul gesetzgebung Frankreichs. Zu der Parallele zwischen unsern und 
den französischen Zuständen , die er selbst nicht gezogen hat , bietet er 
uns von seiner Seite her ein reiches und wohl geordnetes Material. Es 
soll nun im Folgenden der Versuch gemacht werden, den Inhalt des 
Werks kurz darzulegen, wobei manche Bemerkungen über Einzelnes ihre 
Stelle finden können. 

Von den zwölf Büchern, in welche das WeriL zerfällt, führt uns 
das erste in das römische Gallien. Unstreitig ist die Gharakteristik der 
gallischen Schulen sehr eingehend; aber sie bietet nicht gerade Neues. 
Offenbar ist der Vf. vorzugsweise darauf bedacht, das frühzeitige und 
immer entschieduere Auftreten der christlichen Bildung und kirchlichen 
Erziehung, neben welcher das Römische und Heidnische mehr und mehr 
an Kraft und Einflusz verliert, zu zeigen, und er hat für diesen Zweck 
viel Gutes in kürzester Form zusammengestellt; indes sähe man Einiges 
doch gern eingehender behandelt. Wir möchten z. B. glauben, dasz der 
Vf. den aristokratischen Gharakter der römisch-gallischen Schulbildung 
stärker hätte betonen und schärfer zeichnen sollen : jene Grammatik^* und 
Rhetoren von edler Geburt, die zum Teil überaus anspruchsvoll und von 
lächerlicher Eitelkeit beherrscht sind , so dasz sie bei aller Bewunderung 
für die groszen Dichter und Redner der alten Zeit nicht übel Lust haben, 
neben Homer und Virgil, neben Demosthenes und Gicero sich. stellen zu 
lassen , manche auch altertümelnde Pedanten , die mit kleinlichen Unter- 
suchungen die Zeit vergeuden und von den unmittelbaren Forderungen 
des Lebens unberührt bleiben, wie einen solchen Ausonius de profess. 
Burdig. XXn schildert. Was aber die Entwicklung einer christlichen 
Bildung und Erziehung in Gallien anlangt, so hätte wol auch noch ge- 
nauer ausgeführt werden sollen , wie die Bischöfe , obwol selbst oft aus 
edlen Geschlechtern hervorgegangen , doch ihre Teilnahme und Sorgfalt 
allezeit dem ganzen Volke zuwandten , das dann in ihnen auch seine ein- 
zigen Vertreter und Tröster unter den Zerrüttungen der Völkerwanderung 
erkannte. 

Das zweite Buch vergegenwärtigt uns die Entwicklungen der frän- 
kischen Zeit bis zum Vertrage von Verdun. Hier ist Erziehung und Un- 
terricht zunächst (unter den Merowingern) durchaus kirchlich, der Klerus 



Th^ry: Histoire de l'education en France. 269 

Inhaber und Spender aller geistlichen Güter ; aus dem rohen und wüsten 
Staatswesen, worin edlere Gemüter keine Befriedigung, begabtere Geister 
keinen Wirkungskreis finden zu können scheinen , zieht sich alles höhere 
Streben in die Kirche hinein , Erziehung und Unterricht gelten Vorzugs« 
weise als Vorbereitung für klerikale Thätigkeit uud die kirchliche Organi- 
sation hat neben den staatlichen Gebilden ein so imposantes Ansehen, 
dasz selbst die Lenker des Staats für das , was sie vertreten , immer wie- 
der Halt an jener suchen. Aber das führt freilich auch wieder zu groszcr 
Einseitigkeit und läszt Bedürfnisse unbefriedigt, die, wenn sie zunächst 
auch nur schwach sich ankündigen, doch Befriedigung erheischeu. Der 
Vf. hätte indes wol noch genauer ausführen sollen , wie die Kirche doch, 
obgleich ihr gegenüber die Staatsgewalt so unbehülflich und schwach er- 
schien, allmählich vom Staate niedergezogen und schlieszlich in jenen 
Zustand versetzt wurde , der die Merowingerzeit auch in Bezug auf gei- 
stige Bildung als eine überaus unerfreuliche ansehen und dasjenige , was 
im siebenten und achten Jahrhunderte bei den Angelsachsen sich ent- 
wickelte, nur um so glänzender hervortreten läszt. Auffallen kann es 
aaeh, dasz der Vf. die Schola palatina der Merowinger, die freilich erst 
Oianam entdeckt hat, so gar nicht berücksichtigt. Dasz in demjenigen, 
wu Karl d. Gr. mit fester Hand begründet hat, nach der ganzen Betrach- 
Umgaweise des Vfs. das Hinstreben zum rechten Verhältnis zwischen 
SUat und Kirche zu erkennen ist, bedarf kaum einer Bemerkung. Wie 
das so energisch Begonnene schon unter Ludwig dem Frommen sich wie- 
i» aufeuldsen beginnt, ist ziemlich speciell dargestellt. 

In eine sehr unerfreuliche Periode , die der Feudalherrschaft , führt 
das dritte Buch ein. Die Faust regiert, nicht der Geist, und die grosz- 
artige Institution der Kirche, aufgenommen in den Lehnsverband und 
v(H7Ugsweise äuszere Interessen mit äuszerlichcn Mitteln fördernd , ver- 
liert nicht blosz das so lange behauptete Uebergewicht über die rohe 
Staatsgewalt, sondern vermag kaum noch ein irgendwie wirksames Ge- 
gengewicht herzustellen. Erst die ungeheuere Bewegung der Kreuzzüge 
und die Entwicklung der Scholastik hoben die Kirche aus ihrer Verfallen- 
heit ?neder empor. Indes war hier doch die eigentümliche Stellung zu 
zeigen , in welche der westfränkische Klerus zur Dynastie der Capetinger 
trat, die durch ihn sehr entschieden erst gehoben, dann gehalten wurde; 
mit Snger, dem klugen Berather zweier Könige, Ludwig's VJ. und Lud- 
wig's TU., eröffnet sich ja doch die lauge Reihe der aus dem Klerus her- 
vorgegangenen französischen Staatsmänner, die mit Umsicht und Kraft 
das Königtum über alle beschränkende Gewalten emporzuheben strebten. 
Ebenso kam hier in Betracht, dasz der Klerus durch die Treuga Dei^ die 
ganz besonders unter seinem Einflusz Geltung gewann , zum Segen der 
rasdi sich entwickelnden Gommunen, also auch zur Sicherung der hinter 
den Mauern der Städte reifenden Kultur gewirkt hat. S. besonders Se- 
michon La paix et la tr^ve de Dien. Paris 1867. Welchen Einflusz da- 
mals der südfranzösische Klerus auf die Gestaltung der Sprache und die 
Bildung der religiösen Ideen gehabt hat, das ist von Fauriel (Hist. de 



270 Thery- Histoire de T^ducation en France. 

la poesie provencale I 234 ff.) und deLaveleye (Hist. de la langue et 
de la litt. prov. 52 ff.) sehr schön gezeigt worden. 

Im vierten, fünften und sechsten Buche tritt ans in ausge- 
fuhrlerer Darstellung die Scholastik entgegen, und natärlich heftet hier 
der Vf. seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Universität Paris, fiber 
deren Verfassung und Wirksamkeit wir specielie Belehrung erhalten. Es 
braucht kaum gesagt zu werden, unter welchen Gesichtspunkt der Vf. 
diese Entwicklungen stellt. Die Universität , halb geistlich , halb welt- 
lich , neben der kirchlichen Wissenschaft auch das dem Staate und der 
Gesellschaft dienende Wissen pflegend, sah zu ihrer Förderung Kirche 
und Staat vereinigt, und wie sie nun als fiUe ain^e des reis de France 
zu Zeiten eifrig bereit war, die Interessen des Königtums zu vertreten, 
so betrachtete sie sich auch wieder gern als ein kirchliches Institut, dem 
die Lösung der höchsten Aufgaben befohlen sei. — Aber bei dieser Be- 
trachtung hat der Vf. die reiche Entwicklung weltlicher Bildung, wdche 
Frankreich seit dem dreizehnten Jahrhundert sich vollziehen sah, fast 
ganz unbeachtet gelassen, während doch kein Zweifel danlber sein kann, 
dasz eine Geschichte der Erziehung in Frankreich das bunte , raffinierte, 
abenteuerlustige Leben der aristokratischen Kreise jener Zeit , das sich 
in zahlreichen Epen, wie in den Fabllaux und Liedern so wundersam re- 
fiectiert, mit eingehendster Sorgfalt zu betrachten habe. Hier hat der 
Vf. doch seiner Tendenz zu Liebe, nach welcher durchweg Auswahl und 
Gruppierung der Stoffe für ihn scheinbar wie von selbst sich ergeben 
hat, einer schweren Unterlassungssünde sich schuldig gemacht Freilich 
fehlt es auf diesem Gebiete noch sehr au Vorarbeiten , und so grosz der 
Fleisz der Forscher in Aufsuchung, Bearbeitung und Wflrdigung der 
Denkmäler altfranzösischer Litteratur bisher gewesen ist, so ist doch 
eine culturhistorische Ausbeutung derselben, namentlich wenn es um 
die Geschichte der Erziehung sich handelt, noch kaum ernstlich begonnen. 

Mit dem siebenten Buche treten wir in das Zeitalter des Huma- 
nismus und der Reformation ein. Was nun die Bestrebungen und Erfolge 
der Humanisten anlangt, so finden wir allerdings die Hauptthatsachen in 
der hier gegebenen Darstellung vereinigt; aber wir vermissen ein sorg- 
fältiges Eingehen auf die Veränderungen , welche durch das Vordringen 
des Humanismus die Sprache und Litteratur Frankreichs und somit die 
nationale Bildung erlitt, und erfahren nichts von dem Widerstände, wel- 
chen längere Zeit der französische Geist der fremden Erudition entgegen- 
setzte. Vgl. Phil. Ghasles Etudes sur le seizi^me sitele en France. 
Paris ld48. Ebenso läszt der Vf. die Entwicklung des französischen Cal- 
vinismus fast ganz zurücktreten, die doch auch das katholische Frankreich 
in sehr nachhaltiger Weise bestimmt und für das Gebiet der Pädagogik 
eine ganz besondere Wichtigkeit erlangt hat; aber freilich hätte sich eine 
Darstellung dieser Entwicklung nur schwer in den Zusammenhang, wie 
ihn der Vf. brauchte, einfügen lassen. Mit Vorliebe verweilt derselbe 
bei dem von Petrus Ramus durchgefochtenen Kampfe gegen die in der 
alten Scholastik verharrende Universität, wie er dann auch den Kampf 



Thdry: Histoire de Teducation en France. 271 

der Jesuiten gegen die alternde Hochschule und das Parlament in leben- 
digen Bildern uns vergegenwärtigt. 

Diese Schilderung setzt sich im achten Buche fort, das bis zu den 
▼on Heinrich IV. durchgeführten Schulreformen reicht. Ungern vermis- 
sen wir hier eine Gharalctenstik des Mannes, der neben Maldonat un- 
streitig am allermeisten zum Durchdringen des Jesuitenordens in Frank- 
reich i>eigetragen hat, des gewaltigen Edmund Augier, dessen Katechis- 
mus (lu Paris allein binnen acht Jahren in 38,000 Exemplaren verkauft) 
fär Frankreich noch wichtiger geworden zu sein scheint, als der des 
Petrus Ganisius für Deutschland. 

Ein überaus anziehender Stoff lag dem Vf. für das neunte Buch 
vor, in welchem er das Jahrhundert Ludwig's XIV. zu schildern hatte. 
Es ist ja das goldene Zeitalter der französischen Litteratur , das auch in 
der Geschichte der Pädagogik hohe Bedeutung hat durch die Bestrebun- 
gen der Väter des Oratoriums und der Anachoreten von Port-Boyal, durch 
die prunkvollen Leistungen der Jesuiten und die stillen Arbeiten der Ur- 
Yulinerinnen, durch die groszen Prinzenerzieher Bossuet und F^nelon. 
Die Universität , die durch die groszen religiösen Corporationen so starke 
Ckwcurrenz erfährt und doch zu durchgreifenden Reformen es nicht brin- 
gm kann, sieht gerade in dieser Zeit auch durch eine Menge kleiner 
Schulen sich gefährdet, gegen welche sie nicht mit den Waffen des 
Geistes, sondern mit Decreten des Parlaments sich wehrte. — Im Allge- 
meiDen hätte wol auch hier die Erziehung in festeren Zusammenhang mit 
dem gesamten Gulturleben . der .Zeit gebracht werden sollen. Hätte der 
Vf. die Entwicklung des Unterrichtswesens mehr im Einzelnen betrachten 
wollen > so würde er z. B. die damals so lebhaft verhandelte Frage von 
dem Vorzuge der neueren vor den alten Classikern nicht unberücksichtigt 
gdassen, wenigstens auf Fen^lon's Lettres ä la Motte sur Homere et 
sur les Anciens Bezug genommen haben. Da aber für ihn immer wieder 
das Veriiältnis von Staat und Kirche die Hauptsache ist, hat es geschehen 
können, dasz selbst F^n^lon's Telemach mit einigen flüchtigen Bemer- 
kungen, welche die weitreichenden Wirkungen gar nicht berühren, ab- 
geüum worden ist. 

Das zehnte Buch führt uns durch das achtzehnte Jahrhundert bis 
zur Revolution von 1789- Gleich am Eingange tritt uns die liebenswür- 
dige Gestalt RoUin's entgegen , die der Vf. augenscheinlich mit groszer 
Sorgfalt gezeichnet hat. Weiterhin erhalten wir Mitteilungen über die 
pädagogische Thätigkeit der Väter des Oratoriums mit besonderer Rück- 
sicht auf Bernhard Lami's Entretiens sur les sciences. Hieran schlieszen 
sich Bemerkungen über die Brüder der christlichen Schulen, die, wie 
bekannt, vorzugsweise der Kinder des Volks sich annahmen und so auf 
kirchlichem Fundamente ausführten , was der Regent Philipp von Orleans 
(hiervon hat der Vf. leider nicht gesprochen) durch seine Ordonnanz für 
Errichtung von Gemeindeschulen auf Kosten der Gemeinde vergeblich zu 
bewiriien versucht hatte. Die Katastrophe des Jesuitenordens ist mit vor- 
sichtiger Kürze behandelt; zulässig aber hätte dem Vf. dies erscheinen 
können, der Verdienste zu gedenken, welche die Jesuiten dieser spätem 



272 Thery: Histoire de Teducation en France. 

Zeit durch die standhafte Vertheidigung und die sorgfältige Benutzung der 
Alten sich erworben haben, und dasz aus ihren GoUegien Männer wie 
J. B. Rousseau, Voltaire, Lesage, Prevost, Gresset, Diderot, Bemardin 
de St. Pierr^, Buffon, Barthelemy hervorgegangen sind, ist doch kein 
schlechtes Zeugnis fär ihre in manchen Beziehungen freilich sehr unvoll- 
kommene Unterrichtsweise, lieber die Versuche, aus den nach jener 
Katastrophe übrig gebliebenen Trümmern etwas Neues zu gestalten, ist 
ausführlicher berichtet. Dagegen hat J. J. Rousseau nur mäszige Beach- 
tung erfahren ; eingehender sind wieder die Bemühungen der Revolutions- 
männer, der Vertreter des religionslosen Staates, um Reorganisation des 
Schulwesens auf neuen Fundamenten besprochen. — Dasz der Vf. auf 
die Vorschläge der Theoretiker sich wenig eingelassen hat, ist freilich 
zu bedauern , schon darum , weil sie viel dazu beigetragen haben , dasz 
es in den Jahren der Revolution zu so arger Praxis , zu so vollständiger 
Zerrüttung kam. In einer Histoire de T^ducation en France haben sicher- 
lich auch die wunderlichen Vorschläge von Helvetius in seinem 1768 
erschienenen Buche sur Tesprit auf eine Stelle Anspruch , nicht minder 
die Gedanken Voltaire 's über Verbesserung des Volksschulwesens, die 
ihn freilich nicht gehindert haben , über die populace auch sehr herbe 
Urteile auszusprechen (quand la populace se m^Ie de raisonner, tout est 
perdu); auch der socialistisehen Träume Morelly's in seinem Code de 
la nature (1755) dürfte gedacht werden. Auszerdem verdienten doch wol 
auch Schriften wie Coyer's Plan d' education publique (1770) und de la 
Chalotais' Essai d' ^ucation nationale (1*^), die auch auf Deutsch- 
land herübergewirkt haben , einige Beachtuog. 

Eine kaum zu bewältigende Masse des bedeutsamsten Stoffs umfaszt 
das elfte Buch: die Zeit des Gonsulats und des Kaiserreichs, sowie der 
Restauration bis zum Tode Ludwig's XVIII. Es versteht sich von selbst, 
dasz hier vor Allem das wahrhaft reorganisierende Gesetz vom 1. Mai 
1802, durch welches die Religion in die Schulen zurückgeführt und dem 
Unterrichtswesen ein nationales Gepräge gegeben wurde, berücksichtigt 
wird. Eine genauere Behandlung erfährt sodann auch die kaiserliche 
Universität und die hieran sich knüpfende gesetzgeberische Thätigkeit 
Näpoleon's I., von dem anerkannt wird, dasz er diese grandiose Schöpfung 
unstreitig mit ganz bessnderer Liebe gepflegt habe. Was späterhin so 
heftigen Widerspruch erfahren und zu immer stärkeren Klagen Anlasz 
gegeben hat, die so überaus straffe Einheit und Geschlossenheit des kai- 
serlichen Unterrichtswesens und das erdrückende Monopol der Universität, 
will der Vf. als eine für jene Zeit kaum zu entbehrende Dictatur recht- 
fertigen; dagegen haben die in das Unterrichtswesen gebrachten militä- 
rischen Formen seinen Beifall nicht. Eine speziellere Berücksichtigung 
erfahren in diesem Zusammenhange noch die weiblichen Erziehungsan- 
stalten von Ecouen und St. Denis. Sehr belebt ist die Schilderung des 
Schreckens im ersten Jahrzehnt der Restauration. Ueber den wechselsei- 
tigen Unterricht , der eine Zeit lang in Frankreich so viel Enthusiasmus 
erregte, sowie über den Einflusz von Jacotot und Girand, sind die Mit- 
teilungen nur kurz. 



Th^: Histoire de r^ucation en France. 273 

Im zwölften Buche hat der Vf. die Zeit Karl's X, der Juliregie- 
rung, der zweiten Republik und des zweiten Kaiserreichs behandelt. Er 
ist billig dem letzten Bourbun gegenüber. Was nach 1830 Guizot, Ville- 
main, Cousin und Salvandy für das Unterrichtswesen gethan, wird leb- 
haft anerkannt Wer indes L. H a h n ' s ungemein gründliches, in Deutsch- 
land aber nicht nach Verdienst gewürdigtes Werk über das Unterrichts- 
wesen in Frankreich (1848) oder den dritten Band von Guizot' s Memoi- 
ren , in welchem sehr wichtige Mitteilungen über den Primäruutcrricht 
gegeben sind, oder Kilian's Tableau historique de Tinstruction Secou-> 
daire en France (1841) oder Bucheler's sorgfältige Zusammenstellung 
in Schmid's Encyklopädie des Erziehungs- und Unterrichts wesens Bd. 2 
gelesen hat, wird das von unserm Vf. Dargebotene dürftig nennen. Die 
Rücksicht auf die Schöpfungen des zweiten Kaiserreichs, in deuen nach 
der Anschauung des Vfs. der wünschenswertheste Zustand erreicht ist, 
scheinen ihn doch wortkarger gemacht zu haben, als er gewesen sein 
würde , wenn er ganz seinem Gefühle hätte folgen können. Was unter 
Napoleon III. namentlich der Minister Fortoul vollbracht hat, ist im Gan- 
zen befriedigend dargestellt. Die Gebrechen des jetzigen Unterrichts- 
wesens hervorzuheben', lag nicht in des Verfassers Plane; aber ein spä- 
terer Geschichtsschreiber wird doch auch auf tiefe Schatten hinzuweisen 
haben, und wenn er es mit Befriedigung zu erwähnen hätte, dasz z. B. 
gegei|(ti[)er den in Normalschulen gebildeten und durch Prüfungen legiti 
mierten Volksschullehrern die Masse der Schulbrüder eine mehr und mehr 
zttsammenschwindende Minorität geworden, wird er die unerfreuliche 
Thatsache festzustellen haben , dasz der im Ganzen sehr unvollkommene 
Uaterricht der Schulschwestern für einen sehr groszen Teil der weib- 
lichen Jugend Frankreichs fort und fort der allein zugängliche geblieben ist. 

Dem zweiten Bande sind eine Reihe von Actenstücken beigegeben, 
durch welchen das Werk unstreitig an Werth gewonnen hat. Wir heben 
daraus als beachtenswerth hervor: die Reform der Universität durch den 
Cardinal d'Estouteville (1452) S. 318 — 362, die Lois et Statuts de TAca- 
d^iewet de TUniversitö de Paris vom J. 1598, S. 362 — 428, das D^cret 
imp^ial portant Organisation de TUniversit^ vom 17. März 1808, S. 429 
— 4d9, das Gesetz über den Primärunterricht vom 28. Juni 1833 , S. 459 
—471, das Unterrichtsgesetz vom 15. März 1850 mit den andern Verord- 
nungen der neuesten Zeit , S. 471 — 523. 

Als'Zeugnis für die Zustände der Gegenwart wird das Buch auch in 
späterer Zeit noch der Beachtung und Benutzung werth erscheinen , we- 
niger vielleicht um des Materials willen, das es darbietet, als des Geistes 
wegen, in dem es geschrieben ist. 

Zittau. H, Kämmel. 



274 Hartmann: Leitfaden für den geographischen Unterricht. 

Leitfaden in m)ei getrennten Lehrstufen für den geographischen 
Unterricht in höheren Lehranstalten, Von G. Ä. Hart- 
mann^ Subconrector am Rathsgymnasium in Osnabrüdc, 
Siebente verbesserte Auflage, Osnabrück, Verlag der Back- 
horstschen Buchhandlung. 1862. 

Der vorliegende Leitfaden gehört zu denjenigen Gompendien, welche 
die sogenannte topische und physische Geographie getrennt von 4er poli- 
tischen behandeln. Die erste Lehrstufe beginnt nach einigen Vorbegriiren 
mit einer Uebersicht der Erdteile, welche alle Halbinseln, Vorgdbirge, 
Meerbusen, Inseln usw. aufzählt. Schon öfter ist vom pädagogischen Ge- 
sichtspunkte bemerkt, dasz eine solche dürr neben einander gestellte An- 
häufung physischer Bestimmungen das Gedächtnis eben so unnötig be- 
schwere als die politisch -statistischen Notizen der alten Schule. Der 
rechte Gewinn der neuern geographischen Wissenschaft ist ganz wo an- 
ders zu suchen. Auch der geographische Unterricht der Schule ist fortan 
nur teilweise Gedächtnissache , vor allem auch Aufgabe des Anschauungs- 
vermögens , das an der Plastik der Länder usw. geübt wird. Auf einer 
Lehrstufe, wo durch keinen andern Lehrgegenstand Anschauung und 
Phantasie in recht zweckmäsziger Weise in Anspruch genommen werden 
kann, ist die Geographie, nach neuerer Methode behandelt, ganz uner- 
setzlich. Der Zusammenhang zwischen Landes- und Volksnatar kann 
ebenfalls , wenn auch in untern Klassen nur in den ersten Lineamenten 
als ein der neuern Wissenschaft zu entlehnendes Gut für Schuld be- 
trachtet werden. Mag aber ein Gompcndium einen Standpunkt einneh- 
men , welchen es will , jedenfalls musz präciser und correcter Ausdruck 
ein Hauptaugenmeri( des Verfassers sein. Für Schüler kann man nicht 
deutlich, nicht weit entfernt genug von aller Zweideutigkeit sein. Und 
nach dieser Seite hin lassen manche geographische Schulbücher, auch 
das vorliegende, so manches zu wünschen übrig. Wir geben Proben. 
S. 4. ^Alle flieszenden Gewässer strömen nach dem tiefsten Punkte der 
Erduberfläche' (Meeresspiegel). S. 6. Wenn unter den deutschen, Mittel- 
gebirgen der Süntel erwähnt wird , wie kann Böhmerwald , Baue Alp, 
Bhön verschwiegen werden? S. 20. *Die Schneegrenze sinkt nach den 
Polen und den Küsten hin.' ^Die Bewohner der heiszen Zone sind 
schlaff, reizbar, leidenschaftlich, tyrannisch.' Hat der Norden nicht 
auch genug Tyrannen -Exemplare? S. 38. Die Magdeburger Börde Ist 
keine Marschniederung. S. 48. Ein Herzogtum Preuszen existiert 
seit 1701 nicht mehr. S. 62. ^Klima (von Gonstantinopel) sehr ge«und. 
Pest' usw. Der Druckfehler sind mehr als bei einem Schulbuch wün- 
schenswerth. S. 61. Cagliaro. S. 23. *Die kalte Zone hat unansehnUcbe 
durstige (dürftige) Pflanzen.' 

Halle. Daniel, 



Friedrich Christoph Schlosser. 275 



Friedrich Christoph Schlosser. 



*Das Gebell der Einen und das Geheul der Anderen' hat S c h 1 o s s e r 
bald nach seinem Tode mit Heftigkeit angefallen. Nächste Veranlassung 
zum Ausbrach dieser Feindseligkeiten , von welchen der Lel)ende weit 
mdir Terschont geblieben war, gab der bald nach seinem Tode erschie- 
nene Nekrolog von G ervin US, w*elcher durch unleugbare lieber treibung 
und Ueberschwenglichkeit herausforderte, und zwar auszer Schlosser's 
Feinden ganz besonders noch die Gegner von Gervinus selbst herausfor- 
dorle. Die historisch-politischen Blätter von Philipp's und Görres widmen 
nehmlich Gervinus von lange her einen ganz heiszen Zorn , und bei den 
Aosftllen von Sybel weiss man wirklicli nicht, ob sie mehr Schlosser 
oder Gervinus gelten. Es war deshalb ganz gut, dasz Web er im 66. Hefte 
des ^Jahrbuchs zum Gonversations-Lexicon' S. 314 — 27 einen einfacheren 
Bericht zum Andenken Schlosser's drucken liesz, der bei aller Verehrung 
für den Verstorbenen dennoch von Uebertreibung in der Hauptsache frei 
ist und zugleich gegen Niemand eine feindselige Herausforderung ent- 
hUl, was man nun einmal von Gervinus nicht sagen kann, der unter 
Anderem über die Ranke 'sehe Schule in einer Weise spricht, welche 
diese nun obenan stehenden Herren verletzen muste, selbst wenn sie 
sieh weniger fühlten. Der Verfasser dieser Zeilen , ein alter Schüler von 
Sdilosser, älter als Gervinus und als Weber, freut sich deshalb, dasz 
durch die Pietät dieser beiden Nekrologen für Schlosser's Andenken in 
sieh ergänzender Weise gesorgt ist, er ergreift aber selbst die Feder, 
tun Uebergangenes nachzutragen und Anderes noch mehr zu beleuchten. 

In einer Zeitschrift wie diese Jahrbücher der Philologie und Päda- 
gogik, ist es jeden Falls, denke ich, passend und an der Zeit, dasz über 
einen Mann wie Schlosser ein Wort der Erinnerung gesprochen werde, 
da derselbe nicht blosz selbst längere Zeit Schulmann war, sondern auch 
für die Bildung tüchtiger gelehrter Schulmänner in seiner Eigenschaft 
and Thitigkeit als Heidelberger Professor sehr nachhaltig und erfolg- 
reidi wirkte. Dieses Wirken für die Heranbildung tüchtiger Schulmänner, 
wovon jene zwei Biographen nichts sprechen, beruhte aber vor Allem 
auf seiner hohen Werthschätzung des Schulwesens, welche er aus seiner 
eigenen schulmännischen Lehrthätigkeit zu Jever und zu Frankfurt auf 
den akactemischen Lehrstuhl mitgebracht hatte und treulich bewahrte, 
dann aber insbesondere nicht blosz auf der Gründlichkeit und Wissen- 
schaftlichkeit seiner Vorlesungen, sondern auch in ihrem abschlieszendeu 
Umfang. Mit Schlosser starb nehmlich der letzte deutsche Geschicht- 
professor, welcher, auf ganz selbständiger Forschung fuszend, dennoch 
über den ganzen Kreis der Geschichte einen regelmäszig abtaufenden 
Cyclos von Vorlesungen hielt; ein Wirken, auf dessen Vielseitigkeit ge- 
ringschätzig herabzusehen, leider eine höchst selbstbewuste Berechtigung 
der historischen Forscher unserer Zeit ist, wo bei allerdings gewissen- 



I 



276 Friedrich Christoph Schlosser. 

hafter und selbst ängstlicher Forschung im Kleinsten ganz natürlich fast 
Nichts mehr als ausgemacht erscheint und die allgemeine Geschichte 
ebenso vom Schauplatze verschwindet, als wie es heute mit Hohnge- 
lächter aufgenommen würde, wenn sich Jemand erkühnte, Naturforscher 
im Allgemeinen zu sein, und nicht hlosz der Kenner eines Faches der 
Naturwissenschaft, oder vielleicht, wenn es weit gehl, zweier. Schlos- 
ser umfaszte, wie gesagt, als gründlicher und eifriger Professor der 
Geschichte das ganze historische Gebiet sowöl der eigentlichen als der 
Culturgeschichte , und wirkte dadurch, Indem er seinen Gyclus jeweils 
in etwa 3 Jahren vollendete, auf die historische Gesamtbildung seiner 
Schüler im Allgemeinen sehr durchgreifend, auf die der zukünftigen 
Schulmänner aber um so wesentlicher, als bei diesen das Bedürfnis eines 
Ganzen sowol formell als materiell rein unabweisbar ist, nichts davon 
zu sagen , dasz es kein besseres Mittel gibt, den Jünger der Wissenschaft 
zu nachhaltigem und fortgesetztem Studium zu entflammen, als wenn 
man ihm das crmuthigende Gefühl des Nichtfragmentanschen verleiht. 
Es sitzen von Schlosser's Schülern mehr als £iner auf akademischen Lehr- 
stühlen just der Geschichte, ohne ihrem Lehrer in diesem Umfassenden 
nachfolgen zu können oder zu wollen; sie werden aber gewis das, was 
ich hier seiner gründlichen Vielseitigkeit wegen sage, anerkennend, vor 
Allem bezeugen müssen, dasz Schlosser in keinem einzigen Gollegium 
jenes Cyclus den Forderungen der Wissenschaftlichkeit und Gründlichkeit 
nicht entsprochen habe. 

Ein anderer Punkt von Schlosser's Thätigkeit für Heranbildung tüch- 
tiger Schulmänner liegt in der ganz besonders nachhaltigen und wohl- 
wollenden Aufmerksamkeit, welche er gerne denjenigen seiner Zuhörer 
zuwendete, von denen er wüste, dasz sie sich dem Schulamte zu wid- 
men gedachten. Und in dieser Beziehung ganz besonders bewahre ich 
dem Verstorbenen ein nie verlöschendes Andenken der innigsten Dankbar- 
keit. Ich kam nach Heidelberg mit einer im Ganzen guten Schuivorbe- 
reitung und mit dem entschiedensten Vorsatze ernstlicher Studien, aber 
ohne alle Empfehlung an einzelne Lehrer, ein sich selbst üb'erlassener 
Jüngling sine commendatione natalium. Bald ist jetzt nahezu ein halbes 
Jahrhundert verflossen, ich fühle aber noch heute lebendig, mit welch 
fast zitternder Scheu ich dem gefeierten Gelehrten mich näherte, und 
wie ermuthigt durch seine zwar wenigen, aber teilnehmenden Worte ich 
von dannen gieng. Ich hörte dann zunächst seine Vorlesungen über alte 
Geschichte mit gröstem Fleisze und ganzer Aufmerksamkeit, wobei ich 
mich freilich nur zu sehr von dem geringen Masze meiner historischen 
Vorbildung überzeugte. Mein desto aufmerksamerer Fleisz wurde aber 
von Schlosser mitten unter den zahlreichen Zuhörern so sehr bemerkt, 
dasz sich derselbe, als ich am Schlüsse des Semesters mein Zeugnis 
holte , mit der wohlwollendsten Teilnahme nach meinen Studien und Be- 
strebungen ganz ausführlich erkundigte und von diesem AugenMicke an 
mein eigentlichster Führer wurde. Ich hatte von der Schule das philo- 
sophische Fieber des Schellingianismus mitgebracht und ertiidt nun im 
philologischen Seminar ein Häcksel aus Stroh und Disteln zur Geistes- 



Friedrich Christoph Schlosser. 277 

nahrung, zwei Extreme, welche mich dem Entschlüsse nahe brachten, das 
Studium der höheren Schulwissenschaften , dem ich mich ganz eigentlich 
widmen woUte, mit einem andern Fache zu vertauschen. In dieser qual- 
vollen Krisis erhielt ich an Schlosser einen Retter , der mich vom Philo- 
sophismus dadurch curierte, dasz er mich von dem geringen Masze 
meiner positiven Kenntnisse überzeugte , die doch vor Allem nötig seien, 
wenn man philosophische Luftreisen machen wolle, während er zugleich 
auf der andern Seite das historische und positive Wissen in einer Art zu 
charakterisieren wüste, die der Geistigkeit Befriedigung bot. Und dies 
vermochte er bei einem angehenden Philologen um so eindringlicher, als 
er mit einer wasdasWesen angeht durchaus gröndlichen und um- 
fassenden Kenntnis der alten Litteratur ausgerüstet war , die auch der 
philologischen Technik nicht fem stand und sich später für das gröszere 
Publicam und für die Philologie in seinem stets werthvollen Werke 
* Universal-historische Uebersicht der Geschichte der alten Welt' nach- 
drücklich und einfluszreich bewährt hat. Schlosser's Anleitung verdankte 
ich es, dasz ich in meiner Leetüre der griechischen und römischen Schrift- 
stdler Plan und Methode gewann, die mich zwischen dem Wesentlichen 
und ZufiUligen in diesem Gebiete unterscheiden lehrte und namentlich 
die Reihenfolge fixierte, in welcher ich, jeden Schriftsteiler stets ganz 
lesend, von den Aeltesten zu den Späteren fortschritt. 

Dies führt mich zunächst zur Erwähnung der litteranschen Abend- 
atonden , in denen er einigen Auserlesenen , die er in seiner Wohnung 
um sich versammelte und zu welchen auch ich gehörte , namentlich grie- 
ehische und lateinische Auetoren zwar nicht streng philologisch , aber 
immerhin in einer Weise erklärte , die , im Ganzen gründlich , zugleich 
als Muster einer freieren , für Nichtphilologen berechneten Behandlung 
aller Auctoren gelten durfte und mir nicht blosz damals für meinen gan- 
zen Studienweg sehr nützte , als Gegensatz gegen den starren Philologis- 
fflüs mit seinem Variantenkram, sondern auch später, als ich selber Lehrer 
der Philologie wurde, für manche meiner Vorlesungen Leitstern ward. 
Gervinus und Weber haben diese Girkel nachdrücklich erwähnt, ich er- 
wähne sie hier aber noch einmal, weil ich das betonen will, was sie 
gar nicht andeuten, dasz nehmlich gerade in diesen engeren und näheren 
Berührungen mit Schlosser sein wohlthätiger Einflusz auf die Bildung 
künftiger Schulmänner sich ganz besonders fruchtbar entwickelte. Ich 
wenigstens musz bekennen, dasz während der 22 Jahre, in welchen 
ich als Gymnasiallehrer wirkte , das , was ich in diesen engeren Berüh- 
rungen mit Schlosser an frischer, unpedantischer Methode gewann, nicht 
ohne Nutzen besonders für meine Primaner gewesen ist. Und das Nehm- 
liche wird gewis aus Schlosser's Zuhörern mancher Schulmann in den 
verschiedensten Gegenden Deutschlands bekennen. Doch musz ich zur 
Yermeidung von Misverständnissen alsbald hinzufügen, dasz Schlosser 
uns nie von den ganz streng philologischen Studien, denen er nach Sy- 
bel fälschlich ganz fem gestanden sein soll, ableitete; im Gegenteil, er 
sprach von denselben stets mit dem grösten Respecle, und ich erinnere 
mich noch ganz lebendig, wie er einmal, als ich allein bei ihm sasz und 

N. Jahrb. f. Phil. a. Päd. II. Abt. 1862. Hft. 0. 19 



278 Friedrich Christoph Schlosser. 

philologisch-hodegelische Bemerkungen enlgegennahm , zu meiner Ueber- 
raschung von dem Iganz eigentümlichen Reize streng philologischer Be- 
scliäftigung sprach und insbesondere das schriftliche Handhaben der Lati- 
nität, wofür er immer in Fr. A..Wolf das höchste Muster erblickte, als 
etwas so Edles pries, dasz er dasselbe seinem historischen Vermögen fast 
gleich stellte. 

Wenn es mir gelungen ist , in den bisherigen Zeilen auf eine höchst 
fruchtbare, aber vielleicht mehr unscheinbare Seite der Schlosser'sGben 
Thätigkeit aufmerksam zu machen, so will ich nun noch zum Schlüsse 
ein paar andere Punkte zu beleuchten suchen, in welchen ich mit den 
zwei Biographen nicht ganz übereinstimme. 

Gervinus sagt: ^Schlosser war durch und durch ein in der Wolle 
gefärbter Demokrat', und : 'er war nach seiner Gesinnung noch mehr, als 
nach dem ausdrücklichen Bekenntnisse, ein ganzer Demokrat'. Gervinus 
selbst musz aber alsbald eine Erklärung des Wortes 'Demokrat' hinzu- 
setzen, die dem allgemeinen Sprachgebrauche entgegensteht; und Wel- 
eker, der ihn ebenfalls einen Demokraten nennt, sieht sich auch genö- 
tigt , alsbald hinzuzusetzen , er sei dies nicht in der wörtlichen und mo- 
dernen Bedeutung gewesen , die das Heil der Welt in einer unbegrenzten 
Volksherrschaft erblicke, sondern in dem Sinne, der dem römischen 
Volkstribunate zu Grunde lag , ' der sich des gedrückten Volkes gegen die 
Unterdrücker annimmt, der den Schwachen wider den Starken beschützt, 
den Bedrängten wider die Dränger vertheidigt und die Sache des Hfilf- 
losen und Armen wider Unrecht und Gewaltthätigkeit führt Ich frage 
ganz einfach : wo hat denn Schlosser je den Volkstribunen gespielt? Im 
wirklichen Leben jedenfalls nie, in seinen Schriften sicherlich nicht in 
dieser Weise, deren Schilderung "ja doch eigentlich nur an das Leben 
selbst denken läszt. Warum nennt man aber Schlosser einen Demokraten, 
wenn man alsbald genötigt ist zu bemerken, das Wort dürfe jedoch nicht 
in seinem gewöhnlichen Sinne genommen werden? Sollte es endlicli den 
Herren möglich sein zu beweisen, dasz dieses Wort bei den Allen just 
das bezeichnet habe , was sie darunter verstanden wissen wollen , wenn 
sie es von Schlosser prädicieren ? Gewis nicht ! Darum ist es auch durch- 
aus verkehrt, ihn einen Demokraten zu nennen, als welchen ich ihn 
weder im Umgange, noch in den Vorlesungen, noch in seinen Schriftea' 
kennen gelernt habe, die Geschichte des 18. Jahrhunderts nicht ausge- 
nommen. Schlosser war ein freier Mann, aber weder ein Demokrat, noch 
ein Aristokrat, ja er war eher Aristokrat, als Demokrat; und audi als 
Aristokrat kann man ja ein teilnehmender Freund des Volkes und seiner 
Sache sein, wie die Geschichte schon tausendmal bewiesen hat. Schlosser 
war ein durch und durch furchtlos freier Ehrenmann , dem die Politik 
als solche ebenso fern stand , als er selbst allen politischen Parteien stets 
fern geblieben ist, obschon er sich z. B. wiederholt in den Heidelberger 
Jahrbüchern zu Gunsten des Staatslexicons von Rotteck und Welcker in 
entschiedener Weise aussprach, die aber gerade deshalb für das Buch so 
wichtig wurde, weil die ganze Welt wüste, das Schlosser nicht zu der 
Partei gehörte, als deren Repräsentanten Rotteck und Welcker unzweifel- 



Friedrich Christoph Schlosser. 279 

haft dasUndcD. Und hier dürfte es wul der Ort sein, Herrn v. Syhel zu 
fragen , wie er sich erlauben konnte, Schlosser einen historischen Partei- 
schrifUteller zu nennen. Wenn Jemand der Freiheit menschlicher Ent- 
wicklung huldigt, wie Schlosser allerdings in höchst vernunftiger und 
entschiedener Weise that, so wird man ihn doch deshalb, weil er dadurch 
ganz naturiich den Leuten des kirchlichen und politischen Stabilismus 
entgegensteht, nicht einen Parteimann nennen dürfen? Was ist denn in 
sokhem Falle Hr. v. Syhel selbst? 

Verkennen läszt es sich freilich nicht, dasz Schlosser in seinen spä- 
teren Jahren ein mehr ausgesprochener Freund der fortschreitenden 
Entwicklung war, als früher, aber selbst in dieser späteren Zeit war er 
nichts weniger als Parteimann, und es würde Hrn. v. Syhel gewis rein 
unmöglich sein, uns den Namen derjenigen ^Partei' zu nennen,' wel- 
cher Schlosser angehört haben soll. 

Weil ich übrigens einmal auf Unterscheidung zwischen früheren 

und späteren Zeiten im Leben Schlosser's zu sprechen gekommen bin, so 

will ich alsbald bemerken , dasz man in der That , wenn kein schiefes 

Bild von ihm entworfen werden soll, in Manchem nach Früher und Später 

uiterscheiden musz. So namentlich in Bezug auf die Religion, in den 

Zeiten, da ich sein Schüler war, dauerte hierin die selbst ins Mystische 

gehende Richtung, welche er in seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten 

oflfenlmrte, noch entschieden fort. Er betonte bei jeder Gelegenheit die 

«Dgeschwächte Geltung des positiven Glaubens und der Kirche , und ich 

vergesse nie den Eindruck, den es auf mich machte, als er einmal, da 

von dem Bisthumsverweser v. Wessenberg die Rede war, äuszerte: 

^das ist auch Einer von den Leuten, die das Volk um seine Religion zu 

bringen suchen'. Später, als er beim ungezügelten Fortschritte der Reac- 

tion in den zwanziger Jahren sah , welcher Unfug mit dieser positiven 

Religion im entwürdigenden Dienste der politischen Knechtung getrieben 

wurde, ermannte er sich aus dieser, ich möchte fast sagen quietistischen 

Richtung bis zu dem Grade, dasz er ein entschiedener Verehrer Wessen- 

herg's wurde und ob dieser Verehrung ihm seine litterarischen Schwächen 

so sehr übersah, dasz er dessen gewis äuszerst schwache ^Geschichte der 

Concilien', in weiser Anerkennung der edlen Tendenz des Verfassers , in 

den Heidelberger Jahrbüchern wohlwollend behandelte. Ist dies aber 

▼idUeicht gerade ein Merkmal des Parteimannes? Ist dies ein Zeichen 

schwacher Inconsequenz? nein, es ist ein Zeichen des vorurteilsfreien 

Mannes vom («eiste, der nie seiner wahren Ueberzeugung untreu wird, 

und dessen Innerstes zu jeder Zeit besserer Belehrung offen steht. 

Wenn man übrigens meinen sollte , Schlosser sei später ein eigent- 
liclier Rationalist gewesen , so wäre auch dies ein Irtum. Das Organ 
der Religion war bei ihm nie der Verstand, sondern die innerste Inner- 
lidiiieit seines Seins , und die Bemerkung Weber's , dasz Stiilosser nicht 
der theologischen *i)enkgläubigkeit' *mit der daraus hervorgegangenen 
Plattheit. und Gemeinheit' gehuldigt habe, ist so sehr wahr, dasz wenig 
wahrsclieinlich ist, was beide Biographen melden, dasz er mit Paulus, 
dem Erzrationalisten der ^Denkgläubigkeit', in den engen Beziehungen der 

\9* 



280 Friedrich Christoph Schlosser. 

Freundschaft stand. Wenigstens zu der Zeit, da ich sein Schüler war, 
habe ich so etwas nie bemerkt , wol aber das gerade Gegenteil wahrge- 
nommen. Aehnlich, obgleich nicht ganz so, war damals auch sein Ver- 
hältnis zu J. H. Vosz, dessen Nüchternheit in Religionssachen weit von 
Schlosser's fast mystischer Wärme abstand, und ich habe die Rede, welche 
er bei Vossen's Tode niederschrieb, in der That nicht ganz mit meinen 
um ein paar Jahre früheren Wahrnehmungen in Einklang bringen können, 
auszer wenn ich auch die höchst trübseligen politischen Verhältnisse je- 
nes Augenblicks als Schlüssel herbeizog. 

Und weil ich denn von Personen spreche , über welche Schlosser^s 
Gedanken nicht zu allen Zeiten die nehmlichen waren, so will ich noch 
ein anderes Beispiel anführen. Rotteck's * Weltgeschichte' war An- 
fangs der zwanziger Jahre in rasch zunehmender Geltung, welche selbst 
den Verfasser überraschte, wie mir derselbe später ganz offen bekannte. 
Dasz einem Schlosser solche Tendenz-Weltgeschichten in der innersten 
Seele zuwider sein musten, kann man sich denken, und er machte diesem 
Ingrimm eines Tages auf dem Katheder in einer Weise Luft, die mich 
nichts weniger als erfreute, denn sie überstieg wirklich alles Masz. Es 
vergieugen dann die Jahre, und Schlosser, welcher die bedeutende poli- 
tische Wirkung des Rotteckischen Buches erlebte, hatte sich allmählich 
selbst auf einen politischen Standpunkt gehoben, dasz er in der Geschichte 
des 18. Jahrhunderts, ohne sich als Historiker untreu zu werden, den- 
noch Rotteck volle Gerechtigkeit widerfahren liesz. Ganz das umgekehrte 
Verhältnis stellte sich in Bezug auf Eilers ein, welcher, als ehemaliger 
Schüler Schlosser's des Gymnasiallehrers, in den Zeiten, da ich bei ihm 
aus- und eingieng, die vollste Zuneigung und Werthschätzung seines ehe- 
maligen Lehrers genosz , der nicht selten von diesem damaligen Director 
des Kreuzuacher Gymnasiums mit Wärme sprach. Später änderte sich dieses 
Verhältnis so sehr, dasz, wie Weber berichtet, der Lehrer von seinem 
Schüler, der unterdessen zu einfluszreicher Stellung in Berlin gelangt 
war, gar nichts mehr wissen wollte. Ich glaube nicht, dasz Eilers sich 
geändert hatte, dessen Anschauungen, wie sie in der ^Wanderung durchs 
Leben' niedergelegt sind, mich in manchen Stücken gar sehr an die An- 
schauungen Schlosser's aus früherer Zeit erinnerten: die Trennung Beider 
kam nach meiner Ansicht und Vermutung von der Aenderung Schlosser's 
her, der, wie ich eben zeigte, in späteren Zeiten sogar einena Rotteck 
sich zu nähern vermochte. 

Schlosser war seinem ganzen Wesen nach coutemplativ und eine 
reclil eigentlich innerliche Natur, die man vielleicht in dieser Beziehung 
mit Gervinus eine ^geschlossene' nennen darf. So edel nun diese con- 
templative Innerlichkeit sein mochte, sie war eben doch eine Einseilig- 
keit, die nichts selten etlrem wurde, da Schlosser ohnehin von den 
Schwächen der Pedauterie ebenfalls nicht frei war. Solche Einseitigkeit, 
mag sie im übrigen noch so edel sein, ist aber einem Historiker, der 
das ganze Leben durchblicken soll, gar sehr nachteilig und ein unüber- 
windliches Hindernis der eigentlichen Grösze. Diejenigen, welche Schlos- 
ser einen ^groszen' Historiker nennen, thun ihm deshalb keinen Gefallen, 



Friedrich Christoph Schlosser. 281 

soodern rufen seine Gegner zum feindseligsten Widerspruche auf, wie 
leider durch Gervinus geschehen ist. Wäre Schlosser ein g r o s z e r Hi- 
storiker, sein Urteil über Napoleon wäre gewis in mancher Beziehung 
ein anderes geworden, und Weber hätte, als er besonders die Gerechtig- 
keit hervorhob , die Schlosser dem ^todten Löwen' zu Teil werden liesz, 
wol wissen sollen , dasz die Verehrer Napoleon^s mit Schlosser in diesem 
Punkte durchaus nicht zufrieden sind. 

Verwandt mit diesen Punkten ist auch die Frage über Objectivi- 
tä t und Subjectivitätin den historischen Schriften Schlosser's. Nach- 
dem er seit dem ersten Erscheinen seiner Geschichte des 18. Jahrhunderts 
durch den Gegenstand gewissermaszen genötigt und durch seine fortge- 
schrittene Herausbildung gereift war, die Geschichte unmittelbar an das 
Leben anzuknüpfen, trat seine Subjectivität mitten in der stets gründlich 
untersuchenden Behandlung so sehr hervor, dasz er sich von nun an fast 
mit einer gewissen AfTectation einen durchaus nur subjectiv schreiben- 
den Historiker zu nennen pflegte (was er doch gewis im Extrem nicht 
war), während er früher ebenso extrem, aber auch nicht vollständig rich- 
tig sich einen nur objectiv schreibenden Historiker nannte und diesen 
Pankt auch in den Vorlesungen bis zum Uebermasz betonte. Ich erinnere 
midi in dieser Beziehimg noeh sehr lebendig eines Augenblickes, in wel- 
chem er, durch solche Erwägungen wenigstens veranlaszt, mit einem 
sehr scharfen Urteile über Heeren *s ^Ideen' in wegwerfendem Tone 
ausrief: ^Ideen kann jeder haben'; ein Wort, das mir gerade damals um 
80 übertriebener und unrichtiger vorkam, als ich just aus meiner Heidel- 
ba*ger täglichen Erfahrung leider nur zu sehr wüste, dasz es gar zu 
viele Gelehrte gibt, welche das ganze Jahr hindurch keine einzige eigene 
klee haben. Und hier darf gelegentlich auch versichert werden, dasz 
Schlosser von aller eigentlichen Philosophie , besonders insofern sie wahre 
Speculation ist , himmelweit entfernt war und deshalb, wenn er dennoch 
hierin mitreden wollte, in der Regel sehr Ungeeignetes äuszerte. Er war 
immer nur Historiker, nie v Philosoph, nicht einmal Politiker, obgleich 
seine Geschichte des 18. Jahrhunderts besonders in den späteren Ausga- 
ben ihn im Vergleich gegen früher als einen fast urplötzlich mit Staats- 
mänuischem Scharfblicke ausgerüsteten Gelehrten zeigt. Die Erkenntnis 
der Thatsachen ist ihm vor Allem die unerläszlichste Aufgabe und war in 
seinen früheren Zeiten fast das ausschlieszlich einzige Bestreben, welches, 
wie er meinte , das Urteil unmittelbar in seinem Gefolge habe ; und dies 
ist in der Hauptsache auch später so geblieben, als er mit seinem Urteile 
so sehr hervorzutreten pflegte , dasz der weniger Aufmerksame glauben 
konnte , es sei ihm eigentlich blosz um das Urteil zu thun , und er wolle 
vor Allem nur sittlich politische Kritik üben. Von diesem Punkte aus 
nrasz man es auch betrachten, wenn Schlosser ^geistreich' genannt wird. 
Was man gewöhnlich unter einem ^Geistreichen' versteht, d. h. ein Mann, 
der ¥or Allem, abgesehen vom Stoffe, die glänzende Flamme seines 
Geistes hell und überraschend blitzen läszt und immer und überall ganz 
Unerwartetes und Neues wie Feuer aus den Felsen schlägt, das war 
Schlosser nicht; er war auch hierin fest an das Historische gebunden und 



\ 



282 Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen. 

konnte im eigentlich Historischen überraschende Blicke thun : er war geist- 
reich in und mit der Geschichte, aber nicht geistreich im allgemeinsten 
Sinne und unabhängig von der Geschichte. Diese war sein eigentliches 
Sein, durch sie und ihre Lehren wollte er der Menschheit, ohne dabei je 
ein eigentlich teleologisches besonderes Ziel zu verfolgen, im Allgemei- 
nen nützen , von diesem Gesichtspunkte erhielten alle sein^ Studien ihre 
höhere Weihe: dasz nehmlich sein Wissen an und für sich sein Stolz ge- 
wesen wäre, wie Weber versichert, habe ich nie wahrgenommen, son- 
dern erinnere mich genau , dasz er sich wiederholt im entgegengesetzten 
Sinne aussprach und namentlich über diejenigen lachte, welche auf Kennt- 
nis vieler Sprachen stolz seien , da dies doch nur eine unselige Last sei, 
welche uns in andern wahren Fortschritten des Geistes gar sehr hemme. 
Diese höhere Weihe der Schlosserschen Studien, diese moralische Ver- 
klärung seiner Schriften , in welcher er an seinen stets hoch geschätzten 
Lehrer Spittler anknüpft,, wird ihm auch stets die fortdauernde Mög- 
lichkeit eines veredelnden Nutzens und Einflusses sichern und ilin bei 
Menschen gleichen Strebens im Andenken der Verehrung erhalten, mögen 
die fleiszigen Bestrebungen Anderer und ihre genau diplomatischen Unter- 
suchungen an seinen Sciiriften immerhin Schwächen entdecken. Eine Un- 
wahrheit ist es, wenn Sybel sich zu sagen erkühnt: *Schlo8ser*s Ge- 
schichtswerke hat Deutschland längst vergessen.' 

Freiburg. A. Baumstark. 



Berichte über gelehrte Anstalten, Verordnungen, statistische 
Notizen, Anzeigen von Programmen. 

(Fortsetzung von Seite 244.) 



5. Stuttoabt]. Der Professor v. Clasz am oberen Oymnasiiun 
wurde seinem Ansuchen gemäsz wegen vorgerückten Alters in den 
Ruhestand versetzt und demselben in Anerkennung seiner vieljährigen 
verdienstvollen Leistungen der Titel eines Oberstudienraths verliehen. 
Der stellvertretende Vioar am oberen Gymnasium, Dr. Wintterlin, 
wurde wirklicher Qymnasialvicar. Zum Amtsverweser an Classe VII 
wurde der Lehramtscandidat Klaiber berufen; Lehramtscaadidat Hir- 
zel trat als Hülfslehrer für Classe I ein. Die erledigte Hauptlehrer- 
stelle am oberen Ghpmnasiam wurde dem Professor Holz er übertragen; 
die erledigte Hauptlehrerstelle am mittleren Gymnasium erhielt Rector 
Jordan in Reutlingen. Der stellvertretende Gymnasial vicar Haszler 
wurde angewiesen, als Verweser der erledigten Stelle an der lateini- 
schen Schule in Reutlingen einzutrete Uf und dem früheren Vicar am 
mittleren und unteren Gymnasium, K auf f mann, diese Stelle wieder 
übertragen. Den Hauptlehrem für Mathematik, beziehungsweise für 
französische Sprache am mittleren Gymnasium, Stockmayer und Dr. 
Nover, wurde der Titel von Professoren verliehen. Dem Rector und 
Vorstand der Turnlehrer-Bildungsanstalt Schmid wurde zu Besorgung 
eines Teils der Rectoratsgeschäfte Prof. Gaupp als Gehülfe beigege- 



I 



Berichte über gelehrte AnsUltcn, Verordnungen, statisl. Notizen. 283 

ben. An die Stelle des zum Pfarrer ernannten Keligionsl ehrers Laux- 
mann vmrde Vicar Schott berufen. Schülerzahl 585 (oberes Gymna- 
sium 108, mittleres 216, unteres 261). Abiturienten 2. *— Den Schul- 
nachrichten geht voraus: Abhandlungen von Prof. Kratz: a) Ueher den 
Modus der rhetorischen Frage in der lateinischen oratio obäqua, b) Die 
sogenannte unwillige oder misbilUgende Frage mit dem Conjunrtiv, mit ut 
und dem, Conjunctio, mit dem Accusativ und Infinitiv, 42 S. 4. Zu a. 'In 
de^ obliquen Kede stehen alle rhetorischen Fragen wie der rhetorische 
Ausntf, wenn sie ihrem wahren Gehalte nach eine Aussage in sich 
schlieszen, gleich allen Aussaeehauptsätzen im Accusativ mit Infini- 
tiv; wenn sie dagegen Ausdruck eines Wunsches, Verlangens, Befehls 
oder einer Aufforderung sind, so stehen sie gleich allen Heischesätzen 
im Conjnnctiv.' Dieses Gesetz wird an den einzelnen Stellen der Clas- 
siker nachgewiesen; jedoch hat sich der Verf. in dieser Beziehung auf 
die Historiker Cäsar, Livius und Tacitus beschränkt, weil er der An- 
sicht ist, dasz ein an ihnen einmal nachgewiesenes Sprachgesetz durch 
etwaige Abweichungen im Sprachgebrauche geringerer Historiker nicht 
wesentlich alteriert werden könne, t- Zu b. 1) Die reine Conjunctiv- 
frage. 'Die Misbilligung, welche die Grammatik durch diese Frage 
aosgedrückt sein läszt, liegt nicht im Conjnnctiv, sondern in der Frag- 
fonn. Der Conjnnctiv behält iiuch hier seine Grundbedeutung, Aus- 
druck des blosz Gedachten zu sein; die Conjunctivfrage hat es 
mit Vorstellungen zu thun, welche durch die Fragform ver- 
worfen werden. Der Unterschied, ob mit oder ohne ne, dürfte darin 
bestehen, und es gilt diese Bemerkung auch für die ut-Frage wie für 
den Ausruf im Acc. und Inf., dasz die Frage ohne Partikel mehr dem 
Affecte, die Frage mit Partikel mehr dem Verstände angehört. 
Ohne Zweifel ist es nicht zufällig, sondern liegt im Wesen der leben- 
digen, erregten Frage, dasz die Conjunctivfrage hauptsächlich in der 
ersten und zweiten Person erscheint. Haben wir es in der reinen Con- 
junctivfrage mit selbständigen, unabhängigen Vorstellungen und Ge- 
danken des Subjects zu thun, so erweist sich dagegen die durch ut 
mit dem Conjnnctiv eingeführte Vorstellung insofern als eine abhän- 
gige, als ut keinem selbständigen Satze angehören kann, sondern auf 
etwas anszerhalb seines eigenen Satzes hinweist, wovon es abhängig 
ist Die Co^junction setzt also einen Begriff voraus, durch welchen 
sie regiert wird; da dieser im Satze selbst nicht vorhanden ist, so musz 
er ergänzt werden, jedoch ohne dasz darum der Sprache in jedem ein- 
zelnen Falle ein klares, bestimmtes Bewustsein der Ellipse zugeschrie- 
ben zu werden brauchte (die Ellipse fierine potest? ist nicht in allen 
Fällen anwendbar). Die Sprache der classischen Zeit bedient sich der 
Frage mit der Conjunction utdann, wenn es gilt, unbillig erschei- 
nende Forderungen und Zumuthungen lebhaft abzuweisen. 
Von diesen beiden Fragen unterscheidet sich die Construction mit dem 
Accusativ und Infinitiv wesentlich schon dadurch, dasz wir es 
hier nicht sowol mit einer Frage, als mit einem Ausruf zu thun ha- 
ben. Eine Ellipse wie verum, credibile est? anzunehmen, ist weder 
grammatisch , noch psychologisch nötig. Durch das fragende ne, das 
aaeh su dem Acc. mit Inf. treten kann, wird das Wesen der Construc- 
tion nicht alteriert, da ihr der unabhängige Accusativ als Zeichen des 
Aosmfs den Grundcharakter des Ausrufs fest aufprägt. Ich finde somit 
in dem Acc. mit Inf. des Aufrufs den Ausdruck des leidentlichen 
Affects (im Gegensatze zu dem reagierenden, der sich in der ut- 
Frage ansspricht), welcher durch Geschehenes oder Gesche- 
kendes, durch Thatsachen oder Zustände erregt wird.' 

6. Ulm], Der Classenlehrer der IV. Classe, Präceptor Schult es, 
wurde zum Pfarrer ernannt. Schülerzahl 223 (oberes Gymnasium 37, 
Bittleres 71, unteres 115). Elementarschule 140. — Den Schulnach- 
riehten vom Rector Kern geht voraus: Grundzüge einer genetischen Na- 



284 Berichte, über gelehrte Anstalten , Verordnungen , Statist. Notizen. 

turrvUsenschaft oder einer Mathematik der Naturformen nach dem, Grund- 
gesetze der innerlich stetigen Zusammenfassung (Teil einer gröszeren Ab- 
handlung) Yon Prof. Dr. Planck. 24 S. 4. Das yollendete Ganze wird 
selbständig im Buchhandel erscheinen. 

Grosherzogtum Baden 1862. 

Ueber die Gymnasien und Lyceen des Groszherzogtoms Ba^en 
berichten wir aus den am Schlussse des Schuljahres 1862 erschienenen 
Programmen wie folg^: 

. 1. Bischofsheim a. T.]. (Gymnasium). In dem Bestand des Lehrer- 
personals ist nur die Aenderung eingetreten, dasz an Stelle des Kanzlei- 
verwesers Binderle der Priester Gutgesell als Religionslehrer ein- 
getreten ist. Lehrerpersonal: Director Prof. Reinhard, die Gymna- 
siallehrer Bauer, Kuhn, Büchler, geistlicher Lehrer Bremeier, 
Gnirs, Reallehrer Schüszler, Kaplan Gutgesell. Schülerzahl 158 
(I (unterste Classe) 16, II 12, III 32, IV« 26, IV »> 26, Va 21j V>> 26). 

2. Bruchsal.] (Gymnasium). Den geistlichen Lehrer Linder ver- 
lor die Anstalt durch den Tod; an seine Stelle trat Stranb. Der Lehr- 
amtspraktikant Lang leistete Aushülfe für einen erkrankten Lehrer. 
Lehrerpersoual : Director Prof. Scherm, Prof. Rivola, die Gymna- 
siumslehrer Herrmann, Wolf, Dr. Seidenadel, Dr. Schlechter, 
geistl. Lehrer Straub, Lehrer Schleyer, Hofdiakonus Wölfel (evan- 
gelischer Religionsl.) , Lehramtsprakt. Laug. Schülerzahl 164 (I 26, 
II 28, m 36, ly« 19, IV»> 18, V« 18, V»> 10). — Die Beilage zu dem 
Programm enthält eine philosophische Abhandlung von Professor J. 
Rivola: üeher das Verhältnis Gottes und der Welt nach dem Stand- 
punkte der vorchristlichen und christlichen Philosophie. Der Verfas- 
ser hat sich die Aufgabe gestellt, erstens aus der Philosophie der be- 
deutendsten Culturvölker des Altertums, nemlich der Indier, Chinesen, 
Perser, Aegypter, Chaldäer, Phönizier, Juden, Griechen darzuthnn, 
wie sich diese Völker das Verhältnis Gottes und der Welt dachten, 
oder wie sie sich den Grund und Ursprung letzterer vorstellten, dann 
zweitens nach einem zusammenfassenden und beurteilenden Rückblicke 
das System der christlichen Philosophie, wenigstens in seinen Haupt- 
momenten auf- und entgegenzustellen. Die Untersuchung ist nicht zu 
Ende geführt. Der Verfasser hat zunächst nur den ersten Teil be- 
handelt und zwar bis zur platonischen und aristotelischen Philosophie 
exclusive. 

3. Cablsbühe]. (Lyceum). Schon mit dem Anfange des Schuljahres 
leg^e Pfarrer Frommel, durch erhöhte Pflichten seines Seelsorger- 
amtes veranlaszt, seine Stelle als evangelischer Religionslehrer nieder; 
als sein Nachfolger wurde Stadtvicar Hei hing berufen. Mit dem 
Schlüsse des Schuljahres schied auch der bisherige katholische Reli- 
gionslehrer Prof. Kirn aus zur Uebemahme der Stadtpfarrei Ettlingen. 
Der Lehramtspraktikant Mühlhäusser leistete Aushülfe. An die Stelle 
des Turnlehrers, Lehramtspraktikant Ni ekles, trat nach Ostern der 
Lehramtspraktikant Dr. Bächle. Lehrerpersonal: Director Geh. Hof- 
rath und Professor Dr. Gockel, Hofrath und Professor Platz, Prof. 
Gerstner, Prof. Böckh, Prof. Zandt, Prof. Bissinger, Professor 
Deimling, Prof. Dr. Haus er, Lyceumslehrer Eis en, Lyceumslehrer 
Roth, Stadtvicar Helbing, die Lehramtspraktikanten Durban, Dr. 
Böhringer, Dr. Grohe, Hoitzmann, die Lyceumslehrer Fossler, 
Zeuner, Beck, Dreher; Zeichnenlehrer Hofmaler Steinbach, Ge- 
sanglehrer Hoforganist Gaa, Turnlehrer Lyceumslehrer Eisen und 
Bächle. Schülerzahl: Lyceisten 468 (VI« 16, VI »> 19, V« 28, V"» 38, 
rV« 49, IVb 46, III 71, II« 43, n»> 42, I« 66, I»» 62), Vorschüler 191 
(III 67, II 63, I 71). Abiturienten 16. — Die Beilage zu dem Pro- 
gramm enthält eine Abhandlung vom Director Dr. Gockel: Die Ge- 



I 



Berichte über gelelirle Anstalten, Verordnungen, Statist. Notizen 285 

lehrtenschule gegenüber den Forderungen der Zeit. 92 S. 8. Bevor der 
Verfasser zar Beantwortung der Frage, wie sich die Schule den Zeit- 
fordemngen gegenüber zu verhalten habe, übergeht, bezeichnet er das, 
was Charakter unserer Zeit heiszt, um daraus das Wesen der 
Forderungen an die Schule zu erkennen. Darauf werden die Forde- 
rungen selbst oder vielmehr die Anklagen geprüft, die hauptsäch- 
lich vom realistischen Lager aus gegen den herrschenden Geist in un- 
sem Gelehrtenschulen- erhoben werden. Diese Anklagen sind aber ge- 
richtet gegen den Zweck, ^egen die Leistungen und gegen den 
Unterrichtsstoff der Qelehrtenschulen. Die Gegner des Gelehrten- 
schalnnterrichts der Gegenwart treten zuerst mit dem allgemeinen Ver- 
dammnngsurteil auf: diese Schulen entsprechen den Zeitbe- 
dürfnissen nicht mehr; sie müssen verändert oder abgeschafft wer- 
den. Sonach bedenken oder wissen sie nicht , dasz in unsem Anstalten 
seit wenigen Decennien sehr wesentliche Umwandlungen vorgegangen 
sind, die ohne Ausnahme Concesäionen an den Zeitgeist sind. — Die 
Ge^er gehen aber noch einen Schritt weiter und greifen den Unter- 
richt selbst an, indem sie sagen: die Gelehrtenschulen errei- 
chen nicht einmal das Ziel, das sie sich selbst vorgesteckt 
haben, die Schüler erwerben sich auf dem langen Wege ihrer Wan- 
derung durch dieselben nicht einmal vollständige Kennthis des 
»Lateinischen und Griechischen. Dieser schweren Anklage ge< 
grenüber gesteht der Vf. sogar ein, dasz in einem Zeitraum von neun 
Jahren durchschnittlich gröszere Sicherheit und Gewandtheit im Ueber- 
tragen aus einer Sprache in die andere erwartet werden könnte, als 
sie in der Regel am Schlüsse der Schulzeit zu Tage trete. 'Wir be- 
klagen es, aber ändern können wir^s nicht. Ein Teil der Schuld mag 
auf die Unterrichtsmethode fallen, ein anderer trifft die Lehrbücher 
und den Zeitgeist selbst (Iliacos intra muros peccatur et extra).' Die 
erhobene Anklage widerlegt der Verf. mit dem, was Döderlein hier- 
über klagt: ^Wir wollen es nicht läugnen, die Humanitätsstudien wir- 
ken nicht mehr so bildend wie ehemals, aber keineswegs durdi ihre 
Schuld, denn sie sind noch dieselben; sondern nur darum, weil sie 
kein Mittelpunkt des Unterrichts und des Interesses mehr sind, weil 
sie ihre Herrschaft mit neu empor gekommenen Künsten teilen müssen. 
Das Parlament der nützlichen, der bequemen, leichtern Wissenschaften 
und Künste regiert, das altclassische Studium spielt die Rolle eines 
äuszerlich geehrten Schattenkönigs.' Dennoch wird der Hauptan- 
griff der Gegner auf den Unterrichtsstoff, d. h. auf die clas- 
sisehen Studien selbst gemacht. Die Feindschaft der Reformer un- 
serer Zeit gegen dieselben äuszert sich aber auf dreierlei Weise: 1) 
gegen die Einführung der Jugend in die alte Welt überhaupt, 
^) gegen die überwiegende Beschäftigung derselben mit den 
Sprachen der alten Völker, und 3) gegen die Methode des Un- 
terrichts. Zunächst sehen die Gegner in der alten Welt kein den 
Bedürfnissen unserer Zeit entsprechendes Bildungsmittel. Unserer Zeit, 
sagen sie , thun Männer noth, die klar die Verhältnisse der Gegenwart 
durchschauen, die vertraut sind mit den Bedürfnissen der Gegenwart, 
waram soll nun die Jugend auf langen Umwegen durch ferne Länder 
und fremde Völker mühselig und spät zur Erkenntnis dessen kommen, 
was ihr so nahe liegt und Hir sie so leicht zu erlangen ist? Der Verf. 
weist nach, dasz das classische Altertum für uns nichts Fernes und 
Fremdes habe. Von den Gefahren, die dem Staat und dem Chri- 
stentum von dem republikanischen und heidnischen Altertum her dro- 
hen, will er hier nicht ausführlich sprechen. Nur der Misb rauch könne 
tie heraufbeschwören , und gegen diesen gebe es kein souveränes Mittel. 
Die Demokraten unserer Zeit schöpften aus anderen Quellen, und es 
w5re gewis ihnen und der Welt heilsamer, sie suchten ihre Vorbilder 
in der ^d^magog^e grecque et romaine', als in den Annalen der ft&tL- 



286 Berichte über gelehrte Ansiallen, Verordnungen, Statist. -Notizen. 

zösischen Revolution. Auch die christliche Beligion habe keine 
Ursache , sich vor der Theologie und Ethik der alten Heiden zu fürch- 
ten; sie seien jedenfalls besser als die modernen Völker. Freilich die- 
jenigen aufgeklärten Christen, deren Kirchengeschichte ^mit dem Jahr 
1789' beginne, würden aus dem Garten der antiken Welt sich andere 
Blumen brechen. Man könne aber, fährt der Verf. fort, die Richtig- 
keit der aufgestellten Sätze zugeben und die Vorzüge der classischen 
Studien für die Jugendbildung anerkennen, und dennoch behaupten, 
was das Altertum an geistigem Bildungsstoff biete, könne 
bequemer, vollständiger und auf kürzerem Wege auch in 
den Errungenschaften der weit vorgeschrittenen Neuzeit 
erlangt werden. Die Möglichkeit einstweilen zugegeben» fehlten 
aber eben bis heute die erfahrungsmäszigen Belege für den vorgeschla- 
genen Bildungsgang; darum sollte man sich wol hüten, doren Jahr- 
hunderte bewährte und geheiligte Ordnungen leichtsinnig einem Expe- 
riment zu opfern, für dessen Gelingen man keinerlei sichere Garantie 
habe. Auch hierin könne die Geschichte Lehrerin sein. Niemals habe 
sich ein Volk an einem geichzeitigen gebildet; die gebildeten Völ- 
ker hätten sich allezeit auf die Schultern voran- und untergegangener 
älterer gestellt, hätten ihre Erbschaft angetreten. Eine Bildung, die 
nicht in der Vergangenheit wurzele, habe keine Lebensfähigkeit. Das 
classische Altertum habe indessen mehr Freunde, als öffentliche Be- 
kenner. Es herrsche bei manchen doch eine gewisse Scheu, dem wohl- 
begründeten Urteil über die hohen Vorzüge der groszen alten Zeit ent- 
gegenzutreten , man verwerfe nur den langen dornenvollen Weg, der 
durch die alten Sprachen zu ihrem Verständnis führt. Dasselbe 
Ziel könne, sage man, durch das Studium von Geschichtswerken und 
durch Gebrauch guter Uebersetzungen der Classiker erreicht werden. 
Jedenfalls aber, erwiedert der Verf. hierauf, verzichte man alsdann 
auf den groszen Gewinn, der aus dem Studium der Sprache selbst her- 
vorgehe. Gerade dieser Vorzug werde von unserer Zeit viel zu gering 
angeschlagen, und von diesem Lager aus würden die heftigsten An- 
griffe auf die Humanitätsstudien gemacht; die Quelle, aus der 
sie entspringen, sei zunächst Abneigung und Geringschätzung 
des Sprachstudiums überhaupt und Vorliebe für andere 
Bildungsstoffe, denen man gröszere Bildungskraft zatraue. 
Die Sprache sei aber das fruchtbarste Feld, auf dem der jugendliche 
Geist gebildet werden könne; sie bestehe aus empirisch-rationalen Ele- 
menten, die der Doppelnatur des Menschen am vollkommensten ent- 
sprächen. Die Sprache diene zur Entwicklung des Verstandes, ohne 
damit andere geistige Vermögen brach zu legen. Dies werde deutlicher 
hervortreten, wenn' man die vorgeschlagenen Ersatzmittel näher be- 
trachte, jedoch beschränkt sich der Verf. dabei auf die am häufigsten 
und nachdrücklichsten empfohlenen, Mathematik und Naturwis- 
senschaften. Die Vorzüge dieser Bildungsmittel vereinige, ohne ihre 
Mängel zu teilen, die Sprachkunde; daher müsten auch die Sprachstu- 
dien der Mittelpunkt unserer Jugendbildung bleiben. Hieran schliesse 
sich weiter die Frage: Welches Sprachstudium ist als Bil- 
dungsmittel für unsere Schulen zu erwählen? Während die 
Gelehrtenschule seit ihrer Entstehung, beziehungsweise Regeneration 
im Reformationszeitalter, an der Sprache der Römer und Griechen 
bis auf den heutigen Tag festgehalten habe, erhöben sich in neaerer 
Zeit da und dort zahlreiche Stimmen, die denselben Zweck nur leich- 
ter, sicherer und vollkommener durch lebende Sprachen erreichen 
wollten und damit den todten die bildende Kraft und ihren wirksamen 
Einflusz auf das Leben absprächen. Die Geringschätzung der classi- 
schen Sprachen und Litteratur entspringe aber teils aus Unkenntnis, 
teils aus irriger Auffassung, teils aus schnödem Undank. Die 
alten todten Sprachen seien mit gleicher Wirkung durch moderne. 



Berichte Aber gelehrte Aiislalleii, VcTordiiuiigeii , statisl. Notizen. 287 

lebende nicht zn ersetzen, weder durch unsere eigene, noch durch 
eine fremde Sprache gleichzeitiger Völker. Der Verf. gibt alsdann 
die Gründe an, aus welchen er dem bisherigen Bildungsgang unserer 
Oelehrtenschnle das Wort rede. Sie beziehen sich aber auf die Op- 
position gegen die alten Sprachen überhaupt. Man frage: 
warum denn unsere Jugend auf dem dunkeln Weg durch ausgestorbene 
Völker mit den untergegangenen Sprachen nutzlos gequält werden solle. 
Dieser Hanptyorwnrf yrivd zunächst etwas näher betrachtet. Nachdom 
dann der formale undmateriale Nutzen der Humanitätsstudien kurz 
nachgewiesen ist, g^eht der Verf. zur Unterrichtsmethode über, in 
der Tiele den Grund finden, warum gerade unsere Jugend an diesen 
Studien, ihrer unleugbaren Vorzüge ungeachtet, keinen besondern Ge- 
schmack zeige. Er gesteht zu, dasz freilich Vieles und sehr Wesent- 
liches davon abhänge, wie dieser Unterricht gegeben wird, und leider! 
gebe es darin yielföltige Misgriffe. Es werde nicht immer sorgfältig 
unterschieden, was der Wissenschaft an sich gehöre und was von ihr 
dem Beholnnterricht überlassen werde; so möge die beklagte Gleich- 
g&ltiffkeit, ja Misstiinmnng mancher Schüler zum Teil ihren Grund in 
anrieliftiger Behandlung des Lehrstoffs haben. — Ein weiterer Grund, 
wanim sich Manche vom classischen Studium abwenden , sei ^der lange 
dornenvolle Weg', den es führe. Unser 'Zeitalter der Eisenbahnen 
und Telegraphen* wolle das Ziel möglichst leicht und rasch erreichen, 
wShrend doch nur in Arbeit und Anstrengung der jugendliche Geist für 
das Lieben reife. Als Haupthindernis des fröhlichen Gedeihens des 
classischen Unterrichts werde selbst von gewiegten Schulmännern ein 
Uebelstand unserer Zeit bezeichnet in der Mannigfaltigkeit der 
Lehrgegenstftnde. Diese Erscheinung sei die Fnicht der fortschrei- 
tendcB Cnltur. Je mannigfaltiger und verwickelter die Verhältnisse 
des Lebens sich gestalteten, je weiter die Bildungsich in allen Schich- 
ten der Gesellsdiaft verbreitete, je praktischer die Wissenschaften 
selbst worden, desto näher und ernster sei auch für die Schule die 
Fordemng herangetreten, sich diesen Bedürfnissen des Lebens anzu- 
scUiessen und ihnen gemäsz die Jugend auf dieselben vorzubereiten. 
Die Alleinherrschaft der alten Sprachen habe aufhören müssen, und 
nach und nach habe sich ein immer gröszerer Kreis von Unterrichts- 
gegenständen im Schulplan versammelt, bis er zu einer Ausdehnung 
heraiurawachsen drohte , welche Schulen und Regierungen über die dar- 
aus entstehende Gefahr der Zersplitterung habe nachdenklich machen 
müssen. Ein Rückschlag sei unvermeidlich gewesen, und laut und viel- 
seitig sei der Ruf nach Concentration erschollen. Der Verf. gibt 
seine Anschanung von der Concentration des Unterrichts in folgendem 
Bude: 'Die classischen Studien sind der Lebenskern der Bildung un- 
serer Jngend, umschlossen von einer harten Schale, deren eine Schichte 
die Mathematik bedeutet; die übrigen Fächer sind Fleisch und Hülse, 
gleich notwendig für das Leben des Kernes; die farbige äuszere Um- 
hüllnng sind die schönen Künste, Zeichnen, Musik usw. Endlich ist 
die Beiigion der immer grüne, blätterreiche Zweig des Baumes, an 
dem die Frucht hängt, der sie schützt, dessen Lebenskraft sie vor 
Flnlnisz bewahrt und unter Gottes Segen zur Reife bringt.' — Aus den 
Zeitrichtungen im Allgemeinen, insbesondere aus den Kämpfen, 
welche die Gelehrtenschule in unsem Tagen zn bestehen habe, ergebe 
sich nnn aneh die Stellung, welche ihr gegenüber den Zeitfor- 
dernngen anzuweisen sei. Der Verf. betrachtet diese Stellung 1) ge- 
g^enfiber der Zeitbildung überhaupt, 2) gegenüber den Unter - 
riehtsanstalten der Gegenwart, 3) gegenüber dem Staat und 
derFamilie, 4) gegenüber ihrer eigenen Aufgabe. Referent würde 
die Ghrenzen einer Anzeige weit überschreiten, wenn er den vortreff- 
lieken Ansffihrangen dieses erfahrenen Schulmannes noch weiter im 
Einselnen folgen wollte. Möge durch das hier nur im Auszug Mlt^^- 



288 Berichte über gelehrte Anslallcn, Verordnungen, Statist. Notizen. 

teilte die Aufmerksamkeit auf diese höchst interessante Abhandlung 
hingelenkt werden. 

4. CoNSTANz] (Lyceum). Kurz vor dem Beginne des Schuljahres 
starb der Hauptlehrer Heinemann in Folge mehrjähriger Brustleiden. 
Die Unterrichtsstunden desselben übernahm einstweilen der Lehramts- 
praktikant Rothmund, der am Schlusz des Semesters an das Lyceum 
zu Freiburg versetzt wurde , nachdem die erledigte Lehrstelle dem Pro- 
fessor Kappes, bisher am Lyceum zu Freiburg, übertragen worden 
war. Personalbestand: Director Professor Ho ff mann, die Professoren 
Gagg, Schwab, Dr. Wörl, Kappes, die Lyceumslehrer Schaher, 
Hummelsheim (geistl. Lehrer), Kern, Frühe, Eiselein, Mnsik-, 
Schreib- und Zeichnenlehrer Schmalholz; auszerordenÜiche Lehrer: . 
Prof. Seiz (Physik), evangel. Religionslehrer Stadtpfarrer Jeep und 
Stadtvicar Arnold. Schülerzahl 209 (I 10, H 19, HI 28, IV»» 22, IV« 
24, Vh 23, V» 27, VI^ 31, VI« 25). Abiturienten 22. — Die BeUagc 
zu dem Programm enthält: Ueber das Gemälde des Kebes mit beigefüg- 
ter Inhaltsangabe. Von M. Schaber. 46 S. 8. Als Resultat der Un- 
tersuchung ergibt sich Folgendes: 1) Die Lehren des Kebes in seinem 
Gemälde haben zwar einige Verwandtschaft mit jenen des Sokrates 
über die Tugend, jedoch auf der andern Seite wieder einige Verschie- 
denheit. Bei weitem am meisten Aehnlichkeit finden wir zwischen dem 
Gemälde und der cynischen Schule , au9 der die Stoa hervorgieng. Aber 
auch aus der megarischen Schule gieng in das Gemälde, wenn gleich 
in einem andern Sinne, die eleatische Lehre von der Allgemeinheit der 
objectiven Welt über. Diese Weltanschauung gehört den Stoikern an, 
nur dasz die späteren Stoiker mehr dem Begriff der substantiellen, als ^ 
der logischen Einheit des Parmenides huldigten. Kebes, der Verfasser ' 
des TTivaH, kann daher kein Sokratiker, sondern musz ein Stoiker sein.' 
2) Da die Philosophie dieses Gemäldes fast ausschlieszlich noch auf 
praktische Zwecke, auf Tugendlehre, gerichtet ist, ohne auf theore- 
tische Wissenschaften ein Gewicht zu legen, so gehört Kebes unter 
die Zahl der ersten oder älteren Stoiker, war vielleicht ein Schüler 
des Zeno selbst oder doch des Kleanthes. Es kann daher die Abfas- 
sung des Gemäldes durch den Stoiker Kebes, von dem wir eben nichts 
weiteres wissen, nur in die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts vor Christus 
fallen. 3) Es bietet daher auch das Gemälde nirgends einen genügen- 
den Anhaltspunkt für die Behauptung dar, dasz dasselbe nur eine Ueber» 
arbeitung einer altem Schrift sei. Nicht minder unrichtig erscheint die 
Ansicht derer, welche diese Schrift einem Jüngern Stoiker, Kebes aus 
Cyzicum, zugeschrieben haben. 4) Diogenes Laertius, dem nachher 
Eudocia in ihrem Lexikon gefolgt ist, hat also offenbar den Stoiker 
Kebes mit dem Sokratiker Kebes verwechselt und deshalb ganz un- 
richtig dem letztern diesen TTivaH zugeschrieben. 

(Fortsetzung folgt.) 

Fulda. Dr. Ostermann. 



Personalnotizen. 



Ernennnngen, Bef ttrderungen , Tersetxangen « AnsBelckB^BgCB. 

Barth, Dr. Heinrich (der Durchforscher Afrika's), zum auszerordent- 
lichen Professor in der. philosoph. Facultät der Universität Berlin 
ernannt. 

Becker, Karl, Geschichts- und Genremaler, zu Berlin als 'Professor' 
prädiciert. 



Personalnotizen. " 289 

Böhlftn, Dr. H. A., ordentl. Professor der Rechte an der Universität 
Greifswald, zum ordentl. Professor der Rechte an der Universität 
Rostock ernannt. 
BrugBch, Dr. Heinrich, Directorialassistent bei der ägyptischen Ab- 
teilang der Mnseen zu Berlin, erhielt das Ritterkreuz des kaiserl. 
österr. Franz -Joseph-Ordens. 
Greisen ach, Dr. Theodor, zum Lehrer der Geschichte am Gymnasium 

zn Frankfurt a. M. berufen. 
Dryander, Dr. Theodor Alb., Oberlehrer an dem Pädagogium der 

Franckeschen Stiftungen zu Halle, al^ ^Professor' prädiciert. 
Eckstein, Dr. Frdr. Aug., Rector der latein. Hauptschule und Con- 
direetor der Franckeschen Stiftungen in Halle, zum Rector der Tho- 
masschole in Leipzig berufen. 
Franklin, Dr. n. Privatdocent an der Universität Breslau, zum ord. 
Professor in der juristischen Facultät der Universität Greifswald 
ernannt. 
Qoebel, Dr. Eduard, Oberlehrer an dem katholischen Gymnasium an 
Aposteln zu Köln, zumDirector des Gymnasiums in Fulda ernannt. 
Hansen, Dr. Theodor, Oberlehrer an der Realschule zu Mtihlheim 
a. d. Ruhr, zum Director der höheren Bürgerschule in Lennep 
ernannt, 
Heck er, Dr., Professor an der Universität Freiburg, erhielt das Com- 
mandenrkreuz I. Klasse des groszherz. Badischen Ordens vom Zäh- 
ring^r Löwen. 
Heider, Dr. Gustav (Kunstarchäolog), in Wien zum Sectionschef im 

k. k. Staatsministerium ernannt. 
Hense, Dr. Eonrad, Director des Gymnasiums in Salzwedel, zum 

Director des Gymnasiums in Parchim berufen. 
Hermann, Dr., Professor am Gymnasium zu Heilbronn, zum Rector 

des Pädagogiums in Esslingen ernannt. 
Hessler, Dr. Ferdin., Professor der Physik am polytechn. Institut in 
Wien, zumDirector der wissenschaftlichen Prüfungscommission für 
Candidaten des Lehramts an selbständigen Realschulen ernannt. 
Hoff mann, Dr. W., Schulamtscandidat , als Adjunct am Joachims- 

thalschen Gymnasium zu Berlin angestellt. 
Hübner, Karl, Historien- und Genremaler in Düsseldorf, als 'Profes- 
sor' prädiciert. , 
Hultsch, Dr. Fr., Oberlehrer an der Kreuzschule in Dresden (Verfas- 
ser der ^griechischen und römischen Metrologie'), ist vom archäol. 
Institute zu Rom zum correspondierenden Mitgliede ernannt. 
Keily Karl, Professor an der Landesschule zu Pforta, ist von der 
philos. Facultät der Rheinischen Friedrich- Wilhelms-Universität zu 
Bonn honoris causa zum Doctor ernannt. (Das Diplom bezeichnet ihn 
als ^illustris scholae Portcnsis professorem gnavissimum deque iu- 
yentute ad humanitatem informanda multis ex annis bene merentissi- 
mnm, in litteris autem solidae et accuratae doctrinae lumine illu>> 
strandis tam felici industria versautem, ut et aliis partibus Grae- 
cae Romanaeque antiquitatis fructuosam operam praestiterit et 
epigraphicam artem in paucis ornet'.). 
Koch, Dr., Oberlehrer an der Ritterakademie zu Brandenburg, zum 

Prorector des Gymnasiums in Frankfurt a. d. O. berufen. 
Kock, Dr. Th., Director des Gymnasiums zu Stolp, ist als Director 

des Johannenms nach Hamburg berufen. 
Körner, Dr. Moritz, Professor der praktischen Medicin an der chi- 
mrgischen Lehranstalt zu Innsbruck, zum Lehrer des gleichen 
Fachs an der Chirurgenschule zu Gratz berufen. 
Knhl, Dr., Lehrer am Gymnasium zu Jülich, zum Rector des Pro- 

gymnasiums daselbst ernannt. 
Lorenz, Dr. Joseph, Privatdocent an der Universität Wien, erhielt 









290 " Personalnolizen. 

aus Anlasz seines Werkes 'über die physikalischen Verhältnisse 
und die Verteilung der Organismen im Qaarnerisohen Golfe' die 
kaiserl. österr. goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft. 

Mayer, Dr. Dominik, Professor der Pastoraltheologie, derzeit Bector 
Magnificus der Universität Wien, ist zum apostolischen Feldyicar 
der österr. Armee ernannt. 

Meyer, Dr. Hugo, Priyatdocent an der Universität Götting^n, znm 
auszerord. Professor in der juristischen Facultät der Univ. Halle 
ernannt. 

Neumann, Dr. C, Priyatdocent an der Univ. Halle, zum ao. Professor 
in der philos. Facultät daselbst ernannt. 

von Olfers, wirkl. Geh. Rath und Director der Museen sa Berlin, 
erhielt das Comthurkreuz des HohenzoUerordens. 

Paulsiek» C, Oberlehrer an der Bealschale in Posen, zum Oberlebrer 
an der Realschule in Magdeburg ernannt. 

Pcllegrinetti, P., Dominicaner Ordenspriester, zum ord. Professor 
der Dogmatik an der Universität Wien berufen. 

Pfaffe, Diaconus, als Oberlehrer der lat. Hauptschnle und als Geist- 
licher bei den Frauckeschen Stiftungen zu Halle angestellt. 

Pin der, Dr., Geh. Regierungsrath im Ministerium der geistl. Ange- 
legenheiten zu Berlin, erhielt den königl. preuszischen Kronen- 
orden in. Kl. 

Poppe, Dr., emer. Director des Gymnasiums in Frankfurt a. d. O., 
erhielt den königl. preusz. Kronenorden III. Kl. 

Richter, Gustav, Historienmaler zu Berlin, als 'Professor' prädiciert. 

Schauenstein, Dr. Adolph, Priyatdocent an der Universität Wien, 
zum ao. Prof. in der med. Fac. daselbst ernannt. 

Schottmüller, Dr., ord. Lehrer am Friedri ch- Wilhelms - Gymnasium, 
zum Oberlehrer am Gymnasium an Rastenburg ernannt. 

Schümann, Dr., Geh. Regierungsrath und Professor an der Universi- 
tät Greifswald, erhielt den k. preusz. rothen Adlerorden III. Kl. 
mit der Schleife. 

Tischendorf, Dr. Const., Hofrath und Professor an der Universität 
Leipzig, erhielt das Comthurkreuz II. Klasse des königl. sächs. 
Albrechtsordens. 

Wiese, Dr., Geh. Oberregiernngsrath im Ministerium der geistl. An- 
gelegenheiten zu Berlin, erhielt das Comthurkreuz IL Klasse des 
herzogl. sächs. Emestinischen Hausordens. 

In Rahestanil versetzt s 

(auf Ansuchen) 

Kopatsch, Dr. Johann, ordentl. Professor des röm. Civil- und österr. 

Kirchenrechts an der Univ. Gratz; derselbe erhielt den Titel und 

Charakter eines k. k. Regierungsrathes. 
Richter, Franz, Lehrer am Gymnasium der Theresianischen Akademie 

in Wien; derselbe erhielt das k. k. goldene Verdienstkrenz. 

AmtsJnbUfteD. 

Am 23. April d. J. feierte das Mühlhäuser Gymnasinmi einst 
unter Melanchthon^s Beirath gestiftet, das 25jährige Amtsjubiläum sei- 
nes derzeitigen Directors, des Dr. C. W. Haun, Ritter usw. Nachdem 
ein festlicher Choralgesang dem Tage die erste Weihe gegeben, er- 
schien das Lehrercollegium des Gymnasiums vor dem Jubilar und über- 
reichte ihm durch den Prorector Prof. Dr. Am eis ein in griechischen 
Distichen abgefasztes Gratulationsgedicht und die Prachtausgabe von 
Goethe's Werken, der sich darauf in ununterbrochener Folge die sin- 
nigen und werthvollen Geschenke der übrigen Festdeputationen an- 



Personalnotizen. 291 

reUietaii. So Ton den derzeitigen Schülern des Gymnasiums eine 
Praehtansgabe des Albnms der Dresdner Bildergallerie ; von den Re- 
etoretf der Commnnalschalen und dem Lehrercollegiom der Knaben- 
b&j^enebiile eine Bibel, ein Cmcifix nnd das lebensgrosze Brustbild 
Ph. Helanebtboae; Ton Repräsentanten ebemaliger Gymnasiasten ein 
Album,' die lablreicben Fbotographien früherer Schüler des Jubilars 
enthaltend, nnd von einer Deputation des Magistrats und der Stadt- 
TesordnetenTersammlnng eine Uhr; der vielen Gab eil usw. nicht zu 
gedenken, die snm Teil aus weiter Feme gesendet wurden. Abgesehen 
▼oa den saUreiohen Fei^^ichten in dentscher, lateinischer, griechi- 
Seher y habrtüseher Sprache, erwiUmen wir nur die ehrende Zuschrift 
des königL ProY* Sehnlcolleginnis zu Magdeburg, femer die von der 
loundendinle an Pforta, -Wo der Jubilar in den Jahren 1809 — 14 seine 
ento wimenachaftliohe Bildnnff erhalten, die des Domgymnasiums zu 
Menebnrg, an welehem denelbe 1819 seine amtliche Thätigkeit he- 
mmen, endHch die mehrerer anderer Sehwesteranstalten der Provinz. 
Am» dem benachbarten Heiligenstadt waren der Director des dortigen 
Gjmnaaiams nnd einer der Gymasiallehrer persönlich erschienen. — 
Bin Festmahl, welehes am Nachmittag gegen anderthalbhundert Teil- 
iMhmer versammelte, bekpndete in neuen Beweisen die Liebe und allge- 
meine nnd verdiente Verehrung, deren sich der Jubilar erfreut, und selbst 
mmi Abend noch fand, sieh die Liedertafel der Stadt vor der Wohnung 
desselben ein, nm so in würdigster Weise das seltene Fest zu schlieszen. 
Der Director d^ Landesschnle zu Gera, Obersehulrath Dr. Chr. G. 
Heraoj^, in der Schnlwelt als Herausgeber des Cäsar und Sallust be- 
Wfr**, reieiie am 3. Mai d. J* unter ebenso ehrender als allgemeiner Teil- 
nahme sein 60jtthriges Amtsjubüäum. Ohne dasz es uns möglich wäre 
den y erlauf der Feier im Einzelnen sn schildern, heben wir nach dem 
Beiiehte des ^Dresdner Jonmals' nur die besondem Auszeichnungen 
Im ior, mit welehem der würdige Jubilar überrascht ward. Sr Durch- 
laneht der Fürst schmückte denselben mit dem von Sr. Majestät dem 
KSaige von Sachsen ihm verliehenen Bitterkreuze des Albrechtordens; 
der groBshersoglich sächsiche Bezirksdirector Müller von Neustadt 
überreichte das von Sr. königlichen Hoheit dem Groszherzoge von 
Saehaen «Weimar verliehene Bitterkreuz des Ordens vom weiszen Fal- 
ken; die theologische Facnltät zu Jena ernannte den Jubilar zum 
Doetor Hieologiae; das Lehrercollegium der gesamten fürstlichen Lan- 
desschnle überreichte durch Deputation eine Votivtafel; das Gymna- 
sinm sn^Gkitha eine dergleichen; die Schüler der Landesschule hatten 
einen silbernen Lorbeerkranz dargebracht; eine Deputation des Stadt- 
nnd Gemeinderaths von Gera veraündigte ihm seine Ernennung zum 
Ehrenbürger; ein besonderer Comit^ händigte ihm die Urkunde einer 
i ^Herzogsstiftnng' ein» welche aus einem durch Gaben früherer Schüler 
and Freunde susanmiengebrachten Capitale an 650 Thlr. besteht, des- 
sen Zinsen zunächst einem Studierenden der Familie Herzog, in dessen 
Ermangelong aber emem andern Studierenden als Stipendium überwie- 
sen werden, dessen Collatur aber dem Jubilar, eventuell dessen Des- 
eendens anstehen solL Auszer den aufgeführten sind aber dem Jubilar 
noch sahireiche- andere werthvoUe Geschenke von allen Seiten zu Theil 
geworden. Eine grosze Festtafel vereinte endlich gegen 200 Festge- 
nossen von fem nnd nah. 

Gestorben i 

BeraonlUi, Christoph, Professor der Mathematik zu Basel, starb 

daselbst im Februar d. J., ein Abkömmling des gleichnamigen Ge- 

lehrtengeschlechts. 
BSttcher, F,, Dr. Theol. u. Phil., emerit. Conrector der Kreuzzschnle 

sn Dresden/ starb am 21. Juni daselbst, 62 Jahr alt (gründlicher 

Kenner der hebräischen Sprache). 



29 2 Personalnotizen . 

Debes, Dr. A., ord. Professor der Nationalökonomie und Finanzwis- 
senschaft an der Universität Würzbnrg, starb ebendort im Alter 
von 54 Jahren. 

Eilers, Dr., k. pr. Geh. Oberregiemngsrath , starb am 6. Mai (ehedem 
vortragender Kath im Ministerium Eichhorn, später Begründer 
einer Erziehungsanstalt zu Feriimfelde bei Halle; schrieb ^ Meine 
Wanderung durchs Leben'). 

Ellendt, Dr. J. A., Direptor des altstädtischen Gymnasiums zu Kö- 
nigsberg i. Pr., starb am 27. April, 60 Jahr alt. 

Eschricht, Dr. Daniel Frederik, Professor der Physiologie und Ana- 
tomie zu Kopenhagen, starb daselbst in einem Alter von 65 Jah- 
ren am 22. Februar. 

Egg, Augustus, Maler und Mitglied der britt. Akademie der Künste, 
starb am 26. März zu Algier, 46 Jahr alt. 

Fromm el, Karl Ludwig, groszherz. bad. Galleriedirector, starb am 
7. Febr. zu Ispringen (bekannter Landschafter). 

Geffers, Dr., Director des Gymnasiums zu Göttingen, starb am 
10. März. 

Grimm, Ludwig, Professor an der Akademie der bildenden Künste 
zu Cassely starb am 4. April, 73 Jahr alt (Bruder von Jacob und 
Wilhelm Grimm). 

Kulik, Dr. Jacob Philipp, k. k. Kath und Professor der Mathematik, 
starb zu Prag am 28. Februar. 

Lucas, Louis, französischer Gelehrter , bekannt durch Untersuchungen 
über thierischen Magnetismus, starb Anfangs Februar zu Paris. 

Mende, August, Oberlehrer an der Annenrealschule zu Dresden, starb 
am 11. Juni daselbst. 

Müller, Dr. Karl August, Professor am Vitzthumschen Gymnasium 
zu Dresden, starb am 16. Februar. 

Munch, Dr. Peter Andreas, Professor an der Universität Christiania, 
starb am 25. Mai in Rom, 53 Jahr alt (berühmter Forscher auf 
dem Gebiete der scandinavischen Philologie und Altertomskonde). 

Pancritius, Job. Albr. Traugott, Bector der städt. Knabenschule in 
Thom, starb am 14. Januar, im Alter von 47 Jahren (schrieb: 
'Hägringar, Reise durch Schweden, Norwegen' usw.). 

Robinson, Dr. Eduard, Professor der Theologie in Neuyork, berühmt 
durch seine Forscherreisen in Palästina (^Palästina und die südlich 
angrenzenden Länder', 3 Teile), starb im Januar. 

Schirmer, Dr., Consistorialrath und Professor der Theologie an der 
Universität Greifswald, starb am 29. März. 

Schmitt, Augustin, Professor an der Bealschule zu Gumpendorf, vor- 
dem Redacteur der Zeitschrift für österr. Realschulen, starb 30 J. 
alt ZT^ Wien am 24. März. 

Troschel, J., berühmter Bildhauer aus Berlin, starb am 26. März in 
Rom. 

VoUgraff, Dr. Karl Friedr., Professor des Staatsrechts and der Po- 
litik zu Marburg, starb daselbst am 5. März, 71 Jahr alt (hoch- 
geachteter Fachschriftsteller. Monographieen im Beutinckschen 
Procesz). 



Zweite Abteilung; 

fOr Gynuasialpädagogik and die flbrigen Lehrfächer, 

mit Ausschlusz der classischen Philologie^ 
hemsg^bei ?§■ PMCesstr Dr. HcrnaiM Masias. 



(18.) 

Noctes Scholasticae. 

(Fortsetzang von Seite 263.) 



3. 

^ Ueber die Correoturlast. 

Gewis ist das Corrigieren für manchen Lehrer, und zwar am meisten 
für den jungen Lehrer, die partie houteuse in seinem Amte. Ich wüste 
nichl, wie ein Lehrer nicht die Lectionen in der Klasse, nicht blosz die 
eigenen, sondern auch die Vertretungsstunden, gern übernehmen sollte; 
aber wenn die Lectionen gegebei^ sind und man entweder der Ruhe oder 
der geselligen Unterhaltung pflegen oder aber zu theureu Studien kom- 
men und in ihnen sich geistig erfrischen und beleben möchte , dann die 
Stösze von Aufsätzen und Exercitien vor Augen zu haben , welche alle 
der rothen Tinte warten, und eine Arbeit übernehmen zu müssen, welche 
so anstrengend , so das Mark aussaugend, so geisttödtend und oft so we- 
nig fniditbar ist, kann dem besten Lehrer, und gerade dem Lehrer, der 
seinen Beruf am idealsten faszt, wol sein Amt und sein Leben verleiden, 
xomal wenn er sieht, wie die meisten Leute aus anderen Ständen es so 
viel idehter und behaglicher haben. Ich finde es daher sehr natürlich, 
dass über diese Correcturlast mancher stille oder laute Stoszseufzer er- 
geht, wie das ^Pädagogische Archiv' in seinem ersten diesjährigen Hefte 
einen solchen vernehmen läszt. 

Indes ist es, dünkt mich, Menschenpflicht, keinen Delinquenten un- 
gehört zu verdammen, noch dazu einen Delinquenten, der so viele Anti- 
pathien gegen sich hat. Denn das ist unzweifelhaft, dasz von zehn Leh- 
rern, welche über ihn zu Gericht sitzen sollten, mindestens neun ihr 
Schuldig über ihn aussprechen und ihn mit ruhigem Blute dem Tode über- 
, gdien würden. Dies Amt der Vertheidigung bitte ich nun übernehmen zu 



K. Jahrb. f. PhU. a. Pid. II. Abt. 1863. Hft. 7. 



20 



294 Noctes scliolasticae. 

dürfen. Ich Ihuc es mit ziemlich leichtem Herzen , da ich wenig Gefahr 
für meinen dienten besorge. Denn wie schon dafür gesorgt ist, dasz die 
Bäume nicht in den Himmel wachsen , so wird auch schon zu allen Zeiten 
hinreichend dafür gesorgt werden, dasz wir armen Schulmänner uns 
diesen bösen Feind nicht ganz abschütteln können. 

Die Leclionen in der Schule zerfallen je nach der Thätigkeit, zu 
welcher die Schüler dabei herangezogen werden, in zwei Klassen: 

1) Solche Lectionen , bei denen keine Thitigkeit des Schülers gefor- 
dert wird, welche der Thätigkeit des Lehrers entspräche, bei denen der 
Schüler sich vielmehr aufnehmend, lernend verhält. Hierzu rechne ich 
nun den Unterricht in der Religion , in der Geographie und in der Ge- 
schichte, in allen technischen Fertigkeiten, in der Naturbeschreibung 
und in der Physik , im Hebräischen ; ich würde gern auch das Franzö- 
sische, resp. Englische hierher ziehen, in den oberen Klassen nament- 
mentlich — ich habe nur die Gymnasien im Auge — wenn man die Be- 
hörden fiberzeugen könnte, dasz die beim Maturitätsexamen geforderten 
Scripta dieser Disciplin verderblich sind. Natürlich gibt es auch in diesen 
Lectionen eine Thätigkeit, welche den Schülern zuzumuthen ist, z. B. 
das Botanisieren und die Pflege eines hübschen Herbariums, die physi- 
kalischen Versuche, welche ohne kostspieligen Apparat gemacht wenlen 
können , das Zeichnen von Landkarten in den verschiedensten Methoden 
u. dgl. Das alles aber sind andere Thütigkcilen, als diejenigen, welche 
in oberen Klassen gefordert werden: Thätigkeiten , aber keine Produc- 
tionen , bei denen der Geist von innen heraus schöpferisch wirkt. 

2) Solche Lectionen , bei denen ihrer eigenen Natur oder dem Her- 
kommen oder dem Zwecke der Schute zufolge eine productive Thätigkeit 
gefordert wird und gefordert werden musz. Es sind dies das Deutsche, das 
Lateinische, möglichenfalls auch das Griechische, endlich die Mathematik. 

Neben diesem Unterschied nach Disciplinen geht ein Untenchied 
nach dem Lebensalter der Schüler her. 

In den unteren Klassen ist es die Lehrstunde, in der das Meiste 
und Beste geleistet werden musz; die häusliche Arbeit hal mehr den 
Zweck , die Schüler zu Hause leicht zu beschäftigen und an eine geord- 
nete und regelmäszige Arbeit zu gewöhnen, als dasz man von ihr grosse 
Frucht erwarten dürfte. Lehrer, welche von diesem Lebensalter mehr 
verlangen und ihre Schüler mit häufigen Arbeiten fiberlasten, kennen die 
menschliche Natur nicht. So viel steht fest, dasz der Lehrer anf dieser 
Stufe so gut wie Alles sein und thun musz. 

In den oberen Klassen wünschte ich das Verhältnis geradezu umge- 
kehrt. Friedrich August Wolf dachte sich an Gelehrtenschulen eine Se- 
lecta, in der der Unterricht, auf ein geringes Masz von Stunden be- 
schränkt, mehr die Aufgabe hätte, die Selbstthätigkeit der Schfller anzu- 
regen, sie zu fiberwachen und zu leiten, sie anf die geeigneten Gegen- 
stände hinzulenken und die Arbeiten der Schfller zu wfirdigen. Zehn, swölf 
wöchentliche Lehrstunden hielt er hier ffir das rechte Masz. Ich selbst 
habe eine solche Selecta im Sinne Wolfs nicht blosz gekannt, sondern 
bin auch darin von einem der aller tüchtigsten Schüler Wolfs unterrichtet 



Noctes scholasticae. 295 

und zur Universität vorbereitet worden. Von da lier ist es mir bis auf 
den heutigen Tag als das Ideal eines Unterrichts in Prima erschienen, die 
Activit&t der Schüler zu wecken und zu stärkend Wie oft halte ich es 
ihnen vor, dasz für sie ^icht das das Wertlivolle sei, was sie von mir 
erführen, sondern das, was sie mit eigener Kraft sich erwürben, und 
diese Kraft, welche sie durch dies Erwerben erwürben! Wie oft er- 
kläre ich ihnen, dasz mir ein gesunder, frischer, meinetwegen auch 
kecker und gewagter Gedanke von ihnen selbst mehr werth sei, als die 
aus Büchern geschöpfte Weisheit! Leider bleiben diese Worte vielfach 
unverstanden, unbeachtet. Denn das eben ist der schlimmste Fluch, wel- 
cher heutzutage auf uns lastet: passiven Gehorsam, pflichtmäszige Arbeit, 
dahin bringen wir es wol ; aber der frohe Mutli, das jugendliche Streben, 
die Lust am eigenen Schaffen ist daliin und kann weder durch Verordnun- 
gen von oben, nodi durch die gut gemeinten und schwachen Bemühun- 
gen Einzelner wieder ins Dasein gerufen werden. 

Sind wir aber berechtigt, diesem Lebensalter jene Activität zu vin- 
dicieren, zumal da wir selbst eingestehen musten, dasz es an dieser Ac- 
tnritftt vielfach fehle? Rücken wir nicht auf verkehrte Weise eine Thä- 
ligkeit, ein Streben, das einer späteren Zeit zukommt, fälschlich in ein 
tu firOhes Lebensalter hinauf? 

Ich glaube nicht. Es sind die Jahre des jugendlichen Alters, welche 
wir im Auge haben, diejenigen, in denen wie in der Frühlingszeil das 
biB dahin verschlossene Leben auf lausend Wegen die Hülle zu sprengen 
und frei hervorzutreten strebt. Es hat einen Inhalt, den es der Welt zu 
enthüllen sucht ,^ es hat eine Form, in welche es diesen Inhalt kleidet. 
JKese Form ist einerseits die der Freiheit und Selbständigkeit, anderer- 
seits die der Schönheit, der Poesie. So bildet det Jüngling sich die Ideale 
seines Lebens; erst indem sie hinaustreten, gewinnen sie bestimmtere 
Formen, werden sie dem eigenen Auge klar; so lauge sie verschlossen 
bleiben, tragen sie das Nebelhafte, Unbestimmte, Formlose, Schwankende 
an sich, in welchem sie endlich ersticken und untergehen, wie die Knospe, 
welche es nicht zur Blüte bringen kann. So sucht er sich, nach Freiheit 
ringend, in geistiger wie in sittlicher Hinsicht zu emancipieren ; er will 
nicht mehr in verba magistri schwören , sondern eigene Ueberzeugung 
gewinnen; er will sein Leben auf feste sittliche Grundsätze erbauen; er 
will seine Lebensverhältnisse selbst gestalten, die Richtung und den 
Gang seines Lebens selbst bestimmen ; inneres und äuszeres Sein sollen 
bei ihm in Eins zusammenflieszen; er hat den Muth, sich so als der Freie 
einer ganzen Welt gegenüberzustellen , uud er hat die Hoffnung , dasz es 
auf der Welt einen Raum geben müsse, um diese Ideale zu verwirklichen. 
In diesem Alter ist daher geboren, was je in Kunst und Wissenschaft, 
wie in der Geschichte Groszes, Unsterbliches in der Welt erschienen ist. 
Hieraus ergibt sich, dasz dies Lebensalter zur Activität, zur Pro- 
dietivitäift bestimmt ist; hieraus ergibt sich aber auch, dasz die Schule 
fie Pflicht hat, diesem Streben entgegenzukommen und ihm behülfllch zu 
teil. Wir\ setzen hierbei nicht voraus, dasz eine Bildungsanstalt sich so 
weit vergessen könnte, absichtlich Lebenstriebe, welche sich regen, zu 

20* 



296 Noctes scholasticae. 

ersticken: wir wurden dies einem schändlichen Morde gleich achten: es 
ist schon Vergehen genug, sich bei diesen Lebensregungen auch nur pas- 
siv zu verhalten, anstatt dieselben zu fördern, zu leiten und vor falschen 
Wegen zu behüten. Der Erzieher steht hier dem Arzte gleich , hat wie 
dieser natürliche geistige Processe ins Auge zu fassen und zum Besten zu 
leiten. Wie oft vergreifen sich Männer in gereiftem Alter in ihren Arbei- 
ten, in den Gegenständen, auf welche sie ihren Fleisz richten, wie in 
der Art und Weise, in der sie diese Gegenstände angreifen! Wie viel 
w^rde man, wie ich etwa in meinem Alter, darum geben, wenn mir Jemand 
zur Seite gestanden und mir mit freundlichem Worte zugeflüstert hätte: 
hier ist die Stelle, wo du deinen Spaten einsetzen must! Wie viel mehr 
ist die Jugend Verirrungen ausgesetzt, wenn sie nicht von vom herein 
in die rechte Bahn gelenkt wird ! Die vielen verkommenden Talente wür- 
den, wenn man sie verhören könnte, gegen uns zeugen, die wir ihrem 
Streben nicht die wahre Sorge gewidmet, nicht die rechten Ziele gewie- 
sen haben. Denn der schöpferische Drang in den jungen Herzen ist zu- 
nächst ein sich seiner selbst noch nicht bewuster, sich selbst nicht klarer, 
sondern der allgemeine, zu jeder Bichtung gleich bereite; zu diesem Be- 
wustsein über sich hat ihm die Schule zu verhelfen , und zwar indem sie 
ihn in wirkliche Thätigkeit setzt und in den Arbeiten, welche er über- 
nimmt, Charakter und Bestimmtheit gewinnen läszt. 

Hierzu nun ist die schriftliche Arbeit, in welcher der Schüler seine 
Gedanken sich klar zu machen strebt, das naturgemäsze Mittel. Denken 
und Sprechen sind wesentlich eins; wir denken gerade nur so viel, als 
wir in Worten aussprechen, gerade so klar, so scharf, so entschieden, 
als unsere Worte Klarheit, Präcision und Nachdruck besitzen; wer also 
eigene, in sich zusammenhängende Gedanken haben und die Fähigkeit zu 
deren Productiou erwerben soll , musz diese Fähigkeit durch Darstellung 
in freien stilistischen Productioncn erwerben. Diese Production ist nicht 
blosz ein Mittel , um das im Innern Vorhandene auszusprechen , sondern 
zugleich das Mittel , um Innerliches zu erzeugen. Ein alter Pädagoge bat 
wol einmal gesagt: tantum scimus quantum memoria tenemus; mau könnte 
mit gleichem und gröszerem Bechte sagen : tantum scimus et cogitamus 
quantum stilo exprimere possumus! Dies ist der grosze Irrtum unserer 
Zeit, dasz man zwischen Gedanken und Darstellung des Gedachten einen 
Unterschied macht, als ob das Eine sein könne ohne das Andere, wäh- 
rend doch die Darstellung es ist, in welcher und durch welche die Ge- 
danken Gestalt und Zusammenhang erhalten. Es gibt allerdings Personen, 
welche dieses Mediums nicht zu bedürfen scheinen. Von Schleiermaeher 
haben wir oft gehört, dasz er seine Predigten innerlich gearbeitet habe, 
und zwar in kürzester Zeit , etwa während er den Weg zur Universitit 
gieng ; indeä ist erstens doch auch in einem solchen Falle die Production 
des Gedankens mit der Darstellung desselben zufammenfallend zu denken, 
und zweitens ist diese Fähigkeit, welche wir so sehr bewondem, eine 
solche, welche nicht an den Anfang, sondern an den Schlusz und die 
Vollendung der geistigen Bildung zu setzen ist. Wir setzen es daher als 
etwas Unzweifelhaftes , dasz die Gedankenbildung in der Jugend mit der 



l 



Noctes scholasticae. 297 

Fähigkeit der Darstellung identisch und das Masz der ersteren durch den 
Grad der letzteren bestimmt sei. Am Stile bildet sich das Denken ; wie 
Jemand schreibt oder spricht, so denkt er auch; an der Darstellung ist 
das Denken und die Denkfähigkeit zu erkennen. Hiermit sind wir zu der 
Ueberzeugüng gelangt, dasz in dem Lebensalter, in welchem der Geist 
daran arbeitet eigene Gedanken zu erzeugen, der Jüngling zu schrift- 
liche Gonception seiner Gedanken oder besser zu schriftlicher Production 
von Gedanken angeleitet und angehalten werdeir müsse. Denn auch das 
JeUtere kann sehr nötig werden , da der Mensch nicht immer das thut, 
was ihm natürlich und notwendig ist, sondern durch äuszere Notwen- 
digkeit zum Handeln gebracht werden mnsz. Den Einen hält die vis iner- 
tiae zurdck, den Zweiten eine der Jugend so natürliche Schüchternheit, 
welche alle Schonung verdient, bei einem Dritten liegt die Ursache, warum 
er nicht prodncieren kann, in verkehrter Wahl der Aufgabe. Aber eben 
dealialb, weil dieser Procesz ebenso wie der natürliche, z. B. beim Zah- 
nen, auf Störungen stöszt, ist es der Schule als eine ihrer Aufgaben ge- 
steUt, diesen Procesz durch Mittel der Methodik zu erleichtern und zu 
regeln. Und allerdings gibt es , wie keine höhere , so auch keine schwie- 
rigere Aufgabe, als die Anleitung . zum Stil, und hierin zeigt sich vor- 
nemlich die besondere Virtuosität des Lehrers. 

Denn der Stil ist, so notwendig er auch ist, doch nicht eine Sache, 
die sich von selbst einfindet, sondern erfordert eine künstliche technische 
Behandlung und Pflege. Es ist mit ihm wie mit anderen scheinbar ^ehr 
utarlichen Dingen, z. B. der Haltung des Körpers, dem Gange usw. 
Wie wenige Leute wissen denn ihren Körper in ruhiger Stellung zu hal- 
ten, wie wenige sind im Stande gut zu gehen; der Gang musz gelernt 
und geübt werden, und man unterscheidet sehr leicht den Naturalisten 
im Gehen von demjenigen, welcher das Gehen gelernt hat. Wie viel mehr 
bedarf der Stil einer solchen methodischen Behandlung und Zucht, wenn 
er einer gewissen allgemeinen Bildung entsprechen soll. Es gibt daher 
einen natürlichen Stil nicht; aller Stil ist künstlich; was wir Natürlich- 
keit des Ausdrucks nennen, ist ein Kunstproduct, welches bereits eine 
hohe Bildung voraussetzt, ist eigentlich die Rückkehr des Ausdrucks zur 
Natur. Man wird es uns natürlich erlassen , eine Vorstellung von dieser 
Methodik des Stils zu geben, obwol diese bei der 'Art und Weise, wie 
wir bei der Anleitung zum Stile meist rein empirisch und blind tappend 
so Werke gehen, vielleicht nicht unnötig gewesen wäre. Es ist uns ge- 
oog, wenn man sich davon überzeugt, dasz für die Jugend in den obcrn 
Klassen die Bildung des Stiles notwendig und eine Sache ist, welche 
grosse Schwierigkeiten darbietet und von dem Lehrer methodisch gehand- 
habt und fleiszig geübt sein will. 

FJeiszig geübt, sorgsamst gebildet — was wollen die wenigen 
UebuDgen, welche wir mit unsern Schülern vornehmen, besagen im Ver- 
gleich zu denen, welche die Alten, ein Cicero, ein Quiutilian entweder 
von ihren Schülern forderten oder sich selbst auferlegten, um die erwor- 
bene Fähigkeit nicht abstumpfen zu lassen! Wie hoch hat bei ihnen der 
Uilus als die notwendige Vorschule für die declamatio gestanden! Es ist 



298 Noctes scholasticae. 

wahr, die Bildung hatte bei Griechen und Römern mehr Einfachheit, als 
bei uns; das Wissen und Lernen trat bei ihnen gegen die Uebung der 
Kraft, gegen das Können unendlich zurück; unsere Vorfahren im Schul- 
aml, ein Trotzendorff, ein Sturm haben noch in ähnlicher Weise arbeiten 
können ; aber folgt daraus , dasz die schriftliche Gonception darum be- 
schränkt werden dürfe? Man kann durchschnittlich annehmen, dasz un- 
sere besten Schulmänner hierauf das gröste Gewicht gelegt, hierdurch 
ihren groszen Ruf erwoH)en haben , nicht durch geniale Interpretation, 
nicht durch geistvolle Vorträge, sondern durch den Eifer, mit dem sie 
auf die schriftliche Arbeit hielten, durch die Treue, mit der sie diese 
Arbeiten revidierten und besserten. Selbst die Schüler fühlten das wohl 
heraus. Ihre Achtung und ihre dankbare Erinnerung ward denen zu Teil, 
welche, wie der Professor Immermann am Kloster zu Magdeburg, 
dies als ihre wichtigste Aufgabe, als ihre eigentliche schulmännische Ehre 
betrachteten, wenn sie die Gorrectur etwa der deutschen Aufsätze mit 
der peinlichsten Genauigkeit und Sorgfalt vollzogen. Man ist heutzutage 
von dieser Ansicht abgekommen und verläszt sich mehr auf die Wirkung 
des mundlichen Unterrichts; wir unsrerseits glauben, dasz dieser, wie 
vortrefilich er auch sei, ohne die schriftliche Production den Schüler gei- 
stig erschlaffe und in Träumerei einwiege; wie wir freilich auch weit da- 
von entfernt sind , diese Production ohne einen reichen, sei es durch Un- 
terricht, sei es durch Leetüre erworbenen Gedankenstoff für etwas ver^ 
nünftiges halten zu wollen. 

Unsere neueren Sprachforscher, die namentlich, welche die Sprache 
nur in innigstem Zusammenhang mit der gesamten Gultur eines Volkes 
aufzufassen gewohnt sind, weisen mit Recht auf die Bedeutung der 
Schrift für diese Gultur hin. Es ist möglich, dasz ein Volk Volkslieder 
besitze ohne Schrift , und diese Lieder von Geschlecht zu Geschlecht über- 
liefere ; aber auch nur der kunstvolle Bau des Hexameter ist mir undenk- 
bar ohne die Vermittelung der Schrift , ohne die Anschauung der einzel- 
nen Laute in schriftlicher Fassung der Worte, womit wir nicht gesagt 
haben wollen, dasz ein Homer etwa diese Gesänge wirklich niederge- 
schrieben habe: wir meinen nur, dasz ihm bereits das Wort in seinen 
einzelnen Lauten durch das Medium der Schrift müsse vor Augen gestan- 
den haben. Sicher aber ist dies, dasz ein Pindarischer Ghorgesang, dasz 
die Kunst der Prosa ohne die Schrift nicht zu denken sei. Was von der 
Schrift gilt, gilt auch von der schriftlichen Gonception, um die es sich 
hier handelt. Wir haben schon oben wiederholt angedeutet, wie das 
Denken durch die Sprache sich vollziehe ; wir können das Gleiche von dem 
Schreiben sagen. Durch das Schreiben wird sich der Schreibende erst 
selber wahrhaft klar über das Gedachte, Gelesene, Gesel^ene, Gehörte, 
üher seine Empfindung, über sein Wollen und Streben. Die Nötigung zu 
schreiben treibt ihn notwendig aus dem träumerischen Halbdunkel her- 
aus , in welchem er sich so wohl und behaglich fühlte. Es versteht sich, 
dasz ihm das unbequem ist und dasz er sich dieser Arbeit entziehen 
möchte, wenn er nur könnte. Das Schreiben nötigt ihn, über den Zu- 
sammenhang der Gedanken zu reflectieren und die einzelnen Momente zu 



Noctes scholasticae. 299 

einem Ganzen zu verbinden. Das Schreiben, wie es ursprünglich aus 
dem Bedfirlhis entsprungen ist, Worte und Gedanken, welche durch die 
Seele geklungen haben , vor dem Verklingen zu schätzen , nötigt ihn so- 
wol bei der Reproduction als bei der seU)steigenen Production Wesent- 
liches von Unwesentlichem zu sondern und das Letztere, wie lieb es auch 
sei, auszuschlieszen. Das Schreiben richtet dadurch auch ethisch den 
Gedanken des Schülers auf die Zukunft und lehrt ihn den Segen der Ar- 
b^t sch&tzen. Im Schweisze deines Angesichts sollst du dein Brot essen, 
dies Wort gilt auch ihm , und wird ilmi , wie es bei der aus dem Para- 
diese vertriebenen Menschheit der Fall gewesen ist, zum Segen, zum 
höchsten Segen werden. Nehmen wir hierzu^ nun noch , dasz mit dem 
Schreiben auch der künstlerische Sinn , der mit dem schöpferischen Sinn 
stets zusammenfäUt, sich bildet, dasz das Streben auf Schönheit der Form, 
welche das natürliche Kleid wahrer Gedanken ist, auf Kunst des Aus- 
drucks und der Darstellung sich richtet, so wird die Wichtigkeit dieser 
Uebungoi sich für Jeden herausstellen. 

Dies Ziel aber ist nicht im Fluge zu erreichen, sondern es musz 
mancher mühevolle Schritt dazu gethan werden ; es gehört Zeit , es ge- 
hört viele Ausdauer, es gehört viel Resignation von Seiten des Schülers 
wie von Seiten des Lehrers dazu , um bei den vielen mislungenen Ver- 
suchen nicht den Muth sinken zu lassen, sondern auszuharren und immer 
aufo Neue den Versuch zu wagen. Auch sind die Wege zu dem Ziele nicht 
die gleichen ; je nach der Anlage des Schülers können deren verschiedene 
eingeschlagen werden. Bei dem einen ist eine lange Imitation, ein in ge- 
wissen strengen Formen, wie Seyffert in den scholae latinae darauf 
hingewiesen hat, arbeilen lassen das Rathsamste, bei andern ist ohne 
diese Imitation durch ein natürliches Sprachgefühl viel zu gewinnen ; der 
Ausdruck wächst hier dem Gedanken von selber an ; bei dem einen darf 
man früh die eigene Production befördern, bei dem andern musz diese 
zurückgehalten und die Arbeit auf Reproduction beschränkt werden. 
Kurz , bei der Frage nach dem Ob kann für keinen Lehrer ein Zweifel 
obwalten, bei dem Wie wird es gerathen sein, jeden Lehrer seine eige- 
nen Wege gehen zu lassen. Es kann der Schulbehördc gleichgültig sein, 
welchen Weg wir gehen , wenn sie uns nur am Ziele findet. Ich selbst, 
der ich über diese Gegenstände nicht weniger als irgend einer meiner 
Gollegen nachgedacht und namentlich , rath- und hülflos wie ich dastand, 
jeden Weg mit eigener Gefahr versucht habe , fühle mich noch jetzt nicht 
so sicher und fertig , dasz ich nicht gelegentlich einmal in Versuchung 
kommen sollte, es auf eine andere Weise anzugreifen. Eins aber ist not- 
wendig, wie man es auch angreife, die treueste, unermüdetste Arbeit 
des Lehrers. Denn jeder Fleisz des Schülers verschwindet, wenn er seine 
Arbeit ad acta gelegt glaubt; die Treue, die Sorgfalt, welche der Lehrer 
seinen Arbeiten widmet, trägt die Frucht, dasz der Schüler mit gleicher 
Treue und Sorgfalt arbeitet. 

Soll ich nun noch angeben , wie ich selber mir die Gorrecturlast er- 
leichtere? Ich will es thun, obgleich ich mich eigentlich schäme, es 
offen zu bekennen , dasz ich nichts Besseres wcisz. Freilich diese oder 



300 Noctes scholasticae. 

jene Vorschläge, welche auf äuszerliche Erleichterung zielen, haben mir, 
der ich auf innerliche Erleichterung bedacht gewesen bin , nie recht ge- 
nügen wollen. 

Erstens also denke ich stets bei den Heften, welche ich vor mir 
sehe , dasz des Menschen Beruf die Arbeit sei und dasz , wenn das Leben 
ein menschliches sein solle, diese so trockene, so ermüdende Arbeit not- 
wendig neben den edelsten Studien und den aus ihnen flieszenden Ge- 
nüssen hergehen müsse. Ja , ich geniesze die letzteren um so reiner, wenn 
ich mir bewust bin , sie durch jene erstere wirkHch verdient zu haben. 

Zweitens ist das, was mir diese Arbeit leicht macht, die Liebe, 
welche ich zu den Schülern hege, und das Interesse, welches ich an ihnen 
nehme. Ich rathe den Gollegen, welche über diese allerdings schwere 
Last klagen , sich mit der Liebe zu verbinden. ^ 

Drittens ist es gerathen , jede Correctur so bald wie möglich vor- 
zunehmen, meinetwegen auch abzumachen. Mit jedem Tage wird die 
Arbeit einem mehr zuwider; mit wahrem Widerwillen gehe ich an eine 
Correctur, die ich aufgeschoben habe. Wie viel leichter wird sie mir, 
wenn ich meine Abneigung — denn ich bin auch ein Mensch wie jeder 
andere und fühle auch , wie sauer diese Arbeit ist — mit dem Gedanken 
überwinde : nun bist du doch recht gespannt darauf, wie wol dieser oder 
jener gearbeitet haben wird; da sollst du dich doch gleich den Augen- 
blick hinsetzen und sehen was daraus geworden ist. So rede ich mir 
möglichenfalls ein Interesse an dem Gorrigieren ein , als ob es für mich 
keinen gröszeren Genusz gebe als so eine Gorrectur. 

Viertens endlich erinnere ich mich stets an das oben Gesagte: dasz 
es nemlich kein besseres Mittel gibt, sich selbst bei jenen Schülern in 
Respect zu setzen und sie zur Arbeit zu zwingen , als ihnen zu zeigen, 
was man selbst in dieser , gerade dieser Beziehung leiste und zu leisten 
vermöge. Vor der Kraft wie vor der Treue beugt sich doch Jedermann. 

(Fortsetzung folgt) »♦» 



28. 

Die antiken Quellen von Goethfe's elegischen Dichtungen. 



I. Einleitung. 

1) Zu Qoethe's Urteil über die deutsche Spraohd« 

Zu jeder Zeit musz das Verhältnis, in welches zur deutschen Sprache 
Goethe, der gröste Meister in ihrer Behandlung, sich gestellt, und die 
Ansicht, welche er über sie gewonnen hat, allgemein anziehend und be- 
deutsam erscheinen; daher dürfen die nachstehenden Zeilen, obgleich aus 
Veranlassung der Goethe -Ausstellung in Berlin 1861 niedergeschrieben, 



Die antiken Quellen von Goethe^s elegischen Dichtungen. 301 

hoffen, auch über jene Zeit hinaus besonders in unserm Vaterlande mit 
dauerndem Anteil gelesen zu werden. 

Die Hauptfrage läszt sich sogleich in ihrer ganzen Schärfe so hin- 
steUen : Ist es wirklich der Fall , dasz Goethe die deutsche Sprache den 
schlechtesten Stoff genannt hat? 

£s ist dies wenigstens die allgemein angenommene Erklärung des 
29n der Venetianischen Epigramme. Dasselbe lautet vollständig : 

Vieles hab' ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen, 
Oel gemalt, in Thon hab' ich auch manches gedruckt. 

Unbeständig jedoch, und nichts gelernt noch geleistet: 
Nur ein einzig Talent bracht' ich der Meisterschaft nah: 

Deutsch zu schreiben. Und so verderb' ich unglücklicher Dichter 
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst. 

Bald nach dem Erscheinen dieser Verse musz die oben angegebene 
Auslegung Platz gegriffen haben. Fr. Pfeifer erzähl 1 in seiner Arbeit' über 
Goethe und Klopstock , dasz der Verfasser der Messiadc , der Oden und 
der Clelehrtenrepuhlik dem Venetianischen Epigramme folgendes nirgends 
gedruckte Sinngedicht^), welches er der gemishandellen Sprache in den 
Mund legt, entgegengesetzt habe: 

Goethe, du dauerst dich, dasz du mich schreibst. 0! wenn du 

mich kenntest. 
Nicht Gram wäre dir das ; — Goethe , du dauerst mich auch. 

Der Anführung dieses Klopstockschen Sinngedichts setzt Löbell (Ent- 
wicklung der deutschen Poesie seit Klopstock's erstem Auftreten bis zu 
Goethe's Tode I, S. 257) die Worte hinzu : *Einen solchen Ausbruch des 
Unwillens würde man auch einem für die Muttersprache nicht so Begei- 
sterten wie Klopstock nicht verübeln können.' 

Man glaubte freilich auch, bei Goethe einer solchen Aeuszerung 
vüner die deutsche Sprache sich versehen zu dürfen. Sie kam dem Dich- 
ter, so wüste man, für die Versbildung ungefügiger vor, als er ge- 
wünscht hätte; man* wüste, wie unsicher er lange nach Grundsätzen für 
ein festes Masz der Sylben gesucht hatte ; man wüste , wie streng Vosz 
in der Beurteilung seines Versbaus gewesen war (s. Bd. XXVII S. 18), und 
es war natürlich, dasz diese für unüberwindlich gehaltenen Schwierig- 
keiten zum Teil doch von ihm auf Bechnung der Sprache selbst und ihrer 
Anlage gesetzt wurden; man wüste endlich, dasz er in die übertriebenen 
Lobpreisungen des Deutschen nicht hatte einstimmen wollen , und dasz 
er deutlich genug, ihnen gegenüber, erklärt hatte, eine Sprache habe 
an sk^ eben keine Vorzüge vor andern ; es sei nur das Geschick des in 
ihr Schreibenden oder Dichtenden, das sie ihr gebe (Bd. II S. 267): 

*) H. Düntzer weist, Voss. Zeit